Karl Jürgen Skrodzki

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Karl Jürgen Skrodzki, Lohmar

Gerson Stern: Erinnerungen an Else Lasker-Schüler

In einer kaum vorstellbaren Vollendung war es Else Lasker-Schüler gegeben, ihrer Ausschließlichkeit schöpferisch zu leben. Wenn sie in ihrem Buch »Mein Herz ein Liebesroman«, diese taufrische Autobiographie, dieser seherische Sang in Briefen um das Spiel ihrer Tagesstunden, schreibt: Du brauchst es ja nicht wiederzusagen, Herwarth, ich schwöere es Dir bei dem Propheten Darwin, ich bin meine einzige unsterbliche Liebe, – so liegt hierin trotz ihres weitweiten Herzens ein Bekenntnis. Zwei scheinbare Einbrüche liegen vor, die erschütternd zarte Verehrung der Mutter, und die Auflösung in den Sohn. Auch hier ist es eine Steigerung der Selbstverflochtenheit. In den Tagen, da die Hand des aufdämmernden Todes schon Augen und Mund geschlossen hatten, kam als einziges das Wort »Mama« zeitweilig von ihren Lippen, und es war vielleicht das Tragischste, daß ihre letzte Lebensbekundung wortlose Tränen waren.

Das Sich-selbst-erfahren-wollen war eine Wiegengabe ihres Erwachens. »Unser Elschen liest nur ihre eigenen Gedichte«, bekannte ihre Mutter, deren Wesensbeziehung sich gern geheim bekundete. Aron Schüler, der robuste Vater trug Gedichte seines Töchterchens in seiner Brieftasche mit sich und liebte es, in Augenblicken gehobener Stimmung sie seinen Stammtischbrüdern darzubieten, die mit einigem Erstaunen traumhaftweiche Worte aus diesem Munde vernommen haben werden.

Aus den Nachrufen der Zeitungen des Landes tritt die Dichterin, wie sie durch die Straßen Jerusalems taumelte: »zwerghaft – ein exotischer Nachtvogel – wie aus einer Alraunwurzel geschnitten – verhutzelt, zusammengeschrumpft«. – Es stellte sich diesen Worten meine erste Begegnung mit der damaligen Else Schüler entgegen. Ich stürmte als 10jähriger mit dem Tornister in der Hand ins Zimmer und prallte gegen eine Unbekannte, die meinen Kopf zu sich hob. Ich schaute erstaunt auf ein sehr schlankes, vielleicht 17jähriges Mädchen von kerzengradem Wuchs mit langbewimperten, großen, schwarzen Augen in blauweißem Felde. Ihr ovales Gesicht war olivenfarbig. Das schwarze Haar war kurz geschnitten und seitlich gescheitelt, was der beengten bürgerlichen Welt der 80er Jahre des vorigen Jahrhunderts recht bedenklich erschienen sein muß. Aber Else Schüler lebte von frühauf ihre Art, sie, der letzte Strahl eines alten Geschlechtes, das im Untergehn in die Unvergänglichkeit einging.

Meine zweite Begegnung mit der Dichterin sollte ebenso unerwartet sein. Es waren inzwischen 50 Jahre vergangen. Ich schritt kurz nach meiner Einwanderung über die Ussischkinstraße in der heiligen Stadt Jerusalem, als ich ein gewaltiges Geschimpfe hörte und ein etwas gekrümmt daher tappendes Weiblein auf 2 jüngere ostjüdische Männer zustreben sah, die aus einer der an dieser Straße liegenden Synagogen getreten waren. »Ihr seid schuld!«, wurden sie angefahren. »Wo ist Jerusalem?« Die Sprachlosigkeit der Männer trieb die Erregte weiter. »21 Bücher habe ich geschrieben. Wißt Ihr das, Ihr Dummköpfe?« Und unter Gepruste und Gemurmel trabte sie fort. Ich erkannte mühselig die Jugendliche wieder, deren damalige fremdartige Schönheit sich als ein Lebenssinnbild offenbaren sollte. In den nun kommenden Jahren erfuhr ich, daß nur das Kleid gewechselt war. Sie selbst war losgelöst von Zeit und Raum. Sie sagte mir eines Tages – sie hatte gerade einen Schriftsteller hinausgeworfen, der unerfahrenerweise nach ihrem Alter gefragt hatte – »Der Esel! Ich werde nie älter als 16 Jahre.« Und es war so. Sie mag 75 Jahre alt gewesen sein, als eine neue Liebe in ihrem Herzen aufschoß voll mädchenhafter Süße und Innigkeit, die sie tief erschütterte und Liebeslieder aufblühen ließ, die die Vollendung in die Jahrhunderte tragen werden.

