Karl Jürgen Skrodzki

Homepage

Inhalt

 Inhalt ausblenden!

 Druckversion

Copyright © 2003–2017

Karl Jürgen Skrodzki, Lohmar

A[lexander] E[liasberg]: Else Lasker-Schüler: »Die gesammelten Gedichte«

Else Lasker-Schüler: »Die gesammelten Gedichte«. Verlag der Weißen Bücher, Leipzig. 1917. 5 M.

Der zu früh verstorbene Peter Hille schrieb über sie: »Else Lasker-Schüler ist die jüdische Dichterin. Von großem Wurf. Was Deborah!« Der Dichter Hille erkannte das tiefste Wesen der Dichterin Lasker-Schüler. Was die Herausgeber der »Zionsharfen« und ähnlicher deutsch-jüdischen Anthologien und die Veranstalter der »Vortragsabende jüdischer Dichtung« nicht wissen, war ihm bekannt: Else Lasker-Schüler ist nicht nur jüdischer als alle jüdischen Tendenzdichter und selbst als die echten deutsch-jüdischen Dichter (wie Heine); sie ist vielleicht der einzige wahrhaft jüdische Dichter deutscher Zunge. Ihr Judentum ist nicht Tendenz, nicht Überzeugung, nicht Form und Verkleidung, sondern Blut. Diese in Elberfeld geborene deutsche Jüdin ist sogar jüdischer als die Dichter des gepriesenen ost-jüdischen Reservoirs, von dem da behauptet wird, daß es allein noch jüdische Kunst hervorbringen könne. Vor zehn Jahren noch von vielen verlacht, nur von wenigen, sehr wenigen erkannt und anerkannt, hat sie sich allmählich den ihr gebührenden Platz in der Literatur erkämpft, und ihre Gedichte liegen nun in einem stattlichen, entzückend gedruckten Bande gesammelt vor. Beim Lesen dieses Bandes müssen wir immer und immer wieder staunen, wie tief Peter Hille diese Dichterin schon vor fünfzehn Jahren erkannt hat. Jüdisch, ja noch mehr: hebräisch sind alle ihre Gedichte und nicht nur die so betitelten »Hebräischen Balladen«. Wo wir das Buch auch aufschlagen, aus allen seinen Blättern weht uns der echte Duft des Hohenliedes entgegen; keine Stilisierung, keine Maskerade, sondern echter jüdischer Prophetengeist, wie er uns heute nur noch in Bialiks Werken entgegentritt. Else Lasker-Schüler schreibt deutsch. Wir wissen nicht (und bezweifeln es sehr), ob sie Hebräisch versteht, ob sie den Zauber der quadratischen Lettern kennt. Und doch ist ihre Sprache hebräischer als das Deutsch sämtlicher Bibelübersetzungen (auch der Lutherschen) und als das Jüdisch aller ostjüdischen Dichter. Wir stehen vor einem Wunder. Das Phänomen Else Lasker-Schüler wirft alle Theorien vom Ost- und Westjudentum und von den für die zu schaffende »wahre« jüdische Kultur notwendigen Vorbedingungen um. Es läßt nur ein Gesetz gelten: das Gesetz des Blutes. »Was Deborah!« sagt Peter Hille. »Sie hat Schwingen und Fesseln, Jauchzen des Kindes, der seligen Braut fromme Inbrunst, das müde Blut verbannter Jahrtausende und greiser Kränkungen.« Wir empfehlen das herrliche Buch allen, die die Seele Israels lieben und suchen und sie in den »Zionsharfen« und in den Programmen der »Vortragsabende jüdischer Dichtung« vermissen.   A. E.

* * *

Aus: Neue jüdische Monatshefte (Berlin und München). Jg. 2, H. 11 vom 10. März 1918. S. 265 (»Literaturblatt«).

Der Übersetzer und Literarhistoriker Alexander Eliasberg (1878–1924) war Mitherausgeber der »Neuen jüdischen Monatshefte«, die von 1916 bis 1920 erschienen. – Quelle: Wikipedia.