Karl Jürgen Skrodzki

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Karl Jürgen Skrodzki, Lohmar

[3]

Hebräische Balladen

Von

Else Lasker-Schüler

Der Gedichte erster Teil

Mit einer Einbandzeichnung der Verfasserin

Verlegt bei Paul Cassirer in Berlin

1920

[5]

Die Gedichte

schenke ich meiner teuren Mutter

und ihrem Enkel Paul

[Einband:]

Hebräische Balladen (1920)

[7] Versöhnung

Es wird ein großer Stern in meinen Schoß fallen …

Wir wollen wachen die Nacht,

In den Sprachen beten,

Die wie Harfen eingeschnitten sind.

Wir wollen uns versöhnen die Nacht –

So viel Gott strömt über.

Kinder sind unsere Herzen,

Die möchten ruhen müdesüß.

Und unsere Lippen wollen sich küssen,

Was zagst du?

Grenzt nicht mein Herz an deins –

Immer färbt dein Blut meine Wangen rot.

Wir wollen uns versöhnen die Nacht,

Wenn wir uns herzen, sterben wir nicht.

Es wird ein großer Stern in meinen Schoß fallen.

[8] Mein Volk

Der Fels wird morsch,

Dem ich entspringe

Und meine Gotteslieder singe …

Jäh stürz ich vom Weg

Und riesele ganz in mir

Fernab, allein über Klagegestein

Dem Meer zu.

Hab mich so abgeströmt

Von meines Blutes

Mostvergorenheit.

Und immer, immer noch der Widerhall

In mir,

Wenn schauerlich gen Ost

Das morsche Felsgebein,

Mein Volk,

Zu Gott schreit.

[9] Boas

Ruth sucht überall

Nach goldenen Kornblumen

An den Hütten der Brothüter vorbei –

Bringt süßen Sturm

Und glitzernde Spielerei

Über Boas Herz;

Das wogt ganz hoch

In seinen Korngärten

Der fremden Schnitterin zu.

[10] Esther

Esther ist schlank wie die Feldpalme,

Nach ihren Lippen duften die Weizenhalme

Und die Feiertage, die in Juda fallen.

Nachts ruht ihr Herz auf einem Psalme,

Die Götzen lauschen in den Hallen.

Der König lächelt ihrem Nahen entgegen –

Denn überall blickt Gott auf Esther.

Die jungen Juden dichten Lieder an die Schwester,

Die sie in Säulen ihres Vorraums prägen.

[11] An Gott

Du wehrst den guten und den bösen Sternen nicht;

All ihre Launen strömen.

In meiner Stirne schmerzt die Furche,

Die tiefe Krone mit dem düsteren Licht.

Und meine Welt ist still –

Du wehrtest meiner Laune nicht.

Gott, wo bist du?

Ich möchte nah an deinem Herzen lauschen,

Mit deiner fernsten Nähe mich vertauschen,

Wenn goldverklärt in deinem Reich

Aus tausendseligem Licht,

Alle die guten und die bösen Brunnen rauschen.

[12] Jakob und Esau

Rebekkas Magd ist eine himmlische Fremde,

Aus Rosenblättern trägt die Engelin ein Hemde

Und einen Stern im Angesicht.

Und immer blickt sie auf zum Licht,

Und ihre sanften Hände lesen

Aus goldenen Linsen ein Gericht.

Jakob und Esau blühn an ihrem Wesen

Und streiten um die Süßigkeiten nicht,

Die sie in ihrem Schoß zum Mahle bricht.

Der Bruder läßt dem jüngeren die Jagd

Und all sein Erbe für den Dienst der Magd;

Um seine Schultern schlägt er wild das Dickicht.

[13] Abel

Kains Augen sind nicht gottwohlgefällig,

Abels Angesicht ist ein goldener Garten,

Abels Augen sind Nachtigallen.

Immer singt Abel so hell

Zu den Saiten seiner Seele,

Aber durch Kains Leib führen die Gräben der Stadt.

Und er wird seinen Bruder erschlagen –

Abel, Abel, dein Blut färbt den Himmel tief.

Wo ist Kain, da ich ihn stürmen will:

Hast du die Süßvögel erschlagen

In deines Bruders Angesicht?!!

[14] Pharao und Joseph

Pharao verstößt seine blühenden Weiber,

Sie duften nach den Gärten Amons.

Sein Königskopf ruht auf meiner Schulter,

Die strömt Korngeruch aus.

Pharao ist von Gold.

Seine Augen gehen und kommen

Wie schillernde Nilwellen.

Sein Herz aber liegt in meinem Blut;

Zehn Wölfe gingen an meine Tränke.

Immer denkt Pharao

An meine Brüder,

Die mich in die Grube warfen.

Säulen werden im Schlaf seine Arme

Und drohen!

Aber sein träumerisch Herz

Rauscht auf meinem Grund.

Darum dichten meine Lippen

Große Süßigkeiten,

Im Weizen unseres Morgens.

[15] David und Jonathan

In der Bibel stehn wir geschrieben

Buntumschlungen.

Aber unsere Knabenspiele

Leben weiter im Stern.

Ich bin David,

Du mein Spielgefährte;

O, wir färbten

Unsere weißen Widderherzen rot!

Wie die Knospen an den Liebespsalmen

Unter Feiertagshimmel.

Deine Abschiedsaugen aber –

Immer nimmst du still im Kusse Abschied.

Und was soll dein Herz

Noch ohne meines –

Deine Süßnacht

Ohne meine Lieder.

[16] David und Jonathan

O Jonathan, ich blasse hin in deinem Schoß,

Mein Herz fällt feierlich in dunklen Falten,

In meiner Schläfe pflege du den Mond,

Des Sternes Gold sollst du erhalten,

Du bist mein Himmel mein, du Liebgenoß.

Ich hab so säumerisch die kühne Welt

Fern immer nur im Bach geschaut …

Wie bunt sie nun aus meinem Auge fällt

Durch deine Liebe aufgetaut.

O Jonathan, nimm du die königliche Träne,

Sie schimmert weich und reich wie eine Braut.

O Jonathan, du Blut der süßen Feige,

Duftendes Gehang an meinem Zweige,

Du Ring in meiner Lippe Haut,

Durch den ich wieder neu und scheu mich sehne.

[17] Ruth

Und du suchst mich vor den Hecken.

Ich höre deine Schritte seufzen

Und meine Augen sind schwere dunkle Tropfen.

In meiner Seele blühen süß deine Blicke

Und füllen sich,

Wenn meine Augen in den Schlaf wandeln.

Am Brunnen meiner Heimat

Steht ein Engel,

Der singt das Lied meiner Liebe,

Der singt das Lied Ruths.

[18] Saul

Über Juda liegt der große Melech wach;

Ein steinernes Kameeltier trägt sein Dach.

