Karl Jürgen Skrodzki

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Karl Jürgen Skrodzki, Lohmar

Bess Brenck Kalischer [Brenck-Kalischer]: Die Wupper

Die Wupper.*)

Die Materie träumt, Bild einer heiligen Nacht.

Ein großer Traum, blutbuchenhaft, schicksalsvoll, klingendes Spiel – Lieschens schwarzer Schrei, als man sie in die Zwangsanstalt steckte – klirrt in unserem Herzen weiter – hört ihr anderen ihn nicht auch über das ganze Spiel weg? Läutet euer angestoßenes Herz – oder haben nur Landstreicher gläserne Herzen – die Verkündigung. Die größeste aber ist die Liebe. Lösung aller sozialen Fragen.

Daß überhaupt wieder Urnacht aufträumt ist so starkes Erleben. Wer unserer Intellektdichter käme so aus Stern-Heimen. Daß die Wupper formal ästhetisch kein Dramas ist – gewiß – die anderen – fleißiger an Ibsen orientiert, können es besser. Lasker-Schüler ist hier – sie ist es nicht immer geblieben – schicksalhaft. Zwingt uns alle in ihr Karussel, in dem Lieschen auf einem Schwan, es war sicher ein Schwan, neben einem heiser singenden Nilpferd sitzt. Man greife den Ring, man greife den Ring, Herrschaften, E. L. Sch. hat ihn. Freifahrt. O Dichtung, besonnener Spiegel einer höheren Instanz. Hinein greifen in volle Himmel, wissen um jeden Gegensatz. Daß an der Peripherie des Stückes – damit umgreife ich in weiterem Sinne die ganze bürgerliche Sphäre – das Drama an die naivsten Zeiten des Naturalismus erinnert, konstatiere ich pflichtgemäß.

Lieschen Puderbach, das Vollweib in der Knospe, Engelsbraut, blauer Traum neben Eduard, sie berauscht sich mit Bruder Heinrich, stiebitzt dem Bruder die Pfeife, dem alten Realisten Wallbricker ein Geburtstagsgeschenk zu machen. Groß, wie dem Alten im Traum die Erinnerung des Versprochenen kommt, er ahmt Lieschens Stimme nach. Ein ganzes Jarhundert voll Psycho-Analytiker, und sei es das zwanzigste, wiegt einen Dichter nicht auf. Eduard, süße Blume aus singendem Herzen, nimmt vom Tode her in Güte den Gegensatz des Lebens auf sich.

O, daß endlich unsere von allen Toden beschattete Jugend daseinsvoll – heilig nüchtern – dies Wort ward einmal im Wahnsinn geschrieben – verkriecht euch alle Erkenntnistheoretiker von –     und so klingen mir hier zusammen – o warum nur mir – wer Ohren hat der höre, Hölderlin, Lasker-Schüler, Strindberg, er der im Studenten der Gespenstersonate die Wurzelscheibe kommender Geschlechter ahnte. Denn der Ton ist ewig, nur die Melodie wechselt. Ueberragend Mutter Pius, halb Verbrecher, halb Gott. Sie allein weiß um Lieschens letzte Spaltungen, die groß. Ist doch Pubertät die Zusammendrängung des meist auf viel zu viele Jahre verteilten Lebens, bitte übrigens, wohl verstanden, weil nicht erkannten Lebens. Mutter Pius ist volle Erde – Jahrmarktsbudentrödel – die zweiköpfige Mumie – und reliquienschreinvoll. Sie die Alte hat noch der Liebe, sie ist ein Erdbeben, Kristall und Schlamm gleichzeitig aufwerfend. Immer Hochdruck. Immer Dichter. Ihr am nächsten – nur nicht so umfassend, die drei Landstreicher. Schrieb mal einer von den jubelnd Ausgestoßenen des Lebens? Erst hinter den Grenzen des Gesetzten – am Urhorizont leuchten die Sterne.

Alle Grenzen sind nur Zeichen,

Die Du sicher überschreitest.

O Gott, o Gott, warum haben nur Dichter diese Sicherheit, wo doch alle erfüllt sein sollten. Des Menschen Sohn, von sich selbst ausgesetzt, verdorrt in Wüsten, der Träger sein sollte verdarb zum Getragenen; so verdarben auch noch die wenig Einzigen – letzte Stufe – weil immer noch bedingt – des Absoluten. Else Lasker-Schüler ahnt – ahnungslos – im Landstreicher Pendelfrederich, man verstehe mich wohl vom Gegenpol aus, die Lehre unserer Zeit, die Indifferenzlehre.

Die bürgerliche Sphäre – wie schon gesagt – kindlich, oft schablonenhaft. Doch auch hier manch Wertvolles. Wie z. B. das Mädchen Berta in den Kleidern des Fräuleins das Haus verläßt und ihre eigenen zurückläßt. Gestriges – nein leider schon wieder Heutiges – antizipierend die Szene, wo der betrunkene Fabrikant seinen Leutnantskoller bekommt und wie selbst noch im Rausch des Militarismus, diese schändlichste Maschine, funktioniert.

