Karl Jürgen Skrodzki

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Karl Jürgen Skrodzki, Lohmar

Kurt Pinthus: Else Lasker-Schüler klagt an!

Die bislang gegenwartsentrückte, in den Gefilden der Herzensphantasie, exotischer Länder und des Kosmos umherschweifende Dichterin hat jetzt freiwillig und bewußt auf ihre poetische Arbeit verzichtet: sie tritt öffentlich als Ankläger gegen ihre Verleger auf.

Zwei Jahrzehnte lang von verlegerischen Enttäuschungen umhergepeitscht, immer wieder auf den Triumph ihrer Gesänge und Erzählungen hoffend, immer wieder in Not zurückgeworfen, steht sie nun (in der »Tribüne«) auf der Tribüne und schmettert flammenden Auges, schwarze Locken schüttelnd, mit einer Stimme, die bald singt, bald höhnt, ihre apokalyptischen Anklagen wie eine alttestamentarische Prophetin in die verrottete Zeit. Mit ekstatischer Leidenschaft, mit wilden Beschimpfungen, mit drolligen Schelmereien beutelt sie, ohne Rücksicht auf ihre Zukunft, die geschäftliche Robustheit der Verschleißer geistiger Ware, denen sie nicht gewachsen war. Immer aber breitet sie ihr persönliches Mißgeschick ins Allgemeine aus: gibt eine grausige Kritik einer Zeit, in der wertbeständige Substanz alles, der Mensch nichts gilt … ein trostloses Bild von der Hilflosigkeit des geistigen Menschen.

Es ist hier nicht zu rechten, ob sie recht hat mit den niederschmetternden J’accuse gegen die Grausamkeit eines ganzen Standes. Aber auch wer vermeint, daß manches ihrer Erlebnisse durch ihre Phantasie albdruckhaft zum Schwellen gebracht ist, muß fühlen, daß hier eins der herrlichsten Herzen unserer Tage, mißhandelt, aus wirklicher Qual laut aufschreit; muß hingerissen sein von dem fulminanten Pathos, von der grellen Schärfe, die sich zur Posaune der Gerechtigkeit einigen; wird sich fragen: was muß diese Frau gelitten haben, die, bisher still verborgen der Heiligkeit ihres Berufs lebend, nunmehr diesen geliebten heiligen Beruf aufgibt, um als einzelnes Weib öffentlich anzukämpfen gegen die Übermächtigkeit ihrer Gegner, die zum Sinnbild unserer Epoche werden.

Hat sie wirklich, wiewohl sie ankündigt, nur noch Anklägerin, Aufruferin sein zu wollen, ganz und gar ihr dichterisches Werk vergessen? Sie ist so sehr Dichterin, daß sie niemals vermag, es nicht mehr zu sein. Aus ihrer Anklage schweift sie immer wieder in persönliche Erinnerungen, und was sie da aus ihrer Kindheit erzählt, von ihren Vorfahren, von ihrer Knopfsammlung, ihrem Vagabundenleben, ihren ersten Dichtungsoffenbarungen, ja sogar, wie sie ihre schmerzlichen Verlegererlebnisse umformt, – das ist ebensosehr Dichtung wie ihre schönsten Gedichte. Jeder, der ihr zuhört, wird sich bewußt sein, daß hier einer der wenigen Menschen steht, in denen der göttliche Funke noch lebt, wird überzeugt sein, daß es auch heute noch diese menschlichen Kuriositäten gibt, die seit jeher bei allen Völkern »Dichter« genannt wurden. Else Lasker-Schüler, Schöpferin mancher Gedichte, die verdienen, unsterblich zu werden, sei hiermit gebeten, ihre Erinnerungen zu veröffentlichen. Sie wird damit ihre Gegner siegreicher schlagen als mit gesprochener Rede, und Ohr und Herz der Menschen erobern, die ihrer wert sind.

* * *

Aus: 8-Uhr-Abendblatt (Berlin). Jg. 77, Nr. 23 vom 28. Januar 1924. – Else Lasker-Schüler hatte am 20. Januar ihre Streitschrift »Ich räume auf!«, die ein Jahr später als Buch erschien, im Berliner Theater »Die Tribüne« vollständig vorgelesen.