Die Katzen schleichen scheu um rissige Säulen.

Und ohne Leuchte sinkt die Nacht ins Grab,

Sauls volles Auge nahm zur Scheibe ab.

Die Klageweiber treiben hoch und heulen.

Vor seinen Toren aber stehn die Cananiter.

– Er zwingt den Tod, den ersten Eindring nieder –

Und schwingt mit fünfmalhunderttausend Mann die Keulen.

[19] Moses und Josua

Als Moses im Alter Gottes war,

Nahm er der wilden Juden Josua

Und salbte ihn zum König seiner Schar.

Da ging ein Sehnen weich durch Israel –

Denn Josuas Herz erquickte wie ein Quell.

Des Bibelvolkes Judenleib war sein Altar.

Die Mägde mochten den gekrönten Bruder gern –

Wie heiliger Dornstrauch brannte süß sein Haar;

Sein Lächeln grüßte den ersehnten Heimatstern,

Den Mosis altes Sterbeauge aufgehn sah,

Als seine müde Löwenseele schrie zum Herrn.

[20] Im Anfang

Hing an einer goldnen Lenzwolke,

Als die Welt noch Kind war

Und Gott noch junger Vater war.

Schaukelte hei

Auf dem Ätherei

Und meine Wollhärchen flitterten ringelrei.

Neckte den wackelnden Mondgroßpapa,

Naschte Sonne der Goldmama,

In den Himmel sperrte ich Satan ein,

Und Gott in die rauchende Hölle.

Die drohten mit ihrem größten Finger

Und haben »klumbumm, klumbumm« gemacht,

Und es sausten die Peitschenwinde;

Doch Gott hat nachher zwei Donner gelacht

Mit dem Teufel über meine Todsünde.

Würde 10000 Erdglück geben.

Noch einmal so gottgeboren zu leben,

So gottgeborgen, so offenbar.

Ja, ja,

Als ich noch Gottes Schlingel war!

[21] Zebaoth

Gott, ich liebe dich in deinem Rosenkleide,

Wenn du aus deinen Gärten trittst, Zebaoth.

O, du Gottjüngling,

Du Dichter,

Ich trinke einsam von deinen Düften.

Meine erste Blüte Blut sehnte sich nach dir,

So komme doch,

Du süßer Gott,

Du Gespiele Gott,

Deines Tores Gold schmilzt an meiner Sehnsucht.

[22] Abraham und Isaak

Abraham baute in der Landschaft Eden

Sich eine Stadt aus Erde und aus Blatt

Und übte sich mit Gott zu reden.

Die Engel ruhten gern vor seiner frommen Hütte

Und Abraham erkannte jeden;

Himmlische Zeichen ließen ihre Flügelschritte.

Bis sie dann einmal bang in ihren Träumen

Meckern hörten die gequälten Böcke,

Mit denen Isaak opfern spielte hinter Süßholzbäumen.

Und Gott ermahnte: Abraham!!

Er brach vom Kamm des Meeres Muscheln ab und Schwamm

Hoch auf den Blöcken den Altar zu schmücken.

Und trug den einzigen Sohn gebunden auf den Rücken

Zu werden seinem großen Herrn gerecht –

Der aber liebte seinen Knecht.

[23] Eva

Du hast deinen Kopf tief über mich gesenkt,

Deinen Kopf mit den goldenen Lenzhaaren,

Und deine Lippen sind von rosiger Seidenweichheit,

Wie die Blüten der Bäume Edens waren.

Und die keimende Liebe ist meine Seele.

O, meine Seele ist das vertriebene Sehnen,

Du liebzitterst vor Ahnungen –

… Und weißt nicht, warum deine Träume stöhnen.

Und ich liege schwer auf deinem Leben,

Eine tausendstämmige Erinnerung,

Und du bist so blutjung, so adamjung …

Du hast deinen Kopf tief über mich gesenkt –.

[24] Sulamith

O, ich lernte an deinem süßen Munde

Zuviel der Seligkeiten kennen!

Schon fühl ich die Lippen Gabriels

Auf meinem Herzen brennen ....

Und die Nachtwolke trinkt

Meinen tiefen Zederntraum.

O, wie dein Leben mir winkt!

Und ich vergehe

Mit blühendem Herzeleid

Und verwehe im Weltraum,

In Zeit,

In Ewigkeit,

Und meine Seele verglüht in den Abendfarben

Jerusalems.

[25] Hagar und Ismael

Mit Muscheln spielten Abrahams kleine Söhne

Und ließen schwimmen die Perlmutterkähne;

Dann lehnte Isaak bang sich an den Ismael

Und traurig sangen die zwei schwarzen Schwäne

Um ihre bunte Welt ganz dunkle Töne

Und die verstoßne Hagar raubte ihren Sohn sich schnell.

Vergoß in seine kleine ihre große Träne,

Und ihre Herzen rauschten wie der heilige Quell,

Und übereilten noch die Straußenhähne.

Die Sonne aber brannte auf die Wüste grell

Und Hagar und ihr Knäblein sanken in das gelbe Fell

Und bissen in den heißen Sand die weißen Negerzähne.

[26] Jakob

Jakob war der Büffel seiner Herde.

Wenn er stampfte mit den Hufen

Sprühte unter ihm die Erde.

Brüllend ließ er die gescheckten Brüder.

Rannte in den Urwald an die Flüsse,

Stillte dort das Blut der Affenbisse.

Durch die müden Schmerzen in den Knöcheln

Sank er vor dem Himmel fiebernd nieder,

Und sein Ochsgesicht erschuf das Lächeln.

[27]

Meine schöne Mutter

blickte immer auf Venedig

[29] Mutter

Ein weißer Stern singt ein Totenlied

In der Julinacht,

Wie Sterbegeläut in der Julinacht.

Und auf dem Dach die Wolkenhand,

Die streifende feuchte Schattenhand

Sucht nach meiner Mutter.

Ich fühle mein nacktes Leben,

Es stößt sich ab vom Mutterland,

So nackt war nie mein Leben,

So in die Zeit gegeben,

Als ob ich abgeblüht

Hinter des Tages Ende

Zwischen weiten Nächten stände,

Alleine.

[30] Mutter

O Mutter, wenn du leben würdest

Dann möchte ich spielen in deinem Schoß.

Mir ist bang und mein Herz schmerzt

Von der vielen Pein.

Überall sprießt Blutlaub.

Wo soll mein Kind hin?

Ich baute keinen Pfad froh,

Alle Erde ist aufgewühlt.

Liebe, liebe Mutter.

[31] Meine Mutter

War sie der große Engel,

Der neben mir ging?

Oder liegt meine Mutter begraben

Unter dem Himmel von Rauch –

Nie blüht es blau über ihrem Tode.

