Karl Jürgen Skrodzki

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Karl Jürgen Skrodzki, Lohmar

Else Lasker-Schüler: Ein alter Tibetteppich

Ein alter Tibetteppich

Deine Seele, die die meine liebet

Ist verwirkt mit ihr im Teppichtibet

Strahl in Strahl, verliebte Farben,

Sterne, die sich himmellang umwarben.

Unsere Füsse ruhen auf der Kostbarkeit

Maschentausendabertausendweit.

Süsser Lamasohn auf Moschuspflanzentron

Wie lange küsst dein Mund den meinen wohl

Und Wang die Wange buntgeknüpfte Zeiten schon.

* * *

Quelle: Else Lasker-Schüler: Werke und Briefe. Kritische Ausgabe. Im Auftrag des Franz Rosenzweig-Zentrums der Hebräischen Universität Jerusalem, der Bergischen Universität Wuppertal und des Deutschen Literaturarchivs Marbach am Neckar herausgegeben von Norbert Oellers, Heinz Rölleke und Itta Shedletzky. Bd. 1: Gedichte. Bearbeitet von Karl Jürgen Skrodzki unter Mitarbeit von Norbert Oellers. Frankfurt am Main 1996. Nr. 172. – Auch in: Else Lasker-Schüler: Sämtliche Gedichte. Herausgegeben von Karl Jürgen Skrodzki. Frankfurt am Main 2004 (unveränderte Nachdrucke 2006, 2011 und 2013). S. 120.

»Ein alter Tibetteppich« erschien zuerst am 8. Dezember 1910 in der von Herwarth Walden, dem zweiten Mann Else Lasker-Schülers, redigierten Wochenschrift »Der Sturm« (Jg. 1, Nr. 41. S. 328), dem führenden Organ der Berliner Avantgarde. Das Gedicht nimmt eine herausragende Stellung im lyrischen Werk Else Lasker-Schülers ein: Es gilt als eines ihrer schönsten Gedichte und gehört zu den bekanntesten Texten, die von der Dichterin veröffentlicht worden sind; es wurde in zahlreiche Anthologien aufgenommen und hat seinen festen Platz in der schulischen Lektüre. »Ein alter Tibetteppich« ruht wie viele Gedichte der Moderne in sich selbst: Der formale Aufbau des Gedichts läßt sich in wenigen Worten beschreiben (betonte und unbetonte Silben wechseln regelmäßig ab, die Verse der einzelnen Strophen sind durch den Reim miteinander verbunden), Erläuterungen könnten auf einige Besonderheiten des Gedichts aufmerksam machen (etwa: die Wendungen »buntgeknüpft«, »himmellang« und »Lamasohn« finden sich in keinem anderen Gedicht Else Lasker-Schülers), kaum gelingen aber dürfte eine Interpretation, in der versucht wird, eine Bedeutung des Gedichts aufzudecken, die über das hinausgeht, was im Text unmittelbar gesagt ist.

Karl Kraus, der frühe Bewunderer Else Lasker-Schülers, war einer der ersten, auf den »Ein alter Tibetteppich« eine ungewöhnliche Faszination ausgeübt hat. Noch im Monat der Erstveröffentlichung druckte Kraus das Gedicht in der »Fackel« (Jg. 12, Nr. 313/314 vom 31. Dezember 1910. S. 36) nach und fügte eine lange Anmerkung an, in der er Else Lasker-Schüler, die gut zehn Jahre zuvor ihr erstes Gedicht veröffentlicht hatte, eine herausragende Stellung in der Literaturgeschichte zuweist:

»Nicht oft genug kann diese taubstumme Zeit, die die wahren Originale begrinst (und der sonst ernsthafte Leute wie die Brüder Mann mit einem Zeugnis für die ›außer Zweifel stehende dichterische Begabung‹ eines gutmütigen anarchistischen Witzboldes imponieren können), nicht oft genug kann sie durch einen Hinweis auf Else Lasker-Schüler gereizt werden, die stärkste und unwegsamste lyrische Erscheinung des modernen Deutschland. Wenn ich sage, daß manches ihrer Gedichte ›wunderschön‹ ist, so besinne ich mich, daß man vor zweihundert Jahren über diese Wortbildung ebenso gelacht haben mag, wie heute über Kühnheiten, welche dereinst in dem Munde aller sein werden, denen die Sprache etwas ist, was man ›gebraucht‹, um sich den Mund auszuspülen. Das hier aus der Berliner Wochenschrift ›Der Sturm‹ zitierte Gedicht gehört für mich zu den entzückendsten und ergreifendsten, die ich je gelesen habe, und wenige von Goethe abwärts gibt es, in denen so wie in diesem Tibetteppich Sinn und Klang, Wort und Bild, Sprache und Seele verwoben sind. Daß ich für diese neunzeilige Kostbarkeit den ganzen Heine hergebe, möchte ich nicht sagen. Weil ich ihn nämlich, wie man hoffentlich jetzt schon weiß, viel billiger hergebe.«

