Karl Jürgen Skrodzki

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Karl Jürgen Skrodzki, Lohmar

Else Lasker-Schüler in Zürich

Vortrag, gehalten auf Einladung des Vereins für jüdische Kultur und Wissenschaft (VJKW), Zürich: »Tag des jüdischen Buches« am 26. Januar 2014.

Am 19. April 1933 floh die damals vierundsechzigjährige Else Lasker-Schüler aus Berlin und reiste über den Badischen Bahnhof in die Schweiz ein. In den folgenden Jahren lebte sie abwechselnd in Zürich und im Tessin, unterbrochen von zwei längeren Reisen nach Palästina im Frühjahr 1934 und im Sommer 1937. Elf Tage nach ihrer Ankunft in Zürich, am 30. April 1934, berichtet sie in einem Brief an Thomas Mann ausführlich über ihre neue Lebenssituation:

Hochzuverehrender Herr Professor Doktor Thomas Mann

Ich schreibe, noch an allen Gliedern zitternd – und es gelingt mir nicht einen nettaussehenden Brief zu schreiben – wenn ich auch aus den oberen Ausgleiten meines Federhalters, zwei Cometen zauberte. Ich bin die Else Lasker-Schüler, der – geflohene – Prinz von Theben, bin schon 14 Tage in Zürich, jedoch um weiterzureisen. Kam mit 20 Mk hier an und war völlig hoffnungslos nach paar Tagen, was mir nicht viel ausmachte, zumal ich zwei Jahre nun wie in strengster Zelle lebte, ahnend – und mich dressierte in allerlei Askesen. Auch das Herabsinken meiner Dichtung nach allzumenschlichem Ermessen, überstand ich mit Ergebenheit und Verzicht, zumal es mir immer, mir und meinem Jungen, nach höherem himmlischen emporsteigen ankam. Nur eines möchte ich Ihnen, (nur Ihnen), sagen, wäre ich mit Ihrem Bruder Heinrich in derselben Loge gewesen, – bei meinem Indianereid, ich wäre, nach der Beleidigung, die man ihm antat, mit ihm auf und davon. Denn noble muß die Welt [im W ein fliegender Vogel] zu Grunde gehen! Ich wenigstens kann nur auf dem Fundament der Noblesse schreiten. – Nun heute liegt es mir gar nicht, überhaupt nie: schöngeistig zu sprechen. Ich hab eine große Bitte an Sie, Thomas Mann, der mit uns »armen Kindern Israel [Davidstern]« (wir wenigstens) so unaussprechlich, Sie und Ihr Bruder Heinrich Mann, gehalten hat. – Ich fühl mich plötzlich sehr schlecht, namentlich am Herzen, die Knie zittern mir immer und die Lippen und das kommt doch wohl von den mageren Kühen – der letzten zwei Jahre, die nicht auf die Weide kamen. – Wollen Sie für mich Allianz Israelit Paris schreiben, Thomas Mann?? gern?? Ich bin auch so abgemagert und darum zittere ich immer. Wirklich, ich teilte immer noch das Nichts mit Freunden und mir tuts nicht leid. – Ich habe wundervolle französische Dichterfreunde, ich soll auch nach Paris kommen. Aber ich kann die aus delikaten Gründen: (Indianerjagdgründen) jetzt nicht bitten um diese Gelddinge. […] Ich würde, wenn ich es ermöglichen kann etwas in den Tessin nach Locarno reisen – ich bin dort sehr [Herz] verliebt in einen Menschen, den ich dann wiedersehen würde – und es ging dann vielleicht wieder ein Lichtlein in meinem Herzen auf, am Zweig ein Kerzchen brennt dann in all der Kümmerniß und Dunkelheit. Hab ich auch nie mit dem Indianeritaliener gesprochen.

[…] Bitte grüßen Sie die Kalifentochter Katja. Und Herrn Hesse den Oberprimaner so empfinde ich ihn auf dem Bild und habe ihn schon darum gern. Denn erwachsen soll man nie werden.

Ihre Else Lasker-Schüler der Prinz Jussuf von Theben [1]

Für Else Lasker-Schüler war es nicht die erste Reise in die Schweiz. Bereits 1917/18 hatte sie sich für längere Zeit dort aufgehalten, in den zwanziger Jahren wurde sie häufiger zu Lesungen nach Zürich eingeladen. Als sie 1917 zum erstenmal nach Zürich gekommen war, hatte sie dort vor allem Eduard Korrodi, den langjährigen Feuilletonredakteur der Neuen Zürcher Zeitung, kennen und schätzen gelernt. Im Anschluss an ihre Rückkehr nach Deutschland schrieb sie einen offenen Brief, der mit dem Titel »Brief an einen Schweizer Freund« am 18. April 1919 in der Frankfurter Zeitung (Jg. 63, Nr. 291 [Erstes Morgenblatt], S. 1 f.) erschien und den sie in einem späteren Druck schlicht »Brief an Korrodi« betitelte. Über ihre Zeit in Zürich und die Schwierigkeiten einer erneuten Reise schreibt sie:

Vielleicht tun Sie mir den großen Gefallen, den Herrn Bundesrat so im Vorbeigehen zu fragen, ob ich wieder in die Schweiz kommen darf? Die Möven vom Zürchersee schreiben mir so sehnsüchtige Briefe, und ich sehne mich nach den weißen Vögeln, schreiendem Schnee, wilden Bräute der Nordsee, weichgefiederten Abenteurerinnen. »Wär’ ich doch eine Möve! Ich brauchte nicht auf mein Visum zu warten.« Als ich diesen Seufzer in Berlin vor dem Fräulein Schweizergesandtschaft ausstieß, meinte sie argwöhnisch: »Wer weiß, ob nicht doch einem dieser weißen Vögel ein schwarzes Herz unter den Daunen lauert?« Doch der verantwortlichen Dame leuchtete es ein, daß die Vögelinnen, die alljährlich als Gäste ihre Stadt besuchen, das Edelweiß des Meeres sind und am Tintenklex ihres Busens sterben würden. Dennoch zeigte die gemilderte Beamtin betroffen in meinem alten Paß auf das Wort – »Schriftstellerin!?« Sie hat schon den richtigen Instinkt, denn Schriftstellerinnen sind immer tätig, und tätige Menschen sind gefährlich, oft sogar unzurechnungsfähig; aber ich sei nur erdentrückt, erklärte ich ihr, sozusagen eine Dichterin; das Blumige aller Aufsätze und Artikel hinge wohl mit den Blättern im Zusammenhang, aber nicht am Kopf. Seitdem wartet das belehrte Fräulein mit mir Tag und Nacht auf mein Visum. Mir ist, als ob ich schon wochenlang im Wartezimmer eines Nervenarztes warte. Der Sanitätsrat hat mir Fichtennadelbäder verschrieben; ich warte also scheinbar im Gehölz. Und ich bitte Sie nochmals, ein Wort an höchster Stelle für mich einzulegen, meine Wiederkehr in die Schweiz zu beschleunigen oder gar zu erwirken. [2]

