Karl Jürgen Skrodzki

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Karl Jürgen Skrodzki, Lohmar

Else Lasker-Schüler: Joseph

Joseph

Die Winde spielten müde mit den Palmen noch

So dunkel war es schon um Mittag in der Wüste,

Und Joseph sah den Engel nicht, der ihn vom Himmel grüßte

Und weinte, da er für des Vaters Liebe büßte

Und suchte nach dem Cocos seines schattigen Herzens doch.

Der bunte Brüderschwarm zog wieder nach Gottosten

Und er bereute seine schwere Untat schon

Und auf den Sandweg fiel der schnöde Silberlohn.

Die fremden Männer aber ketteten des Jakobs Sohn

Bis ihm die Häute drohten mit dem Eisen zu verrosten.

So oft sprach Jakob inbrünstig zu seinem Herrn,

Sie trugen gleiche Bärte, Schaum von einer Eselin gemolken

Und Joseph glaubte jedesmal sein Vater blicke aus den Wolken

Und eilte über heilige Bergeshöhn, ihm nachzufolgen

Bis er dann ratlos einschlief unter einem Stern.

Die Käufer lauschten dem entrückten Knaben,

Des Vaters Andacht atmete aus seinem Haare;

Und sie entfesselten die edelblütige Ware

Und drängten sich zu tragen, Canaans Prophet in einer Bahre,

Wie die bebürdeten Kameele durch den Sand zu traben.

Egypten glänzte feierlich in goldenen Mantelfarben

Da dieses Jahr die Ernte auf den Salbtag fiel.

Die kleine Karawane, endlich nahte sie dem Ziel.

Sie trugen Joseph in das Haus des Potiphars am Nil.

An seinem Traume hingen aller Deutung Garben.

* * *

Quelle: Else Lasker-Schüler: Werke und Briefe. Kritische Ausgabe. Im Auftrag des Franz Rosenzweig-Zentrums der Hebräischen Universität Jerusalem, der Bergischen Universität Wuppertal und des Deutschen Literaturarchivs Marbach am Neckar herausgegeben von Norbert Oellers, Heinz Rölleke und Itta Shedletzky. Bd. 1: Gedichte. Bearbeitet von Karl Jürgen Skrodzki unter Mitarbeit von Norbert Oellers. Frankfurt am Main 1996. Nr. 282. – Auch in: Else Lasker-Schüler: Sämtliche Gedichte. Herausgegeben von Karl Jürgen Skrodzki. Frankfurt am Main 2004 (unveränderte Nachdrucke 2006, 2011 und 2013). S. 332 f.

»Joseph« erschien zuerst im Heft vom April/Mai 1920 der Monatsschrift »Die weißen Blätter« (Jg. 7, Heft 4. S.155). In späteren Drucken des Gedichts änderte Else Lasker-Schüler den Titel in »Joseph wird verkauft«. Das Gedicht berichtet, wie Joseph, der Sohn Jakobs und seiner zweiten Frau Rahel, von seinen zehn älteren Brüdern als Sklave an eine Karawane nach Ägypten verkauft wird, weil der Vater ihn mehr als die Söhne seiner ersten Frau Lea liebt: In Ägypten steigt Joseph zum Großwesir des Reiches auf, nachdem er einen Traum des Pharaos, in dem sieben magere Ähren sieben volle verzehren, als Hinweis auf eine drohende Hungersnot gedeutet hat. Else Lasker-Schüler folgt dem biblischen Bericht 1. Mose (Genesis) 37–50. – Am Schicksal Josephs, das in der jüdischen wie in der islamischen Tradition (»Yusuf ben Yakub«) gleichermaßen eine bedeutende Rolle spielt, knüpft Else Lasker-Schüler an, wenn sie in die Rolle des »Prinzen Jussuf von Theben« schlüpft. Dieses prägte – glaubt man den Schilderungen der Dichterin aus späteren Jahren – das Leben Else Lasker-Schülers von Kindheit an. In der Erzählung »St. Laurentius« schreibt sie 1928: »Auf mich hatten die Kinder der Mucker einen besonderen Pik, weil ich ein rotes Kleidchen trug. Auch machte ich immer die Augen so weit auf. – Das sähe so gelungen aus und sonderbar, so exotisch … kam gewiß davon, da ich immer von Josef und seinen Brüdern träumte.«

Die Josephs-Figur hatte für Else Lasker-Schüler mehr als bloß ›malerische‹ Bedeutung; sie diente der Dichterin und Zeichnerin nicht nur als Vorbild für ihre zahlreichen Bilder, auf denen sie sich als »Prinz Jussuf« porträtierte: Vielmehr steht das Schicksal des nach Ägypten verkauften Joseph sinnbildlich für das Leben des Juden in der (europäischen) Diaspora fern vom Land Palästina. Vor allem die Rede vom »Gottosten« in der zweiten und von »Canaans Prophet« in der vierten Strophe legt diese Deutung nahe: Nach »Gottosten« wanderten die Israeliten beim Auszug aus Ägypten in das ihnen von Gott verheißene Land Kanaan, wie der biblische Name Palästinas lautet.

