Karl Jürgen Skrodzki

Homepage

Inhalt

 Inhalt ausblenden!

 Druckversion

Copyright © 2003–2017

Karl Jürgen Skrodzki, Lohmar

[3]

Meiner teuren Mutter

[5]

Der siebente Tag

Gedichte von Else Lasker-Schüler

Verlag des Vereins für Kunst – Berlin im Jahre 1905

Amelangsche Buchhandlung – Charlottenburg

[Titelblatt:]

Der siebente Tag

[7] Erkenntnis

Schwere steigt aus allen Erden auf

Und wir ersticken im Bleidunst,

Jedoch die Sehnsucht reckt sich

Und speit wie eine Feuersbrunst.

Es tönt aus allen wilden Flüssen

Das Urgeschrei, Evas Lied.

Wir reißen uns die Hüllen ab,

Vom Schall der Vorwelt hingerissen,

Ich nackt! Du nackt!

– – – – – – – – – – – – – –

Wilder, Eva, bekenne schweifender,

Deine Sehnsucht war die Schlange,

Ihre Stimme wand sich über Deine Lippe,

Und biß in den Saum Deiner Wange.

Wilder, Eva, bekenne reißender,

Den Tag, den Du Gott abrangst,

Da Du zu früh das Licht sahst

Und in den blinden Kelch der Scham sankst.

Riesengroß

Steigt aus Deinem Schoß

Zuerst wie Erfüllung zagend,

Dann sich ungestüm raffend,

Sich selbst schaffend

Gott-Seele ..........

Und sie wächst

Über die Welt hinaus,

Ihren Anfang verlierend,

Über alle Zeit hinaus,

Und zurück um Dein Tausendherz

Ende überragend ...

[8] Singe, Eva, Dein banges Lied einsam,

Einsamer, tropfenschwer wie Dein Herz schlägt,

Löse die düstere Tränenschnur,

Die sich um den Nacken der Welt legt.

Wie das Mondlicht wandele Dein Antlitz ....

Du bist schön ....

Singe, singe, horch, den Rauscheton,

Spielt die Nacht auf Deinem Goldhaar schon:

»Ich trank atmende Süße

Vom schillernden Aste

Aus holden Dunkeldolden.

Ich fürchte mich nun

Vor meinem wachenden Blick –

Verstecke mich, Du –

Denn meine wilde Pein

Wird Scham,

Verstecke mich, Du,

Tief in das Auge der Nacht,

Daß mein Tag Nachtdunkel trage.

Dieses taube Getöse, das mich umwirrt!

Meine Angst rollt die Erdstufen herauf,

Düsterher, zu mir zurück, nachthin,

Kaum rastet eine Spanne zwischen uns.

Brich mir das glühende Eden von der Schulter!

Mit seinen kühlen Armen spielten wir,

Durch seine hellen Wolkenreife sprangen unsere Jubel.

Nun schnellen meine Zehe wie irre Pfeile über die Erde,

Und meine Sehnsucht kriecht in jähen Bogen mir voran.«

Eva, kehre um vor der letzten Hecke noch!

Wirf nicht Schatten mit Dir,

Blühe aus, Verführerin.

Eva Du heiße Lauscherin,

O, Du schaumweiße Traube,

Flüchte um vor der Spitze Deiner schmalsten Wimper noch!

[9] Liebesflug

Drei Stürme liebt ich ihn eh’r wie er mich,

Jäh schrien seine Lippen,

Wie der geöffnete Erdmund!

Und Gärten berauschten an Mairegen sich.

Und wir griffen unsere Hände,

Die verlöteten wie Ringe sich.

Und er sprang mit mir auf die Lüfte

Gotthin, bis der Atem verstrich.

Dann kam ein leuchtender Sommertag,

Wie eine glückselige Mutter.

Und die Mädchen blickten schwärmerisch,

Nur meine Seele lag müd und zag.

[10] Wir Beide

Der Abend weht Sehnen aus Blütensüße,

Und auf den Bergen brennt wie Silberdiamant der Reif,

Und Engelköpfchen gucken überm Himmelstreif,

Und wir Beide sind im Paradiese.

