Karl Jürgen Skrodzki

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Karl Jürgen Skrodzki, Lohmar

[3]

Die gesammelten Gedichte

Von

Else Lasker-Schüler

1920

Kurt Wolff Verlag München

[4]

Sechstes bis zehntes Tausend

Druck der Spamerschen Buchdruckerei in Leipzig

[5]

Die gesammelten Gedichte

schenke ich

meiner teuren Mutter und ihrem Enkel Paul

Das Umschlagbild, von mir gezeichnet, schenke ich

Franz Marc

[Umschlag:]

Die gesammelten Gedichte (1920)

[7] Else Lasker-Schüler

Else Lasker-Schüler ist die jüdische Dichterin. Von großem Wurf. Was Deborah!

Sie hat Schwingen und Fesseln, Jauchzen des Kindes, der seligen Braut fromme Inbrunst, das müde Blut verbannter Jahrtausende und greiser Kränkungen. Mit zierlichbraunen Sandälchen wandert sie in Wüsten, und Stürme stäuben ihre kindlichen Nippsachen ab, ganz behutsam, ohne auch nur ein Puppenschühchen hinabzuwerfen. Ihr Dichtgeist ist schwarzer Diamant, der in ihrer Stirn schneidet und wehetut. Sehr wehe.

Der schwarze Schwan Israels, eine Sappho, der die Welt entzwei gegangen ist. Strahlt kindlich, ist urfinster. In ihres Haares Nacht wandert Winterschnee. Ihre Wangen feine Früchte, verbrannt vom Geiste.

Sie tollt sich mit dem alterernsten Jahve, und ihr Mutterseelchen plaudert von ihrem Knaben, wie’s sein soll, nicht philosophisch, nicht gefühlsselig, nein – von wannen Liebe und Leben kommt, aus dem Märchenbuch.

Else Lasker-Schüler ist von dunkelknisternder Strähne auf heißem, leidenschaftstrengem Judenhaupte, und so berührt so etwas wie deutsche Volksweise, wie Morgenwind durch die Nardengassen der Sulamith überaus [8] köstlich. Wie auch Heine einen Einschlag von deutschen Fäden im Blute hatte, wohl noch stärker als Prinzeß Tino. So daß es bei ihm zu Kampf, fast zur Auflösung kam.

Else’s Seele aber steht in den Abendfarben Jerusalems, wie sie’s einmal so überaus glücklich bezeichnet hat.

Jüdische Dichter, schöpferische Dichter aus Judäerblut sind selten. Die Glut einer entlegenen Urseele ursprünglich, stark und bei Schmähungen ungereizt zu erhalten, ist nicht leicht. Heinrich Heine hat zu viel kleinliche Gehässigkeit, zu viel geriebenes Feuilleton unter seinen Werken.

Ein zweiter Gedichtband ist im Druck. Auf Wiedersehen, Tino!

Tino ist der unpersönliche Namen, den ich für die Freundin und den Menschen fand, die flammenden Geist und zitternde Welt wie mit Blumenkelchen umfangende Seele.

Peter Hille.

St. Peter Hille

war eine Welt,

Meteor stieß er von sich.

Tino.

[9]

Meine hebräischen Balladen

widme ich

Karl Kraus

dem Kardinal

[10] Versöhnung

(Meiner Mutter)

Es wird ein großer Stern in meinen Schoß fallen …

Wir wollen wachen die Nacht,

In den Sprachen beten,

Die wie Harfen eingeschnitten sind.

Wir wollen uns versöhnen die Nacht –

So viel Gott strömt über.

Kinder sind unsere Herzen,

Die möchten ruhen müdesüß.

Und unsere Lippen wollen sich küssen,

Was zagst du?

Grenzt nicht mein Herz an deins –

Immer färbt dein Blut meine Wangen rot.

Wir wollen uns versöhnen die Nacht,

Wenn wir uns herzen, sterben wir nicht.

Es wird ein großer Stern in meinen Schoß fallen.

[11] Mein Volk

(Meinem geliebten Sohn Paul)

Der Fels wird morsch,

Dem ich entspringe

Und meine Gotteslieder singe …

Jäh stürz ich vom Weg

Und riesele ganz in mir

Fernab, allein über Klagegestein

Dem Meer zu.

Hab mich so abgeströmt

Von meines Blutes

Mostvergorenheit.

Und immer, immer noch der Widerhall

In mir,

Wenn schauerlich gen Ost

Das morsche Felsgebein,

Mein Volk,

Zu Gott schreit.

[12] Boas

(Meiner unvergeßlichen Prinzessin Hellene von Soutzo)

Ruth sucht überall

Nach goldenen Kornblumen

An den Hütten der Brothüter vorbei –

Bringt süßen Sturm

Und glitzernde Spielerei

Über Boas Herz;

Das wogt ganz hoch

In seinen Korngärten

Der fremden Schnitterin zu.

[13] Esther

(Dem Robert Schoepf)

Esther ist schlank wie die Feldpalme,

Nach ihren Lippen duften die Weizenhalme

Und die Feiertage, die in Juda fallen.

Nachts ruht ihr Herz auf einem Psalme,

Die Götzen lauschen in den Hallen.

Der König lächelt ihrem Nahen entgegen –

Denn überall blickt Gott auf Esther.

Die jungen Juden dichten Lieder an die Schwester,

Die sie in Säulen ihres Vorraums prägen.

[14] An Gott

Du wehrst den guten und den bösen Sternen nicht;

All ihre Launen strömen.

In meiner Stirne schmerzt die Furche,

Die tiefe Krone mit dem düsteren Licht.

Und meine Welt ist still –

Du wehrtest meiner Laune nicht.

Gott, wo bist du?

Ich möchte nah an deinem Herzen lauschen,

Mit deiner fernsten Nähe mich vertauschen,

Wenn goldverklärt in deinem Reich

Aus tausendseligem Licht,

Alle die guten und die bösen Brunnen rauschen.

[15] Jakob und Esau

(Meinen lieben Spielgefährten Hanns Schweickart und Aribert Wäscher)

Rebekkas Magd ist eine himmlische Fremde,

Aus Rosenblättern trägt die Engelin ein Hemde

Und einen Stern im Angesicht.

Und immer blickt sie auf zum Licht,

Und ihre sanften Hände lesen

Aus goldenen Linsen ein Gericht.

Jakob und Esau blühn an ihrem Wesen

Und streiten um die Süßigkeiten nicht,

Die sie in ihrem Schoß zum Mahle bricht.

Der Bruder läßt dem jüngeren die Jagd

Und all sein Erbe für den Dienst der Magd;

Um seine Schultern schlägt er wild das Dickicht.

[16] Abel

(Fritz Holländer, dem Tondichter meiner Wupper)

Kains Augen sind nicht gottwohlgefällig,

Abels Angesicht ist ein goldener Garten,

Abels Augen sind Nachtigallen.

Immer singt Abel so hell

Zu den Saiten seiner Seele,

Aber durch Kains Leib führen die Gräben der Stadt.

Und er wird seinen Bruder erschlagen –

Abel, Abel, dein Blut färbt den Himmel tief.

Wo ist Kain, da ich ihn stürmen will:

Hast du die Süßvögel erschlagen

In deines Bruders Angesicht?

[17] Pharao und Joseph

(Dem Doktor Benn)

Pharao verstößt seine blühenden Weiber,

Sie duften nach den Gärten Amons.

Sein Königskopf ruht auf meiner Schulter,

Die strömt Korngeruch aus.

Pharao ist von Gold.

Seine Augen gehen und kommen

Wie schillernde Nilwellen.

Sein Herz aber liegt in meinem Blut.

Zehn Wölfe gingen an meine Tränke.

Immer denkt Pharao

An meine Brüder,

Die mich in die Grube warfen.

Säulen werden im Schlaf seine Arme

Und drohen.

Aber sein träumerisch Herz

Rauscht auf meinem Grund.

Darum dichten meine Lippen

Große Süßigkeiten,

Im Weizen unseres Morgens.

[18] David und Jonathan

(Dem Senna Hoy)

In der Bibel stehn wir geschrieben

Buntumschlungen.

Aber unsere Knabenspiele

Leben weiter im Stern.

Ich bin David,

Du mein Spielgefährte.

O, wir färbten

Unsere weißen Widderherzen rot!

Wie die Knospen an den Liebespsalmen

Unter Feiertagshimmel.

Deine Abschiedsaugen aber –

Immer nimmst du still im Kusse Abschied.

Und was soll dein Herz

Noch ohne meines –

Deine Süßnacht

Ohne meine Lieder.

[19] David und Jonathan

O Jonathan, ich blasse hin in deinem Schoß,

Mein Herz fällt feierlich in dunklen Falten,

In meiner Schläfe pflege du den Mond,

Des Sternes Gold sollst du erhalten,

Du bist mein Himmel mein, du Liebgenoß.

Ich hab’ so säumerisch die kühne Welt

Fern immer nur im Bach geschaut,

Wie bunt sie nun aus meinem Auge fällt,

Von deiner Liebe aufgetaut.

O Jonathan, nimm du die königliche Träne,

Sie schimmert weich und reich wie eine Braut.

O Jonathan, du Blut der süßen Feige,

Duftendes Gehang an meinem Zweige,

Du Ring in meiner Lippe Haut.

Durch den ich wieder neu und scheu mich sehne …

[20] Ruth

(Der Leila: Lucie von Goldschmidt-Rothschild)

Und du suchst mich vor den Hecken.

Ich höre deine Schritte seufzen

Und meine Augen sind schwere dunkle Tropfen.

In meiner Seele blühen süß deine Blicke

Und füllen sich,

Wenn meine Augen in den Schlaf wandeln.

Am Brunnen meiner Heimat

Steht ein Engel,

Der singt das Lied meiner Liebe,

Der singt das Lied Ruths.

[21] Saul

(Meinem blauen, blauen Reiter Franz Marc)

Über Juda liegt der große Melech wach.

Ein steinernes Kameltier trägt sein Dach.

Die Katzen schleichen scheu um rissige Säulen.

Und ohne Leuchte sinkt die Nacht ins Grab,

Sauls volles Auge nahm zur Scheibe ab.

Die Klageweiber treiben hoch und heulen.

Vor seinen Toren aber stehn die Hethiter.

– Er zwingt den Tod, den ersten Eindring nieder –

Und schwingt mit fünfmalhunderttausend Mann die Keulen.

[22] Moses und Josua

(Dem Bischof Ignaz Jezower)

Als Moses im Alter Gottes war,

Nahm er den wilden Juden Josua

Und salbte ihn zum König seiner Schar.

Da ging ein Sehnen weich durch Israel –

Denn Josuas Herz erquickte wie ein Quell.

– Des Bibelvolkes Judenleib war sein Altar.

Die Mägde mochten den gekrönten Bruder gern –

Wie heiliger Dornstrauch brannte süß sein Haar;

Sein Lächeln grüßte den ersehnten Heimatstern,

Den Mosis altes Sterbeauge aufgehn sah,

Als seine müde Löwenseele schrie zum Herrn.

[23] Im Anfang

(Weltscherzo)

(Dem lieben Erik-Ernst Schwabach)

Hing an einer goldnen Lenzwolke,

Als die Welt noch Kind war

Und Gott noch junger Vater war.

Schaukelte hei

Auf dem Ätherei

Und meine Wollhärchen flitterten ringelrei.

Neckte den wackelnden Mondgroßpapa,

Naschte Sonne der Goldmama,

In den Himmel sperrte ich Satan ein,

Und Gott in die rauchende Hölle.

Die drohten mit ihrem größten Finger

Und haben »klumbumm, klumbumm« gemacht,

Und es sausten die Peitschenwinde;

Doch Gott hat nachher zwei Donner gelacht

Mit dem Teufel über meine Todsünde.

Würde 10000 Erdglück geben.

Noch einmal so gottgeboren zu leben,

So gottgeborgen, so offenbar.

Ja, ja,

Als ich noch Gottes Schlingel war!

[24] Zebaoth

(Dem Franz Jung)

Gott, ich liebe dich in deinem Rosenkleide,

Wenn du aus deinen Gärten trittst, Zebaoth.

O, du Gottjüngling,

Du Dichter,

Ich trinke einsam von deinen Düften.

Meine erste Blüte Blut sehnte sich nach dir,

So komme doch,

Du süßer Gott,

Du Gespiele Gott,

Deines Tores Gold schmilzt an meiner Sehnsucht.

[25] Abraham und Isaak

(Dem großen Propheten St. Peter Hille in Ehrfurcht)

Abraham baute in der Landschaft Eden

Sich eine Stadt aus Erde und aus Blatt

Und übte sich mit Gott zu reden.

Die Engel ruhten gern vor seiner frommen Hütte

Und Abraham erkannte jeden;

Himmlische Zeichen ließen ihre Flügelschritte.

Bis sie dann einmal bang in ihren Träumen

Meckern hörten die gequälten Böcke,

Mit denen Isaak opfern spielte hinter Süßholzbäumen.

Und Gott ermahnte: Abraham!!

Er brach vom Kamm des Meeres Muscheln ab und Schwamm

Hoch auf den Blöcken den Altar zu schmücken.

Und trug den einzigen Sohn gebunden auf den Rücken

Zu werden seinem großen Herrn gerecht –

Der aber liebte seinen Knecht.

[26] Eva

(Dem Hans Ehrenbaum-Degele)

Du hast deinen Kopf tief über mich gesenkt,

Deinen Kopf mit den goldenen Lenzhaaren,

Und deine Lippen sind von rosiger Seidenweichheit,

Wie die Blüten der Bäume Edens waren.

Und die keimende Liebe ist meine Seele.

O, meine Seele ist das vertriebene Sehnen;

Du zitterst vor Ahnungen,

Weißt nicht, warum deine Träume stöhnen.

Und ich liege schwer auf deinem Leben,

Eine tausendstämmige Erinnerung,

Und du bist so blutjung, so adamjung …

Du hast deinen Kopf tief über mich gesenkt –.

[27] Sulamith

O, ich lernte an deinem süßen Munde

Zuviel der Seligkeiten kennen!

Schon fühl ich die Lippen Gabriels

Auf meinem Herzen brennen …

Und die Nachtwolke trinkt

Meinen tiefen Zederntraum.

O, wie dein Leben mir winkt!

Und ich vergehe

Mit blühendem Herzeleid

Und verwehe im Weltraum,

In Zeit,

In Ewigkeit,

Und meine Seele verglüht in den Abendfarben

Jerusalems.

[28] Jakob

(Dem Doktor Gerhard Pagel)

Jakob war der Büffel seiner Herde.

Wenn er stampfte mit den Hufen

Sprühte unter ihm die Erde.

Brüllend ließ er die gescheckten Brüder,

Rannte in den Urwald an die Flüsse,

Stillte dort das Blut der Affenbisse.

Durch die müden Schmerzen in den Knöcheln

Sank er vor dem Himmel fiebernd nieder,

Und sein Ochsgesicht erschuf das Lächeln.

[29] Meine Kinderzeit

(Hänschen Schickele in Liebe)

Nach der Schule trafen wir uns auf der Wiese und legten dort mühsam Balken quer übereinander. Zwei meiner Spielgefährten setzten sich auf das eine Ende der Schaukel. Willy Himmel und ich aber bestiegen das lange Steckenpferd hoch in der Luft. Die beiden gegenüber flogen dann plötzlich jauchzend in die Höhe, immer wieder, wenn wir zwei, der Willy und ich, Rücken an Rücken gelehnt, den Balken mit unseren kleinen Körpergewichten herabdrückten. Sanken dann wie durch unsere eigenen Hüllen in das Gras des Sommers übergrünt hinein; immer wie ein warmer Faden zog’s durch unsere Leiber. Wenn wir genug von diesem Spiel hatten, streckten wir alle die Zungen heraus, wer die längste habe, Alfred Baumann beteiligte sich sehr überlegen an solchem »Unsinn«. Er war gelehrt, las die »Mappe« und wollte Professor werden. Und Pülle Kaufmann hatte immer eine belegte Zunge, aß seine Suppe nie, denn er lutschte viel Süßholz. Aber oft streckte er seine Zunge schwarz aus dem Mund; das kam vom Lakritz. Willy Himmel aber hatte ein rosiges Zünglein wie ein Engelchen, auch blickte ich neugierig oft in seine goldenen Augen, die waren gar nicht angestrichen wie die meinen und die der anderen Jungens.

[30] In der Früh fielen vom Birnbaum eines fremden Gartens mächtige Birnen herunter in unsere kleine Gasse, in Schülers Gasse. Manchmal schlich ich leise auf bloßen Füßen über die Treppe durch den Hausflur an zwei Amoren vorbei und sammelte die dicken Birnen in mein Nachtkittelchen. Einmal traf ich den Pülle, dem ich im Vertrauen von unserer Schlaraffenlandgasse erzählt hatte. Der Pülle Kaufmann trug heute keine Watte in den Ohren wie sonst; er war nämlich auch heimlich von zu Hause ausgerückt, und ich bemerkte sofort seine leeren Ohren und machte ihm einen Vorschlag und betonte dann ganz ernstlich auf die weitabstehenden Löffel weisend:

»Heute mußt du aber gehört haben, Pülle!«

»Wa?« antwortete Pülle genau wie mit den Wattebüscheln in den Höhlen. »Wa?«

»Pülle,« rief ich ungeduldig, »wenn du mir sagst, was ich dir eben anvertraute, schenk ich dir meine Knopfsammlung.« Ich war nämlich müde, immer alles zu wiederholen.

