Karl Jürgen Skrodzki

Homepage

Inhalt

 Inhalt ausblenden!

 Druckversion

Copyright © 2003–2017

Karl Jürgen Skrodzki, Lohmar

Else Lasker-Schüler [*]

[gestrichen:] Jerusalem [\] [Davidstern]

Die Heilige Stadt

[gestrichen:] Tiberias [Davidstern] [\]

ואש יצאה מאת ה׳

Ein Feuer ging aus vom Ewigen.

Dieses zweite Palästinabuch widme ich meinen teuren Eltern, meinen geliebten Sohn Paul und meinen Geschwistern, Freunden und Freundinnen.

Die Heilige Stadt

Ich erzähle etwas von Palästina

Diesmal brachte mich der charmante und galante italienische Dampfer »Galiläa« nach Palästina und sein Bruder, das mächtige Großschiff: Gerusalemme, zum zweiten Male in die Schweiz zurück in mein Adoptivland. Als wir damals am Abend am Ziel unserer Hinreise in Haifa landeten, staunte ich, wie groß und funkelnd die morgenländische Hafenstadt in den 2 ½ Jahren meiner Abwesenheit geworden; sie kann sich sehen lassen, die einen so strahlend anblickt. Aber ich sehne mich nach Jerusalem – wie der nette verehrte Commandante gentlissimo unserer Galiläa richtig vermutete. Und nach den üblichen Formalitäten stieg ich sofort in den Autoomnibus, der mich in die Lieblingsstadt Gottes brachte.

Immer über den gelben Sandteppich der Wüste; manchmal durch die Straßen kleiner arabischer Städte und Dörfer rollte unser Wagen bergab, um wieder an einem Palmenhain vorbei, empor nach Jerusalem zu fahren.

Man glaubt sich auf dem fernsten Stern, einem Schleppstern der Mondsichel, die gleitet wagerecht, ein grandioser goldener Nachen durch das weite Wolkenmeer am Strand des Horizonts entlang. Nach der Reise ins Heilige Land gibt es doch nur noch eine einzige Reise: Die Himmelfahrt.

Weil man das höchste irdische Ziel erreichte zu Land und zur See: Jerusalem. Von dort geht es nicht weiter, von dort führt der direkte Weg in die Himmel.

Die hebräischen schlichten Mönche glauben unerschütterlich an die Himmel. Sie lächeln bescheiden, fragt man sie, wo die Himmel liegen. In welcher Himmelsrichtung? Und – »Breitengrad«? meint wohlwollend ein Ueberklügelter. Doch die demütigen Gottesjünger überhören schweigend die Hoffart. Sie möchten Adonaj und Seinen Engeln nicht zuvorkommen.

Ohne des Todestalers verlustig, üblichen Zoll, kommt keine Seele durch den unsichtbaren Tunnel des geheimnisvollen Viadukts ins Paradies zu Gott heim.

»Ist Palästina schön?« Und fragt man mich auch abermals und immer noch einmal, ob Palästina und seine Hauptstadt Jerusalem schön? So bin ich, selbst im Interesse des Landes, zu ehrlich zu antworten, Palästina ist schön. Palästina ist Gestein, Schöpfungsgestein, der kostbarste Edelstein des Herrn. Er trug ihn vor der Offenbarung der Welt an Seiner Hand.

In meinen frühsten Gedichten steht:

Ich möchte einmal Gottes Hand fassen

Und Jerusalem an Seinem Finger sehen ....

Palästina ist Gestein. Zwischen Gestein und Gestein wuchsen Gegenden, schlängelten sich Landstreifen bis ans Meer. Es ragten Höhen empor und stürzten kratergrausig sich auf Täler und höhlten sie aus. Auf ihren wiesigen Abhängen weidet das Lamm.

Ein methodisches Chaos denke man sich Palästina, arbeitsam und von der Sonne verklärt. Auf die sandfarbene Leinwand im Rahmen der Berge Judas und Moabs und Gilboas malt die sonnige Goldmalerin, auf der Himmelsleiter sitzend, ihre zauberischen Träume. Viele mit lila Hintergründen, etliche orangengelb und zitronengelb. Setzt plötzlich eine Flamme aus heißgepaarten Farben, einen Akzent auf das – Weltporträt der Heiligen roten Erde.

Auf der Fahrt zum Toten Meer begegnen uns Reisenden bunte Wanderer, aus der Bibelzeit noch übrig. Ihrem Wandel entströmt Gläubigkeit und Vertrauen zu ihrem Herrn. Sie schreiten nicht weit vor unserem Omnibus, geruhsam den Weg inmitten der Wüste entlang und die schnellen Räder unseres Wagens erreichen die Pilger doch nicht. Auf einmal sehe ich sie verschwinden, wie über Stufen hinabgleiten ins Innere der Welt. Unser schweres Auto fährt gedankenlos über ihren frommen Wandel hinweg. Diesen unerklärlichen Vorgang erlebten nur ich und meine kleine Freundin, denn die Menschen auf ihren Sitzen schlummerten den 60-Grad-Hitzeschlaf.

Kamele, geschmückte mit lauter Perlen, vielartige Talismane, die sie vorm Verunglücken schützen sollen, begegnen uns. Es ist ganz still im Wagenraum, man hätte ein Sandkorn fallen hören, eine Muschel sicherlich. Jäh erwacht das niedliche Töchterchen auf dem Schoße ihres Papas, eines Juden aus Bagdad. Bestürmt ihn auf Hebräisch, ob es auch nicht zur Salzsäule werde an Loths Meer? Es wolle lieber nicht an den Strand gehen. Wir befinden uns noch in offenen, ewigen Wüsten, aber wittern in der Ferne Orangenwälder. Schon grünt ein Emek zu unserer Rechten. Der hebräische Bauer ist der Fürst des Landes.

Am späten Abend im liebevollen und geschmackvollen Gasthaus »Vienna« mußte ich noch Gästen vom Toten Meer erzählen. Die nicht mitwollten des jähen geographischen Luftwechsels wegen, sich erst in der Heiligen Stadt zu akklimatisieren gedachten.

Das Tote Meer liegt ungefähr 200 Meter unter dem Meeresspiegel. Nun rechne man dazu die 800 Meter, die man noch von Jerusalem bis ins Tal zu gelangen auszuatmen gezwungen. Mancher Körper leidet unter dem Blutdruck. Ich spürte nichts, erfüllt voll Erwartung.

In unserer Schulbibel erreichte ich als Kind schon einmal das gewaltige Tote Urmeer-Eiland; allerdings auf einer der kleinen gelblichen Seiten zwischen Religionsgeschichten gezeichnet. Auch ich suchte auf dem naiven Bildchen wie die kleine Dora im Autoomnibus nach der salzkandierten Säule, nach der ungehorsamen Frau Loths. Ich schilderte meinen Zuhörern, wie ich und meine junge Freundin am Toten Meeresstrand angelangt, die zierliche Bagdaneserin schließlich tauchen sahen in den warmen Wellen; doch von seinen Oelen getragen das schmale olivfarbene Körperchen immer wieder sachte emporstieg.

Das Tote Meer ist eigentlich ein großer See, gewürzt mit Mineralien: Salz, Brom, aber auch mit Schwefel und Oel. Man kann sich beide Hände voll Salz mit nach Hause nehmen. Allerdings noch ungereinigtes, ungenießbares.

Die fleißigen hebräischen Arbeiter bauten Salzwerke; die stehen, Schutzpatrone, vor dem biblischen Gewässer. Das Tote Meer ist in Wirklichkeit ein See, aber sein Charakter ozeanisch. Die Berge Moabs bewachen das geölte majestätische Wasser. Von der Hausterrasse eines Dichters in Talpioth erblickte ich zum ersten Male die kuppelförmigen Höhen und schmal entlang den Toten Meeressee. Es ließe sich wohl reiten auf diesen Dromedarbuckeln, meinte ich ernsthaft, zur Freude des Adon und seiner Adona. Es war noch frühster Morgen, die Sonne hatte sich zum ersten Male verschlafen. Die herrlichen Berge noch in ihrer Naturfarbe, braunfaserig und grau wie das Fell an enthäuteten Stellen der lieben stolzen Wüstentiere.

Die moabitischen Berge erschienen mir nun aus der Nähe erschaut um den ozeanischen Salzsee, gereckter, sich zur Wehr setzend geneigter. So weit dehnte sich der Strand! Wie mag einem Schiffbrüchigen wohl zumute gewesen sein vor tausend Jahren!

Wir suchten uns in unseren Tüchern Muscheln. Ich mir solche, welche mir einzig in ihrer Farbe erschienen. Aber immer, wenn ich neugesammelte zu den schon gesammelten zu legen gedachte, waren die vorangesammelten wie durch eine Oeffnung verschwunden. »Das Tuch ist ganz!« sage ich zu meiner Begleiterin, die eine von den »kostbarsten« ... betonte sie lächelnd, wiederfand. Müde setzten wir uns auf den Rand eines morschen Bootes; zogen uns nach kleiner Rast Schuhe und Strümpfe aus und sprangen in die erste Welle, die uns entgegensprudelte. Und immer tiefer in die heilige Flut, bis unsere Füße überzogen mit dem Produkt des Toten Meeres, ganz weiß waren und krustig. Und Durst verspürten wir mächtig; träumten schon von den Apfelsinensäften und dem Grapefruchtwein in der einladenden Halle vor der Düne, in der wir dann unser salziges Fußbad süß begossen.

Von der Lieblingsstadt Gottes, Jerusalem, verriet ich schon so viel in meinem Buch: »Das Hebräerland« und zeigte es auch auf meinen Illustrationen dem Leser. Ich könnte es nur wiederholen in Wort und Bildern, mein Gebet an die Heiligste Stadt.

