Karl Jürgen Skrodzki

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Karl Jürgen Skrodzki, Lohmar

Emil Bernhard Cohn: Geschichten um Else Lasker-Schüler

Bei Else Lasker-Schüler gingen Intellekt und Einbildungskraft immer mit ihr durch. Aber wenn ihr Intellekt an der richtigen Stelle einschlug, und das geschah doch recht oft, dann gab es einen Geistesblitz, wie ihn nur ein Genie haben kann; und wenn ihre Einbildungskraft sich nicht ins Krause verlor, sondern sich zu konzentrieren vermochte, dann zeitigte sie die herrlichsten Blüten. Nur ein wahres Dichtergenie konnte Worte und Vorstellungen formen wie etwa diese:

»Abraham baute in der Landschaft Eden

Sich eine Stadt aus Erde und aus Blatt

Und übte sich, mit Gott zu reden.«

* * *

Sie war eine wahre Künstlerin, gleich groß im Lieben wie im Hassen; im Lieben von zerfließender, oft schwer erträglicher Weichheit, im Hassen manchmal von diabolischer Durchtriebenheit.

Da war z. B. ein jüdischer Gelehrter, den sie sich aufs Korn genommen hatte. Der kam eines Tages nach Berlin, um vor einer Gesellschaft über »Religiöse Erziehung« zu sprechen. Ich saß in dem nicht allzugroßen Raume neben der Lasker-Schüler, als sich nach dem Vortrag ein Religionslehrer erhob und den Redner bat, sich in seine Lage zu versetzen und ihm gefälligst zu sagen, wie er es anfangen solle, einer Klasse von zwanzig achtjährigen Kindern Religion beizubringen.

Darauf der Redner im bereits gereiztem Tone:

»Ja, wenn Sie das nicht vermögen, Verehrtester, den Kindern dieses ›Boruch ato …‹, dieses ›Dusagen zum Unendlichen‹ beizubringen, dann ist Hopfen und Malz an Ihnen verloren!«

In diesem Augenblicke fühlte ich mich in den Arm gekniffen und hörte die wütende Stimme der Dichterin neben mir: »Der Kerl duzt Gott!« …

* * *

Ein anderes Mal war es ein Berliner Kritiker, den sie am liebsten erwürgt hätte. Da kam sie eines Tages mit dem Ausdruck größter Erregtheit und gleichzeitig tiefsten Geheimnisses zu mir: »Setzen Sie sich, Doktor, ich habe einen Plan, einen indianischen Plan. Hören Sie mich an: Wir mieten zwei handfeste Männer und gehen in den Grunewald, nachts, wenn er aus dem Theater nachhause kommt, und überfallen ihn vor seinem Hause. Unsere Männer halten ihn fest, Sie seifen ihn ein und ich rasiere ihm das kleine Schnurrbärtchen ab, das kleine Schnurrbärtchen über dem kleinen Mündchen. Doktorchen, wir tun ihm nicht weh, aber ich sage Ihnen, der Mann ist tot, wenn er das kleine Schnurrbärtchen nicht mehr hat!«

* * *

Eines Tages war die Dichterin zum ersten Mal bei Leuten, die sie schon lange hatte kennen lernen wollen. Die freundliche Wirtin wollte sie gern zu Tische dabehalten und sagte liebenswürdig: »Darf ich Sie einladen, Frau Schüler? Bleiben Sie, bitte, wir machen auch gar keine Umstände!« Worauf die Dichterin replizierte: »Wenn ich komme, macht man Umstände, meine Liebe! Adjöh!« …

* * *

Ja, so war sie, zart und feurig, hassend und liebend, von Träumen geplagt, von Gesichten gejagt, eine arme, große Dichterin. Nun ist sie im Orient gestorben, dem alten Hebräerland, dem ihre ganze Liebe gehörte und dem sie ihr letztes schönes Buch geweiht hat. Gott gebe ihr den Frieden auf dem alten Ölberg, auf dem sie nun begraben liegt, die herrlich friedlose Seele Else Lasker-Schüler.

* * *

Aus: Aufbau (New York). Jg. 11, Nr. 6 vom 9. Februar 1945. S. 8.

Der aus Berlin gebürtige Rabbiner und Schriftsteller Emil Moses Cohn (Pseudonym: Emil Bernhard[-Cohn]) (1881–1948) war in den Jahren 1925–1936 Rabbiner der konservativen jüdischen Gemeinde Berlin-Grunewald und emigrierte 1936 in die Niederlande, 1939 in die USA. Cohn schrieb zahlreiche Theaterstücke und Romane über das Judentum.