Karl Jürgen Skrodzki

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Karl Jürgen Skrodzki, Lohmar

Arnold Zweig: Else Lasker-Schüler

Das letzte dramatische Werk der Dichterin »Arthur Aronymus und seine Väter« wurde soeben im Schauspielhaus in Zürich uraufgeführt.

Ungebrochen und abseitig eine Lebenslinie zu ziehen und sie vor sich hinzuleben, die schönsten und lockersten Strophen einer ganzen Literaturepoche zu schreiben und zwischen Leben und Dichtung unter keinen Umständen einen Unterschied zuzulassen: dessen ist Else Lasker-Schüler fähig. In einer Zeit wie der heutigen steht sie als Fremdling, als Seltsamkeit: als ein wirklicher Dichter. Darum wirkt sie wie die bewegte Welle selbst, auf und ab. Das Getriebene ihres Wesens meldet sich, wo immer sie weilt.

Aber was da ausbricht, ist das Urwesen des Dichters, nichts anderes. Klar verneinend, was ihrer Grundforderung nach wesentlichem Sein nicht Stand hält, schafft sie Gedichte, unvergängliche Gebilde der Liebe, der Gesichte, der Anbetung, der Zärtlichkeit, Gedichte voll zärtlich atmender, wach-weiser Sprachkraft, denen von der Lyrik ihrer Generationsgenossen nur wenige Dehmel-Strophen und George-Zyklen an Rang und Echtheit gleichkommen. Sie legte Dokumente ihres Herzens in Prosaseiten nieder, die das Gedächtnis einiger Menschen in die ewigen Sphären hinüberretten und an deren Spitze die Geschichte ihres Vaters »Arthur Aronymus« steht.

Aus den Wurzeln westfälischen Bauerntums, katholischer Glaubensmystik und zutiefst erlebter und erlittener Familientradition schuf diese begabteste unter unsern Dichterinnen ein einmaliges Werk, dessen Prosafassung noch 1932 mit der Verleihung des Kleistpreises ausgezeichnet wurde, ein Werk, in dem blutige Vergangenheit herüberragt in eine auf Versöhnung und guten Willen zur Verständigung gestimmte Gegenwart. Bischof und Rabbi sind einer beim andern zu Gast. Christweihnacht und Passah werden mit der gleichen Ehrfurcht, gleich tiefem Empfinden und echtem Verständnis dargestellt. Aus wahrer Kindlichkeit und wissender Menschenliebe erwächst wie ein Gottesgeschenk jenseits alles Könnens diese echt dichterische Schöpfung von tiefster Bedeutung gerade für unsere Gegenwart, in der sie sich wie eine innig verhaltene und darum um so erschütterndere Klage ausnimmt gegen den Ungeist menschlicher Überheblichkeiten und Unduldsamkeiten.

Es hat niemals Zeiten gegeben, die die echten Dichter ehrten. Man liess sie bestenfalls gehen. Meist zerstörte man sie durch bissigen Widerstand, machte sie halb toll durch Gleichgültigkeit, trieb sie zum Verenden oder ausser Landes. Von Villon über Christian Günther über Lenz, Hölderlin, Kleist, Lenau, Büchner, Heine, zu Shelley und Byron, zu Wedekind, Strindberg, Georg Heym, der nur zufällig ertrank, zu Georg Trakl, der sich tötete, weil er die Grosse Zeit, die jetzt wieder wie ein Alp vor uns aufsteht, nicht aushielt, geht ein Strang edler Herzen, die Fremdling im Alltag waren und auch so behandelt wurden.

Auch Else Lasker-Schüler wird nicht so geehrt, wie es sich gehörte, diese Frau, die in die Gesellschaft der erlauchtesten europäischen Lyriker zu zählen ist. Sie ist so unzeitlich wie die Worte, die einstmals morgenfrisch aus ihrer sprechenden Seele brachen – so unalternd wie die Quelle, von der auch niemand zu sagen vermag, vor wieviel Jahren sie aufbrach, eine Scholle zu tränken.

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Aus: Jüdische Revue (Mukačevo). Jg. 2, Nr. 2 vom Februar 1937. S. 122–124.

Der linksorientierte jüdische Schriftsteller Arnold Zweig (1887–1968) war 1933 nach Palästina emigriert und hatte sich in Haifa niedergelassen. 1942/43 gab er mit Wolfgang Yourgrau die Zeitschrift »Orient« heraus, in der auch Else Lasker-Schüler einige Gedichte veröffentlichte. 1948 kehrte er über Prag nach Berlin zurück und avancierte in der im Jahr darauf gegründeten DDR schon bald zum ›Klassiker‹. – Im Anschluß an eine Palästinareise hatte Zweig 1932 den Roman »De Vriendt kehrt heim« geschrieben, der in Jerusalem spielt: Das Buch erschien im November 1932 und wurde Mitte April 1933 in den Buchhandlungen und Bibliotheken von den Nationalsozialisten beschlagnahmt. – Quellen: Wikipedia; Akademie der Künste, Berlin (Arnold Zweig Archiv).