Und uns gehört das ganze bunte Leben,

Das blaue, große Bilderbuch mit Sternen,

Mit Wolkentieren, die sich jagen in den Fernen

Und hei! die Kreiselwinde, die uns drehn und heben!

Der liebe Gott träumt seinen Kindertraum

Vom Paradies – von seinen zwei Gespielen,

Und große Blumen sehn uns an von Dornenstielen ...

Die düstere Erde hing noch grün am Baum.

[11] Die Liebe

Es rauscht durch unseren Schlaf

Ein feines Wehen wie Seide,

Wie pochendes Erblühen

Über uns beide.

Und ich werde heimwärts

Von Deinem Atem getragen,

Durch verzauberte Märchen,

Durch verschüttete Sagen.

Und mein Dornenlächeln spielt

Mit Deinen urtiefen Zügen,

Und es kommen die Erden

Sich an uns zu schmiegen.

Es rauscht durch unseren Schlaf

Ein feines Wehen wie Seide –

Der weltalte Traum

Segnet uns beide.

[12] Traum

Der Schlaf entführte mich in Deine Gärten,

In Deinen Traum – die Nacht war wolkenschwarz umwunden –

Wie düstere Erden starrten Deine Augenrunden,

Und Deine Blicke waren Härten.

Und zwischen uns lag eine weite, steife,

Tonlose Ebene .......

Und meine Sehnsucht hingegebene,

Küßt Deinen Mund, die blassen Lippenstreife.

[13] Meiner Schwester Kind

Der Morgen ist bleich von Traurigkeit,

Es sind so viel junge Blumen gestorben,

Und Du, o Du bist gestorben,

Und mein Herz klagt eine Sehnsucht weit

Über die ziellose Flut

Der blaublühenden Meere,

Und Deine Mutter höre

Ich weinen in meinem Blut.

Und ich muß immer träumen

Von Deinen tiefen Lenzaugen,

Die blickten wie wilde Knospen

Von gottalten Bäumen.

[14] »Täubchen, das in seinem eigenen Blute schwimmt«

Als ich also diese Worte an mich las,

Erinnerte ich mich

Tausend Jahre meiner.

Eisige Zeiten verschollen – Leben vom Leben,

Wo liegt mein Leben –

Und träumt nach meinem Leben.

Ich lag allen Tälern im Schoß,

Umklammerte alle Berge,

Aber nie meine Seele wärmte mich.

Mein Herz ist die tote Mutter,

Und meine Augen sind traurige Kinder,

Die über die Lande gehen.

»Täubchen, das in seinem eigenen Blute schwimmt« ....

Ja, diese Worte an mich sind heiße Tropfen,

Sind mein stilles Aufsterben.

»Täubchen, das in seinem eigenen Blute schwimmt« ....

In den Nächten sitzen sieben weinende Stimmen

Auf der Stufe des dunklen Tors

Und harren.

Auf den Hecken sitzen sie

Um meine Träume

Und tönen.

Und mein braunes Auge blüht

Halberschlossen vor meinem Fenster

Und zirpt. –

»Täubchen, das in seinem eigenen Blute schwimmt« ....

[15] Eva

Du hast Deinen Kopf tief über mich gesenkt,

Deinen Kopf mit den goldenen Lenzhaaren,

Und Deine Lippen sind von rosiger Seidenweichheit,

Wie die Blüten der Bäume Edens waren.

Und die keimende Liebe ist meine Seele,

O, meine Seele ist das vertriebene Sehnen,

Und Du zitterst von Ahnungen

Und weißt nicht, warum Deine Träume stöhnen.

Und ich liege schwer auf Deinem Leben,

Wie eine tausendstämmige Erinnerung.

Und Du bist so blindjung, so adamjung ....

Du hast Deinen Kopf tief über mich gesenkt.

[16] Unser stolzes Lied

Der Goldhäutigen zu eigen

Aber fremde Tage hängen

Über uns mit kühlen Bläuen,

Und weiße Wolkenschollen dräuen,

Das goldene Strahleneiland zu verdrängen.