Von Haifa aus erreicht man in ein und einer halben Stunde: Tiberias. Die biblische Stadt hat sich nicht eine Spur verändert, nicht die unleserlichste Fußspur verstreut. Dieselben Fischer fischten am Genezarethsee wie zu Zeiten des Neuen Testaments und werfen ihre Netze aus. Auch Philippus glaubte ich unter ihnen zu erkennen.

In glühendbemalten Segelbooten sitzen nackte Araberjungen; sie necken die kleinen Fische im Wasser. Ich hätte Lust, in den buntverklärten See zu springen – aber der Araber würde einer Frau solche Frivolität nicht so leicht verzeihen. »In Sänften« trägt man die Frauen des Harems verschleiert zum Strand, zum Frauenstrande. In den Bibelzeiten zählte Tiberias zu den allerersten Badeorten des Morgenlandes. Hin eilten die Kranken des Landes, zu gesunden in den heilenden heißen Quellen.

Wir steigen aufwärts vom Ufer des Genezarethsees, dem See von Tiberias; kommen an Bazaren vorbei; sie liegen im Halbkreis der Straße. Friede: »Schalom« wünschen uns die Händler, wir ihnen zurück: »Schalom«. Aber gleich freundlich von Herzen kommend. Denn im Grunde herrscht von zu Haus aus keine Feindschaft.

Ich erstehe eine liebliche Glaskette; fünfmal paßt sie bequem um meinen Hals. Ihr durchsichtiges Herzchen lasse ich über meinen Handrücken hin- und hergleiten ... ja, das einfache glitzerne Herz Tiberias in Miniatur. Die Händler beteuern zwar, es sei aus langersehnten Regentropfen im späten Herbst in der Regenzeit entstanden.

Auf meinen ersten Bildern in der Kindheit zeichnete ich dieselben Paläste und glänzende Häuser Schwarzachat und tönte sie mit lila Stiften an den Seiten oder ein besonderes Bogenfenster wie von einem lila Mond beschienen. Hold spielte die Phantasie und parallel der meinen – des Baumeister der phantastischen Stadt.

»Noch ein paar Grad heißer«, scherzt meine Freundin neben mir, »und wir beide sind gar, reif für den Sonnenstich.« Auch harrt der Autoomnibus auf uns schon eine Zeitlang, und wir machen größere Schritte, aber mein Gemüt träumt wie der zurückgelassene magische See. Wir fahren durch die schönste Palmenallee, die uns vor einigen Stunden ins Innere von Tiberias führte, und es dauerte nicht lange und es war wieder Wüste. Jericho grüßte uns, und ich sah gerade vorher durch des Doktors Fernglas den Jordan fließen. Immer Wüste vor und hinter uns ... sanft empfand ich sie, eine Mutter. Sie wickelte einen jeden und eine jede von uns im Wagenraume in eine Kamelhaardecke. Aber ich tat nur so, als ob ich schliefe, noch einmal Nazareth zu schauen. Gegenwärtig bewunderte ich schweigend die blühenden Kolonien unserer Chaluzim. Sie erinnerten mich an die dicke Apfelsine in meiner Kleidertasche, trotzdem sie mich schon lange inkommodierte. Und ich befreite sie aus ihrem viel zu engen Verlies und trank den kleinen Jakobbrunnen willkommend aus.

Der jüdische Bauer ist wahrlich der Fürst im Heiligen Lande, ein Knecht Gottes. Er überläßt ihm die heilige steinige Flur.

Ich schrieb an den Großbauer von Tel Joseph:

Lieber Nehemia Cymbalist! (Ich kopierte den Inhalt aus meinem Notizbuch später auf einen weiten Bogen.) Verarge mir nicht mein Dir gegebenes und nicht gehaltenes Wort, Dich zu besuchen in Deiner Kolonie: Tel-Joseph. Ich bin übersättigt und erschöpft wie eine Biene, die zu viel Honig naschte aus dem Silberkelch der Königin der Nacht. Trunken bin ich, eine flatternde schwankende Geiertaube von Narden der Engelslüfte, die die Heilige Stadt umsüßen. Aber ich kehre heim zum dritten Male, zum dreißigsten Male zurück in unsere ureigenste Heimat, sie zu umspielen wie die Welle, sie möchte auch lieber heim in ihren Ozean und nicht zergehen sterbend im Sande.

Ich hatte mir Nazareth ganz anders vorgestellt – ähnlich wie Bethlehem, das noch kleinere Bethlehem, das ich so oft als Kind schaute in der Schulaula unter dem großen Tannenbaum; das heilige Städtchen aus der Spielschachtel auf dem Moos am Fuße der geschmückten Tanne. Aber nun weiß ich, die breite Freitreppe fehlte immer, die das alte verbrämte Städtchen mit dem alten verbrämten Städtchen eine sich erhebende Stufenbrücke verbindet. Darauf die ärmsten Kinderlein sitzen und aramäische Volksliedchen singen; ihre aus Fetzen und Lumpen fabrizierten Puppen zärtlich einlullen.

Nazareth ist keine kleine Stadt, keine zerfallene. Auf ihren Hügeln stehen guterhaltene villenartige Häuser, auch neuerrichtete Bauten, und an den Hecken der Gärten wiegen sich weiche weiße Winden. Gern wäre ich zu Fuß durch Nazareth gegangen und mein guter Begleiter tröstete mich: »Wenn wieder Frieden herrscht.«

Ich gucke noch immer aus dem Wagenfenster; Nazareth längst der Wüste und ihrer säumenden Einfalt überlassend. Ich entdecke Farben, die ich noch nie gesehen, sie bekleiden die heiligen Berge. Wie selig ein Land, das diese Leuchten tragen darf.

Auf der Galiläa nach Palästina.

Ich sage dem haifaer Doktor und seiner Gewerett Sängerin, mir auf dem Liegestuhl zur rechten, ich mir als Kind schon immer gewünscht, nachts weit aufs Meer zu blicken. Oft träumte ich, ich bin ein Seevogel. Dann kam ich früh geflogen die vielen Stufen unseres hohen Treppenhauses herab in unseren Garten, ganz erregt in die Laube, darin meine lieben Eltern und meine schönen Geschwister ihren Morgencafé tranken und berichtete: Ich habe im Traum in der Nacht mitten im Ozean gesessen und gespäet über die schwarze Nachtflut. Ich musste mich an meinen hehren Traum erinnern, als ich meine schöne Kabine auf der Galiläa betrat, das Nest meines grossen Dampfers der Adriatica. Ein Sonntagsvogel kam ich mir vor!!

Nacht auf See,

See auf Nacht!

Es erhob sich im Dämmer ein Sturm sondergleichen! Und noch lange nicht Griechenland erreicht! Schon am Mittag wollten die Wellen immer höher und höher und ich ahnte schon das Herannahen des schwungvollen Schauspiels. Um die Geisterstunde verhüllten die wilden Wasser den zackigen Streif der Landwelt. Aufbrausend vor Hunger verschlangen die Wellen die dunklen Wolken mit dem Mond: die Lewânah. Die kleinen Sterne hatten sich alle schon versteckt. Ach die Mondin war immer meine leuchtende Freundin gewesen.

See auf Nacht ...... unsere Galiläa stieg auf ihren Fluten bis in die Ewigkeit! Doch wieder herab zu sinken auf ihre blaue wasserspriessende Wiese; nur um noch einmal und noch einmal von Neuem zu besteigen die schäumende gefährliche Höhe; aufschwellend bis zur Spitze des höchsten Felsens aus schmollenden Ozean, – zornig heim auf den Grund des Meers. Genau nach dem Vorbild üblichen Kinderspiels, das uns Kinder allemale so belustigte, bevor wir unsere Schulaufgaben griesgrämig erledigten. Auf einem der vielen Bauplätze begaben wir Kameraden und Kameradinnen uns jauchzend; plazierten uns auf quer übereinander liegenden Balken, auf ihren Enden auf und nieder zu fahren. Es zog dann immer so ein komischer heisser Blutfaden durch unsere Körperchen und so komisch schlecht wurde es einem. Wie hoch die Wellen stiegen, wir emporgetragen wurden, kam auf die Temperamente der Kinder an. Einmal getrieben von einer mir gleich unbändigen Freundin, schnellte ich durch die Wucht ihrer Ausgelassenheit direkt in die lachende Wolke hinein; zurück in eine Grube Kalk zu plumpsen, um von dort, ein weisses Engelchen wohl hundert Meter klaftertief in den Schooss der Erde zu fallen. – Nachts – bestieg ich immer die Stufen meiner fein lackierten Zauberleiter und feierte, schon weil ich allein meinen kleinen Schiffsraum bewohnte, mein Dasein. Ungestört mein Vogeldasein! Eine Einzelfliegerin dankte ich dem Himmel. Aber auch im Gedanken der Adriatica in der schneeweiss eingerahmten, freien schönen Stadt, Zürich.

Interessiert betrachtete der Commandante auf der Galiläa die winzigen Miniatürschiffchen auf der letzten Seite diesem vorangegangenen Buches: das Hebräerland. Die von mir gezeichnete Espéria und ihre grosse Schwester, die Gerusalemme. Die mich auf meiner ersten Asienreise in unser liebes Land brachten und wiederholten. »So weit« – meinte Signore Commandante Umberto Steindler schalkhaft, würde er es wohl nie bringen, »diese mächtigen Schiffe« über den Mittelländischen Ozean zu fahren.

Ich kam mir vor wie des artigen Capitanos Privatgast; sass ich auch nicht direkt an seinem Tisch im lichten Speisesaal, so liess er sich informieren, ob ich auch die delikatesten der Speisen wähle? Und ich dachte doch beim souper intensiv an das um neun Uhr spielende Schiffskino, ausgegrabnem Films: Die Lieblingsfrau des Maharadschah.

