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Karl Jürgen Skrodzki, Lohmar

Martha Hofmann: Tot ist die Prinzessin von Theben! (In Memoriam Else Lasker-Schüler)

Tot ist die Prinzessin von Theben!

(In Memoriam Else Lasker-Schüler)

Wie schattenhaft dünn war ihr Körperchen; wirr und verfärbt hingen ihr die Haarsträhnen um ein verrunzeltes Antlitz, das vergilbt war wie Pergament. Blaue Perlenschnüre, wie Fellachenfrauen sie tragen, um den bösen Blick abzuwenden, waren ihr meist um den dünnen, leicht zitternden, bräunlichen Hals geschlungen, Passanten sahen ihr nach und schüttelten in verwirrtem Staunen den Kopf. Wer war wohl diese seltsam-irre Alte? Autochauffeure, in deren Fahrbahn sie wankte, riefen ihr grobe Worte zu. Doch die Wachleute liebten sie. Wenn das Licht bei ihr brannte in den Stunden der Verdunkelung, konnte es wohl geschehen, daß ein ahnungsloser, blonder Polizist in die unaufgeräumte kleine und kalte Stube der Greisin trat, die ihn mit seltsamer Hoheit empfing. Sie hieß ihn auf dem einzigen ganzbeinigen Stuhl niedersetzen, über den wohl eine fadenscheinige Decke gebreitet war und den sie immer für den Besuch der Könige David oder Salomo bereit hielt. Der diensttuende Hüne wußte nicht, wie ihm geschah, wenn sich nun das alte Weiblein auf wackliger Truhe ihm gegenübersetzte, feierlich aufgerichtet, die glühend-schwarzen Wüstenaugen gebieterisch auf ihn geheftet. Dann zog sie ein englisch bedrucktes Blatt aus überfüllter Tischlade heraus und las ihm, in eindrucksvoller Betonung, Übersetzungen ihrer eigenen Verse vor. Überwältigt von Hochachtung verließ dann wohl der Polizist ihr Haus und flüsterte noch im Weggehen ihren Wirtsleuten zu: »Eine große Dichterin wohnt bei ihnen. Man muß Rücksicht auf sie nehmen.« Und er erstattete keinen Rapport.

Man nahm nicht viel Rücksicht auf sie, da sie sonderbar wurde und beschwerlich fiel. Sie stand nur mit wenigen Menschen noch wirklich gut, aber mit diesen dann innig-nahe, zärtlich-verbunden. Am nächsten stand sie den Kindern auf der Straße, den Bettlern, den mühseligen, weißen Eslein Jerusalems, die von Disteln und Staub zu leben scheinen und die sie von Herzen liebte. Auch die Vögel liebte sie sehr und fütterte sie mit reicherer Kost als sie selbst sich gönnte. All diese waren Else Lasker-Schülers beste Freunde in den Tagen des Alters.

Man konnte sie an einer Straßenecke im Dunkeln leis sich heranschleichen sehen an einen halbblinden Bettler, um ihm stumm und verschämt – doch nicht ohne Grandezza – ein mit buntem Bindfaden schön verschnürtes Päckchen zuzustecken – wie ein Geschenk. – Und so schienen von dem Zerlumpten die elenden Fetzen zu Boden zu gleiten, da er nicht ein Almosen empfing, sondern ein edles Geschenk wie ein Prinz.

Ein Geschenk der Prinzessin von Theben!

Daß sie darbte und fror trotz ihrer Freundesschar, trotz der kleinen Pension, die ihr ausgesetzt war, soll nicht als Vorwurf gesagt sein, der ja uns alle träfe. Man wußte es nicht. Sie war schwer zugänglich, ja widerstrebend; sie wollte allein gelassen sein in der nur ihr sichtbaren Traumwelt. Sie, die einst »Prinz von Theben« gewesen und »Tino von Bagdad« war nun ein Sinnbild verwüsteter Trauer, so wie einst der Prophet die verstörte »Tochter Zions« geschildert. Rings aber pulste und brauste das neuerbaute Jerusalem – aber nicht in diesem, dem irdischen, lebte die Sängerin, die schon in der Ferne der Jugend gedichtet: »Meine Seele verglüht in den Abendfarben Jerusalems«.

O, in welch leuchtenden Farben verglühend wäre noch jetzt diese Seele vor uns gestanden, hätte das irdisch-schwache Auge unseres Leibes sie erblicken können! Warum nicht erschien ein Geist ihrer Traumwelt und reichte auch ihr ein geheimes Päckchen, das die Hüllen zur Erde sinken ließ und die Prinzessin neu offenbarte! Nur in ihren Liedern hat sie bis zuletzt sich enthüllt. Dort lebt noch die Blütenpracht, zittert noch jetzt der Sternentanz ihrer seligen Jugend. Ihre Lieder sind ewig, sind bleibend. Sie sind der Geist, der uns offenbar ist.   Martha Hofmann, Tel Aviv.

* * *

Aus: Israelitisches Wochenblatt für die Schweiz (Zürich). Jg. 45, Nr. 10 vom 9. März 1945. S. 28. – In ihrem Beitrag »Else Lasker-Schüler. Die orientalische Dichterin des Westens«, der am 13. und am 27. April 1945 im »Israelitischen Wochenblatt« (Jg. 45, Nr. 15. S. 3 f. und Nr. 17. S. 3 f.) erschien, schreibt Martha Hofmann: »Ohnmächtig vor ihrer zunehmenden Weltentrücktheit, sahen wir in diesen letzten Jahren die so groß Begnadete körperlich immer kleiner werden, gleichsam zusammenschrumpfen. Wie schattenhaft huschte sie dahin zwischen den alten Mauern und neuen Avenuen ihrer traumerschauten Stadt Jerusalem, die sie so lange suchte und so spät fand: // ›Meine Seele verglüht in den Abendfarben / Jerusalems.‹ // lautet der Schlußvers ihrer ›Sulamith‹. / Wenn sie uns gegenüberstand – ärmlich, gebückt, greisinnenhaft – fühlten wir angesichts dieses verfallenden, dürftigen Leibes die für uns Sterbliche ewig geheime Unsichtbarkeit des Geistes. Wenn Menschen gröberen Stoffes zuletzt oft nur noch Körper bleiben, aus dem der Geist sich verflüchtigt hat – so blieb sie zuletzt nur noch körperlose Seele. Die sie sahen, berichten, daß sie im Tode verklärt und voll strenger geistiger Schönheit war wie nur einer, von dem endlich alle Hüllen gefallen sind, der in seine wahre Heimat gelangt ist.«

Martha Hofmann (1896–1975), aus Wien gebürtige Lehrerin, Publizistin und Schriftstellerin. Sie wurde 1920 in ihrer Heimatstadt zum Dr. phil. promoviert und legte ein Jahr später dort die Prüfung für das Lehramt an Mittelschulen ab. Neben ihrer Arbeit als Lehrerin engagierte sie sich für die österreichische Sektion der »Women’s International Zionist Organization« (WIZO). 1934 erschien ihr erster Gedichtband »Das blaue Zelt«. 1938 emigrierte sie nach London und ging 1939 nach Palästina. 1946 kehrte sie nach Europa zurück und machte zunächst in Genf eine Ausbildung als Übersetzerin. Ab 1949 war sie wieder als Lehrerin in Wien tätig. – Quellen: Frauen in Bewegung: 1918–1938; Österreichische Nationalbibliothek – Literaturarchiv.