Karl Jürgen Skrodzki

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Karl Jürgen Skrodzki, Lohmar

Else Lasker-Schüler

Tagebuchzeilen aus Zürich [*]

»Daheime« ..... sagen die Schweizer auf den Bänken neben mir am Zürchersee und weisen auf die von der Mittagssonne beschienenen Berge; warten auf unsere dankbare Bestätigung wie schön ihr Heimatland! Möwen, schwebender Neuschnee, der nicht schmilzt, wirbelt in Ungeduld über das kleine besonnene Meer. Die heimgekehrte Schaar der wundervollen weissen Vögel, erblicken uns Menschen und schreien wie Kinder nach Brot. Sie haben immer mächtigen Hunger. Und wie! Morgends rauben sie meinen lieben Spatzen ihr Frühstück im Nu!

Die kleinen Spatzen sind eigentlich meine einzige Freude seit sechs Jahren; stören sie mich auch oft im Schlummer – so, dass ich ihn nicht ganz auskosten kann. Und ich beschloss, die niedlichen Tierchen zu erziehen, ihnen Geduld beizubringen, auf das Frühstück zu warten artig, bis ich es mir selbst serviere; die Weckeli verspeise, dessen inneres Weizenfleisch ich den kecken Spätzlein gastlich überlasse. Oft zwar begrüsse ich ihr allzu zeitliches Erscheinen; je früher ich mich entschliesse aufzustehen, desto eher überwinde ich die Hemmung: nicht aufzustehen und aufgestanden muss werden! Das Ankleiden in dem mollig warmen Gasthaus, altbewährten Hotel, der Seehof sollte von rechtswegen jedem Gast eine Freude bereiten; aber was zu viel ist, ist zu viel! So oft wie Sand am Meer, und auf dem Grund des Meeres sich Sand angesammelt, habe ich mich im Leben schon angekleidet. Und kein Wunder es entwickelte sich in allen meinen Gliedmassen und Poren, eine Abneigung vorm Ankleiden, die die Medizin mit Idiosynkrasi bezeichnet und deren Ursache sich der Candi und die Candidatin des öfteren zur Examenarbeit wählten. Kaum hingeschmiert, schon prämiert.

Verordnet wurde mir jüngst, beim Ankleiden zu pfeifen oder zu singen, ja zu schalmeien oder je nach Laune gefälligst einen Schüttelreim zu reimen; von solcher Intensivität, dass mir die Sandkörner nur so aus den Augenwinkeln herumfliegen.

Pfeifen kann ich noch, jedoch im Morgengrauen,

Weckte ich in Seehofs Nebenraume, aus dem Traume,

Ehemänner und die Ehefrauen.

Und zum Singen hab’ ich keine Lust.

Ich steige schließlich ohne Lerche in der Brust,

Aus meines Bettes Heim,

Wie mir der Doktor riet mit einem Reim.

(Vorsicht!: Nicht ausrutschen:)

In Bautsch und Bogen ungelogen,

Muss ich aus meinem Cautsch herautsch,

Es kommt ein Spatz wohl angeflogen,

Doch nie ein Frühstück an mein Cautsch.

So leb ich seit ich rautschgeflogen

Vor fünf ein viertel Jahr o Grautsch!

Schautsch auf den Zürchersee, auf seine Wogen, .....

Fürwahr so schlecht war nicht der Tautsch.

(Pianissimo) Fürwahr so schlecht war nicht der Tautsch.

Die erste Stimme dieses componierten Reims zu singen, getraut sich meine verwitterte Stimme nicht mehr zu trillieren und zur zweiten fehlt ihr die musikalische Demut. Wenn wenigstens die noch zu haben wäre ....

Ich lernte Suppe blasen, virtuos den Gong,

Playd, Kissen und ich selber fliegen aufgescheucht auf zum Plafond.

Ich bin bereit mich anzukleiden; ach es hilft mir kein Pardon

Und schreite gravitätisch ans Bassin; der Wasserhahn ist auch entgültig aufgewacht:

Er weiss wie ich, dass grosse Freude macht,

Erwacht – noch einmal einzuschläfern,

Zu träumen allerlei auf Morgentraumes Streu,

Verborgen mit den kleinen Käfern.

Mein Wasserhahn und ich, wir beide,

Tun den lieben Tierchen nichts zu leide.

In unserem Romanischen Cafehauses weiland verlorenem Heimateiland, Urenkeltochtertochter, »zürcher Selektbar«, sind wir verscheuchten Dichter, Maler, Musiker und Bildhauer, vis a vis der Limmat, zwischen nicht verscheuchten Dichtern, schweizer Malern und Bildhauern zu finden. Einlullende Radiomusik wiegt unsere Emigration leise ein. Und warten, warten auch hier auf das Wunder! Das Romanische Café im balkonbesetzten Gebäude, am Ende des Tauentzien, gehörte uns Künstlern und dem Bürger Berlins, der sich heimisch zwischen uns abenteuerlichen hell und dunkeläugigen Menschen fühlte. »Wann nur das Harz auf den rachtigen Platz.« Sagt der Schweizer in seinem steinigen Dialekt.

Durch die Scheiben der Romanischen Terasse,

Blickt mancher Blick noch über seine Cafétasse,

Manch eines Cafehaus Besuchers Augen nach uns aus.

Bäche fliessen aus meinen Augen, überkommt mich die Sehnsucht, nach euch, meine unvergesslichen Indianerfreunde und Indianerfreundinnen und unserm romanischen Kraal:

Ich glaube wir sind alle für einand’ gestorben –

Und auch gestorben unser Café in Berlin.

Arm zog ich aus, ich habe nichts erworben.

Doch Thränen liess ich in Berlin.

Im Wuppertal, Schnee deckte damals Rosenstrauch und spätes Grün;

Von schönster Mutter wurde ich geboren,

Zur Welt gebracht, es glitzerte die Februarnacht ....

Es standen Feen vor den Gartentoren.

Gebt acht: 12 schlug es von des Turmes Wacht!

Ich hab mein Märchenland – es war einmal – verloren,

Verloren ......

Doch seelig nur – der edle Jude hat es schlichter schon gesagt,

Die bettelarm zu Gott durch diese Welt gejagt.

Ach die Liebe ist gestorben – manch Heiligen führt der Engel »lebend« heute in das Paradies von dieser Welt.

Wo keine Liebe glüht,

Verblüht das Leben ungeküsst

Im Juden und im Christ, im Heiden und Buddhist.

Das ewige Leben dem,

Der viel von Liebe weiss zu sagen.

Ein Mensch »der Liebe« kann nur auferstehen.

Hass schachtelt ein wie hoch die Fackel auch mag schlagen.

– Wir sollten uns zerstreun –

Doch jede Arbeit Emigranten nicht erlaubt,

Bei Ausweisstrafe nicht erlaubt!

Doch kommt der Paragraph uns objektiv zu statten.

Es lebe der verständnissvolle Paragraph!

Was will man Besseres überhaupt?

Wir Dichter ruhn ja gerne ungestört auf Wiesenmatten,

Was will man Besseres überhaupt?

– Man wär ein Schaaf!

Ausserdem:

Und wenn uns hungert stehen im Selekt,

Auf allen Tischen Spätzeli für uns gedeckt.

Uns Künstlern ebenso den hiesigen bedeutet das Café Selekt eine gemütliche gemütvolle Wohnstube:

Ums essen ists uns gar nicht so zu tun.

Wir möchten alle nur, zwar mit Musikbegleitung, ruhn.

Mehr wirklich nicht!

Ueberdies:

Verfettet Essen weit und breit,

Kostspielig seine Angelegenheit,

Noch in unserer Situation.

Und reichlich kosten andere Dinge schon.

Es leidet hier der Emigrant ja gerade keine Not.

Zum Mittagsbrode aber eingeladen – lieber mausetot!

Ich habe selbst in besseren Tagen die Mittagsbrode refusiert.

»Ma Chère, ich bin nicht manicurt und pedicurt;

Ich weder meine liebe Muse.

Ich danke Ihnen also, gnädige Frau, mit bestem Grusse«.

Lässt sich auch in der Regel die berliner Hausfrau nicht lumpen; sich angelegen sein die Schweizerin ihre Emigranten liebevoll zu bewirten. Hüte man sich, ob eingeladen oder nicht, den Magen zu überladen. Es richte sich der Ofen der Organe nach dem Ofen deines Wohngemachs:

Wenn Leidenschaft den Menschen heizt,

Mit Kohlendiamant nicht geizt,

Jeweniger giebt der Mensch für Heizung-Speisung aus.

Du speist doch auch mit Kohlen, ist der Winter aus,

Den Kachelofen nicht in deinem Haus.

Und fütterst allweil nicht der CENTRALheizung Röhren,

Im Juli und August in deiner tapezierten Sphärengruft

Mit Wassersüppchen oder: heisser Trockenluft.

Nach sechsjährigem Nichtstun im schönen bereiten Zürich kommt uns Verscheuchten Menschen:

In aller Sprachen Dialekt

Willkommen: Cafébar SELEKT.

Es spielen Schach an einigen Tischen,

Und sitzen, sitzen in den Nischen,

Und sitzen, sitzen, sitzen unentwegt.

Wenn erst das Schinkenbrot zerlegt beim Sitzen,

Dann sitzen, sitzen, sitzen, sitzen sie erstrecht!

Es stört sie nicht das Radio, der Ruf im Telephon.

Es sitzt der Vater gegenüber seinem Sohn,

Bei gutem und bei schlechtem Wetter:

Der fette Vetter seinem fetteren Vetter.

Und das beginnt beim achten Glockenton.

Kühl weht der Wind durch Ritzen aller Türen,

Sie sitzen meistenteils zu vieren

Vom Schachzug abgehärtet schon.

Und sitzen stumm –

Schachkönigin im Delirium!

Wer ich die Königin, ich lief davon.

Ich liess sie sitzen, sitzen vor den Brettern

Mit ihren holzgeschnittnen Göttern

Und eilte auf des Hauptbahnhofs Perron.

Und liess sie weiter sitzen, sitzen sitzen bon!!!!!

Und sitzen meinetwegen noch die ganze Nacht.

Es schweigt ihr Mund symphonisch und in Lettern.

Ich bin schon zwomal eingeschlafen und erwacht.

Lieber Leser, da ich mich für das edle Spiel der edlen Spiele nicht begeistern kann, verurteile er mich gütigst nicht? Mir liegt enorm daran!

Hingegen, lieber Leser, für den Scat,

Heg ich Interesse dann und wann.

Vier Selektaner spielen gerad.

So schade, dass ich dieses Spiel nicht spielen kann!

Es fehlt so oft der vierte Mann.

An die Mittwochabende erinnert mich der Scat in unserem Elternhause, an meinen weltenlustigen Papa und seine Freunde:

Das war ein Amüsemang!!!