»Wa?« Aber dann sich überstürzend fragte er: »Die ganzen Knöpfe?«

Ich nickte zögernd, mein Angebot reute mich schon. »Du, ich schenk dir unsere große, rosa Muschel aus unserem Gartenzimmer, Pülle, wenn du mir sagst, was ich dir eben sagte.«

Als Bestätigung fiel jedesmal eine reife Birne vom [31] Baum, wir jauchzten dann erschreckt auf. Da bekannte denn endlich der Pülle, er habe genau gehört, daß ich gesagt habe, wir wollen uns zwei ein Häuschen bauen in der kleinen Gasse, darin wir uns verstecken könnten vor den Hunden und vor dem Gewitter.

Mein Vater guckte plötzlich aus dem Fenster, er konnte auch nicht schlafen, wenn die großen Birnen fielen. »Wollt ihr wohl herauf kommen, ihr ungezogenen Kinder, ihr bekommt ja die Windpocken!« Überhaupt, er konnte furchtbar wettern, unsere niedlichen Körper drohten fast einzustürzen; im Grunde aber wollte er selbst ein paar Birnen verzehren, und wir brachten ihm die allerfettsten; dafür durften wir mit seinen bunten Manschettenknöpfen und allerhand Krimskrams in einer Holzschale spielen. Auch drehte er uns seine Kreisel und Blechenten auf, und wir mußten seine großen Stiefel anziehen. Der Pülle sah dann aus wie der Zwerg mit den Meilenstiefeln.

Am Sonnabend aber brachte mein Vater in seinen Tausendtaschen Knallbonbons mit nach Haus. Am Morgen schon mußte ich meinen sechsjährigen Kameraden holen und wir marschierten mit Herrn Schüler durch seine Marienstadt, die lag hoch auf einem Hügel. Aber bevor wir abgezogen, ließen wir die Bonbons knallen; für jedes der Kinder lag in Seidenpapier behutsam eine Kopfbedeckung eingewickelt. Alle die armen Kinder an den Häuserecken beneideten uns; waren wir [32] eigentlich doch nichts anderes als vier Hündchen in bunten Helmen, die Herrn Schüler die Waren tragen mußten für die armen Leute der Marienstadt.

Nachmittags spielten wir dann meist bei Kaufmanns im Garten Soldaten. Aber mit dem Alfred Baumann hatten wir fast jedesmal unsere liebe Not. Er mußte zum Mitspielen gezwungen werden; namentlich zum Kriegsspiel, und gerade bei diesem Spiel ergötzten wir uns am meisten. Pülle und Willy besaßen wirkliche Ulanenmützen, aber der Willy lieh dem Alfred seine, den Freund zu interessieren, ihn anzuwerben. Wir fertigten uns aus Papier welche an, aber ich mußte Feind sein, weil ich ein Mädchen war, zur Strafe. Sonst bemerkte ich nie von seiten meiner Spielgefährten irgendeine Geringschätzung mir gegenüber und ich fügte mich drein, freiwillig ein französischer General zu werden, denn die Feinde behaupteten, sie könnten dann besser richtig schimpfen, da ich unter meinen Röckchen eine weite, rote Flanellhose trage »Franzos mit der roten Hos«. Nun war ich gereizt genug, den Angriff zu wagen.

Doch vorher rief uns Pülles Mutter, die Seraphine, zum Kaffee in die Stube zu kommen. Sie saß kerzengerade auf ihrem Sessel und strickte, und Kaufmann, Pülles Vater, saß ihr gegenüber und schlief im Sitzen. Wir staunten ihn alle an, bis ihn Seraphine, girrend auf die hohe Wanduhr zeigend, ermahnte: »Kaufmann, [33] wache auf«. Aber heute konnte Pülles Mutter nicht mit uns gemeinsam schmausen, sie müsse Pülle ein Ohrenspritzchen besorgen gehn. Wir beneideten ihn alle drei darum, aber die alte Köchin nickte mitleidig mit ihrem Warzengesicht, strich dann mein gesticktes Kleidchen zurecht und legte mir Zucker in die Tasche, weil ich ein Mädchen sei. Die Jungens aber konnten ihren Neid nicht mehr unterdrücken, und da die Mutter Seraphine schon ihr Haus verlassen hatte, ließen sie ihre Wut an mir aus. Der Baumann vergaß seine Gelehrsamkeit so weit, daß er in meinen süßen Kaffee spuckte; Willys gelbe Augen zogen sich zusammen wie bei unserer Katze, und der Pülle trat die alte Köchin mit seinem Fuß gegen den Schwammbauch. Immer fielen große Regentropfen aus meinen Augen auf den Boden, und die greise Köchin schnäuzte mein Näschen, daß es aussah wie ein Radieschen. Aus meinem Taschentuch fiel der grüne Zuckerfrosch, den ich wie ein Heiligtum bei mir trug; den opferte ich den kleinen Barbaren, die waren dann bereit, wieder Frieden zu schließen. Willy Himmel, der den Kopf des Frosches schon verzehrt hatte, und das Blättchen, worauf das Zuckertier gesessen hatte, erwischte, schlich dankbar an mich heran und küßte mich auf den Mund.

Wir spielten Domino mit Korintheneinsatz. Jedem Kind schüttete die gutmütige Alte ein Häufchen Korinthen auf den Tisch. Der Baumann hatte sich ganz [34] dreist fast alle stibitzt. Das Murren richtete sich diesmal gegen ihn. Aber er imponierte uns doch im großen ganzen; leiden mochten wir ihn alle nicht; aber er trug eine Hornbrille. Er erklärte uns, die Affen der Urwälder, die hätten – er habe es gerade in der Gartenlaube gelesen – auch einen Nabel wie die Menschen, aber – er hielt inne – an dem Nabel der Affen wüchsen die kleinen Affen wie Blättchen, dann wie Blüten, dann wie Früchte, bis sie einen Schwanz hätten, zum Abpflücken. Wir kreischten vor Vertraulichkeit, saßen plötzlich im Kreis, unsere Gesichter legten sich zusammen zu einem Bukett aus Rotbacken. Die einschlafende Köchin knurrte aus dem Schlaf: »Kenger, öhr mößt önk nich so unanständig erzählen.« Wir rückten aber nur noch näher zusammen, und der Pülle fragte kichernd, ob Mädchen auch wohl einen Nabel hätten? Er habe einmal ein Märchen gelesen – er log –, darin wäre vorgekommen, eine Königstochter habe einen Nabel gehabt wie ein Brunnen so hohl und tief in den Leib herab, und da hätten die Leute der Stadt ihre Wäsche drin gewaschen.

Die drei Ulanen machten viel Feinde zu Gefangenen; ich wurde in die Küche gesperrt und mußte so tun, als ob ich ein ganzes Regiment gefangener Franzosen wäre, die sich aus dem Turm zu befreien versuchten und die Deutschen verhöhnten. Alfred Baumann war am hitzigsten, der Sieg hatte ihn überwältigt, er war Feldmarschall [35] geworden, damit er die Lust nicht verliere; er war furchtbar zu schauen; mein Herz sprang wie die Feinde, die von der Anhöhe des Gartens auf ihren Rossen ins Tal sprengten. Feldmarschall Baumann stand schon vor meinem Turmverließ; ich stemmte mit übermenschlicher Anstrengung verzehntausendfacht meinen kleinen Körper an das dröhnende Holz. Mein Röckchen wehte aufgehißt als Fahne im Wind am Fenster. Ich vergaß meinen militärischen Generalsrang, und schrie »Mama, Mama!!« Ganz still wurde es von draußen, man hörte auch nicht mehr das leise Kichern; die Feinde hatten sich, scheint’s, zurückgezogen. Aber das war eine List des Marschalls Baumann gewesen; sein Adjutant Himmel, der mußte verharren; vor der Turmtür leise Wache stehen. Zögernd öffnete ich auf einmal mit einem Ruck meinen Küchenturm; ich sah die goldenen Augen Willys schmelzen von Schmerz, an einem Fetzen baumelte sein Zeigefinger an der Hand und färbte dann die Steine der Hausflur dunkelrot. Den ohnmächtigen Verwundeten trugen die Kameraden auf Seraphinens Kanapee; in der Zeit nahm ich die Flucht.

Seit dieser Niederlage verfolgten mich die kleinen deutschen Spielsoldaten mit ihrem Haß, standen oft an der Ecke der Austraße noch mit einem Heer verbündeter Jungens, rissen mir den Schulranzen vom Rücken, warfen mich zur Erde und traten und pufften mich: [36] »Franzos mit der roten Hos! Franzos mit der roten Hos!« Einmal kam Pülles Mutter gerade vorbei, im Sonnenschein und mit ihrem grünen Sonnenschirm; wie die Suppenkasparmutter sah sie aus, als sie den Mund ermahnend ganz rund öffnete: »Pülle –!« Ich wagte gar nicht mehr allein auszugehen, auch hatte ich den Ziegenpeter bekommen und das deutsche Heer geriet in große Scheu vor mir: ich sei verhext von einer bösen Zauberin; aus den Nebengassen nur hörte ich noch manchmal ganz leise das böse Liedchen: »Franzos mit der roten Hos!«

[37] Ein alter Tibetteppich

Deine Seele, die die meine liebet,

Ist verwirkt mit ihr im Teppichtibet.

Strahl in Strahl, verliebte Farben,

Sterne die sich himmellang umwarben.

Unsere Füße ruhen auf der Kostbarkeit,

Maschentausendabertausendweit.

Süßer Lamasohn auf Moschuspflanzenthron

Wie lange küßt dein Mund den meinen wohl

Und Wang die Wange buntgeknüpfte Zeiten schon?

[38] Styx

O, ich wollte, daß ich wunschlos schlief,

Wüßt ich einen Strom, wie mein Leben so tief,

Flösse mit seinen Wassern.

(Die Gedichte des Styx schenke ich Ludwig von Ficker, dem Landvogt von Tyrol und seiner schönen Schwedin)

[39] Chronica

(Meinen Schwestern zu eigen)

Mutter und Vater sind im Himmel –

Amen.

Drei Seelen breiten

Aus stillem Morgenträumen

Zum Gottland ihre Wehmut aus; –

Denn drei sind wir Schwestern,

Die vor mir träumten schon in Sphinxgestalten

Zu Pharaozeiten; –

Mich formte noch im tiefsten Weltenschoß

Die schwerste Künstlerhand.

Und wisset wer meine Brüder sind?

Sie waren die drei Könige, die gen Osten zogen

Dem weißen Sterne nach zum Gotteskind.

Aber acht Schicksale wucherten aus unserem Blut.

Vier plagen uns im Abendrot,

Vier verdunkeln uns die Morgenglut,

Sie brachten über uns Hungersnot

Und Herzensnot und Tod.

Und es steht:

Aber unserem letzten Grab ihr Fortleben noch,

Den Fluch über alle Welten zu weben,

Sich ihres Bösen zu freuen.

Aber die Winde werden einst ihren Staub scheuen.

Satan, erbarme dich ihrer.

[40] Meine Schamröte

Du, sende mir nicht länger den Duft,

Den brennenden Balsam

Deiner süßen Gärten zur Nacht.

Auf meinen Wangen blutet die Scham

Und um mich zittert die Sommerluft.

Du … wehe Kühle auf meine Wangen

Aus duftlosen, wunschlosen Gräsern zur Nacht.

Nur nicht länger den Hauch deiner suchenden Rosen,

Er quält meine Scham.

[41] Mein Tanzlied

(Dem schönen Schauspieler Erich Kaiser-Titz)

Aus mir braust finstre Tanzmusik,

Meine Seele kracht in tausend Stücken;

Der Teufel holt sich mein Mißgeschick,

Um es ans brandige Herz zu drücken.

Die Rosen fliegen mir aus dem Haar

Und mein Leben saust nach allen Seiten,

So tanz ich schon seit tausend Jahr,

Seit meiner ersten Ewigkeiten.

[42] Kühle

(Dem Kurt Pinthus)

In den weißen Bluten

Der hellen Rosen

Möchte ich verfluten.

Doch auf den Teichen

Warten die starren, seelenlosen Wasserrosen,

Meiner Sehnsucht Kühle zu reichen.

[43] Dir

Drum wein ich,

Daß bei deinem Kuß

Ich so nichts empfinde

Und ins Leere versinken muß.

Tausend Abgründe

Sind nicht so tief,

Wie diese große Leere.

Ich sinne im engsten Dunkel der Nacht,

Wie ich dirs ganz leise sage,

Doch ich habe nicht den Mut.

Ich wollte, es käme ein Südenwind,

Der dirs herübertrage,

Damit es nicht gar voll Kälte kläng

Und er dirs warm in die Seele säng

Kaum merklich durch dein Blut.

[44] Mein Drama

(Der lieben Grete Fischer aus Prag)

Mit allen duftsüßen Scharlachblumen

Hat er mich gelockt,

Keine Nacht mehr hielt ich es im engen Zimmer aus,

Liebeskrumen stahl ich mir vor seinem Haus

Und sog mein Leben, ihn ersehnend, aus.

Es weint ein bleicher Engel leis in mir versteckt,

Ich glaube tief in meiner Seele;

Er fürchtet sich vor mir.

Im wilden Wetter sah ich mein Gesicht!

Ich weiß nicht wo, vielleicht im dunklen Blitz,

Mein Auge stand wie Winternacht im Antlitz,

Nie sah ich grimmigeres Leid.

… Mit allen duftsüßen Scharlachblumen

Hat er mich gelockt,

Es regt sich wieder weh in meiner Seele

Und leitet mich durch all Erinnern weit.

Sei still mein wilder Engel mein,

Gott weine nicht

Und schweige von dem Leid,

Mein Schmerzen soll sich nicht entladen,

Den Faden, der mich hielt mit allen Leben,

Hab ich der Welt zurückgegeben

Freiwillig.

Auf allen Denkgesteinen wird mein Leiden brennen,

Um alles Blühen lohen, wie ein dunkler Bann.

Ich sehne mich nach meiner blindverstoßenen Einsamkeit,

Trostsuchend wie mein Kind sie zu umarmen.

[45] Schwarze Sterne

(Meinem lieben Sioux Marsden Hartley)

Warum suchst du mich in unseren Nächten,

In Wolken des Hasses auf bösen Sternen!

Laß mich allein mit den Geistern fechten.

Sie schnellen vorbei auf Geyerschwingen

Aus längst vergessenen Wildlandfernen.

Eiswinde durch Lenzessingen.

Und du vergißt die Gärten der Sonne

Und blickst gebannt in die Todestrübe.

Ach, was irrst du hinter meiner Not.

[46] Liebessterne

Deine Augen harren vor meinem Leben

Wie Nächte, die sich nach Tagen sehnen,

Und der schwüle Traum liegt auf ihnen unergründet.

Seltsame Sterne starren zur Erde,

Eisenfarbene mit Sehnsuchtsschweifen,

Mit brennenden Armen die Liebe suchen

Und in die Kühle der Lüfte greifen.

[47] Vergeltung

Hab hinter deinem trüben Grimm geschmachtet,

Und der Tod hat in meiner Seele genachtet

Und fraß meine Lenze.

Da kam ein Augenblick,

Ein spielender, jauchzender Augenblick

Und tanzte mit mir ins Leben zurück

Bis zur Grenze.

Aber das Netz meiner Augen zerriß

Vom plötzlichen Lichtglanz.

Wie soll ich nun die Goldzeiten auffangen!

Meine Seele die Goldlüfte einsaugen!

Der Tod hat sich fest an mein Leben gehangen,

Ich fühle immer stilleres Vergessen …

Himmelszeichen künden Unheil an im Westen,

In der Sackgasse brütet Frucht ein Nebelbaum

Und winkt mir heimlich mit den Schattenästen –

Ja! Meine Seele soll Beklemmnis von ihm essen!

Und ein Alp auf dir liegen nachts im Traum.

[48] Sein Blut

Am liebsten pflückte er meines Glückes

Letzte Rose im Maien

Und würfe sie in den Rinnstein.

Sein Blut plagt ihn.

Am liebsten lockte er meiner Seele

Zitternden Sonnenstrahl

In seine düstere Nächtequal.

Am liebsten griff er mein spielendes Herz

Aus wiegendem Lenzhauch

Und hing es auf wo an einem Dornstrauch

… Sein Blut plagt ihn.

[49] Abend

Es riß mein Lachen sich aus mir,

Mein Lachen mit den Kinderaugen,

Mein junges, springendes Lachen

Singt Tag der dunklen Nacht vor deiner Tür.

Es kehrte aus mir ein in dir

Zur Lust dein Trübstes zu entfachen –

Nun lächelt es wie Greisenlachen

Und leidet Jugendnot.

[50] Winternacht

(Cellolied)

Ich schlafe tief in starrer Winternacht,

Mir ist, ich lieg in Grabesnacht,

Als ob ich spät um Mitternacht gestorben sei

Und schon ein Sternenleben tot.

Zu meinem Kinde zog mein Glück

Und alles Leiden in das Leid zurück.

