Karl Jürgen Skrodzki

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Karl Jürgen Skrodzki, Lohmar

Rudolf Blümner: Die Wupper

Die Moral der Gesellschaft erschrickt vor der Moral des Kosmos. Die Gesellschaft selbst organisiert ihre Konflikte und das Drama wird zur Notwendigkeit. Aber wo der Dichter die Zusammenhänge mit der Ewigkeit noch in den letzten Zuckungen verehrt, erschrickt die Gesellschaft vor dem abstrakten Begriff der Erotik.

Erschreckt nicht, wenn Ihr Else Lasker-Schülers Drama lest. Die Zeitlichkeit des erotischen Konfliktes habt Ihr geschaffen. Von den ewigen Zusammenhängen Eurer erotischen Kräfte habt Ihr nichts genommen und Ihr dürft bekennen: So sind die Menschen.

Erschreckt nicht und irrt Euch nicht. Wir wissen nichts von den letzten Drängen derer, die um uns sind. Denn alle verbergen wir unsere Leiden-, unsere Freudenschaften. Wir erschrecken vor dem Ungeheuren, von dem wir träumen, und können nicht tragen, was wir erleben möchten.

Irrt Euch nicht. So fremd sind uns die Nächsten, daß wir sie in nichts uns ähnlich glauben und den Verhüllten fast als anerotisch empfinden. Nur der Intellekt überredet uns, daß wir gleich sind im Ursprung unserer Geschlechtlichkeit, verschieden in der Form, wie jeder sich mit dieser Qual und Freude abfindet. Spielend treibt der Dämon dorthin, wo die Gesellschaft erlaubt oder verbietet. Aber die Intuition weiß von den ewigen Zusammenhängen, wo Gesetzgeber und Richter strafen, was sie selbst tun möchten, und das Auge der Dichterin sieht die Enden, wo nichts normal oder unnormal ist. Keiner braucht zu erkennen, so wie sie. Aber keiner darf sagen: so sind die Menschen nicht und die für den Auswurf halten, denen wir gleichen. Ihr Charakter ist die Schattierung ihrer Geschlechtlichkeit.

Durch Else Lasker-Schülers Drama »Die Wupper« wandelt der Schrecken der Geschlechter. Aber irrt Euch nicht. So sind die Menschen. Sie suchen schmerzvoll den Genuß und entsagen, weil sie sich ihm nicht gewachsen fühlen und noch in der Askese bekennen: Wir strafen, weil wir nicht genießen können. Was übrig bleibt, ist bleichende Phantasie. Die Tochter aus gutem Hause läßt sich von der Freundin, der Tochter des Oberbürgermeisters, nackt photographieren. Ihr Bruder aber muß sich erschießen, weil er mit Mädchen unter vierzehn Jahren – oder so etwas Ähnliches. Und die alte Mutter Pius, die ihm die Kleine zuführt, lenkt mit der unerloschenen Geschlechtlichkeit ihres Kupplertriebes die Schicksale von Proletariern und Fabrikbesitzern. Wille und Intelligenz, Studium und Arbeit, Spielerei und Müßiggang strömen aus derselben Quelle, und aus Geschlechtsunterschiedlichem formen sich die Charaktere des Dramas. Ihr Milieu ist nicht ihr Haus und ihre Heimat und nichts ihr Beruf, sondern die Umgebung ihrer Mitmenschen. Die Sonderheiten ihrer Sprache sind nicht Dialekt, sondern Grade ihrer Mitteilungsfähigkeit.

Erschreckt nicht. Das Geschlecht ist ein Geheimnis, das die Menschen hüten. Der Dichter weiß es, aber auch er nennt es nicht beim Namen. Der Harmlose legt das Drama aus der Hand und fragt vielleicht: Was ist geschehen? Hier ist die Größe dieses Werks: Wieder wird die Kunst zur Natur, wo die letzten geschlechtlichen Dinge nicht dialogisiert werden. Alles strömt in die Worte, die gewollt und nicht gemeint sind, wo das Reale und Alltägliche zum Symbol wird. Wo keine Frage ihre plumpe Antwort findet, keiner Antwort die dreiste Frage vorangeht.