Auch wir beide sind besiegte Siegerinnen,

Und Kronen steigen uns vom Blut der Ceder,

Propheten waren unsere Väter,

Und unsere Mütter Königinnen.

Und süße Schwermutwolken ranken

Sich über ihre Gräber lilaheiß in Liebeszeilen,

Und unsere Leiber ragen stolz, zwei goldene Säulen,

Über das Abendland, wie östliche Gedanken.

[17] Unser Liebeslied

Der Schlanken in Grazie

Laß die kleinen Sterne stehn,

Lenzseits winken junge Matten

Meiner Welten, die nichts wissen vom Geschehn.

Und wir wollen unter Pinien

Heimlich beide umschlungen gehn,

In die blaue Allmacht sehn.

Und von roten Abendlinien

Blicken Marmorwolkenfresken

Uns verzückte Arabesken.

Zwischen Garben

Und Schilfrohrruten

Steigen Schlummer auf aus Farben.

Du .... mein Nacken ist ein Mattgold-Abendfluten

Gleite, gleite Wildschwane.

[18] Unser Kriegslied

Der Kühnen in Herbe

Unsere Arme schlingen sich entgegen

Durch das Leben in runden Schwingen,

Durch das Spiel von Feuerringen,

Wie zwei Äste sich durch Bogenwegen.

Unsere Seelen tragen scharfe Blüten

Und aus ihren Kelchen steigen

Weihedüfte .... und die Himmel neigen

Ihre Häupter mit den blauen Güten.

Unsere Willen sind zwei harte Degen

Und sie haben nie verfehlt gestritten,

Und wir dringen bis zum Erzkreis vor, in seiner Mitten

Fällt nach dürren Ewigkeiten Freudenregen,

Alles Sehnen nieder, und vor unserm Schilde

Stürzt das blinde Dämmergraugebilde!

Unsere Adern schmettern wie Posaunen!

Unsere Augen blicken sich in Blicken,

Wie zwei Siege sich erblicken –

Und die Nacht des Tages voll in Lichterstaunen.

[19] Erfüllung

Wir sitzen traurig Hand in Hand,

Die gelbe Sonnenrose,

Die strahlende Braut Gottes,

Leuchtet erdenabgewandt .....

Und wie golden ihr Blick war!

Und unsere Augen weiten

Sich fragend wie Kinderaugen,

Weiß liegt die Sehnsucht schon auf unserm Haar.

Und zwischen den kahlen Buchen

Steigen ruhelose Dunkelheiten,

Auferstandene Nächte,

Die ihre weinenden Tage suchen.

Und es schließen sich wie Rosen

Unsere Hände. Du, wir wollen

Wie junge Himmel uns lieben

Im Kranz von grauen Grenzenlosen.

Ein tiefer Sommer wird schweben

Auf laubigen Flügeln zur Erde,

Und eine rauschende Süße

Strömt durch das schwermütige Leben.

Und was werden wir beide spielen .....

Wir halten uns jauchzend umschlungen

Und kugeln uns über die Erde,

Über die Erde.

[20] Ruth

Und Du suchst mich vor den Hecken,

Ich höre Deine Schritte seufzen,

Und meine Augen sind schwere dunkle Tropfen.

In meiner Seele blühen süß Deine Blicke

Und füllen sich,

Wenn meine Augen in den Schlaf wandeln.

Am Brunnen meiner Heimat

Steht ein Engel,

Der singt das Lied meiner Liebe,

Der singt das Lied Ruths.

[21] Als ich noch im Flügelkleide ...

Unter süßem Veilchenhimmel

Ist unsere Liebe aufgegangen,

Und ich suche allerwegen

Nach Dir und Deinen Morgenwangen.

Und den Ringelrangelhaaren

Rötlichblonden Rosenlocken,

Und den frühlingshellen Augen,

Die so frischfreifrohfrohlocken.

Zwischen dicken Gummipflanzen

Lauern hinter Irdentöpfen

Strickpicknadelspitze Augen

Tüksch aus bitteren Frauenköpfen.