Bei den Abenden, die Else Lasker-Schüler in den zwanziger Jahren in Zürich gab, kam nicht nur die Dichterin selbst zu Wort, auch wurden Vertonungen ihrer Gedichte vorgetragen. 1927 hatte Lily Reiff, die Frau des Zürcher Seidenindustriellen und Kunstmäzens Hermann Reiff, drei Gedichte von Else Lasker-Schüler vertont, die – verbunden mit einer Lesung – am 27. Februar 1927 im Zürcher Schwurgerichtssaal zur Aufführung kamen. Über den Abend berichtet der Kritiker des Zürcher Tages-Anzeigers folgendes: Else Lasker-Schüler

las in singender, etwas monotoner Deklamation, die anfänglich nicht wenig befremdete, aber je länger man hörte, ergreifender zu Ohr und Herzen drang und als etwas ganz Persönliches erkannt und begriffen wurde, eine Reihe von Gedichten. In der Form vollendet, aus tiefster Seele wie heilige Bekenntnisse oder Gebete aufsteigend, voll Zartheit und Wohllaut, klangen diese Gedichte wie Musik, und wie von selbst schien es sich zu ergeben, wenn manchmal die Rezitation in Gesang überging. […] Zwischen den Rezitationen sang Frau Elisabeth Rabbow mit ihrem klangvollen, den Saal mächtig füllenden Alt Lieder in der feinsinnigen Komposition der Frau Lily Reiff (die selbst am Flügel saß), und der dramatische Vortrag (»das Volk schreit«) war von packendster Wirkung. [3]

Nach ihrer Flucht in die Schweiz trug Else Lasker-Schüler zunächst am 27. Juni 1933 im Studio Fluntern in der Gloriastraße vor: Der Abend wurde von dem Verleger Emil Oprecht ausgerichtet, der bemüht war, dort ein Forum für emigrierte Schriftsteller zu schaffen. Am 18. September 1933 las Else Lasker-Schüler dann auf Einladung der Vereinigung für soziale und kulturelle Arbeit im Judentum im Zürcher Kramhofsaal. Über diesen Abend berichtet Rudolf Zipkes, Schwiegersohn von Jacob Zucker, dem späteren Präsidenten des Schweizer Zionistenverbandes, in der Jüdischen Presszentrale Zürich folgendes:

Zu Balladen aus der biblischen Stoffwelt, wie »Abigail« und dem kraftvollen »Moses und Josua« und zu dem hymnisch-lyrischen »Ein alter Tibetteppich« fügte sich das wundersam feine Gedicht »Abraham und Isaak«. Aus Gebeten und Liedern voll Sehnsucht nach Gottesgeborgenheit stieg die wilde, ergreifende Klage »Mein Volk«. Wie stark lebt doch altjüdisches Volkstum in dieser Dichterin und wächst mit neuer Wirklichkeit aus ihrer schauenden Phantasie. […] Durch nichts hätte der Zauber ersetzt werden können, den der Abend durch den Mund der Dichterin empfangen hatte. [4]

Als Emigrantin war Else Lasker-Schüler in der Schweiz nur geduldet: Sie besaß kein dauerhaftes Bleiberecht, zudem bestand ein striktes Arbeitsverbot, was für eine Schriftstellerin einem Publikations- und Vortragsverbot gleichkam. Leseabende fanden entweder verbotswidrig oder aufgrund von Sondergenehmigungen statt, die von den Einladenden bei den Schweizer Behörden erwirkt wurden. Verstöße gegen das Publikationsverbot wurden eher nachlässig verfolgt, sodass Eduard Korrodi mehrfach Texte von Else Lasker-Schüler in der Neuen Zürcher Zeitung abdrucken konnte. Auch waren die Schriften der deutschen Emigranten für Schweizer Verleger vergleichsweise unattraktiv, weil kaum Hoffnung auf einen nennenswerten Absatz bestand. Als Else Lasker-Schüler sich 1940 von Jerusalem aus an Emil Oprecht wendet und ihn um weitere Freiexemplare ihres Buches Das Hebräerland bittet, lehnt Oprecht den Wunsch am 21. Februar 1940 mit dem Hinweis ab: »Von keinem Buch unseres Verlags haben wir so viel Bücher verschenkt wie von Ihrem, und bei keinem ist das Verhältnis zwischen verkauften und gratis abgegebenen Büchern so ungünstig.« [5]

Am 7. Februar 1937 erschien in der Neuen Zürcher Zeitung (Jg. 158, Nr. 222 [Zweite Sonntagausgabe], Blatt 5) der Erstdruck von Else Lasker-Schülers Gedicht »Mein blaues Klavier«, die wohl bedeutendste Einzelveröffentlichung der Dichterin in den Jahren des Schweizer Exils. Ihr Gedicht hatte sie bereits längere Zeit zuvor in einer Reinschrift an Emil Raas in Bern geschickt: Überschrieben ist das Manuskript mit dem Titel »Gedenken«. [6] Den Titel »Mein blaues Klavier« erwähnt Else Lasker-Schüler erstmalig im Brief an Emil Raas vom 28. März 1936. Sie schreibt: »Ich habe eine Bitte, ich habe das blaue Klavier verlegt; wenn Sie Zeit haben – nur dann, schreiben Sie es mir mit der Maschine ab.« [7] 1943 nahm sie »Mein blaues Klavier« als Titelgedicht in ihre letzte Gedichtsammlung auf, die in Jerusalem erschien. Der Text des Gedichtes lautet:

Ich habe zu Hause ein blaues Klavier

Und kenne doch keine Note.

Es steht im Dunkel der Kellertür,

Seitdem die Welt verrohte.

Es spielten Sternenhände vier –

Die Mondfrau sang im Boote.

– Nun tanzen die Ratten im Geklirr.

Zerbrochen ist die Klaviatur.

Ich beweine die blaue Tote.

