Karl Jürgen Skrodzki

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Karl Jürgen Skrodzki, Lohmar

Anselm Ruest: Else Lasker-Schüler, Mein Herz

Else Lasker-Schüler, Mein Herz. Ein Liebesroman mit Bildern und wirklich lebenden Menschen. Verlag Heinrich F. S. Bachmair, München und Berlin. Mk. 4,–.

Ein Roman? Nein, tausend Romane; auf jeder Seite dieses zuchtlosen, wilden, süßen Buches vier, ja fünf Romane. Seine Form ist die Formlosigkeit, seine Häuslichkeit der Urwald. Wie man in Wolken die Gesichter von Tieren und Dämonen findet, wie Knaben die Landkarte sehen als Hand, als Stiefel, als Dame, so liest diese Frau die geballte Fabel aller Menschen, die ihr begegnen; sie liest sie mit unbeirrbarer Sicherheit, aber oft sind von einer Mitternacht bis zur anderen die Schriftzüge aus rot in blau geflossen. Denn nichts hat vor dieser Dichterin unwandelbaren Bestand, sie hat keine Heimat, sie schwebt auch nur durch ihren eigenen Liebesroman; sie hat so gar nichts von den irdischen Ränken und Intriguen der Liebenden. Eine Liebe vielleicht hat sie, zur Urheimat ihres Blutes, zu Bagdad vielleicht oder Theben, und unaufhörlich erläßt sie Manifeste an ihre geliebten Untertanen; gemach, und wenn ihr fühlt, sie kommt, so haltet sie noch auf, denn sie will unterwegs sein – ewig unterwegs. Lügt ihr immer, Theben sei noch zweitausend Meilen entfernt, bittet sie aber um den funkelnden Regen ihrer Worte, wovon eure Palmen gedeihen, ja, womit ihr die ganze Sahara in Oase verwandeln könntet! Sie liebt selbst unmäßig die Lüge, darum spricht sie so wahr; aus farbigen Punkten und Strichen entwirft sie Schleier um alles Ding- und Menschartige, darum steht das plötzlich pointilistisch echt und erstaunlich vor aller Blicken. Ein Bild vielen heutigen Lebens. Und doch kein Schlüsselroman. Ein Buch das uns ruhlos macht, unphiliströs, daß wir ausgehen, Abenteuer zu suchen.  Anselm Ruest.

* * *

Aus: Die Bücherei Maiandros. Eine Zeitschrift von 60 zu 60 Tagen (Berlin-Wilmersdorf). Buch 3 vom 1. Februar 1913, Beiblatt. S. 3.

Anselm Ruest (eigentlich: Ernst Samuel) (1878–1943), philosophischer Schriftsteller, Kritiker und Essayist in Berlin. Er war Mitherausgeber der Zeitschrift »Die Bücherei Maiandros« (1912–1914) und Herausgeber der Zeitschrift »Der Einzige« (1919–1925). 1911 unterstützte er als einer der engsten Weggefährten Franz Pfemfert bei der Gründung der Zeitschrift »Die Aktion«. – Quelle: Akademie der Künste, Berlin (Anselm Ruest Archiv).