Nur meine Sehnsucht sucht sich heim

Und zuckt wie zähes Leben

Und stirbt.

Ich schlafe tief in starrer Winternacht,

Mir ist, ich lieg in Grabesnacht.

[51] Frühling

Wir wollen wie der Mondenschein

Die stille Frühlingsnacht durchwachen,

Wir wollen wie zwei Kinder sein.

Du hüllst mich in dein Leben ein

Und lehrst mich so wie du zu lachen.

Ich sehnte mich nach Mutterlieb

Und Vaterwort und Frühlingsspielen,

Den Fluch, der mich durchs Leben trieb,

Begann ich, da er bei mir blieb,

Wie einen treuen Feind zu lieben.

Nun blühn die Bäume seidenfein

Und Liebe duftet von den Zweigen.

Du mußt mir Mutter und Vater sein

Und Frühlingsspiel und Schätzelein

Und ganz mein eigen.

[52] Weltflucht

(Herwarth Walden, dem Tondichter des Liedes)

Ich will in das Grenzenlose

Zu mir zurück,

Schon blüht die Herbstzeitlose,

Vielleicht ists schon zu spät zurück.

O, ich sterbe unter euch!

Da ihr mich erstickt mit euch.

Fäden möchte ich um mich ziehen

Wirrwarr endend!

Beirrend,

Euch verwirrend,

Zu entfliehn

Meinwärts.

[53]

Meine schöne Mutter

blickte immer auf Venedig

[55] Mutter

(Meiner teuren Mutter, dem heiligsten Stern über meinem Leben)

Ein weißer Stern singt ein Totenlied

In der Julinacht,

Wie Sterbegeläut in der Julinacht.

Und auf dem Dach die Wolkenhand,

Die streifende feuchte Schattenhand

Sucht nach meiner Mutter.

Ich fühle mein nacktes Leben,

Es stößt sich ab vom Mutterland,

So nackt war nie mein Leben,

So in die Zeit gegeben,

Als ob ich abgeblüht

Hinter des Tages Ende

Zwischen weiten Nächten stände,

Alleine.

[56] Mutter

O Mutter, wenn du leben würdest,

Dann möchte ich spielen in deinem Schoß.

Mir ist bang und mein Herz schmerzt

Von der vielen Pein.

Überall sprießt Blutlaub.

Wo soll mein Kind hin?

Ich baute keinen Pfad froh,

Alle Erde ist aufgewühlt.

Liebe, liebe Mutter.

[57] Meine Mutter

War sie der große Engel,

Der neben mir ging?

Oder liegt meine Mutter begraben

Unter dem Himmel von Rauch –

Nie blüht es blau über ihrem Tode.

Wenn meine Augen doch hell schienen

Und ihr Licht brächten.

Wäre mein Lächeln nicht versunken im Antlitz,

Ich würde es über ihr Grab hängen.

Aber ich weiß einen Stern,

Auf dem immer Tag ist;

Den will ich über ihre Erde tragen.

Ich werde jetzt immer ganz allein sein

Wie der große Engel,

Der neben mir ging.

[58] Die Stimme Edens

(Dem lieben Fritz Wolff, dem Zeichner der Generäle und seiner Malerin mit vieler Liebe)

Wilder, Eva, bekenne schweifender,

Deine Sehnsucht war die Schlange,

Ihre Stimme wand sich über deine Lippe,

Und biß in den Saum deiner Wange.

Wilder, Eva, bekenne reißender,

Den Tag, den du Gott abrangst,

Da du zu früh das Licht sahst

Und in den blinden Kelch der Scham sankst.

Riesengroß

Steigt aus deinem Schoß

Zuerst wie Erfüllung zagend,

Dann sich ungestüm raffend,

Sich selbst schaffend,

Gottseele …

Und sie wächst

Über die Welt hinaus,

Ihren Anfang verlierend,

Über alle Zeit hinaus,

Und zurück um dein Tausendherz,

Ende überragend …

[59] Singe, Eva, dein banges Lied einsam,

Einsamer, tropfenschwer wie dein Herz schlägt,

Löse die düstere Tränenschnur,

Die sich um den Nacken der Welt legt.

Wie das Mondlicht wandele dein Antlitz.

Du bist schön …

Singe, singe, horch, den Rauscheton

Spielt die Nacht und weiß nichts vom Geschehn.

Überall das taube Getöse –

Deine Angst rollt über die Erdstufen

Den Rücken Gottes herab.

Kaum rastet eine Spanne zwischen ihm und dir.

Birg dich tief in das Auge der Nacht,

Daß dein Tag nachtdunkel trage.

Himmel ersticken, die sich nach Sternen bücken –

Eva, Hirtin, es gurren

Die blauen Tauben in Eden.

Eva, kehre um vor der letzten Hecke noch!

Wirf nicht Schatten mit dir,

Blühe aus, Verführerin.

Eva, du heiße Lauscherin,

O du schaumweiße Traube,

Flüchte um vor der Spitze deiner schmalsten Wimper noch!

[60] Sphinx

Sie sitzt an meinem Bette in der Abendzeit

Und meine Seele tut nach ihrem Willen,

Und in dem Dämmerscheine traumesstillen,

Engen wie Fäden dünn sich ihre Glanzpupillen

Um ihrer Sinne schläfrige Geschmeidigkeit.

Und auf dem Nebenbette an den Leinennähten

Knistern die Spitzenranken von Narzissen,

Und ihre Hände dehnen breit sich nach dem Kissen,

Auf dem noch Träume blühn aus seinen Küssen,

Herzsüßer Duft auf weißen Beeten.

Und lächelnd taucht die Mondfrau in die Wolkenwellen,

Und meine bleichen, leidenden Psychen

Erstarken neu im Kampf mit Widersprüchen.

[61] Die Liebe

Es rauscht durch unseren Schlaf

Ein feines Wehen wie Seide,

Wie pochendes Erblühen

Über uns beide.

Und ich werde heimwärts

Von deinem Atem getragen,

Durch verzauberte Märchen,

Durch verschüttete Sagen.

Und mein Dornenlächeln spielt

Mit deinen urtiefen Zügen,

Und es kommen die Erden

Sich an uns zu schmiegen.

Es rauscht durch unseren Schlaf

Ein feines Wehen wie Seide –

Der weltalte Traum

Segnet uns beide.

[62] Der letzte Stern

(John Hertz und Alice Behrend)

Mein silbernes Blicken rieselt durch die Leere,

Nie ahnte ich, daß das Leben hohl sei.

Auf meinem leichtesten Strahl

Gleite ich wie über Gewebe von Luft

Die Zeit rundauf, kugelab,

Unermüdlicher tanzte nie der Tanz.

Schlangenkühl schnellt der Atem der Winde,

Wie Säulen aus blassen Ringen sich auf

Und zerfallen wieder.

Was soll das klanglose Luftgelüste,

Dieses Schwanken unter mir,

Wenn ich über die Lende der Zeit mich drehe.

Eine sanfte Farbe ist mein Bewegen

Und doch küßte nie das frische Auftagen,

Nicht das jubelnde Blühen eines Morgens mich.

Es naht der siebente Tag –

Und noch ist das Ende nicht erschaffen.

Tropfen an Tropfen erlöschen

Und reiben sich wieder,

In den Tiefen taumeln die Wasser

Und drängen hin und stürzen erdenab.

Wilde, schimmernde Rauscharme

Schäumen auf und verlieren sich,

Und wie alles drängt und sich engt

[63] Ins letzte Bewegen.

Kürzer atmet die Zeit

Im Schoß der Zeitlosen.

Hohle Lüfte schleichen

Und erreichen das Ende nicht,

Und ein Punkt wird mein Tanz

In der Blindnis.

[64] Mein Wanderlied

(Meinem lieben Statthalter Alfred Mayer in München)

Zwölf Morgenhellen weit

Verschallt der Geist der Mitternacht,

Und meine Lippen haben ausgedacht

In stolzer Linie mit der Ewigkeit.

Torabwärts schreitet das Verflossene,

Indes sich meine Seele in dem Glanz der Lösung bricht,

Ihr tausendheißes, weißes Licht

Scheint mir voran ins Ungegossene.

Und ich wachse über all Erinnern weit –

So ferne Musik – und zwischen Kampf und Frieden

Steigen meine Blicke, Pyramiden,

Und sind die Ziele hinter aller Zeit.

[65] Lenzleid

Daß du Lenz gefühlt hast

In meiner Winterhülle,

Daß du den Lenz erkannt hast

In meiner Todstille. –

Nicht wahr, das ist Gram

Winter sein, eh der Sommer kam,

Eh der Lenz sich ausgejauchzt hat.

O, du! Schenk mir deinen goldenen Tag

Von deines Blutes blühendem Rot.

Meine Seele friert vor Hunger,

Ist satt vom Reif –

O, du! Gieße dein Lenzblut

Durch meine Starre,

Durch meinen Scheintod.

Sieh, ich harre

Schon Ewigkeiten auf dich.

[66] Mein Sterbelied

Die Nacht ist weich von Rosensanftmut;

Komm, gib mir deine beiden Hände her,

Mein Herz pocht spät

Und durch mein Blut

Wandert die letzte Nacht und geht

Und naht so weit und ewig wie ein Meer.

Und hast du mich so sehr geliebt,

So nimm das Jubelndste von deinem Tag,

Gib mir das Gold, das keine Wolke trübt.

Es wallen Harmonien aus der Nachtlandferne –

Ich ziehe ein

Und werde Leben sein

Und Leben mich an Leben schmiegen,

Wenn über mir Paradiessterne

Ihre ersten Menschen wiegen.

[67] Leise sagen –

Du nahmst dir alle Sterne

Über meinem Herzen.

Meine Gedanken kräuseln sich,

Ich muß tanzen.

Immer tust du das, was mich aufschauen läßt,

Mein Leben zu müden.

Ich kann den Abend nicht mehr

Über die Hecken tragen.

Im Spiegel der Bäche

Finde ich mein Bild nicht mehr.

Dem Erzengel hast du

Die schwebenden Augen gestohlen.

Aber ich nasche vom Seim

Ihrer Bläue.

Mein Herz geht langsam unter,

Ich weiß nicht wo –

Vielleicht in deiner Hand.

Überall greift sie an mein Gewebe.

[68] Nachklänge

(Helene Herrmann, der ewigen Studentin)

Auf den harten Linien

Meiner Siege

Laß ich meine späte Liebe tanzen.

Herzauf, seelehin,

Tanze, tanze meine späte Liebe,

Und ich lächle schwervergessene Lieder.

Und mein Blut beginnt zu wittern,

Sich zu sehnen

Und zu flattern.

Schon vor Sternzeiten

Wünschte ich mir diese blaue,

Helle, leuchteblaue Liebe.

Deine Augen singen

Schönheit,

Duftende …

Auf den harten Linien

Meiner Siege

Laß ich meine späte Liebe tanzen.

[69] Und ich schwinge sie –

»Fangt auf ihr Rosenhimmel,

Auf und nieder!«

Tanze, tanze meine späte Liebe,

Herzab, seelehin –

Arglos über stille Tiefen …

Über mein bezwungenes Leben.

[70] Streiter

(Der verehrten Fürstin Pauline zu Wied)

Und deine hellen Augen heben sich im Zorn,

Schwarz, wie die lange Nacht, und morgenlose.

Des Eitlen Stimme brüllt in toter Pose,

Wie durch ein enggebogenes Horn.

Und im übermütigen Tausendlachen

Der Einen und der Zweiten und der Vielen

Zerbersten Wort an Worten sich aus Wetterschwielen

Wie reife Härten auf den lauten Schwachen.

Und Abendwinde, die von her und dort sich trafen

Und schrill in Kreiseleile sich beschielen,

Aufpfiffen fröstelnd über die gebohnten Dielen –

Ich konnte nachts vor Träumerei nicht schlafen.

Und meine Seele liegt wie eine bleiche Weite

Und hört das Leben mahlen in der Mühle,

Es löst sich auf in schwere Kühle,

Und ballt sich wieder heiß zum Streite.

[71] Schulzeit

(Meinem Päulchen)

Unter süßem Veilchenhimmel

Ist unsere Liebe aufgegangen,

Und ich suche allerwegen

Nach dir und deinen Morgenwangen.

Und den Ringelrangelhaaren

Rötlichblonden Rosenlocken,

Und den frühlingshellen Augen,

Die so frischfreifrohfrohlocken.

Zwischen dicken Gummipflanzen

Lauern hinter Irdentöpfen

Strickpicknadelspitze Augen

Tücksch aus bitteren Frauenköpfen.

Daß die beiden alten Damen

Hinter unsere Liebe kamen

Und dich in Gewahrsam nahmen,

Sind die Dramen unserer Herzen.

[72] Ein Ticktackliedchen für Päulchen

Mein Hämmerchen, mein Kämmerchen,

Pamm pamm, pumm pumm,

Pamm pamm, pumm pumm.

Mein Schläferchen, mein Käferchen,

Pumm pumm, pamm pamm,

Pumm pumm, pamm pamm.

Mein Ührchen tick, mein Türchen tack,

Tick tack, tick tack,

Knackknack, ticktack.

[73] Die Pavianmutter singt ihr Paviänchen in den Schlaf

(Wiegenliedchen)

(Meinem kleinen Päulchen. Aus dem Peter-Hille-Buch)

Schlafe, schlafe,

Mein Rosenpöpöchen,

Mein Zuckerläuschen,

Mein Goldflöhchen.

Morgen wird die Kaiserin aus Asien kommen

Mit Zucker, Schokoladen und Bombommen.

Schnell, schnell,

Haase Haase machen,

Sonst kriegt Blaumäulchen nichts von den Sachen.

[74] Meinlingchen

(Dem Prinzen Alcibiades de Rouan)

Meinlingchen, sieh mich an –

Dann schmeicheln tausend Lächeln mein Gesicht,

Und tausend Sonnenwinde streicheln meine Seele,

Hast wie ein Wirbelträumlein

Unter ihren Fittichen gelegen.

Nie war so lenzensüß mein Blut,

Als dich mein Odem tränkte,

Die Quellen Edens müssen so geduftet haben;

Bis dich der rote Sturm

Aus süßem Dunkel

Von meinen Herzwegen pflückte

Und dich in meine Arme legte,

In ein Bad von Küssen.

[75] Mein Kind

Mein Kind schreit auf um die Mitternacht

Und ist so heiß aus dem Traum erwacht.

Gäb ihm so gern meines Blutes Mai,

Spräng nur mein bebendes Herz entzwei.

Der Tod schleicht im Hyänenfell

Am Himmelsstreif im Mondeshell.

Aber die Erde im Blütenkeusch

Singt Lenz im kreisenden Weltgeräusch.

Und wundersüß küßt der Maienwind

Als duftender Gottesbote mein Kind.

[76] Und suche Gott

(Meinem Paul)

Ich habe immer vor dem Rauschen meines Herzens gelegen,

Nie den Morgen gesehen,

Nie Gott gesucht.

Nun aber wandle ich um meines Kindes

Goldgedichtete Glieder

Und suche Gott.

Ich bin müde vom Schlummer,

Weiß nur vom Antlitz der Nacht.

Ich fürchte mich vor der Frühe,

Sie hat ein Gesicht

Wie die Menschen, die fragen.

Ich habe immer vor dem Rauschen meines Herzens gelegen,

Nun aber taste ich um meines Kindes

Gottgelichtete Glieder.

[77] Weltschmerz

Ich, der brennende Wüstenwind,

Erkaltete und nahm Gestalt an.

Wo ist die Sonne, die mich auflösen kann,

Oder der Blitz, der mich zerschmettern kann!

Blick nun, ein steinernes Sphinxhaupt,

Zürnend zu allen Himmeln auf.

[78] Syrinxliedchen

Die Palmenblätter schnellen wie Viperzungen

In die Kelche der roten Gladiolen,

Und die Mondsichel lacht

Wie ein Faunsaug verstohlen.

Die Welt hält das Leben umschlungen

Im Strahl des Saturn.

Und durch das Träumen der Nacht

Sprüht es purpurn.

Jüx! Wollen uns im Schilfrohr

Mit Binsen aneinanderbinden

Und mit der Morgenröte Frühlicht

Den Süden unserer Liebe ergründen.

[79] Unser Liebeslied

Laß die kleinen Sterne stehn,

Lenzseits winken junge Matten

Meiner Welten, die nichts wissen vom Geschehn.

Und wir wollen unter Pinien

Heimlich beide umschlungen gehn,

In die blaue Allmacht sehn.

Zwischen Garben

Und Schilfrohrruten

Steigen Schlummer auf aus Farben.

Und von roten Abendlinien

Blicken Marmorwolkenfresken

Uns verzückte Arabesken.

[80] Heimweh

(Zwei Freunden: Paul Zech und Hans Ehrenbaum-Degele)

Ich kann die Sprache

Dieses kühlen Landes nicht,

Und seinen Schritt nicht gehn.

Auch die Wolken, die vorbeiziehn,

Weiß ich nicht zu deuten.

Die Nacht ist eine Stiefkönigin.

Immer muß ich an die Pharaonenwälder denken

Und küsse die Bilder meiner Sterne.

Meine Lippen leuchten schon

Und sprechen Fernes.

Und bin ein buntes Bilderbuch

Auf deinem Schoß.