Daß die beiden alten Damen

Hinter unsere Liebe kamen

Und Dich in Gewahrsam nahmen,

Sind die Dramen unserer Herzen.

[22] Groteske

Seine Ehehälfte sucht der Mond,

Da sonst das Leben sich nicht lohnt.

Der Lenzschalk springt mit grünen Füßen

Blühheilala über die Wiesen.

Steif steht im Teich die Schmackeduzie,

Es sehnt und dehnt sich Fräulein Luzie.

[23] Das Geheimnis

Die runde Ampel hängt wie eine Süßfrucht in der Nische,

Des Fensters beide Glasgestalten regen sich,

Der Paradiesbaum hinter ihnen bläht sich,

Und meine Hände fallen bleich vom Marmortische.

Und aus dem Abend tritt ein schwerer Duft,

Und unsere Heiterkeiten klingen ferne

Hellhin .... wir sind auf einem greisen Sterne –

Wir Vier – und schwanken in der Luft.

Dein Auge füllt sich ... und ich ahne, wer ich bin –

Die zärtlich Glatte schlingt den Arm um Deinen Leib und wittert,

Und der im Lichtschein beugt den Kopf, das Schweigen über uns gewittert,

Es blickt sich unser Blut um, hin zum Anbeginn.

Und siegeslockend schwingt der runde Odem uns ums Leben

Am Rand vorbei, der stillste Kreis umkrampft uns.

Und Nähe sucht in Nähe zu verkriechen ....

Mein Arm hebt wie ein Schwert sich auf vor uns,

Versteinte Zeichen reißen sich aus Urgeweben.

Und draußen fällt ein bleicher, blinder Regen

Und tastet auf in hohlen, toten Fragen.

Wir sind von der Schlange noch nicht ausgetragen

Und finden das Ziel nicht in ihrem dunklen Bewegen.

[24] Nachklänge

Auf den harten Linien

Meiner Siege

Laß ich meine späte Liebe tanzen.

Herzauf, seelehin,

Tanze, tanze meine späte Liebe,

Und ich lächle schwer vergessene Lieder.

Und mein Blut beginnt zu wittern,

Sich zu sehnen

Und zu flattern.

Schon vor Sternzeiten

Wünschte ich mir diese blaue,

Helle, leuchteblaue Liebe.

Deine Augen singen

Schönheit,

Duftende Schönheit .....

Auf den harten Linien

Meiner Siege

Laß ich meine späte Liebe tanzen.

Und ich schwinge sie –

»Fangt auf Ihr Rosenhimmel,

Auf und nieder!«

Tanze, tanze, meine späte Liebe.

Herzab, seelehin –

Arglos über stille Tiefen ......

Über mein bezwungenes Leben.

[25] Evas Lied

Die Luft ist von gährender Erde herb,

Und der nackte Märzwald sehnt sich

Wie Du – o, ich wollte, ich würde der Frühling,

Mit lauter Märchen umblühte ich Dich.

Wäre meine Kraft nicht tot!

Ich hab all das Nachleid tragen müssen,

Und mein tagendes Herzrot

Ist von grollenden Himmeln zerrissen.

Und Deine Sinne sind kühl,

Und Deine Augen sind zwei Morgenfrühen,

Und das Blondgewirr auf Deiner Stirn

Glüht, als ob Sonnen sie besprühen.

Aber Du bist vertrieben wie ich,

Weil Du auf das Land meiner Seele sankst,

Als das Glück des Erkenntnißtags aus mir schrie

Und seines Genießens Todesangst.

[26] Maienregen

Du hast Deine warme Seele

Um mein verwittertes Herz geschlungen,

Und all seine dunklen Töne

Sind wie ferne Donner verklungen.

Aber es kann nicht mehr jauchzen

Mit seiner wilden Wunde,

Und wunschlos in Deinem Arme

Liegt mein Mund auf Deinem Munde.

Und ich höre Dich leise weinen,

Und es ist – die Nacht bewegt sich kaum –

Als fiele ein Maienregen

Auf meinen greisen Traum.

[27] Mein stilles Lied

Mein Herz ist eine traurige Zeit,

Die tonlos tickt.

