Karl Jürgen Skrodzki

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Karl Jürgen Skrodzki, Lohmar

Samuel Lublinski: Der siebente Tag. Gedichte von Else Lasker-Schüler. (Verlag des Vereins für Kunst.)

Else Lasker-Schüler ist zu Unrecht mit jenen anderen weiblichen Dichtern unserer Tage verwechselt worden, die durch die manchmal ehrliche und manchmal kokette, in jedem Fall aber rücksichtlos offene Aussprache ihrer erotischen Empfindung sich beträchtliche soziale Verdienste erworben haben, denen freilich die poetischen nicht immer gleichkommen. Else Lasker-Schüler hat natürlich auch diese Seite des Frauenlebens durchempfunden und mit echter Unbefangenheit ausgesprochen, so dass sie dem Zorn der Zionswächter nicht entging. Aber man müsste blind und taub sein, um nicht zu hören und zu sehen, dass die Erotik nur ein Element neben anderen in einem Gefühlsleben darstellt, das einen unendlich viel weiteren Umkreis umspannt. Wenn ihr erstes Buch oberflächliche Leser noch darüber täuschen konnte, so dürfte sogar ihnen auch der »siebente Tag« gründlich Auskunft geben – und sie werden sicherlich noch mehr darüber rasen. Denn Erotik, ja das hat doch noch Hand und Fuss, das kann man verstehen und darüber schimpfen. Was soll man aber zu einem Gedicht wie »Täubchen« sagen? Die ungeheure Weltangst des einzelnen, der sich im Kosmos verloren fühlt, in einer ungeheuren Einsamkeit, der sich wie ein Toter fühlt, wie einer, der im eigenen Blut schwimmt, und der dabei noch weiss, dass er lebt, woraus ein absonderlich mystischer Gefühlsschauer entsteht: Nein, das ist gewiss nichts für den braven Bürgersmann, selbst wenn er zufällig ein Freigeist sein sollte, der sogar erotische Extravaganzen gestattet. Vielleicht aber versteht er folgenden psychologischen Vorgang besser. Ein Mensch, eine bedeutende Individualität, fühlt sich in sich selbst eingemauert und gefangen; er möchte diese Mauern zerbrechen, Hände drücken, dich sich ihm entgegenstrecken, in anderer Menschen Blicke schauen, ihre Freundesküsse fühlen. Das wird ihm, und er entdeckt, dass seine Erfüllung sein Schicksal war. Als er einsam lebte, mit sich und dem unendlichen Kosmos, da war er voller Kraft, die ihm jetzt genommen ist. Er hat den Zugang zu sich verloren, die Menschen mit ihren Freuden und Leiden haben sich seiner Seele bemächtigt, und diese Seele ist matt und krank geworden davon; sie sehnt sich zurück nach der früheren Grösse, Einsamkeit und Unendlichkeit, von der sie nur mit gedämpfter Stimme noch zu singen weiss. Das ist der Dichterin »Stilles Lied«. Oder »Weltende«, diese Traurigkeit, als ob Gott selbst, als ob das Leben gestorben wäre. Ich könnte noch viele solcher Proben anführen und will auch nicht verschweigen, dass das unendliche Gefühl manchmal etwas wie ein Chaos zu gebären scheint, dem aber, nach einem Wort Nietzsches, der tanzende Stern nicht fehlt. Ein durchaus eigenartiger Mensch hat sich aus tiefer innerer Notwendigkeit die ihm gemässe Form geschaffen und die moderne Lyrik um neue Blüten bereicht. Vielleicht mag diese Welt nicht jedermanns Heimat sein. Aber als eine Insel, auf der man ab und zu landet, um unvergessliche Eindrücke nach Hause zu tragen, darf dieses üppig blühende, seltsam schöne Land unbedingt empfohlen werden.

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Aus: Kampf. Zeitschrift für – gesunden Menschenverstand. N. F. Nr. 20 vom 3. März 1905. S. 591 f.

Samuel Lublinski (1868–1910), aus Ostpreußen gebürtiger Literaturkritiker und Schriftsteller. Er lebte ab 1895 in Berlin. In den beiden Büchern »Die Bilanz der Moderne« (1904) und »Der Ausgang der Moderne« (1908) untersuchte er die Literaturströmungen der Zeit und wandte sich kritisch gegen den Naturalismus und die Neuromantik. Else Lasker-Schüler schrieb über ihn den Essay »S. Lublinski« (1907). – Quellen: Neue Deutsche Biographie, Wikipedia.