Wenn meine Augen doch hell schienen

Und ihr Licht brächten.

Wäre mein Lächeln nicht versunken im Antlitz,

Ich würde es über ihr Grab hängen.

Aber ich weiß einen Stern,

Auf dem immer Tag ist;

Den will ich über ihre Erde tragen.

Ich werde jetzt immer ganz allein sein

Wie der große Engel,

Der neben mir ging.

[32] Die Stimme Edens

Wilder, Eva, bekenne schweifender,

Deine Sehnsucht war die Schlange,

Ihre Stimme wand sich über deine Lippe,

Und biß in den Saum deiner Wange.

Wilder, Eva, bekenne reißender,

Den Tag, den du Gott abrangst,

Da du zu früh das Licht sahst

Und in den blinden Kelch der Scham sankst.

Riesengroß

Steigt aus deinem Schoß

Zuerst wie Erfüllung zagend,

Dann sich ungestüm raffend,

Sich Selbst schaffend,

Gottseele ....

Und sie wächst

Über die Welt hinaus,

Ihren Anfang verlierend,

Über alle Zeit hinaus,

Und zurück um dein Tausendherz,

Ende überragend ....

[33] Singe, Eva, dein banges Lied einsam,

Einsamer, tropfenschwer wie dein Herz schlägt,

Löse die düstere Tränenschnur,

Die sich um den Nacken der Welt legt.

Wie das Mondlicht wandele dein Antlitz,

Du bist schön ....

Singe, singe, horch, den Rauscheton

Spielt die Nacht und weiß nichts vom Geschehn.

Überall das taube Getöse –

Deine Angst rollt über die Erdstufen

Den Rücken Gottes herab.

Kaum rastet eine Spanne zwischen ihm und dir.

Birg dich tief in das Auge der Nacht,

Daß dein Tag nachtdunkel trage.

Himmel ersticken, die sich nach Sternen bücken –

Eva, Hirtin, es gurren

Die blauen Tauben in Eden.

Eva, kehre um vor der letzten Hecke noch!

Wirf nicht Schatten mit dir,

Blühe aus, Verführerin.

Eva, du heiße Lauscherin,

O du schaumweiße Traube,

Flüchte um vor der Spitze deiner schmalsten Wimper noch!

[34] Sphinx

Sie sitzt an meinem Bette in der Abendzeit

Und meine Seele tut nach ihrem Willen,

Und in dem Dämmerscheine traumesstillen,

Engen wie Fäden dünn sich ihre Glanzpupillen

Um ihrer Sinne schläfrige Geschmeidigkeit.

Und auf dem Nebenbette an den Leinennähten

Knistern die Spitzenranken von Narzissen,

Und ihre Hände dehnen breit sich nach den Kissen,

Auf dem noch Träume blühn aus seinen Küssen,

Herzsüßer Duft auf weißen Beeten.

Und lächelnd taucht die Mondfrau in die Wolkenwellen

Und meine bleichen, leidenden Psychen

Erstarken neu im Kampf mit Widersprüchen.

[35] Abschied

Ich wollte dir immerzu

Viele Liebesworte sagen,

Nun suchst du ruhlos

Nach verlorenen Wundern.

Aber wenn meine Spieluhren spielen

Feiern wir Hochzeit.

O deine süßen Augen

Sind meine Lieblingsblumen.

Und dein Herz ist mein Himmelreich ....

Laß mich hineinschaun.

Du bist ganz aus glitzernder Minze

Und so weich versonnen.

Ich wollte dir immerzu

Viele Liebesworte sagen,

Warum tat ich das nicht?

[36] Ein alter Tibetteppich

Deine Seele, die die meine liebet,

Ist verwirkt mit ihr im Teppichtibet.

Strahl in Strahl, verliebte Farben,

Sterne, die sich himmellang umwarben.

Unsere Füße ruhen auf der Kostbarkeit,

Maschentausendabertausendweit.

Süßer Lamasohn auf Moschuspflanzenthron

Wie lange küßt dein Mund den meinen wohl

Und Wang die Wange buntgeknüpfte Zeiten schon.

[37] Meine Schamröte

Du, sende mir nicht länger den Duft,

Den brennenden Balsam

Deiner süßen Gärten zur Nacht.

Auf meiner Wange blutet die Scham

Und um mich zittert die Sommerluft.

Du .... wehe Kühle auf meine Wangen

Aus duftlosen, wunschlosen Gräsern zur Nacht.

Nur nicht länger den Hauch deiner suchenden Rosen,

Er quält meine Scham.

[38] Mein Tanzlied

Aus mir braust finstre Tanzmusik,

Meine Seele kracht in tausend Stücken;

Der Teufel holt sich mein Mißgeschick,

Um es ans brandige Herz zu drücken.

Die Rosen fliegen mir aus dem Haar

Und mein Leben saust nach allen Seiten,

So tanz ich schon seit tausend Jahr,

Seit meiner ersten Ewigkeiten.

[39] Kühle

In den weißen Bluten

Der hellen Rosen

Möchte ich verfluten.

Doch auf den Teichen

Warten die starren, seelenlosen Wasserrosen,

Meiner Sehnsucht Kühle zu reichen.

[40] Dir

Drum wein ich,

Daß bei deinem Kuß

Ich so nichts empfinde

Und ins Leere versinken muß.

Tausend Abgründe

Sind nicht so tief,

Wie diese große Leere.

Ich sinne im engsten Dunkel der Nacht,

Wie ich dirs ganz leise sage,

Doch ich habe nicht den Mut.

Ich wollte, es käme ein Südenwind,

Der dirs herübertrage,

Damit es nicht gar voll Kälte kläng

Und er dirs warm in die Seele säng

Kaum merklich durch dein Blut.

[41] Antinous

Der kleine Süßkönig

Muß mit goldenen Bällen spielen.

Im bunten Brunnen

Blaugeträufel, honiggold,

Seine Spielehände kühlen.

Antinous,

Wildfang, Güldklang,

Kuchenkorn mahlen alle Mühlen.

Antinous,

Du kleiner Spielkönig,

In den Himmel fährt es schön auf Schaukelstühlen.

O, wie lustige Falter seine Augen sind

Und die Schelme all in seiner Wange,

Und sein Herzchen beißt, will mans befühlen.

[42] Margret

Der Morgen ist bleich von Traurigkeit,

Es sind so viel junge Blumen gestorben,

Und du, o du bist gestorben,

Und mein Herz klagt eine Sehnsucht weit;

Über die ziellose Flut

Der blaublühenden Meere,

Und deine Mutter höre

Ich weinen in meinem Blut.

… Muß immer träumen

Von deinen tiefen Lenzaugen,

Die blickten wie wilde Knospen

Von gottalten Bäumen.

[43] Meiner Schwester Anna dieses Lied

Mein Herz liegt in einem Epheukranz.

