Karl Jürgen Skrodzki

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Karl Jürgen Skrodzki, Lohmar

Max Herrmann [Herrmann-Neiße]: Else Lasker-Schüler / Gesichte

Else Lasker-Schüler / Gesichte*)

Else Lasker-Schüler ist unserer Dichtung mater dolorosa und heilige Mirjam, eine Circe der Verklärung, vor der noch die Schweine zu Engeln werden. Jede ihrer Gaben ist aus ihrem dunkelrauschenden Blut erblüht, mit ihrem Atem ausgestoßen und von ihrem Blick gesegnet. Ihr neuestes Buch (das sie Kurt Wolff schenkte) heißt »Gesichte«. Tiefendurchleuchtende, bedeutsame Visionen sind auch noch die kleinsten Geschenke dieses Werks, »Bekenntnisse einer schönen Seele«, die Selbstbewußtheit und kindlichechte Innigkeit und die hellseherische Gewalt der Gottesprophetinnen hat. Manche dieser Kleinodien sind wie Gebete und manche wie Liebeslieder und manche wie Spiele in Unschuldswiesen. Von welch schlichter Paradiesgläubigkeit sind die Konfession »Sterndeuterei« und die andere Peter-Hille-Hymne! Und dann blinzelt so ein goldiges Lachen wie in den Capriccios »Künstler« oder »Unser Café«. Von guten und bösen Tagen singt sie als Eine, der alle Dinge zum Besten dienen. Sie schwärmt von Menschen, und die stehen in einer klingenden Gloria da: »Sein Name ist so mutwillig: / Franz Werfel. – – – Doch auf seiner Lippe / Ist eine Nachtigall gemalt.« Man sieht eine Schwester den Bruder streicheln, wenn sie von Kerr sagt: »Aber seine allerschönste Dichtung war ein spanischer Essay; jedes Wort trug eine Abendrotrose im Haar, jedes Wort war eine Sennora, erhob sich und tanzte.« Und als ich das las: »Ich möchte manchmal zu ihm sagen, so ganz unmotiviert: Lieber Peter Altenberg«, ward mein Herz vor der feinnervigen Güte dieser Frau andächtig und dankbar. Schauspiel- und Zirkuswundern jauchzt sie zu, daß alles Schwere von uns abfällt und Jugend wieder mit uns ins Blaue fliegt. Alles bleibt unvergeßlich in uns, wie etwa herrliche Seelenschöpfungen Oskar Sauers mit der Macht einmaliger Offenbarungen für immer Bezirke unserer Erinnerung übersternen. Und über jedes seiner eigenen Lieder möchte man ihren Namen setzen als den einer allmächtigen Schutzpatronin.

Max Herrmann / Neiße

*) Kurt Wolff Verlag.

* * *

Aus: Wiecker Bote (Greifswald). Jg. 1, H. 10 vom Juni 1914. S. 15 (»Am Rande«).

Max Herrmann-Neiße (eigentlich: Max Herrmann) (1886–1941), Schriftsteller und Kritiker. Er stammte aus Neiße in Oberschlesien und studierte in München und Breslau Literatur- und Kunstgeschichte. 1909 verließ er die Universität ohne Abschluß. Ab 1911 veröffentlichte er Gedichte, Prosa und literaturkritische Schriften in der »Aktion«, im »Pan«, in den »Weißen Blättern« und in weiteren Zeitschriften des Expressionismus. 1917 zog er von Breslau nach Berlin und zählte dort in den zwanziger Jahren zu den angesehensten Literatur- und Theaterkritikern. Im März 1933 emigrierte er in die Schweiz und ging von dort über die Niederlande und Frankreich nach London. – Quellen: Neue Deutsche Biographie, Wikipedia.