Karl Jürgen Skrodzki

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Karl Jürgen Skrodzki, Lohmar

[1]

Styx.

Gedichte

Else Lasker-Schüler.

Berlin 1902.

Axel Juncker Verlag.

[3]

Meinen teuren Eltern

zur Weihe.

[Titelblatt mit einer Zeichnung von Fidus (d. i. Hugo Höppener):]

Styx

[5] INHALT.

Abend [23]

Ἀϑάνατοι[52]

Ballade [57]

Chaos [38]

Chronica [7]

Dann [22]

Das Lied des Gesalbten [35]

Dasein [28]

Dein Sturmlied [34]

Der gefallene Engel [49]

Die Beiden [75]

Dir [62]

Du, mein [47]

Eifersucht [11]

Elegie [71]

Eros [33]

Fieber [27]

Fortissimo [48]

Frühling [12]

Herzkirschen waren meine Lippen beid’ [74]

Hundstage [69]

Im Anfang [77]

Jugend [55]

Karma [24]

Königswille [60]

Kühle [37]

Lenzleid [40]

Mairosen [21]

Mein Blick [39]

Mein Drama [43]

Mein Kind [51]

Mein Tanzlied [67]

Meine Blutangst [76]

Meine Schamröte [15]

Meinlingchen [56]

Melodie [70]

Morituri [54]

Müde [63]

Mutter [9]

Nachweh [66]

Nervus erotis [18]

[6] Orgie [25]

Schuld [64]

Sein Blut [30]

Selbstmord [53]

Sinnenrausch [29]

Sterne des Fatums [45]

Sterne des Tartarus [46]

Sulamith [36]

Syrinxliedchen [17]

Trieb [16]

Unglücklicher Hass [65]

Urfrühling [20]

Vagabunden [73]

Verdamnis [41]

Vergeltung [68]

Viva [31]

Volkslied [61]

Weltflucht [10]

Weltschmerz [42]

Winternacht [19]

Zigeunerlied. (Die schwarze Bhowanéh) [13]

[7] Chronica.

(Meinen Schwestern zu eigen.)

Mutter und Vater sind im Himmel

Und sprühen ihre Kraft

An singenden Fernen vorbei,

An spielenden Sternen vorbei

Auf mich nieder.

Himmel bebender Leidenschaft

Prangen auf,

O, meine ganze Sehnsucht reisst sich auf

Durch goldenes Sonnenblut zu gleiten!

Fühle Mutter und Vater wiederkeimen

Auf meinen ahnungsbangen Mutterweiten.

Drei Seelen breiten

Aus stillen Morgenträumen

Zum Gottland ihre Wehmut aus.

Denn drei sind wir Schwestern,

Und die vor mir träumten schon in Sphinxgestalten

Zu Pharaozeiten.

Mich formte noch im tiefsten Weltenschooss

Die schwerste Künstlerhand.

[8] Und wisset, wer meine Brüder sind!

Sie waren die drei Könige, die gen Osten zogen

Dem weissen Sterne nach durch brennenden Wüstenwind.

Aber acht Schicksale wucherten aus unserem Blut

Und lauern hinter unseren Himmeln:

Vier plagen uns im Abendrot,

Vier verdunkeln uns die Morgenglut,

Sie brachten über uns Hungersnot

Und Herzensnot und Tod!

Und es steht:

Ueber unserem letzten Grab ihr Fortleben noch,

Den Fluch über alle Welten zu weben,

Sich ihres Bösen zu freuen.

Aber die Winde werden einst ihren Staub scheuen.

Satanas miserere eorum!!

[9] Mutter.

Ein weisser Stern singt ein Totenlied

In der Julinacht,

Wie Sterbegeläut in der Julinacht.

Und auf dem Dach die Wolkenhand,

Die streifende, feuchte Schattenhand

Sucht nach meiner Mutter.

Ich fühle mein nacktes Leben,

Es stösst sich ab vom Mutterland,

So nackt war nie mein Leben,

So in die Zeit gegeben,

Als ob ich abgeblüht

Hinter des Tages Ende,

Versunken

Zwischen weiten Nächten stände,

Von Einsamkeiten gefangen.