Aber dein Antlitz spinnt

Einen Schleier aus Weinen.

Meinen schillernden Vögeln

Sind die Korallen ausgestochen,

[81] An den Hecken der Gärten

Versteinern sich ihre weichen Nester.

Wer salbt meine toten Paläste –

Sie trugen die Kronen meiner Väter,

Ihre Gebete versanken im heiligen Fluß.

[82] Abend

Hauche über den Frost meines Herzens

Und wenn du es zwitschern hörst,

Fürchte dich nicht vor seinem schwarzen Lenz.

Immer dachte das kalte Wundergespenst an mich

Und säete unter meinen Füßen – Schierling.

Nun prägt in Sternen auf meine Leibessäule

Ein weinender Engel die Inschrift.

[83] Vollmond

(Meiner Stadt Theben)

Leise schwimmt der Mond durch mein Blut …

Schlummernde Töne sind die Augen des Tages

Wandelhin – taumelher –

Ich kann deine Lippen nicht finden …

Wo bist du, ferne Stadt

Mit den segnenden Düften?

Immer senken sich meine Lider

Über die Welt – alles schläft.

[84] Nachweh

(Peter Baum und seinem Freunde Dr. Schlieper)

Weißt du noch, wie ich krank lag,

So gottverlassen –

Da kamst du,

Es war am Herbsttag,

Der Wind wehte krank durch die Gassen.

Zwei kalte Totenaugen

Hätten mich nicht so gequält,

Wie deine Saphiraugen

Die beiden brennenden Märchen.

[85] Liebesflug

(Meiner lieben Zobeïde: Wally Schramm)

Drei Stürme liebt ich ihn eher, wie er mich,

Jäh schrien seine Lippen,

Wie der geöffnete Erdmund!

Und Gärten berauschten an Mairegen sich.

Und wir griffen unsere Hände,

Die verlöteten wie Ringe sich,

Und er sprang mit mir auf die Lüfte

Gotthin, bis der Atem verstrich.

Dann kam ein leuchtender Sommertag,

Wie eine glückselige Mutter,

Und die Mädchen blickten schwärmerisch,

Nur meine Seele lag müd und zag.

[86] Groteske

Seine Ehehälfte sucht der Mond,

Da sonst das Leben sich nicht lohnt.

Der Lenzschalk springt mit grünen Füßen,

Ein Heuschreck über die Wiesen.

Steif steht im Teich die Schmackeduzie,

Es sehnt und dehnt sich Fräulein Luzie.

[87] Chaos

Die Sterne fliehen schreckensbleich

Vom Himmel meiner Einsamkeit,

Und das schwarze Auge der Mitternacht

Starrt näher und näher.

Ich finde mich nicht wieder

In dieser Todverlassenheit,

Mir ist, ich lieg von mir weltenweit

Zwischen grauer Nacht der Urangst.

Ich wollte, ein Schmerzen rege sich

Und stürze mich grausam nieder

Und riß mich jäh an mich;

Und es lege eine Schöpferlust

Mich wieder in meine Heimat

Unter der Mutterbrust.

Meine Mutterheimat ist seeleleer,

Es blühen dort keine Rosen

Im warmen Odem mehr. –

… Möcht einen Herzallerliebsten haben!

Und mich in seinem Fleisch vergraben.

[88] Scheidung

Hab in einer sternlodernden Nacht

Den Mann neben mir ums Leben gebracht.

Und als sein girrendes Blut gen Morgen rann,

Blickte mich düster sein Schicksal an.

[89] Selbstmord

Wilde Fratzen schneidet der Mond in den Sumpf.

Es kreisen alle Welten dumpf;

Hätt ich erst diese überstanden!

Mein Herz, ein Skarrabäenstein;

Blüht bunter Mai aus meinem Gebein,

Und Meere rauschen durch Guirlanden.

Ich wollt, ich wär eine Katz geworden;

Der Kater schleicht sie lustzumorden

Im vollmondblutenden Abendschein.

Wie die Nacht voll grausamer Sehnsucht keimt –

Sie hat in mir oft zart geträumt

Und ist entstellt zur Fratze.

Der Tod selbst fürchtet sich zu zwein

Und kriecht in seinen Erdenschrein,

– Aber ich pack ihn mit meiner Tatze.

[90] Mein stilles Lied

(Meiner lieben Malerin Alice Trübner)

Mein Herz ist eine traurige Zeit,

Die tonlos tickt.

Meine Mutter hatte goldene Flügel,

Die keine Welt fanden.

Horcht, mich sucht meine Mutter,

Lichte sind ihre Finger und ihre Füße wandernde Träume.

Und süße Wetter mit blauen Wehen

Wärmen meine Schlummer

Immer in den Nächten,

Deren Tage meiner Mutter Krone tragen.

Und ich trinke aus dem Monde stillen Wein,

Wenn die Nacht einsam kommt.

Meine Lieder trugen des Sommers Bläue

Und kehrten düster heim.

– Ihr verhöhntet meine Lippe

Und redet mit ihr. –

Doch ich griff nach euren Händen,

Denn meine Liebe ist ein Kind und wollte spielen.

[91] Und ich artete mich nach euch,

Weil ich mich nach dem Menschen sehnte.

Arm bin ich geworden

An eurer bettelnden Wohltat.

Und das Meer wird es wehklagen

Gott

Ich bin der Hieroglyph,

Der unter der Schöpfung steht,

Und mein Auge

Ist der Gipfel der Zeit;

Sein Leuchten küßt Gottes Saum.

[92] Palmenlied

O, du Süßgeliebter, dein Angesicht ist mein Palmengarten,

Deine Augen sind schimmernde Nile

Lässig um meinen Tanz.

In deinem Angesicht sind verzaubert

Alle die Bilder meines Blutes,

Alle die Nächte, die sich in mir gespiegelt haben.

Wenn deine Lippen sich öffnen

Verraten sie meine Seligkeiten.

Immer dieses Pochen nach dir –

Und hatte schon geopfert meine Seele.

Du mußt mich inbrünstig küssen,

Süßerlei Herzspiel;

Wir wollen uns im Himmel verstecken

O, du Süßgeliebter.

[93] Ballade

(Aus den sauerländischen Bergen)

(Dem von mir immer so verehrten Dr. Blümner)

Er hat sich

In ein verteufeltes Weib vergafft,

In sing Schwester!

Wie ein lauerndes Katzentier

Kauerte sie vor seiner Tür

Und leckte am Geld seiner Schwielen.

Im Wirtshaus bei wildem Zechgelag

Saß er und sie und zechten am Tag

Mit rohen Gesellen.

Und aus dem roten, lodernden Saft

Stieg er, ein Riese, aus zwergenhaft

Verkümmerten Gesellen.

Und ihm war, als blickte er weltenweit,

Und sie schürte den Wahn seiner Trunkenheit

Und lachte!

Und eine Krone von Felsgestein,

Von golddurchädertem Felsgestein

Wuchs ihm aus seinem Kopf.

Und die Säufer kreischten über den Spaß.

»Gott verdamm mich, ich bin der Satanas!«

Und der Wein sprühte Feuer der Hölle.

[94] Und die Stürme sausten wie Weltuntergang,

Und die Bäume brannten am Bergeshang,

Es sang die Blutschande …

Sie holten ihn um die Dämmerzeit,

Und die Gassenkinder schrien vor Freud

Und bewarfen ihn mit Unrat.

Seitdem spukt es in dieser Nacht,

Und Geister erscheinen in dieser Nacht,

Und die frommen Leute beten.

Sie schmückte mit Trauer ihren Leib,

Und der reiche Schankwirt nahm sie zum Weib,

Gelockt vom Sumpf ihrer Tränen.

– Und der mit der schweren Rotsucht im Blut

Wankt um die stöhnende Dämmerglut

Gespenstisch durch die Gassen.

Wie leidender Frevel

Wie das frevelnde Leid,

Überaltert dem lässigen Leben.

Und er sieht die Weiber so eigen an,

Und sie fürchten sich vor dem stillen Mann

Mit dem Totenkopf.

[95] »Täubchen, das in seinem eignen Blute schwimmt«

(Richard Dehmel)

Als ich also diese Worte an mich las,

Erinnerte ich mich

Tausend Jahre meiner.

Eisige Zeiten verschollen – Leben vom Leben,

Wo liegt mein Leben –

Und träumt nach meinem Leben.

Ich lag allen Tälern im Schoß,

Umklammerte alle Berge,

Aber nie meine Seele wärmte mich.

Mein Herz ist die tote Mutter,

Und meine Augen sind traurige Kinder,

Die über die Lande gehen.

»Täubchen, das in seinem eignen Blute schwimmt« …

Ja, diese Worte an mich sind heiße Tropfen,

Sind mein stilles Aufsterben

»Täubchen, das in seinem eignen Blute schwimmt« …

In den Nächten sitzen sieben weinende Stimmen

Auf der Stufe des dunklen Tors

Und harren.

[96] Auf den Hecken sitzen sie

Um meine Träume

Und tönen.

Und mein braunes Auge blüht

Halberschlossen vor meinem Fenster

Und zirpt. –

»Täubchen, das in seinem eignen Blute schwimmt« …

[97] Nun schlummert meine Seele –

(Dem lieben Hans Heinrich von Twardowski)

Der Sturm hat ihre Stämme gefällt,

O, meine Seele war ein Wald.

Hast du mich weinen gehört?

Weil deine Augen bang geöffnet stehn.

Sterne streuen Nacht

In mein vergossenes Blut.

Nun schlummert meine Seele

Zagend auf Zehen.

O, meine Seele war ein Wald;

Palmen schatteten,

An den Ästen hing die Liebe.

Tröste meine Seele im Schlummer.

[98] Ankunft

Ich bin am Ziel meines Herzens angelangt.

Weiter führt kein Strahl.

Hinter mir laß ich die Welt.

Fliegen die Sterne auf: Goldene Vögel.

Hißt der Mondturm die Dunkelheit –

… O, wie mich leise eine süße Weise betönt …

Aber meine Schultern heben sich, hochmütige Kuppeln.

[99] O, meine schmerzliche Lust …

(Elfriede Caro in großer Freundschaft)

Mein Traum ist eine junge, wilde Weide

Und schmachtet in der Dürre.

Wie die Kleider um den Tag brennen …

Alle Lande bäumen sich.

Soll ich dich locken mit dem Liede der Lerche

Oder soll ich dich rufen wie der Feldvogel

Tuuh! Tuuh!

Wie die Silberähren

Um meine Füße sieden – – –

O, meine schmerzliche Lust

Weint wie ein Kind.

[100] Die Königin

(Für Kete Parsenow)

Du bist das Wunder im Land,

Rosenöl fließt unter deiner Haut,

Vom Gegold deiner Haare

Nippen Träume;

Ihre Deutungen verkünden Dichter.

Du bist dunkel vor Gold –

Auf deinem Antlitz erwachen

Die Nächte der Liebenden.

Ein Lied bist du

Gestickt auf Blondgrund,

Du stehst im Mond …

Immer wiegen dich

Die Bambusweiden.

[101] Weltende

Es ist ein Weinen in der Welt,

Als ob der liebe Gott gestorben wär,

Und der bleierne Schatten, der niederfällt,

Lastet grabeschwer.

Komm, wir wollen uns näher verbergen …

Das Leben liegt in aller Herzen

Wie in Särgen.

Du! wir wollen uns tief küssen –

Es pocht eine Sehnsucht an die Welt,

An der wir sterben müssen.

[102] Mairosen

(Reigenlied für die großen Kinder)

(Peter Baum, dem Großfürsten)

Er hat seinen heiligen Schwestern versprochen

Mich nicht zu verführen,

Zwischen Mairosen hätte er fast

Sein Wort gebrochen,

Aber er machte drei Kreuze

Und ich glaubte heiß zu erfrieren.

Nun lieg ich im düstren Nadelwald,

Und der Herbst saust kalte Nordostlieder

Über meine Lenzglieder.

Aber wenn es wieder warm wird,

Wünsch ich den heiligen Schwestern beid

Hochzeit

Und wir – spielen dann unter den Mairosen.

[103] Nebel

(Georg Heinrich Meyer und seiner Moosrose in Leipzig)

Wir sitzen traurig Hand in Hand,

Die gelbe Sonnenrose,

Die strahlende Braut Gottes,

Leuchtet erdenabgewandt.

Und wie golden ihr Blick war,

Und unsere Augen weiten

Sich fragend wie Kinderaugen,

Weiß liegt die Sehnsucht schon auf unserm Haar.

Und zwischen den kahlen Buchen

Steigen ruhelose Dunkelheiten,

Auferstandene Nächte,

Die ihre weinenden Tage suchen.

Es schließen sich wie Rosen

Unsere Hände; du, wir wollen

Wie junge Himmel uns lieben

Im Kranz von grauen Grenzenlosen.

Ein tiefer Sommer wird schweben

Auf laubigen Flügeln zur Erde,

Und eine rauschende Süße

Strömt durch das schwermütige Leben.

[104] Und was werden wir beide spielen …

Wir halten uns fest umschlungen

Und kugeln uns über die Erde,

Über die Erde.

[105] Dasein

(Eugen von Goßler)

Hatte wogendes Nachthaar,

Liegt lange schon wo begraben.

Hatte Augen wie Bäche klar,

Bevor die Trübsal mein Gast war,

Hatte Hände muschelrotweiß,

Aber die Arbeit verzehrte ihr Weiß.

Und einmal kommt der Letzte,

Der senkt den hohlen Blick

Nach meines Leibes Vergänglichkeit

Und wirft von mir alles Sterben.

Und es atmet meine Seele auf

Und trinkt das Ewige.

[106] Es war eine Ebbe in meinem Blut

(Den lieben zwei Brüdern Helmut und Wieland Herzfelde)

Es war eine Ebbe in meinem Blut,

Es schrie wie brüllende Ozeane.

Und mit meiner Seele wehte der Tod

Wie mit einer Siegesfahne.

Zehn Könige standen um mein Bett,

Zehn stolze, leuchtende Sterne,

Sie tränkten mit Himmelstau meine Qual,

Alle Abende meine Erbqual.

Jäh rissen sich ihre Willen los,

Wie schneidende Winterstürme!

Über die Herzen hinweg!

Über das Leben hinweg!

Und ihr rasender Mut wuchs Türme!

Und sie schlugen meine Blutangst tot,

Wie Himmelsbrand blühte das Morgenrot,

Und mein Blaß schneite von ihren Wangen.

[107] Unser Kriegslied

Unsere Arme schlingen sich entgegen

Durch das Leben in runden Schwingen,

Durch das Spiel von Feuerringen,

Zwei Äste sich durch Bogenwegen.

Unsere Seelen tragen scharfe Blüten,

Und aus ihren Kelchen steigen

Weihedüfte … und die Himmel neigen

Ihre Häupter mit den blauen Güten.

Unsere Willen sind zwei harte Degen,

Und sie haben nie verfehlt gestritten,

Und wir dringen bis zum Erzkreis vor, in seiner Mitten

Fällt nach dürren Ewigkeiten Freudenregen,

Alles Sehnen nieder, und vor unserm Schilde

Stürzt das blinde Dämmergraugebilde.

Unsere Adern schmettern wie Posaunen!

Unsere Augen blicken sich in Blicken,

Wie zwei Siege sich erblicken –

Und die Nacht des Tages voll in Lichterstaunen.

[108] Unser stolzes Lied

Aber fremde Tage hängen

Über uns mit kühlen Bläuen,

Und weiße Wolkenschollen dräuen,

Das goldene Strahleneiland zu verdrängen.

Auch wir beide sind besiegte Siegerinnen,

Und Kronen steigen uns vom Blut der Zeder,

Propheten waren unsere Väter,

Unsere Mütter Königinnen.

Und süße Schwermutwolken ranken

Sich über ihre Gräber lilaheiß in Liebeszeilen,

Unsere Leiber ragen stolz, zwei goldene Säulen,

Über das Abendland wie östliche Gedanken.

[109] Dann

… Dann kam die Nacht mit deinem Traum

Im stillen Sternebrennen.

Und der Tag zog lächelnd an mir vorbei,

Und die wilden Rosen atmeten kaum.

Nun sehn ich mich nach Traumesmai,

Nach deinem Liebeoffenbaren.

Möchte an deinem Munde brennen

Eine Traumzeit von tausend Jahren.

[110] Rast

Mit einem stillen Menschen will ich wandern

Über die Berge meiner Heimat,

Schluchzend über Schluchten,

Über hingestreckte Lüfte.

Überall beugen sich die Zedern

Und streuen Blüten.

Aber meine Schulter hängt herab

Von der Last des Flügels.

Suche ewige, stille Hände:

Mit meiner Heimat will ich wandern.

[111] Heim

(Estella Meyer der Lieben)

Unsere Zimmer haben blaue Wände,

Und wir wandeln leise hin durch Himmelweiten,

Und am Abend legen Innigkeiten

Mit Engelaugen ineinander unsere Hände.

Und wir erzählen uns Geschichten,

Bis der Morgen kommt in Silberglocken

Und dem Dämmersteine in den Locken,

Der Sonne winkt durchs Tor von Wolkenschichten;

Und wie sie tanzt auf unseren wiesenhellen

Teppichen, leicht über sanftverschlungene Blumenstiele!