Durch ein Verkleinerungsglas gezeichnet, gehören die beiden Prachtdampfer: Die Éspéria und die Gerusalemme, zu Nippes geworden, zu meinen liebsten Spielsachen. Warten nun jedes Ostern auf der letzten Seite meines diesem vorangegangenem Buchs, mich nach Palästina zu bringen, in die Stadt des Lieben Gottes nach Jerusalem.

Und es war damals vor etwa fünf Jahren, da mich das myrthenweisse Luxusschiff, die Braut unter den Schiffen: die Éspéria nach Alexandrien ins Land der Pharaonen führte. Doch nach zehntägigem Aufenthalt reiste ich mit der Eisenbahn, wie ich vor einigen Jahren schon berichtete, durch die Wüste Sinai in die Ewige Heilige Stadt. – Niemand von uns Passagieren wird den unübersehbaren Riesenhafen der egyptischen Hafenstadt je vergessen. Man soll nicht die Contenanz verlieren, kopfscheu werden, mahnt eine Stimme wie aus einem Radiokasten. Aber auch ohne ihre Mahnung verliessen das bräutliche Schiff namentlich die weiblichen Reisenden, ungefähr

Wie sie in Wien und in Berlin ganz san façon,

Sich eilig puderten und sich lawendeln angenehm aus dem Flakon

Die Lippen röter nüanziert,

Die Locke sitzt elektrisch noch frisiert,

Drauf ungeniert: hier Gruß, dort Kuß,

Die Untermuntergrundbahn wechselten mit einem Auto oder Omnibus.

Schon auf meiner ersten Rückfahrt wieder nach der Schweiz, in mein gutes Adoptivland, holte ich mir auf Zehen, die schlummernden Damen nicht aufzuwecken, die Freundin vom Leiterhacken der Kabinenwand, zu gucken durch das Guckloch unseres Schlafraums die halbe Nacht übers Meer. »Jam«! heisst das Meer, ich sagte es dem Leser schon feierlich vor fünf Jahren schwarz auf weiss. Jam macht im Grunde – im Meeresgrunde, die ganze hebräische Sprache aus. Jam – mehr braucht man nicht zu wissen. Jam – macht eine tausendmaltausend wortzählende Sprache aus. Noch erst das Jam einer uralten Sprache Wortschatz, der allerersten Sprache himmelverbrämten ... über das Wort Jam schwebt Gottes Geist.

Es ist so erfrischend, besonders abenteuerlich in der Nacht, wenn alles schläft, aus der kleinen runden Schiffsscheibe auf die ungestörte Meereseinsamkeit zu blicken: Ein einsamer Capitano ein Lederstrumpf.

Meereseinsamkeit erlebte ich wohl immer – dichtend an meinem Tisch, wo er auch stand auf mich wartend, in welchem Lande auch in der Nacht vom sammtnen Ticktack des Schlummers der Ewigkeit begleitet. Geben es doch wie in soliden Zeiten, auch heute noch Schreibtische, sich wichtig machendes Möbel, an den sich selbst viele Dichter zu setzen pflegen, vor denen die Ewigkeit allerdings Misstrauen hegt. Aber auch mit einem schlichten Urtisch, frisch vom Urwald hereinspaziert, begleitet nur selten gemeinsam mehr der liebe, stillende Ticktackschlummer, der des Dichters Versunkenheit verwachtet. Ach wir verirren uns immer weiter von Gott, vom Herzschlag der Welt, vom frommen Gleichgewicht der Schöpfung. Gott der Ruhende lässt gerne auf Sich wie auf einem Psalter spielen, auch auf Sich kindlich üben, und sogar mit Kinderhänden auf Sich klimpern, aber nicht ungestraft geklügelte Liedchen auf Sich begleiten.

Abenteuerlich sondergleichen, auf schäumender See das Ziel zu erreichen! Wandelnd auf dem Erdreich befand ich mich eigentlich stets auf See. Ich citiere die Endreihe eines meiner ersten Gedichte:

Bin immer auf See –

lande nie!

Ein wirklicher Seevogel landet nie – oder in einer liebenden Hand in – »sentimentalen« Abendstunden wenigstens.

Ein Doktor aus Haifa meint, Ich bin auserkoren, – keinesfalls tragisch; Fühle ich mich doch in die Lüfte erhoben und bleibe ein Mensch anzublicken. Besitze ein menschliches Herz, das zu spielen versteht und – »lieben kann« vollendet seine Frau Doktorin verheissungsvoll den Satz. Denn es drängt und zwängt sich gerade zwischen unseren Liegestühlen der »aparte« Mensch im schwarzen Fez, um zu verschwinden sofort wie er erschienen. Ein Mensch fürwahr wie ich zu malen pflegte mit Vorliebe in vielen Variationen oft auf jeder Seite eines einfachen Schulhefts. (Ich komm’ von den Schulheften nicht los.) Verwöhnte Frauen in Hörweite – aus den Grunewäldern der Städte, in weissen Kleidern und Schuhen, ich erkenne sie schon an ihren schlendernden näselnden Stimmen. Ob ich wieder ein neues – – – Werk in Arbeit? Sie – beneiden mich, da ich den Stoff, den ich so überaus finden werde, zu bearbeiten – im Stande.

Auf ihrem Tisch daheim, in ihrer Villa hinter Edeleichen:

Faust erster Teil und zweiter nebst Herrn Teufel:

Drei guterhaltne balsamierte Leichen.

Im Prachtband: Hermann und Frau Dorothea,

Die Dorfidylle aus der Eifel.

Und – die Geschwister von Neapel

Unter einer Palmenpappepappel.

Auf Bütten: Rahel und zur linken: Leah,

Sinnt Jaakob (neu erforscht) im Zweifel.

Und auf der Säule im Profil:

D’Annunzio marmorkämpfend als Achill.

Doch auf dem Bücherschranke vis à vis:

Enricos Herzogin die kühle von Assy.

Und manche Neuerscheinung traf ich noch –

Mein Prinz von Theben – pfiff aus seinem letzten Loch!

Nachdem das Doktorpaar sich wieder auf ihren Stühlen niedergelegt, die Damen ausser Seeweite, betonte der Arzt wie gewaltig schwer es sein müsse für mich, in zwei Welten auf »einmal« zu leben, in meiner ureigenen Dichterwelt und in meiner stiefrealen. Ahnte er denn wirklich nicht, dass meine eine Welt nicht weiss, was die andere tut? Wie oft entsetzte er sich und seine nette Doktorin, meine beiden Reisefreunde über die ernsten Sprünge, die mein beleidigtes Herz ab und zu riskiere, aber auch über die, aus allen Himmeln lachend zur Erde zu fallen. – Der Schatten des aparten Menschen erscheint gespenstig auf der Seefläche, beugt sich tief über die Flut, als ob er den blauen Lethe mal versuchen möchte. An seinem Rücken vorbei grüssen uns einige charmante Schiffsoffiziere, steigen die Decktreppen eiligst empor. Wir kaufen uns Obst von Händlern, prüfen gegenseitig wer von uns Dreien die dickste Orange erwischte? Eine Anzahl Bucharanmädchen lachen im Takt zu ihren klingenden Münzen um ihre Schultern und zu denen an den Rändern ihrer süssfarbenen Seidentücher. Sie tragen ganz naiv ihre Mitgift zur Schau. Vom Konzertsaal streicheln sanfte Violinentöne unser Herz und schwärmen übers Meer.

Wir bewundern die erhabenen Judenpriester aus Abessinien, sie ergeben ein seltenes Gemälde, vereint mit ihren Begleitern antikgelockter, griechischer Heiligkeiten. Wir folgen ihnen zum Konzert. Sitzen an teegedeckten Tischen in weiten Sesseln und schweben mit den Engelgeigen in den Himmel. Zum Schluss singt der berühmte Neger: Elias Baker, ein Lied so wunderbar stark gepaart: Melodie und Wort hochzeitlich. Derselbe Elias Baker, der vor den feindlichen Jahren das Lied Israels gesungen in Lord Fredys Jockeybar in Berlin. Einem Bischof am Nebentisch treten Thränen in die Augen. Sein Mitgefühl für mein Volk macht ihn mir doppelt wert. Morgen celebriert er auf unserem Schiff und die Halle ist eigens fertig geschmückt vom Commandante mit Palmenwedeln und lauter grossen Blumen.

Mein Volk

Mein Volk wird morsch,

Dem ich entspringe,

Und meine Gotteslieder singe.

Jäh stürz ich vom Weg

Und riesele ganz in mir

Fernab, allein, über Klagegestein

Dem Meer zu!!

Hab mich so abgeströmt

Von meines Blutes Mostgegorenheit .....

Und immer immer noch der Widerhall in mir –

Wenn schauerlich gen Ost

Das morsche Felsgebein,

Mein Volk!!

Zu Gott schreit!