Ach Gott! Mein wildes Kindesweh!

... Meine Mutter ist heimgegangen.

[10] Weltflucht.

Ich will in das Grenzenlose

Zu mir zurück,

Schon blüht die Herbstzeitlose

Meiner Seele,

Vielleicht – ist’s schon zu spät zurück!

O, ich sterbe unter Euch!

Da Ihr mich erstickt mit Euch.

Fäden möchte ich um mich ziehn –

Wirrwarr endend!

Beirrend,

Euch verwirrend,

Um zu entfliehn

Meinwärts!

[11] Eifersucht.

Denk’ mal, wir beide

Zwischen feurigem Zigeunervolk

Auf der Haide!

Ich zu Deinen Füssen liegend,

Du die Fiedel spielend,

Meine Seele einwiegend,

Und der brennende Steppenwind

Saust um uns!

... Aber die Mariennacht verschmerz’ ich nicht!

Die Mariennacht –

Da ich Dich sah

Mit der Einen ...

Wie duftendes Schneien

Fielen die Blüten von den Bäumen.

Die Mariennacht verschmerz’ ich nicht,

Die blonde Blume in Deinen Armen nicht!

[12] Frühling.

Wir wollen wie der Mondenschein

Die stille Frühlingsnacht durchwachen,

Wir wollen wie zwei Kinder sein,

Du hüllst mich in Dein Leben ein

Und lehrst mich so, wie Du, zu lachen.

Ich sehnte mich nach Mutterlieb’

Und Vaterwort und Frühlingsspielen,

Den Fluch, der mich durch’s Leben trieb,

Begann ich, da er bei mir blieb,

Wie einen treuen Feind zu lieben.

Nun blühn die Bäume seidenfein

Und Liebe duftet von den Zweigen.

Du musst mir Mutter und Vater sein

Und Frühlingsspiel und Schätzelein!

– – Und ganz mein Eigen ...

[13] Die schwarze Bhowanéh.

(Die Göttin der Nacht.)

(Zigeunerlied.)

Meine Lippen glühn

Und meine Arme breiten sich aus wie Flammen!

Du musst mit mir nach Granada ziehn

In die Sonne, aus der meine Gluten stammen ...

Meine Ader schmerzt

Von der Wildheit meiner Säfte,

Von dem Toben meiner Kräfte.

Granatäpfel prangen

Heiss, wie die Lippen der Nacht!

Rot, wie die Liebe der Nacht!

Wie der Brand meiner Wangen.

[14] Auf dem dunklen Schein

Meiner Haut schillern Muscheln auf Schnüre gezogen,

Und Perlen von sonnenfarb’gem Bernstein

Durchglühn meine Zöpfe wie Feuerwogen.

Meine Seele bebt,

Wie eine Erde bebt und sich aufthut

Dürstend nach Luft! Nach säuselnder Flut!

Heisse Winde stöhnen,

Wie der Odem der Sehnsucht,

Verheerend wie die Qual der Sehnsucht ...

Und über die Felsen Granadas dröhnen

Die Lockrufe der schwarzen Bhowanéh!

[15] Meine Schamröte.

Du! Sende mir nicht länger den Duft,

Den brennenden Balsam

Deiner süssen Gärten zur Nacht!

Auf meinen Wangen blutet die Scham

Und um mich zittert die Sommerluft.

Du ... wehe Kühle auf meine Wangen

Aus duftlosen, wunschlosen

Gräsern zur Nacht.

Nur nicht länger den Hauch Deiner sehnenden Rosen,

Er quält meine Scham.

[16] Trieb.

Es treiben mich brennende Lebensgewalten,

Gefühle, die ich nicht zügeln kann,

Und Gedanken, die sich zur Form gestalten,

Fallen mich wie Wölfe an!

Ich irre durch duftende Sonnentage ...

Und die Nacht erschüttert von meinem Schrei.

Meine Lust stöhnt wie eine Marterklage

Und reisst sich von ihrer Fessel frei.

Und schwebt auf zitternden, schimmernden Schwingen

Dem sonn’gen Thal in den jungen Schoss,

Und lässt sich von jedem Mai’nhauch bezwingen

Und giebt der Natur sich willenlos.