Es kann nicht mehr welken

Es kann nicht mehr blühn,

O, meine Schwester …

Fern verglomm Todesleuchten

In ihren schönen Augen,

Die waren zwei Sternbilder,

In die Kinder blickten.

Gott, wie schwarz die Nacht war!

Keine Sonne vermag mehr

Ein Lächeln zu finden

In meinem Angesicht.

[44] Verinnerlicht

Ich denke immer ans Sterben

Mich hat niemand lieb.

Ich wollt ich wär still Heiligenbild

Und alles in mir ausgelöscht.

Träumerisch färbte Abendrot

Meine Augen wund verweint.

Weiß nicht wo ich hin soll

Wie überall zu dir.

Bist meine heimliche Heimat

Und will nichts Leiseres mehr.

Wie blühte ich gern süß empor

An deinem Herzen himmelblau –

Lauter weiche Wege

Legte ich um dein pochend Haus.

[45] Nur dich

Der Himmel trägt im Wolkengürtel

Den gebogenen Mond.

Unter dem Sichelbild

Will ich in deiner Hand ruhn.

Immer muß ich wie der Sturmwill,

Bin ein Meer ohne Strand.

Aber seit du meine Muscheln suchst,

Leuchtet mein Herz.

Das liegt auf meinem Grund

Verzaubert.

Vielleicht ist mein Herz die Welt

Pocht –

Und sucht nur noch dich –

Wie soll ich dich rufen?

[46] In deine Augen

Blau wird es in deinen Augen –

Aber warum zittert all mein Herz

Vor deinen Himmeln.

Nebel liegt auf meiner Wange

Und mein Herz beugt sich zum Untergange.

[47] Wir Beide

Der Abend weht Sehnen aus Blütensüße,

Und auf den Bergen brennt wie Silberdiamant der Reif,

Und Engelköpfchen gucken überm Himmelstreif,

Und wir beide sind im Paradiese.

Und uns gehört das ganze bunte Leben,

Das blaue große Bilderbuch mit Sternen!

Mit Wolkentieren, die sich jagen in den Fernen

Und hei! die Kreiselwinde, die uns drehn und heben!

Der liebe Gott träumt seinen Kindertraum

Vom Paradies – von seinen zwei Gespielen,

Und große Blumen sehn uns an von Dornenstielen …

Die düstre Erde hing noch grün am Baum.

[48] Marie von Nazareth

Träume, säume, Marienmädchen –

Überall löscht der Rosenwind

Die schwarzen Sterne aus.

Wiege im Arme dein Seelchen.

Alle Kinder kommen auf Lämmern

Zottehotte geritten

Gottlingchen sehen

Und die vielen Schimmerblumen

An den Hecken

Und den großen Himmel da

Im kurzen Blaukleide!

[49] Der Mönch

In deinem Blick schweben

Alle Himmel zusammen.

Immer hast du die Madonna angesehn,

Darum sind deine Augen überirdisch.

Und mein Herz ist ein Weihbecken,

Besterne dich mit meinem Blut;

Ich will der Tau deiner Frühe sein,

Deiner Abendsehnsucht pochendes Amen.

Du bist heilig zwischen bösem Tanz

Und schrillen Flöten.

Gottes Nachtigall bist du

In seinem Hirtentraum.

Deine Sünden wurden Musik,

Die bewegt süß meine Züge;

Deine Tränen tranken schlafende Blumen,

Die wieder Paradies werden sollen.

Ich liebe dich zauberisch wie im Spiegel des Bachs

Oder fern im wolkengerahmten Blau.

[50] Dem Mönch

Ich taste überall nach deinem Schein.

Suchst du mich auch?

In meiner Stirne leuchtet

Der erblaßte Stern wieder,

Und sehe dich nur in der Welt,

Dein Lächeln immerfort.

Unsere himmelweißen Herzen

Erglühen im Schlaf.

O wir möchten uns küssen,

Aber es wäre wie Mord.

Ich stehe ganz bunt am Granatbaum

In einem Bilderbuch.

Manchmal schaust du auf mich –

Dann singen die Junivögel.

[51] Dem Mönch

Meine Zehen wurden Knospen.

– Sieh so komm ich zu dir.

Du bist am Rand über dem Tal

Die leuchtende Großkornblume;

Mit deinem Glück färbt sich

Der Himmel die Wangen blau.

Immer öffnet sich mein Wesen –

– Bin eine glitzernde Nische,

Aber du kommst nie zu deiner Anbetung

Und morgen ist ewige Nacht.

Meine Sehnsucht ist im Sturm meiner Augen

Lange schon verwittert,

Die Korallen in meinem Blut

Sind ganz erblaßt.

Zwischen Dunkelheit verlischt mein Leben

Im scheidenden Antlitz des Mondes.

[52] Ein Lied

Hinter meinen Augen stehen Wasser,

Die muß ich alle weinen.

Immer möcht ich auffliegen,

Mit den Zugvögeln fort;

Buntatmen mit den Winden

In der großen Luft.

O ich bin so traurig – – – –

Das Gesicht im Mond weiß es.

Drum ist viel sammtne Andacht

Und nahender Frühmorgen um mich.

Als an deinem steinernen Herzen

Meine Flügel brachen,

Fielen die Amseln wie Trauerrosen

Hoch vom blauen Gebüsch.

Alles verhaltene Gezwitscher

Will wieder jubeln

Und ich möchte auffliegen

Mit den Zugvögeln fort.

[53] Heimlich zur Nacht

Ich habe dich gewählt

Unter allen Sternen.

Und bin wach – eine lauschende Blume

Im summenden Laub.

Unsere Lippen wollen Honig bereiten,

Unsere schimmernden Nächte sind aufgeblüht.

An dem seligen Glanz deines Leibes

Zündet mein Herz seine Himmel an –

Alle meine Träume hängen an deinem Golde,

Ich habe dich gewählt unter allen Sternen.

[54] Der alte Tempel in Prag

Tausend Jahre zählt der Tempel schon in Prag

Staubfällig und ergraut ist längst sein Ruhetag

Und die alten Väter schlossen seine Gitter.

Ihre Söhne ziehen nun in die Schlacht.

Der zerborstene Synagogenstern erwacht

Und er segnet seine jungen Judenritter.

Wie ein Glücksstern über Böhmens Judenstadt

Ganz aus Gold wie nur der Himmel Sterne hat

Hinter seinem Glanze beten wieder Mütter.

[55] Das Lied meines Lebens

Sieh in mein verwandertes Gesicht ......

Tiefer beugen sich die Sterne

Sieh in mein verwandertes Gesicht.

Alle meine Blumenwege

Führen auf dunkle Gewässer,

Geschwister, die sich tödlich stritten.

Greise sind die Sterne geworden ....

