Karl Jürgen Skrodzki

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Karl Jürgen Skrodzki, Lohmar

Else Lasker-Schüler: An meine Freunde

An meine Freunde

An meine treuen Freunde, die ich verlassen musste,

und die mit mir geflüchtet in die Welt.

Nicht die tote Ruhe –

Bin nach einer stillen Nacht schon ausgeruht.

O ich atme Geschlafenes aus,

Den Mond noch wiegend

Zwischen meinen Lippen.

Nicht den Todesschlaf,

Schon im Gespräch mit euch – himmlisch Konzert –

Ruhe ich aus ....

Und neu’ Leben anstimmt

In meinem Herzen.

Nicht die tote Ruhe,

So ich liebe im Odem sein;

Auf Erden mit euch im Himmel schon

Allfarbig malen auf blauem Grund –

Das ewige Leben.

Der Ueberlebenden schwarzer Schritt

Zertritt den Schlummer, zersplittert den Morgen.

Hinter Wolken verschleierte Sterne

Ueber Mittag versteckt ....

So immer neu uns finden.

In meinem Elternhause nun

Wohnt der Engel Gabriel.

O ich möchte mit euch dort

Selige Ruhe in einem Fest feiern:

Sich die Liebe mischt mit unserm Wort.

Aus mannigfaltigem Abschied

Steigen aneinander geschmiegt die goldenen Staubfäden,

Und nicht ein Tag ungesüsst bleibt

Zwischen wehmütigem Kuss – –

Und Wiedersehn.

* * *

Quelle: Else Lasker-Schüler: Werke und Briefe. Kritische Ausgabe. Im Auftrag des Franz Rosenzweig-Zentrums der Hebräischen Universität Jerusalem, der Bergischen Universität Wuppertal und des Deutschen Literaturarchivs Marbach am Neckar herausgegeben von Norbert Oellers, Heinz Rölleke und Itta Shedletzky. Bd. 1: Gedichte. Bearbeitet von Karl Jürgen Skrodzki unter Mitarbeit von Norbert Oellers. Frankfurt am Main 1996. Nr. 372. – Auch in: Else Lasker-Schüler: Sämtliche Gedichte. Herausgegeben von Karl Jürgen Skrodzki. Frankfurt am Main 2004 (unveränderte Nachdrucke 2006, 2011 und 2013). S. 183 f. und 424 f.

»An meine Freunde« ist das letzte einer Folge von vier Gedichten, die Else Lasker-Schüler in der in Haifa erscheinenden Wochenschrift »Orient« veröffentlicht hat; es erschien am 24. Januar 1943 (Jg. 4, Nr. 4/5. S. 22). Zuvor hatte der »Orient« im Jg. 3 von 1942 die Gedichte »Ihm – eine Hymne« (Nr. 32/33. S. 18), »Ueber glitzernden Kies« (Nr. 34/35. S. 20) und »Mein Liebeslied« (Nr. 36. S. 8) abgedruckt. – Der »Orient« war von Wolfgang Yourgrau, einem Berliner Journalisten, der dem linken Flügel der SPD angehört hatte, 1942 gegründet worden. Als Mitarbeiter und nominellen Herausgeber hatte Yourgrau den renommierten Schriftsteller Arnold Zweig gewonnen, der damals in Haifa lebte. Das erste Heft erschien am 10. April 1942 als Nr. 2 des 3. Jahrgangs: Yourgrau hatte von der britischen Mandatsregierung die Lizenz einer längst eingegangenen Zeitschrift »Orient« erworben und setzte deren Zählung fort. In dem einen Jahr des Bestehens seiner Zeitschrift brachte Yourgrau insgesamt 38 Hefte heraus, die Auflage gab er später mit 800 bis 3000 Exemplaren an. Die Bedingungen, in Palästina eine deutschsprachige Zeitschrift herauszugeben, die sich zudem politisch dem linken Spektrum verpflichtet fühlte, waren nicht gerade günstig. Zu stark war das Interesse, auf dem Boden Palästinas einen rein ›hebräischen‹ Staat zu errichten. Drucker und Händler, die den »Orient« vertrieben, wurden schon bald nach dem Erscheinen des ersten Heftes von Mitgliedern zionistischer Organisationen bedroht. Nachdem am 2. Februar 1943 die vierte Druckerei, die Yourgrau für sein Unternehmen gewinnen konnte, durch einen Bombenanschlag zerstört worden war, brachte er noch eine Nummer des »Orients« heraus: Mit der Ausgabe vom 7. April 1943 stellte die Zeitschrift ihr Erscheinen ein.