[17] Syrinxliedchen.

Die Palmenblätter schnellen wie Viperzungen

In die Kelche der roten Gladiolen,

Und die Mondsichel lacht

Wie ein Faunsaug’ verstohlen.

Die Welt hält das Leben umschlungen

Im Strahl des Saturn

Und durch das Träumen der Nacht

Sprüht es purpurn.

Jüx! Wollen uns im Schilfrohr

Mit Binsen aneinander binden

Und mit der Morgenröte Frühlicht

Den Süden unserer Liebe ergründen!

[18] Nervus Erotis.

Dass uns nach all’ der heissen Tagesglut

Nicht eine Nacht gehört ...

Die Tuberosen färben sich mit meinem Blut,

Aus ihren Kelchen lodert’s brandrot!

Sag’ mir, ob auch in Nächten Deine Seele schreit,

Wenn sie aus bangem Schlummer auffährt,

Wie wilde Vögel schreien durch die Nachtzeit.

Die ganze Welt scheint rot,

Als ob des Lebens weite Seele blutet.

Mein Herz stöhnt wie das Leid der Hungersnot,

Aus roten Geisteraugen stiert der Tod!

Sag’ mir, ob auch in Nächten Deine Seele klagt,

Vom starken Tuberosenduft umflutet,

Und an dem Nerv des bunten Traumes nagt.

[19] Winternacht.

(Cellolied.)

Ich schlafe tief in starrer Winternacht,

Mir ist, ich lieg’ in Grabesnacht,

Als ob ich spät um Mitternacht gestorben sei

Und schon ein Sternenleben tot sei.

Zu meinem Kinde zog mein Glück

Und alles Leiden in das Leid zurück,

Nur meine Sehnsucht sucht sich heim

Und zuckt wie zähes Leben

Und stirbt zurück

In sich.

Ich schlafe tief in starrer Winternacht,

Mir ist, ich lieg’ in Grabesnacht.

[20] Urfrühling.

Sie trug eine Schlange als Gürtel

Und Paradiesäpfel auf dem Hut,

Und meine wilde Sehnsucht

Raste weiter in ihrem Blut.

Und das Ursonnenbangen,

Das Schwermüt’ge der Glut

Und die Blässe meiner Wangen

Standen auch ihr so gut.

Das war ein Spiel der Geschicke

Ein’s ihrer Rätseldinge ...

Wir senkten zitternd die Blicke

In die Märchen unserer Ringe.

Ich vergass meines Blutes Eva

Ueber all’ diesen Seelenklippen,

Und es brannte das Rot ihres Mundes,

Als hätte ich Knabenlippen.

Und das Abendröten glühte

Sich schlängelnd am Himmelssaume,

Und vom Erkenntnisbaume

Lächelte spottgut die Blüte.

[21] Mairosen.

(Reigenlied für die grossen Kinder.)

Er hat seinen heiligen Schwestern versprochen,

Mich nicht zu verführen,

Zwischen Mairosen hätte er fast

Sein Wort gebrochen,

Aber er machte drei Kreuze

Und ich glaubte heiss zu erfrieren.

Nun lieg’ ich im düst’ren Nadelwald,

Und der Herbst saust kalte Nordostlieder

Ueber meine Lenzglieder.

Aber wenn es wieder warm wird,

Wünsch’ ich den heiligen Schwestern beid’

Hochzeit

Und wir – spielen dann unter den Mairosen ....

[22] Dann.

.... Dann kam die Nacht mit Deinem Traum

Im stillen Sternebrennen.

Und der Tag zog lächelnd an mir vorbei,

Und die wilden Rosen atmeten kaum.

Nun sehn’ ich mich nach Traumesmai,

Nach Deinem Liebeoffenbaren.

Möchte an Deinem Munde brennen

Eine Traumzeit von tausend Jahren.

[23] Abend.

Es riss mein Lachen sich aus mir,

Mein Lachen mit den Kinderaugen,

Mein junges, springendes Lachen

Singt Tag der dunklen Nacht vor Deiner Thür.

