Karl Jürgen Skrodzki

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Karl Jürgen Skrodzki, Lohmar

Else Lasker-Schüler: Chronica

Chronica

(Meinen Schwestern zu eigen.)

Mutter und Vater sind im Himmel

Und sprühen ihre Kraft

An singenden Fernen vorbei,

An spielenden Sternen vorbei

Auf mich nieder.

Himmel bebender Leidenschaft

Prangen auf,

O, meine ganze Sehnsucht reisst sich auf

Durch goldenes Sonnenblut zu gleiten!

Fühle Mutter und Vater wiederkeimen

Auf meinen ahnungsbangen Mutterweiten.

Drei Seelen breiten

Aus stillen Morgenträumen

Zum Gottland ihre Wehmut aus.

Denn drei sind wir Schwestern,

Und die vor mir träumten schon in Sphinxgestalten

Zu Pharaozeiten.

Mich formte noch im tiefsten Weltenschooss

Die schwerste Künstlerhand.

Und wisset, wer meine Brüder sind!

Sie waren die drei Könige, die gen Osten zogen

Dem weissen Sterne nach durch brennenden Wüstenwind.

Aber acht Schicksale wucherten aus unserem Blut

Und lauern hinter unseren Himmeln:

Vier plagen uns im Abendrot,

Vier verdunkeln uns die Morgenglut,

Sie brachten über uns Hungersnot

Und Herzensnot und Tod!

Und es steht:

Ueber unserem letzten Grab ihr Fortleben noch,

Den Fluch über alle Welten zu weben,

Sich ihres Bösen zu freuen.

Aber die Winde werden einst ihren Staub scheuen.

Satanas miserere eorum!!

* * *

Quelle: Else Lasker-Schüler: Werke und Briefe. Kritische Ausgabe. Im Auftrag des Franz Rosenzweig-Zentrums der Hebräischen Universität Jerusalem, der Bergischen Universität Wuppertal und des Deutschen Literaturarchivs Marbach am Neckar herausgegeben von Norbert Oellers, Heinz Rölleke und Itta Shedletzky. Bd. 1: Gedichte. Bearbeitet von Karl Jürgen Skrodzki unter Mitarbeit von Norbert Oellers. Frankfurt am Main 1996. Nr. 35. – Auch in: Else Lasker-Schüler: Sämtliche Gedichte. Herausgegeben von Karl Jürgen Skrodzki. Frankfurt am Main 2004 (unveränderte Nachdrucke 2006, 2011 und 2013). S. 9 f. und 304.

»Chronica« bildet das einleitende Gedicht von »Styx«, der ersten Buchveröffentlichung Else Lasker-Schülers, die 96 Gedichte enthält. Das Buch erschien Ende 1901 mit der Jahreszahl 1902 bei Axel Juncker in Berlin, dem Verleger Rainer Maria Rilkes. Unmittelbar nach dem Erscheinen veröffentlichte die Zeitschrift »Ost und West. Illustrierte Monatsschrift für modernes Judentum« (Jg. 1, Heft 12 vom Dezember 1901. Spalte 931 f.) eine ausführliche Besprechung des Buches. Ihr Verfasser war Samuel Lublinski (1868–1910), ein heute weitgehend vergessener Schriftsteller, der in den fünfzehn Jahren seiner Arbeit vor allem ein umfangreiches literaturkritisches Werk geschaffen hat. Lublinskis Besprechung markiert den Beginn der kritischen Auseinandersetzung mit der Dichtung Else Lasker-Schülers. Er betont vor allem die spezifisch jüdischen Elemente, die das Werk der Dichterin auszeichnen. Lublinski schreibt: Else Lasker-Schüler »bewährt sich als späte und nicht unwürdige Enkelin jener uralten Sänger, die einst die Psalmen oder das Buch Hiob gedichtet haben. Namentlich die Eigenart ihres Naturempfindens offenbart eine altjüdisch-orientalische Prägung, deren Kraft und Glut durch die denkbar feinste moderne Seelendifferenzierung keineswegs geschwächt, wohl aber verinnerlicht wird. Im Gegensatz zum Hellenentum bevorzugte die altjüdische Naturschilderung der Bibel nicht klare und runde und episch abgegrenzte Bilder und Gleichnisse, sondern suchte im Gegenteil die verschwebende und unendliche kosmische Natur auf: das Morgen- und Abendrot, die Winde und die Wüste, unendliche wogende Wolken, Stürme und Donner oder auch flüsternden Zephyr. Genau so sieht und empfindet Else Lasker-Schüler. In dem wilden Gedicht ›Mein Sturmlied‹ ist sie ein brennendes All, die verdorrende Hochsommererde, und will Ströme in sich einsaugen, und der Geliebte soll kommen wie ein Sturmlied, wie ein Gewitter, und soll aus grollenden Wolkenmassen die tränkenden Ströme auf sie niederschütten. Es ist, als ob Wüste und Gewitter sich mit einander vermählten, wie einst am Sinai, und zugleich ist es doch ein intim persönliches modernes Liebeslied. Noch viel bedeutendere Gedichte dieser Art sind ›Orgie‹, ›Mein Drama‹, ›Elegie‹ und ›Vergeltung‹; vor allem ›Chronika‹, diese eigenartige Familiengeschichte in einem felsenstarren al fresco-Stil. Ueberall diese intime und merkwürdig tiefe moderne Seele in Verbindung mit einer unendlichen kosmischen Natur. Manchmal überflutet das Kosmische alle Dämme, alle Konturen werden verwischt und die Bilder und Gleichnisse erhalten etwas Dunkelwogendes und Rätselhaftes. Aber man wird fortgerissen von dem wilden Gefühlsstrom, von dieser modern differenzierten alttestamentarischen Urkraft. Man hat manchmal geradezu das Empfinden, als ob in dieser tiefen und leidenschaftlichen Seele von neuem und in ganz persönlicher Art jener Kampf ausgefochten wird, der am Eingang der altjüdischen Geschichte steht: der Kampf zwischen Baal und Jehovah. Der Kampf zwischen wilden Naturinstinkten, die sich selbst vergöttern, und dem Sittengesetz.«

