Karl Jürgen Skrodzki

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Karl Jürgen Skrodzki, Lohmar

Gerson Stern: Else Lasker-Schüler

Vor einigen Monaten versuchten wir an dieser Stelle nach einem Vortragsabend der Dichterin ihre Eigenart und die Gestaltungshingegebenheit heraustreten zu lassen. Nun ist im Tarsis-Verlag, Jerusalem, ein Band erschienen »Mein blaues Klavier«, der die Gedichte der letzten Jahre umfasst. Es ist eine einmalige, numerierte Ausgabe von 350 Exemplaren, die bald vergriffen sein und zu den Kostbarkeiten der Weltliteratur zählen dürfte.

In erlesenem Geschmack tritt das Buch vor uns hin. Der Einband trägt eine charakteristische Zeichnung der Dichterin »Abschied von den Freunden«. Es klingt hier ein erster Ton an, der in den Gedichten zu einer unvergesslichen Melodie wird. Das Buch bringt uns die reife Frucht einer am Leben Erleidenden, und wir nehmen ehrfürchtig diese Gabe entgegen, die uns höchste Erlebnisfähigkeit in Bildern darreicht, die bis an die Grenze lyrischer Ausdruckstiefe gehen. Wir stehen ergriffen vor diesen Gesichten, die den Odem der Gottesberührtheit über dem Traum des Erlebens tragen. In diesem Erleben liegt das Wehe des Verlassenseins, das Wissen um die Einsamkeit und die Aussöhnung im Abschied. Es liegt in ihm Hingabe an alles, was in dieses Herz hineinleuchtete und es erfüllte und segnete, indem es an ihm litt. Es gibt Worte, die sich dem Herzen des Lesers für immer einweben werden.

Der zweite Teil des Buches trägt das Vorwort: AN IHN. Es ist die Hymne einer Liebe, die sich nicht vollenden kann. So fliesst aus diesen Gedichten die Erhabenheit und die Süsse hingenommener Unerfüllbarkeit. Aber dies ist nicht ihr Wesentliches. Es bricht in ihnen auf die Liebe als die Erfüllung in sich. Das Polare sinkt ein in die Einheit letzter, lösender Regungen und das Gegenständliche in die Grösse und Erhabenheit des Nichtmehrfragenden.

Jedoch über alles Gesagte geht das Einmalige dieser Verse, in denen die deutsche Sprache zu einer Vollendung aufblüht, die den Namen der Dichterin weit über ihr Leben hinaustragen wird. Wenn wir in den kommenden Tagen beten werden: »Herr, zeichne uns ein in das Buch des Lebens«, so hat dies die Dichterin Else Lasker-Schüler vermocht mit diesen ihren Liedern.

* * *

Aus: Mitteilungsblatt. Alija Chadascha (Tel Aviv). Jg. 7, Nr. 38 vom 17. September 1943. S. 8. – Die eingangs erwähnte Besprechung eines Vortragsabends war am 30. April im »Mitteilungsblatt« erschienen.

Der Schriftsteller Gerson Stern (1874–1956) stammte aus Holzminden im Weserbergland und lebte bis zu seiner Emigration in Kiedrich im Rheingau. 1939 zog er nach Palästina und gab 1941 zusammen mit Schalom Ben-Chorin in Tel Aviv die Anthologie »Menora« (Walter Menke) heraus, in der Else Lasker-Schüler mit den beiden Gedichten »Herbst« (Ich pflücke mir am Weg das letzte Tausendschön) und »Mein blaues Klavier« vertreten ist. – Sterns Hauptwerk, der Roman »Weg ohne Ende« von 1934, ist 1999 vom Verlag Carl Böschen (Siegen) neu aufgelegt worden (ISBN 3-932212-19-3). – Quelle: Wikipedia.