Auf dem Flügel des Schiffes in die weite Welt herrscht Liebe. Namentlich auf der Galiläa: liebreiche Einigkeit. Wir, die wir in Schaaren über den Ozean wollen, ja zum selben Ziel hinsteuern, erleben zusammen dieselben Wasser, dieselben Felsrücken der Länder, lesen im Wasserfluge aus dem gleichen Bilderbuch der Welt. Schlummern in Träumen gehüllt, in den Nächten, Kabine an Kabine. Uns zu freuen auf die Frühe mit ihrem strahlenden Heiligenkinde im Arm. Die kleine Sonne scheint ja so gerne gerade übers Meer. Ich freue mich Cypern wiederzusehen. Nicht nur allein des Stadtbilds wegen, es fasciniert mich die Erinnerung an Vorzweitausend und einigen zehn Jahren, gewaltige Begebenheit. Ich glaube ich erzählte schon in meinem vorangegangenen Buch: Das Hebräerland, dem Ahnen dieses zweiten noch werdenden jungen Manuscripts, über das monumentale Begebniss. Aber wie oft wiederholt man belanglosere Erinnerungen – und man lauscht ihnen zu. In Cypern begab sich vor zweitausend Jahren ungefähr also – vorgestern: Als St. Paulus der späte Jünger des edlen nazarenischen Juden, mit seinem Begleiter Barnabas in die Stadt des Landes kamen, glaubten die Heiden, die Götter seien vom Olymp gestiegen. Für Jupiter hielten sie Barnabas, für Merkur den jungen Paulus. Bestärkt durch die ungeheure Art des predigenden St. Paulus. »Paulus, Paulus, dein Talent erschrickt die Menschen wie ein Erdbeben.« Die noch bebenden Cypernleute holten heilige Stiere, sie den beiden – Göttern zu opfern. Aber Paulus wehrte sie erschrocken, und beteuerte dem erregten heidnischen Volk, sie beide, er und sein älterer Begleiter, schlichte jüdische Männer, nur Menschen seien und gekommen, im Namen des Messias. Hingezaubert steht am Ufer des Mittelländischen Meers das farbbetonte Cypernland, grüngrüne Bäume, wie aus einer Bauernweihnachtsschachtel dickkuppelig. Damals konnten wir kleinen Schülerinnen uns schon in den kindlich illustrierten Schulbibeln an Cyperns Landschaft satt sehen. Hinter dem gothischen Turm, noch aus der Kreuzritterzeit stammend, bewundern wir nun vom Schiff aus die ewigen Berge, schwärmerisch von der strahlenden Malerin mit langem langem Pinsel koloriert lila und cithronengelb hinter süssspangrünen Hecken. Und erst die Haschemâh selbst! Die Sonne im Mantel ihrer brokatenen Haare.

Unser schöner Dampfer rauscht nach längerem Küstenaufenthalt weiter durch das Mittelländische Gewässer. Manche der Passagiere benutzten die Boote zum kurzen Ausflug, die sie bis in die neutestamentarische Stadt brachten und sie wieder zurückbeförderten in unser wundervolles schwimmendes Hotel: Cypern aus der Perspektive zu betrachten, seine Contur, seine bunte Körperform erfüllte mich schon dankbar.

Als wir alle wieder auf der Galiläa versammelt, viele müde ausgestreckt auf den Liegestühlen lagen, erinnerte mich das feine Arztpaar, ich habe ihnen doch versprochen von unserm Psalmen und Palmenkönig David zu erzählen von meinem Gesicht, da er mir erschienen. Und diese Tatsache sei wohl schon ihre Reise wert. Sie glaubten meinem Wort und an eine besondere Kraft, die in mir wohne .... ja an mein hellseherisches Talent. Wenn man es so bezeichnen darf. Ich erzähle: »Es war nach einer Weihnachtsbescheerung bei lieben Freunden (Weihnachten feierten namentlich in der Spreehauptstadt, Christ und Jude, noch vor diesen trüben sieben Jahren, einen gemeinschaftlichen kindlichen Geburtstag) als ich heim in meinen gastlichen berliner Sachsenhof kam, in meine warme Stube dicht unter dem Himmel, der leise schneite, wünschte ich mir, trotz der vielen Presente, auch von der geschmückten Tanne selbst, etwas geschenkt zu bekommen, was keinem Menschen am Abend bescheert ward – ja im ganzen Lande, ja in der ganzen Welt. Genau so dachte ich beim Eintreten in meines Raumes Nest zwischen Erde und Wolke.«

Es unterbricht mich der Doktor: »Dachten Sie an ein bestimmtes Geschenk? Etwa an ein strahlendes Geschmeide oder an ein herrliches Perlenkettchen oder an ein unerschwingbares Buch oder an ein Altmeistergemälde?«

»Ich dachte weder an äussere noch an seelische Kostbarkeiten, auch nicht später beim Auskleiden, noch sitzend in meinem Bett: Ich hielt den Kopf vornüber gebeugt im Kissen, – als mir – David erschienen.«

Der Doktor: »Und sahen ihn mit geneigtem Gesicht und waren noch ganz wach, liebe Dichterin?«

»Ich blickte in den Zustand des Gesichts versetzt, mit »erhobenem« Kopf, vollständig wach auf die mir schräg zur Seite sitzende grandiose Gestalt.«

Der Doktor: »Verspürten nicht geringste Müdigkeit?«

»Absolut, nicht, nicht die geringste!«

Der Doktor: »Das wissen Sie noch ganz genau?«

»Noch ganz genau! Sind seitdem auch schon viele Jahre verflossen.«

Der Doktor: »Erzählen Sie weiter, liebe Dichterin« ......

Ich erzähle .........

Der Doktor: »Dachten Sie doch irgend verschleiert an eine eventuelle Erscheinung, als Sie den Wunsch hegten etwas bescheert zu bekommen, was niemandem zu Teil am Abend?«

»Ich machte mir weder eine reale noch unreale Vorstellung von der Art des Presents, Herr Doktor.«

Der Doktor: »Können Sie Sich ganz genau an Ihrer damaligen Stimmung erinnern, liebe Dichterin?«

»Ja! Als ich nach dem Feste, meine zur Zeit hochgelegene Stube betrat, legte ich mich nieder, »stillsten« Gemüts. Erwähnte es ja schon.«

Der Doktor: »Beobachteten Sie nicht vorher das weite Himmelsgewölbe – den Mondgang und die Sterne alle?«

»Ich glaube nicht, Herr Doktor. Doch hätte ich vorher – den Sternen – gute Nacht gewünscht, ausserdem wie ich öfters pflegte, den Durchgang kleiner verspäteter Abendwolken durch den Viadukt der Mondsichel zu beobachten, so folgten doch sonst nicht diesen Studien – Gesichte. Überings fiel ja Schnee am selbigen Abend.«

Der Doktor: »Sie missverstehen – mich vermutlich, Verehrteste, ich weiss sehr wohl, dass David nicht aus verträumter Phantasie, das heisst aus den Sternen herab zu seiner dichtenden Freundin ins Zimmer trat.«

»Aber aus dem Jenseits«! .....

Der Doktor: »Ihnen erschien – –. In normalgrosser Menschgestalt?«

»In übergrosser Menschgestalt wie durch die Lupe gesehen. Und ich beteure, er trug ein langes faltenschweres Trauergewand und sein Haupthaar umschloss ein hoher breiter Turban in der dunklen Farbe seines Kleides.«

Der Doktor: »Sprach er mit Ihnen?«

»Nein. Aber er kündete mir wie ich kurz nach seinem hohen Besuch den Beweis – erlitt, grenzenloses Leid an.«

Der Doktor: »Ausser seiner dunklen Gewandung noch mit Gesten?«

»Er sass unbeweglich, ich erzählte es Ihnen schon, mir schräg zur Seite, auf einem niederen Schemel, der sonst nicht in meinem Zimmer und auch mit dem königlichen Dichter entschwand. Nie vergesse ich Davids grosse klagende verglühende Augen. Wie Asche verglühend ..... und nur meine von mir angebetete Mama, betrachtete mich oftmals in ahnender banger Traurigkeit mit gleichem Weh.«

Der Doktor: »Wer sagte Ihnen überhaupt, dass es David?, der sich in Ihrem Raum befand?«

»Allerdings im ersten Augenblick der mächtigen Überraschung vermutete ich meine teure Mutter in der gewaltigen Gestalt.«

Der Doktor: »Kamen nach Erwägen zur Überzeugung – Sie haben sich geirrt?«

»Ich erkannte König David, Herr Doktor.«

Der Doktor: »Nach dem Rembrandtstich?«

Unbeeinflusst erkannte ich den gewaltigen Psalmendichter mit dem »Wundersehen« des Gemüts. So habe ich mich wahrscheinlich, wenn auch schwierig für den Alltag, aber präzise ausgedrückt.

Pause.

Der Doktor: »Ich erlaube mir, liebe Dichterin, Sie weiter zu examinieren, schon der Wissenschaft wegen, die vereint mit meiner geliebten Frau Sängerin, meine wertvollste Hälfte ausmacht. Überdies lieben Sie ja examiniert zu werden, versicherten Sie noch gestern uns.«

»Und noch von Ihnen, Herr Doktor, herausgeholt zu werden, wie ein Luxusbuch aus dem Bücherschrank oder eine Spieluhr wundersam vom Regal.« Meint des Doktors Frau. »Oder noch besser bemerkt: »Wie eine Perlmutterschnecke aus ihrem glücklichblauen Schneckenhaus.««

Der Doktor: »Zum Examina zurück!« –

»Ich werde mich bemühen, Sie weiter von der Erscheinung Davids gewissenhaft zu überzeugen; fühle ich doch intensivst im Zauber des Gesichts, die heiligste Verpflichtung, aufmerksam den ernsten Vorgang zu beobachten.«

Der Doktor: »So wach sind Sie in den grossen fernen Augenblicken?«

»Wie selten am Morgen nach ausgeruhtem Schlaf, so weit ich mich auf mein Befinden zu besinnen vermag. Selbstlose Hingebung heisst der jedmaligen Vorbedingung Einkehr des magischen Zustands und des öfteren seines überraschenden Gastes.«

Der Doktor: »Erinnern Sie Sich im anderen Zeitspalt der Welt an die reale Welt und ihrer Menschen?«

»Vom anderen Zeitspalt der Welt sprach Bileam, als man ihn fragte, wo er sich befand in der Zeit der Engelerscheinung – steht geschrieben im Kommentar.«

Der Doktor: »Beschäftigen Sie Sich mit derartiger Lektüre, liebe Dichterin?«

»Nein. Aber, als ich wieder einmal zu meinem talentvollen Freund: Emil Bernhard dem Dichter und Geistlichen der Grunewaldgemeinde eilte, fragte er mich, was er mich schon lange fragen wollte, wo ich mich »befinde« in der Erhebung des Gesichts? Und als ich ihm antwortete: im anderen Zeitspalt der Welt, zeigte er mir wie gesagt, im Kommentar – pardon, verehrter Leser, er forderte zunächst von mir – eidlich – ach, die Frage zu beantworten, ob mir die Geschichte Bileams bekannt? Aus den Religionsstunden der Schulzeit sicherlich nicht, ich besuchte überings nur bis zum elfften Lebensjahre die Schule und meine liebevolle Erzieherin musste mir immer nur die Geschichte von Joseph u. seinen Brüdern erzählen. Wir lasen dann Emil Bernhard und ich im Kommentar, wie man Bileam fragte, wo er sich befand in der Zeit der Engelerscheinung? Und er geantwortet: Im anderen Zeitspalt der Welt.« Im zeitlosen und raumlosen, anzunehmen wie ich erlebe im Gesicht.