Zum Liebeslauschen laden unsere Stühle,

Und von den Pfeilern fallen Seidenquellen.

[112] Schuld

Als wir uns gestern gegenüber saßen,

Erschrak ich über deine Blässe,

Über die Leidenslinie deiner Wange.

Da kams, daß meine Gedanken mich vergaßen

Über der Leidenslinie deiner Wange.

Es trafen unsere Blicke sich wie Sternenfragen,

Es war ein goldenes Hin- und Herverweben,

Und deine Augen glichen seidenen Mädchenaugen.

Du öffnetest die Lippen, mir zu sagen …

Und meine Seele färbte sich in Matt,

Dumpf läutete noch einmal Brand mein Leben

Und schrumpfte dann zusammen wie ein Blatt.

[113] Wir Drei

(Wieland, ich, Helmut)

Unsere Seelen hingen an den Morgenträumen.

Wie die Herzkirschen,

Wie lachendes Blut an den Bäumen.

Kinder waren unsere Seelen,

Als sie mit dem Leben spielten,

Wie die Märchen sich erzählen.

Und von weißen Azaleen

Sangen die Spätsommerhimmel

Über uns im Südwindwehen.

Und ein Kuß und ein Glauben

Waren unsere Seelen eins,

Wie drei Tauben.

[114] Der König von Böhmen Paul Leppin

Schenkte mir seine Dichtung Daniel Jesus.

Ich schlug sie auf und las: Der lieben, lieben, lieben, lieben Prinzessin.

Ich schrieb ihm auf einen himmelblauen

Bogen: Süßer Daniel Jesus Paul.

[115] Dem König von Böhmen

Ich frage nicht mehr –

Ich weiß wer auf den Sternen wohnt …

Mein Herz sinkt tief in die Nacht.

So sterben Liebende

Immer an zärtlichen Himmeln vorbei;

Und atmen wieder dem Morgen entgegen

Auf frühleisen Schweben.

Ich aber wandele mit den heimkehrenden Sternen.

Und ich habe viele schlafende Knospen ausgelöscht,

Will ihr Sterben nicht sehn,

Wenn die Rosenhimmel tanzen.

Aus dem Gold meiner Stirne leuchtet der Smaragd,

Der den Sommer färbt.

Ich bin eine Prinzessin.

Mein Herz sinkt tief in die Nacht

An Liebende vorbei.

[116] Dem Daniel Jesus Paul

Du es ist Nacht –

Wir wollen unsere Sehnsucht teilen,

Und in die Goldgebilde blicken.

Vor meinem Herzen sitzt immer eine Tote

Und bettelt um Almosen.

Und summt meine Lieder

Schon einen weißgewordenen Sommer lang.

Über den Grabweg hinweg

Wollen wir uns lieben,

Tollkühne Knaben,

Könige, die sich nur mit dem Szepter berühren!

Frage nicht – ich lausche

Deiner Augen Rauschehonig.

Die Nacht ist eine weiche Rose,

Wir wollen uns in ihren Kelch legen,

Immer ferner versinken,

Ich bin müde vom Tod!

[117] Georg Trakl

Georg Trakl erlag im Krieg von eigener Hand gefällt.

So einsam war es in der Welt. Ich hatt ihn lieb.

[118] Georg Trakl

Seine Augen standen ganz fern.

Er war als Knabe einmal schon im Himmel.

Darum kamen seine Worte hervor

Auf blauen und weißen Wolken.

Wir stritten über Religion,

Aber immer wie zwei Spielgefährten,

Und bereiteten Gott von Mund zu Mund.

Im Anfang war das Wort.

Des Dichters Herz, eine feste Burg,

Seine Gedichte: Singende Thesen.

Er war wohl Martin Luther.

Seine dreifaltige Seele trug er in der Hand,

Als er in den heiligen Krieg zog.

– Dann wußte ich, er war gestorben –

Sein Schatten weilte unbegreiflich

Auf dem Abend meines Zimmers.

[119] Mein Lied

(Meinem gefallenen, lieben Krieger Georg Trakl)

Schlafend fällt das nächtliche Laub,

O, du stiller dunkelster Wald …

Kommt das Licht mit dem Himmel,

Wie soll ich wach werden?

Überall wo ich gehe,

Rauscht ein dunkler Wald;

Und bin doch dein spielender Herzschelm, Erde,

Denn mein Herz murmelt das Lied

Moosalter Bäche der Wälder.

[120] Das Lied meines Lebens

(Leo Kestenberg und seiner Grete)

Sieh in mein verwandertes Gesicht …

Tiefer beugen sich die Sterne.

Sieh in mein verwandertes Gesicht.

Alle meine Blumenwege

Führen auf dunkle Gewässer,

Geschwister, die sich tödlich stritten.

Greise sind die Sterne geworden …

Sieh in mein verwandertes Gesicht.

[121] Ich träume so leise von dir

Immer kommen am Morgen schmerzliche Farben,

Die sind wie deine Seele.

O, ich muß an dich denken,

Und überall blühen so traurige Augen.

Und ich habe dir doch von großen Sternen erzählt,

Aber du hast zur Erde gesehn.

Nächte wachsen aus meinem Kopf,

Ich weiß nicht wo ich hin soll.

Ich träume so leise von dir,

Weiß hängt die Seide schon über meinen Augen.

Warum hast du nicht um mich

Die Erde gelassen – sage?

[122] Abschied

Ich wollte dir immerzu

Viele Liebesworte sagen,

Nun suchst du ruhlos

Nach verlorenen Wundern.

Aber wenn meine Spieluhren spielen

Feiern wir Hochzeit.

O, deine süßen Augen

Sind meine Lieblingsblumen.

Und dein Herz ist mein Himmelreich,

Laß mich hineinschaun.

Du bist ganz aus glitzernder Minze

Und so weich versonnen.

Ich wollte dir immerzu

Viele Liebesworte sagen,

Warum tat ich das nicht?

[123] Heimlich zur Nacht

Ich habe dich gewählt

Unter allen Sternen.

Und bin wach – eine lauschende Blume

Im summenden Laub.

Unsere Lippen wollen Honig bereiten,

Unsere schimmernden Nächte sind aufgeblüht.

An dem seligen Glanz deines Leibes

Zündet mein Herz seine Himmel an –

Alle meine Träume hängen an deinem Golde,

Ich habe dich gewählt unter allen Sternen.

[124] Der alte Tempel in Prag

(Otto Pick)

Tausend Jahre zählt der Tempel schon in Prag;

Staubfällig und ergraut ist längst sein Ruhetag

Und die alten Väter schlossen seine Gitter.

Ihre Söhne ziehen nun in die Schlacht.

Der zerborstene Synagogenstern erwacht,

Und er segnet seine jungen Judenritter.

Wie ein Glücksstern über Böhmens Judenstadt,

Ganz aus Gold, wie nur der Himmel Sterne hat.

Hinter seinem Glanze beten wieder Mütter.

[125] Der Mönch

In deinem Blick schweben

Alle Himmel zusammen.

Immer hast du die Madonna angesehn,

Darum sind deine Augen überirdisch.

Und mein Herz wird ein Weihbecken,

Besterne dich mit meinem Blut;

Ich will der Tau deiner Frühe sein,

Deiner Abendsehnsucht pochendes Amen.

Du bist heilig zwischen bösem Tanz

Und schrillen Flöten.

Gottes Nachtigall bist du

In seinem Hirtentraum.

Deine Sünden wurden Musik,

Die bewegt süß meine Züge;

Deine Tränen tranken schlafende Blumen,

Die wieder Paradies werden sollen.

Ich liebe dich zauberisch wie im Spiegel des Bachs

Oder fern im wolkengerahmten Blau.

[126] Dem Mönch

Ich taste überall nach deinem Schein.

Suchst du mich auch?

In meiner Stirne leuchtet

Der erblaßte Stern wieder,

Und sehe dich nur in der Welt,

Dein Lächeln immerfort.

Unsere himmelweißen Herzen

Erglühen im Schlaf.

O wir möchten uns küssen,

Aber es wäre wie Mord.

Ich stehe ganz bunt am Granatbaum

In einem Bilderbuch.

Manchmal schaust du auf mich –

Dann singen die Junivögel.

[127] Dem Mönch

Meine Zehen wurden Knospen.

– Sieh, so komm ich zu dir.

Du bist am Rand über dem Tal

Die leuchtende Großkornblume;

Mit deinem Glück färbt sich

Der Himmel die Wangen blau.

Immer öffnet sich mein Wesen –

– Bin eine glitzernde Nische,

Aber du kommst nie zu deiner Anbetung,

Und morgen ist ewige Nacht.

Meine Sehnsucht ist im Sturm meiner Augen

Lange schon verwittert,

Die Korallen in meinem Blut

Sind ganz erblaßt.

Zwischen Dunkelheit verlischt mein Leben

Im scheidenden Antlitz des Mondes.

[128] Ein Lied

Hinter meinen Augen stehen Wasser,

Die muß ich alle weinen.

Immer möcht ich auffliegen,

Mit den Zugvögeln fort;

Buntatmen mit den Winden

In der großen Luft.

O ich bin so traurig – – –

Das Gesicht im Mond weiß es.

Drum ist viel samtne Andacht

Und nahender Frühmorgen um mich.

Als an deinem steinernen Herzen

Meine Flügel brachen,

Fielen die Amseln wie Trauerrosen

Hoch vom blauen Gebüsch.

Alles verhaltene Gezwitscher

Will wieder jubeln,

Und ich möchte auffliegen

Mit den Zugvögeln fort.

[129] Rudolf Schmied

In seinem Knabenbuch »Carlos und Nicolà« namentlich der Nicolà sieht ihm auf ein Haar ähnlich. Also ganz genau der Nicolà ist der Rudolf Schmied selbst. Ich höre ihn im alten Café des Westens und in München im Stephanie ebenso argentinisch sprechen wie in seinem Buch die beiden Knaben, die man herzen möchte, so lieb hat man die. Rudolf Schmied ist aus Argentinien, er spricht, wenn es auch Deutsch ist, immer spanisch, ganz wild spanisch. Und dazu raucht er eine Zigarette nach der anderen; seine Augen, seine Nase, sein feiner Mund spielen im Gesicht. Ein Zuruf – und Rudolf Schmied jagt auf seinen Gedanken, lauter Indianerpferde, losgelassen, über die Herzen der Freunde hinweg; frisch und frei ist er, seine Seele trägt einen bunten Federschmuck. Als Knabe nannte er sich, erzählte er mir, den roten Jaguar. Damals lebte er noch in seiner Heimat in Argentinien und war der kleine Nicolà, der er geblieben ist. Sein Buch ist ein Kunstwerk, das sich »ewig« erhalten wird, immer werden all die Süßigkeiten frisch bleiben. Er hat das Buch mit altem Wein geschrieben. Rudolf Schmied ist aus edlem Geschlecht, er ist ein aristokratischer Bohême, er hat Kultur und herrliche Laune, lauter erfrischende Sturzbäche überstürzen sich in seinem Roman »Carlos und Nicolà«. Die beiden kleinen Helden seines Buches [130] sind selbst zwei helläugige Mississippis. Mein Junge, der ein Freund der Indianer ist, hat Rudolf Schmied gezeichnet, wie er so dasitzt und von sich wundervoll erzählt.

[131] Fritz Wolff

Ich schrieb einmal aus der Ferne an den Zeichner: Sie und Ihre Frau behalten immer eine Silberquaste meiner blauen Seele in der Hand zurück, und darum bin ich nie ganz und gar abwesend aus Berlin, wenn ich längst die Stadt verlassen habe. – Sonntags kommt manchmal auch der dänische Märchenerzähler zu Wolffs – nur seinen Namen kann ich nicht behalten. Aber über unserm Beisammensein hängt eine nickendtickende Uhrgroßmutter; zu jeder Stunde schenkt sie uns ihren tieftönenden, einlullenden Segen. Ich bin dann plötzlich ganz klein, wir vier werden Kinder – lauschen … und unsere Gedanken springen sorglos über die Geleise des Alltags. Wir spielen den Ulk aus Fritz Wolffs farbigen Bilderbogen, die hinter den Ladenfenstern auf die Straße lachen. Und wenn nicht »das Mädchen«, wie der Fritz Wolff seine Frau nennt, uns hinterrücks mit einem riesenrosinenknusperigen Kriegskuchen überfiel, den wir bewältigen müssen, so würden wir selbst nicht an diese »süße« Wirklichkeit erinnert werden. Die himmelhelle und die grassaftig angestrichene Stube tragen Schmachtlöckchen, und im dritten Stübchen, darin viel und weißgeblümter Batist rauscht, hängt sein Selbstbildnis im Rosenrahmen zwischen Fritz Wolffs lächelnder Ahnin und ihrem wohllöblichen Vetter aus Alt-Berlin im Bratenrock und steifem Vatermörder. Aber [132] auf einem Wandtischchen stehen aus buntem Schaumzucker ein paar heilige Tiere: das Lamm trägt ein Glöckchen um den leckeren Hals und ist besonders fromm und altmodisch immer neu für meinen verehrten Fritz Wolff und seinem guten Mädchen gebacken. Auch meine Freude für allerlei Tand teilen meine beiden liebsten Menschen in Berlin, und wir bringen uns auserlesene Spielereien mit von Reisen aus großäugigen Welten. Dieses Glück haben wir uns auch im Kriege zu bewahren gewußt, wenn auch unser Zeichner Fritz Wolff fern auf hartem Boden im Osten Soldatenbilder zeichnete und die Köpfe vieler Generäle und Obersten der Schlachten. Die Spitze seines Stifts taucht er in sein feines, künstlerisches Blut, so daß seine Zeichnungen wie auf Seide gezeichnet wirken. Irgendwo aber in seinem übervollen Herzen setzt ein Schelm auf einem schwanzausgerissenen Steckenpferdchen über alle steife Zeremonie hinweg wie die Maxmoritzschlingel, deren Streiche er so schön zu illustrieren versteht.

Bevor wir Abschied nehmen für diese Woche, muß der – Andersen der – Texiere noch die Geschichte der Eidechse und der Prinzessin vortragen. Und dann »hinaus mit uns zwei in die Nacht!«

[133]

Meinem so geliebten Spielgefährten

Senna Hoy

In Moskau der Prinz Sascha

Saß sündlos gefangen sieben Jahr.

[135] Ballade

(Erste Fassung)

Trotzendes Gold seine Stirn war,

Süßer Todstrahl sein Haar,

Seine Lippen blühten am Altar.

Ob er kommt dieses Jahr –

Sein Herz pocht ganz nah.

Wo steck ich meine Liebsten hin,

Da ich nur seine Blume bin –

Dem Dichter färbt er die Schläfe rot.

Den Ritter schlägt er mit der Axt tot.

Aber den König trifft er nicht,

Der hat meines Bruders steinern Gesicht.

O, Sascha!

[136] Ballade

(Zweite Fassung)

Sascha kommt aus Sibirien heim

Wie er aussehn mag?

Trotzendes Gold seine Stirn war,

Süßer Todstrahl sein Haar,

Seine Lippen brannten am Altar.

Sascha trank meinen Herzseim

Jede Nacht, die am Traumhang lag.

Was er sagen mag –

Wie er klagen mag –

Wo steck ich meine Liebsten hin?

Da ich ihm untreu war

Und doch nur seine Blume bin.

Dem Dichter färbt er die Schläfe rot,

Den Dieb sticht seine Ehre tot.

Aber den König trifft er nicht,

Der hat meines Bruders steinern Gesicht.

Sascha!

[137] Senna Hoy

Wenn du sprichst,

Wacht mein buntes Herz auf.

Alle Vögel üben sich

Auf deinen Lippen.

Immerblau streut deine Stimme

Über den Weg;

Wo du erzählst, wird Himmel.

Deine Worte sind aus Lied geformt,

Ich traure, wenn du schweigst.

Singen hängt überall an dir –

Wie du wohl träumen magst?

[138] Mein Liebeslied

(Sascha dem himmlischen Königssohn)

Auf deinen Wangen liegen

Goldene Tauben.

Aber dein Herz ist ein Wirbelwind,

Dein Blut rauscht, wie mein Blut –

Süß

An Himbeersträuchern vorbei.

O, ich denke an dich – –

Die Nacht frage nur.

Niemand kann so schön

Mit deinen Händen spielen,

Schlösser bauen, wie ich

Aus Goldfinger;

Burgen mit hohen Türmen!

Strandräuber sind wir dann.

Wenn du da bist,

Bin ich immer reich.

Du nimmst mich so zu dir,

Ich sehe dein Herz sternen.

[139] Schillernde Eidechsen

Sind dein Geweide.

Du bist ganz aus Gold –

Alle Lippen halten den Atem an.

[140] Siehst du mich

(Dem holden gefangenen Krieger Sascha)

Zwischen Erde und Himmel?

Nie ging einer über meinen Pfad.

Aber dein Antlitz wärmt meine Welt,

Von dir geht alles Blühen aus.

Wenn du mich ansiehst,

Wird mein Herz süß.

Ich liege unter deinem Lächeln

Und lerne Tag und Nacht bereiten,

Dich hinzaubern und vergehen lassen,

Immer spiele ich das eine Spiel.