Ach liebe Engel öffnet mir

– Ich aß vom bitteren Brote –

Mir lebend schon die Himmelstür,

Auch wider dem Verbote. [8]

Das Gedicht ist reich an Reminiszenzen. Im Bild des blauen Klaviers lässt das lyrische Ich Kindheitserinnerungen anklingen. In einem vermutlich in den vierziger Jahren entstandenen Prosaentwurf schreibt Else Lasker-Schüler:

Meine Freundin und ich aber gelüstete es meinen Papa auszuprobieren, und besorgten uns eine lange feine Nähnadel und ritzten unser blaues Klavier und paßten auf der Bank hinter ihren blauen Flügeln auf. Wir dachten nämlich an das blaue Klavier schon wie an einen Engel in der Stube preisend Stuben auf Erden. Mein Papa kam alsbald mit seinem feingedrehten Schnurrbart und Henriquatre singend zu unserm blauen Klavier und beschnuppelte es mit den Augen und Händen und entdeckte schließlich den Schaden mit einem Wehgeschrei das uns beide Max und Moritz geradezu erschütterte. [9]

Das Boot der »Mondfrau«, von dem in der dritten Strophe die Rede ist, erinnert an die Mondsichel, die in südlichen Ländern ziemlich flach erscheint. Im Totenkult der orientalischen Religionen sind Barke und Schiff Symbole des Mondes: Der Tote, der das Schiff besteigt, gelangt mit ihm ans Licht. Vom »bitteren Brote«, dem zentralen Motiv der Schlussstrophe, ist in Genesis 3 und im Psalm 80 die Rede. Die »Himmelstür« steht an der Spitze der in Genesis 28 beschriebenen Himmelsleiter, auf der Gottes Engel auf- und niedersteigen. Wenn das lyrische Ich sich »wider dem Verbote« verhält, verstößt es gegen das biblische Gesetz, dass Gott allein der Herr über Leben und Tod sei.

Bereits früh illustrierte Else Lasker-Schüler ihre Bücher selbst und verzierte Briefe und Gedichthandschriften mit zum Teil kolorierten Zeichnungen. Berühmt wurde ihr Buch Theben, das 1923 in einer Auflage von 250 Exemplaren erschien: Es enthält zehn als Faksimile gedruckte Gedichtautographen und zehn Zeichnungen, die Else Lasker-Schüler in 50 Exemplaren von Hand kolorierte. Im Schweizer Exil wird für sie das Zeichnen und Kolorieren von Bildern dann zu einer zentralen Einnahmequelle. Anregungen für künstlerische Arbeiten erhält sie vor allem während ihrer Palästinareise im Frühjahr 1934. Noch in Jerusalem schreibt sie an Hermann Struck in Haifa: »Lieber Maler, Sie täten mir solchen Gefallen, wenn Sie Leute senden würden, die mir Bilder von mir gemalt: Negerbilder, Indianerbilder, abkaufen natürlich nit aus Mitleid.« [10] Nach ihrer Rückkehr erkundigt sie sich bei Gotthard Jedlicka in Zürich: »Ich vergaß gestern noch zu fragen und zu bitten, ob Sie mir einige Sammler nennen wollen, die mir vielleicht eines meiner Bilder abkaufen würden. Alle Indianer und Neger und asiatische Bilder. Ich glaube – sehr gute.« [11] Ihr gelang es, in Zürich regelmäßig Bilder zu verkaufen und sich auf diese Weise eine bescheidene Einnahmequelle zu sichern. Das Geld, das sie auf diese Weise erwarb, behielt sie aber nur zum Teil für sich: Trotz eigener Not war sie stets bemüht, vor allem ihren Schwager Franz und ihre beiden Nichten Edda und Erika Lindwurm-Lindner in Berlin finanziell zu unterstützen. So schreibt sie am 4. September 1933 an die Nichte Edda Lindner: »Ich habe Versprechungen von einer Dame, die sehen wird, daß ich mal sofort 10 Bilder zu malen bekomme, damit Ihr eröffnen könnt. Nur Mut. Alles wird gut. Mir gings im Leben so viel, so lange miserable aber der Mut muß bleiben.« [12] Der Verkauf von Bildern sicherte ihr nicht nur eine gewisse finanzielle Unabhängigkeit, er stärkte auch ihr Selbstbewusstsein. Im Herbst 1934 teilte sie dem Nationalrat David Farbstein mit: »Es geht mir nun – wie gesagt – viel besser, schon wegen meiner Indianerbilder.« [13]

Regelmäßige Rundfunksendungen wurden in Deutschland ab dem Herbst 1923 ausgestrahlt, ab dem Frühjahr 1924 entdeckten Schriftsteller dann zunehmend das Radio als Medium der Literaturvermittlung. Die erste Sendung, in der Else Lasker-Schüler zu Wort kam, wurde am 7. Februar 1926 von der Funk-Stunde AG Berlin ausgestrahlt. Über ihre Wirkung als Sprecherin schreibt der Kritiker der Vossischen Zeitung folgendes: Else Lasker-Schüler »spricht nicht: sie stößt ihre Gedichte hervor, wirft dem Hörer ungeduldig die Worte um die Ohren, hüllt ihn in einen Mantel von Rhythmen und Bildern, aus denen die nun schon historisch gewordenen Sterne leuchten. Wer sie kennt, wird erfreut gewesen sein, sie zu hören; wer sie nicht kennt, wird kaum erfahren haben können, wer sie ist.« [14] In den nachfolgenden Jahren war Else Lasker-Schüler mehrfach beim Rundfunk zu Gast, die Aufzeichnung einer Lesung, die sie am 22. Mai 1931 hielt, ist verloren. Auch in der Schweiz bemühte sie sich um Kontakte zum Rundfunk. Am 16. Oktober 1933 fragt sie bei Carl Seelig an: »Kann ich wohl mal hier im Radio sprechen? Wie mache ich das? Wohin wende ich mich?« [15] Eine kurze Lesung, eingeschoben zwischen zwei Musikbeiträgen, findet dann am 7. Februar 1934 bei der Radio-Genossenschaft Zürich statt, die – wohl mit Rücksicht auf die Fremdenpolizei – auf eine Ankündigung des Beitrags verzichtete. Die Reaktion auf ihren Vortrag war für Else Lasker-Schüler enttäuschend. Am 8. Februar bietet sie Jakob Job, dem Direktor der Radio-Genossenschaft, die Rückzahlung ihres Honorars an. Sie schreibt:

Ich bin immer im Trance beim Vortragen meiner Dichtungen. Nicht nur glaubend – etwa aus Hysterie oder Überspanntheit; – ich selbst habe es früher nie gemerkt. – Wahrscheinlich – im Trance – als Beweis der Güte der Dinge und Vortrags. Daß ich pathetisch spreche, was mir gerade bei sogen[annten] Deklamatorinnen auf die Nerven geht – war von Ihnen sicher nur eine Wortverwechslung. – Denn »stark« sprechen und pathetisch verunglimpfen Dichtungen im Vortrag ist gerade das Gegentheil. Gerade im Radio mußte ich immerfort sprechen, da ich nicht pathetisch sprechen kann. Ich schreibe das nicht aus Eitelkeit, auch nicht aus Erschütterung – aber aus Trauer. Nie – höre ich hier von Schweizern ein liebes Wort. [16]

Else Lasker-Schüler verzichtete darauf, sich weiter um Auftritte im Rundfunk zu bemühen, und empfahl den Radiopionier Arthur Welti für den Vortrag ihrer Dichtungen. Für die Jahre 1934 bis 1936 sind insgesamt drei Lesungen bezeugt, die sie durchaus mit Wohlgefallen zur Kenntnis nahm. Am 4. November 1934 schreibt sie an Emil Raas:

Ich war heute um 4 Uhr auf der Post; ich fand keinen Brief. Hörte dann meine zwei eigenen Geschichten: Vögel und die weiße Georgine von Dr. Weltli gesprochen im Radio-Studio. Ich war ganz alleine im Kramhof: Musikladen gegenüber von uns. Ich war sehr gerührt und saß wie dies arme Kind in den Sternthalern. [17]

Zu einer großen Enttäuschung wurde für Else Lasker-Schüler die Uraufführung ihres Schauspiels Arthur Aronymus und seine Väter am 19. Dezember 1936 im Zürcher Schauspielhaus. Der Untertitel des Stückes lautet »aus meines geliebten Vaters Kinderjahren«: Es spielt »etwa um 1800« [18] in einer westfälischen Landgemeinde. Die äußere Anlage des Stückes, die dargestellten Charaktere wie die Handlungsführung, wurde als wenig bühnenwirksam empfunden. Jakob Rudolf Welti, der Theaterkritiker der Neuen Zürcher Zeitung, schreibt:

Es fängt wie bei Spitzweg an: der eingeschlummerte Nachtwächter im westfälischen Dorf besinnt sich auf seine Pflicht, tutet in die letzten Stunden der Nacht, und weil er ein toleranter Mann ist, bläst er für Christen und Juden, zur großen Genugtuung des jungen Kaplans Michalski, mit dem er philosophische Nachtgespräche führt. Eine rote Rose, von zarter Hand aus dem Giebelzimmerfenster des nächsten Hauses geworfen, gilt dem jungen Geistlichen, der das Liebespfand aber resignierend dem alten Hornisten weitergibt. [19]

Ferdinand Rieser, der das Schauspielhaus als Privattheater ohne Subventionen führte, setzte das Stück nach nur einer Wiederaufführung vom Spielplan ab. Ausschlaggebend dürfte gewesen sein, dass er nicht mit einem ausreichenden Publikumsinteresse rechnete. Die auch in neuerer Zeit immer wieder geäußerte Vermutung, dass Rieser sich politisch unter Druck gesetzt sah, lässt sich weder belegen noch entspricht sie Riesers eigener Theaterpolitik, der das Schauspielhaus immerhin zur führenden Bühne des deutschsprachigen Exiltheaters ausbaute. Verbittert hat Else Lasker-Schüler vor allem die Tatsache, dass Jakob Rudolf Welti seine Kritik an dem Stück mit dem Vorwurf verband, ihr Eintreten für religiöse Toleranz sei ein unzulässiges Moralisieren. Welti schreibt:

Das Bekenntnis Else Lasker-Schülers zur konfessionellen Toleranz in Ehren, aber so dick aufgetragen hätte sie es uns denn doch nicht zu demonstrieren brauchen; man kann uns Schweizern in solchen Dingen keine derartige Schwerhörigkeit nachsagen, daß es dieses Winkens mit dem Holzschlegel bedurft hätte, um sich Aufmerksamkeit zu verschaffen. Symbolisches, das in der Lyrik der Dichterin gewiß zu feinen Formulierungen gekommen wäre, wirkt auf dem ihr ungewohnten Boden des Theaters schwerfällig, durch Wiederholung und Häufung – wie im Benehmen des von Menschlichkeit förmlich überströmenden Kaplans – sogar aufdringlich. [20]

Gut einen Monat nach der Premiere, am 28. Januar 1937, wendet Else Lasker-Schüler sich mit einem offenen Brief an die Redaktion der Neuen Zürcher Zeitung, in dem sie sich vor allem gegen den Vorwurf verwahrt, sie habe versucht, sich mit einem »Holzschlegel« Gehör zu verschaffen. Sie schreibt:

Ich habe mein Schauspiel: Arthur Aronymus und seine Väter im Jahre 32 mit einem üblichen Bleistift geschrieben auf meinem mir sympathischen noch unpolierten Tisch, der eines Tages vom Walde zu mir in die Stube spaziert kam. Ich habe mein Schauspiel mit einem einfachen Farberstift geschrieben und nicht mit einem: »Holzschlägel«. Im Jahre 1932 lebte noch friedliche Welt, auch die, in der ich mich befand. Auf ihrem Programm stand weder Krieg noch Revolution vermerkt, auch nicht Rassenhass und sein übliches Pogrom verzeichnet.

Ich schrieb mein Schauspiel mit einem Bleistift, nicht mit einem Menschenfresserknochen, doch – nimmermehr wie gestanden, mit einem »Holzschlägel«. Ich schrieb mein Schauspiel auch nicht mit einer lichten Schulterfeder – oder etwa doch? Ganz sicher nicht mit der Anmassung einen Friedensengel zu spielen. Immer ergab ich mich blind der starken Führung der Eingebung, – wie der Biedermeier meines Schauspiels sich ausdrücken würde an der Seite der Muse. Sie weiss genau in welchem Herzen sie grossen Platz hat. [21]

Jakob Rudolf Welti antwortete Else Lasker-Schüler am 3. Februar 1937 und lehnte den Abdruck des Textes mit der Begründung ab, dass er »in einer Tageszeitung als reichlich verspätete Antwort auf die Kritiken von Mitte Dezember 1936 wirken müsste.« Weiter heißt es: Heute wirke das Schauspiel »tendenziös, auf Menschen, die aus ihrer protestantischen Lebensanschauung heraus das theatralische Zurschaustellen konfessioneller Fragen und Dinge nicht lieben, mancherorts sogar aufdringlich tendenziös.« [22]

