Karl Jürgen Skrodzki

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Karl Jürgen Skrodzki, Lohmar

Else Lasker-Schüler: Mein Volk

Mein Volk

Der Fels wird morsch,

Dem ich entspringe

Und meine Gotteslieder singe …

Jäh stürz ich vom Weg

Und riesele ganz in mir

Fernab, allein über Klagegestein

Dem Meer zu.

Hab mich so abgeströmt

Von meines Blutes

Mostvergorenheit.

Und immer, immer noch der Widerhall

In mir,

Wenn schauerlich gen Ost

Das morsche Felsgebein

Mein Volk

Zu Gott schreit.

* * *

Quelle: Else Lasker-Schüler: Werke und Briefe. Kritische Ausgabe. Im Auftrag des Franz Rosenzweig-Zentrums der Hebräischen Universität Jerusalem, der Bergischen Universität Wuppertal und des Deutschen Literaturarchivs Marbach am Neckar herausgegeben von Norbert Oellers, Heinz Rölleke und Itta Shedletzky. Bd. 1: Gedichte. Bearbeitet von Karl Jürgen Skrodzki unter Mitarbeit von Norbert Oellers. Frankfurt am Main 1996. Nr. 209. – Auch in: Else Lasker-Schüler: Sämtliche Gedichte. Herausgegeben von Karl Jürgen Skrodzki. Frankfurt am Main 2004 (unveränderte Nachdrucke 2006, 2011 und 2013). S. 93, 143 und 167.

Ende 1912 erschien mit der Jahreszahl 1913 im Berliner Verlag A. R. Meyer ein schmales Bändchen mit fünfzehn Gedichten von Else Lasker-Schüler, betitelt »Hebräische Balladen«. »Mein Volk« bildet das erste Gedicht des Buches. Daran schließen sich an: »Abraham und Isaak«, »Jakob«, »Esther«, »Pharao und Joseph«, »An Gott«, »Ruth«, »David und Jonathan«, »Eva«, »Zebaoth«, »Jakob und Esau«, »Abel«, »Sulamith«, »Boas« und »Versöhnung«. Die »Hebräischen Balladen« waren offensichtlich schnell vergriffen: Anfang 1914 brachte der Verlag eine zweite Auflage heraus, vermehrt um die beiden Gedichte »Moses und Josua« und »Im Anfang«. Die Titel der Gedichte verweisen auf Motive und Themen des Alten Testaments, auf die urspünglich in hebräischer Sprache überlieferten Bücher der Bibel, die vom Judentum als einzige zum Kanon der biblischen Bücher gerechnet werden.

Lediglich zwei der fünfzehn Gedichte sind in den »Hebräischen Balladen« erstmalig veröffentlicht worden: »Abraham und Isaak« und »Jakob«. Die übrigen Gedichte hatte die Dichterin zuvor zwischen 1901 und 1912 verstreut publiziert: »Mein Volk« war zuerst 1905 in »Der siebente Tag«, der zweiten Gedichtsammlung Else Lasker-Schülers, erschienen. »Moses und Josua«, das erste der beiden Gedichte, die in die zweite Ausgabe der »Hebräischen Balladen« neu aufgenommen wurden, hatte Else Lasker-Schüler 1913 in einer Zeitschrift veröffentlicht, »Im Anfang« ist dem Buch »Styx« von 1902 entnommen. Die einzelnen Gedichte der »Hebräischen Balladen« sind selbständig, sie wurden nicht von vornherein als Teile eines größeren Ganzen, eines Gedichtzyklus, geschrieben. Die Entstehungsgeschichte der »Hebräischen Balladen« ist charakteristisch für die Schaffensweise Else Lasker-Schülers: Sie schrieb zunächst einzelne Gedichte, die sie meist in Zeitschriften und Zeitungen veröffentlichte, und erst später ordnete die Dichterin ihre Texte zu Zyklen, die dann die Grundlage für Buchausgaben bildeten.