»Joseph« und »Jussuf«, die hebräische (jüdische) und die arabische (islamische) Form des Namens, sind für Else Lasker-Schüler nicht allein unterschiedliche Namen einer und derselben Person. Die Namen sind vielmehr Sinnbilder für die »beiden semitischen Völker«; sie geben den »Stiefbrüdern«, wie Else Lasker-Schüler im »Hebräerland« das Volk der Juden und das Volk der Araber charakterisiert, individuelle Personennamen. Das Getrennte wieder zu vereinen, »Joseph« und »Jussuf« miteinander auszusöhnen, ist die Botschaft, die Else Lasker-Schüler versucht, im Spiel mit den beiden Namensformen zu verkünden.

In einem ihrer Entwürfe zum »Hebräerland« schildert Else Lasker-Schüler, wie sie vor den Toren Jerusalems in einem Kreis von Juden und Arabern (den »Nachkommen Isaaks und Ismaels«) ihre »Ballade« vorgetragen habe. Diese später gestrichene Schilderung, an die sich der Text des Gedichtes anschließt, lautet: »Vor der Stadt Jerusalem leben einträchtig die Nachkommen Isaaks und Ismaels, die wilden Semiten. Ich glaube wahrheitsgetreuer zu berichten, wenn ich sage: nicht die verwilderten Semiten aber die noch, wie ich mich selbst überzeugte, naturhaftesten Semiten. Es sind die schlechtesten nicht. Ich mochte diese Verwandten und schämte mich meiner Brüder nicht, eine grosse Überraschung. Nach einer Weile fühlte ich mich auch befreit von jedem Widergefühl ihrer saloppen Äusserlichkeit. Genau wie der Gärtner seinen Ekel vor Wurm und Schnecke und schlammige Erde an der Wurzel der Pflanze, pflanzt er sie um auf ein anderes Beet, überwindet, sie liebreich zwischen seinen Händen nimmt, so betrachte ich den mit den Zeiten vergessenen Urwaldsemiten nicht von der Cultur beleckt. Sie stehen mit Leib und Gemüte noch in der Erde zwischen Ameise, Erdextrakt und Raupe, tropisch den Elementen hingegeben. Aus diesem naturwissenschaftlichen Buche lernt man nur in Palästina zwischen seinen vergilbten verstaubten Blättern erlebt man noch naturtreu von Wanderung zur Wanderung vorübergehend in Zelten rastend die semitischen Stiefbrüderbeduinen. In einem vergessenen Winkel des Hauptzeltes entdecke ich einen seltenen Gürtel aus Muschel, Koralle und Perlmutt, zieh ihn hervor wie eine Copra. Wer weiss wer ihn versteckt; ebenso die Schellengehänge für die Knöchel der Füsse. Aus der Zeit der egyptischen Judenheit aus der Zeit des Pharaos. Ich legte den Gürtel um meinen Leib und die Armketten um meine Arme und trug der erstaunten Gemeinschaft urwäldlicher Hebräer und Ismaeliten meine Ballade des Joseph und seine Brüder vor, er verkauft wurde von ihnen an die fremden Kaufleute.« (Else Lasker-Schüler: Werke und Briefe. Kritische Ausgabe. Im Auftrag des Franz Rosenzweig-Zentrums der Hebräischen Universität Jerusalem, der Bergischen Universität Wuppertal und des Deutschen Literaturarchivs Marbach am Neckar hg. von Norbert Oellers, Heinz Rölleke und Itta Shedletzky. Bd. 5: Prosa. Das Hebräerland. Bearbeitet von Karl Jürgen Skrodzki und Itta Shedletzky. Frankfurt am Main 2002. S. 365 f.)

Im Nachlaß in Jerusalem ist eine Handschrift des Gedichts erhalten, auf der Else Lasker-Schüler mit rotem und mit blauem Buntstift Pausen und Betonungen für den Vortrag eingetragen hat. Die Handschrift ist auf einem zweiten Blatt aufgeklebt, auf dessen Rückseite die Dichterin mit Blei das Programm für eine Lesung notiert hat: »1. Joseph wird verkauft / 2. Gebet / 3. Genesis / 4 An Gott / 5 Meine Mutter / 6 Aus der Ferne / 7. Moses u. Josua / 8 Mein Kind / 9. Ein Lied an Gott.«

Karl Jürgen Skrodzki, Januar 2001. Ergänzt November 2011.