Karl Jürgen Skrodzki

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Karl Jürgen Skrodzki, Lohmar

Else Lasker-Schüler: Die Verscheuchte

Die Verscheuchte

Es ist der Tag in Nebel völlig eingehüllt,

Entseelt begegnen alle Welten sich –

Kaum hingezeichnet wie auf einem Schattenbild.

Wie lange war kein Herz zu meinem mild ....

Die Welt erkaltete, der Mensch verblich.

– Komm, bete mit mir – denn Gott tröstet mich.

Wo weilt der Odem, der aus meinem Leben wich? –

Ich streife heimatlos zusammen mit dem Wild

Durch bleiche Zeiten träumend – ja, ich liebte dich.

Wo soll ich hin, wenn kalt der Nordsturm brüllt –?

– Die scheuen Tiere aus der Landschaft wagen sich –

Und ich – vor deine Tür, ein Bündel Wegerich.

Bald haben Tränen alle Himmel weggespült,

An deren Kelchen Dichter ihren Durst gestillt,

Auch du und ich.

Und deine Lippe, die der meinen glich,

Ist wie ein Pfeil nun blind auf mich gezielt –.

* * *

Quelle: Else Lasker-Schüler: Werke und Briefe. Kritische Ausgabe. Im Auftrag des Franz Rosenzweig-Zentrums der Hebräischen Universität Jerusalem, der Bergischen Universität Wuppertal und des Deutschen Literaturarchivs Marbach am Neckar herausgegeben von Norbert Oellers, Heinz Rölleke und Itta Shedletzky. Bd. 1: Gedichte. Bearbeitet von Karl Jürgen Skrodzki unter Mitarbeit von Norbert Oellers. Frankfurt am Main 1996. Nr. 344. – Auch in: Else Lasker-Schüler: Sämtliche Gedichte. Herausgegeben von Karl Jürgen Skrodzki. Frankfurt am Main 2004 (unveränderte Nachdrucke 2006, 2011 und 2013). S. 197 und 408.

Else Lasker-Schüler veröffentlichte »Die Verscheuchte« zuerst im März 1934 in der von Klaus Mann herausgegebenen Exilzeitschrift »Die Sammlung« (Jg. 1, Heft 7, S. 384), 1943 nahm sie das Gedicht in »Mein blaues Klavier« auf, die letzte Buchveröffentlichung der Dichterin vor ihrem Tod. – »Die Verscheuchte« bildet Else Lasker-Schülers Beitrag zu der von Heinz Wielek besorgten Anthologie »Verse der Emigration«, die 1935 in Karlsbad als »Nummer 1 der Schriftenreihe: Braunes Deutschland. Bilder aus dem dritten Reich« erschien. Zusammen mit den Gedichten »Herbst«, »Ich weiß«, »Mein blaues Klavier« und »Ergraut kommt seine kleine Welt zurück« gab Else Lasker-Schüler »Die Verscheuchte« als ihren Beitrag für ein Sonderheft der Zeitschrift »Der deutsche Schriftsteller«, das der »Schutzverband deutscher Schriftsteller« aus Anlaß seines dreißigjährigen Bestehens im November 1938 in Paris herausbrachte.

Im nicht erhaltenen Manuskript, das Else Lasker-Schüler an Klaus Mann geschickt hat, umfaßte die letzte Strophe (wie alle vorhergehenden Strophen) drei Verse. Am 4. Januar 1934 bittet die Dichterin Klaus Mann brieflich, den letzten Vers des Gedichtes zu streichen: »Ich bitte Sie die letzte Reihe des Schlußverses – also des 6. Verses zu streichen. Der Schlußvers soll nur die ersten 2 Reihen haben. Ich rechne darauf, Sie streichen die 3. also die letzte: Und ihre Worte feindselige verscheuchen mich – abstreichen!« (Else Lasker-Schüler: Werke und Briefe. Kritische Ausgabe. Im Auftrag des Franz Rosenzweig-Zentrums der Hebräischen Universität Jerusalem, der Bergischen Universität Wuppertal und des Deutschen Literaturarchivs Marbach am Neckar hg. von Andreas B. Kilcher [ab Bd. 9], Norbert Oellers, Heinz Rölleke und Itta Shedletzky. Bd. 9: Briefe. 1933–1936. Bearbeitet von Karl Jürgen Skrodzki. Frankfurt am Main 2008. S. 74.) Vermutlich trug das Gedicht im ursprünglichen Manuskript auch einen anderen Titel. Am 8. Februar, einen Monat nach der Übermittlung des ersten Änderungswunsches, schreibt Else Lasker-Schüler erneut an Klaus Mann: »Ich möchte das Gedicht: Die Verscheuchte. nennen. Ja? Und wie ich schrieb die letzte Reihe letzten Vers weg.« (Bd. 9. S. 89.) – Das Deutsche Literaturarchiv Marbach am Neckar besitzt ein Manuskript, auf dem das Gedicht den Titel »Das Lied der Emigrantin« trägt und die letzte Strophe drei Verse umfaßt. Der Schluß des Gedichtes lautet dort: »Und alles starb was ich für dich gefühlt.« Und noch eine weitere Fassung des Schlusses ist belegt. Auf einem Brief, den Heinz Kahn am 11. Januar 1934 an die Dichterin schrieb und der im Nachlaß in der Jerusalemer Nationalbibliothek erhalten ist, notierte Else Lasker-Schüler einen Entwurf zum Gedicht »Die Verscheuchte«. Da die Dichterin bereits am 4. Januar Klaus Mann um Änderungen gebeten hatte, dürfte der Entwurf erst nach dem Abschluß des an Klaus Mann übersandten Manuskriptes entstanden sein. Am Schluß heißt es: »Doch deine Lippe, der [!] der meinen glich / Ist wie ein Pfeil gespitzt, auf mich gezielt. / So einsam ist die Dichterin wohl ewiglich.«

