Karl Jürgen Skrodzki

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Karl Jürgen Skrodzki, Lohmar

Else Lasker-Schüler: Abigail

Abigail

Im Kleid des Hirten schritt sie aus des Melechs Haus

Zu ihren jungen Dromedarenherden,

Im edlen Wettlauf mit den wilden Pferden

Und trieb die Silberziegen vor die Stadt hinaus,

Bis sich die Abendamethysten reihten um die Erden.

Um seine einzige Tochter bangte König Saul.

Sie setzte das verirrte Tier nicht aus

Der Wüste hungernder Schakale

Und trug am Arme blutiger Bisse Male,

Entriß das Böcklein noch der Löwin Maul.

– Der blinde Seher sah es jedesmal voraus. –

Die Gräser zitterten im Judatale.

Im Schoß des Vaters schlief die kleine Abigail

Wenn über Juda lauschte Israels Gebieter

Hinüber zu dem feindlichen Hettiter.

Der Skarabäus seiner Krone wurde faul.

Treu aber hütete der Mond des Melechs Güter

Und seine Krieger übten sich im Pfeil.

Bis Isaak blies den goldenen Abraham aus

»Den Mond« – erzählte ernst der Melech seinem Kinde.

Der bleibt in seinem ewigen Scheine ohne Sünde.

Auch Isaak glitzerte ganz hell und weiß.

Man konnte ihn noch funkeln seh’n im Winde.

Einst trug sein Vater ihm ein Osterlämmlein hin auf seines Herrn Geheiß.

Als auf den Feldern blühte jung das Reis,

Schloß Saul die mächtigen Judenaugen beide,

Und seiner Abigail begegnete ein Engel auf der Weide,

Der kündete: »Jehova blies die Seele deines Vaters aus« …

– Die arme Hirtin weinte zwischen ihren Herden leise.

Die scharten sich um sie in ihrem Herzeleide.

* * *

Quelle: Else Lasker-Schüler: Werke und Briefe. Kritische Ausgabe. Im Auftrag des Franz Rosenzweig-Zentrums der Hebräischen Universität Jerusalem, der Bergischen Universität Wuppertal und des Deutschen Literaturarchivs Marbach am Neckar herausgegeben von Norbert Oellers, Heinz Rölleke und Itta Shedletzky. Bd. 1: Gedichte. Bearbeitet von Karl Jürgen Skrodzki unter Mitarbeit von Norbert Oellers. Frankfurt am Main 1996. Nr. 300. – Auch in: Else Lasker-Schüler: Sämtliche Gedichte. Herausgegeben von Karl Jürgen Skrodzki. Frankfurt am Main 2004 (unveränderte Nachdrucke 2006, 2011 und 2013). S. 355 f. und 390 f.

Else Lasker-Schüler veröffentlichte »Abigail« zuerst am 19. Oktober 1923 im »Berliner Tageblatt«. Fünf Monate später, am 20. März 1924, druckte Max Rychner das Gedicht zusammen mit »Gott hör’ …«, »Abschied« und »Joseph wird verkauft« in der renommierten Zürcher Zeitschrift »Wissen und Leben« (»Neue Schweizer Rundschau«) ab. Für diesen Druck hat Else Lasker-Schüler eigens Reinschriften der vier Gedichte angefertigt, die im Nachlaß Max Rychners erhalten sind. 1932 nahm die Dichterin »Abigail« – überarbeitet – in ihr Buch »Konzert« auf.

Abigail gehört zu den ›kleineren‹ Frauengestalten des Alten Testaments. Von ihr berichtet das 1. Buch Samuel, Kapitel 25: Sie war die kluge Frau des Viehzüchters Nabal, der David die Gastfreundschaft verweigerte, obwohl dieser mit seinen Männer Nabals Hirten beschützt hatte; als Abigail davon erfuhr, brachte sie Wein, Brot und Fleisch und bewegte David, Nabal nicht zu bestrafen. Die jüdische Tradition rühmt die Klugheit Abigails und zählt sie zu den schönsten Frauen der Welt. – Nicht viel mehr als das Motiv des Hirtenlebens verbindet Else Lasker-Schülers Gedicht mit dem biblischen Bericht. Vielleicht war es aber auch nur der wohlklingende Name, der Else Lasker-Schüler angeregt hat, ein Gedicht auf Abigail zu schreiben. In einem Entwurf zu ihrem Buch »Das Hebräerland« schildert die Dichterin eine Begegnung mit Uri Zwi Grünberg (Uri Zvi Greenberg) (1896–1981) in Tel Aviv im Frühjahr 1934 wie folgt: »Uri ist schön nach Indianersart kupfern sein Teint ein paar Nuanzen heller wie sein züngelndes Haupthaar seiner Augen Bluten. In Tel-Aviv begegneten wir uns vor vierzehn Tagen ungefähr nahe am Strand wieder er mir ein Makkabäer im Geyerfederschmuck ich ihm als Abigail der Tochter Sauls. Übrings taufte man mich mit diesem Namen in Palästina. Abigail. Das b pflegt man weich wie ein w auszusprechen Awigail.« (Else Lasker-Schüler: Werke und Briefe. Kritische Ausgabe. Im Auftrag des Franz Rosenzweig-Zentrums der Hebräischen Universität Jerusalem, der Bergischen Universität Wuppertal und des Deutschen Literaturarchivs Marbach am Neckar hg. von Norbert Oellers, Heinz Rölleke und Itta Shedletzky. Bd. 5: Prosa. Das Hebräerland. Bearbeitet von Karl Jürgen Skrodzki und Itta Shedletzky. Frankfurt am Main 2002. S. 379.) Der aus Galizien gebürtige jiddische und hebräische Schriftsteller Uri Zwi Grünberg hatte 1923 vorübergehend in Berlin gelebt und war ein Jahr später nach Palästina eingewandert.