Else Lasker-Schülers literarisches Hauptwerk aus den Jahren des Exils in der Schweiz ist ihr Reisebuch Das Hebräerland, mit dessen Niederschrift sie unmittelbar nach der Rückkehr von ihrer Palästinareise im Frühjahr 1934 begonnen hat. Am 4. Juli 1934, nicht einmal einen Monat nach ihrem Eintreffen in Zürich, meldet sie an Arthur Ruppin in Jerusalem: »Ich bin am Dichten über unsere fromme Stadt [orientalische Stadt] und sende es Ihnen gedruckt.« [23] Die Druckfassung des Buches hat Else Lasker-Schüler mit großer Sorgfalt erstellt. Sie schrieb ihre Entwürfe mehrfach maschinenschriftlich ab, um sie dann erneut handschriftlich zu überarbeiten. Auch bei der Wahl des Verlags ließ sie sich Zeit. Anfang 1935 wandte sie sich zunächst an Martin Buber in der Hoffnung, dieser könne ihr Buch an den Berliner Schocken-Verlag vermitteln. Der Plan scheiterte, weil sie in der Schweiz keine Honorarzahlungen aus Deutschland hätte empfangen können. Anschließend kontaktierte sie den Querido-Verlag in Amsterdam, bei dem ab 1933 die Schriften namhafter Autoren wie Alfred Döblin oder Lion Feuchtwanger erschienen, sowie die beiden Schweizer Verleger Max Rascher und Eugen Rentsch. Im April 1936 schließlich lud sie Emil Oprecht nach Ascona ein und las ihm aus dem Manuskript des Buches vor. Oprecht nahm Das Hebräerland im Juni 1936 zum Druck an: Es erschien dann im Frühjahr 1937 mit acht Zeichnungen und einem Frontispiz von der Hand Else Lasker-Schülers. Erstmals der Öffentlichkeit vorgestellt hatte Else Lasker-Schüler das geplante Buch bei einer Lesung, die am 23. März 1935 in Zürich in der Urania stattfand. Über den Abend berichtet der Kritiker des in Zürich erscheinenden Israelitischen Wochenblattes für die Schweiz folgendes:

Für jeden gewöhnlichen Sterblichen ist Palästina ein Erlebnis. Wenn eine Dichterin den Boden des Heiligen Landes betritt, formen sich ihre Worte zu einer Hymne. Aus dem Überschwang ihrer Gefühle schöpft sie die Kraft, uns an diesem Erlebnis teilnehmen zu lassen. Else Lasker-Schüler war in Palästina. Aus dem Buch ihrer Empfindungen und Eindrücke las sie am Samstagabend einige packende Abschnitte vor. Die zionistische Ortsgruppe in Zürich hatte zu diesem Abend in die Augustin-Keller-Loge eingeladen. Viele Verehrer der Dichterin waren dem Ruf gefolgt. Ein stimmungsvoller, einzigartiger Abend! Denn Frau Else Lasker-Schüler besitzt auch die große Gabe, ihre Werke eindringlich und gefühlvoll vorzutragen. […] Nicht das Wirtschaftliche bildet für die Dichterin das Attraktive, das Stimmungsvolle beeindruckt sie. Palästina verpflichtet, sagt sie an einer Stelle. Diese Verpflichtung fühlt sie und sie ist eine der Urquellen ihrer Dichtung. So durchstreift sie das Land, so erlebt sie Jerusalem. Für sie bedeuten die wirtschaftlichen Aufbaupläne nichts, ihr imponiert kein Autobusverkehr durch die Wüste, sie sieht die Natur, sie sieht die Erde, sie sieht vor allem die Menschen. Den palästinensischen Bauern, den schönen Gestalten eines neuen Geschlechts gilt ihre Liebe, und über sie »berichtet« sie im Überschwang ihrer Gefühle. Die kleinen Kinder, die nach Sabbath Abend auf dem Rücken der friedlichen Pferde sich tummeln und über die »Pußta« Palästinas galoppieren, besitzen ihr Herz, die edlen Gesichtszüge der Priester ihre Bewunderung. Es ist die formvollendete, religiöse Sprache, die die Werke von Frau Lasker-Schüler auszeichnet, die auch das Reisebuch über Palästina zu einem Kunstwerk machen. [24]

Zürich ist im Hebräerland in doppelter Hinsicht präsent. Als Ausgangs- und Endpunkt der Palästinareise bildet die Stadt gleichsam den Rahmen, in den Else Lasker-Schüler ihre Erzählung einbettet. »Es war im April, als ich des Schweizerlandes schönste Stadt verlassen, Zürich, in der ich, eine Emigrantin, ein Jahr gelebt, viele Menschen zwischen ihren Rigis liebgewonnen«, [25] beginnt Else Lasker-Schüler den Bericht ihrer Reise, die sie zunächst mit dem Zug über die Alpen nach Genua führte. Die zitierten Worte stehen allerdings nicht am Anfang des Buches, sondern etwa am Schluss des ersten Drittels. Else Lasker-Schüler erzählt nicht streng chronologisch, sondern schafft durch Vor- und Rückblicke eine eigene poetische Ordnung, in die sie das Erzählte stellt. Zum anderen ist Zürich im Buch als der Ort präsent, an dem Das Hebräerland entstanden ist. Gegen Ende des Buches verweist sie auf den Beginn der Niederschrift:

Ich beginne mein »Hebräerland« zu schreiben. Schon prangt sein Name auf der ersten Seite meines Manuskripts. Und auch Bilder entstehen, meine Dichtung zu schmücken, doch längst in der Schweiz arriviert. In ihrer schönsten Stadt Zürich! [26]

Das Hebräerland fand bei seinem Erscheinen internationale Beachtung. Rezensionen erschienen unter anderem in französischen und niederländischen Zeitungen. Auch in fast allen größeren Schweizer Zeitungen wurde das Buch besprochen. Betont wird vor allem das ›Märchenhafte‹ in der Darstellung Palästinas, mit dem sich die Dichterin zwar von der historischen Wirklichkeit des Landes entferne, diese aber in ihr eigenes poetisches Weltbild integriere. Zitiert sei der Kritiker der Basler National-Zeitung. Er schreibt:

Nun erst ist sie da gewesen, eine Reise nach Palästina, die ihr Freunde ermöglichen, denn sie selbst ist ihr ganzes, nun mehr als 60jähriges Leben lang arm und unstet geblieben, wird zur Gelegenheit, Märchen und Wirklichkeit einander zu vergleichen. Es wird, wie nicht anders zu erwarten – ein Gedicht, ein Gedicht in Prosa, sie selbst nennt es beiläufig eine »Psalmodie«, aber es ist mehr, es ist nach langen Jahren der Heimatlosigkeit und Verwirrung das reifste und gehaltreichste Buch der jüdischen Dichterin, die es über den Rahmen ihres Palästina-Berichtes hinaus zu einem Memoirenwerk macht ihres Märchenlebens. [27]