[141] Ein Liebeslied

(Dir, Sascha – Dir)

Aus goldenem Odem

Erschufen uns Himmel.

O, wie wir uns lieben …

Vögel werden Knospen an den Ästen,

Und Rosen flattern auf.

Immer suche ich nach deinen Lippen

Hinter tausend Küssen.

Eine Nacht aus Gold,

Sterne aus Nacht …

Niemand sieht uns.

Kommt das Licht mit dem Grün,

Schlummern wir;

Nur unsere Schultern spielen noch wie Falter.

[142] Ein Lied der Liebe

(Sascha)

Seit du nicht da bist,

Ist die Stadt dunkel.

Ich sammle die Schatten

Der Palmen auf,

Darunter du wandeltest.

Immer muß ich eine Melodie summen,

Die hängt lächelnd an den Ästen.

Du liebst mich wieder –

Wem soll ich mein Entzücken sagen?

Einer Waise oder einem Hochzeitler,

Der im Widerhall das Glück hört.

Ich weiß immer,

Wann du an mich denkst –

Dann wird mein Herz ein Kind

Und schreit.

An jedem Tor der Straße

Verweile ich und träume;

[143] Ich helfe der Sonne deine Schönheit malen

An allen Wänden der Häuser.

Aber ich magere

An deinem Bilde.

Um schlanke Säulen schlinge ich mich

Bis sie schwanken.

Überall steht Wildedel

Die Blüten unseres Blutes.

Wir tauchen in heilige Moose,

Die aus der Wolle goldener Lämmer sind.

Wenn doch ein Tiger

Seinen Leib streckte

Über die Ferne, die uns trennt,

Wie zu einem nahen Stern.

Auf meinem Angesicht

Liegt früh dein Hauch.

[144] Ein Trauerlied

(für Sascha den Prinzen von Moskau)

Eine schwarze Taube ist die Nacht

… Du denkst so sanft an mich.

Ich weiß, dein Herz ist still,

Mein Name steht auf seinem Saum.

Die Leiden, die dir gehören,

Kommen zu mir.

Die Seligkeiten, die dich suchen,

Sammele ich unberührt.

So trage ich die Blüten deines Lebens

Weiter fort.

Und möchte doch mit dir stille stehn;

Zwei Zeiger auf dem Zifferblatt.

O, alle Küsse sollen schweigen

Auf beschienenen Lippen liebentlang.

Nie mehr soll es früh werden,

Da man deine Jugend brach.

In deiner Schläfe

Starb ein Paradies.

[145] Mögen sich die Traurigen

Die Sonne in den Tag malen.

Und die Trauernden

Schimmer auf ihre Wangen legen.

Im schwarzen Wolkenkelche

Steht die Mondknospe.

… Du denkst so sanft an mich.

[146] Sascha

Um deine Lippen blüht noch jung

Der Trotz dunkelrot,

Aber auf deiner Stirn sind meine Gebete

Vom Sturm verwittert.

Daß wir uns im Leben

Nie küssen sollten …

Nun bist du der Engel,

Der auf meinem Grab steht.

Das Atmen der Erde bewegt

Meinen Leib wie lebendig.

Mein Herz scheint hell

Vom Rosenblut der Hecken.

Aber ich bin tot, Sascha,

Und das Lächeln liegt abgepflückt

Nur noch kurz auf meinem Gesicht.

[147] Senna Hoy †

Senna Hoy ging vor zehn Jahren nach Rußland. Er war damals zwanzig Jahre alt. Während der Revolution wurde er in einem Garten gefangen genommen, ganz grundlos, wie damals solche Verhaftungen nach Gutdünken der Polizei stattfanden. Auf dem Termin wurden Zeugen, die Senna Hoy angab, nicht zugelassen und er kam vom Rathaus in die Warschauer Festung. Aber bald wurde er in das entsetzliche Gefängnis (Katorga) nach Moskau gebracht, wo er, da er sich stets gegen die Mißhandlungen der Mitgefangenen einsetzte, selbst fast zu Tode gepeinigt wurde. Durch die Hilfe des Leibarztes des Zaren gelang es, Senna Hoy, nachdem er sieben Jahre im Kerker zu Moskau geschmachtet und zweimal versucht hatte, sich das Leben zu nehmen, in die Gefangenenabteilung des Krankenhauses nach Metscherskoje, fünf Stunden über die Ebene von Moskau entfernt, zu bringen, wo er, der schönste, blühendste Jüngling, der auszog, für die Befreiung gepeinigter Menschen zu kämpfen, selbst erlag, zwischen totkranken, irrsinnigen Gefangenen. »Wohl ein heiliger Feldherr«, meinte selbst der Direktor der Anstalt.

Senna Hoy

Seit du begraben liegst auf dem Hügel,

Ist die Erde süß.

Wo ich hingehe nun auf Zehen,

Wandele ich über reine Wege.

O deines Blutes Rosen

Durchtränken sanft den Tod.

[148] Ich habe keine Furcht mehr

Vor dem Sterben.

Auf deinem Grabe blühe ich schon

Mit den Blumen der Schlingpflanzen.

Deine Lippen haben mich immer gerufen,

Nun weiß mein Name nicht mehr zurück.

Jede Schaufel Erde, die dich barg,

Verschüttete auch mich.

Darum ist immer Nacht an mir,

Und Sterne schon in der Dämmerung.

Und ich bin unbegreiflich unseren Freunden

Und ganz fremd geworden.

Aber du stehst am Tor der stillsten Stadt

Und wartest auf mich, du Großengel.

[149] Richard Dehmel

Aderlaß und Transfusion zugleich;

Blutgabe deinem Herzen geschenkt.

Ein finsterer Pflanzer ist er,

Dunkel fällt sein Korn und brüllt auf.

Immer Zickzack durch sein Gesicht,

Schwarzer Blitz.

Über ihm steht der Mond doppelt vergrößert.

[150] Peter Baum

Er war des Tannenbaums Urenkel,

Unter dem die Herren zu Elberfeld Gericht hielten.

Und freute sich an jedes glitzernd Wort

Und ließ sich feierlich plündern.

Dann leuchteten die beiden Saphire

In seinem fürstlichen Gesicht.

Immer drängte ich, wenn ich krank lag,

»Peter Baum soll kommen!!«

Kam er, war Weihnachten –

Ein Honigkuchen wurde dann mein Herz.

Wie konnten wir uns freuen!

Beide ganz egal.

Und oft bewachte er

Im Sessel schmausend meinen Schlummer.

Rote und gelbe Cyllaxbonbons aß er so gern;

Oft eine ganze Schüssel leer.

Nun schlummert unser lieber Pitter

Schon ewige Nächte lang.

[151] »Wenn ich euch alle glücklich erst

Im Himmel hätte –«

Sagte einmal gläubig zu den Söhnen

Seine Mutter.

Nun ist der Peter fern bewahrt

Im Himmel.

Und um des Dichters Riesenleib auf dem Soldatenkirchhof

Wächst sanft die Erde pietätvoll.

[152] Paul Zech

Sing Groatvatter woar dat verwunschene Bäuerlein

Aus Grimm sinne Märchens.

Der Enkelsonn ist ein Dichter.

Paul Zech schreibt mit der Axt seine Verse.

Man kann sie in die Hand nehmen,

So hart sind die.

Sein Vers wird zum Geschick

Und zum murrenden Volk.

Er läßt Qualm durch sein Herz dringen;

Ein düsterer Beter.

Aber seine Kristallaugen blicken

Unzählige Male den Morgen der Welt.

[153] Karl Vogt

Der ist aus Gold –

Wenn er auf die Bühne tritt,

Leuchtet sie.

Seine Hand ist ein Szepter,

Wenn sie Regie führt.

Den Trauerspielen Strindbergs

Setzt er Kronen auf,

Aus den Dichtungen Ibsens

Holt er die schwarzen Perlen all.

Er kann nur selbst den König spielen

Im Spiel.

Morgen wird er König sein –

Ich freu mich.

[154] Franz Werfel

Ein entzückender Schuljunge ist er.

Lauter Lehrer spuken in seinem Lockenkopf.

Sein Name ist so mutwillig:

Franz Werfel.

Immer schreib ich ihm Briefe,

Die er mit Klecksen beantwortet.

Aber wir lieben ihn alle

Seines zarten, zärtlichen Herzens wegen.

Sein Herz hat Echo,

Pocht verwundert.

Und fromm werden seine Lippen

Im Gedicht.

Manches trägt einen staubigen Turban.

Er ist der Enkel seiner eigenen Verse.

Doch auf seiner Lippe

Ist eine Nachtigall gemalt.

Mein Garten singt,

Wenn er ihn verläßt.

Freude streut seine Stimme

Über den Weg.

[155] Albert Heine – Herodes V. Aufzug

(Berliner Theater)

Hinter deiner stolzen, ewigen Wimper gingen wir unter.

Schwermütige Sterne brannten auf deinem Lide.

Deine große Hand beugte das Meer

Und brach ihm die Perlen vom Grund.

Die Wüste war dein Schild

In der Schlacht.

An dich dürfen nur Dichter und Dichterinnen denken,

Mit dir nur Könige und Königinnen trauern.

Alle Leiber der Stadt ringeln sich

Giftig um deinen Leib.

Deine Schwester bespie den Traumstein deiner Liebe.

Du, ein beraubter Palast,

Judas schwankende Säule,

Völker bedrohend.

So arg mag nur ein Schöpfer lichtmitten

Seiner Reiche zerbersten.

[157]

Meinem reinen Liebesfreund

Hans Ehrenbaum-Degele

Tristan kämpfte in Feindesland;

Viel Lieder hatte er heimgesandt

Bis der Feind brach seinen Leib.

[159] Hans Ehrenbaum-Degele

(Dieses Gedicht seiner weinenden, jungen Mutter)

Er war der Ritter in Goldrüstung.

Sein Herz ging auf sieben Rubinen.

Darum trugen seine Tage

Den lauteren Sonntagsglanz.

Sein Leben war ein lyrisches Gedicht,

Die Kriegsballade sein Tod.

Er sang den Frauen Lieder

In süßerlei Abendfarben.

Goldnelken waren seine Augen,

Manchmal stand Tau in ihnen.

Einmal sagte er zu mir:

»Ich muß früh sterben.«

Da weinten wir beide

Wie nach seinem Begräbnis.

Seitdem lagen seine Hände

Oft in den meinen.

Immer hab ich sie gestreichelt,

Bis sie die Waffe ergriffen.

[160] Als ich Tristan kennen lernte –

O,

Du mein Engel,

Wir schweben nur noch

In holden Wolken.

Ich weiß nicht, ob ich lebe

Oder süß gestorben bin

In deinem Herzen.

Immer feiern wir Himmelfahrt

Und viel, viel Schimmer.

Deine Haare sind Goldnelken,

Heiligenbilder deine Augen.

Sage – wie ich bin?

Überall wollen Blumen aus mir.

[161] An den Gralprinzen

Wenn wir uns ansehn,

Blühn unsere Augen.

Und wie wir staunen

Vor unseren Wundern – nicht?

Und alles wird so süß.

Von Sternen sind wir eingerahmt

Und flüchten aus der Welt.

Ich glaube wir sind Engel.

[162] An den Prinzen Tristan

(Unserem Freund dem Hutten: Wilhelm Murnau)

Auf deiner blauen Seele

Setzen sich die Sterne zur Nacht.

Man muß leise mit dir sein,

O, du mein Tempel,

Meine Gebete erschrecken dich;

Meine Perlen werden wach

Von meinem heiligen Tanz.

Es ist nicht Tag und nicht Stern,

Ich kenne die Welt nicht mehr,

Nur dich – alles ist Himmel.

[163] An den Ritter aus Gold

Du bist alles was aus Gold ist

In der großen Welt.

Ich suche deine Sterne

Und will nicht schlafen.

Wir wollen uns hinter Hecken legen

Uns nie mehr aufrichten.

Aus unseren Händen

Süße Träumerei küssen.

Mein Herz holt sich

Von deinem Munde Rosen.

Meine Augen lieben dich an,

Du haschst nach ihren Faltern.

Was soll ich tun,

Wenn du nicht da bist.

Von meinen Lidern

Tropft schwarzer Schnee;

Wenn ich tot bin,

Spiele du mit meiner Seele.

[164] An den Ritter

Gar keine Sonne ist mehr,

Aber dein Angesicht scheint.

Und die Nacht voll Wunder,

Du bist mein Schlummer.

Dein Auge zuckt wie Sternschnuppe –

Immer wünsche ich mir etwas.

Lauter Gold ist dein Lachen,

Mein Herz tanzt in den Himmel.

Wenn eine Wolke kommt –

Sterbe ich.

[165] An Tristan

Ich kann nicht schlafen mehr,

Immer schüttelst du Gold über mich.

Und eine Glocke ist mein Ohr,

Wem vertraust du dich?

So hell wie du,

Blühen die Sträucher im Himmel.

Engel pflücken sich dein Lächeln

Und schenken es den Kindern.

Die spielen Sonne damit

Ja …

[166] Heinrich Maria Davringhausen

(Seinem Freunde Wieland)

– Wie er daherkommt –

Trojanischer junger Priester

Auf grabaltem Holzgefäß.

Zwei Nachtschatten schlaftrinken

In seinem Mahagonikopf,

Seine Lippen küßte ein Gottmädchen hold.

– Wie er gefalten aufstrebt –

Immer tragen seine Schultern

Ehrfürchtigen Samt.

Seine Füße schreiten

Nur über gepflegte Wege,

Stolperten nie über Gestrüpp.

– Wie er gottverhalten ist –

Aus jedem Bild, das er malt,

Blickt allfarbig der Schöpfer.

[167] Georg Groß

(Seinem Freunde Theodorio)

Manchmal spielen bunte Tränen

In seinen äschernen Augen.

Aber immer begegnen ihm Totenwagen,

Die verscheuchen seine Libellen.

Er ist abergläubig –

– Ward unter einem bösen Stern geboren –

Seine Schrift regnet,

Seine Zeichnung: Trüber Buchstabe.

Wie lange im Fluß gelegen,

Blähen seine Menschen sich auf.

Mysteriöse Verlorene mit Quappenmäulern

Und verfaulten Seelen.

Fünf träumende Totenfahrer

Sind seine silbernen Finger.

Aber nirgendwo ein Licht im verirrten Märchen

Und doch ist er ein Kind,

Der Held aus dem Lederstrumpf

Mit dem Indianerstamm auf Duzfuß.

[168] Sonst haßt er alle Menschen,

Sie bringen ihm Unglück.

Aber Georg Groß liebt sein Mißgeschick

Wie einen anhänglichen Feind.

Und seine Traurigkeit ist dionysisch,

Schwarzer Champagner seine Klage.

Er ist ein Meer mit verhängtem Mond,

Sein Gott ist nur scheintot.

[169] Theodor Däubler

Zwischen dem Spalt seiner Augen

Fließt dunkeler Golf.

Auf seinen Schultern trägt er den Mond

Durch die Wolken der Nacht.

Die Menschen werden Sterne um ihn

Und beginnen zu lauschen.

Er ist ungetrübt vom Ursprung,

Klar spiegelt sich das blaue Eden.

Er ist Adam und weiß alle Wesen

Zu rufen in der Welt.

Beschwört Geist und Getier

Und sehnt sich nach seinen Söhnen.

Schwer prangen an ihm Granatäpfel

Und spätes Geflüster der Bäume und Sträucher,

Aber auch das Gestöhn gefällter Stämme

Und die wilde Anklage der Wasser.

Es sammeln sich Werwolf und weißer Lawin,

Sonne und süßes Gehänge, viel, viel Wildweinlaune.

Und Evviva, dir, Fürst von Triest!

[171]

Gottfried Benn

Der hehre König Giselheer

Stieß mit seinem Lanzenspeer

Mitten in mein Herz.

[173] Doktor Benn

Er steigt hinunter ins Gewölbe seines Krankenhauses und schneidet die Toten auf. Ein Nimmersatt, sich zu bereichern an Geheimnis. Er sagt: »tot ist tot«. Dennoch fromm im Nichtglauben liebt er die Häuser der Gebete, träumende Altäre, Augen, die von fern kommen. Er ist ein evangelischer Heide, ein Christ mit dem Götzenhaupt, mit der Habichtnase und dem Leopardenherzen. Sein Herz ist fellgefleckt und gestreckt. Er liebt Fell und er liebt Met und die großen Böcke, die am Waldfeuer gebraten wurden. Ich sagte einmal zu ihm: »Sie sind allerleiherb, lauter Fels, rauhe Ebene, auch Waldfrieden, und Bucheckern und Strauch und Rotrotdorn und Kastanien im Schatten und Goldlaub, braune Blätter und Rohr. Oder Sie sind, Erde mit Wurzeln und Jagd und Höhenrauch und Löwenzahn und Brennesseln und Donner.« Er steht unentwegt, wankt nie, trägt das Dach einer Welt auf dem Rücken. Wenn ich mich vertanzt habe, weiß nicht, wo ich hin soll, dann wollte ich, ich wäre ein grauer Samtmaulwurf und würfe seine Achselhöhle auf und vergrübe mich in ihr. Eine Mücke bin ich und spiele immerzu vor seinem Angesicht. Aber eine Biene möcht ich sein, dann schwirrte ich um seinen Nabel. Lang bevor ich ihn kannte, war ich seine Leserin; sein Gedichtbuch – Morgue – lag auf meiner Decke: grauenvolle Kunstwunder, Todesträumerei, die Kontur annahm. Leiden reißen ihre Rachen [174] auf und verstummen, Kirchhöfe wandeln in die Krankensäle und pflanzen sich vor die Betten der Schmerzensreichen an. Die kindtragenden Frauen hört man schreien aus den Kreissälen bis ans Ende der Welt. Jeder seiner Verse ein Leopardenbiß, ein Wildtiersprung. Der Knochen ist sein Griffel, mit dem er das Wort auferweckt.

