Karl Jürgen Skrodzki

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Karl Jürgen Skrodzki, Lohmar

S[amuel] Lublinski: Gedichte von Else Lasker-Schüler

Man erinnert sich, daß ich kürzlich in einem Aufsatz, der immer noch vielfach mißverstanden wird, geleugnet habe, daß die Rassenabstammung das einzig entscheidende Element für die Wesensart eines Menschen wäre. Aber eines dieser entscheidenden Elemente ist sie ganz gewiß, und zwar wird sie dort besonders hervortreten, wo die dunkle und tiefe Mystik des Gefühlslebens und der Instinkte zu reden beginnt. Jede echte Lyrik beruht weit mehr als jede andere Dichtung auf dem Instinkt, und so wird man sich nicht wundern, daß in dem vorliegenden Gedichtbuch von Else Lasker-Schüler Zeile für Zeile ihre Herkunft von einer uralten und mächtigen Rasse zu erzählen weiß; sie bewährt sich als späte und nicht unwürdige Enkelin jener uralten Sänger, die einst die Psalmen oder das Buch Hiob gedichtet haben. Namentlich die Eigenart ihres Naturempfindens offenbart eine altjüdisch-orientalische Prägung, deren Kraft und Glut durch die denkbar feinste moderne Seelendifferenzierung keineswegs geschwächt, wohl aber verinnerlicht wird. Im Gegensatz zum Hellenentum bevorzugte die altjüdische Naturschilderung der Bibel nicht klare und runde und episch abgegrenzte Bilder und Gleichnisse, sondern suchte im Gegenteil die verschwebende und unendliche kosmische Natur auf: das Morgen- und Abendrot, die Winde und die Wüste, unendliche wogende Wolken, Stürme und Donner oder auch flüsternden Zephyr. Genau so sieht und empfindet Else Lasker-Schüler. In dem wilden Gedicht »Mein Sturmlied« ist sie ein brennendes All, die verdorrende Hochsommererde, und will Ströme in sich einsaugen, und der Geliebte soll kommen wie ein Sturmlied, wie ein Gewitter, und soll aus grollenden Wolkenmassen die tränkenden Ströme auf sie niederschütten. Es ist, als ob Wüste und Gewitter sich mit einander vermählten, wie einst am Sinai, und zugleich ist es doch ein intim persönliches modernes Liebeslied. Noch viel bedeutendere Gedichte dieser Art sind »Orgie«, »Mein Drama«, »Elegie« und »Vergeltung«; vor allem »Chronika«, diese eigenartige Familiengeschichte in einem felsenstarren al fresco-Stil. Überall diese intime und merkwürdig tiefe moderne Seele in Verbindung mit einer unendlichen kosmischen Natur. Manchmal überflutet das Kosmische alle Dämme, alle Konturen werden verwischt und die Bilder und Gleichnisse erhalten etwas Dunkelwogendes und Rätselhaftes. Aber man wird fortgerissen von dem wilden Gefühlsstrom, von dieser modern differenzierten alttestamentarischen Urkraft. Man hat manchmal geradezu das Empfinden, als ob in dieser tiefen und leidenschaftlichen Seele von neuem und in ganz persönlicher Art jener Kampf ausgefochten wird, der am Eingang der altjüdischen Geschichte steht: der Kampf zwischen Baal und Jehovah. Der Kampf zwischen wilden Naturinstinkten, die sich selbst vergöttern, und dem Sittengesetz. Diese Dichterin mit dem starken Empfinden für freie und vornehme Sittlichkeit empfindet doch auch ein Grauen vor den kochenden Naturkräften in ihrer Seele: »Vagabunden«, »Chaos«, »Ballade« und der schaurig schöne »Selbstmord«, vielleicht die Krone der Sammlung. Und manchmal steigt in ihr das tiefe Empfinden auf, daß es trotz alledem keine »böse« Natur giebt und daß ihr in lächelnder Güte verziehen werden wird. Dann taucht sie ihr Grauen in Schönheit: »Urfrühling« und der »Gefallene Engel«. Und ein andermal spielt sie damit in köstlich kindlichem Humor: »Mairosen« und namentlich das prächtig fromme Scherzo: »Im Anfang«, der sich geradezu zum Welthumor erhebt. Überall aber, auch in rein psychologischen Gedichten, wie »Mutter«, »Weltflucht« oder »Lenzleid«, ist kosmisches Naturempfinden im Hintergrund und erhebt das Gedicht weit aus dem individuellen Sonderfall heraus. Diesen kosmisch-religiösen Zug verdankt sie zweifellos ihrer jüdischen Abstammung, und sie hat dem Judentum in zwei Gedichten dieser Sammlung, die kürzlich in »Ost und West« veröffentlicht wurden, gehuldigt. Wer über die moderne Lyrik mitreden und zugleich Einsicht gewinnen will in den Zusammenhang von Rasse und Dichtung, der lese »Styx« von Else Lasker-Schüler.

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Aus: Ost und West. Illustrierte Monatsschrift für modernes Judentum. Jg. 1, Heft 12 vom Dezember 1901. Spalte 931 f. – Im Heft 6 vom Juni 1901 waren von Else Lasker-Schüler die beiden Gedichte »Das Lied des Gesalbten« und »Sulamith« erschienen.

Samuel Lublinski (1868–1910), aus Ostpreußen gebürtiger Literaturkritiker und Schriftsteller. Er lebte ab 1895 in Berlin. In den beiden Büchern »Die Bilanz der Moderne« (1904) und »Der Ausgang der Moderne« (1908) untersuchte er die Literaturströmungen der Zeit und wandte sich kritisch gegen den Naturalismus und die Neuromantik. Else Lasker-Schüler schrieb über ihn den Essay »S. Lublinski« (1907). – Quellen: Neue Deutsche Biographie, Wikipedia.