Der Zürcher Seidenfabrikant Silvain Guggenheim, der Else Lasker-Schüler mehrfach unterstützt hat, bereiste im Frühjahr 1937 Palästina in seiner Eigenschaft als Vizepräsident des Schweizer Keren Hajessod. In einem im Juni 1937 erschienenen Gespräch mit der Jüdischen Presszentrale Zürich äußert er sich zum Palästinabild der Dichterin wie folgt: »Man hat kaum das Recht, wenn man erstmals während fünf Wochen versucht, das Wesen des neuen Landes zu erkennen, darüber zu schreiben oder gar darüber zu urteilen. (Außer man sieht mit Dichteraugen wie Else Lasker-Schüler.)« [28]

Ende März 1939 brach Else Lasker-Schüler zu ihrer dritten Reise nach Palästina auf. Sie plante schon bald wieder in die Schweiz zurückzukehren. Am 23. August 1939 untersagte ihr die Schweizer Fremdenpolizei die Wiedereinreise für zwei Jahre. Ihre Hoffnungen auf eine baldige Rückkehr zerschlugen sich endgültig mit der Zuspitzung der politischen Lage in Europa und dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs am 1. September 1939. Vor ihrer Abreise hält Else Lasker-Schüler am 15. März 1939 im Zunfthaus zur Meise eine »Abschiedsvorlesung«: Dazu eingeladen hatte die Vereinigung für soziale und kulturelle Arbeit im Judentum. In einem Inserat, das im Israelitischen Wochenblatt erschien, wird das Programm des Abends genannt, darunter »Ungedrucktes: Tagebuchzeilen (Abschied von Zürich)«. [29] Else Lasker-Schüler hatte damit begonnen, eine kleine Prosaschrift mit dem Titel »Tagebuchzeilen aus Zürich« zu verfassen, in der sie ein buntes Bild des Emigrantenlebens in der Stadt zeichnen wollte. Diese blieb zu Lebzeiten der Dichterin unveröffentlicht und ist in zwei Fassungen im Nachlass erhalten. Für die Lesung am 15. März schrieb sie einen eigenen Vortrag, der ebenfalls im Nachlass erhalten ist und in dem sie zentrale Gedanken der geplanten Schrift aufgreift. Einleitend verweist sie auf den Text der Ankündigung:

Es ist mir leider nicht vergönnt, Ihnen die angekündeten Tagebuchzeilen vorzulesen, die ich viele Abende in den letzten Monaten verbrochen. Überstündlich müsste ich Ihre Zeit in Anspruch nehmen; (die Tagebuchzeilen wuchsen mir über den Kopf) und ich möchte doch guten Angedenkens von Ihnen scheiden. Sozusagen eine Sehnsucht, wenn möglich?, hinterlassen nach mir und diesem Abend. [30]

Zeit ihres Lebens bewunderte Else Lasker-Schüler das damals noch vergleichsweise junge Medium des Films. Als leidenschaftliche Kinogängerin war sie mit den Lichtspieltheatern vor allem in Berlin, Zürich und Jerusalem eng vertraut. So schreibt sie 1937 in Das Hebräerland: »Liebespaare beschauen sich am Pfeiler des Cinemas: Zion, die bunten abenteuerlichen Plakate. Cinema ist auch meine Schwäche; möge sie nie erstarken!« [31] In Anlehnung an den Namen des biblischen Volkes der Hethiter bezeichnet sie sich selbst als »Kinoniterin«. Im Bericht über die Schiffspassage von Genua nach Alexandria, die am Anfang ihrer ersten Palästinareise von 1934 stand, erzählt sie: »Das Cinema ›Espéria‹ weigert sich, ohne mich im Zuschauerraum zu wissen, mit dem Film zu beginnen. Es ahnte schon am ersten Tag unserer Fahrt, es beherbergt eine echte Kinoniterin.« [32] In Zürich schätzte Else Lasker-Schüler besonders das 1935 eröffnete und von der Malerin Anna Indermaur betriebene Kino Studio Nord-Süd, in dem auch eine Lesung der Dichterin stattfand. Das Gebäude am Schiffländeplatz hatte Anfang der dreißiger Jahre der Architekt Willy Boesiger erworben und dort neben dem Kino das Café Select eingerichtet. Ausführlich kommt Else Lasker-Schüler in der »Abschiedsvorlesung« auf ihre Besuche im Studio Nord-Süd zu sprechen:

Nord-Süd verhalf mir über der Dämmerung Melancholie grauer Nebelbrücke hinüber zu kommen. Ich bin in Nord-Süd verliebt! In der Frühe schon bewundere ich Madame Indermauers selbstentworfenes Plakat und unter Glas die Künstlerexemplare! […] Gerne opfere ich meinen letzten Franken für das Cinematheater: Nord-Süd. Von allem abgesehen, bietet sich einem, im Fall einer netten Bekanntschaft mit dem Nebenan, Gelegenheit, französisch zu lernen oder englisch. [33]

Das dem Studio Nord-Süd benachbarte Café Select entwickelte sich in der zweiten Hälfte der dreißiger Jahre schnell zum führenden Treffpunkt von Intellektuellen und Künstlern. Else Lasker-Schüler sieht im Select die Atmosphäre des Romanischen Cafés wiederaufleben, das im Berlin der zwanziger Jahre ein beliebter Treffpunkt für Schriftsteller, Maler, Schauspieler und Journalisten gewesen war. Sie dürfte das Select auch deshalb sehr geschätzt haben, weil sie dort Freunde aus Berlin wiedertreffen konnte. In den »Tagebuchzeilen aus Zürich« schreibt sie:

In unserem Romanischen Cafehauses weiland verlorenem Heimateiland, Urenkeltochtertochter, »zürcher Selektbar«, sind wir verscheuchten Dichter, Maler, Musiker und Bildhauer, vis a vis der Limmat, zwischen nicht verscheuchten Dichtern, schweizer Malern und Bildhauern zu finden. Einlullende Radiomusik wiegt unsere Emigration leise ein. Und warten, warten auch hier auf das Wunder! Das Romanische Café im balkonbesetzten Gebäude, am Ende des Tauentzien, gehörte uns Künstlern und dem Bürger Berlins, der sich heimisch zwischen uns abenteuerlichen hell und dunkeläugigen Menschen fühlte. »Wann nur das Harz auf den rachtigen Platz.« Sagt der Schweizer in seinem steinigen Dialekt. [34]