Es kehrte aus mir ein, in Dir

Zur Lust Dein Trübstes zu entfachen –

Nun lächelt es wie Greisenlachen

Und leidet Jugendnot.

Mein tolles, übermütiges Frühlingslachen

Träumt von Tod.

[24] Karma.

Hab’ in einer sternlodernden Nacht

Den Mann neben mir um’s Leben gebracht.

Und als sein girrendes Blut gen Morgen rann,

Blickte mich düster sein Schicksal an.

[25] Orgie.

Der Abend küsste geheimnisvoll

Die knospenden Oleander.

Wir spielten und bauten Tempel Apoll

Und taumelten sehnsuchtsübervoll

Ineinander.

Und der Nachthimmel goss seinen schwarzen Duft

In die schwellenden Wellen der brütenden Luft,

Und Jahrhunderte sanken

Und reckten sich

Und reihten sich wieder golden empor

Zu sternenverschmiedeten Ranken.

Wir spielten mit dem glücklichsten Glück,

Mit den Früchten des Paradiesmai,

Und im wilden Gold Deines wirren Haars

Sang meine tiefe Sehnsucht

Geschrei,

Wie ein schwarzer Urwaldvogel.

[26] Und junge Himmel fielen herab,

Unersehnbare, wildsüsse Düfte;

Wir rissen uns die Hüllen ab

Und schrieen!

Berauscht vom Most der Lüfte.

Ich knüpfte mich an Dein Leben an,

Bis dass es ganz in ihm zerrann,

Und immer wieder Gestalt nahm

Und immer wieder zerrann.

Und unsere Liebe jauchzte Gesang,

Zwei wilde Symphonieen!

[27] Fieber.

Es weht von Deinen Gärten her der Duft,

Wie trockner Südwind über mein Gesicht.

O, diese heisse Not in meiner Nacht!

Ich trinke die verdorrte Feuerluft

Meiner Brände.

Aus meinem schlummerlosen Auge flammt

Ein grelles, ruheloses Licht,

Wie Irrlichtflackern durch die Nacht.

Ich weiss, ich bin verdammt

Und fall’ aus Himmelshöhen in Deine Hände.

[28] Dasein.

Hatte wogendes Nachthaar,

Liegt lange schon wo begraben.

Hatte zwei Augen wie Bäche klar,

Bevor die Trübsal mein Gast war,

Hatte Hände muschelrotweiss,

Aber die Arbeit verzehrte ihr Weiss.

Und einmal kommt der Letzte,

Der senkt den unabänderlichen Blick

Nach meines Leibes Vergänglichkeit

Und wirft von mir alles Sterben.

Und es atmet meine Seele auf

Und trinkt das Ewige ....

[29] Sinnenrausch.

Dein sünd’ger Mund ist meine Totengruft,

Betäubend ist sein süsser Atemduft,

Denn meine Tugenden entschliefen.

Ich trinke sinnberauscht aus seiner Quelle

Und sinke willenlos in ihre Tiefen,

Verklärten Blickes in die Hölle.

Mein heisser Leib erglüht in seinem Hauch,

Er zittert, wie ein junger Rosenstrauch,

Geküsst vom warmen Maienregen.

– Ich folge Dir ins wilde Land der Sünde

Und pflücke Feuerlilien auf den Wegen,

– Wenn ich die Heimat auch nicht wiederfinde ....

[30] Sein Blut.

Am liebsten pflückte er meines Glückes

Letzte Rose im Maien

Und würfe sie in den Rinnstein.

.... Sein Blut plagt ihn.

Am liebsten lockte er meiner Seele

Zitternden Sonnenstrahl

In seine düst’re Nächtequal.

Am liebsten griff er mein spielendes Herz

Aus wiegendem Lenzhauch

Und hing es auf wo an einem Dornstrauch.

.... Sein Blut plagt ihn.

[31] Viva!

Mein Wünschen sprudelt in der Sehnsucht meines Blutes

Wie wilder Wein, der zwischen Feuerblättern glüht.

Ich wollte, Du und ich, wir wären eine Kraft,

Wir wären eines Blutes

Und ein Erfüllen, eine Leidenschaft,

Ein heisses Weltenliebeslied!