Der Doktor: »Ohne Furcht – in Zeit und Raumlosigkeit?«

»Ohne Furcht! Beschützt vom Höheren Willen, Herr Doktor. Die ganze Ewigkeit pocht aus meiner kleinen Taschenuhr und der ganze Weltenraum hat Platz im kleinen – glücklichblauen Schneckenhaus ......«

Pause.

Der Doktor: »Und?«

»Und weit energischer wie Ihre Fragen ergehen Befehle an mich, aus mir an mich gerichtete Befehle, nüchtern wie vom General an seinen Untergebenen.«

Der Doktor: »Nennen Sie mir einige dieser Befehle bitte! Doch orientieren Sie mich vorher über die Zeitdauer Ihrer Gesichte bitte.«

»Nie controllierte ich die Zeitdauer nach der Uhr, hing sie auch an der Wand, für mich mühlos hinzublicken. Aber nach dem Zeiger des inneren Erleben dauerten wohl, gerade die intensivesten Gesichte, ungefähr eine Stunde – oder noch länger? Die Ewigkeit lässt sich nicht, dünkt mich, nach der Uhr controllieren.«

Der Doktor: »Und doch steht geschrieben: ›In sechs Tagen hat Gott die Welt erschaffen, am siebenten Tage ruhte Er.‹«

»Aus dem beseligenden Zustand, der Siesta des unsichtbaren Ewigen, verkörperte der Mensch sich den Schabbatt.«

Der Doktor: »Und doch befinden Sie Sich im erstaunlich real geweckten Bewußtsein in der Zeit Ihrer Erhebung!«

»Eine Realität, die automatisch jedes meiner Gesichte begleitet.«

Der Doktor: »Und nun nennen Sie mir, die aus Ihnen an Sie gerichteten Befehle.«

Es handelt sich immer um die paar gleichartigen Fragen, die von mir streng beherzigt werden, erfasse ich doch ihre Bedeutung: Mich nicht zu fürchten. Mich ruhig zu verhalten. Gewissenhaft, das mir unerklärliche Erlebniss zu erleben. – Es beschämte mich schon seiner Himmlischkeit wegen, Herr Doktor. Fragte mich, wieder in die reale Welt gesetzt, ob ich, mein bis dahin geführtes irdisches Leben ohne besondere Weihe fortführen dürfe?

Der Doktor: »Und entschieden sich sofort oder nach längerer Zeit – wie?«

»Nach Minuten schon: Mein Leben auf demselben Wege weiter zu schreiten, auf mich zu nehmen, aber auch nicht das freudvolle Dasein zu meiden. Auch nichts äusserliches an mir zu ändern. Selbst jede religiöse Sensation, ich meine, jede religiöse Veränderung dünkte mich – diletantisch nach der himmlischen Gunst, die mir zu Teil, ich sicherlich unwert gewesen.«

Der Doktor: »Entsprang Ihr Entschluss aus der Athmosphäre Ihrer Befehle?«

»Nein. Mein Gehirn denen die strengen Ordres entspringen, empfinde ich verkleinert, etwa von der Grösse einer Wallnuss, darin gerade Platz für die paar immer gleichartigen aus mir an mich klar gerichteten Befehle.«

Der Doktor: »Wie, das Maas Ihres Gehirns kommt ihnen im Erscheinungszustand zu Bewusstsein, dessen Umfang der Träger im normalen Lebenszustand nicht zu constatieren fähig? Weder seine Grössenveränderung, noch seine normale Grösse.«

»Ich erlaube mir, Sie, Herr Doktor, zu unterbrechen, aber das Gesicht ist ebenfalls ein normaler Zustand, allerdings – im anderen Zeitspalt der Welt, einer Welt nach dem Tode oder gar – vor dem Leben.«

Der Doktor: »Erzählten Sie nicht schon meiner Frau und mir, Ihre von Ihnen angebetete Mutter habe stets gebangt um Ihr kleines Leben das sie im Zustand der Erscheinung versetzt, in Todesgefahr ahnte?«

»Und gerade ihr frühes Sterben war noch ein kleines munteres Mädchen, wurde mir gekündet ........«

Der Doktor nach einer Weile: »Nun gestatten Sie die Frage eines eingefleischten Gelehrten – fühlen Sie eine »krampfartige« Verkleinerung Ihres Gehirns in Gesicht versetzten Geschehniss?«

»Absolut nicht. Ich verglich nur darum meines Gehirns übriggebliebenen Rest bei »totaler« Auflösung des Körpers an Grösse mit einer Wallnuss, da ich das menschliche Gehirn doch viel grösser an Maas vermute.« Ja?

Der Doktor: »Die Erscheinung der Engel von der Sie uns im ersten Palästinabuch im Hebräerland kurz erzählen, hat Sie hauptsächlich zum Nachdenken veranlasst?«

»Immerhin eine »himmlische« Gunst, die mir zu Teil wurde. Und ich gab mir pietätvolle Mühe das Engelgesicht in schlichten zurückhaltenen Worten zu schildern. Schrieb nichts sensationshaschendes, vereinfachte es sogar. Ich erlebte damals die »vollständige« Entkörperung meiner Seele und ihre Spaltung, denn ich befand mich zu gleicherzeit vor dem teuren Hügel meines Kindes und auf dem Pfad, der zu dem Hügel führte.«

Der Doktor nach einer Weile: »Wie fühlten Sie Sich nach dieser himmlischen Auszeichnung, liebe Dichterin?«

»Erschüttert und dankerfüllt zugleich. Vor allem überreich! Ja ich hätte mit dem Besitz eines Krösus nicht getauscht. Ich vernahm die Frage: wenn ich dir nun unzählbar irdisches Glück für dieses Himmelsgesicht geben würde .......? Mir war ein böser Geist wolle mich verführen und ich wand ihm den Rücken.«

Der Doktor: »Und bebten Sie nicht vor den Gestalten des Himmels?«

»Ich glaube, ich befand mich selbst nicht mehr auf Erden.«

Der Doktor nach einer Weile: »Sie erzählten doch schon meiner Frau und mir, Sie haben schliesslich aufgeschrieen, als Ihnen König David erschienen, und ihn im Schrei verscheucht das Gesicht unterbrochen!«

»Ich fürchtete mich nicht direkt vor David, ich vermute aber vor dem übergrossen abnormen Körpermaas seiner Gestalt.«

Der Doktor: »Sie vermögen also den Körper abzulegen wie ein Kleid, um nach der Offenbarung es wieder anzulegen, Ihre Seele zu verhüllen, sie einzufangen – – Eigentlich ein Beweis der Auferstehung, der Wiedereinkörperung ..... Sie lächeln, verehrte Dichterin, warum?«

»Ich erlebte eine Incarnation, vor 8 Jahren im Jahre 32. Darüber später, Herr Doktor.«

Der Doktor: »Weiss jemand davon?«

»Professor Dessoir von der Universität Berlins, der mich verhörte.«

Der Doktor: »Und seine Meinung?«

»Er habe schriftlich schon alle diese unerklärbaren Begebenheiten schließlich in Frage gestellt, er schien äusserst erregt. Er hege nun keinen Zweifel ferner an der Wahrheit der Dinge. Er hatte noch einen Collegen der Hochschule zu sich geladen, dessen Skepsis sich ins Gegenteil verwandelte.«

Der Doktor: Nach einer Weile: Erlebten Sie schon einmal eine Hallucination, liebe Dichterin?

»Eine erlebte ich sicher, Herr Doktor, denn ich kann mich noch gut daran erinnern: Ich hatte heftiges Zahnweh. Meine um sechs Jahre ältere 15jährige Schwester Annemarie und ich lachten noch in späteren Jahren über diese muntere Hallucination. Ich hatte Fieber, von der Entzündung der Zahnwurzel herrührend, und rief im Schlummer meiner betreuenden Schwester überrascht und auflachend zu: Ann, Ann, eine lebendige Birne läuft über die Kommode!«

Der Doktor: »Unterscheidet sich die Hallucination im Erleben vom Gesicht?«

»Aber, Herr Doktor! Nun sind Sie mein Candidat, und ich bitte aufmerksam zuzuhören: Die Hallucination ist ein Symtom des Fiebers, eine Begleiterscheinung des Fiebers, dem es nicht immer gelingt, die eigentliche Krankheit zu bekämpfen.«

Der Doktor: »Recht gut!«

»Der Hallucination geht eine erhöhte Temperatur des Blutes voran, ein Gefülltsein kranker Glut – eine dumpfe Blutvermummung. Und ich vergleiche die Hallucination mit einem verwirrten Traum, von dem man meistenteils aufatmend erwacht. Man weiss geträumt zu haben!! Doch die Menschen, welche ins Gesicht versetzt wurden, wissen, zurückgekehrt in die reale Welt, sie haben nicht geträumt. Ich möchte beifügen, himmlischer Tau schimmert noch auf ihrem Gemüte. Ich wiederhole: der Hallucination geht eine erhöhte Temperatur des Blutes voran, eine Belastung des Leiblichen. Das Gesicht aber beansprucht eine »völlige« Räumung des von der Gunst Gewählten. Ein Platzmachen! Des öfteren sogar die gänzliche Auflösung des Körpers. Nur ein Rest des Gehirns, eine kleine Zelle Gehirn, verbleibt zur Controlle dem wunderbarem Geschehniss.«

Der Doktor: »Bravo, Verehrteste, auch verstehe ich nun die Sorge Ihrer von Ihnen angebeteten Mutter um Ihr kleines Leben damals. Den Einsatz freilich um Fleisch und Seele kann sich nur beim ewigen Hassard, Leben und Tod leisten.«

Ich bejahe.