Der Theater-, Literatur- und Filmkritiker Kurt Pinthus (1886–1975) war zunächst Lektor beim Kurt Wolff Verlag in Leipzig, später beim Verlag Ernst Rowohlt in Berlin. Bei Rowohlt erschien 1920 die von Pinthus herausgegebene Anthologie »Menschheitsdämmerung«, die wohl bedeutendste Sammlung expressionistischer Lyrik. In den Jahren 1920–1922 arbeitete Pinthus als Dramaturg am Deutschen Theater in Berlin. 1938 emigrierte er in die USA und ließ sich 1967 – im Anschluß an mehrere Europareisen – wieder in Deutschland nieder. Seine letzten Lebensjahre verbrachte er in Marbach am Neckar: Das Deutsche Literaturarchiv (DLA) betreut die Bibliothek und den Nachlaß von Kurt Pinthus. – Quellen: Neue Deutsche Biographie, Wikipedia, DLA (Nachlaß Kurt Pinthus).

Else Lasker-Schüler hatte bereits am 25. November 1923 in der »Tribüne« ein erstes Mal aus dem Manuskript von »Ich räume auf!« gelesen. In seiner Besprechung der Matinee schreibt Herbert Ihering: »Es gibt wenige Künstler, die heute noch den Mut haben, ihr eigenes Leben zu leben. Ein Leben fern vom Betrieb, einsam, ihren Phantasien hingegeben. Zu diesen wenigen, die sich nicht industrialisiert haben, gehört Else Lasker-Schüler (und Ludwig Meidner). Diesen Mut zu sich selbst, diese Versunkenheit in sich selbst geben dem Aufschrei ›Ich räume auf‹ das Erschütternde. […] Else Lasker-Schüler findet Worte – tiefere Sinnbilder als sie tagesberühmte ›Dichterfürsten‹ gefunden haben. Else Lasker-Schüler findet Worte voll reinerem Humor, als sie Humoristen jemals finden können. Darum wäre die Wirkung schon eingetreten, wenn Else Lasker-Schüler von allzu persönlichem, privat gebliebenen und deshalb störendem Detail abgesehen und nur die große Linie des Kampfes gestaltet hätte: des Kampfes zwischen dem schaffenden Menschen, der in seiner Schöpfung zwecklos bleibt, und dem Verleger, der diese Schöpfung vertreibt und damit zu einem Zweckgegenstande, zum Geschäftsobjekt macht. Das Erlebnis blieb trotzdem, das Erlebnis des Werkes und des Vortrags (Else Lasker-Schüler hat eine faszinierende Sprechmelodie, wenn sie liest). Und es wäre ein Erfolg, wenn Else Lasker-Schülers Verleger (Cassirer, Flechtheim, Oesterheld, Axel Juncker) durch diesen Vormittag zu einer einsichtigen Stellungnahme gebracht würden.« (H. Ih.: Else Lasker-Schüler. In: Berliner Börsen-Courier. Jg. 56, Nr. 557 [Morgen-Ausgabe] vom 28. November 1923, Beilage. S. 5.) In der »Vossischen Zeitung« erschien eine mit »G. F.« gezeichnete Besprechung der Lesung. Darin heißt es: »Die Dichterin klagt an. Sie klagt ihre Verleger an, die sie hungern lassen. Sie tritt entrüstet aus ihrer Traumwelt heraus und nennt Namen, Ziffern, Daten, ihren Rechtsanwalt. Das Publikum wird die Richtigkeit dieser Belege nicht prüfen; nicht kontrollieren, wie ein Gericht die Einzelfälle beurteilt. Aber Else Lasker-Schüler, in jeder Äußerung ganz sie selbst, sie ist in ihrem Recht, ob man ihr auch juristisch zehnmal das Gegenteil beweisen kann. Denn sie greift reinen Herzens eine Weltordnung an, die ungerecht ist. Die Völker haben sich der Ehrenpflicht entledigt, ihre Dichter, Richter und Propheten aus dem Überschuß ihrer Arbeit zu ernähren, und das Amt an ein paar Geschäftsleute abgetreten, die ihre Ideale mit in die Kalkulation ziehen müssen. / […] Mitten in der Predigt wird ihr eins der drastischen Worte zur bunten Spielkugel, mit der sie jongliert; eine Geschichte aus der Kinderzeit erzählt sie, und plötzlich ist alles bewiesen: denn ihr Leben und ihre Dichtung sind eins, und ihre Dichtung ist eine Macht. Die klugen Leute, gegen die sie sich wehrt, rührend in ihrer Ohnmacht, werden sie schimpfen lassen, wie man ein Kind sich erzürnen läßt, und werden ihr, der ewig Schenkenden, noch etwas zu schenken glauben. Aber die Rechnung geht doch nicht auf. Denn am Schluß las Else Lasker-Schüler ihre schönsten Gedichte und den ›Scheik‹.« (G. F.: Else Lasker-Schüler klagt an. In: Vossische Zeitung [Berlin]. Nr. 563 [Abend-Ausgabe] vom 28. November 1923.)

Karl Jürgen Skrodzki. Aktualisiert am 30. September 2011.