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Karl Jürgen Skrodzki, Lohmar

Else Lasker-Schüler: Sulamith

Sulamith

O, ich lernte an Deinem süssen Munde

Zu viel der Seligkeiten kennen!

Schon fühl’ ich die Lippen Gabriels

Auf meinem Herzen brennen,

Und die Nachtwolke trinkt

Meinen tiefen Cederntraum.

O, wie Dein Leben mir winkt,

Und ich vergehe

Mit blühendem Herzeleid!

Und verwehe im Weltraum,

In Zeit,

In Ewigkeit,

Und meine Seele verglüht in den Abendfarben

Jerusalems.

* * *

Quelle: Else Lasker-Schüler: Werke und Briefe. Kritische Ausgabe. Im Auftrag des Franz Rosenzweig-Zentrums der Hebräischen Universität Jerusalem, der Bergischen Universität Wuppertal und des Deutschen Literaturarchivs Marbach am Neckar herausgegeben von Norbert Oellers, Heinz Rölleke und Itta Shedletzky. Bd. 1: Gedichte. Bearbeitet von Karl Jürgen Skrodzki unter Mitarbeit von Norbert Oellers. Frankfurt am Main 1996. Nr. 28. – Auch in: Else Lasker-Schüler: Sämtliche Gedichte. Herausgegeben von Karl Jürgen Skrodzki. Frankfurt am Main 2004 (unveränderte Nachdrucke 2006, 2011 und 2013). S. 32 und 177.

Else Lasker-Schüler veröffentlichte »Sulamith« zuerst im Juni 1901 in der Zeitschrift »Ost und West. Illustrierte Monatsschrift für modernes Judentum« (Jg. 1, H. 6. S. 457/8). 1902 nahm sie das Gedicht in die Sammlung »Styx«, 1913 in die »Hebräischen Balladen« auf. In ihrem Handexemplar der »Hebräischen Balladen« von 1920 trug die Dichterin über dem Titel »Sulamith« den Zusatz »Jerusalem« ein. 1937 veröffentlichte Else Lasker-Schüler »Sulamith« noch ein weiteres Mal: Das Gedicht bildet – ohne Titel – den Schluß der Prosaschrift »Das Hebräerland«, in der die Dichterin von ihrer ersten Reise nach Palästina im Jahre 1934 berichtet. Den Versen unmittelbar vorangestellt ist die Schilderung des Abschieds von den Freunden im Hafen von Haifa: »In meiner Träne verschwimmen am Ufer meine geliebten Freunde. Die Passagiere suchen ihre Kabinen auf; ich aber stehe noch auf Deck, winke den sich bewegenden lebendigen Punkten am Strande des Hafens und dem ferngerückten Heiligen Lande zu, seiner gebenedeiten Stadt Jerusalem.«

Sulamith ist der Name der Geliebten im »Hohenlied« des Alten Testaments. In den Versen 7,1–10 preist der Verfasser – nach der Überlieferung König Salomo – die Schönheit Sulamiths. Die Verse lauten (in den Worten der Einheitsübersetzung): »Wende dich, wende dich, Schulammit! Wende dich, wende dich, damit wir dich betrachten. Was wollt ihr an Schulammit sehen? Den Lager-Tanz! / Wie schön sind deine Schritte in den Sandalen, du Edelgeborene. Deiner Hüften Rund ist wie Geschmeide, gefertigt von Künstlerhand. / Dein Schoß ist ein rundes Becken, Würzwein mangle ihm nicht. Dein Leib ist ein Weizenhügel, mit Lilien umstellt. / Deine Brüste sind wie zwei Kitzlein, wie die Zwillinge einer Gazelle. / Dein Hals ist ein Turm aus Elfenbein. Deine Augen sind wie die Teiche zu Heschbon beim Tor von Bat-Rabbim. Deine Nase ist wie der Libanonturm, der gegen Damaskus schaut. / Dein Haupt gleicht oben dem Karmel; wie Purpur sind deine Haare; ein König liegt in den Ringeln gefangen. / Wie schön bist du und wie reizend, du Liebe voller Wonnen! / Wie eine Palme ist dein Wuchs; deine Brüste sind wie Trauben. / Ich sage: Ersteigen will ich die Palme; ich greife nach den Rispen. Trauben am Weinstock seien mir deine Brüste, Apfelduft sei der Duft deines Atems, / dein Mund köstlicher Wein, der glatt in mich eingeht, der Lippen und Zähne mir netzt.«