Wir Kinder durften zuschaun, lang ists her so ellenlang –

Kam erst das Scatspiel recht im Gang,

Und schimpften sich die Freunde mit Elan,

Wir Kinder, unsern Dumrian von Papan

Verspotteten im Chor:

Den Trumpf in Händen und er doch verlor,

Und trotz der besten Karte nicht gewann,

Im weissen Haar und hinterm Ohr

Den Kohinor.

Zur Strafe durften wir ungezogen Kinder am nächsten Tage nicht in die Schule gehn.

Doch Schachspiel hat mich nie gereizt zu lernen.

Wenn meine Brüder Freunde unter heißen Schwüren

Hinter stummen Türen

Mit meinen schönen Schwestern spielten Schach,

Und die Sculpturen auf Parquetes Brette,

Sangen eine Liebesouvertüre nette,

Manchmal tanzten Menuett; ....

Und die Spieler summten schwärmerisch dazu –

Auch sie sassen, sassen sassen sassen immerzu

Und sie liebten sich doch über allemassen.

Interessanter noch den Männern zuzuschauen,

Die mit lebenden Figuren spielen Schach.

Auf des Suez Bette,

Auf Europas Brette,

Unter Bombenkrach!

Bis kein Mensch mehr unter Dach.

Und es gehört doch allen Völkern gemeinsam das Erdreich; genau wie uns Menschen allen im bunten Farbenspiel der Häute, das grosszügige Himmelreich einmal gehören wird in seiner ewigen Weite. Unsere Gottheimat, zu der wir schliesslich heimkehren werden. Man sollte nicht so viel Lärm schlagen auf Erden, nicht streiten um den Besitz der Lande der Nebenvölker! Schiessen, versengen und sprengen und Völker verdrängen. Völker plazieren – dünkt mich edler. Bedenke, lieber Leser, wenn so ein Granatsplitter kleinster, unseren Herrgott in die blaue Schläfe träfe? In Ihr gehen auf, der Mond und die Sterne, lieber Leser; und – wenn es am Abend und in der Nacht

Ganz dunkel –

Die Welt auf einmal umgebracht?

Wir Seelen nach des Leibes Tode emigrieren müssten unerlöst

Verwaist in gottverlassener Seeligkeit?

O Gott erbarm’ dich dieser Zeit!

Es ruhen Hand in Hand,

Himmelland und Himmelland,

Ob Sonne scheint, ob Stürme wehen –

O Gott, wie kann der Mensch verstehen,

Da nicht die Engel streiten um des Himmels Angesicht,

Warum allhier die Menschen friedlich nicht.

Unentwegter Müssiggang mit Traurigkeit vermischt, ergiebt Geduld. Bringt Gedanken hervor, die man nicht ahnte. Gedanken noch im Keim, ganz nackte kindliche Gedanken, oft mit kleinen Engelflügeln. Warum begegnet man ihnen überlegend? Gerne spiel ich ab und zu auf der Bühne meines Herzens zwischen schimmernden Gedanken und Coulissen mir auf Leib und Seele geschriebene Märchenrollen. Am sehnlichsten: Den Kleinen Däumling – – einmal nur in eines, wenn auch Menschenfressers wenn auch gefährlicher, doch ab und zu unbeschränkter Hand zu liegen.

Aber dir zur Liebe, lieber Leser, begnüge ich mich bei der Arbeit Thema zu schütteln:

Reime aus der Aermel Nähte,

Zu zaubern aus der Luft beredte

Verse, sogar aus der Ferse,

Sehr betreten und verdrehte.

Und lese statt der Prosa aus der Presse

Wer alles sich vermählte bei der Bässe.

Und welches Ehepaar von Berg und Tal,

Hinüber eilte illegal.

Lieber Leser, du hältst mich anzunehmen für oberflächlich? Aber die Liebe – auf die kommt es im Leben an!:

– So ganz im Lichterglanz zu stehn ......

Bei Frau und Mann,

Bei einer Jungfrau dann und wann

Lehnt sich ihr Herz an »seines« an.

Jeden Abend bange ich mit allen Liebespaaren der Städte, eines ihrer Herzen Kerzen gehe aus:

Er liebte sie im braunem Tone schon,

Und nun mit schwefelhölzergelben Haaren,

Sie standen liebesfertig vor dem Standesamt,

Er lackbeschuht, sie ganz in Sammt.

Rat nur lieber Leser, was geschehn:

Es kamen durch die Standestür,

Man erzählte mir,

Zwei Onkel aus der Kaftanzeit

Wie Damen trippelnde im Seidenkleid:

Aeppel Kahn und Lexi Cohn

Baldurs Grossmamas Brüder!

Zu gratulieren ihrer Schwester Sohn.

Der arme arme Bräutigam

Der so um seine Göttin kam –

Er hatte sie so lieb!

Im nu war alles aufgedeckt

Gefälscht Papiere im Affekt

Er floh nach Zürich wie ein Dieb.

Was liegt an einem klassischen Gedicht das nicht beseeligt, und die Liebenden, die man durch das ganze Buch begleitete, sich nicht – bekommen? Was soll ein sich zeitlassender Vers, der nicht auf Schienen läuft, auf Jamben und Trochäe und an einem Reim, der sich nicht dreht um eine Ehe?

Der wahre Reim,

Er ist ein Kreisel,

Will sich immer drehn!

Ein Perpetopemobile.

Der Mickimausfilm in der Näh läuft auf des Kreisels Summen. Immer um sich und

So herum herum und herum

Bis die Mäuse geknickt und krumm

Zwischen Möbeln und Gestellen,

Bluten fürchterlich aus allen Cellen.

In dem grossen Hause der Selektbar spielt der charmanten Ann Indemauers und ihres netten Compagnons: Will Bössigers internationales berühmtes Cinematheater: NORD-SÜD. Dreimal täglich zum Entzücken des Kinoniters.

Für mich ja nur ein Katzensprung

Vom Hotel Seehof über Gassen,

Freudloses hat man ja genung!

Heut spielt die Micky Mickymaus!

In allen Rassen.

Man giebt viel Unnotwendigeres aus,

Und wenn auch nicht –

Ich bleibe nicht zu Haus!!

Was hat man von der Willenskraft?

Sie bringt mich keineswegs in Schwung.

Ich geh ins Cinema, da es mir Freude schafft,

Noch bei der kleinen Ausgebung.

Einen Franken nur und 10 Ctm: die ersten fünf Reihen. Weiter hinten kommt gar nicht für mich in Betracht. Kino sozusagen mein täglicher Kuchen und der Eckplatz dritte Reihe mein ständiger Korinthenplatz:

Ich stürze mich mit einem Satz,

Vorn in die dritte Reihe

Und nehme an der Ecke Platz.

Nicht nur aus pekuniären Grund,

Ich sitze dort so gerne.

Ich guckte mir die Augen wund

Aus all zu grosser Ferne.

Man sitzt im Cinema NORD-SÜD

Wo man placiert sich überall lieb

Und schaut die Filme unverbaut,

Von einem Hute Zuckerdüte,

Himmelhochjauchzenden einer Braut.

Und ohne, dass ein Nebenan,

Sich Reste holt aus seinem Backenzahn.

Das geht durch Nerven mir und Sehnen!!

Tanzt Fred, spielt Clark in Liebesscenen.

Ich bin in Nord-Süd verliebt! Bewundere schon am Morgen Ann Indemauers selbstentworfenes Plakat. Und unter Glas die Künstlerexemplare. Die Stars:

Bad Davis and the Catherin,

May West die Löwenbändigerin

And Laughton – and – you and you.

Auch die französischen Artisten;

Sie singen wild die Marseillaise!

Und du mein deutscher Kinofreund

Als ob – nichts ist und nichts gewäs!

Am liebsten, lieber Leser, begebe ich mich solo ins Cinema.

Das Gros der Cinemabesucher ist mir zu gescheidt:

Ein jeder Cowboy bringt sie in Verlegenheit.

Viel lieber ist mir, du bist primiteiv,

Vom Chaise die Piece zu bewerten,

Denn die von Bücherweisheit übernährten,

Sind für das Cinema nicht reif.

Mein herzliebster Junge und ich, zwei eingeborene Kinoniter, fühlten uns im Kinolande zu Hause. Abends auf dem Heimweg betonte mein Junge, in der ganzen Welt würde ich keinen fleissigeren Zeichner finden – wie er, excistierten die blauen Mädchenaugen, noch die dunkelblauen in den farbigen Filmen nicht. Aber auch vor den Plakaten der Liebesfilme blieben wir beide gemeinsam nach blauen Sternen suchend, täglich in allen Städten stehn. Dass der Künstler doch immer von einer Süssigkeit verführt, in Gefahr, seiner Muse untreu zu werden. – – – – – – Liebst du die Kritik in den Zeitungen und Journalen, lieber Leser? So sans Facon über deine und des theaterliebenden Publikums Schulter hinweg? Benötigt der Theaterbesucher überhaupt der Kritik? Als ob er ein Cretin wär? Einen Vormund gebrauche, ihm nachzuplappern, mit ihm zu erwägen, ob es sich lohnt oder nicht, dieses oder jenes Schauspiel im Filmtheater, im Schauspielhaus auf dem Pfauen dieses oder jenes Schauspiel, Lustspiel oder Drama im Schauspielhaus, Oper oder Operette im Stadttheater zu besuchen?

Auch den Clown im Variétée,

Die Frauen Jahrgang achtzig mit dem Coeu,

Der Tänzer und die Tänzerin,

Den Wunderwauwau Rintintin

Zu kritisieren geradezu Unsinn!

Und den Darbietungen – des Schauspielers selbst, genügt ihm nicht das Lob seines Direktors oder das Lob seines Regisseurs:

Falls Welterli extra fair,

Und er: Herr Lindtberg,

Beide ohne viel Geplärr ihn loben?

Von allem abgesehen, dem geistigen und körperlichen Zustand und der Moral, nützt oder befördert die öffentliche Kritik der Presse der Charakter der Schauspielenden??

»Antwort!!!«

Allmorgentlich im Traume schon zu zittern,

Zu wittern das Gewittern des Besprechers?

Die schwarze oder weisse Feder im Gewand des – Rächers?

Was sind das noch für Theaterzustände im Jahre 1939!

Und selbst das Lob des Kritikers, der Kritik Lob,

Schmeckt es dem Künstler gut zum Thee beim Abendbrot?

»Antwort!!!«

Schlägt man so ohne Sang und Klang, en passant,

Den einen Mimen mit dem anderen tot?

Giebt es ausserdem eine minderwertigere Unterschätzung am Urteil seines Theaterpublikums?

Bin ich Direktor oder die Direktorin,

Am Kasperletheater – Intendantin,

Ich tät im Spielraum Frau und Mann

Dem Kinde selbst nicht solche Unterschätzung an.

Und auch ins Cinema entsende nicht das Feuilleton,

Hin fürder seinen Kritiker mit Ehgesponn.