Das Schicksal des »Orients« ist kein Einzelfall. Seit 1936 erschien in Jerusalem eine deutsche Tageszeitung mit dem Titel »Tamzit Itonejnu«, die von Siegfried Hamburger herausgegeben und von James Yaakov Rosenthal redigiert wurde. Sie wurde als hektographiertes Informationsblatt für deutschsprachige Einwanderer vertrieben und ging 1942 in der Tel Aviver Wochenzeitung »Press-Echo« auf. Die letzte Ausgabe erschien am 31. August 1943; im redaktionellen Schlußwort heißt es: Der Terror, den radikale jüdische Siedler gegen das deutschsprachige Pressewesen in Palästina ausüben, mache eine weitere Herausgabe der Zeitung unmöglich. – Nur wenige deutschsprachige Zeitungen hatten in Palästina Bestand. Zu nennen sind vor allem »Blumenthal’s Neuste Nachrichten«, seit 1937 täglich in Tel Aviv erscheinend, und das gleichfalls 1937 gegründete »Mitteilungsblatt«, die Wochenschrift der Organisation deutscher, später europäischer Einwanderer nach Palästina.

»An meine Freunde« ist kein Exilgedicht. Es entstand bereits Anfang der zwanziger Jahre und bildete ursprünglich den Schluß der Erzählung »Das heilige Abendmahl«, die zu Weihnachten 1921 im »Berliner Börsen-Courier« (Jg. 54, Nr. 603) erschien. Allein der Titel und die Widmung des Gedichts stammen aus den vierziger Jahren. In »Mein blaues Klavier« nahm Else Lasker-Schüler 1943 »An meine Freunde« als einleitendes Gedicht auf, die Widmung ist nun – mit geändertem Wortlaut – der Gedichtsammlung vorangestellt: »Meinen unvergesslichen Freunden und Freundinnen in den Städten Deutschlands – und denen, die wie ich vertrieben und nun zerstreut in der Welt, / In Treue!« Für den Einband von »Mein blaues Klavier« schuf die Dichterin eine Zeichnung mit dem Titel »Abschied von den Freunden«.

Freundschaft war für Else Lasker-Schüler – wohl auch aufgrund der Erfahrung zweier gescheiterter Ehen – der Inbegriff eines erfüllten Lebens. In ihrem Essay »Freundschaft und Liebe«, der am 14. September 1929 im »Berliner Tageblatt« (Jg. 58, Nr. 435) erschien, schreibt die Dichterin: »Die Liebe ist ein Zustand, in den man durch himmlische Geschehnisse versetzt wird. Ein Zustand vor oder nach dem Tode: Beglückende ins Herz sich senkende Atmosphäre. Ein Engel, zweier sich verschmolzener Blicke. Die Freundschaft aber ist: Von dieser Welt. Wir sind ihr gewachsen; in unserer Macht liegt es, sie aufblühen oder verwelken, sie glühen oder erkalten zu lassen. Ihre Lebensdauer richtet sich nach dem Zeiger des gegenseitigen Vertrauens.« Wie wenig das Vertrauen in die eigene »Macht«, von der die Dichterin 1929 spricht, letztlich Bestand hat, dürfte sie 1933 mit dem Gang ins Exil erkannt haben, der für Else Lasker-Schüler vor allem ein »Abschied von den Freunden« war und der die »Macht« schlagartig in Ohnmacht verwandelte. Im Nachlaß Else Lasker-Schülers ist ein kurzer, noch unveröffentlichter Text erhalten, den die Dichterin in Jerusalem vermutlich Anfang der vierziger Jahre niedergeschrieben hat; mit Wehmut erinnert sie sich an die Jahre in Berlin zurück: »Meinen verlassenen Gespielinnen und treuen Freunde: Elfrieda und Hedwig euch beiden Nachtigallen Mariaquita und Wally und Elisabeth und Kete und Enja und Margarete ich gedenke Eurer in Sehnsucht. Ich weiss Ihr habt mich liebend nicht vergessen: Ari und Wachholderkarl und Sigismund und Stenz und Faitelowitz und Ihr beiden Cameruner und Job und Roland und Luigi, ich grüsse Euch meine Indianerfreunde und Freude aus dem Bibellande, das Gott erbaute aus Seinem Rückgrat, Jerusalem aus einem Seiner Heiligen Knochen«.

Karl Jürgen Skrodzki, Juni 2000.