Weniger ihr biblischer Inhalt als vielmehr die Weltsicht des lyrischen Subjekts weist die Gedichte als ›hebräische‹ aus. Im März 1904 (von Else Lasker-Schüler war zu diesem Zeitpunkt erst ein Buch erschienen, die Gedichtsammlung »Styx«) charakterisiert Peter Hille die Dichterin in einem Beitrag für die Zeitschrift »Kampf« (Der neuen Folge No. 8. S. 238 f.) wie folgt: »Else Lasker-Schüler (Walden) ist die jüdische Dichterin. Von großem Wurf.« Weiter heißt es: »Der schwarze Schwan Israels, eine Sappho, der die Welt entzwei gegangen ist. Strahlt kindlich, ist urfinster. In ihres Haares Nacht wandert Winterschnee. Ihre Wangen feine Früchte, verbrannt vom Geiste.« Alice Jacob-Loewenson, eine namhafte Musikkritikerin, veröffentlichte am 22. September 1922 in der »Jüdischen Rundschau« (Jg. 27, Nr. 75. S. 509) einige Übersetzungen von Gedichten Else Lasker-Schülers ins Hebräische. In ihrer Vorbemerkung schreibt sie: »Diese Dichtungen eignen sich besonders deshalb für eine solche Uebertragung, weil ihre sprachlichen Mittel merkwürdig hebräisch anmuten; fast scheint es Zufall, daß nicht das Hebräische ihre Ursprungssprache ist. Ja, man könnte fast von einem hebräischen Deutsch sprechen.« Ein Beitrag, den Kurt Pinthus am 6. Februar 1936 in der »C. V.-Zeitung« (Jg. 15, Nr. 6, 4. Beiblatt) über Else Lasker-Schüler schrieb, trägt den Titel: »Die innigste Hebräerin«.

Das zentrale Motiv des Gedichts »Mein Volk« ist der »Fels«, dem die Dichterin ihre »Gotteslieder« singt und der sinnbildlich für das Volk Israel steht. Im Alten Testament ist der »Fels« der Berg Sinai, auf dem Mose von Gott die Gesetze des Volkes Israel empfangen hat (2. Mose [Exodus] 19,1–6). Mit dem Bild des Felsens als »Klagegestein« dürfte Else Lasker-Schüler auf den Bericht im 2. Buch Mose (Exodus 17,1–6) anspielen. Dort wird geschildert, wie Mose die Israeliten vor dem Verdursten bewahrte, indem er mit Gottes Hilfe Wasser aus einem Felsen schlug. Wörtlich heißt es: »Mose schrie zum Herrn: Was soll ich mit diesem Volk anfangen?« Als »Klagemauer« wird vornehmlich von Nicht-Juden der erhaltene Teil der Westmauer (»Western Wall«) des von Herodes in Jerusalem erbauten und 70 n. Chr. zerstörten Zweiten Tempels bezeichnet. Nach dem Verlust des Tempels wurde die Westmauer zur wichtigsten Gebetsstätte der Juden. Die Bezeichnung »Klagemauer« geht auf die Zeit der byzantinischen Herrschaft zurück: Die Juden erweckten den Eindruck, daß sie in ihren laut vorgetragenen Gebeten allein die Zerstörung des Tempels beklagen würden. Die Hinwendung »gen Ost« spielt auf den Auszug des Volkes Israel aus Ägypten und die Wanderung in das ihm verheißene Land Kanaan an. Als Topos zielt die »gen Ost« gerichtete Klage ganz allgemein auf das Leben der Juden in der (europäischen) Diaspora und die Ferne des heiligen Landes Palästina. Das (an Gott gerichtete) ›Schreien‹ schließlich, von dem im Schlußvers die Rede ist, steht im Alten Testament für ein aus der Tiefe kommendes Beten. Psalm 88 beginnt mit den Worten: »Herr, du Gott meines Heils, zu dir schreie ich am Tag und bei Nacht.«

»Mein Volk« ist ein Gedicht über das Alter des Volkes Israel. Das Volk Israel ist biblischen Ursprungs, sein Alter läßt es »morsch« werden. Sein biblischer Ursprung und seine Verbundenheit mit Gott aber geben ihm zugleich die Kraft zur Erneuerung. In »Das Hebräerland« schreibt Else Lasker-Schüler 1937: »Neu wird gekleidet vom Judenvolke von Jahrhundert zu Jahrhundert Palästina, das liebliche Land: im neuen Einband Gott gereicht.«

Karl Jürgen Skrodzki, März 2000.