Sieh in mein verwandertes Gesicht.

[56] Ich träume so leise von dir

Immer kommen am Morgen schmerzliche Farben,

Die sind wie deine Seele.

O, ich muß an dich denken

Und überall blühen so traurige Augen.

Und ich habe dir doch von großen Sternen erzählt,

Aber du hast zur Erde gesehn.

Nächte wachsen aus meinem Kopf,

Ich weiß nicht wo ich hin soll.

Ich träume so leise von dir,

Weiß hängt die Seide schon über meinen Augen.

Warum hast du nicht um mich

Die Erde gelassen – sage?

[57] Schuld

Als wir uns gestern gegenüber saßen,

Erschrak ich über deine Blässe,

Über die Leidenslinie deiner Wange.

Da kams, daß meine Gedanken mich vergaßen

Über der Leidenslinie deiner Wange.

Es trafen unsere Blicke sich wie Sternenfragen,

Es war ein goldenes Hin- und Herverweben

Und deine Augen glichen seidenen Mädchenaugen.

Du öffnetest die Lippen, mir zu sagen .....

Und meine Seele färbte sich in Matt,

Dumpf läutete noch einmal Brand mein Leben

Und schrumpfte dann zusammen wie ein Blatt.

[58] Wir drei

Unsere Seelen hingen an den Morgenträumen

Wie die Herzkirschen,

Wie lachendes Blut an den Bäumen.

Kinder waren unsere Seelen,

Als sie mit dem Leben spielten,

Wie die Märchen sich erzählen.

Und von weißen Azaleen

Sangen die Spätsommerhimmel

Über uns im Südwindwehen.

Und ein Kuß und ein Glauben

Waren unsere Seelen eins,

Wie drei Tauben.

[59] Mairosen

(Reigenlied für die großen Kinder)

Er hat seinen heiligen Schwestern versprochen

Mich nicht zu verführen,

Zwischen Mairosen hätte er fast

Sein Wort gebrochen,

Aber er machte drei Kreuze

Und ich glaubte heiß zu erfrieren.

Nun lieg ich im düstren Nadelwald,

Und der Herbst saust kalte Nordostlieder

Über meine Lenzglieder.

Aber wenn es wieder warm wird,

Wünsch ich den heiligen Schwestern beid

Hochzeit

Und wir – spielen dann unter den Mairosen.

[60] Nebel

Wir sitzen traurig Hand in Hand,

Die gelbe Sonnenrose,

Die strahlende Braut Gottes,

Leuchtet erdenabgewandt.

Und wie golden ihr Blick war,

Und unsere Augen weiten

Sich fragend wie Kinderaugen,

Weiß liegt die Sehnsucht schon auf unserm Haar.

Und zwischen den kahlen Buchen

Steigen ruhelose Dunkelheiten,

Auferstandene Nächte,

Die ihre weinenden Tage suchen.

Es schließen sich wie Rosen

Unsere Hände; du, wir wollen

Wie junge Himmel uns lieben

Im Kranz von grauen Grenzenlosen.

Ein tiefer Sommer wird schweben

Auf laubigen Flügeln zur Erde,

Und eine rauschende Süße

Strömt durch das schwermütige Leben.

[61] Und was werden wir beide spielen .....

Wir halten uns fest umschlungen

Und kugeln uns über die Erde,

Über die Erde.

[62] Dasein

Hatte wogendes Nachthaar,

Liegt lange schon wo begraben.

Hatte Augen wie Bäche klar,

Bevor die Trübsal mein Gast war,

Hatte Hände muschelrotweiß,

Aber die Arbeit verzehrte ihr Weiß.

Und einmal kommt der Letzte,

Der senkt den hohlen Blick

Nach meines Leibes Vergänglichkeit

Und wirft von mir alles Sterben.

Und es atmet meine Seele auf

Und trinkt das Ewige.

[63] Kete Parsenow

Du bist das Wunder im Land,

Rosenöl fließt unter deiner Haut,

Vom Gegold deiner Haare

Nippen Träume;

Ihre Deutungen verkünden Dichter.

Du bist dunkel vor Gold –

Auf deinem Antlitz erwachen

Die Nächte der Liebenden.

Ein Lied bist du

Gestickt auf Blondgrund,

Du stehst im Mond …

Immer wiegen dich

Die Bambusweiden.

[64] Weltende

Es ist ein Weinen in der Welt,

Als ob der liebe Gott gestorben wär,

Und der bleierne Schatten, der niederfällt,

Lastet grabeschwer.

Komm, wir wollen uns näher verbergen …

Das Leben liegt in aller Herzen

Wie in Särgen.

Du! wir wollen uns tief küssen –

Es pocht eine Sehnsucht an die Welt,

An der wir sterben müssen.

[65] Ankunft

Ich bin am Ziel meines Herzens angelangt.

Weiter führt kein Strahl.

Hinter mir laß ich die Welt,

Fliegen die Sterne auf: Goldene Vögel.

Hißt der Mondturm die Dunkelheit –

.... O, wie mich leise eine süße Weise betönt …

Aber meine Schultern heben sich, hochmütige Kuppeln.

[66] O, meine schmerzliche Lust …

Mein Traum ist eine junge, wilde Weide

Und schmachtet in der Dürre.

Wie die Kleider um den Tag brennen …

Alle Lande bäumen sich.

Soll ich dich locken mit dem Liede der Lerche

Oder soll ich dich rufen wie der Feldvogel?

Tuuh! Tuuh!

Wie die Silberähren

Um meine Füße sieden – – –

O, meine schmerzliche Lust

Weint wie ein Kind.

[67] Groteske

Seine Ehehälfte sucht der Mond,

Da sonst das Leben sich nicht lohnt.

Der Lenzschalk springt mit grünen Füßen,

Ein Heuschreck über die Wiesen.

Steif steht im Teich die Schmackeduzie,

Es sehnt und dehnt sich Fräulein Luzie.

[68] Liebesflug

Drei Stürme liebt ich ihn eher, wie er mich,

Jäh schrien seine Lippen,

Wie der geöffnete Erdmund!

Und Gärten berauschten an Mairegen sich.

Und wir griffen unsere Hände,

Die verlöteten wie Ringe sich;

Und er sprang mit mir auf die Lüfte

Gotthin, bis der Atem verstrich.

Dann kam ein leuchtender Sommertag,

Wie eine glückselige Mutter,

Und die Mädchen blickten schwärmerisch,

Nur meine Seele lag müd und zag.

[69] Vollmond

Leise schwimmt der Mond durch mein Blut …

Schlummernde Töne sind die Augen des Tages

Wandelhin – taumelher –

Ich kann deine Lippen nicht finden …

Wo bist du, ferne Stadt

Mit den segnenden Düften?

Immer senken sich meine Lider

Über die Welt – alles schläft.

