Karl Jürgen Skrodzki

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Karl Jürgen Skrodzki, Lohmar

Moriz Seeler: Über Else Lasker-Schüler

Das Buch

Über Else Lasker-Schüler

Else Lasker-Schüler, in sich versponnenes und im eigenen Blut ganz versunkenes Geschöpf, ein elbisches Wesen fast, etwas ganz Naturhaft-einfaches und zugleich Phantastisch-buntes, Mischung aus Prophetin, Elementargeist und liebendem Kind, von einem ursprünglichen und ewigen Spieltrieb ganz bewegt, in einer rührenden und erhabenen Verträumtheit dahingleitend, diese merkwürdige und einzige Frau, außerhalb und jenseits der Zeit, aber rein und verehrungswürdig wie kaum eine Gestalt dieser Zeit – sie ist ganz den geheimen und dunklen Mächten des Blutes anheimgegeben: ihre Gesänge sind die Gesänge dieses uralten Blutes, das einst schon die Helden, die Heiligen und die Harfenspieler der Bibel durchströmte. Sie hat noch das Chaos in sich, aber sie kann auch – und das ist das Wesentliche! – aus dem Chaos heraus eine Welt entstehen lassen, sie hat – und das verbindet sie mit jenen längst vergangenen Jahrtausenden ihrer Väter und Erzväter – den Willen und die Kraft zur Legende, und sie ist – was mehr noch vielleicht bedeutet – selber Gestalt einer Legende, sie entstieg dem Mythos und sie gebar aus sich heraus einen neuen Mythos. Sie ist eine wahrhaft große Dichterin, weil sie wahrhaft verwurzelt, verbunden und gebunden ist, aber verwurzelt nicht in jenem engen und beschränkten Sinne, dem eine enge und beschränkte »Heimatkunst« verwurzelt ist. Sie weiß: »Wer das gelobte Land nicht im Herzen trägt, der wird es nie erreichen.« Dieser Satz, der unter anderem das eigentliche Problem eines geistigen Zionismus über eine rein praktisch-politische Bedeutung hinaus auf eine endgültige Formel bringt, steht im »Wunderrabbiner von Barcelona« (bei Paul Cassirer, Berlin 1921), aus ihm ergibt sich der innerste Sinn ihres gesamten Schaffens, der innerste Sinn auch dieses kleinen, zarten Nebenwerkes, das wie ein Stammeln vielleicht anmutet, aber wie das heilige Stammeln einer Träumenden, einer Seherin. Diese Legende, verzichtend fast auf äußere Zusammenhänge, aber unterirdisch um so fester gebunden, ist ein Gesang der Trauer und des Schmerzes, aber auch der Liebe und der Erlösung, ist Spiel und Blut. Das Leid und die Verzweiflung Judas brauchten nicht ausgesprochen, Verfolgung und Pogrom nicht dargestellt zu sein, aber unterhalb der Worte würde dennoch jener Schmerz und jene Verzweiflung lagern; und gingen auch der Christenjüngling Pablo und das Judenmädchen Amram nicht entrückt und liebend aufeinander zu und ineinander ein, alle diese Geschehnisse wären doch wie verklärt von Liebe. In diesem Nebenwerk spiegelt sich schön und rein das Gesamtwerk dieser Dichterin, aus deren Versen immer der schmerzlich-stolze Ruf: »Mein Volk!« emporstößt, und die auch sang: »Ich habe Liebe in die Welt gebracht, daß blau zu blühen jedes Herz vermag.«

Moriz Seeler

* * *

Aus: Der Feuerreiter. Jg. 1, H. 1 vom Dezember 1921. S. 37 (»Das Buch«).

Moriz (Moritz) Seeler (1896–1943), Theaterleiter und Filmproduzent. 1922 gründete er in Berlin die »Junge Bühne«, ein avantgardistisches Matinee-Theater ohne festes Ensemble und eigenes Haus: Als Inszenierung der »Jungen Bühne« fanden unter anderem 1922 die Uraufführung von Arnolt Bronnens »Vatermord« und 1926 die Berliner Erstaufführung von Bertolt Brechts »Baal« statt. 1929 produzierte Seeler den Film »Menschen am Sonntag«, der heute als Klassiker des Stummfilms gilt. 1933 ging Seeler zunächst nach Prag und Wien, kehrte aber 1935 wieder nach Deutschland zurück. Am 15. August 1942 wurde er ins Getto Riga deportiert. Else Lasker-Schüler widmete ihm 1920 den Prosatext »Hans Heinrich von Twardowsky«. Im Berliner Ortsteil Wilmersdorf erinnert am Haus Brandenburgische Straße 36 eine Gedenktafel an Moriz Seeler, der dort um 1920 einige Jahre gewohnt hat.