Ich wollte, Du und ich, wir würden uns verzweigen,

Wenn sonnentoll der Sommertag nach Regen schreit

Und Wetterwolken bersten in der Luft!

Und alles Leben wäre unser Eigen;

Den Tod selbst rissen wir aus seiner Gruft

Und jubelten durch seine Schweigsamkeit!

[32] Ich wollte, dass aus unserer Kluft sich Massen

Wie Felsen aufeinandertürmen und vermünden

In einen Gipfel, unerreichbar weit!

Dass wir das Herz des Himmels ganz erfassen

Und uns in jedem Hauche finden

Und überstrahlen alle Ewigkeit!

Ein Feiertag, an dem wir ineinanderrauschen,

Wir beide ineinanderstürzen werden,

Wie Quellen, die aus steiler Felshöh’ sich ergiessen

In Wellen, die dem eignen Singen lauschen

Und plötzlich niederbrausen und zusammenfliessen

In unzertrennbar, wilden Wasserheerden!

[33] Eros.

O, ich liebte ihn endlos!

Lag vor seinen Knie’n

Und klagte Eros

Meine Sehnsucht.

O, ich liebte ihn fassungslos.

Wie eine Sommernacht

Sank mein Kopf

Blutschwarz auf seinen Schoss

Und meine Arme umloderten ihn.

Nie schürte sich so mein Blut zu Bränden,

Gab mein Leben hin seinen Händen,

Und er hob mich aus schwerem Dämmerweh.

Und alle Sonnen sangen Feuerlieder

Und meine Glieder

Glichen

Irrgewordenen Lilien.

[34] Dein Sturmlied.

Brause Dein Sturmlied Du!

Durch meine Liebe,

Durch mein brennendes All.

Verheerend, begehrend,

Dröhnend wiedertönend

Wie Donnerhall!

Brause Dein Sturmlied Du!

Und lösche meine Feuersbrunst,

Denn ich ersticke in Flammendunst.

Mann mit den ehernen Zeusaugen,

Grolle Gewitter,

Entlade Wolken auf mich.

Und wie eine Hochsommererde

Werde ich

Aufsehnend

Die Ströme einsaugen.

Brause Dein Sturmlied Du!

[35] Das Lied des Gesalbten.

Zebaoth spricht aus dem Abend:

Verschwenden sollst Du mit Liebe!

Denn ich will Dir Perlen meiner Krone schenken,

In goldträufelnden Honig Dein Blut verwandeln

Und Deine Lippen mit den Düften süsser Mandeln tränken.

Verschwenden sollst Du mit Liebe!

Und mit schmelzendem Jubel meine Feste umgolden

Und die Schwermut, die über Jerusalem trübt,

Mit singenden Blütendolden umkeimen.

Ein prangender Garten wird Dein Herz sein,

Darin die Dichter träumen.

O, ein hängender Garten wird Dein Herz sein,

Aller Sonnen Aufgangheimat sein,

Und die Sterne kommen, ihren Flüsterschein

Deinen Nächten sagen.

Ja, tausend greifende Aeste werden Deine Arme tragen,

Und meinem Paradiesheimweh wiegende Troste sein!

[36] Sulamith.

O, ich lernte an Deinem süssen Munde

Zu viel der Seligkeiten kennen!

Schon fühl’ ich die Lippen Gabriels

Auf meinem Herzen brennen ...

Und die Nachtwolke trinkt

Meinen tiefen Cederntraum.

O, wie Dein Leben mir winkt!

Und ich vergehe

Mit blühendem Herzeleid

Und verwehe im Weltraum,

In Zeit,

In Ewigkeit,

Und meine Seele verglüht in den Abendfarben

Jerusalems.

[37] Kühle.

In den weissen Gluten

Der hellen Rosen

Möchte ich verbluten.

Doch auf den Teichen

Warten die starren, seelenlosen Wasserrosen,

Um meiner Sehnsucht Kühle zu reichen.

[38] Chaos.

Die Sterne fliehen schreckensbleich

Vom Himmel meiner Einsamkeit,

Und das schwarze Auge der Mitternacht

Starrt näher und näher.

Ich finde mich nicht wieder

In dieser Todverlassenheit!