Sie schaut auch aus ihrer letzten Gabe »Mein blaues Klavier«, dessen Umschlagsbild in dunkler Ahnung die Worte trägt: Abschied von den Freunden. Dies zittert durch viele der unsterblichen Gedichte dieses Buches, gleichsam als Sieg über den Tod, und zittert bis in das Nachwort: An mich: »Sterb ich am Wegrand wo, liebe Mutter, kommst Du und trügst mich hinauf zum blauen Himmel.«

Der Arzt, der die letzten Monate ihres Sohnes Paul in seiner Sorge barg, sagte kürzlich: »Else Lasker-Schüler lebte seit je in einem göttlichen Wahnsinn.« Wir müssen dies in einer ehrfürchtigen Ausgestaltung verstehen. In der Dichterin begegneten sich die Jahrtausende. Es ist dies durchaus wörtlich zu nehmen. Und aus ihnen blühte es zu letzter, tagesferner Bildhaftigkeit. Die Dichterin hatte Gesichte – ja. Wir saßen in der unvorstellbaren Verlorenheit ihres Domizils, und sie erzählte wieder von ihren Begegnungen mit biblischen Gestalten und vor allem mit ihrer Mutter, um die immer wieder ihr Hingegebensein kreiste. Diesmal, da der traumgelbe Schein der Sabbathkerze in ihre Einsamkeit einsank, war ihr der Engel Gabriel erschienen. »Bin ich verrückt?« klagte sie. Ach nein. Es war eine für sie wahrhafte Begebenheit in der Intensität des Erlebnisses. – Eines Abends fand ich die Dichterin vor einem Tisch, der feierlich zugerichtet war. Photos standen auf ihm und kindlich gewählte, glitzernde Gegenstände. In der Mitte brannte eine Kerze, die von der Hand der Dichterin bunt gestaltet und mit einem roten Herzen bemalt war. Ihre Blicke gingen dorthin, und ich sah, wie die Flamme das rote Herz mehr und mehr in sich einzog. In dieser Nacht entstand das Urlied: Meine Mutter. Eine solche Kerze, halb abgebrannt, lag zwischen den bunten Dingen, die Else Lasker-Schüler zurückließ und aus deren geheimen Grund ihre Seele schaut.

Es war anfangs 1941, als ich von Else Lasker-Schüler in einer selbst für sie ungewöhnlichen Dringlichkeit zu ihr gerufen wurde. »Schwören Sie«, begann die Entschleierung des Geheimnisses. Ich lehnte ab. »Ich kann schweigen«. »Das gilt, als wenn Sie geschworen hätten. Wir beide fahren nach Moskau, zu Stalin. Sie fahren doch mit?« »Selbstverständlich. Wann fahren wir?« »Morgen früh«. »Gut, bis dahin kann ich den Koffer packen. Was werden wir dort tun?« »Stalin muß mit England gehn. Wir werden es ihm sagen.« Und nun wurde das Unsinnige des Bisherigen in eine fast unheimliche Sicht gehoben. Sie entwickelte vor mir, was die kommenden Jahre entscheidend bestätigten. – »Haben Sie ein Flugzeug?« »Nein«, sagte sie ganz verdutzt. Mit dem Entschluß uns hierum zu bemühen, schieden wir. Else Lasker-Schüler ist nie auf den Plan zurückgekommen.

Bedeutungsvoll an dieser Episode ist der Einblick, wie hinter den Absonderlichkeiten dieser am Tag Verirrten etwas drängte, was sich nicht mit der Wirrnis erschöpfte, in der es sich oft bekundete. Sie, die in einem ihrer letzten Gedichte schrieb: In meinem Schoße schlafen die dunklen Wolken – war erhoben und gesegnet mit allem Holden und Unholden, das auf die niederträufelt, die nahe am Herzen Gottes ruhen.

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Aus: Mitteilungsblatt. Alija Chadascha (Tel Aviv). Jg. 9, Nr. 8 vom 23. Februar 1945. S. 7.

Der Schriftsteller Gerson Stern (1874–1956) stammte aus Holzminden im Weserbergland und lebte bis zu seiner Emigration in Kiedrich im Rheingau. 1939 zog er nach Palästina und gab 1941 zusammen mit Schalom Ben-Chorin in Tel Aviv die Anthologie »Menora« (Walter Menke) heraus, in der Else Lasker-Schüler mit den beiden Gedichten »Herbst« (Ich pflücke mir am Weg das letzte Tausendschön) und »Mein blaues Klavier« vertreten ist. – Sterns Hauptwerk, der Roman »Weg ohne Ende« von 1934, ist 1999 vom Verlag Carl Böschen (Siegen) neu aufgelegt worden (ISBN 3-932212-19-3). – Quelle: Wikipedia.