Meine Mutter hatte goldene Flügel,

Die keine Welt fanden.

Horcht, mich sucht meine Mutter,

Lichte sind ihre Finger und ihre Füße wandernde Träume.

Und süße Wetter mit blauen Wehen

Wärmen meine Schlummer

Immer in den Nächten,

Deren Tage meiner Mutter Krone tragen.

Und ich trinke aus dem Monde stillen Wein,

Wenn die Nacht einsam kommt.

Meine Lieder trugen des Sommers Bläue

Und kehrten düster heim.

Verhöhnt habt ihr mir meine Lippe

Und redet mit ihr.

Doch ich griff nach euern Händen,

Denn meine Liebe ist ein Kind und wollte spielen.

Einen nahm ich von euch und den zweiten

Und küßte ihn,

Aber meine Blicke blieben rückwärts gerichtet

Meiner Seele zu.

[28] Arm bin ich geworden

Von eurer bettelnden Wohltat.

Und ich wußte nichts vom Kranksein,

Und bin krank von euch,

Und nichts ist diebischer als Kränke,

Sie bricht dem Leben die Füße,

Stiehlt dem Grabweg das Licht,

Und verleumdet den Tod.

Aber mein Auge

Ist der Gipfel der Zeit,

Sein Leuchten küßt

Gottes Saum.

Und ich will euch noch mehr sagen,

Bevor es finster wird zwischen uns.

Bist Du der Jüngste von euch,

So sollst Du mein Ältestes wissen.

Auf Deiner Seele werden es fortan

Alle Welten spielen.

Und die Nacht wird es wehklagen

Dem Tag.

Ich bin der Hieroglyph,

Der unter der Schöpfung steht.

[29] Und ich artete mich nach euch,

Der Sehnsucht nach dem Menschen wegen.

Ich riß die ewigen Blicke von meinen Augen,

Das siegende Licht von meinen Lippen –

Weißt Du einen schwereren Gefangenen,

Einen böseren Zauberer, denn ich.

Und meine Arme, die sich heben wollen,

Sinken ......

[30] Mein Volk

Der Fels wird morsch,

Dem ich entspringe

Und meine Gotteslieder singe ....

Jäh stürz ich vom Weg

Und riesele ganz in mir

Fernab, allein über Klagegestein

Dem Meer zu.

Hab mich so abgeströmt

Von meines Blutes

Mostvergorenheit.

Und immer, immer noch der Wiederhall

In mir,

Wenn schauerlich gen Ost

Das morsche Felsgebein,

Mein Volk,

Zu Gott schreit.

[31] Zebaoth

Gott ich liebe Dich in Deinem Rosenkleide,

Wenn Du aus Deinen Gärten trittst, Zebaoth.

O, Du Gottjüngling,

Du Dichter,

Ich trinke einsam von Deinen Düften.

Meine erste Blüte Blut sehnte sich nach Dir,

So komme doch,

Du süßer Gott,

Du Gespiele Gott,

Deines Tores Gold schmilzt an meiner Sehnsucht.

[32] Mein Sterbelied

Die Nacht ist weich von Rosensanftmut ...

Komm gieb mir Deine beiden Hände her,

Mein Herz pocht spät

Und durch mein Blut

Wandert die letzte Nacht und geht

Und naht so weit und ewig wie ein Meer.

Und hast Du mich so sehr geliebt,

So nimm das Jubelndste von Deinem Tag,

Gieb mir, was keine Wolke trübt,

Das Gold von seinem frühsten Lenzschein ...

Es wallen Harmonien aus der Nachtlandferne

Ich ziehe ein

Und werde Leben sein

Und Leben mich an Leben schmiegen,

Wenn über mir Paradiessterne

Ihre ersten Menschen wiegen.

[33] Streiter

Und Deine hellen Augen heben sich im Zorn,

Schwarz, wie die lange Nacht, und morgenlose,

Des Eitlen Stimme brüllt in toter Pose,

Wie durch ein enggebogenes Horn.