[70] Nachweh

Weißt du noch, wie ich krank lag,

So gottverlassen –

Da kamst du,

Es war am Herbsttag,

Der Wind wehte krank durch die Gassen.

Zwei kalte Totenaugen

Hätten mich nicht so gequält,

Wie deine Saphiraugen

Die beiden brennenden Märchen.

[71] Unser Liebeslied

Laß die kleinen Sterne stehn,

Lenzseits winken junge Matten

Meiner Welten, die nichts wissen vom Geschehn.

Und wir wollen unter Pinien

Heimlich beide umschlungen gehn,

In die blaue Allmacht sehn.

Zwischen Garben

Und Schilfrohrruten

Steigen Schlummer auf aus Farben.

Und von roten Abendlinien

Blicken Marmorwolkenfresken

Und verzückte Arabesken.

[72] Heimweh

Ich kann die Sprache

Dieses kühlen Landes nicht,

Und seinen Schritt nicht gehn.

Auch die Wolken, die vorbeiziehn,

Weiß ich nicht zu deuten.

Die Nacht ist eine Stiefkönigin.

Immer muß ich an die Pharaonenwälder denken

Und küsse die Bilder meiner Sterne.

Meine Lippen leuchten schon

Und sprechen Fernes,

Und bin ein buntes Bilderbuch

Auf deinem Schoß.

Aber dein Antlitz spinnt

Einen Schleier aus Weinen.

Meinen schillernden Vögeln

Sind die Korallen ausgestochen,

An den Hecken der Gärten

Versteinern sich ihre weichen Nester.

[73] Wer salbt meine toten Paläste –

Sie trugen die Kronen meiner Väter,

Ihre Gebete versanken im heiligen Fluß.

[74] Abend

Hauche über den Frost meines Herzens

Und wenn du es zwitschern hörst,

Fürchte dich nicht vor seinem schwarzen Lenz.

Immer dachte das kalte Wundergespenst an mich

Und säete unter meinen Füßen – Schierling.

Nun prägt in Sternen auf meine Leibessäule

Ein weinender Engel die Inschrift.

[75] Heim

Unsere Zimmer haben blaue Wände,

Und wir wandeln leisehin durch Himmelweiten,

Und am Abend legen Innigkeiten

Mit Engelaugen ineinander unsere Hände.

Und wir erzählen uns Geschichten,

Bis der Morgen kommt in Silberglocken

Und dem Dämmersteine in den Locken,

Der Sonne winkt durchs Tor von Wolkenschichten;

Und wie sie tanzt auf unseren wiesenhellen

Teppichen, leicht über sanftverschlungene Blumenstiele!

Zum Liebeslauschen laden unsere Stühle,

Und von den Pfeilern fallen Seidenquellen.

[76] Rast

Mit einem stillen Menschen will ich wandern

Über die Berge meiner Heimat,

Schluchzend über Schluchten,

Über hingestreckte Lüfte.

Überall beugen sich die Zedern

Und streuen Blüten.

Aber meine Schulter hängt herab

Von der Last des Flügels.

Suche ewige, stille Hände:

Mit meiner Heimat will ich wandern.

[77] Dann

… Dann kam die Nacht mit deinem Traum

Im stillen Sternebrennen.

Und der Tag zog lächelnd an mir vorbei

Und die wilden Rosen atmeten kaum.

Nun sehn ich mich nach Traumesmai,

Nach deinem Liebeoffenbaren.

Möchte an deinem Munde brennen

Eine Traumzeit von tausend Jahren.

[78] Unser stolzes Lied

Aber fremde Tage hängen

Über uns mit kühlen Bläuen,

Und weiße Wolkenschollen dräuen,

Das goldene Strahleneiland zu verdrängen.

Auch wir beide sind besiegte Siegerinnen,

Und Kronen steigen uns vom Blut der Zeder,

Propheten waren unsere Väter,

Unsere Mütter, Königinnen.

Und süße Schwermutwolken ranken

Sich über ihre Gräber lilaheiß in Liebeszeilen,

Unsere Leiber ragen stolz, zwei goldene Säulen,

Über das Abendland wie östliche Gedanken.

[79] Unser Kriegslied

Unsere Arme schlingen sich entgegen

Durch das Leben in runden Schwingen,

Durch das Spiel von Feuerringen,

Zwei Äste sich durch Bogenwegen.

Unsere Seelen tragen scharfe Blüten

Mai aus ihren Kelchen steigen,

Weihedüfte … und die Himmel neigen

Ihre Häupter mit den blauen Güten.

Unsere Willen sind zwei harte Degen

Und sie haben nie verfehlt gestritten,

Und wir dringen bis zum Erzkreis vor, in seiner Mitten

Fällt nach dürren Ewigkeiten Freudenregen,

Alles Sehnen nieder, und vor unserm Schilde

Stürzt das blinde Dämmergraugebilde.

Unsere Adern schmettern wie Posaunen!

Unsere Augen blicken sich in Blicken,

Wie zwei Siege sich erblicken –

Und die Nacht des Tages voll in Lichterstaunen.

[80] Es war eine Ebbe in meinem Blut

Es war eine Ebbe in meinem Blut,

Es schrie wie brüllende Ozeane.

Und mit meiner Seele wehte der Tod

Wie mit einer Siegesfahne.

Zehn Könige standen um mein Bett,

Zehn stolze, leuchtende Sterne,

Sie tränkten mit Himmelstau meine Qual,

Alle Abende meine Erbqual.

Jäh rissen sich ihre Willen los,

Wie schneidende Winterstürme!

Über die Herzen hinweg!

Über das Leben hinweg!

Und ihr rasender Mut wuchs Türme!

Und sie schlugen meine Blutangst tot,

Wie Himmelsbrand blühte das Morgenrot,

Und mein Blaß schneite von ihren Wangen.

[81] Schulzeit

Unter süßem Veilchenhimmel

Ist unsere Liebe aufgegangen,

Und ich suche allerwegen

Nach dir und deinen Morgenwangen.

Und den Ringelrangelhaaren

Rötlichblonden Rosenlocken,

Und den frühlingshellen Augen

Die so frischfreifrohfrohlocken.

Zwischen dicken Gummipflanzen

Lauern hinter Irdentöpfen

Strickpicknadelspitze Augen,

Tücksch aus bitteren Frauenköpfen.

Daß die beiden alten Damen

Hinter unsere Liebe kamen

Und dich in Gewahrsam nahmen,

Sind die Dramen unserer Herzen.

[82] Ein Ticktackliedchen für Päulchen

Mein Hämmerchen, mein Kämmerchen

Pamm pamm, pumm pumm

pamm pamm, pumm pumm

Mein Schläferchen, mein Käferchen

pumm pumm, pamm pamm,

pumm pumm, pamm pamm,

Mein Ührchen tick, mein Türchen tack

tick tack, tick tack

knackknack, ticktack.