Als Emigrantin steht es mir nicht zu, mich in die Thesen – Pardon! der Theater zu mischen:

Ist man jedoch im Trance,

So voll und ganz –

Beim Dichten mit nichten.

Dann schreibt man manches, das man nicht,

Erwacht, dem Leser sagt ins Angesicht.

Das hat der Dichter selbst dem reichsten Mann voraus,

Ein ungefälschtes Tintenfass stets überüberschäumend

Auf dem Tisch zu Haus.

Die angesehendsten Kritiker freuen sich – heimlich, ohne sich eine Blöße zu geben, Filmschauspieler zu kritisieren, ich meine – Gelegenheit zu haben das Cinema – zu besuchen. Abenteuerlich in den Dschungeln, Picknick im Dunkeln .....

Ich denk an Kerr – schlag nach im Lexicon,

Dem während Chaplin in den Missisippi fiel,

Von Gattin zugesteckt ein Eisbonbon

Natürlich gänzlich sonambül.

Oder, lieber Leser, mundet dir folgender Reim besser?

Mir tut das Herz noch weh –

Denk ich an Kerr, der ganz in meiner Nähe sass,

Dem, während Geyerschaaren Tarzan frass,

Von Gattin zugesteckt ein – Prallinee –

Schluß!!

Ich mache Feierabend mit dem graugewordenen Mond .....

Labend zieht das Cinema NORD-SÜD,

Eine weiche Trapperie

Ueber diese Welt und über ma Melancholie.

Ich sitze wieder in meinem Kinderzimmer, es hat nicht gealtert und freu’ mich an der Zuckermyckimaus. Dass so viele Menschen ihre »Kinderstube« wohlerzogene mit ihrem himmelhochjauchzenden Kinderzimmer eintauschten! Ich freu mich meines Horoskops, unter einem glitzernden goldenen Papierstern geboren zu sein:

Wo sollten auch meine Spielsachen alle bleiben? Wo im Schrank sie unterstellen? Ich besitze alle meine Spielsachen von früher noch, auch mein blaues Puppenklavier:

Ich habe zu Hause ein blaues Klavier,

Und kenne doch keine Note.

Es steht im Dunkel der Kellertür,

Seitdem die Welt verrohte.

Es spielten Sternenhände vier,

Das Mondkind sang im Boote,

Nun tanzen die Ratten in seinem Geklirr.

Zerbrochen ist die Klaviatür.

Ich beweine die blaue Tote.

Ach liebe Engel öffnet mir,

Ich ass vom bitteren Brote,

Schon lebend mir die Himmelstür,

Auch wider dem Verbote.

Lieber Leser, kannst du mir sagen, warum man immer nur für Kinder Spielsachen kauft? Warum das Kind für seine Mutter nicht für seinen Vater nicht, für seine grossen Geschwister nicht? Meinem spiellustigen ausgelassenen Papa brachte ich einmal einen grossen Brummkreisel vom Jahrmarkt mit nach Haus. Meiner von mir angebeteten Mama schenkte ich:

Vom gesparten Sonntagsgelde,

Eine Puppe ganz aus Wachs.

Blondgelockt in weisser Seide ....

In späteren Jahren einmal in der Abendstunde, da sie mir von ihrer frühsten Jugend Ernst erzählte, erfuhr ich den Grund warum sie damals so erblich und weinte; und Puppen sie an tote Kinder, früh gestorbene erinnern, namentlich die zarten blondgelockten an die am Puppenheerde einst verbrannte kleine Freundin: Marion. Ach es bangte ewiglich in ihren schönen fernen Augen, auch um mein kleines Leben ..... o Gott amen.

Ich schweife stets vom eigentlichen Thema ab. Sagtest du eben nicht so, lieber Leser? Aber ich kehre doch immer wieder pünktlich heim; zum eigentlichen Thema zurück? Ich klettere ja so gern um seine Fassaden. Ein Thema wächst sich wie ein Körper aus, wird zum Haus. Doch selten zum Palast. Und der ihn dichtete, aufrichtete, bleibt sein Ehrengast. Die mündlichen wie die schriftlichen Themen haben einen Anfang und ein Ende, werden geboren und müssen sterben, entstehen um wieder einzufallen. Überleben sie des öfteren auch seinen Schöpfer oder seine Schöpferin. Grausam, bricht der Dichter mutwillig vom begonnenen Thema ab, das ihm sein Genius geschenkt, zu erleben und leben zu lassen. Brach Gott unser Weltendichter nach – halberschaffenen Schöpfungswerke, uns im Stiche lassend, von dem Thema Seiner Ewigkeitsgeschichte unsterbliche ab? Und du Dichter und Dichterin, wagst fahrlässig deine begonnene Dichtung zu unterbrechen? Auch nur vorübergehend am Mittag des Alltags auf die Ermahnung der Hausfrau hin: »Karl die Bouillon wird kalt –«

Karl die Bouillon wird kalt!

Karl, Karl schalt es aus der Stube.

Und es kommt gerannt sein jüngster Bube:

»Mutti lässt dir sagen die Bouillon wird kalt.«

Karl, Karl, Karl schalt es durch sein Haus am Wald,

Durch die Lüfte schalt es Karl, Karl und es widerhalt:

Karl, Karl die Bouillon wird kalt!

Manchem Karl geschieht gleich dem Huhn, dem man ohne Federlesens den Hals umdreht.

Diese Tagebuchseiten, lieber Leser, wurden mir nicht leicht zu schreiben, aber ich werde sie beenden, gespannt – was noch kommt. Ich warne den Dichter gedankenlos vor dem Ende seiner Dichtung abzubrechen, weiss er doch am wenigstens, je lebendiger und selbständiger seine Geschöpfe, wie das Thema sich entwickelt – – – – ob – sie sich – kriegen oder nicht??

Auferstehen zu lassen seine Gestalten, fast jedes schöpferischen Menschens Wunsch. Der endliche Grund, warum man sich – gedruckt lesen möchte, seinen Roman, sein Gedicht, sein Schauspiel auf der Bühne aufgeführt erleben möchte. Nebenbei eine – nette – Ausrede.

In der Zeit ich diese Tagebuchzeilen niederschreibe, wandele ich in der Phantasie durch Zürichs unvergleichliche Boulevard durch seine einzig schöne Bahnhofstrasse. Biege in eines seiner lieben Gässchen ein vor mich hin pfeifend, bis ich den See erreicht, die Tramstation: Belle-Vue. Von dort in circa drei Minuten meine altbewährte Klause. Bitte lieber Leser, eine kleine Pause.

Ich sah mich doch am Fenster dichtend sitzen – – – – – – –

Ich sah – sehr angegriffen aus.

Mein zweites ich hockt viel zu viel zu Haus.

Und träumt vom bleichem Mond und Sternen.

Ich selber bin ein Wirbelwind!

Der nie und nirgends Ruhe find

Vielleicht – bei Gott dem Herrn?

Bei Ihm werd ich es lernen.

Ich fege windschnell lieber den Staub der Strassen auf, als bei der zurückgegangenen Nachfrage nach Literatur Bücher zu schreiben.

Wie man sich irren kann – ich dachte nie und nie

Daß außer mir

Auch Sie und Sie und alle die ....

Keine Bücher lesen.

Ist auch so eine ungelesene Zeit wie diese noch nie da gewesen!

Wehmütig bemerke ich noch heute nach zweijährigem Erscheinen meiner neusten Produktion, mein Hebräerland, immer noch (bitte unter uns, lieber Leser) dasselbe erste Exemplar in der Auslage des Bücherladens meines Verlegers ausgestellt. Die von mir erschaffenden Menschen auf dem Einband möchten endlich zu Bette gehn! Meine Fensterpromenaden vor dem Schaufenster der mir wahlverwandt gewordenen Buchhandlung Dr. Oprecht und Helbling habe ich eingestellt:

Kochbücher gehen noch, haben Absatz auf den Märkten,:

Wär eine Zwiebel mein Hebräerland,

So ging mein Buch wie heisse Semmel von der Hand.

So aber ist mein Buch ein Buch.

Das sagt für den Bedarf genug.

Und kann es doch nicht lassen, die Auslagen der Schaufenster meines lieben Verlags Buchladen auf seine Buchauslage hin zu prüfen:

Es rührt mich jedesmal zu Thränen,

Nebenbei zu erwähnen,

Komm ich vorbei

Energisch eine Frauenhand,

Frau Doktor Oprechts rührige Hand,

Mit grosser Grazie und Verstand,

Gerad ausstellt mein Hebräerland.

Bei aller Bescheidenheit mein Buch der Bücher ...... semicolon!

Der wahre Dichter lieber Leser, pflegt sich zu spalten. Schon – Alt und Neumeister Goethe, Faust erster und Faust zweiter Teil, spalteten sich beim Dichten, im Zustand der Inspiration. Der Dichter im Urmensch zweiteiligen Zustand versetzt, in der Zeit er seine Schwärmerei den vielen weissen Bogen seines Blocks anvertraut. Du blickst mich beängstigend an, lieber Leser, aber Adam und Eva waren ein Mensch in der Urstunde auf der heiligen Urkunde verzeichnet. Ihr Gemüt erlebte alle Dinge und Undinge verdoppelt schon und erst nach dem Sündenfall schritten sie getrennt, von einander abgelöst jeder für sich aber hintereinand sagt der Schweizer angeschmiegt aus dem Garten Eden. (Und bitte keine Discussion darüber – denn, die das Paradies auf Erden schon erlebten, leben alle nicht mehr.) Aber lass Dir gesagt sein, lieber Leser, des Dichters Dichtung entspringt seinem tiefinnerlichsten uralten ewigen Gemüt der Doppelliebe seiner Seele, als sie noch nicht incarniert auf Erden und in den Wolken der Erinnerung lebte. Der wahre Dichter den der Mitbürger so gern einen Idealisten gutmütig zu nennen beliebt, da seine Doppelerscheinung in Verlegenheit setzt, beängstigt und – zugleicherzeit amusiert, Er ist der wahre Erbe des ersten Menschen noch, bevor ihn die Erkenntniss in zwei Teile schnitt in zwei Herzhälften: Eine Seele und zwei Gedanken ein Herz und ein Schlag. Rüge mich nur, lieber Leser, da ich – entstellt citierte: Es heisst nämlich ursprünglich in Fibeln für Backfische:

Zwei Seelen und kein Gedanke,

Zwei Herzen und ein Taubenschlag.

Jedenfalls entspringt des Dichters Dichtung seines tiefinnerlichsten Gemüts seines Gemüts Heimat in der er sein Fühlen reifen lässt das fertige Thema abzupflücken süss oder herbe im Mark. Manchmal fällt die fertige Melone ihm in den Schoos. Wie mir mal. – Ihn selbst beglückend oder den zweiten der seine Dichtung geniesst. Das Herz Kunstverständiger schmeckt die Kunst der Dichtung. Und sie wird ihm geradezu ein himmlisches Gericht.

