Karl Jürgen Skrodzki

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Karl Jürgen Skrodzki, Lohmar

Gerson Stern: Else Lasker-Schüler

Die Begegnung mit dem Zeitlosen in der Kunst greift in die feinsten Verästelungen unserer seelischen Erregungen. In der Dichtung schwingt diese Bekundung oft in ein traumhaft trunkenes Erleben aus.

Das Spiel der Bilder baut sich um Regungen, die sich in Sichte gewaltiger Fülle bannen und in die letzten Schwebungen selbsterfüllter Kündung münden. Geheimnisvoll bricht das Wort aus dem Herzen des Erlebnisgesegneten, der in die Einmaligkeit seiner Schau Himmel und Erde spannt. Else Lasker-Schüler schenkt uns das erschütternde Wissen dieser Gelegenheit. Sie las in ihrem »Kraal« Gedichte der jüngsten Zeit, Apercüs und die Erzählung »Der Rabbi von Barcelona«. Sie besitzt die Gabe, das Wort in seiner Besonderheit herauszustellen. So wird sie eine gute Interpretin ihrer Schöpfungen. Eine Stunde liess sie uns in ihrer Welt leben, die vor uns aufblühte und uns überstrahlte aus der Fülle ihrer erden- und gottgetragenen Gesichte. Diese Dichterin, die mit ihrem Herzen den Boden ihres Lebens furcht, steht in der Gnade ihrer Schau, und aus ihrem Blut und aus ihren Begegnungen stiegen die Sänge, die ihr Leben umranden. Selbst die erzählende Sprache formt sich ihr zu lyrischer Grösse und viele Lieder werden Bekenntnisse, aufgebrochen wie Gebete, die dem Munde eines Kindes entströmen. Und wenn sie ihr Gedicht »das blaue Klavier« mit der Bitte beschliesst:

Ach, liebe Engel, öffnet mir

– Ich ass vom bittern Brote –

mir lebend schon die Himmelstür

so kann man ihr dankbar bestätigen, dass ihr diese Himmelstür zeitlebens offenstand, die Kündung ihres Lebenswegs in überzeitliche Gesichte zeichnen zu dürfen.

* * *

Aus: Mitteilungsblatt (Tel Aviv). Jg. 7, Nr. 18 vom 30. April 1943. S. 8. – Als »Kraal« bezeichnete Else Lasker-Schüler ihre Ende 1941 in Jerusalem gegründete Vortragsvereinigung. Am 30. März 1943 hatte sie im Bezalel-Museum den »Wunderrabbiner von Barcelona« und einige Gedichte gelesen. Werner Kraft notierte am 31. März im Tagebuch (Marbacher Magazin 71/1995 [Else Lasker-Schüler 1869–1945. Bearbeitet von Erika Klüsener und Friedrich Pfäfflin. Else Lasker-Schüler in den Tagebüchern von Werner Kraft 1923–1945. Ausgewählt von Volker Kahmen]. S. 357 f.): »Von den Gedichten hat am tiefsten auf mich gewirkt ›Über glitzernden Kies‹, das letzte Liebesgedicht und vor allem ein kleines Gedicht an ihre Mutter, das etwa so lautete: Die Kerze brennt die ganze Nacht – die ganze Nacht – Mutter, liebe Mutter. // Mein Herz brennt unter dem Schulterblatt – die ganze Nacht – Mutter, liebe Mutter. Ich gebe das Ganze höchst ungenau wieder, möglich auch, daß die dazugehörigen Reime fehlen, ich halte es nicht für wichtig, denn das Gedicht wird einzig als Gedicht getragen von diesem gewaltigen Bilde des als Kerze unter dem Schulterblatt die ganze Nacht brennenden Herzens. […] Ich glaube, wenn alle ihre Gedichte verloren gingen und nur dieses kleine Gedicht auf die Mutter bliebe erhalten, aus diesem Bilde von dem als Kerze brennenden Herzen müßte man auf einen großen Dichter schließen.«

Der Schriftsteller Gerson Stern (1874–1956) stammte aus Holzminden im Weserbergland und lebte bis zu seiner Emigration in Kiedrich im Rheingau. 1939 zog er nach Palästina und gab 1941 zusammen mit Schalom Ben-Chorin in Tel Aviv die Anthologie »Menora« (Walter Menke) heraus, in der Else Lasker-Schüler mit den beiden Gedichten »Herbst« (Ich pflücke mir am Weg das letzte Tausendschön) und »Mein blaues Klavier« vertreten ist. – Sterns Hauptwerk, der Roman »Weg ohne Ende« von 1934, ist 1999 vom Verlag Carl Böschen (Siegen) neu aufgelegt worden (ISBN 3-932212-19-3). – Quelle: Wikipedia.