Auf die Bezeichnung für die jüngsten Schüler eines Gymnasiums anspielend, auf die Sextaner, nennt Else Lasker-Schüler die Besucher des Cafés »Selektaner«, die dort wie Schüler auf dem Schulhof zusammensitzen. In heiteren Versen schildert sie ihre Besuche im Select: »Hingegen, lieber Leser, für den Scat, / Heg ich Interesse dann und wann. / Vier Selektaner spielen gerad. / So schade, dass ich dieses Spiel nicht spielen kann! / Es fehlt so oft der vierte Mann.« [35]

Eng verbunden fühlte sich Else Lasker-Schüler den Mitgliedern der jüdischen Gemeinde in Zürich. 1936 war Martin Littmann, der 1901 das Israelitische Wochenblatt gegründet und vier Jahrzehnte das jüdische Leben in Zürich geprägt hatte, vom Amt des Rabbiners zurückgetreten. Als Nachfolger hatte die Gemeinde Chaim Zwi Taubes aus Wien berufen. Beide vermutet Else Lasker-Schüler unter den Gästen ihrer »Abschiedsvorlesung« und spricht sie persönlich an. Dabei erinnert sie an ihre Besuche der Synagoge in der Löwenstraße:

Eines Morgens am Schabbatt stand der grosse dunkelrauschende Jakobsbrunnen nicht mehr vor dem Altar nicht, da er etwa versiegt, – freudig gewahrte ich Rabbuni Dr. Lippmann aufmerksam lauschend seines Nachfolger Dr. Taubes Predigt dem Wiener Rabbiner von der Donau gekommen, in die israelitische Gemeinde der Stadt Zürich berufen. Statt meines zum Pokal verzaubertes Wasserglas erhebe ich ehrerbietig mein Herz vor den beiden grossen Gottesmännern. [36]

Ausführlich schildert Else Lasker-Schüler das Haus und den Garten Sylvain Guggenheims in der Engimattstraße. An Guggenheim hat sie sich in mehr als 60 Briefen mit Bitten um Unterstützung gewandt. Er gilt vor allem wegen seines Eintretens für die jüdische Armenpflege und das jüdische Flüchtlingshilfswerk als – so die Formulierung im Historischen Lexikon der Schweiz – »eine der wichtigsten Persönlichkeiten des Schweizer Judentums während der nationalsozialist[ischen] Bedrohung«. [37] Else Lasker-Schüler schreibt:

So oft wandle ich einsam in der Umgegend der Zürcher Stadt so für mich hin am Fuss kleiner Wiesengelände, an Zäunen vorbei. Manchmal finde ich noch Paradiesflecken, Überbleibsel des Garten Eden. Hinter hohen Tannen, Kastanienbäumen Eichen und Oleanderbüschen wohnt in Engematt der wahre uneigennützige Wohltäter der Schweizer Judenschaft, der Philantrop: Silvain Guggenheim. Er wird es mir nachtragen, da ich seinen Namen nenne? Im schlichten Wohngemach des grossen Hauses, des steinernen Wächters, blickt auf ihre Söhne aus einem Rosenholzrahmen die liebreizende blondgelockte Mutter, der Brüder: Heiligenbild. In Sommertagen wandelt die mädchenhafte Frau wie einst im Leben über die träumenden Pfade des kleinen Paradieses. [38]

Gut einen Monat nach ihrer Ankunft in Jerusalem kommt Else Lasker-Schüler noch einmal auf ihre Worte über Sylvain Guggenheim zu sprechen. Am 12. Mai 1939 dankt sie ihm für die Hilfe, die sie in Zürich erhalten hat, und schreibt: »Kommen Sie doch bald hierher. Ich werde beim Vortrag oder im Lesen des Vortrags wieder wie in Zürich so nett erzählen, wie Sie Sich abmühen von Früh bis Spät für die Flüchtlinge, überhaupt.« [39]

Else Lasker-Schüler schließt ihre »Abschiedsvorlesung« mit dem Vortrag ihres vielleicht bekanntesten und zu ihren Lebzeiten in zahlreichen Anthologien und Zeitschriften gedruckten Gedichtes »Weltende«, das sie bereits 1903 an den Schluss ihrer Gedichtsammlung Der siebente Tag gestellt hatte. Der Text des Gedichtes lautet:

Es ist ein Weinen in der Welt,

Als ob der liebe Gott gestorben wär,

Und der bleierne Schatten, der niederfällt

Lastet grabesschwer.

Komm, wir wollen uns näher verbergen ....

Das Leben liegt in aller Herzen

Wie in Särgen.

Du! wir wollen uns tief küssen ....

Es pocht eine Sehnsucht an die Welt,

An der wir sterben müssen. [40]

Else Lasker-Schüler starb am 22. Januar 1945 in Jerusalem, knapp einen Monat vor ihrem 76. Geburtstag. Ihren Tod meldete das Zürcher Israelitische Wochenblatt am 2. Februar 1945 in einer kurzen Notiz. [41] Einen Monat später, am 9. März, druckte es einen Nachruf der in Tel Aviv lebenden Schriftstellerin Martha Hofmann ab, die ausführlich über die letzten Lebensjahre der Dichterin in Palästina berichtet. Sie schildert ein vom körperlichen Zerfall gezeichnetes Leben, das sich in der Dichtkunst seine Freiheit zu bewahren gesucht hat. Zusammenfassend schreibt sie: »Nur in ihren Liedern hat sie [Else Lasker-Schüler] bis zuletzt sich enthüllt. Dort lebt noch die Blütenpracht, zittert noch jetzt der Sternentanz ihrer seligen Jugend.« [42]

* * *

Anmerkungen

[1] Else Lasker-Schüler: Werke und Briefe. Kritische Ausgabe. Im Auftrag des Franz Rosenzweig-Zentrums der Hebräischen Universität Jerusalem, der Bergischen Universität Wuppertal und des Deutschen Literaturarchivs Marbach am Neckar hg. von Andreas B. Kilcher [ab Bd. 9], Norbert Oellers, Heinz Rölleke und Itta Shedletzky. 11 Bde. Frankfurt am Main [Bd. 11: Berlin] 1996–2010. Hier: Bd. 9: Briefe. 1933–1936. Bearbeitet von Karl Jürgen Skrodzki. Frankfurt am Main 2008, S. 10–12.

[2] Else Lasker-Schüler: Werke und Briefe [wie Anm. 1]. Hier: Bd. 3.1: Prosa. 1903–1920. Bearbeitet von Ricarda Dick. Frankfurt am Main 1998, S. 425.