Der grosse Prophetendichter St Peter Hille sagt in seinen Büchern:

»Anstatt ein Meister fällt vom Himmel

Ein Himmel fällt vom Meister.«

Das Gemüt ist das eigenste eigentliche Heimatland des Dichters. Er erträgt darum am standhaftesten und leidet auch am Furchtbarsten unter der Emigration da er zwar nicht Fuss fassen braucht auf eigenen Boden erst aber fremde Hecken sein Herz umgeben.

In der Erinnerung an zu Hause liege ich beim Niederschreiben dieser Tagebuchzeilen elfjährig wieder ausgestreckt auf einer der vielen Wiesenschaumkrautwiesen ausgestreckt zwischen süssem Lila. Es kamen die Schulferien wir reisten ans Meer. Und es erfassten mich bei Händen und Füssen die spiellustigen Wellen des Ozeans. Die Meereserinnerung meldet sich freilich nur beim Dichten mit einem »schäumenden« Bleistift. Doch lieber Leser, den sahst du auch schon entfallen meiner Hand, überkam mich die Sehnsucht mit meinen Augen durch das kleine Guckloch meines glitzernden Osterherzens zu – schauen. Statt eines lieblichen friedlichen Bildes ich eine Verwüstung erblickte. Alle die guten Feen waren umgefallen, lieber Leser, und der schimmernde papierene Rosenstrauch geknickt ......

Wie sollt ich ihn wieder aufrichten? wenn – die Liebe nicht.

Genau wie ich in der Gewohnheit auf meinem Wege an einem netten Schaufenster stehen zu bleiben, um manchmal zu hangen an allerlei liebliche Dinge der Auslagen und doch von des Weges Thema nicht abschweife, ans Ziel gelange, ähnlich verhält sich das mit des Dichters oder der Dichterin Strassen der Gedanken. Es stehen unerwartete Kostbarkeiten wartend im Gehirn des Dichtermenschen, die ihm beim Dichten plötzlich fascinieren. Ueberdies, lieber Leser,

Trainierte Gedanken laufen auf Löwenpranken.

Doch zuweilen lasse ich Dichten dichten sein, und schöpfe Luft im Park auf der Filmseide eines Films ein paar Stunden säumerisch. In der Zeit an Sommertagen man Gelegenheit den Fischen in Natura im Zürchersee beim Schwimmen zuzusehen, und die Vögel beim Fliegen zu beobachten, mache ich mich wie die Leute sagen, sündhaft davon, all die Wunder der Natur nur photographiert zu genießen. Selbst das Blumensprießen! Aber Fische und Vögel – ohne musikalische Zutat, geht nicht mehr!

Und einmal sah ich doch die Stadt in der ich einst geboren:

Elberfeld an der Wupper.

Und unser Haus am Fuss des Walds.

Von seinem Turm erblickte ich verloren

Den Silberrhein bis in die Pfalz.

Nach meiner Heirat verliebte ich mich in Berlin:

Unter seinen Linden sass ich stundenlang.

Selbst Möbelwagenräder fuhren auf dem Asphalt wie Gesang.

Wo bist du Friedrichstrasse von Berlin?

Und du mein unvergessner Tauentzien?

Die Scheidung meiner Ehe mir begreiflicher, als meine Ausbürgerung gewaltsame Scheidung.

Und ohne Allemente,

Kleinste Rente,

Trennte sich von mir, Ungetüm,

Berlin!

Und all die Freunde und Bekännte.

Von der Liebe abgesehen ist Berlin für die Entwickelung der Künste von erstklassiger Wichtigkeit. Ob noch heute nach sieben Jahre meiner Abwesenheit? Das wissen dort – im wahren Sinne Wortes – die Götter. In Berlin wusste man stets wieviel Kunst es geschlagen. In der Liebe bin ich immer zu spät gekommen, in der Kunst – nie! Dir vertraulich, lieber Leser:

O wie mir die Scheidung nahe ging,

Von Berlin – viel näher wie ich wusste.

Denn ich liebte schon Berlin,

Unter Wilhelm und Auguste,

Rex und seiner Kaiserin.

O wie mir das nahe ging,

Ich verlor mein bischen Puste,

Da ich auf das ganze ging,

Mich verrannte in Berlin!

Und entfliehen musste.

Im Wehzug spät in der Nacht!

Paris trägt die mit Rubinen besetzte artige Uhr der Künste, Urarmband, um sein Handgelenk, charmant.

Die Uhr des Briten,

Begg your pardon, unumstritten,

Denn der Zeiger auf dem Zifferblatt,

Läuft seit Dichter: Nebel schon

Sachgemäss und auf ein Grad.

Nur in Rom die Ticketack,

Erlitt plötzlich einen Knack.

– Und mein Herz schlug übervoll

Mit der Uhr im Capitol.

Der Duze der die alte römische Uhr kunstgerecht zu stellen pflegte, – sie ist ihm plötzlich stehngeblieben.?

Lieber Leser, frage du die Briten bitte,

Ob Halifax und Chamberlain,

Oder jemand etwa aus dem Reich der Mitte,

Oder schliesslich wer in Frage käm?

Zu reparieren fähig dieses stehngebliebne Phänomen?

Mein herzliebster Junge besass eine von ihm sorgsam und liebevoll verwartete Uhrensammlung; flösste täglich den kostbaren Werken neues Leben ein. Wie schön mein Junge war. Oft erinnerte ich mich bei seinem Anblick an die Stelle im Testament: »Ihr seid Götter.« Ja er war überirdisch schön: Er leuchtete ....

Die Uhren seiner Sammlung bedeuteten ihm eine Welt pochender Werke. Ihn selbst – hemmte der Wille Gottes im Lauf.

Es beweinten ihn mit mir die Menschen der Riesenspreestadt. Die Züricher, deren freie schneegekleidete Heimat er unbeschreiblich ins Herz geschlossen, lernten ein Stück seiner Seele in seinen Bildern nach seinem Tode kennen in seinen spiegelklaren Zeichnungen. In den weiten weissen Sälen des Künstlerhauses am Hirschengraben standen im September ein paar hundert seiner mannigfachen Bilder ausgestellt. Die lobenden verständnißvollen Besprechungen beglückten mich unendlich, vor allem die Urteile zweier Professoren, Professor Fenigsteins und Professor Fehrs. Es ist schwer im systematischen Rahmen der Dichtung zu bleiben so ganz bei der Sache und doch so ewigverloren und versunken in der Liebe und Trauer um sein Kind. Stundenlang betrachtete der grosse Sachverständige geschätzte Kunstmaler und Musiker Fenigstein die Zeichnungen meines Sohnes und suchte unermüdlich die geeigneten Zeichnungen an den Vorabenden seiner Ausstellung des Künstlerhauses am Hirschengrabens aus den tausenden Arbeiten. Versicherte mir später, die Ausstellung des Nachlasses meines Pauls sei einer der wertvollsten die er erlebte. Im Nebenraum spielte sein kleiner Mozart 13jährig hinreissend auf den alten Flügel die Rhapsodie von Lisst, die mein Junge so liebte. Die Trauer, die er immer von Neuem bei der Begegnung eines Blinden verspürte und sprach doch so oft vom vertieften Licht der Blindgeborenen wie auch von den erlösten gesichteten Augen der müden lächelnden kleinen greisen Waisenkinder ...., ebenso das Mitgefühl mit dem liebeleeren Leben der kleinen armen Waisenkinder, ein jedes weint aus meines Sohnes gezeichneten Blindentragödien. Man staunt, dass die vielen heiteren, ja oft ausgelassenen Arbeiten und ie Simplicissimusbilder von einem und demselben Zeichner meinem Jungen stammen! Betrachtete man vor ihnen der Blindniss geopferten Gestalten, und die armen Kinder elternlos in fremder Obhut. Erlebt man nach ihnen die strahlenden schönen Mädchenköpfe alle: Lucie, Berti ....

Schnee fiel, Februar aber ist schon dabei in seinem grossen aus gefrorenen Wassern und Reif gebauten Schlitten abzureisen. Und der März kommt. Die Welt kann nicht zwei der 12 Monate auf einmal logieren. Auf meinem Tisch steht noch das reizende Pferdchen aus Messingpapier modeliert. Ich pflückte es vom Lichterbaum bei Freunden und dachte dabei an unseren meines Jungen und meinen unvergesslichen Freund der gefallen im Krieg an den unvergleichlichen Tiermaler der Messias der Tiere; Franz Marc.

Mein Junge und ich sprachen von ihm wie vom gemeinschaftlichen Halbbruder. Wir drei waren doch wie drei Brüder sassen wir beisammen die nichts auf sich kommen liessen. »Er hat edle Pferdeaugen sagte mal mein Paul zu mir und auch der Pferdeaugen Thränen rinnen. Die Entdeckung der Vergleich geradezu schlagend. Auch besitzt er das vertiefte Licht des Blinden, meinte mein Junge. Er malte es mit dem Bleistift fast unsichtbar auf dem Lide aller Blindgeborenen auf dem Bilde der Blindniss. Doch auch erlöste gesichtete Augen der müdelächelnden Greisenkinder Waisenkinder seiner Kindertragödien. Er liebte unendlich die blauen Augen die blauen Sterne seines von ihm geliebten Mägdeleins. In ihnen finde er die verzauberte Heimat ein Himmelreich auf Erden schon.«

Wir Verscheuchten nun verloren beides im Labyrinth des Banns.

Es ist der Tag im Nebel eingehüllt

Entseelt begegnen alle Welten sich,

Kaum hingezeichnet wie auf einem Schattenbild.

Wie lange war kein Herz zu meinem mild .....

Die Welt erkaltete, der Mensch verblich,

Komm bete mit mir – denn Gott tröstet mich.

Wo weilt der Odem der aus meinem Herzen wich?

Ich streife heimatlos zusammen mit dem Wild,

Durch bleiche Zeiten träumend – ja ich liebte dich.

Wo soll ich hin wenn wild der Nordsturm brüllt?

Die scheuen Tiere in der Landschaft wagen sich,

Und ich vor deine Tür – ein Bündel Wegerich.

Die Kühne Lippe, die der meinen glich,

Ist wie ein giftiger Pfeil

Auf mich gezielt.

Bald haben Thränen alle Himmel weggespühlt,

An deren Kelchen ihren Durst gestillt

Auch du und ich.

Die schönen Hände der Direktorin Rose Schindler und auch deine Hände lieber Leser, die ich dich bat, mit mir in das aparte Haus der prachtvollen Ausstellungsräume einzutreten, liegen andächtig gefalten, kaum atmend in eurem Schoos; erinnern mich an die feinen liebesbewegten Falter, deren Flügel atmender Tau. Glaubt die Welt erst wieder an die Liebe, die unsichtbar und nicht von dieser Welt, wird sie der Mensch wieder erhaschen wollen. Drei Worte sind es die Seligkeit säen, von Liebendem zur Liebenden gesprochen drei Zauberworte die des Menschen Seele anzünden, in Tausendlichterglanz .... Sag du sie lieber Leser, sie wollen nicht mehr über meine Lippen seitdem ich einging an der Lauheit seines Herzens.