[174] O, deine Hände

(An Giselfendi)

Sind meine Kinder.

Alle meine Spielsachen

Liegen in ihren Gruben.

Immer spiel ich Soldaten

Mit deinen Fingern, kleine Reiter,

Bis sie umfallen.

Wie ich sie liebe

Deine Bubenhände, die zwei.

[175] Giselheer dem Heiden

Ich weine –

Meine Träume fallen in die Welt.

In meine Dunkelheit

Wagt sich kein Hirte.

Meine Augen zeigen nicht den Weg

Wie die Sterne.

Immer bettle ich vor deiner Seele;

Weißt du das?

Wär ich doch blind –

Dächte dann, ich läg in deinem Leib.

Alle Blüten täte ich

Zu deinem Blut.

Ich bin vielreich,

Niemandwer kann mich pflücken;

Oder meine Gaben tragen

Heim.

Ich will dich ganz zart mich lehren;

Schon weißt du mich zu nennen.

[176] Sieh meine Farben,

Schwarz und stern

Und mag den kühlen Tag nicht,

Der hat ein Glasauge.

Alles ist tot,

Nur du und ich nicht.

[177] Giselheer dem Knaben

An meiner Wimper hängt ein Stern,

Es ist so hell

Wie soll ich schlafen –

Und möchte mit dir spielen.

– Ich habe keine Heimat –

Wir spielen König und Prinz.

[178] Giselheer dem König

Ich bin so allein

Fänd ich den Schatten

Eines süßen Herzens.

– Oder mir jemand

Einen Stern schenkte –

Immer fingen ihn

Die Engel auf

So hin und her.

Ich fürchte mich

Vor der schwarzen Erde.

Wie soll ich fort?

Möchte in den Wolken

Begraben sein,

Überall wo Sonne wächst,

Liebe dich so!

Du mich auch?

Sag es doch – – –

[179] Lauter Diamant

(An Gisel)

Ich hab in deinem Antlitz

Meinen Sternenhimmel ausgeträumt.

Alle meine bunten Kosenamen

Gab ich dir,

Und legte die Hand

Unter deinen Schritt,

Als ob ich dafür

Ins Jenseits käme.

Immer weint nun

Vom Himmel deine Mutter,

Da ich mich schnitzte

Aus deinem Herzfleische,

Und du so viel Liebe

Launig verstießest.

Dunkel ist es –

Es flackert nur noch

Das Licht meiner Seele.

[180] Das Lied des Spielprinzen

Wie kann ich dich mehr noch lieben?

Ich sehe den Tieren und Blumen

Bei der Liebe zu.

Küssen sich zwei Sterne,

Oder bilden Wolken ein Bild –

Wir spielten es schon zarter.

Und deine harte Stirne,

Ich kann mich so recht an sie lehnen,

Sitz drauf wie auf einem Giebel.

Und in deines Kinnes Grube

Bau ich mir ein Raubnest –

Bis – du mich aufgefressen hast.

Find dann einmal morgens

Nur noch meine Kniee,

Zwei gelbe Skarabäen für eines Kaisers Ring.

[181] Hinter Bäumen berg ich mich

Bis meine Augen ausgeregnet haben,

Und halte sie tief verschlossen,

Daß niemand dein Bild schaut.

Ich schlang meine Arme um dich

Wie Gerank.

Bin doch mit dir verwachsen,

Warum reißt du mich von dir?

Ich schenkte dir die Blüte

Meines Leibes,

Alle meine Schmetterlinge

Scheuchte ich in deinen Garten.

Immer ging ich durch Granaten,

Sah durch dein Blut

Die Welt überall brennen

Vor Liebe.

Nun aber schlage ich mit meiner Stirn

Meine Tempelwände düster.

[182] O du falscher Gaukler,

Du spanntest ein loses Seil.

Wie kalt mir alle Grüße sind,

Mein Herz liegt bloß,

Mein rot Fahrzeug

Pocht grausig.

Bin immer auf See

Und lande nicht mehr.

[183] Giselheer dem Tiger

Über dein Gesicht schleichen die Dschungeln.

O, wie du bist!

Deine Tigeraugen sind süß geworden

In der Sonne.

Ich trag dich immer herum

Zwischen meinen Zähnen.

Du mein Indianerbuch,

Wild West,

Siouxhäuptling!

Im Zwielicht schmachte ich

Gebunden am Buxbaumstamm –

Ich kann nicht mehr sein

Ohne das Skalpspiel.

Rote Küsse malen deine Messer

Auf meine Brust –

Bis mein Haar an deinem Gürtel flattert.

[184] Klein Sterbelied

(Gottfried Benn)

So still ich bin,

All Blut rinnt hin.

Wie weich umher,

Nichts weiß ich mehr.

Mein Herz noch klein,

Starb leis an Pein.

War blau und fromm!

O Himmel, komm.

Ein tiefer Schall –

Nacht überall.

[185] O Gott

Überall nur kurzer Schlaf

Im Mensch, im Grün, im Kelch der Winde.

Jeder kehrt in sein totes Herz heim.

– Ich wollt mein Liebster wär’ ein Kind –

Er wüßte noch vom ersten Atem zu erzählen.

Früher war eine große Frömmigkeit am Himmel,

Gaben sich die Sterne die Bibel zu lesen.

Könnte ich einmal Gottes Hand fassen

Oder den Mond an seinem Finger sehn.

O Gott, o Gott, wie weit bin ich von dir!

[186] Höre

(Letztes Lied an Giselheer)

Ich raube in den Nächten

Die Rosen deines Mundes,

Daß keine Weibin Trinken findet.

Die dich umarmt,

Stiehlt mir von meinen Schauern,

Die ich um deine Glieder malte.

Ich bin dein Wegrand.

Die dich streift,

Stürzt ab.

Fühlst du mein Lebtum

Überall

Wie ferner Saum?

[187] Wir beide

(Paula Dehmel, der Engelin)

Der Abend weht Sehnen aus Blütensüße,

Und auf den Bergen brennt wie Silberdiamant der Reif,

Und Engelköpfchen gucken überm Himmelstreif,

Und wir beide sind im Paradiese.

Und uns gehört das ganze bunte Leben,

Das blaue große Bilderbuch mit Sternen!

Mit Wolkentieren, die sich jagen in den Fernen

Und hei! die Kreiselwinde, die uns drehn und heben!

Der liebe Gott träumt seinen Kindertraum

Vom Paradies – von seinen zwei Gespielen,

Und große Blumen sehn uns an von Dornenstielen …

Die düstre Erde hing noch grün am Baum.

[188] Marie von Nazareth

(Meiner liebsten Kete Parsenow)

Träume, säume, Marienmädchen –

Überall löscht der Rosenwind

Die schwarzen Sterne aus.

Wiege im Arme dein Seelchen.

Alle Kinder kommen auf Lämmern

Zottehotte geritten

Gottlingchen sehen

Und die vielen Schimmerblumen

An den Hecken

Und den großen Himmel da

Im kurzen Blaukleide!

[189] Wo mag der Tod mein Herz lassen

Immer tragen wir Herz vom Herzen uns zu.

Pochende Nacht

Hält unsere Schwellen vereint.

Wo mag der Tod mein Herz lassen?

In einem Brunnen, der fremd rauscht –

In einem Garten, der steinern steht –

Er wird es in einen reißenden Fluß werfen.

Mir bangt vor der Nacht,

Daran kein Stern hängt.

Denn unzählige Sterne meines Herzens

Vergolden deinen Blutspiegel.

Liebe ist aus unserer Liebe vielfältig erblüht.

Wo mag der Tod mein Herz lassen?

[190] Ich bin traurig

Deine Küsse dunkeln, auf meinem Mund.

Du hast mich nicht mehr lieb.

Und wie du kamst –!

Blau vor Paradies.

Um deinen süßesten Brunnen

Gaukelte mein Herz.

Nun will ich es schminken,

Wie die Freudenmädchen

Die welke Rose ihrer Lende röten.

Unsere Augen sind halb geschlossen,

Wie sterbende Himmel –

Alt ist der Mond geworden.

Die Nacht wird nicht mehr wach.

Du erinnerst dich meiner kaum.

Wo soll ich mit meinem Herzen hin?

[191] Antinous

(Adi André-Douglas)

Der kleine Süßkönig

Muß mit goldenen Bällen spielen.

Im bunten Brunnen

Blaugeträufel, honiggold,

Seine Spielehände kühlen.

Antinous,

Wildfang, Güldklang,

Kuchenkorn mahlen alle Mühlen.

Antinous,

Du kleiner Spielkönig,

In den Himmel fährt es schön auf Schaukelstühlen.

O, wie lustige Falter seine Augen sind

Und die Schelme all in seiner Wange,

Und sein Herzchen beißt, will mans befühlen.

[192] Margret

(Meiner Schwester Marthas Kind)

Der Morgen ist bleich von Traurigkeit,

Es sind so viel junge Blumen gestorben,

Und du, o du bist gestorben,

Und mein Herz klagt eine Sehnsucht weit;

Über die ziellose Flut

Der blaublühenden Meere,

Und deine Mutter höre

Ich weinen in meinem Blut

Muß immer träumen

Von deinen tiefen Lenzaugen,

Die blickten wie wilde Knospen

Von gottalten Bäumen.

[193] Meiner Schwester Anna dieses Lied

(Ihren Kindern Edda und Erika Lindner)

Mein Herz liegt in einem Efeukranz.

Es kann nicht mehr welken,

Es kann nicht mehr blühn,

O, meine Schwester …

Fern verglomm Todesleuchten

In ihren schönen Augen,

Die waren zwei Sternbilder,

In die Kinder blickten.

Gott, wie schwarz die Nacht war!

Keine Sonne vermag mehr

Ein Lächeln zu finden

In meinem Angesicht.

[194] Verinnerlicht

(Meinem Doktor Benn)

Ich denke immer ans Sterben,

Mich hat niemand lieb.

Ich wollt ich wär still Heiligenbild

Und alles in mir ausgelöscht.

Träumerisch färbte Abendrot

Meine Augen wund verweint.

Weiß nicht wo ich hin soll

Wie überall zu dir.

Bist meine heimliche Heimat

Und will nichts Leiseres mehr.

Wie blühte ich gern süß empor

An deinem Herzen himmelblau –

Lauter weiche Wege

Legte ich um dein pochend Haus.

[195] Nur dich

Der Himmel trägt im Wolkengürtel

Den gebogenen Mond.

Unter dem Sichelbild

Will ich in deiner Hand ruhn.

Immer muß ich wie der Sturmwill,

Bin ein Meer ohne Strand.

Aber seit du meine Muscheln suchst,

Leuchtet mein Herz.

Das liegt auf meinem Grund

Verzaubert.

Vielleicht ist mein Herz die Welt,

Pocht –

Und sucht nur noch dich –

Wie soll ich dich rufen?

[196] In deine Augen

Blau wird es in deinen Augen –

Aber warum zittert all mein Herz

Vor deinen Himmeln.

Nebel liegt auf meiner Wange

Und mein Herz beugt sich zum Untergange.

[197] Von weit

Dein Herz ist wie die Nacht so hell,

Ich kann es sehn

– Du denkst an mich – es bleiben alle Sterne stehn.

Und wie der Mond von Gold dein Leib

Dahin so schnell

Von weit er scheint.

[198] Alice Trübner

(Ihrem lieben Jungen)

Ihr Angesicht war aus Mondstein,

Darum mußte sie immer träumen.

Durch die Seide ihrer Ebenholzhaare

Schimmerte Tausendundeinenacht.

Ihre Augen weihsagten.

Ein goldenes Bibelblatt war ihr Herz.

Sie thronte einen Himmel hoch

Über die Freunde.

O sie war eine Sternin –

Sonnengold streute sie von sich.

Eine Herzogin war sie

Und krönte den armseligsten Gast.

Manchmal aber kam sie vom West:

Ein Wetter in Blitzfarben;

Die sind gefangen über Burgzacken

Im harten Rahmen.

Ihre Bilder alle,

Pietätvolle, bunte Briefe;

[199] Viele aufbewahrt unter Glas

An den Wänden.

Aber auch Gläser und Gräser

Malte Alice Trübner.

Irgendwo zwischen sitzt ein Schelm,

Ein altmodisch dicker Puppenporzellankopf.

Oder sie malte huldvoll die Köchin

Als Frau Lucullus gelassen im Lehnstuhl.

Verwandelte strotzende Früchte in Rosen

Auf weißem Damast.

O, sie war eine Zauberin.

[200] Dem Barbaren

Deine rauhen Blutstropfen

Süßen auf meiner Haut.

Nenne meine Augen nicht Verräterinnen,

Da sie deine Himmel umschweben;

Ich lehne lächelnd an deiner Nacht

Und lehre deine Sterne spielen.

Und trete singend durch das rostige Tor

Deiner Seligkeit.

Ich liebe dich und nahe weiß

Und verklärt auf Wallfahrtzehen.

Trage dein hochmütiges Herz,

Den reinen Kelch den Engeln entgegen.

Ich liebe dich wie nach dem Tode,

Und meine Seele liegt über dich gebreitet –

Meine Seele fing alle Leiden auf,

Dich erschüttern ihre schmerzlichen Bilder.

Aber so viele Rosen blühen,

Die ich dir schenken will;

[201] O, ich möchte dir alle Gärten bringen

In einem Kranz.

Immer denke ich an dich

Bis die Wolken sinken;

Wir wollen uns küssen –

Nicht?

[202] Dem Barbaren

Ich liege in den Nächten

Auf deinem Angesicht.

Auf deines Leibes Steppe

Pflanze ich Zedern und Mandelbäume.

Ich wühle in deiner Brust unermüdlich

Nach den goldenen Freuden Pharaos.

Aber deine Lippen sind schwer,

Meine Wunder erlösen sie nicht.

Hebe doch deine Schneehimmel

Von meiner Seele –

Deine diamantnen Träume

Schneiden meine Adern auf.

Ich bin Joseph und trage einen süßen Gürtel

Um meine bunte Haut.

Dich beglückt das erschrockene Rauschen

Meiner Muscheln.

Aber dein Herz läßt keine Meere mehr ein.

O du!

[203] Wilhelm Schmidtbonn

Er ist der Dichter, dem der Schlüssel

Zur Steinzeit vermacht wurde.

Adam den Urkäfer trägt er,

Ein Skarabäus im Ring.

Wilhelm Schmidtbonn erzählt vom Paradies;

Reißt den verlogenen Nebel vom Baum:

Stolz blüht die Dolde der Erkenntnis.

Sein markisches Gesicht strömt immer

Zwei dämmerblaue Kräfte aus.

Er ist aus Laub und Rinde,

Morgenfrühe und Kentauerblut.

Wie oft schon ließ er sich zur Ader

Seine Werke zu tränken.

Sein neustes Versspiel stiert aus Einauge.

[204] Milly Steger

(Ihrer Mutter)

Milly Steger ist eine Bändigerin,

Haut Löwen und Panther in Stein.

Vor dem Spielhaus in Elberfeld

Stehen ihre Großgestalten;

Böse Tolpatsche, ernste Hännesken,

Clowne, die mit blutenden Seelen wehen.

Aber auch Brunnen, verschwiegene Weibsmopse

Zwingt Milly rätselhaft nieder,

Manchmal schnitzt die Gulliverin

Aus Zündhölzchen Adam und hinterrücks sein Weib.

Dann lacht sie wie ein Apfel;

Im stahlblauen Auge sitzt der Schalk.

Milly Steger ist eine Büffelin an Wurfkraft.

Freut sie sich auch an dem blühenden Kern der Büsche.

[205]

Hans Adalbert von Maltzahn

Der Freiherr mußte Vizemalik sein

In meiner bunten Thebenstadt,

Als ich nach Rußland zog,

Prinz Sascha zu befrein.

[207] An Hans Adalbert

Wenn du sprichst

Blühen deine Worte auf in meinem Herzen.

Über deine hellen Haare

Schweben meine Gedanken schwarzhin.

Du bist ganz aus Süderde und Liebe

Und Stern und Taumel.

Ich aber bin lange schon gestorben.

O, du meine Himmelsstätte …

[208] Dem Herzog von Leipzig

Deine Augen sind gestorben;

Du warst so lange auf dem Meer.

Aber auch ich bin

Ohne Strand.

Meine Stirne ist aus Muschel.

Tang und Seestern hängen an mir.

Einmal möchte ich mit meiner ziellosen Hand

Über dein Gesicht fassen,

Oder eine Eidechse über deine Lippen

Liebentlang mich kräuseln.