Der Doktor: »In der Regel folgt der Entkleidung der Seele, der Tod. Zerfällt das Körperhaus unerbittlich, so nennt man das sterben. Es erklärt sich die Angst Ihrer Mutter instinktiv.«

Danach frug mich der Doktor, ob ich an spiritistischen Sitzungen öfters teilgenommen? Ich konnte ihm mit bestem Gewissen mit einem »nein!« antworten.

Der Doktor: »Hätte Sie das nicht interessiert?«

Ich sage kurz: »Mich Verwöhnte interessieren keine ›künstlichen‹ Wunder.«

Der Doktor: »Ich habe gegenwärtig wohl nichts mehr zu fragen, das eigentliche Examen ist beendet, liebe Dichterin, die Sie sind!«

»Zweifeln Sie aus diesem Grunde etwa doch an die Wirklichkeit meiner Gesichte?«

Der Doktor: »Im Gegenteil, nur der Dichter oder die Dichterin vermögen das irdische Leben, dünkt mich, hingegebener Seele schon bei Lebzeiten in vielen Ihrer lyrischen Gedichte abzustreifen zur Neige wie Sie. Dehmel, hörte ich, habe Ihr Gedicht: Täubchen, das in seinem eigenen Blute schwimmt – – so ergriffen in seiner Unwirklichkeit Flügel, er Sie wieder und wieder bat es ihm vorzulesen.« Lieber Leser Ich hätte gerade dieses Gedicht: Täubchen d. i. s. eig. Bl. schw. Ihnen nicht vorenthalten in meinem diesen Buche, aber die Masse hat es längst geschlachtet.

Der Doktor: Es geben zwischen Himmel und Erde mehr Dinge, wie sich unsere Schulweisheit träumen lässt.

Spät am Abend, die Passagiere schliefen, klopfte es an meine Kabine. Der Doktor und seine reizende Sängerin baten um Einlass: etwas habe er vergessen mich zu fragen, entschuldigte sich der Doktor G. Ob ich ein Behagen oder Unbehagen fühle, – ob sich das Gesicht vorher durch eine Art Empfindung ankünde?

»Dem Gesicht schreitet noch schwebt schleierhaft weich wie beim Einschlafen, keine Ankündigung voraus.«

Am nächsten Morgen umschwärmen mich eine Schaar ehemaliger Wandervögelinnen, sie hätten versteckt hinter einer Deckung gesessen, unserm Gespräch gelauscht. Ob David wirklich rote Haare habe und etc. etc. Aber ihre Fragen sind vermischt mit Klügelei der heutigen Jugendzeit. Eigentlich tun sie mir leid und ich treibe sie an das Bufet der Schiffsconditorei und lasse sie Apfelkuchen mit Schlagsahne schlecken.

Zurück zum Deck, begegnen mir mein liebes Doktorpaar mit ihrem astronomischen Professorfreund. Seit kurzem beschäftigt er sich mit der Kunst des Horoskops. Auch mein Horoskop soll er bearbeiten. Ich zitterte schon gestern vor ihm und meine Glieder bekamen Veitstanz, noch als Frau Sängerin bemerkte, Deborahs Horoskop habe schon bei ihrer Geburt ein egyptischer Weiser gestellt. Die arme Deborah, sie konnte nie als Prophetin ins Kino gehen, noch weniger mal anbendeln oder – sich ernstlich verlieben. Mürrisch antwortete ich dem Horoskopen: Bin am 11. Febr. geboren, habe Jahreszahl vergessen, meine Lieben, Dichtend schon 2jährig auf dem Kinderstuhl gesessen – Außerdem zurückgeblieben – Bitte wählen Sie die Jahreszahl in meinem Namen nach Belieben zwischen 7 oder 7 × 7 × 7.

Etwas privates für dich, Leser:

Ich kann nicht umhin, verehrter Leser, Ihnen zu gestehen, dass das Gespräch mit dem feinfühligen Doktor mich grenzenlos erschöpfte. Nicht etwa des schwierigen Examens wegen – ich bin gewohnt alle Art Conversation zu führen. Doch hier verfolgte mich mein böses Gewissen .... Und »erst« beim Niederschreiben entlang der ganzen vielen Wegzeilen des überaus kostbaren Themas. Als ob ich über verbotene Pfade mir anvertrautes heiliges Gut trage – immer in Furcht, auch nur eine der Perlen zu entweihen.

Es war in einer Abendstunde in Berlin, mir die seltene Ehre zu Teil wurde, mich unser Grossgeistliche Doktor Baeck besuchte, wahrscheinlich meine Flucht vorausahnend.

Ich fragte ihn, ob er an das »Ewige Leben« der Seele glaube? Dachte ich doch die Nacht sehnsüchtig an meine schönen Eltern, an meine schönen Geschwister, an meinen so früh gestorbenen schönen Sohn ...... Im Garten vor meinem Fenster holte sich eine Drossel die letzte Koralle vom Ast der Eberesche und – ich fühlte eine Hand, eine starke und milde zugleich, beteuernd an meine Seele rütteln! Ich blickte auf zu dem Mond und zu den Sternen. Der grosse Hebräer beteuerte: So wahr über uns das Himmelsgewölbe leuchtet, so wahr findet die unsterbliche Seele wieder zu Gott! Die »unsterbliche« Seele.

Als ich dann dem grossen Rabbuni vom Gesicht der Engel erzählte, meinte er, diese Erscheinung bedeute das »letzte Geheimniss« und ich müsse es »bewahren« hinter meines Herzens Vorhang.

Lieber Leser, nun verstehen Sie die Disharmonie in mir, da ich nicht lassen konnte, »auch« in diesem Palästinabuche über mir anvertrautes Geschehniss zu reden.

Was heisst ein Buch schreiben? Wandern ..... einer Wanderung Beichte antreten über geebnete Buchzeilen, abwechselnd mit schwer zu erglimmenden Gedankenhöhen. Geht die Dichtung – mit der Dichterin durch, verliebt sich die Dichterin in ihr Buch, ihm willenlos hingegeben, – Sie denken, lieber Leser: so beginnt die Dichterin auch mir interessant zu werden! Nicht nur interessant, verehrter Leser, denn losgelassen vom Gerüst des Inhalts Sicherheit, jedem »greifbaren« Vorkommniss beraubt, beginnt der Dichterin »Ringen mit der Unsterblichkeit«, lieber Leser. Doch – ruhen Sie bitte eine Weile mit mir liebevoll auf der Wiese meines sehr bewegten Gemütes aus. Früher blühte auf ihr die Liebe der Anemone ...... »Küssen Sie mich« ......

Es besteht der Sternenprofessor darauf, ich im Wasserstern geboren im dritten Tang und Algenhaus, giftspritzend von der Seeschlange umzischt, was mir zu hören unangenehm, aber seitdem erklärt sich mir mein Unglück, ich immer verjagt, kaum seine Pforte geöffnet, aus dem Paradiese. Aber der Doktor und seine Königin bestellen goldenen Wein – er könnte aus der Beere des Rheines gepresst sein. Wir sind ja und der Professor ihr Freund, alle vier unter Rheinlands Sternen geboren. Meine Uranus lassen wir hoch leben, danach höher, danach bis oben hinter den Wolken. Er lebe hoch! Eigentlich bin ich stolz auf meine Sternenverwandtschaft. Und das Wetter das sich vor uns im Westen schwarz erhebt, donnert! hoch!!

Sofort neben dem Tempelplatz residierte unser Melech David. Sein Salomein errichtete den Tempel dem Herrn. Ich möchte wohnen ganz allein zwischen den Pallästen der crystalisierenden Ruinen. Ich fände sicher noch ein bewohnbares Gemach in eines der kostbaren Mumienhäuser. Das heiligste, – darin David seine ewigen Psalme dichtete. Meine beiden Freunde bitten mich, ihnen wenigstens eines meiner Gedichte an David und Jonatan seinem treuen Freund, vorzutragen. Aber ich brenne darauf zunächst die keusche Kriegsballade, die eherne! Davids Kriegspsalm: Das Bogenlied zu sprechen.

Das Bogenlied.

(Der Trauergesang über den Tod Sauls und Jonatans)

(Mit der Cymbel vorzutragen leider nur mit ihren ausgegrabenen Schellen und Perlen.)

Und David klagte diese Klage über Saul und Jonathan seinem Sohn

Und befahl, man sollte die Kinder Israel das Bogenlied lehren

Siehe es steht geschrieben, im Buch der Redlichen:

Die Edelsten in Israel sind auf deiner Höhe erschlagen.

Wie sind die Helden gefallen!

Sagts nicht an zu Gadh, verkündets nicht auf den Gassen zu Askalon,

Dass sich nicht freuen die Töchter

Dass nicht frohlocken die Töchter der Unbeschnittenen.

Ihr Berge zu Gilboa, es müsse weder tauen noch regnen auf euch,

Noch Aecker sein, davon Hebopfer kommen.

Denn dort ist den Helden ihr Schild abgeschlagen,

Der Schild Sauls, als wäre er nicht gesalbt mit Öl. –

Der Bogen Jonathans hat nie gefehlt,

Und das Schwert Sauls ist nie leer wiedergekommen von dem Blut der Erschlagenen,

Vom Feuer der Helden.

Saul und Jonathan holdseelig und lieblich in ihrem Leben,

Sind auch im Tode nicht geschieden.

Schneller waren sie denn die Adler und stärker denn die Löwen.