Gegenwärtig schmücken wertvolle Gemälde die Wände die Galerie des bekannten internationalen Künstlerhauses am Hirschengraben. Einige erkenne ich wieder vom berühmten Kunsthaus her des Direktors Waadtmann am Heimplatz in Zürich. Die Bilder des Halbschweizers Hanseggers des Halbitalieners von Mutter her. Wer Venezia nie gesehen, der glaubt sich auf dem Canal unter den singenden Hochzeitlern in der Gondel. Es suggeriert des plätschernden Bildes lebendige Farbe. Aber auch in den von Lampion erleuchteten Vergnügungsdampfer auf der Seine, steigt der Beschauer feiernd ins bekränzte Boot.

Wer Paris nie vorher gesehn und erlebt, lernt die vornehme Stadt Bonapartes auf des genialen Schweizers hervorragenden Schöpfungen kennen behangen mit Traum und Abenteuer, aber auch in ihrer nackten Realität. Die geadelten Strassen der grossen Napoleonstadt und ihre Boulevards. Aber auch die verwitterten vermoderten Höfe Montmartres. Des Malers Liebe zur Malerei umschmeichelt himmelnd die krimminelsten Viertel von Paris.

Furore machten Hanseggers wundervolle Schweizerlandschaften im Spätherbst hier wie in Pariser Salon. Viele entströmen Herbstgeruch. Das Auge erholt sich im glücklichen grünen Schauen. Doch immer wieder verweile ich vor des Künstler Hanseggers bewunderungswürdigen Menschenbildnisse. Dort im Filigranrahmen, seine schöne Freundin: Mademoiselle Rose vor silbernen und bronzefarbenen Blättern und grossen rosa aufgetanenen Blumen. Das schöne Märchenfräulein mit den Schneewittchenaugen und den Haaren schwarz wie Ebenholz und der Haut weiss wie Schnee.

In den Sälen von Paris, stehen mit den hiesigen Schöpfungen zugleicherzeit Surdepandants, Bilder des Malers Hanseggers ausgestellt. Zwei frisch von der Hand gefallenen Schneelandschaften im französischen Salon machen dem Switzerlande Ehre.

Mein erster Gang am Morgen, führt mich über eine kleine Brücke am Helmhaus vorbei zur Fraumünsterpost. Leider warten belanglose Postsachen auf mich. Aber auch ab und zu notwendiges: »Münz«, wie der Schweizer das Kleingeld zu bezeichnen pflegt. Wir Künstler haben endlich rechnen gelernt, das heisst wir emigrierten Künstler haben die Notwendigkeit des Geldes eingesehen:

Geld, das wir im Stand’ nie zu bewerten,

Heute gährt es wie der Hefeteig im Brot.

Denn wir wissen alle Weggefährten,

Wehe tut der Hunger und man hungert in der Not.

Doch wir verscheuchten Vögel können uns nicht beklagen über die Freigebigkeit der Schweizer in den schweizer Städten. Und wir werden es den lieben schweizer Menschen einmal vergelten nicht nur mit heimgekehrter heiterer Laune und Gesang.

Als ich neulich das imposante zürcher Fraumünster Postgebäude verliess, die breiten Steinstufen im Begriff herabzusteigen, bemerkte ich ein kleines etwa dreijähriges Fräulein auf dem Damm sitzen, allein in der Welt, mitten auf dem befahrenden Damm in der Welt allein ganz dumm im weissen Wintersonnenschein.

Ich brachte es in Sicherheit; sein winzig Händchen, Elfenbeinröschen birgt sich tief in meiner grossen Hand. Ich immer auf der Hut es nur nicht zu erdrücken.

»Wo wohnst Du, Kleine?« Frage ich. »Daheime« ... Und immer wieder auf meine Frage die gleiche Antwort: »Daheime« .... Mein niedlicher Findling sieht ein reizendes Taubenfederchen am Rand des Trottoirs liegen, beugt sich, hebt es saumseelig auf – so – im Weiterspazieren. Wir wandern am Flusse entlang, am Limmatquay. Jungens steigen in die Kähne, die großen Schwäne necken. Die stecken die langen Hälse tief in die Flut. Kindlein und ich lachen ganz laut, immerzu! Das tut uns gut. Ich bitte eine Frau, die vom Markt kommt, Kindlein zu fragen wo es wohne? Schon entledigt die freundliche Schweizerin sich ihres grossen schweren Korbs mit Gemüsen und Obst und gefüllt mit allerlei Essbaren, und plaziert ihn auf einem der Bänke am Weg. Hebt das niedliche Mädchen zu sich auf den Schoos und fragt: »Wo wohntscht, Mägdli? Antwort gschwind, wo wohntscht?« Aber das Mägdli rutscht vom Schoos der energischen Schweizerin lachend, gemächlich wie vom Wiesenhang plumps herab auf den Pfad; holt sich, bevor es wieder meine Hand erfasst, ein verlorenes Stengelchen, das es am Fuss des dicken Kastanienbaums gewahrt und versucht mit seinen blauen Glöckchen zu läuten. Legt etwas enttäuscht das arme Glockenblümchen zu dem grauen Taubenfederchen, und holt noch ein leuchtendes Blättchen dazu. Fürwahr, ich sah nie ein lieberes Bouquetchen. Es kommt eine zweite Frau gegangen, die weiss Bescheid und sagt: »Das Mägdli ist unten des Bootsmann und seiner Frau kleines Entchen; stets läufts davon! Aber es weiss allein, Daheime zu finden; galt Mägdli?«

Aber wo bleiben wir Kinder Israels? Die wir unser Daheime, verloren und nicht mehr – daheime können?

In den Weltkrieg zogen unsere Väter und Brüder. Viele freiwillig, viele kaum 17jährig mit den Brüdern unserer Adoptivländer, dessen Menschen alle unsere Brüder und Schwestern Freunde und Freundinnen wurden. Träumten wir? Träumte die Schaar der Kinder Israel? Und sollte unser Vertrauen so hart belohnt werden? Vermutete doch kein Jude noch ein einziges schwarzes Korn heimlich im Herzen des christlichen Nebenmenschen. Fürchtete doch kein Jude dass es wieder aufgehen könne, wuchern vom Pfad zu Pfad, von Gasse zur Gasse, von Strasse zur Strasse uns Juden zu erwürgen. – Es geben unter uns auch heute noch Juden, göttliche Juden, die den Herrn bitten, sich zu erbarmen eurer Sünde. Aber ihr, die ihr uns verfolgt bis in die Städte fremder Länder Scharlach ansteckt: »Ihr wisset was ihr tut!!« Ihr, die ihr uns vertrieben, bar aller Mittel, geächtet, geschlachtet, in den Tod getrieben, ihr wißet was Ihr tut, trägt prahlend eure Untaten bekränzt und dekoriert auf den Markt der Welt der Welten Märkte, brüstet euch mit den Sünden an ein kleines unschuldiges Volk an uns Kinder Israels, die wir uns befleissigten, ja befleißigen euch die ihr uns nun aussetztet, ein treuer Bürger und treue Mitbürgerin zu sein. Was haben wir Euch getan, dass Ihr so gewaltige Sünde an uns begeht! Mir sagte nach dem furchtbaren Krieg ein hoher Offizier: Die jüdischen Soldaten zählen zu den tapfersten Soldaten des Heeres sie immer wieder zu dekorieren hat mir Freude gemacht. In den Grenzwäldern liegen zahllose verhungerte tote jüdische Kinder wie vom Baum abgefallene Äste in Schnee u. Regen umher. Da kleinstes Volk, nur eine Schaar im Vergleich zu den übrigen Völkern des Erdreichs die Schaar der Kinder Israels, mit denen noch Gott spielte in Seiner Jugendewigkeit. – Indem Ihr uns vertreibt, treibt Ihr uns – in – Gottes Arme. Zerstörte je ein Weinbergbesitzer seinen Weinberg einiger angefressener Trauben wegen? Welche Fehler können Sie uns am Rhein an der Spree, an der Isar an dem Neckar zeihen? Es geben Hunde hier im Schweizerlande, die die Hände betrübter Emigranten auf dem Wege mitleidsvoll belecken. Sie haben Herzen aus Fleisch und Blut und Güte, was soll Gott einmal mit Herzen, mit zuhartgeschlagenen den Bomben beginnen. Gott kam zur Erde wie einst in Jerusalem als der erste Tempel ermordet der heilige Stern in seiner Stirn verblutete und Gott weinte mit uns den Kindern Israels.

Tausend Jahre zählt der Tempel schon in Prag

Staubfällig und ergraut ist längst sein Ruhetag

Und die alten Väter schlossen seine Gitter.

Ihre Söhne ziehen nun in die Schlacht.

Der schon greise Synagogenstern erwacht

Und er segnet seine jungen Judenritter.

Wie ein Glücksstern über Böhmens Judenstadt,

Ganz aus Davidgold – nur wie der Himmel Sterne hat –

Hinter seinem Glanze beten wieder Mütter.

Während des Weltkriegs gedichtet von mir an einem Schabbatt.

Lieber Leser, weine mit mir – unsere Gotteshäuser die Tempel Gottes zerstörten Wölfe in Menschenhäuten. Synagogen in dessen geheiligte keuschen Räume sich versammelte im Gebet unser Volk. Es verbluteten die Reliquien die edlen Geschmeide des Herrn mit den Abendröten unter den stampfenden Füssen unserer Verfolger. In Splittern zerschlug man die Gedenktafeln mit den Namen unserer treuen tapfernden hebräischen Soldaten. Aber Gott ölt jedeinen Splitter mit dem Oele der Olive, die vor der Pforte des Himmels steht. Der Ewige kam zur Erde und weinte wie damals nach der Zerstörung des ersten Tempels in Jerusalem, mit seinem beraubten geschlagenen Schaar der Kinder Israels.