Und durch das übermütige Tausendlachen

Der Einen und der Zweiten und der Vielen,

Zerbersten Wort an Worten sich aus Wetterschwielen,

Wie reife Härten auf den lauten Schwachen.

Und Abendwinde, die von her und dort sich trafen

Und schrill in Kreiseleile sich beschielen,

Aufpfiffen fröstelnd über die gebohnten Dielen –

Ich konnte nachts vor Träumerei nicht schlafen.

Und meine Seele liegt wie eine bleiche Weite

Und hört das Leben mahlen in der Mühle,

Es löst sich auf in schwere Kühle,

Und ballt sich wieder heiß zum Streite.

[34] Wir Drei

Unsere Seelen hingen an den Morgenträumen,

Wie die Herzkirschen,

Wie lachendes Blut an den Bäumen.

Kinder waren unsere Seelen,

Als sie mit dem Leben spielten,

Wie die Märchen sich erzählen.

Und von weißen Azaleen

Sangen die Spätsommerhimmel

Über uns im Südwindwehen.

Und ein Kuß und ein Glauben

Waren unsere Seelen eins,

Wie drei Tauben.

[35] Mein Liebeslied

Wie ein heimlicher Brunnen

Murmelt mein Blut,

Immer von Dir, immer von mir.

Unter dem taumelnden Mond

Tanzen meine nackten, suchenden Träume,

Nachtwandelnde, fiebernde Kinder,

Leise über düstere Hecken.

O, Deine Lippen sind sonnig ....

Diese Rauschedüfte Deiner Lippen ....

Und aus blauen Dolden, silberumringt

Lächelst Du ... Du, Du.

Immer das schlängelnde Geriesel

Auf meiner Haut

Über die Schulter hinweg –

Ich lausche ....

Wie ein heimlicher Brunnen

Murmelt mein Blut ...

[36] Mein Wanderlied

Zwölf Morgenhellen weit

Verschallt der Geist der Mitternacht,

Und meine Lippen haben ausgedacht

In stolzer Linie mit der Ewigkeit.

Torabwärts schreitet das Verflossene,

Indessen meine Seele sich im Glanz der Lösung bricht,

Ihr tausendheißes, weißes Licht

Scheint mir voran ins Ungegossene.

Und ich wachse über all Erinnern weit

So ferne Musik ... und zwischen Kampf und Frieden

Steigen meine Blicke hoch wie Pyramiden,

Und sind die Ziele hinter aller Zeit.

[37] Der Letzte

Wilde Winde wehte ich,

Bis ich stand.

Alle Sterne träumen von mir,

Und ihre Strahlen werden goldener,

Und meine Ferne undurchdringlicher.

Ich lehne am geschlossenen Lid der Nacht

Und horche in die Ruhe.

Wie mich der Mond umwandelt,

Immer leises, blindes Geschimmer murmelnd,

Ein Derwisch ist er in seinem Wandeltanz.

Weißgelbenjung hing sein Schein

Schaumleicht an der Nacht,

Und jäh über die Wolken sein Lawinengedröhne

Immer grauab

Mir zur Seite streifte sein Gold.

Mein Heimatmeer lauscht still in meinem Schoß,

Helles Schlafen – dunkles Wachen .....

In meiner Hand liegt schwer mein Volk begraben,

Und Wetter ziehen schüchtern über mich.

Ich lehne am geschlossenen Lid der Nacht

Und horche in die Ruhe.

[38] O, meine schmerzliche Lust ....

Mein Traum ist eine junge, wilde Weide

Und schmachtet in der Dürre.

Wie die Kleider um den Tag brennen ....

Alle Lande bäumen sich.

Soll ich Dich locken mit dem Liede der Lerche

Oder soll ich Dich rufen wie der Feldvogel

Tuuh! Tuuh!

Wie die Silberähren

Um meine Füße sieden ....

O, meine schmerzliche Lust

Weint wie ein Kind.

[39] Der letzte Stern

Mein silbernes Blicken rieselt durch die Leere,

Nie ahnte ich, daß das Leben hohl sei.

Auf meinem leichtesten Strahl

Gleite ich wie über Gewebe von Luft

Die Zeit rundauf, kugelab,

Unermüdlicher tanzte nie der Tanz.