Der Schluß des Gedichtes »Die Verscheuchte« – eines der wenigen Gedichte, in dem Else Lasker-Schüler sich explizit mit der Problematik des Exils auseinandersetzte – schien für die Dichterin von besonderer Bedeutung zu sein. Letztlich war es ihr nicht gegeben, eine Antwort auf die Frage nach dem Grund des Exils (des ›Verscheucht-Seins‹) zu geben: Offen bleibt, ob es ›Feindseligkeit‹ war, die die Dichterin ins Exil getrieben hatte, oder ob sich im Exil lediglich die existentielle ›Einsamkeit‹ der Dichterin manifestierte. – Für den Abdruck des Gedichtes in »Mein blaues Klavier« strich Else Lasker-Schüler die letzte Strophe ganz. »Die Verscheuchte« schließt dort mit dem Vers: »Auch du und ich.« Zuvor hatte die Dichterin in den »Tagebuchzeilen aus Zürich«, einem Ende der dreißiger Jahre entstandenen Prosatext, die letzten beiden Strophen umgestellt: »Die Kühne Lippe, die der meinen glich, / Ist wie ein giftiger Pfeil / Auf mich gezielt. // Bald haben Thränen alle Himmel weggespühlt, / An deren Kelchen ihren Durst gestillt / Auch du und ich.«

Das zentrale Motiv des Gedichtes ist das Bild des ›Kelches‹, das – betrachtet man seinen Ursprung – selbst eine ambivalente Bedeutung hat. Im Neuen Testament ist das Trinken aus dem gleichen Kelch Ausdruck einer engen Verbundenheit: Beim letzten Mahl mit seinen Jüngern (»Abendmahl«) reicht Jesus den Kelch herum, um den Jüngern seine persönliche Gegenwart für die Zeit zwischen seinem Tod und der Vollendung des Gottesreiches zu verbürgen. Im Alten Testament ist der Kelch ein Bild des Schicksals und des Gerichts: Das Strafgericht, das Gott über die sündigen Völker bringt, wird von den Propheten (vgl. Jesaja 51,22 f.; Jeremia 25,15–18) mit einem Kelch verglichen, den jene trinken müssen. Psalm 23,5 hingegen erscheint der durststillende, trostspendende Kelch.

Nur mit Vorsicht dürfte die Frage nach dem Du zu beantworten sein, das gegen Ende des Gedichtes angesprochen wird. Denkbar ist, daß Else Lasker-Schüler auf Gottfried Benn zielt, mit dem sie in der Zeit um 1911/12 eine enge und poetisch sehr fruchtbare Freundschaft verbunden hatte. Benn war am 24. April 1933 in einem Rundfunkvortrag mit dem Titel »Der neue Staat und die Intellektuellen« für die nationalsozialistischen Machthaber eingetreten, woraufhin Klaus Mann den von ihm bewunderten Dichter am 9. Mai aus dem Exil brieflich um eine Stellungnahme zu seiner politischen Haltung gebeten hatte. Benn seinerseits sprach Ende Mai in seiner Rede »Antwort an die literarischen Emigranten« den exilierten Schriftstellern das moralische Recht ab, zu den Vorgängen in Deutschland Stellung zu nehmen.

Karl Jürgen Skrodzki, Juni 2001. Ergänzt November 2011.