Du fragst mich, Leser, ob Gott Seine anderen Völker nicht mit der gleichen Liebe liebe wie das kleine hebräische Volk? Mit der selben Liebe Seines Ewigen Herzens liebt Gott über uns alle Seine von Ihm erschaffene Völker. Aber Seine Kinder Jakobs, Sein engelaltes kleinstes Volk das Ihm den Stift tragen durfte zum Plan der Welt, über sein Wohlergehn zwischen der Mehrzahl seiner Brüder und Schwestern, bekümmert den Herrn und trübt Sein betreuendes Lächeln über unsere grosse Welt. Israel an Zahl gering im Vergleich aller anderen Völker aber Schöpfungsalt durfte den Herrn in Seiner Himmelsblüte den Stift tragen zum Erzplan der Erde. Es zeugen die Erzengel. Hörst du ihre Stimmen durch den Sturm meines Herzens? Michael sagt: Die Last des Bösen ist gewaltig schwer zu tragen. Denn das Böse bindet Vergeltung in sich. Sagt Gabriel: Und im Verfolger lauert schon die Unrast, im Verfolgten aber keimt die Liebe. Und die beiden: Raphael und Ezechiel noch am Morgen im Flügel ruhend, sagen: Leicht das Gute, da es Glückseeligkeit birgt und empor strebt. [Davidstern]

Im Weltkriege, wie er auch wütete, der Liebe selbst geschah kein Leid. Feind und Feind, wie man zwei Kämpfende irrtümlich zu nennen pflegte, verband das Mitgefühl der Liebe. Die Liebe ist nicht gestorben, wie man ihr auch nachstellt. Die Liebe ist unsterblich, nicht von dieser Welt. Sie beginnt sich wieder zu regen, auch dort wo sie zu versteinern droht. Tausende Arme strecken sich der Liebe entgegen, nehmen sich der Kinder verscheuchter Eltern an hier im Schweizerlande und in allen friedlichen Erdenteilen. Aber uns Juden zieht es zu unserer allerallerallerersten Heimat zurück – tastend im Traume der Nacht im Erwachen am Morgen und in der Wehmut der Dämmerstunde, in unsere Gottheimat hin, dorthin wo Gott begann die Welt zu bauen. Das Wasser trennte vom Land, den ersten Menschen erschuf und ihm von Seinem Odem einblies. Die Gottesnähe in der Heiligen Stadt – beängstigt fast.

Jerusalem verschliesse deine Tore nicht in den Zeiten des Jammers, der Fehde, der Flucht. Verschliesse nicht deine Tore uns den geflüchteten Kindern des ewigen Vaters den Kleinsten an Zahl. Wir Juden sind gewillt mit dem Preis unseres Lebens ungezählter roter Tropfen unserer Herzen in die Stadt Gottes zu ziehen, uns zu versammeln zu einer frommen Heerschaar des Herrn. Verschliesst uns nicht die verbrämten ewigen Tore, unserer Gottheimat .... Oder – soll sie uns – Gott Selbst öffnen? .....

Leise schwimmt der Mond durch mein Blut –

Schlummernde Töne sind die Augen des Tages.

Wandelhin, taumelher ....

Ich kann deine Lippen nicht finden –

Wo bist du ferne Stadt

Mit den segnenden Düften??

Immer senken sich meine Lider –

Vom Suchen müde,

Müde ... Ueber die Welt.

Viele Tagebuchseiten schrieb ich heute Abend, viele viele Wege bin ich gegangen durch mein Herzens Lande, – so fern von dieser Welt. Blicke mit mir auf den Fluss, lieber Leser, Er holt sich frisches Wasser aus Seinem Züricher See. Die vielen Rigis rings um ihn vom gefallenen Neuschnee, mächtig schwer vom Fleck zu tragen. Sie lassen sich nicht so leicht »versetzen«. Versuchs erst gar nicht.

Auf dem Pfauen oben im Schauspielhaus, spielen gleich die grossen Schauspieler und Schauspielerinnen das vollendete Theaterensemble der Jetztzeit. Ich würde so gern, könnte ich ohne Anstrengung steigen in die Premiere »der sechsten Etage« gehen, schon um der unvergleichlichen Künstlerin Therese Giese zu begegnen. Teo Otto mein rheinisch, westfälischer Heimatfreund malte die Coulissen. Ich bin stolz auf ihn. Noch schalt des alten Nachtwächter Altmann Horn in meine Ohren Ginsberg beste Rolle, trompete ich in die Welt.

Lieber Leser, du bist müde und dich hungert. Ich habe dir zu lesen zugemutet zu viele Tagebuchzeilen auf einmal,

Im Restorante: HINTERER STERNEN,

Beim Risottoreis,

Hört man immer etwas Neus,

Eine Neuigkeit.

Im Odem einer heimatlichen Zeit.

Es gilt der Gäste erster Schluck,

Der treuen Wirtin hinterm Stuck.

– Vom Büffet an der Terrine,

Hinter weisser Jalousine,

Grüsst Frau Niggle uns mit liebem Guck.

Eine saumseelige Luft in ihrem gemütlichen Raume, hinterer Sternen. Dafür tragen Sorge schon die lieben Liebespaare

An den Tischen:

Nebentischen,

Die hier hinterer Sternen,

Unter Birnen Sternen

Nicht im Dunkeln fischen.

Auf die Discuspappescheiben

Oft erweicht vom zürcher Bier,

Kann man was notiren sich und dir,

So beim Fisch,

Sich einen Vers auf ihnen schreiben,

Der sonst fiele untern Tisch.

Und zum Dessert – natürlich, nur wer Lust.

Ich esse Pudding gern – schon unbewusst

Er reizt zum Phantasieren.

Und eile in der Phantasie ins Freie! an Zürich vorbei zwischen Gärten und Gärten und Paradiesflecke. Schaufle Flocken von den Beeten,

Vom Herbste mutwillig zertreten,

Und nehm mit dieser – guten Tat,

Den Wurzeln ihre Decke gerad.

Ein Glück – nur in der Phantasie.

Hinter hohen Tannen und Kastanienbäumen, Eichen und Oleanderbüschen wohnt der wahre uneigennützige Wohltäter Zürichs, der Philantrop der schweizer Judenschaft: Sylvain Guggenheim.

Im schlichten Wohngemach im grossen Hause der beiden lieben Brüder blickt auf ihre Söhne aus einem Rosenholzrahmen die liebreizende blondgelockte Mutter. Der Söhne Heiligenbild. In Sommertagen wandelt die mädchenhafte Frau wie einst im Leben über die Wunderpfade des Kleinen Edens.

In der Strasse Engimatt,

Ueber Wiesenhang und Wiese,

Gärten gleichen Paradiese.

Und bevor der Abend naht,

Und verfinstert Baum und Blatt

Tauchen all die kleinen Sterne,

In des Mondes goldnes Bad.

Und doch ist es finster geworden in den Herzen aller Menschen:

Es ist ein Weinen in der Welt,

Als ob der liebe Gott gestorben wär.

Und der bleierne Schatten, der niederfällt,

Lastet Grabesschwer.

Komm – wir wollen uns näher verbergen .....

Das Leben liegt in aller Herzen wie in Särgen.

Du .... wir wollen uns tief küssen –

Es pocht eine Sehnsucht an die Welt –

An der wir sterben müssen.

Wir besuchen Vorträge, Herzen im Arme tragend, wie Schulkinder in Räume der Zunfthäuser. Heute spricht Franz Kobler der bekannte Jurist aus Wien vertrieben und seine Rede wächst, rundet sich, sie erhebt sich zu einem Palast.

[*] Handschriftlich überarbeitetes Typoskript im Nachlass Else Lasker-Schülers: The National Library of Israel (Arc. Ms. Var. 501 [Else Lasker-Schüler Archive], File 2:28). – Mit der Niederschrift der Tagebuchzeilen aus Zürich dürfte Else Lasker-Schüler in der zweiten Jahreshälfte 1938 begonnen haben. Einleitend schreibt sie: »So leb ich seit ich rautschgeflogen / Vor fünf ein viertel Jahr o Grautsch!« Am 15. März 1939, unmittelbar vor ihrer dritten Reise nach Palästina, hielt sie in Zürich im Zunfthaus zur Meise folgenden Vortrag:

»Hochverehrteste Zuhörer,

Herren und Damen.

Es ist mir leider nicht vergönnt, Ihnen die angekündeten Tagebuchzeilen vorzulesen, die ich viele Abende in den letzten Monaten verbrochen. Ueberstündlich müsste ich Ihre Zeit in Anspruch nehmen; (die Tagebuchzeilen wuchsen mir über den Kopf) und ich möchte doch guten Angedenkens von Ihnen scheiden. Sozusagen eine Sehnsucht, wenn möglich?, hinterlassen nach mir und diesem Abend. Sechs Jahre weile ich nun, eine Emigrantin, unter Ihnen in Zürich der Seeundstrom und flusshellen Stadt, abzüglich eines halben Jahres, das ich geteilt, je drei Monate in Afrika und Asien verbrachte. Doch ich fühl mich schon mit Ihnen, verehrte Einwohner Zürichs, ob Ihnen meine Verwandschaft angenehm oder nicht, stadtverwandt. Nur Ihre urwüchsige Sprache und die Art ihrer Betonung, trotz emsigen Ochsens, vermochte ich nicht zu copieren.

Wieder verfolgt man die Kinder Jakobs, uns Juden, vollzählig diesmal; der Zug der Vertriebenen verdichtet sich täglich gedrängter auf dem Wege in unser ureigenes Land. Wir ziehen von Gott selbst geführt wieder durch das rote Meer. Sieben Jahre sammelten die roten Wasser sich, unser aufgepeitschtes aufschreiendes Herzblut der Städte und Dörfer und Gegenden, weinende Quellen, und sehnen sich zu münden im heiligen Himmelbett der Heiligen Stadt. Denn – Jerusalem ist eine Ruhende Stadt; Gott ihr Ruhender Gott. Es lehrt die Kabalâh, Gott emigriere mit seinem kleinsten Volke, er sich treu mit ihm auf die Emigration begebe. Amen.

Je heftiger man uns zu verfolgen pflegt je inniger treibt man Gottes Schafe und Lämmer, weiße, aber auch die schwarzen, uns Juden in Gottes väterliche Arme. Aber auch Ihm sterben seine Kinder, die auf Erden weilen. Viele – allzufrüh.

Gottes Lächeln bewegt die Welt. Hüte sich also der Mensch Ihn zu betrüben. Der Talmut erzählt: Gott kam zur Erde und weinte mit den Juden über den zweiten zerstörten Tempel. Irrig, hält man Gott für einen Gott der Rache. Er, der Alleinige Einzige Melech der Liebe: »Und kommst du noch zur späten Stunde, meine Tore sind dir geöffnet.« Spricht der Herr.

Es hüte sich der Mensch, Ihn zu betrüben; vom Lächeln Gottes hängt das Glück der Welt ab, die er den Menschen geschenkt, allen Geschöpfen, aber auch den Bäumen des Waldes und den Blumen auf den Beeten und Dir und mir und Euch, zu denen ich Dichterin sprechen darf, vielleicht in Seinem ewigen Namen! In Gottes blauen Namen, der da heisst wie die Welt heisst; nach den Er die Welt benamete noch im Wolkenkissen träumend: Liebe. Gott ist ein liebender Gott, Gott ist Gott! Gott heisst übersetzt in himmlischer Sprache: Liebe – und Liebe in göttlichem Wohllaut: Gott.

