Karl Jürgen Skrodzki

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Karl Jürgen Skrodzki, Lohmar

Schalom Ben-Chorin: Brief an eine Dichterin

Else Lasker-Schüler: Das Hebräerland. Zürich 1937. Verlag Oprecht.

Jerusalem, im Mai

Verehrte, liebe Dichterin!

Mit den malkosch-feuchten Frühlingswinden, die durch die Straßen Jerusalems brausen, kam auch Ihr schönes Buch »Das Hebräerland«, auf das wir uns alle schon seit langem freuten. Jerusalem »und sein Rehavia« haben die Herzensfahne zum Willkomm gehißt. In den Buchläden liegt der schöne Band, den Ihr Züricher Verleger Oprecht so liebevoll ausgestattet hat, geschmückt mit Ihren anmutigen, springlebendigen Bilderschrift-Zeichnungen. Und da ereignet sich ein seltener Fall: das Buch steht im Schaufenster der Buchhandlung und die Buchhandlung – im Buche. Und viele von den neugierigen Jerusalemitern, die ihre Nase in das Buch stecken, werden dabei auf ihre eigene Nase stoßen. Denn Sie haben das ganze »Hebräerland« zwischen die weißen Leinwand-Wände Ihres Buches gepackt.

Freilich, mancher von uns, dem das festliche Jerusalem zum Alltag geworden, wird seine Welt in Ihrem »Hebräerland« nicht sogleich erkennen. Aber wessen Schuld ist das? Ein ewiges Problem der Erkenntnistheorie wird in Ihrem Dichterbuche Ereignis: ist es möglich, daß zwei Menschen ein und denselben Vorgang in gleicher Weise sehen, hören, riechen, schmecken – kurz – erleben? Wir antworten: nein, und nochmals und gottlob: Nein! Ihre goldenen Märchenaugen haben ein urverheißenes Hebräerland geschaut, das so mancher niemals sah und niemals sehen wird. Der »Bibelstern« verbirgt sein gottgeküßtes Antlitz vor den Nichtswürdigen. Aber den Lieblingen Gottes entschleiert sich Sein erstgeborenes Land Erez Israel.

Sie haben unzweifelhaft recht, wenn Sie sagen: »Nur der dichtende Mensch, der sich bis auf den Grund der Welt Versenkende, zu gleicher Zeit sich zum Himmel Emporrichtende, erfaßt, inspiriert von begnadeter Perspektive aus, Palästina, das Hebräerland!«

Adonai, von dessen Engel am kindlichen Hügel Sie so trostreich-süß berichten, ist ein strenger Wächter über das Land Seines unermeßlichen Weltherzens: Palästina. Wer Ihn nicht sucht, findet das Hebräerland nicht – da nützt ihm kein Lloyd der Welt; und deshalb wird es mich nicht wundernehmen, wenn viele sagen, daß Ihr Buch unwahr und falsch sei. Früher einmal, ich glaube im »Prinz von Theben«, haben Sie geschrieben: »Zum gelobten Land passen nur gelobte Leute«. Es sind in den letzten Jahren viele Juden zur »Mutter Palästina« gekommen … ob’s immer die »gelobten Leute« waren? Gleichviel, das Land wurde davon nicht weniger »gelobt« und immer noch ist der Schatten Gottes groß genug über Jerusalem, daß alle, die Ihn suchen, sich in ihm bergen.

Ich habe im Zusammenhang mit der Lektüre des »Hebräerlandes« einen Traum gehabt (es geht mir oft so, daß ich von Büchern, die ich lese, träume), den ich Ihnen erzählen will, aber – nichts für ungut! Mein verehrter Universitätslehrer, der Münchener Professor für semitische Philologie, Bergsträsser, erschien mir »im Traum der Nacht«, gebeugt über ein Buch, und einen roten Bleistift in der feingliedrigen Hand. Er las und strich, las und strich an. Und als ich ihm über die Schulter sah, war es Ihr »Hebräerland«, das er mit seinem Stift bearbeitete. Mit philologischer Akribie verbesserte er Oderett in Osereth, Kajemed in Kajemeth, Balchem in Baal-Schem, Mischra in Mischnah, strich den Singular Chaluzim und ersetzte in durch Chaluz, bis ich ihn in seiner Arbeit störte, indem ich ihm zurief: »Lieber Professor! Sie haben ja bestimmt (philologisch gesehen) recht, aber was verschlägt derlei im Buch einer Dichterin, die ein wenig schwankend zwar (eingestandenermaßen) in der hebräischen Grammatik, aber sattelfest ist auf dem weißen Kamel, das sie durch das innere Reich der Hebräer und (ahnungsweise) ihrer wüstenrauhen Sprache trägt. Lesen sie nur die herrlichen hebräischen Balladen, alte Freunde, die in diesem Buche wieder neu aufglitzernden Diamanten in der Krone Jussufs, des Prinzen von Theben.«

Da legte der Gelehrte den streitbaren Bleistift beiseite und las und er und ich verloren uns in die beiden Gottesreiche Ihres Buches: in das Hebräerland Palästina und in das Kinderland Ihrer Träume, die »maschentausendabertausendweit« ineinander verknüpft sind in Ihrem kostbaren Teppich.

Ihr   Schalom Ben-Chorin

* * *

Aus: Jüdische Rundschau (Berlin). Jg. 42, Nr. 38/39 vom 14. Mai 1937. S. 6. – Der Abdruck des Textes in der »Jüdischen Presszentrale Zürich« vom 21. Mai 1937 (Jg. 20, Nr. 942. S. 10) ist gekürzt um die beiden Absätze »Ich habe im Zusammenhang …« und »Da legte der Gelehrte …«.

Der Buchhändler, Journalist, Religionsphilosoph und Schriftsteller Schalom Ben-Chorin (ursprünglich: Fritz Rosenthal) (1913–1999) studierte von 1931 bis 1934 in München unter anderem Germanistik und Vergleichende Religionswissenschaften. 1935 emigrierte er nach Palästina und gründete 1936 in Jerusalem die Buchhandlung »Heatid« (»Die Zukunft«), aus der er sich aber schon bald wieder zurückzog. Fortan lebte er vornehmlich von journalistischen Arbeiten. 1936 gab er zusammen mit Adolf Chajes das »Sammelheft« »Die Ernte« (Jerusalem: Manfred Rothschild) heraus, in dem Else Lasker-Schüler mit den drei Gedichten »Es kommt der Abend …«, »Ich weiß …« und »Die Dämmerung naht …« vertreten ist, 1941 mit Gerson Stern die Anthologie »Menora« (Tel Aviv: Walter Menke): Diese enthält von Else Lasker-Schüler die beiden Gedichte »Herbst« (Ich pflücke mir am Weg das letzte Tausendschön) und »Mein blaues Klavier«. Am 22. Juni 1943 las Ben-Chorin in Jerusalem auf Einladung von Else Lasker-Schüler im »Kraal« sein Schauspiel »Söhne«. – Quelle: Wikipedia.