Ihr Töchter Israels, weinet über Saul, der euch kleidete mit Scharlach säuberlich,

Und euch schmückte mit goldenen Kleinodien an euren Kleidern.

Wie sind die Helden gefallen im Streit!!

Jonathan ist auf euren Höhen erschlagen ..........

Es ist mir leid um dich, mein Bruder mein,

Mein Jonathan ........

Ich habe grosse Freude und Wonne an dir gehabt.

Unserer Liebe Unschuld ist mir sonderlicher gewesen denn Frauenliebe ist.

Wie sind die Helden gefallen – und die Streitbaren umgekommen! –

– Wie still Sie das Davidgedicht vorzutragen verstehen, spendet mir Lob die Doktorin. David ist mein Freund und Jonathan! Und Jonathan! Und Jonathan!

Wir schwimmen weiter auf offner See. Seltsame Gebilde formen die seeligblauen Wellen, die von Griechenland her unser liebes Schiff begleiteten. Lauter Circen .... Aber dunkler steigt der Edelstein des Wassers, hebräisch düster hervor aus dem Grund. Und sie liessen nicht ab, die beiden Schiffsgefährten, bis ich auch mein Lied an David und Jonathan gesprochen, ihrer knabenjungen Jugend geweiht:

David und Jonathan.

(Mit dem Schall eines spieluhrartigen Instrument vorzutragen)

In der Bibel stehen wir geschrieben

Buntumschlungen.

Aber unsere Knabenspiele

Leben weiter im Stern.

Ich bin David – du mein Spielgefährte.

O wir färbten unsere weissen Widderherzen rot.

Wie die Knospen an den Liebespsalmen

Unter Feiertagshimmeln.

Deine Abschiedsaugen aber .......

Immer nimmst du still im Kusse Abschied –

Und was soll mein Herz noch ohne deines?

Deine Süssnacht ohne meine Lieder.

Ich weiss, Davids Seele lebt! Nach tausendmaltausend Jahren seine unsterbliche Seele im Scheinleibe zu mir in meine schlichte Stube trat. David lebt! Ihr Menschen der Heiligen Stadt, David lebt! Ich bin seine Zeugin.

Vor allem sein eigener Gesang:

»Du wirst meine Seele nicht in die Scheol werfen .....

Giebst eines Heiligen – Leib nicht der Verwesung preis.«

Als wir, verriet der Doktor, Sie, liebe Dichterin, am ersten Abend über Deck kommen sahen, sagte meine Frau: »DA KOMMT JONATHAN ..... gerüstet! und mit der Verzweiflung der Liebe im Auge.«

Ich bin dem feinen Arztpaar eine Sage von Späther: »Trichta te kai tetrachta vies chis en mi anemoio!« citiert der Doktor aus der Odysse.

Als ich in der Nacht wieder auf der lieben Kabinenleiter sitze und über die ewige See blicke, und meinen gewaltigen Wasserstern mit den Wolken spielen sehe, mit den Wolken plätschern höre, wie er aufflackt und sich beschwichtigt, muss ich zugeben wir uns ähneln auf einen Strahl. Der Horoskope hat recht, der Uranus mein Sternenbruder und wir beide haben kein Erdenalter, sind gekommen auf die Welt verfrüht und zugleicher Zeit verspätet. Mein Sternenbruder schwärmt genau wie ich für Muschel und Koralle und kann wie ich nie erwarten die Flut. Im Grunde ist er das einzige Wesen noch, in dieser Welt, das in mein Herz blicken darf, in mein Herz blicken kann. Wie oft ging es auf einsamlich in Gottosten, gläubig und voll Liebe, .... um zu – scheitern. Wie schwer scheiterte mein Herz, mein roter Nachen: einmal, zweimal, ja dreimal und zerbrach sein Segel.

»Trichta te kai Tetrachta vies chis en mi anemoio.«

Der Regen säuberte die wilde Wasserwand,

Ich schreibe auf den wellenblauen Bogen

Und fühle sanft erstarken meine müde Hand

Von Liebesversen, die mich immer süß betrogen.

Ich wache in der Nacht stürmisch auf hohen Meereswogen!

Vielleicht entglitt ich meines Engels liebevoller Hand.

Ich hab die Welt, – die Welt hat »mich« betrogen ....

Ich grub den Leichnam zu den Muscheln in den Sand.

Wir blicken all zu einem Himmel auf, mißgönnen uns das Land?

Warum hat Gott im Osten wetterleuchtend sich verzogen,

Vom Ebenbilde Seines Menschen übermannt.

Ich wache in der Nacht stürmisch auf hohen Meereswogen!

Und was mich je mit Seiner Schöpfung Ruhetag verband,

Ist bang ein spätes Geyerheer in diese Dunkelheit geflogen!

[Notiz:]

hier Elka Krakauer

Wieder etwas von Palästina

Ich wandele so für mich hin ... über den Jaffaroad über die King Georgestreet nach Rehavia. Komme an der schönen Jeschurun-Synagoge vorbei, überlege, ob ich den kleinen Erdhügel besteige, auf dem der fromme Juwel gerade schimmernd leuchtet? Oder ungekürzt das Ziel, das Haus der Keranoth und der Jewish Agency erreichen soll? In meinem ersten Buch: »Das Hebräerland«, verglich ich das wundervolle Gebäude des hebräischen Ministeriums mit einem Rabbuni, dessen Arme liebevoll die Pilger empfängt. Nach dem Vorbild des Halbmonds gebaut, glaubt man von Ferne, das herrliche Haus bewege sich ab und zunehmend, schäumend rotgelblich beleuchtet in der Abendstunde. – Im Vorraum des mächtigen Palastes, immer gleich artig jedeinen beschirmend, sitzt ein liebreicher jüdischer Mann-im-Monde. So ein schlichter bebarteter Wächter. Er weiss schon – zu der lieben nimmermüden Gewerett Kümmel will ich.

Ich komme mitten aus der Stadt Jerusalem. Ich liebe es, mitten in der Stadt jeder Stadt zu wohnen und – erst in Jerusalem! Gemütlich hinter den Hecken irgendwo, käme mir wie eine Flucht vor Begebenheiten vor. Ich möchte eben weder Erfrischendes, aber auch nicht Schmerzendes versäumen, nicht das Leid noch das plötzlich strahlende Lächeln eines beschenkten Kindes. Nicht den Anblick der entzückenden kleinen fleissigen Zeitungsverkäufer: »Haarez!« »Davar!« »Palestine Post!« »Tamzit Itonejnu!« Ich hab die niedlichen Adons, schon angehende grosse Kaufleute in mein Herz geschlossen. Und ich bin stolz, sitzt wenigstens einer von ihnen auf den Stufen unserer Flurtreppe, vertrauend auf mich wartend. Uns schmeckten doch einst auch Bonbons!!?

Dass ich nur keine Begebenheit versäume, nicht einen Laut, nicht einen Fuss oder Hufschritt! Ungesehen von mir, überschreitet kein Esel, noch weniger eine Kameelkarawane den Jaffaroad. Und ich beantworte oft die Frage: warum ich nicht in Rehavia wohne, oder in einem anderen Vorort Jerusalems, mit einer Ausrede – die nicht ganz unwahr. Man kann ja auch nicht den ganzen Tag nur grünes Dessert essen!

Lieb’ ich doch unsäglich die Bäume gerade, mir wahlverwandt wie der Bach. Es spiegeln sich doch so viele Menschen in meinem Angesicht.

Selbst Vögel leben mit mir im Gewoge der Stadt Jerusalems, und es stände ihnen frei, von ihrer laubigen Urgrossmama eingeladen, unter schattigen Zweigen in den Gärten Rehavias zu residieren. So viel Grün ist immer noch da!:

Und pflanzte man in die Erde mich –

Ein Johannisbrotbaum würde ich.

Und freute mich schon königlich,

Auf den Mai, auf den Mai!

Hier in Asien, wo weniger Immergrün, jagt der nach Palästina Verpflanzte ehrlicher und begehrlicher nach einem laubigen Ort. Ja was man nicht hat oder verloren hat! Hingegen die Bauern unter den Juden, die Fürsten Jeschuruns besuchen mit Vorliebe das Innere der Heiligen Stadt: erst am späten Abend heimzukehren, gottwohlgefällige Kinder Israels zu ihren Äckern und Hainen, mit deren Wurzeln sie alle verknotet. Diese Bauerngemeinden schlagen die rostige Erde, ein Testament, auf, und beleben die vergilbten Erdschichten. Wir, die wir das Emek besuchen, blättern nur in den Erdseiten. Ich erröte ...

Diese Gottgräber stossen auf Gott beim ersten Schaufelstoss jeder neuen Siedlung. Die starke wortlose Andacht erfreut Adonaj. Ist Gott etwa ein eitler Gott, ein eitler Vater, der Seine Kinder in die Welt setzte, Ihn nur mit Worten zu lobpreisen? Der Herr war Selbst ein göttlicher Bauer, der die erste Cypresse pflanzte und die Granate; Noah, dem Winzer, den Weinstock im Keim verpachtete. Vor allem säete Gott: DIE HECKE DER BARMHERZIGKEIT um die Ihm teure Stadt Jerusalem.

Es traben wieder Kameele über den Damm, edle Könige. Es drängt mich, ihnen Ehre zu erweisen, einige Augenblicke zu verweilen. Zwischen Hügel und Hügel der adeligen Wüstentiere, sitzt im gestreiften Atlaskleide der Beduine. Vor ihm geborgen sein junger Sohn. Wenn er gross sein wird, reichen sich Sarahs Kinder und Hagars Nachkommen die Hand geschwisterlich. Vielleicht aber schon morgen oder heute Abend unter den Himmeln. Denn viele Himmel schweben in der Dunkelheit hernieder auf Flügeln; Engel in flaumisch taubenblau und lilagefiedertem Kleid. Und gegenüber Gottostens ein zweiter Himmel: Eine weite Feuerschwinge breitet sich über die bräutliche Stadt des Herrn ... »Tröste uns Jerusalem und einer deiner Menschen den zweiten, der ihm andächtig begegnet auf den Wegen. Öffne deine Tore allen, die Einlass begehren!!«

ODER SOLL VIELLEICHT GOTT SELBST DIE TORE ÖFFNEN?!