Für diese Zeilen blieb die Dichterin Karl Kraus zeitlebens verbunden. In ihren Briefen, in denen sie Kraus stets mit »Herzog von Wien« angeredet hatte, avancierte dieser Anfang des Jahres 1911 zum »Dalai Lama«, zu einem tibetanischen Priesterfürsten. Als 1934 die Festschrift »Stimmen über Karl Kraus zum 60. Geburtstag. Herausgegeben von einem Kreis dankbarer Freunde« (Wien: Richard Lanyi) erschien, trug Else Lasker-Schüler ein Faksimile des Gedichts bei, das nun den schlichten Titel »Der Tibetteppich« trägt und »Dem 16jährigen« gewidmet ist.

1911 nahm Else Lasker-Schüler »Ein alter Tibetteppich« in ihr Buch »Meine Wunder« (Karlsruhe und Leipzig: Dreililien-Verlag. S. 15) auf. Der Abdruck dort weicht in Orthographie und Interpunktion vom Erstdruck des Gedichts im »Sturm« ab und bildet die Grundlage für alle späteren Veröffentlichungen:

»Ein alter Tibetteppich

Deine Seele, die die meine liebet,

Ist verwirkt mit ihr im Teppichtibet.

Strahl in Strahl, verliebte Farben,

Sterne, die sich himmellang umwarben.

Unsere Füße ruhen auf der Kostbarkeit

Maschentausendabertausendweit.

Süßer Lamasohn auf Moschuspflanzenthron

Wie lange küßt dein Mund den meinen wohl

Und Wang die Wange buntgeknüpfte Zeiten schon?«

Kurt Pinthus, der namhafte Literatur-, Theater- und Filmkritiker, wies 1959 erneut und auf eine etwas verblüffende Weise auf den besonderen Stellenwert des Gedichts »Ein alter Tibetteppich« hin. Ende 1919 war mit der Jahreszahl 1920 die Anthologie »Menschheitsdämmerung. Symphonie jüngster Dichtung« (Berlin: Ernst Rowohlt) erschienen, in der der Herausgeber Kurt Pinthus versucht hat, einen Rückblick auf die Lyrik des abgelaufenen Jahrzehnts zu geben. Die »Menschheitsdämmerung« erschien bis 1922 in vier Auflagen mit insgesamt 20000 Exemplaren und gilt als eine der berühmtesten Anthologien. Vertreten sind in der »Menschheitsdämmerung« dreiundzwanzig Autoren, deren Gedichte Pinthus in vier Zyklen anordnete: »Sturz und Schrei«, »Erweckung des Herzens«, »Aufruf und Empörung« und »Liebe den Menschen«. Von Else Lasker-Schüler wählte er vierzehn Gedichte aus: »Senna Hoy«, »Meine Mutter«, »Ein Lied der Liebe«, »Mein Liebeslied«, »Doktor Benn«, »Ein Lied«, »Abschied«, »Versöhnung«, »An Gott«, »Zebaoth«, »Abraham und Isaak«, »Mein Volk«, »Und suche Gott« und »Gebet«. 1959, zum vierzigjährigen Jubiläum ihres ersten Erscheinens, brachte Pinthus in der Reihe »Rowohlts Klassiker der Literatur und der Wissenschaft« eine Neuausgabe seiner Anthologie heraus, der er, dem zeitlichen Abstand Rechnung tragend, den Untertitel »Ein Dokument des Expressionismus« gab. Einleitend versicherte Pinthus: »Es ist also in dieser Gedichtsammlung kein Buchstabe (außer Druckfehlern) geändert worden.« Der Abdruck der Texte Else Lasker-Schülers aber weist eine Besonderheit auf: Diese sind, stillschweigend, vermehrt um das Gedicht »Ein alter Tibetteppich«.

Karl Jürgen Skrodzki, Mai 1999. Ergänzt Januar 2016.