[83] Die Pavianmutter singt ihr Paviänchen in den Schlaf

(Wiegenliedchen)

Schlafe, Schlafe,

Mein Rosenpöpöchen,

Mein Zuckerläuschen,

Mein Goldflöhchen,

Morgen wird die Kaiserin aus Asien kommen

Mit Zucker, Schokoladen und Bombommen,

Schnell, Schnell,

Haase Haase machen,

Sonst kriegt Blaumäulchen nichts von den Sachen.

[84] Meinlingchen

Meinlingchen, sieh mich an –

Dann schmeicheln tausend Lächeln mein Gesicht,

Und tausend Sonnenwinde streicheln meine Seele,

Hast wie ein Wirbelträumlein

Unter ihren Fittichen gelegen.

Nie war so lenzensüß mein Blut,

Als dich mein Odem tränkte,

Die Quellen Edens müssen so geduftet haben;

Bis dich der rote Sturm

Aus süßem Dunkel

Von meinen Herzwegen pflückte

Und dich in meine Arme legte,

In ein Bad von Küssen.

[85] St. Peter Hille

war eine Welt,

Meteor stieß er von sich.

[Auf einem eingelegten Zettel:]

Irrtümlich steht der Gedenkspruch St. Peter Hille auf Seite 85, der unter den Bibelgedichten gedacht ist. Er soll hinter Zebaoth und Abraham und Isaak gelesen werden.

[86] Und suche Gott

Ich habe immer vor dem Rauschen meines Herzens gelegen,

Nie den Morgen gesehen,

Nie Gott gesucht.

Nun aber wandle ich um meines Kindes

Goldgedichtete Glieder

Und suche Gott.

Ich bin müde vom Schlummer,

Weiß nur vom Antlitz der Nacht.

Ich fürchte mich vor der Frühe,

Sie hat ein Gesicht

Wie die Menschen, die fragen.

Ich habe immer vor dem Rauschen meines Herzens gelegen,

Nun aber taste ich um meines Kindes

Gottgelichtete Glieder.

[87] Mein Kind

Mein Kind schreit auf um die Mitternacht

Und ist so heiß aus dem Traum erwacht.

Gäb ihm so gern meines Blutes Mai,

Spräng nur mein bebendes Herz entzwei.

Der Tod schleicht im Hyänenfell

Am Himmelsstreif im Mondeshell.

Aber die Erde im Blütenkeusch

Singt Lenz im kreisenden Weltgeräusch.

Und wundersüß küßt der Maienwind

Als duftender Gottesbote mein Kind.

[89]

Meinem so geliebten Spielgefährten

Senna Hoy

In Moskau der Prinz Sascha

Saß sündlos gefangen sieben Jahr.

[91] Ballade

(Erste Fassung)

Trotzendes Gold seine Stirn war,

Süßer Todstrahl sein Haar,

Seine Lippen blühten am Altar.

Ob er kommt dieses Jahr –

Sein Herz pocht ganz nah.

Wo steck ich meine Liebsten hin,

Da ich nur seine Blume bin –

Dem Dichter färbt er die Schläfe rot.

Mit der Axt schlägt er den Ritter tot.

Aber den König trifft er nicht,

Der hat meines Bruders steinern Gesicht.

O, Sascha!

[92] Ballade

(Zweite Fassung)

Sascha kommt aus Sibirien heim;

Wie er aussehn mag?

Trotzendes Gold seine Stirne war,

Süßer Todstrahl sein Haar,

Seine Lippen brannten am Altar.

Sascha trank meinen Herzseim

Jede Nacht, die am Traumhang lag.

Was er sagen mag –

Wie er klagen mag –

Wo steck ich meine Liebsten hin?

Da ich ihm untreu war

Und doch nur seine Blume bin.

Dem Dichter färbt er die Schläfe rot,

Seine Ehre sticht den Wilddieb tot.

Aber den König trifft er nicht,

Der hat meines Bruders steinern Gesicht.

Sascha!

[93] Senna Hoy

Wenn du sprichst,

Wacht mein buntes Herz auf.

Alle Vögel üben sich

Auf deinen Lippen.

Immerblau streut deine Stimme

Über den Weg;

Wo du erzählst, wird Himmel.

Deine Worte sind aus Lied geformt,

Ich traure, wenn du schweigst.

Singen hängt überall an dir –

Wie du wohl träumen magst?

[94] Mein Liebeslied

Auf deinen Wangen liegen

Goldene Tauben.

Aber dein Herz ist ein Wirbelwind,

Dein Blut rauscht, wie mein Blut –

Süß

An Himbeersträuchern vorbei.

O, ich denke an dich – –

Die Nacht frage nur.

Niemand kann so schön

Mit deinen Händen spielen,

Schlösser bauen, wie ich

Aus Goldfinger;

Burgen mit hohen Türmen!

Strandräuber sind wir dann.

Wenn du da bist,

Bin ich immer reich.

Du nimmst mich so zu dir,

Ich sehe dein Herz sternen.

[95] Schillernde Eidechsen

Sind deine Geweide.

Du bist ganz aus Gold –

Alle Lippen halten den Atem an.

[96] Siehst du mich

Zwischen Erde und Himmel?

Nie ging einer über meinen Pfad.

Aber dein Antlitz wärmt meine Welt,

Von dir geht alles Blühen aus.

Wenn du mich ansiehst,

Wird mein Herz süß.

Ich liege unter deinem Lächeln

Und lerne Tag und Nacht bereiten,

Dich hinzaubern und vergehen lassen,

Immer spiele ich das eine Spiel.

[97] Ein Liebeslied

Aus goldenem Odem

Erschufen uns Himmel.

O, wie wir uns lieben …

Vögel werden Knospen an den Ästen,

Und Rosen flattern auf.

Immer suche ich nach deinen Lippen

Hinter tausend Küssen.

Eine Nacht aus Gold,

Sterne aus Nacht …

Niemand sieht uns.

Kommt das Licht mit dem Grün,

Schlummern wir;

Nur unsere Schultern spielen noch wie Falter.

[98] Ein Lied der Liebe

Seit du nicht da bist,

Ist die Stadt dunkel.

Ich sammle die Schatten

Der Palmen auf,

Darunter du wandeltest.

Immer muß ich eine Melodie summen,

Die hängt lächelnd an den Ästen.

Du liebst mich wieder –

Wem soll ich mein Entzücken sagen?

Einer Waise oder einem Hochzeitler,

Der im Widerhall das Glück hört.

Ich weiß immer,

Wann du an mich denkst –

Dann wird mein Herz ein Kind

Und schreit.

An jedem Tor der Straße

Verweile ich und träume;

[99] Ich helfe der Sonne deine Schönheit malen

An allen Wänden der Häuser.