Schon im Beginn deiner Kritik über Gott, verirrst du dich voreilig in des Anfangs zielloser Ewigkeit: »Ich bin, Der Ich sein werde!« spricht der Herr. Und doch vermögen Seine Menschen Ihn aus dem Gleichgewicht zu bringen, zu schwächen und wieder zu stärken schritthaltend mit der Schöpfung. Ein kleiner Fehltritt genügt den Flügel der Odemschwinge zu lähmen. Nicht Gott, aber der nachlassende Mensch erzeugt Böses. Wie die Tochter und der Sohn vom blindverliebten Vater geliebt, liebt der Vater im Weltgewölbe über uns seine Töchter und Söhne sehend abgöttisch. Allerinnigste Nähe doch und fernste Ferne trennt den Menschen vom höchsten Vater und vereint ihn zugleich mit Ihm. Der unbegrenzte, grenzenlose Raum der Ewigkeit nicht messbar mit üblichem Masse. Schauerliche Fernen und klaffende Weiten trennen uns vom Ewigen und doch baut er auf dem Hügel deiner gefalteten Hände oft spielend mit Bauklötzen seines Jungensbaukastens, wie der kleinste Knabe, strahlend dir: Jerusalem .... Die alten Juden rissen im Gebet an Gott. Ich selbst sah an der Klagemauer einen hebräischen Prometheus eng verwachsen mit dem alten Tempelgebein – mit Adonoi – murren. Gott ist überall, er ist nah und fern, und doch erfassbar; ja du vermagst ihn liebreich zu umarmen und findest ihn doch nicht in der Nische der Finsternis im Kelch des Lichts.

Wir Jakobs Enkel und Enkelinnen möchten die Stadt der Städte nicht nur in der Phantasie betrachten und erleben. Wir möchten sie von Angesicht zu Angesicht erschauen, wir die wir an Zahl das kleinste Volk Gottes, Ihm den Stift zum Plan der Welt tragen durften.

Aus diesem Eifersuchtsgrunde unbewussten vererbt – verebbten, quälen die Nebenvölker, unsere grossen Geschwistervölker mit wenigen Ausnahmen uns. Zu spät sucht uns ein Ruben in der Grube in der uns seine Brüder werfen; er findet unser Vertrauen geknickt. Ein grausiges biblisches Märchen, das immer wieder zur Wahrheit wird, sich immer wieder vorbereitet und uns Juden blutig erfasst, der Pogrom! uns zu verscheuchen in Scharen. Wie die Amseln suchen wir ein neues Land, ein jeder von uns ein Nest.

Es geben Menschen unter den Geschwistervölkern, die mit uns weinen; aber bereit mit uns die Hüllen zu wechseln, ihre unverletzbare Haut mit der verbrämten des Juden, – besinnt sich der beste unter der Christenheit und gerechteste, sein sicheres Haus zu verkaufen, sein Gut; seinen Besitz für einen Weinberg vogelfreien. Und doch wohnt die Seele jedes Hebräer in ihres Leibes Stiftzelt. – Ich frage mich selbst, welcher Ahne flüsterte mir dieses Geheimniß ein? Doppelt dem Juden auferlegt, das Haus seiner Seele Perle, rein zu erhalten.

Auch sind die Kinder Israel, das Volk der Hebräer keineswegs auserwählt die weltlichen – Freuden zu geniessen, die Melonen süssen ungekränkt zu verspeisen. Schüchtern kostet der Jude, nascht vom Gotte, wie die Biene den wilden Honig, den sie doch selbst bereitete. So lässt sich Gott gerne immer von neuem märchenm[xxxxx] bereiten im süssen Wechselspiele mit Seinen Menschen und Sich eigen.

Fürchte dich nicht vor Gott, doch ehrfürchte ihn! Furcht vor Ihm entfremdet Ihn und vereinsamt Ihn, der die Liebe Selbst ist! Liebe ihn mit dem Herzkirschenherzen der Jugend, mit deiner kindlichsten Seele und deiner indianerspielenden Kraft.

Auserwählt sind wir Kinder Jakobs vom Herrn, immer wieder den heiligen Stein der Welt, den Stein aus dem Adoneu die Welt schnitt, nach Palästina zu tragen; mitten auf den Bauplatz der Schöpfung zu setzen. Keuchend wie die Eselin über den schmalen Jaffaroad, trägt über den Wüstenweg der Jude die Steine zum Bau der Häuser Jerusalems mühevoll.

Und geduldig trägt immer wieder das Volk der Hebräer, verspottet und geschmäht von der Menschheit, den Stein zum Aufbau der Glorie der Welt, hin auf Jerusalems Erde. Nach Jahrtausenden die heilige Königinnenmumie auszugraben, ist dem Juden eingeimpft. Jerusalem Gottes Heilige Braut .....

Ihrer Kinderkinderkinderkinderkinder, liegen heute, gefallene Zweige auf dem aufgeweichten Boden der Grenzwälder verhungert und verdorrt zwischen Stieflanden. Weiter flüchten Vater und Mutter und Geschwister, getrieben vom Verfolger. Manche Mutter fault Wang an Wange mit ihrem Kinde. Lieber Zuhörer vergegenwärtige dir das. Verehrter Zuhörer, blicke durch das Osterglas der Welt, durch das glitzernde Osterei. Damit deine Augen weinen – endlich. Österlich erschuf der Herr diese Welt. Die Welt ist Ostern. Jerusalem öffne deine Tore, uns der Schar der Kinder Jakobs, die heimkehren möchten nach so langen langen Jahren! Irrig an die Liebe und Treue ihrer Adoptivländer glaubten und es aber nur eines Vorwandes bedurfte, eines Tropfen Gifts, der wachsen liess, das noch vorhandene winzigste schwarze Korn ihrer Herzen. Hass wucherte über unsere Pfade, Schirling spielte lauernd um unsern Fuss. – – Ihr Völker alle öffnet uns Juden die Jerusalemtore!!! oder – soll sie uns vielleicht Gott Selbst öffnen? ........

Leise schwimmt der Mond durch mein Blut ....

Schlummernde Töne sind die Augen des Tages.

Wandelhin – taumel her –

Ich kann deine Lippen nicht finden –

Wo bist du ferne Stadt mit den sammtnen Lüften?

Immer senken sich meine Lider, vom Suchen müde über die Welt.

In andern Zeiten wäre es mir ja eine helle Freude gewesen, verehrte Zuhörer, sie durch meinen Vortrag heiter zu stimmen, zumal ich mich selbst nach einem Lachen, wenn auch ganz harmlosestem Lachen sehne. Der Vortrag eines Dichters oder einer Dichterin in seiner weissgedeckten Feierlichkeit, erinnert an ein Gastmahl, fast an eine Hochzeit, zumal sich Wort und Wort verbindet. Wort ist Brot das Wort des Dichters: Delikatesse und ich möchte am liebsten mein Wasserglas von meinem Tisch, dem Pokal der Tafel erheben, bis zum Rand mit goldenem Wein gefüllt und hochleben lassen meine geladenen Gäste! Vor allem meinen hochverehrten Gastgeber, den Arzt Walter Moos, der mir zu Ehren, mich zu ehren, mich zu diesem Vortragsabend eingeladen. In heimlichen unmedizinischen Stunden, wer von ihnen, verehrte Gäste, ahnte es? verbringt Walter Moos im Kreise seiner Musen. Er ist ein Poet! Wie könnte er uns sonst im Spiegel der Uebersetzung in gleichwertigen Farben und Tönen, Herbheit und Holdheit, die Franzosen übersetzen, sich wagen mit Charles Baudelaire zu verbrüdern im Wort seiner Verssprache und die des grossen Franzosendichters? In des Arztes, eigen vom Herzen abgepflückten Rythmus, dichtete Walter Moos in seinen Studentenjahren schon Verse, mit denen er die feinsinnigen Poeten der Seine eroberte. Hoch soll er leben!

Zum dritten Male begebe ich mich bald übers Meer, immer in anderer Gewandung ins gelobte Land. So benamet, lernten wir es in der kleinen Bilderfibel der untersten Klasse der Schulzeit kennen. Aber, dass man wirklich das gelobte Land erreichen könne, dass es überhaupt in Wirklichkeit vorhanden, darüber dachten wir Schelme auf den Bänken gar nicht nach. Vor etwa vier Jahren machte ich mich auf den Wasserweg, dem gelobten Land vielleicht doch zu begegnen! In Frühjahrsstürmen abenteuerlich ein fahrender Lederstrumpf, zuguterletzt über Afrikas Hafenstadt: Alexandria auf Sandwegen, auf dem Rücken der Eisenbahnschlange, zu entdecken: Jerusalem, Gottes holdselige Braut. Leider per Eisenbahn, und nicht auf meinem Kamel: Amm, noch auf meiner Kamelin: Repp; beide Ihnen sicher bekannt aus meinem Buche der Prinz von Theben.

Jerusalem giebt es!! Jerusalem ist da!!! Die kleine Bilderfibel hat uns Schulkindern nichts vorgelogen, es gibt wirklich die Stadt, die nicht ganz von dieser Welt ....

Das zweite Mal flog ich mit den grossen Seevögeln, den Geyern – nach Palästina, flügelrauschend über den blaublauen Ozean.

Zum dritten Male nun, füge ich mich Höherem Willen – auserkoren zu streiten, über die grosse Gunst beschämt, und doch vielleicht auserwählt zu sterben; zu lassen mein Leben im Heiligtum Gottes. Das schwermütige Wort, das meiner Lippe entkam, darf uns nicht verdüstern diese Abendstunde an der Tafel meines Vortrags. Auch will ich mich freuen über die Anwesenheit meiner Gäste, zunächst über das Erscheinen des Priesters Dr. Lippmann: Es gereicht mir zur grossen Ehre. In den ersten Jahren meiner Vertreibung von der Scholle, die ich lieb hatte, trösteten mich die Stunden des Samstagmorgen vor dem murmelden Jakobsbrunnen, die Predigten in der Synagoge. Die Josefserzählungen von den Lippen des grossen Rabbunis schwellten empor wie vom Grund tausend × tausendundeinjährigen Quelle.

Ich füge ein kleines Privatgespräch zwischen Herrn Dr. Lippmann und einer ihn sehr verehrenden Samstagsynagogin, die ich selbst, in meine Erzählung ein. Es ging das Gerücht in der Zürcher jüdischen Gemeinde vor Jahren, ich verschenke doch alles und man solle mir ja gar nichts mehr geben, jedenfalls nicht meinen eigenen Händen anvertrauen. Ich betrat darum des verehrten Rabbunis Haus in der Tödistrasse und fragte ihn, ob es ein Unrecht wenn man vom Gelde mitgäbe?

Dr. L. Im Gegenteil.

E. L. Sch. Wenn man nun zwanzig Franken besitzt und man gibt davon fünf Franken dem Leidsgenossen mit, Herr Dr. Lippmann, ist das eine schlechte Tat, Herr Dr. Littmann?