Im Alten Testament bleibt der Vater Abigails namenlos, Else Lasker-Schüler nennt die Hirtin eine Tochter von König Saul, dem ersten von Samuel zum Heerführer gesalbten König des Volkes Israel. Die Geschichte Abigails ist mit der Sauls im Alten Testament lose verknüpft: Nach dem Tod Nabals nimmt David, der brüderliche Freund von Sauls Sohn Jonathan, Abigail zur Frau; an den Bericht über den Tod Sauls am Schluß des 1. Buches Samuel schließt sich im 2. Buch die Schilderung der Regentschaft Davids an. Indem Abigail im Gedicht zu einer Tochter Sauls wird (und damit ihre ›genealogische Heimatlosigkeit‹ verliert, die sie im Alten Testament auszeichnet), erhält sie einen festen Platz nicht nur in der Geschichte der Könige des Volkes Israel, sondern auch in der biblischen Welt der Dichtungen Else Lasker-Schülers: Über Saul war bereits im Februar 1915 in der Zeitschrift »Die weißen Blätter« ein Gedicht erschienen.

Noch mit einem weiteren biblischen Motiv assoziiert Else Lasker-Schüler die Geschichte Abigails: mit der Prüfung Abrahams durch Gott, von der im Alten Testament 1. Mose (Genesis) 22,1–19 berichtet wird. Else Lasker-Schüler hat dieses Motiv 1912 in dem Gedicht »Abraham und Isaak« literarisch gestaltet. Um den Glauben Abrahams zu prüfen, befiehlt Gott ihm, den Sohn Isaak zu opfern; der Vater will gehorchen, Isaak aber wird durch das Eingreifen Gottes gerettet: Als Isaak bereits gefesselt auf dem Altar liegt, befiehlt Gottes Stimme Abraham, statt des Sohnes einen Widder zu opfern, der sich an der Opferstelle in einem Busch verfangen hat. Das Motiv der Prüfung ist im Gedicht »Abigail« lediglich als Reminiszenz – als Erinnerung an eine Begebenheit, die sich in früherer Zeit zugetragen hat – gegenwärtig: »Einst trug sein Vater ihm ein Osterlämmlein hin auf seines Herrn Geheiß.« Die Erwähnung Abrahams und Isaaks aber weist zugleich über sich hinaus: Das Leben – so dürfte die Belehrung der kleinen Abigail durch den Vater (»erzählte ernst der Melech seinem Kinde«) zu verstehen sein – ist eine beständige Prüfung. Dieser Leitsatz gilt nicht für den Juden allein, aber für ihn in besonderem Maße. In der Erzählung »Der Versöhnungstag« schreibt Else Lasker-Schüler 1925: »Prüfungen besteht der Jude täglich, Schmach schmeckt seinem Gaumen bitter, aber es entstehen Kräfte aus ihr.«

»Abigail« ist das späteste Gedicht Else Lasker-Schülers, das unmittelbar vom Schicksal einer Gestalt des Alten Testaments handelt. Thematisch reiht es sich in den Zyklus der »Hebräischen Balladen« ein, den Else Lasker-Schüler zwischen 1912 und 1920 zunächst gesondert, dann als Teil einer Gesamtausgabe ihrer Gedichte veröffentlicht hat. Zwei dieser Gedichte, nämlich »Abraham und Isaak« und »Saul«, werden dem Leser noch einmal in Erinnerung gerufen, indem Else Lasker-Schüler das Schicksal Abigails mit dem von Figuren ihrer »Hebräischen Balladen« verknüpft. In der Freiheit, vom Wortlaut der biblischen Vorlage abzuweichen, manifestiert sich die poetische Einbildungskraft, die dem Stoff einen besonderen, einen dichterischen Sinn zuweist: Abigail, im Alten Testament ›nur‹ die kluge Beschützerin ihres Mannes, wird im Gedicht Else Lasker-Schülers zum Sinnbild jüdischen Lebens.

Karl Jürgen Skrodzki, November 2000. Ergänzt Dezember 2011.