Mit dem Titel »Chronica« spielt Else Lasker-Schüler auf die beiden Chronikbücher des Alten Testaments an: Diese enthalten eine bis auf die Erschaffung des Menschen zurückgreifende genealogische Darstellung der Geschichte des Volkes Israel. Im Mittelpunkt stehen das Wirken König Davids, der die kanaanäische Festung Jerusalem eroberte und sie zur königseigenen Stadt, zur »Stadt Davids«, erhob, und die Erbauung des Ersten Tempels in Jerusalem durch Salomo. Am Schluß des Gedichts steht die (lateinische) Aufforderung: »Satanas miserere eorum!!« (»Satan, erbarme dich ihrer!!«) Diese dürfte an den Psalm 51, den Psalm der »Bitte um Vergebung und Neuschaffung«, anknüpfen. In der lateinischen Bibel beginnt der Psalm mit den Worten: »Miserere mei, Deus, secundum misericordiam tuam« (»Sei mir gnädig, o Gott, in deiner Güte«).

In freier poetischer Assoziation verknüpft Else Lasker-Schüler Motive des Alten und des Neuen Testaments mit der ›Genealogie‹ ihrer Familie: Die »acht Schicksale« – biographisch auf die Eltern Else Lasker-Schülers und deren sechs Kinder zu beziehen – erinnern an die zehn »Plagen«, die Ägypten vor dem Auszug des Volkes Israel bedrohten (2. Mose [Exodus] 7–12); die »drei Könige, die gen Osten zogen«, an die »Weisen aus dem Morgenland«, die von Herodes nach Bethlehem gesandt wurden (Matthäus 2,1–12). Der »Stern«, der den »Weisen« im Bericht des Neuen Testaments den Weg wies, wird bei Else Lasker-Schüler zu einem »brennenden Wüstenwind«: Bei der Wanderung der Israeliten von Ägypten in das ihnen verheißene Land Kanaan zog Gott »vor ihnen her, bei Tag in einer Wolkensäule, um ihnen den Weg zu zeigen, bei Nacht in einer Feuersäule, um ihnen zu leuchten« (2. Mose [Exodus] 13,21). Pharao (»Pharaozeiten«) ist die im Alten Testament gebräuchliche, die hebräische Form des altägyptischen Königstitels. Von »Sphinxgestalten« ist weder im Alten noch im Neuen Testament die Rede. Der Sphinx (männlich) ist in der ägyptischen Mythologie eine Mischgestalt aus Löwenkörper und Menschenhaupt, durch die das besondere Wesen der ägyptischen Könige ausgedrückt werden sollte, das höchste physische Kraft und Denkvermögen verband. Bei der Übertragung in die griechische Mythologie wird die Sphinx (weiblich) zu einem den Menschen bedrohenden Dämon: Wer ihr Rätsel nicht zu lösen vermag, wird von der Sphinx verschlungen.

Für »Chronica« eine bündige Formel zu finden, die den Gehalt oder die Aussage des Gedichtes beschreibt, dürfte kaum gelingen. Es ist vielmehr das poetische Spiel mit den Kräften der Weltordnung, das die Gedichte Else Lasker-Schülers zu Anfang des Jahrhunderts charakterisiert. Im Gedicht »Im Anfang«, dem letzten Gedicht des Buches »Styx«, heißt es: »In den Himmel sperrte ich Satan ein / Und Gott in die rauchende Hölle ein.« Und am Schluß schreibt die Dichterin: »Würde 10.000 Erdglück geben, / Noch einmal so gottgeboren zu leben, / Ja! Ja! / Als ich noch Gottes Schlingel war!«

Karl Jürgen Skrodzki, August 2000.