Streichle das Tier, deinen Esel, der den Stein unermüdlich zum Bau trägt. Ihre Erstickungsschreie, da sie des öfteren überbürdet, verwunden mein Herz. Dem geringsten Tiere sei milde, – schmeckt dir doch sein Fleisch.

Dem Manne des Orients, Jude und Araber, bedeutet das Kameel, das ihn trägt, ein treusamer Freund. Vor allem aber nimm dich des hilflosen hungernden Kindes an. MIT JEDEM KINDE WAECHST GOTT NEU AUF DIE ERDE!

Die Urenkel Abrahams reichen sich die Hand, vielleicht gegenwärtig, da ich es ersehne mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit ganzer Kraft.

Schon begegnet man wieder Söhne Allahs, grossen malerischen Gestalten; auch stolzschreitenden Araberinnen im oberen Stadtteil auf dem Jaffaroad; ihre niedlichen Kindlein oder Körbe mit Obst gefüllt wie in Vorzeiten, auf dem Kopfe tragend. Und mit mancher verschleierten Haremsdame in schwarzer Robe und schlanken Stiefeletten betrachte ich die Schaufenster der Streets.

Die Einwohner Jerusalems schlafen viel und schon früh am Abend legen sie sich nieder. Verschlafen kleine Streitigkeiten gerne, aber auch grimmige Feindschaft und – erst – künstlich erzeugte. Mit Vorliebe steige ich hinab in die Araberstadt und betrachte auf den berauschenden bunten Strassen und Gassen die malikalten Häuser.

Dem nimmermüden herzlichen Rabbuni Doktor Kurt Wilhelm hier in Jerusalem verdanke ich meinen wirklichen Ausflug vor zwei Jahren unten zum arabischen Stadtteil. Ich zündete schon bei meinem Gang, drei Jahre vorher, im Gottum der Klagemauer, der Mauer der Barmherzigkeit, eine liebe Kerze an. Heute aber verdanke ich den Anblick der unteren himmelnahen Stadt dem geistlichen Doktor, dessen Predigten und Lehren frei von Schlacken und Aberglauben, ehrlich und durchläutert wie er selbst. Ihm ewig Dank, da ich schaute die noch demantschimmernde Davidstadt. Es ringeln sich klaftertief im innersten der Altstadt Haus in Haus. Häuser werden Geschwister auf der Erdtiefe. Wir betreten Lurjas Geburtshaus. Jeschuruns heiligsten frommglühendsten Rabbunis Elternhaus. Ich setze mich in die kleine Nische, darin der Heilige seinen ersten Schlaf geschlafen.

Wieder im oberen Stadtteil Jerusalems, erschüttert, auch vom Burgunder der Sonne berauscht, brach ich zusammen. Was ich selbst im Traume nicht hoffte zu erschauen, erfüllte sich in Wirklichkeit am Ende der Erde.

Der Himmel leuchtete purpur wie heute, man blickt in einen feiertäglichen Himmel, in das Herz des Ewigen – für jeden weit geöffnet – überall Gott und Seine Engel ... Es erzählt der Doktor im Freien die Wunder der Bibel – in der Zeit die blühende hohe Cypresse, die grünende Thora mit den Sternen spielt.

[Notizen:]

Vom Kinderdorf: Ben Schemen und seinen Gulivers:

Vom Kinderdorf Schemen

Dr. Siegfried Lehmann was ich über ihn schrieb

Hier die armen Kinder. Zeitungsverkäufer [**]

Das Arbeiterschiff, das uns empfing.

Die Ankunft in Tel-Aviv mitten im Ozean –

Gärten:

Schocken

Mühlengarten

Dr. Tichows Garten

Dr. Feigenbaums Garten

(Dschungeln)

Ollendorfs Garten

Heckergarten

Synagogen in den Gassen

Kathakomben (Bezallmstr.)

Dr. Wilhelm

Jeschurun Synagoge

Museen –

Dr. Kahane

Buchhandl. Salingré

etc.

Conservatorium

Arabische Altstadt

Bagdad Damaskus Cairo

2 Gedichte

Hass schachtelt ein

und Hieroglyphen Gedicht

[*] Schreibkladde im Nachlass Else Lasker-Schülers: The National Library of Israel (Arc. Ms. Var. 501 [Else Lasker-Schüler Archive], File 2:37), darin eingeklebt:

Am Schluss stehen Notizen für weitere Texte, die Else Lasker-Schüler für ihr zweites Palästinabuch Die Heilige Stadt schreiben wollte. Auf einzelnen Seiten notierte sie zudem die Aktnummern des Schauspiels IchundIch, das ebenfalls in das zweite Palästinabuch aufgenommen werden sollte.

[**] Im Nachlass Else Lasker-Schülers sind zwei Texte erhalten, in denen sie sich mit den »armen Kinder[n]« in Jerusalem beschäftigt:

»Adon und Gewereth.

Schon gestern Abend, am Vorabend des Schabbatts, sass ich im Herzen unter ihnen, im Interesse der ärmsten Kinder der Heiligen Stadt: Jerusalems.

Ich erinnerte mich eines kleinen Ostseebads, dessen Waisenhaus, mein unvergleichlich schöner Junge und ich öfters besuchten und vor Wehleid vergingen. Das ergreifendste Bild, das mein Junge je gezeichnet, entstand nach einem Besuch in dem schmerzlichsten Hause am Meer.

Gutsituirte Eltern, pflegen immer, ja meist immer, bettelnde Kinder scharf ins Gericht zu nehmen; wegen des kleinsten Übermuts oder einer stiebitzten Kirsche. ›Geben Sie ihm doch keinen Mill, er kauft sich Bonbons, Gewereth!‹ ›Tät ich auch!‹ antwort ich. Ich will mich durchaus nicht besser machen, manchmal werde ich auch ungeduldig, ungerecht, wenn ich im Kreis die netten Bengels verhandeln sehe, wer mich zuerst angehn soll? Im Grunde mag der angebettelte Passant stolz über das ›Vertrauen‹ sein! – Besitzt – der Abba auch – 10 Häuser u. Grundstücke. Und das Herz sollte ihm weh tun, fehlen ihm die Millim. Im Grunde sind die handelnden Kinder oder die Zeitungsausschreiende, gutgeartete Jungens. Das weiss man, wenn man sich sozusagen mit ihnen herumschlägt. Es geben wohl keine Kinder, verehrte Zuhörer, auch ihre nicht, die losgelassen, anders den Tag verbringen würden. ›Und doch müssen sie endlich von den Streets und alten Gassen herunter‹! meint die liebreiche Gewereth Freier die Betreuerin der Kinder Allianz. Schreiben, lesen und später Erdarbeiten lernen. Vor allem ernährt werden nach Möglichkeit. Wenn ich es schon begrüße, dass man ihr in Freiheit sich abspielendes Schicksal mit ein methodisches, beabsichtigt zu bessern, ja normal zu gestalten! in besten guten Händen die Jungens geben will.

Die armen Kinder können rührend anhänglich sein und wenn ich mir vorstelle, sie heimkommen mit ein paar Millim und sie ihre Wassersuppe essen und in ihr vielleicht die paar Blackoutnudeln, mache ich mir Vorwürfe! Gerade erst dann edelt die Wohltat, hat man nix! Ich hab nun noch eine Bitte, Adon, Gewereth, (Ich setze vorraus, dass sie überzeugt sind, ich zu Gunsten der Kleinen auf jedes Honorar verzichtete, falls Sie noch einen Piaster übrig, sie ihn spenden den Jungens. Dort wartet die blecherne – Räuberhöhle. Gewereth wird die Piaster wundervoll verwenden für ihre Schutzbefohlenen.«

The National Library of Israel (Arc. Ms. Var. 501 [Else Lasker-Schüler Archive], File 2:27). Vermerk: »Für mein II. Palästinabuch! / Vorrede!«

»1. 10 Häuser für die ärmsten Kinder Jerusalem – jüdische arabische – wo sie gespeist werden, wo sie zunächst 2 Stunden unterrichtet werden.

2. In den Häusern einen Raum mit kleinen Betten für die Allerärmsten. Badezimmer oder Baderäume.

3. Viele Bänke, einige auf jeder der Straßen.

4. Plätze für große und kleine Menschen; in der Mitte der Plätze eine kleine Waldschule etwa von 10–12 Bäumen, die zu einem Wäldchen werden.

Auf den Plätzen: Sand für die Kinder zum Spielen.

5. Die Kinder müssen gezählt werden in allen Vierteln und die Hausadressen notiert.

6. So lange noch ein Kind hungert, verzichtet Gott auf jede Synagoge. Ich glaube im Namen Gottes zu sprechen in aller Bescheidenheit.

7. Die kleinen Zeitungsausrufer müssen alle untersucht werden, ob sie ihre kleinen Lungen nicht gefährden?

8. Ich glaube – nur Barmherzigkeit ist im Stande die Heilige Stadt: Jerusalem zu befestigen.

9. Die armen Esel so oft überlastet rechne ich Jerusalems Einwohner zur Sünde an. Man spreche auch mit einflußreichen arabischen Priestern.

10. Mit Entsetzen erfüllt mich die Verkommenheit der armseligsten Elendvierteln. Manchen Bewohnern fehlt es an Wasser – rein zu halten ihre Stube. Sie können kein Wasser kaufen.«

The National Library of Israel (Arc. Ms. Var. 501 [Else Lasker-Schüler Archive], File 2:107). Vermerke: »für die neuen Bücher« und »für mein Buch«.