Schlangenkühl steigt der Atem der Winde,

Wie Säulen aus blassen Ringen

Und fallen wieder.

Was soll das klanglose Luftgelüste –

Dieses Schwanken unter mir,

Wenn ich über die Lende der Zeit mich drehe,

– Wie eine sanfte Farbe ist mein Bewegen –

Und doch hatte sie nie das frische Auftagen,

Nicht das jubelnde Blühen eines Morgen für mich.

Es naht der siebente Tag –

Und noch ist das Ende nicht erschaffen.

Tropfen an Tropfen erlöschen

Und reiben sich wieder,

In den Tiefen taumeln die Wasser

Und drängen hin und stürzen erdenab.

Wilde, schimmernde Rauscharme

Schäumen auf und verlieren sich,

Und wie alles drängt und sich engt

Ins letzte Bewegen.

Kürzer atmet die Zeit im Schoß der Zeitlosen –

Hohle Lüfte schleichen

Und erreichen das Ende nicht,

Und ein Punkt wird mein Tanz

In der Blindnis ........

[40] Heim

Unsere Zimmer haben blaue Wände,

Und wir wandeln leisehin durch Himmelweiten,

Und am Abend legen Innigkeiten

Mit Engelaugen ineinander unsere Hände.

Und wir erzählen uns Geschichten,

Bis der Morgen kommt, in Silberglocken

Und dem Dämmersteine in den Locken,

Der Sonne winkt durchs Tor von Wolkenschichten.

Und wie sie tanzt auf unseren wiesenhellen

Teppichen; leicht über sanftverschlungene Blumenstiele!

Zum Liebeslauschen laden unsere Stühle,

Und von den Pfeilern fallen Seidenquellen.

[41] Sphinx

Sie sitzt an meinem Bette in der Abendzeit

Und meine Seele tut nach ihrem Willen,

Und in dem Dämmerscheine, traumesstillen,

Engen wie Fäden dünn sich ihre Glanzpupillen

Um ihrer Sinne schläfrige Geschmeidigkeit.

Und auf dem Nebenbette an den Leinennähten

Knistern die Spitzenranken von Narzissen,

Und ihre Hände dehnen breit sich nach den Kissen,

Auf dem noch Träume blühn aus seinen Küssen,

Wie süßer Duft auf weißen Beeten.

Und lächelnd taucht die Mondfrau in die Wolkenwellen

Und meine bleichen, leidenden Psychen

Erstarken neu im Kampf mit Widersprüchen,

Und meine Seele heilt in Erdgerüchen,

Die sommerheiß aus ihren Poren quellen.

[42] Weltende

Herwarth Walden

Es ist ein Weinen in der Welt,

Als ob der liebe Gott gestorben wär,

Und der bleierne Schatten, der niederfällt

Lastet grabesschwer.

Komm, wir wollen uns näher verbergen ....

Das Leben liegt in aller Herzen

Wie in Särgen.

Du! wir wollen uns tief küssen ....

Es pocht eine Sehnsucht an die Welt,

An der wir sterben müssen.

[43] Inhalt

Erkenntnis [7]

Liebesflug [9]

Wir Beide [10]

Die Liebe [11]

Traum [12]

Meiner Schwester Kind [13]

»Täubchen, das in seinem eigenen Blute schwimmt« [14]

Eva [15]

Unser stolzes Lied [16]

Unser Liebeslied [17]

Unser Kriegslied [18]

Erfüllung [19]

Ruth [20]

Als ich noch im Flügelkleide ... [21]

Groteske [22]

Das Geheimnis [23]

Nachklänge [24]

Evas Lied [25]

Maienregen [26]

Mein stilles Lied [27]

Mein Volk [30]

Zebaoth [31]

Mein Sterbelied [32]

Streiter [33]

Wir drei [34]

Mein Liebeslied [35]

Mein Wanderlied [36]

Der Letzte [37]

O, meine schmerzliche Lust ... [38]

Der letzte Stern [39]

Heim [40]

Sphinx [41]

Weltende [42]