Aber ich magere

An deinem Bilde.

Um schlanke Säulen schlinge ich mich

Bis sie schwanken.

Überall steht Wildedel

Die Blüten unseres Blutes.

Wir tauchen in heilige Moose,

Die aus der Wolle goldener Lämmer sind.

Wenn doch ein Tiger

Seinen Leib streckte

Über die Ferne, die uns trennt,

Wie zu einem nahen Stern.

Auf meinem Angesicht

Liegt früh dein Hauch.

[100] Ein Trauerlied

Eine schwarze Taube ist die Nacht

… Du denkst so sanft an mich.

Ich weiß, dein Herz ist still,

Mein Name steht auf seinem Saum

Die Leiden, die dir gehören,

Kommen zu mir.

Die Seligkeiten, die dich suchen,

Sammele ich unberührt.

So trage ich die Blüten deines Lebens

Weiter fort.

Und möchte doch mit dir stille stehn;

Zwei Zeiger auf dem Zifferblatt.

O, alle Küsse sollen schweigen

Auf beschienenen Lippen liebentlang.

Niemehr soll es früh werden,

Da man deine Jugend brach.

In deiner Schläfe

Starb ein Paradies.

[101] Mögen sich die Traurigen

Die Sonne in den Tag malen.

Und die Trauernden

Schimmer auf ihre Wangen legen.

Im schwarzen Wolkenkelche

Steht die Mondknospe.

… Du denkst so sanft an mich.

[102] Sascha

Um deine Lippen blüht noch jung

Der Trotz dunkelrot,

Aber auf deiner Stirne sind meine Gebete

Vom Sturm verwittert.

Daß wir uns im Leben

Nie küssen sollten …

Nun bist du der Engel,

Der auf meinem Grab steht.

Das Atmen der Erde bewegt

Meinen Leib wie lebendig.

Mein Herz scheint hell

Vom Rosenblut der Hecken.

Aber ich bin tot, Sascha,

Und das Lächeln liegt abgepflückt

Nur noch kurz auf meinem Gesicht.

[103] Senna Hoy

Seit du begraben liegst auf dem Hügel,

Ist die Erde süß.

Wo ich hingehe nun auf Zehen,

Wandele ich über reine Wege.

O deines Blutes Rosen

Durchtränken sanft den Tod.

Ich habe keine Furcht mehr

Vor dem Sterben.

Auf deinem Grabe blühe ich schon

Mit den Blumen der Schlingpflanzen.

Deine Lippen haben mich immer gerufen,

Nun weiß mein Name nicht mehr zurück.

Jede Schaufel Erde, die dich barg,

Verschüttete auch mich.

Darum ist immer Nacht an mir,

Und Sterne schon in der Dämmerung.

Und ich bin unbegreiflich unseren Freunden

Und ganz fremd geworden.

Aber du stehst am Tor der stillsten Stadt

Und wartest auf mich, du Großengel.

[104] Chronica

Mutter und Vater sind im Himmel –

Amen.

Drei Seelen breiten

Aus stillem Morgenträumen

Zum Gottland ihre Wehmut aus; –

Denn drei sind wir Schwestern,

Die vor mir träumten schon in Sphinxgestalten

Zu Pharaozeiten; –

Mich formte noch im tiefsten Weltenschoß

Die schwerste Künstlerhand.

Und wisset wer meine Brüder sind?

Sie waren die drei Könige, die gen Osten zogen

Dem weißen Sterne nach zum Gotteskind.

Aber acht Schicksale wucherten aus unserem Blut.

Vier plagen uns im Abendrot,

Vier verdunkeln uns die Morgenglut,

Sie brachten über uns Hungersnot

Und Herzensnot und Tod.

Und es steht:

Aber unserem letzten Grab ihr Fortleben noch,

Den Fluch über alle Welten zu weben,

Sich ihres Bösen zu freuen.

Aber die Winde werden einst ihren Staub scheuen.

Satan, erbarme dich ihrer.

[105] Stix

O, ich wollte, daß ich wunschlos schlief,

Wüßt ich einen Strom, wie mein Leben so tief,

Flösse mit seinen Wassern.

[107]

Inhalt

I. Band

Hebräische Balladen

Versöhnung [7]

Mein Volk [8]

Boas [9]

Esther [10]

An Gott [11]

Jakob und Esau [12]

Abel [13]

Pharao und Joseph [14]

David und Jonathan [15]

David und Jonathan [16]

Ruth [17]

Saul [18]

Moses und Josua [19]

Im Anfang [20]

Zebaoth [21]

Abraham und Isaak [22]

Eva [23]

Sulamith [24]

Hagar und Ismael [25]

Jakob [26]

[108]

Meine schöne Mutter blickte immer auf Venedig

Mutter [29]

Mutter [30]

Meine Mutter [31]

Die Stimme Edens [32]

Sphinx [34]

Abschied [35]

Ein alter Tibetteppich [36]

Meine Schamröte [37]

Mein Tanzlied [38]

Kühle [39]

Dir [40]

Antinous [41]

Margret [42]

Meiner Schwester Anna dieses Lied [43]

Verinnerlicht [44]

Nur dich [45]

In deine Augen [46]

Wir Beide [47]

Marie von Nazareth [48]

Der Mönch [49]

Dem Mönch [50]

Dem Mönch [51]

Ein Lied [52]

Heimlich zur Nacht [53]

Der alte Tempel in Prag [54]

Das Lied meines Lebens [55]

Ich träume so leise von dir [56]

Schuld [57]

Wir drei [58]

[109]

Mairosen [59]

Nebel [60]

Dasein [62]

Kete Parsenow [63]

Weltende [64]

Ankunft [65]

O, meine schmerzliche Lust … [66]

Groteske [67]

Liebesflug [68]

Vollmond [69]

Nachweh [70]

Unser Liebeslied [71]

Heimweh [72]

Abend [74]

Heim [75]

Rast [76]

Dann [77]

Unser stolzes Lied [78]

Unser Kriegslied [79]

Es war eine Ebbe in meinem Blut [80]

Schulzeit [81]

Ein Ticktackliedchen für Päulchen [82]

Die Pavianmutter singt ihr Paviänchen in den Schlaf [83]

Meinlingchen [84]

St. Peter Hille [85]

Und suche Gott [86]

Mein Kind [87]

[110]

Meinem so geliebten Spielgefährten

Senna Hoy

Ballade (Erste Fassung) [91]

Ballade (Zweite Fassung) [92]

Senna Hoy [93]

Mein Liebeslied [94]

Siehst du mich [96]

Ein Liebeslied [97]

Ein Lied der Liebe [98]

Ein Trauerlied [100]

Sascha [102]

Senna Hoy [103]

Chronica [104]

Stix [105]