[3] tr.: Else Lasker-Schüler. In: Tages-Anzeiger (Zürich). Jg. 35, Nr. 51 vom 2. März 1927 (»Kleine Chronik«).

[4] R.- [d. i. Rudolf Zipkes]: Else Lasker-Schüler-Abend. In: Jüdische Presszentrale Zürich. Jg. 16, Nr. 763 vom 20. September 1933, S. 26.

[5] Else Lasker-Schüler: Werke und Briefe [wie Anm. 1]. Hier: Bd. 10: Briefe. 1937–1940. Bearbeitet von Karl Jürgen Skrodzki und Andreas B. Kilcher. Frankfurt am Main 2009, S. 393.

[6] The National Library of Israel (Jerusalem), Emil Raas Collection (Arc. 4º 1821).

[7] Else Lasker-Schüler: Werke und Briefe. Bd. 9 [wie Anm. 1], S. 320.

[8] Else Lasker-Schüler: Werke und Briefe [wie Anm. 1]. Hier: Bd. 1.1: Gedichte. Bearbeitet von Karl Jürgen Skrodzki unter Mitarbeit von Norbert Oellers. Frankfurt am Main 1996, S. 267.

[9] Else Lasker-Schüler: Werke und Briefe [wie Anm. 1]. Hier: Bd. 4.1: Prosa. 1921–1945. Nachgelassene Schriften. Bearbeitet von Karl Jürgen Skrodzki und Itta Shedletzky. Frankfurt am Main 2001, S. 476.

[10] Else Lasker-Schüler: Werke und Briefe. Bd. 9 [wie Anm. 1], S. 117.

[11] Else Lasker-Schüler: Werke und Briefe. Bd. 9 [wie Anm. 1], S. 134.

[12] Else Lasker-Schüler: Werke und Briefe. Bd. 9 [wie Anm. 1], S. 39.

[13] Else Lasker-Schüler: Werke und Briefe. Bd. 9 [wie Anm. 1], S. 156.

[14] Frank Warschauer: Radio-Woche. In: Vossische Zeitung (Berlin). Nr. 75 (Abend-Ausgabe) vom 13. Februar 1926.

[15] Else Lasker-Schüler: Werke und Briefe. Bd. 9 [wie Anm. 1], S. 50.

[16] Else Lasker-Schüler: Werke und Briefe. Bd. 9 [wie Anm. 1], S. 88.

[17] Else Lasker-Schüler: Werke und Briefe. Bd. 9 [wie Anm. 1], S. 164 f.

[18] Else Lasker-Schüler: Werke und Briefe [wie Anm. 1]. Hier: Bd. 2: Dramen. Bearbeitet von Georg-Michael Schulz. Frankfurt am Main 1997, S. 79.

[19] wti [d. i. Jakob Rudolf Welti]: »Arthur Aronymus und seine Väter«. Schauspielhaus (19. Dezember). In: Neue Zürcher Zeitung. Jg. 157, Nr. 2234 (Morgenausgabe) vom 21. Dezember 1936, Blatt 3.

[20] wti [wie Anm. 19].

[21] Else Lasker-Schüler: Werke und Briefe. Bd. 4.1 [wie Anm. 9], S. 366 f.

[22] Else Lasker-Schüler: Werke und Briefe. Bd. 10 [wie Anm. 5], S. 335.

[23] Else Lasker-Schüler: Werke und Briefe. Bd. 9 [wie Anm. 1], S. 129.

[24] hew: Eine Dichterin erlebt Palästina. In: Israelitisches Wochenblatt für die Schweiz (Zürich). Jg. 35, Nr. 13 vom 29. März 1935, S. 12.

[25] Else Lasker-Schüler: Werke und Briefe [wie Anm. 1]. Hier: Bd. 5: Prosa. Das Hebräerland. Bearbeitet von Karl Jürgen Skrodzki und Itta Shedletzky. Frankfurt am Main 2002, S. 52.

[26] Else Lasker-Schüler: Werke und Briefe. Bd. 5 [wie Anm. 25], S. 136.

[27] W. V.: Tino von Bagdad und »Das Hebräerland«. In: National-Zeitung (Basel). Jg. 95, Nr. 409 (Sonntags-Ausgabe) vom 5. September 1937, Bücherseite der National-Zeitung.

[28] Eindrücke vom heutigen Palästina. Aus einer Unterredung mit Silvain S. Guggenheim, Vizepräsident des Keren Hajessod in der Schweiz. In: Jüdische Presszentrale Zürich. Jg. 20, Nr. 944 vom 4. Juni 1937, S. 1 f.

[29] Israelitisches Wochenblatt für die Schweiz (Zürich). Jg. 39, Nr. 10 vom 10. März 1939, S. 22.

[30] Else Lasker-Schüler: Werke und Briefe. Bd. 4.1 [wie Anm. 9], S. 426.

[31] Else Lasker-Schüler: Werke und Briefe. Bd. 5 [wie Anm. 25], S. 42.

[32] Else Lasker-Schüler: Werke und Briefe. Bd. 5 [wie Anm. 25], S. 54.

[33] Else Lasker-Schüler: Werke und Briefe. Bd. 4.1 [wie Anm. 9], S. 434 f.

[34] Else Lasker-Schüler: Werke und Briefe. Bd. 4.1 [wie Anm. 9], S. 397.

[35] Else Lasker-Schüler: Werke und Briefe. Bd. 4.1 [wie Anm. 9], S. 401.

[36] Else Lasker-Schüler: Werke und Briefe. Bd. 4.1 [wie Anm. 9], S. 432.

[37] URL: http://www.hls-dhs-dss.ch/textes/d/D47217.php (Daniel Gerson; Artikel vom 20. März 2007).

[38] Else Lasker-Schüler: Werke und Briefe. Bd. 4.1 [wie Anm. 9], S. 436.

[39] Else Lasker-Schüler: Werke und Briefe. Bd. 10 [wie Anm. 5], S. 225.

[40] Else Lasker-Schüler: Werke und Briefe. Bd. 1.1 [wie Anm. 8], S. 103. Vgl. Else Lasker-Schüler: Werke und Briefe. Bd. 4.1 [wie Anm. 9], S. 436 f.

[41] [Anonym:] Else Lasker-Schüler gestorben. In: Israelitisches Wochenblatt für die Schweiz (Zürich). Jg. 45, Nr. 5 vom 2. Februar 1945, S. 25.

[42] Martha Hofmann: Tot ist die Prinzessin von Theben! (In Memoriam Else Lasker-Schüler.) In: Israelitisches Wochenblatt für die Schweiz (Zürich). Jg. 45, Nr. 10 vom 9. März 1945, S. 28.