Karl Jürgen Skrodzki

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Karl Jürgen Skrodzki, Lohmar

[Anonym:] Else Lasker-Schüler, »Die gesammelten Gedichte«

Else Lasker-Schüler, »Die gesammelten Gedichte«; Verlag der Weißen Bücher, Leipzig 1917. Preis Mark 5.

Der Name dieser Dichterin, deren Gedichte hier veröffentlicht werden, hat einen guten Klang in der Welt der Poesie. Sie ist keine gewöhnliche Dichterin, die nach alten Reimen ihre Lieder singt, sondern ihre Verse poetisch erklingen läßt in eigener, selbständiger Weise. Der Dichter Peter Hille sagt von ihr im Vorworte dieser Sammlung, Else Lasker-Schüler sei die jüdische Dichterin von großem Wurf. Was Deborah! Ein schönes Wort von einem Dichter und eine gute Empfehlung für eine Dichterin! Auch etwas viel gesagt! Aber es ist nicht zu viel gesagt, wenn man von ihren Gedichten die Meinung äußert, daß sie einer tapfern, starken Seele und einem weisen Gemüte entspringen. Kernig und mutig sind ihre Gemütsäußerungen. Peter Hille vergleicht Else Lasker-Schüler mit dem deutschen Dichter Heine in vieler Beziehung und nennt sie schelmisch Prinzeß Tino, die »in den Abendfarben Jerusalems sieht«.

Mit größtem Interesse lesen wir die hebräischen Balladen, die Karl Kraus gewidmet sind. Es sind eigenartige Schöpfungen, aber sie gehen ans Herz, sie greifen uns an. Wie singt sie doch so schön in »Mein Volk«, »Der Fels wird morsch, dem ich entspringe«. Und meine Gotteslieder singe: »Jäh stürz ich vom Weg und riesele ganz in mir, fernab, allein über Klagegestein dem Meer zu«.

»Hab mich so abgeströmt von meines Blutes Mostvergorenheit. Und immer, immer noch der Widerhall in mir, wenn schauerlich gen Ost das morsche Felsgestein, mein Volk, zu Gott schreit.«

Es ist ein seltener Sinn in diesen Gedichten. Diesen Sinn ergründen und sich in den Geist der Dichterin versetzen, kann nicht jeder Sterbliche. Es gehört Mut und Ruhe dazu. Wem es aber gelingt, die Dichterin in ihrem Schaffen zu ergründen, der hat hohen Genuß von ihrem Dichtgeist, den Peter Hille »einen schwarzen Diamant« nennt, der in ihrer Stirn schneidet und wehetut. Sehr wehe.

* * *

Aus: Israelitisches Wochenblatt für die Schweiz (Zürich). Jg. 17, Nr. 49 vom 7. Dezember 1917. S. 20 (»Literatur«).