Dr. L. Im Gegenteil.

E. L. Sch. Wenn man nun zehn Franken besitzt Herr Dr. L. und man schenkt von den zehn Franken fünf Franken dem Leidsgenossen und Verscheuchten, ist das ein Verbrechen Herr Dr. Littmann?

Dr. Littmann: Im Gegenteil.

E. L. Sch. Doch wenn man nur noch, Sie nicht länger aufzuhalten, Herr Dr. L., einen einzigen Franken besitzt und man gibt dem hungerigen Begegnenden davon 95 Rappen, also fast seinen ganzen Besitz, ist das eine Sünde Herr Dr. L.?

Dr. L. Dann fallen sie der Gemeinde zur Last.

Eines Morgens am Schabbatt stand der grosse dunkelrauschende Jakobsbrunnen nicht mehr vor dem Altar nicht, da er etwa versiegt, – freudig gewahrte ich Rabbuni Dr. Lippmann aufmerksam lauschend seines Nachfolger Dr. Taubes Predigt dem Wiener Rabbiner von der Donau gekommen, in die israelitische Gemeinde der Stadt Zürich berufen. Statt meines zum Pokal verzaubertes Wasserglas erhebe ich ehrerbietig mein Herz vor den beiden grossen Gottesmännern. Denn ich vermute neben dem ehemaligen Rabbuni Dr. Taubes mit seiner Saskia unter meinen Vortragsgästen, und es beglückt mich, ihn, der mich aus den Büchern im Hause Gottes himmlische Dinge lehrte und aus dem Foliant seines Herzens, ihn mit überschäumendem Dank zu feiern. Ihn den Rembrandt der Predigt und Lehren. Reich an Gott, verlasse ich und ein jeder Andächtiger der Gemeinde, die Synagoge; wissend, dass nicht der Goldgräber, aber der Gottgräber sich »wirklichen« Reichtum erwirbt. Er, der starke Apostel hinter weissen Himmeln der Thora, ein echter Rembrandt, hellseherisch von dem grossen Holländer längst verewigt.

Zwei der gerechten Evangelisten, die beiden von uns Juden hochgeschätzten Pfarrherren, Professor Ragaz und Dr. Gerber erlaube ich mir als meine Gäste zu begrüssen. In der Arche ihres Hauses, hoffen auf die Taube mit dem Oelblatt im Schnabel ihre Gemeinden und wir emigrierten Juden und bewundern die mutigen Worte der beiden Märtyrer.

Die Erzflügelgestalten scheinen schon lange über uns verscheuchte Scharen vom Himmel! [Davidstern]

Michael sagt: »Des Verfolger Fuss zertritt das spriessende Brot seines eigenen Feldes«.

Gabriel sagt: »Verfolgung zieht Hungersnot nach sich.«

Und Raphael und Ezechiel, noch im Flügel der Morgenwolke singen schimmernd vom nahen Frieden auf Erden.

Doch, da ich nun auch in der Alltäglichkeit Fuss gefasst in Zürich, muss ich zum Städtli hinaus: Muss i denn, muss i denn zum Städtli hinaus ..... Doch in eine überirdische Welt! Verlasse vielleicht nur vorübergehend viele meiner neuen Freunde und Freundinnen der gastlichen Stadt Zürich, Schweizer und Schweizerinnen, aber auch emigrierte Wiener und Wienerinnen, Berliner und Berlinerinnen und den herrlichen berliner Arzt, Dr. Nothmann, lange schon Palästinäer, zur Zeit in Zürich mit seiner liebreichen Frau. Wo sie sich beide hier in Zürich befinden, bringen sie das ruhende Jerusalem mit.

Hinter ihnen erblicke ich den Juristen Dr. Franz Kobler mit seiner Eckermännin die stets in grosser Bangnis, eine Ader der marmorkühlen Worte ihres Justizrats könne verbluten. Er baute uns im Zunfthaus zur Waage eine bewunderungswerte Rede auf, dieser Redner, ein Haus der Kunst! unerschütterlich in seinem Grundstein wie in Wien am Verteidigungstisch der Jurist in seiner Verteidigung ein Justizgebäude pflegte zu errichten.

Wer kommt denn da? der Onkel Eli ists! – Der in Berlin so gefeierte besondere Schauspieler: Hugo Döblin, Jettchen Gerberts Kaftanonkel, den er im Deutschen Theater mit Erfolg so oft mimte. Hugo Döblin, Alfreds Bruder, bekannt als erstklassiger Grabbespieler

Sein Grabbe,

Nicht von Pappe!

Verehrter Meisterregisseur Leopold Lindtberg:

Doch im Bürotheater der Etage, zahlt man schon übermässig viel an Gage denn solch ein Prachtensemble wie am Pfauen ist in der ganzen Welt nicht mehr zu schauen.

Den Gretler, Ginsberg, Kalsser, Steckel, Preses und der Moorsoldat und eine Giese unter den Theaterfrauen Die süße Grete Hegner, Marion Wünsche und Frau Carlson, applaudieren Sie bitte mit mir verehrtes Publikum!

Der geniale Maler der Schweizer Hansegger skizzierte auch heute wieder vom Zuschauerraume aus die probenden Mimen auf der Bühne. Neben ihm lächelt die Malerin Rose Schindler, das schöne Märchenfräulein mit den Schneewittchenaugen. Hinter rostigen und bronzenen Blättern und rosaaufgetanenen Königinnen der Nacht, malte Hansegger diese Freundin, Haare schwarz wie Ebenholz, Haut so weiss wie Schnee und Lippen rot wie Blut, geradezu vollendet im Filigranrahmen. Aber auch die Bildnisse seiner Städte seiner Landschaften atmen, den Blüten der Bäume seiner Wälder, entströmt Duft. Des Beschauers Augen erholen sich in ihrem Grün. Wundervoll das Mosaik seiner italienischen Gemälde, die Böden der Dome und Paläste. In den Gondeln auf den Kanälen der Veneziabilder träumt man unter den Fahrenden auf den schmalen Fluten.

In Paris erlebte ich vor ein paar Monaten dort Tage weilend, von den Franzosen höchstbewertete Schöpfungen Hanseggers in der Ausstellung »Les Surindépendants«. Selbst über die verwahrlosesten Höfe der morschen dachwackelnden Häuser Montmartres, verklärte Himmel.

Jeder Fuchs hat seinen Bau, jeder Vogel sein Nest, gerne würde die Dichterin unter einem solchen Dache ihren Kopf ruhend hinlegen. Zwei Frauen bemerke ich in meiner Feier, die Dichterin Margarete Susmann, Gold und Silber schüttete die Olive über sie. Und dort die blonde Frau die Halbpariserin: Madame Anne Indermauer, die künstlerische Direktorin des internationalen Cinematheaters Nord-Süd. Nord-Süd verhalf mir über der Dämmerung Melancholie grauer Nebelbrücke hinüber zu kommen. Ich bin in Nord-Süd verliebt! In der Frühe schon bewundere ich Madame Indermauers selbstentworfenes Plakat und unter Glas die Künstlerexemplare!

Bat Davies and the Catherine,

May West die Löwenbändigerin,

And you and you.

Am liebsten sitz ich allein im Cinema, das Gros der Leute

ist mir zu gescheit

ein jeder Cow-boy bringt sie in Verlegenheit.

viel lieber ist mir du bist primiteiv,

vom chaise die piéce zu bewerten

Denn die von Bücherweisheit übernährten

sind für das Cinema nicht reif!

Gerne opfere ich meinen letzten Franken für das Cinematheater: Nord-Süd. Von allem abgesehen, bietet sich einem, im Fall einer netten Bekanntschaft mit dem Nebenan, Gelegenheit, französisch zu lernen oder englisch.

Ich stürze mich mit einem Satz vorn in die dritte Reihe

und nehme an der Ecke Platz.

Nicht nur aus pekuniärem Grund ich guckte mir die Augen wund

Aus all zugrosser Ferne.

Auch sitz ich nah so gerne.

Man weilt im Cinema Nord-Süd wo man plaziert sich überall lieb

und schaut die Filme unverbaut von einem Hute, Zuckerdüte

Himmelhochjauchzenden einer Braut

und ohne, dass ein Nebenmann, sich Reste holt aus seinem Backenzahn.

Uebriggebliebenes Goulasch vermutlich vom Tisch der Cafébar Select im selben Hause des Cinema Theaters: Nord-Süd.

Könnten wir Emigranten, verscheuchten Vögel, doch manchmal wieder etwas froh werden! Aber immer bange ich, so ein Bombensplitter den lieben Gott mal in die blaue Schläfe plötzlich träfe – und wir Seelen später noch weiter emigrieren müssten und herumirren in gottverlassener Seligkeit –

O Gott erbarm dich dieser Zeit –

Oh Gott erbarm dich dieser Zeit!

Es ruhen Rand an Rand, Himmelland und Himmelland,

Ob Sonne scheint ob Stürme wehen,

Oh Gott, wie kann der Mensch verstehen,

Da nicht die Engel streiten um des Himmels Angesicht,

Warum die Menschen auf der Erde

Friedlich nicht.

So oft wandle ich einsam in der Umgegend der Zürcher Stadt so für mich hin am Fuss kleiner Wiesengelände, an Zäunen vorbei. Manchmal finde ich noch Paradiesflecken, Überbleibsel des Garten Eden. Hinter hohen Tannen, Kastanienbäumen Eichen und Oleanderbüschen wohnt in Engematt der wahre uneigennützige Wohltäter der Schweizer Judenschaft, der Philantrop: Silvain Guggenheim. Er wird es mir nachtragen, da ich seinen Namen nenne? Im schlichten Wohngemach des grossen Hauses, des steinernen Wächters, blickt auf ihre Söhne aus einem Rosenholzrahmen die liebreizende blondgelockte Mutter, der Brüder: Heiligenbild. In Sommertagen wandelt die mädchenhafte Frau wie einst im Leben über die träumenden Pfade des kleinen Paradieses.

In der Strasse Engematt,

Ueber Wiesenhang und Wiese

Gärten gleichen Paradiese

Und bevor der Abend naht

sanft verfinstert Baum und Blatt,

Tauchen all die kleinen Sterne

In des Mondes goldnes Bad.

Und doch ist es kalt geworden und herzlos auf Erden,Menschen rücken näher zusammen, Seele lehnt sich bange an die andere.

Es ist ein Weinen in der Welt,

Als ob der liebe Gott gestorben wäre.

Und der bleierne Schatten der niederfällt,

Lastet grabesschwer.

Komm wir wollen uns näher verbergen –

Das Leben liegt in aller Herzen wie in Särgen.

Du – wir wollen uns tief küssen .....

Es pocht eine Sehnsucht an die Welt

an der wir sterben müssen.«

The National Library of Israel (Arc. Ms. Var. 501 [Else Lasker-Schüler Archive], File 2:35).