Den Namen Sulamith nennt Else Lasker-Schüler nur im Titel ihres Gedichts; die Angebetete, deren Schönheit das lyrische Ich preist, bleibt im Gedicht zunächst namenlos. Erst in den Schlußversen wird ein räumlicher Bezug erstellt, der dem Glanz, bei dessen Anblick das Ich zu ›verglühen‹ droht, einen Namen verleiht: »Und meine Seele verglüht in den Abendfarben / Jerusalems.« Das Bild der Geliebten bildet ein zentrales Motiv, mit dem Else Lasker-Schüler in »Das Hebräerland« die Stadt Jerusalem schildert. Über den Jerusalemer Schriftsteller Moshe Ya’acov Ben-Gavriêl heißt es, er sei »einer der Minnesänger der bräutlichen Jerusalemstadt«, über die Stadt selbst, sie sei »klein an Wuchs, Gottes auserwählte Braut im Lande Palästinas, und doch an Gestaltung so ungeheuer im Mantel ihrer Lilahimmel und steinernem Schluchtenkleide.« Jerusalem ist die Geliebte, die als »Braut des Herrn« immerwährend Hochzeit feiert: »Jerusalem feiert immer Hochzeit und schreitet zum Altar im Brautkleid.«

Der Eindruck, daß es sich bei »Sulamith« um ein schlichtes Liebesgedicht handelt, täuscht. Dieses wird deutlich, betrachtet man den Gehalt zweier zentraler Motive etwas näher und fragt, was es mit dem »Cederntraum« und den »Lippen Gabriels« eigentlich auf sich hat.

Aus dem Holz des Zedernbaumes, der im Libanon beheimatet war, sind die Paläste Davids und Salomos in Jerusalem erbaut worden (2. Samuel 5,11 und 1. Könige 6,16). Im »Hohenlied« (5,15) ist die Zeder Sinnbild für den schönen, hochgewachsenen Mann: »Seine Gestalt ist wie der Libanon, erlesen wie Zeder.« Im Psalm 92,13 wird der Gerechte mit der Zeder verglichen: »Der Gerechte gedeiht wie die Palme, er wächst wie die Zedern des Libanon.« Dieses Bild der Schönheit und des Friedens aber ist trügerisch. Im Buch Daniel deutet Gabriel, der jüdische Erzengel, der Fürbitter und Beschützer Israels, einen Traum des Propheten als endzeitlichen Hinweis auf die künftige Geschichte des Volkes Israel: Für die Ermordung des Messias, für die Tötung Jesu Christi, werde Gott es mit Verwüstung bestrafen. Daniel 9,25 f. heißt es: »Nun begreif und versteh: Von der Verkündigung des Wortes über die Rückführung des Volkes und den Wiederaufbau Jerusalems bis zur Ankunft eines Gesalbten, eines Fürsten, sind es sieben Wochen; und zweiundsechzig Wochen lang baut man die Stadt wieder auf mit ihren Plätzen und Gräben, obwohl es eine bedrängte Zeit sein wird. / Nach den zweiundsechzig Wochen wird ein Gesalbter umgebracht, aber ohne Richterspruch. Das Volk eines Fürsten, der kommen wird, bringt Verderben über die Stadt und das Heiligtum. Er findet sein Ende in der Flut; bis zum Ende werden Krieg und Verwüstung herrschen, wie es längst beschlossen ist.«

Das ›hochzeitliche‹ Bild, das Else Lasker-Schüler in »Sulamith« entwirft, ist bedroht. Im Kontrast stehen die Greueltaten, die von den »Lippen Gabriels«, die im Gedicht selbst stumm bleiben, verkündet werden. 1901 hat Else Lasker-Schüler »Sulamith« zum erstenmal veröffentlicht: Wohl die Erinnerung an die Geschicke des Volkes Israel in biblischer Zeit, an seine Vertreibung und Verfolgung, dürfte die Dichterin bewogen haben, die Idylle des »Hohenliedes« mit der Stimme des Erzengels zu kontrastieren. 1937, im Jahr der spätesten Veröffentlichung des Gedichtes, waren die Worte Gabriels (beinahe) politische Realität.

Karl Jürgen Skrodzki, November 1999.