– – Aber die Aufführung. Ich bin in der Lage jenes Mannes, der von den Bourbonen sagte, sie haben nichts vergessen und nichts hinzugelernt. Zwar liegen nicht 25, doch einige Jahre zwischen der heutigen und meiner letzten Reinhardt-Premiere. Und so möchte ich ein Kierkegaard’sches Wort variieren: »Und so wäre ich lieber Schweinehirt und hütete die Schweine als ein Stückeschreiber und vom jungen Deutschland – für das doch Herr Reinhardt zeichnet – aufgeführt.« Die letzte Hoffnung für eine kulturelle Möglichkeit dieser reichfundiertesten Berliner Bühne ging mir heute verloren.

Vom reinen Kitsch der Ausstattung zu schweigen. Jochen aus Buxtehude – der einmal aus Versehen in der Stadt ein futuristisches Bild sah – mag Nachts im Alpdruck so von seinem Dorf träumen. Wem Intuition versagt ward – hatte doch immer noch in Berlin einige Erkenntnismöglichkeiten. Haben Sie Herr Stern nie von einem Maler Chagall gehört? Der im Klang seiner Farben, sie quellen ihm aus dem linken Arm und er zerreibt sie mit seinem Herzen, Zerrissenstes band. – – Aber die Aufführung – – In diesem Stück, wo Eros in einer Viel-Verschlungenheit, die bis ins Abstruse geht – aber immer Eros bleibt, diesen in so gemeiner Weise in sexus umzudrehen! Blutspiel bleibt doch immer Blutspiel! Lärm ersetzt nicht Intensität. Sinnlichkeit als Dominante entzündet über dem Hügel des Gehirns Sterne. Wer von den Darstellern – außer den Landstreichern – in ihrer Gesamtheit matter Mond – leuchtete?

Mutter Pius ward einer Frau anvertraut, der man ohne weiteres glaubte, daß sie gezuckerten Kaffee trinkt und Valenciennes wäscht. Aber ihr Dämon, der sie leichenbeschwörend »ach du lieber Augustin« singen läßt. War Frau Eysold – unvergessene Mumie der Gespenstersonate – zu schade für diese Rolle, oder – falls sie verhindert war – spielt Frau Bertens nicht mehr an der Reinhardtbühne? Oder wäre Frau Grüning nicht für diesen Nachmittag zu gewinnen gewesen? Lieschen Puderbach, Margarete Schlegel diese vollere Schwester Wendla Bergmanns – war wenigstens jung – ein starker Regisseur hätte aus diesem Mädchen mehr herauszwingen können. Warum so wenig Achtung vor der Dichterin? Ich will dies an einem kleinen Beispiel illustrieren. Großvater Wallbricker kräht schlaftrunken »meine Piepe will ich haben« in Lieschens Ton. Diese Nachahmung im Halbtraum ist genial. Darf ein Regisseur – vom Darsteller will ich schon schweigen – so etwas übersehen. Warum gab man dem Schwärmer Edward durch gedrungene Kleidung das Ansehen eines pfäffischen Mönches. Und auf etwas möchte ich die Regie für eine Wiederholung hinweisen. Als Edward sich zum Schluß von dieser Erde wendet, berühre er noch einmal – er nahm ja auch das Papier von dem Spiegel – Lieschens Tür mit liebender Hand. Mit liebender …

Ach Du lieber Augustin, Herr Reinhardt.

Bess Brenck Kalischer.

*) Zur Aufführung des Dramas von Else Lasker-Schüler.

* * *

Aus: Der Einzige (Berlin-Wilmersdorf). [Jg. 1,] H. 15/16 vom 4. Mai 1919. S. 177 f.

Bess Brenck-Kalischer (eigentlich: Betty Levy) (1878–1933), aus Rostock gebürtige Schauspielerin, Rezitatorin und Schriftstellerin. Nach 1900 lebte sie in Berlin, wo sie anfangs in der Freien Studentenschaft aktiv war, um 1917 hielt sie sich einige Jahre in Dresden auf. Ihre ersten Gedichte erschienen 1905 in der Zeitschrift »Charon«. Bekannt wurde sie vor allem durch ihre Beiträge in expressionistischen Zeitschriften. Aus der Ehe mit dem Schriftsteller Siegmund Kalischer (1880–1911) stammt die Tochter Ruth (geb. 1906), die bereits als Kind große schauspielerische Fähigkeiten besaß: Über Ruth veröffentlichte Else Lasker-Schüler 1910 den gleichnamigen Essay, in dem sie deren Darstellungskunst würdigt. – Quelle: Wikipedia.