Erschreckt nicht. Das Geschlecht ist ein Geheimnis. Wer es erfährt und den Tod nicht finden kann, den stößt die Gesellschaft aus. Nun irrt der Herumgetriebene, der seine Scham entblößt hat, am Rande der Welt. So umschleichen Pendelfrederich, Gläserner Amadeus und Lange Ama die Geschlechts-Unwissenden. Sie aber wissen von den jenseitigen Dingen, von Träumen und Tod. Pendelfrederich murmelt Böses und erkennt: »Ich hab’ nicks von’s Leben, aber es hat mir zum Zeitvertreib – – –«

Erschreckt nicht. So sind die Menschen. Und so ist ihre Ewigkeit.

* * *

Aus: Das Theater (Berlin). Jg. 1, H. 6 (1909, November II). S. 128 f.

Rudolf Blümner (1873–1945), Schauspieler, Rezitator und Publizist. Er war ursprünglich Jurist und widmete sich ab der Jahrhundertwende ausschließlich der Schauspielkunst. In Berlin gab er Sprechunterricht an der Schauspielschule und trat unter Max Reinhardt am Deutschen Theater auf. Else Lasker-Schüler schrieb über ihn den Essay »Rudolf Blümner«, der 1913 in »Gesichte« erschien, vermutlich aber bereits einige Jahre früher entstanden ist. Blümner war ein enger Freund von Else Lasker-Schülers zweitem Mann Herwarth Walden und wurde vor allem durch seinen Vortrag expressionistischer Dichtungen im »Sturm«-Kreis bekannt. Die Vortragsabende fanden in den Räumen des »Sturms« in der Potsdamer Straße 134a, dem Sitz des Verlags und der Galerie, statt. Zum 50. Geburtstag Rudolf Blümners veröffentlichte »Der Sturm« (Jg. 14, Nr. 8 vom August 1923. S. 113–119) Beiträge von Herwarth Walden (»Rudolf Blümner zum fünfzigsten Geburtstag. Bekenntnisse und Erkenntnisse«), Oskar Kokoschka (»Rudolf Blümner« und »Rudolf Blümner. Geboren am 19. August 1873« [Zeichnungen]), Kurt Heynicke (»Sturmposaune. Für Rudolf Blümner. Am 19. August 1923« und »Vortragsabend. Für Rudolf Blümner« [Gedichte]), Lothar Schreyer (»Die Stimme Rudolf Blümners«), William Wauer (»Porträtbüste Rudolf Blümner« [Fotografie der Plastik]), Kurt Schwitters (»Porträt. Rudolf Blümner« [Gedicht]) und Franz Richard Behrens (»Sechstaktmotor. Für Rudolf Blümner« [Gedicht]). Von diesen Beiträgen waren bereits in früheren Ausgaben des »Sturms« die erste der beiden Zeichnungen Oskar Kokoschkas (Jg. 7, Nr. 7 vom Oktober 1916. S. 77) und Kurt Heynickes Gedicht »Vortragsabend. Für Rudolf Blümner« (Jg. 8, Nr. 3 vom Juni 1917. S. 34) sowie die beiden Gedichte von Franz Richard Behrens (Jg. 8, Nr. 3 vom Juni 1917. S. 40) und Kurt Schwitters (Jg. 10, Nr. 8 vom November 1919. S. 125) erschienen. Zuvor hatten Rudolf Kurtz im März 1912 im »Sturm« die Besprechung »Der Vortragsabend von Rudolf Blümner« (Jg. 2, Nr. 104. S. 830) und Kurt Heynicke im Mai 1915 das Gedicht »Ein Vortragsabend von Rudolf Blümner« (Jg. 6, Nr. 3/4. S. 22) veröffentlicht. – Quelle: Wikipedia.