Weihrauch strömt aus deiner Haut,

Und ich will dich feiern,

Dir bringen meine Gärten,

Überall blüht mein Herz bunt auf.

[209] Aber deine Brauen sind Unwetter …

In der Nacht schweb ich ruhlos am Himmel

Und werde nicht dunkel vom Schlaf.

Um mein Herz schwirren Träume

Und wollen Süßigkeit.

Ich habe lauter Zacken an den Randen,

Nur du trinkst Gold unversehrt.

Ich bin ein Stern

In der blauen Wolke deines Angesichts.

Wenn mein Glanz in deinem Auge spielt,

Sind wir eine Welt.

Und würden entschlummern verzückt –

Aber deine Brauen sind Unwetter.

[210] Traum

Der Schlaf entführte mich in deine Gärten,

In deinen Traum – die Nacht war wolkenschwarz umwunden –

Wie düstere Erden starrten deine Augenrunden,

Und deine Blicke waren Härten –

Und zwischen uns lag eine weite, steife

Tonlose Ebene …

Und meine Sehnsucht, hingegebene,

Küßt deinen Mund, die blassen Lippenstreife.

[211] Unser Liebeslied

(Ihrem kleinen Zeno in Zärtlichkeit)

Unter der Wehmut der Esche

Lächeln die Augen meiner Freundin.

Und ich muß weinen

Überall wo Rosen aufblühn.

Wir hören beide unseren Namen nicht –

Immer Nachtwandlerinnen zwischen den bunten Jünglingen.

Meine Freundin gaukelt mit dem Mond,

Unserm Sternenspiel folgen Erschrockene nach.

O, unsere Schwärmerei berauscht

Die Straßen und Plätze der Stadt.

Alle Träume lauschen gebannt hinter den Hecken

Kann nicht Morgen werden –

Und die seidige Nacht uns beiden

Tausendmalimmer um den Hals geschlungen.

Wie ich mich drehen muß!

Und meine Freundin küßt taumelnd den Rosigtau

Unter dem Düster des Trauerbaums.

[212] Du machst mich traurig – hör

Bin so müde.

Alle Nächte trag ich dich auf dem Rücken

Auch deine Nacht,

Die du so schwer umträumst.

Hast du mich lieb?

Ich blies dir arge Wolken von der Stirn

Und tat ihr blau.

Was tust du mir in meiner Todesstunde?

[213] Fritz Huf

(Seiner lieben Mutter und seinem Vater Hans Sachs)

In Frankfurt am Main saßen wir uns gegenüber beim Maler Starke. Nach dem Abendschmaus boxten wir uns. Er trug, seiner holländischen Freundin zuliebe, Sackhosen wie die Fischer im Hafen von Rotterdam, ich meinen Arbeiterkittel. In der Frühe saß ich ihm zu meinem Tonbild, aus mir den thebetanischen Prinzen zu holen, steinhart, unentwegt, souverän, fromm, Sternstichel auf der Stirn. Wir sprachen nie, feierten diese Sitzungen. Doch einmal sagte einer von uns beiden: Kunst ist der Zustand nach dem Tode. Der andere von uns antwortete da: Oder vor dem Leben.

Dann kamen von Ober-Ursel ein paar große Kunstkenner, seine neuesten Werke zu betrachten und ihn, den Bildhauer selbst. Die Hände in den weiten Taschen. Braun glänzten seine Augen wie Herzkirschen. Und seine kindliche Freude über jedes Lob! »Herr Professor, essen Sie Mohrrüben, Mohrrüben; ganz Indien hat keinen Wurm mehr seitdem.« Jedem Abschiednehmenden reichte er mit auf den Weg ein Buch von seinem weisen Indier und Fakir Mazdaznan.

Nun wohnt Fritz Huf in Berlin schon zwei Jahre. In seinem Atelier stehen, nicht mehr aus Ton oder Terrakotta, schlanke Rosenweiber oder heilige Dreimädchengestalt und dazwischen mein prinzliches Gebild. [214] Hufs wundervolles Spiel wurde bewußte, starke Arbeit; er selbst ein Kind, wurde Geschöpf. Fritz Huf ist ein Geschöpf, das nicht wandelbar ist, aber das sich verwandeln kann. Seine Kunst ist ein Gorilla, der ist nicht heiter, aber bösgreifend wie das Leben. Mitleidslos reißt er an dem Stein, daß er Fleisch werde, und verzaubert den Menschen zu Stein. Auf einem breiten Block steht Wegeners Kopf: kecke Wucht, böser Fastnacht. Die blonde Frau mit den Tigeraugen und den süßherben Brombeerlippen ist die dichtende Fürstin Mechtild Lichnowsky. »Und hier«, erklärt mir Fritz Huf geheimnisvoll, »der ist ein großer Arzt.« Und da – der Kopf des Doktor Blei hinter dem Vorhang wirkt: Reptil aus grausam grauem Glas.

Gestern schrieb ich Fritz Huf: Gorilla vom Rütli (er ist nämlich Schweizer), kommen Sie hierher ans Meer, hauen Sie mir ein steinernes Etui für dies unendliche, rauschende Perlengeschmeide.

Immer Ihr Prinz.

Fritz Huf entpuppte sich nach einer reichen Heirat als ein Emporkömmling.

[215] An zwei Freunde

(Dem Duc)

Ich blicke nachts in euren stillen Stern.

Es schwimmen Tränen braun um meinen Mandelkern

Und meine Schellen spielen süß am Kleiderrand.

Ich trage einen wilden Kork im Ohrlapp,

Und Monde tätowiert auf meiner Hand.

Versteinte Käfer fallen von der Schnur ab.

Ich liebe euer glitzernd Zackenland,

Und sehne mich nach goldnem Edelpunsche,

Aufglimme unsichtbar in eurem Wunsche.

[216] Laurencis

Ich gab dir einen Namen

Wie eine fromme Guirlande.

Darum will ich ihn

Nur immer liebend rufen.

Du siehst mich golden schimmern

Durch mein Abendherz.

Und nicht so trübe

Wie der Nebel es staubfällig färbt.

Meine Seele spielte Auferstehn,

Wenn Augen wie schlafende Täler lagen.

Und ich kenne alle Engel,

Denen habe ich von dir erzählt.

Es blüht die Aster meines Mundes

Mit deiner Lippen Rittersporn.

Und ich wache vor unserer Liebe

Denn ihre Küsse sollen Knospen bleiben.

[217] Savary Le Duc

(starb bei Lausanne 1918 schön und jung)

Seinem brüderlichen Freund Hans Siemsen, den er im Tod noch liebt.

Wie Perlen hängen seine Bilder

Schaumleicht an seidenen Wänden aufgereiht.

Mit goldenem Harz der Hagebutten

Und Rosenseime,

Malt er der Prinzen Liebeskleid.

Um ihre zarten Schultern tragen sie

An Ketten – Souvenir – im Medaillon

Verzückt des Freundes Paradeis.

Und ihre Hände spielen mit den Bächen

Und feinen Blumenstengeln

Und dem jungen Reis.

Und necken gern den Ziegenbock.

Glasäugig lauscht die graue Geiß.

Und ihre Leiber lieben sich

Wie süßgeblühte Bohnenstöcke,

Die sich bewegen kaum in ihrer Adeligkeit.

[218] Abschied

Aber du kamst nie mit dem Abend –

Ich saß im Sternenmantel.

… Wenn es an mein Haus pochte,

War es mein eigenes Herz.

Das hängt nun an jedem Türpfosten,

Auch an deiner Tür.

Ich färbte dir den Himmel brombeer

Mit meinem Herzblut.

Aber du kamst nie mit dem Abend –

… Ich stand in goldenen Schuhen.

[219] O ich möcht aus der Welt!

(Meinem Doktor Benn)

Dann weinst du um mich.

Blutbuchen schüren

Meine Träume kriegerisch.

Durch finster Gestrüpp

Muß ich

Und Gräben und Wasser.

Immer schlägt wilde Welle

An mein Herz;

Innerer Feind.

O ich möcht aus der Welt!

Aber auch fern von ihr

Irr ich ein Flackerlicht

Um Gottes Grab.

[220] Franz Marc

Der blaue Reiter ist gefallen, ein Großbiblischer, an dem der Duft Edens hing. Über die Landschaft warf er einen blauen Schatten. Er war der, welcher die Tiere noch reden hörte; und er verklärte ihre unverstandenen Seelen. Immer erinnerte mich der blaue Reiter aus dem Kriege daran: es genügt nicht alleine, zu den Menschen gütig zu sein, und was du namentlich an den Pferden, da sie unbeschreiblich auf dem Schlachtfeld leiden müssen, Gutes tust, tust du mir.

Er ist gefallen. Seinen Riesenkörper tragen große Engel zu Gott, der hält seine blaue Seele, eine leuchtende Fahne, in seiner Hand. Ich denke an eine Geschichte im Talmud, die mir ein Priester erzählte: wie Gott mit den Menschen vor dem zerstörten Tempel stand und weinte. Denn wo der blaue Reiter ging, schenkte er Himmel. So viele Vögel fliegen durch die Nacht, sie können noch Wind und Atem spielen, aber wir wissen nichts mehr hier unten davon, wir können uns nur noch zerhacken oder gleichgültig aneinander vorbeigehen. In dieser Nüchternheit erhebt sich drohend eine unermeßliche Blutmühle, und wir Völker alle werden bald zermahlen sein. Schreiten immerfort über wartende Erde. Der blaue Reiter ist angelangt; er war noch zu jung zu sterben.

Nie sah ich irgendeinen Maler gotternster und sanfter malen wie ihn. »Zitronenochsen« und »Feuerbüffel« [221] nannte er seine Tiere, und auf seiner Schläfe ging ein Stern auf. Aber auch die Tiere der Wildnis begannen pflanzlich zu werden in seiner tropischen Hand. Tigerinnen verzauberte er zu Anemonen, Leoparden legte er das Geschmeide der Levkoje um; er sprach vom reinen Totschlag, wenn auf seinem Bild sich der Panther die Gazell vom Fels holte. Er fühlte wie der junge Erzvater in der Bibelzeit, ein herrlicher Jakob er, der Fürst von Kana. Um seine Schultern schlug er wild das Dickicht; sein schönes Angesicht spiegelte er im Quell und sein Wunderherz trug er oftmals in Fell gehüllt, wie ein schlafendes Knäblein heim, über die Wiesen, wenn es müde war.

Das war alles vor dem Krieg.

Franz Marc, der blaue Reiter vom Ried,

Stieg auf sein Kriegspferd.

Ritt über Benediktbeuern herab nach Unterbayern,

Neben ihm sein besonnener, treuer Nubier

Hält ihm die Waffe.

Aber um seinen Hals trägt er mein silbergeprägtes Bild

Und den todverhütenden Stein seines teuren Weibes.

Durch die Straßen von München hebt er sein biblisches Haupt

Im hellen Rahmen des Himmels.

Trost im stillenden Mandelauge,

Donner sein Herz.

Hinter ihm und zur Seite viele, viele Soldaten.

[222] Gebet

(Meinem teuren Halbbruder, dem blauen Reiter)

Ich suche allerlanden eine Stadt,

Die einen Engel vor der Pforte hat.

Ich trage seinen großen Flügel

Gebrochen schwer am Schulterblatt

Und in der Stirne seinen Stern als Siegel.

Und wandle immer in die Nacht …

Ich habe Liebe in die Welt gebracht, –

Daß blau zu blühen jedes Herz vermag,

Und hab ein Leben müde mich gewacht,

In Gott gehüllt den dunklen Atemschlag.

O Gott, schließ um mich deinen Mantel fest;

Ich weiß, ich bin im Kugelglas der Rest,

Und wenn der letzte Mensch die Welt vergießt,

Du mich nicht wieder aus der Allmacht läßt

Und sich ein neuer Erdball um mich schließt.

[223] O Gott

Überall nur kurzer Schlaf

Im Mensch, im Grün, im Kelch der Winde.

Jeder kehrt in sein totes Herz heim.

Ich wollt, die Welt wär noch ein Kind

Und wüßte mir vom ersten Atem zu erzählen.

Früher war eine große Frömmigkeit am Himmel

Gaben sich die Sterne die Bibel zu lesen.

Könnte ich einmal Gottes Hand fassen

Oder den Mond an seinem Finger sehn.

O Gott, o Gott, wie weit bin ich von dir!

[224]

Inhaltsverzeichnis

Versöhnung [10]

Mein Volk [11]

Boas [12]

Esther [13]

An Gott [14]

Jakob und Esau [15]

Abel [16]

Pharao und Joseph [17]

David und Jonathan [18]

David und Jonathan (Zweite Fassung) [19]

Ruth [20]

Saul [21]

Moses und Josua [22]

Im Anfang [23]

Zebaoth [24]

Abraham und Isaak [25]

Eva [26]

Sulamith [27]

Jakob [28]

Meine Kinderzeit [29]

[225]

Ein alter Tibetteppich [37]

Styx [38]

Chronica [39]

Meine Schamröte [40]

Mein Tanzlied [41]

Kühle [42]

Dir [43]

Mein Drama [44]

Schwarze Sterne [45]

Liebessterne [46]

Vergeltung [47]

Sein Blut [48]

Abend [49]

Winternacht [50]

Frühling [51]

Weltflucht [52]

Mutter [55]

Mutter [56]

Meine Mutter [57]

Die Stimme Edens [58]

Sphinx [60]

Die Liebe [61]

Der letzte Stern [62]

Mein Wanderlied [64]

Lenzleid [65]

Mein Sterbelied [66]

[226]

Leise sagen – [67]

Nachklänge [68]

Streiter [70]

Schulzeit [71]

Ein Ticktackliedchen für Päulchen [72]

Die Pavianmutter singt ihr Paviänchen in den Schlaf [73]

Meinlingchen [74]

Mein Kind [75]

Und suche Gott [76]

Weltschmerz [77]

Syrinxliedchen [78]

Unser Liebeslied [79]

Heimweh [80]

Abend [82]

Vollmond [83]

Nachweh [84]

Liebesflug [85]

Groteske [86]

Chaos [87]

Scheidung [88]

Selbstmord [89]

Mein stilles Lied [90]

Palmenlied [92]

Ballade [93]

»Täubchen, das im eignen Blute schwimmt« [95]

[227]

Nun schlummert meine Seele – [97]

Ankunft [98]

O, meine schmerzliche Lust [99]

Die Königin [100]

Weltende [101]

Mairosen [102]

Nebel [103]

Dasein [105]

Es war eine Ebbe in meinem Blut [106]

Unser Kriegslied [107]

Unser stolzes Lied [108]

Dann [109]

Rast [110]

Heim [111]

Schuld [112]

Wir Drei [113]

Dem König von Böhmen [115]

Dem Daniel Jesus Paul [116]

Georg Trakl [117]

Georg Trakl [118]

Mein Lied [119]

Das Lied meines Lebens [120]

Ich träume so leise von dir [121]

Abschied [122]

Heimlich zur Nacht [123]

Der alte Tempel in Prag [124]

[228]

Der Mönch [125]

Dem Mönch [126]

Dem Mönch [127]

Ein Lied [128]

Rudolf Schmied [129]

Fritz Wolff [131]

Ballade (erste Fassung) [135]

Ballade (zweite Fassung) [136]

Senna Hoy [137]

Mein Liebeslied [138]

Siehst du mich [140]

Ein Liebeslied [141]

Ein Lied der Liebe [142]

Ein Trauerlied [144]

Sascha [146]

Senna Hoy [147]

Richard Dehmel [149]

Peter Baum [150]

Paul Zech [152]

Karl Vogt [153]

Franz Werfel [154]

Albert Heine – Herodes V. Aufzug [155]

Hans Ehrenbaum-Degele [159]

Als ich Tristan kennen lernte – [160]

An den Gralprinzen [161]

An den Prinzen Tristan [162]

[229]

An den Ritter aus Gold [163]

An den Ritter [164]

An Tristan [165]

Heinrich Maria Davringhausen [166]

Georg Groß [167]

Theodor Däubler [169]

Doktor Benn [173]

O, deine Hände [174]

Giselheer dem Heiden [175]

Giselheer dem Knaben [177]

Giselheer dem König [178]

Lauter Diamant [179]

Das Lied des Spielprinzen [180]

Hinter Bäumen berg ich mich [181]

Giselheer dem Tiger [183]

Klein Sterbelied [184]

O Gott [185]

Höre [186]

Wir beide [187]

Marie von Nazareth [188]

Wo mag der Tod mein Herz lassen [189]

Ich bin traurig [190]

Antinous [191]

Margret [192]

Meiner Schwester Anna dieses Lied [193]

Verinnerlicht [194]

[230]

Nur dich [195]

In deine Augen [196]

Von weit [197]

Alice Trübner [198]

Dem Barbaren [200]

Dem Barbaren [202]

Wilhelm Schmidtbonn [203]

Milly Steger [204]

An Hans Adalbert [207]

Dem Herzog von Leipzig [208]

Aber deine Brauen sind Unwetter [209]

Traum [210]

Unser Liebeslied [211]

Du machst mich traurig – hör [212]

Fritz Huf [213]

An zwei Freunde [215]

Laurencis [216]

Savary Le Duc [217]

Abschied [218]

O ich möcht aus der Welt! [219]

Franz Marc [220]

Gebet [222]

O Gott [223]