Mir ist: ich lieg’ von mir weltenweit

Zwischen grauer Nacht der Urangst ...

Ich wollte, ein Schmerzen rege sich

Und stürze mich grausam nieder

Und riss mich jäh an mich!

Und es lege eine Schöpferlust

Mich wieder in meine Heimat

Unter der Mutterbrust.

Meine Mutterheimat ist seeleleer,

Es blühen dort keine Rosen

Im warmen Odem mehr. –

.... Möcht’ einen Herzallerliebsten haben!

Und mich in seinem Fleisch vergraben.

[39] Mein Blick.

Ich soll Dich anseh’n,

Immerzu.

Aber mein Blick irrt über alles Sehen weit,

Floh himmelweit, ferner als die Ewigkeit.

Du! locke ihn mit Deiner Sehnsucht Sonnenschein, –

Er wird mir selbst ein Hieroglyph geworden sein.

[40] Lenzleid.

Dass Du Lenz gefühlt hast

Unter meiner Winterhülle,

Dass Du den Lenz erkannt hast

In meiner Todstille.

Nicht wahr, das ist Gram

Winter sein, eh’ der Sommer kam,

Eh’ der Lenz sich ausgejauchzt hat.

O, Du! schenk’ mir Deinen gold’nen Tag

Von Deines Blutes blühendem Rot.

Meine Seele friert vor Hunger,

Ist satt vom Reif.

O, Du! giesse Dein Lenzblut

Durch meine Starre,

Durch meinen Scheintod.

Sieh, ich harre

Schon Ewigkeiten auf Dich!

[41] Verdammnis.

Krallen reissen meine Glieder auf

Und Lippen nagen an meinem Traumschlaf.

Weh Deinem Schicksal und dem meinen,

Das sich im Zeichen böser Sterne traf.

Meine Sehnsucht schreit zu diesen Sternen auf

Und erstarrt im Morgenscheinen –

Und ich weine

Zu den Höllen.

Schenk’ mir Deine Arme eine Nacht,

Die so frischen Odem strömen

Wie zwei nordische Meereswellen.

Dass, wenn ich aus Finsternis erwacht,

Mich nicht böse Geister treten,

Ich nicht einsam bin mit meinem Grämen.

Zu den Himmeln fleh’ ich jede Nacht,

Doch der Satan hetzt die Teufel auf mein Beten.

[42] Weltschmerz.

Ich, der brennende Wüstenwind,

Erkaltete und nahm Gestalt an.

Wo ist die Sonne, die mich auflösen kann,

Oder der Blitz, der mich zerschmettern kann!

Blick’ nun: ein steinernes Sphinxhaupt,

Zürnend zu allen Himmeln auf.

Hab’ an meine Glutkraft geglaubt.

[43] Mein Drama.

Mit allen duftsüssen Scharlachblumen

Hat er mich gelockt,

Keine Nacht mehr hielt ich es im engen Zimmer aus,

Liebeskrumen stahl ich mir vor seinem Haus

Und sog mein Leben, ihn ersehnend, aus.

Es weint ein blasser Engel leis’ in mir

Versteckt – ich glaube tief in meiner Seele,

Er fürchtet sich vor mir.

Im wilden Wetter sah ich mein Gesicht!

Ich weiss nicht wo, vielleicht im dunklen Blitz,

Mein Auge stand wie Winternacht im Antlitz,

Nie sah ich grimmigeres Leid.

... Mit allen duftsüssen Scharlachblumen

Hat er mich gelockt,

Es regt sich wieder weh in meiner Seele

Und leitet mich durch all’ Erinnern weit.

[44] Sei still, mein wilder Engel mein,

Gott weine nicht

Und schweige von dem Leid,

Mein Schmerzen soll sich nicht entladen,

Keinen Glauben hab’ ich mehr an Weib und Mann,

Den Faden, der mich hielt mit allem Leben,

Hab’ ich der Welt zurückgegeben

Freiwillig!

Aus allen Sphinxgesteinen wird mein Leiden brennen,

Um alles Blühen lohen, wie ein dunkler Bann.

Ich sehne mich nach meiner blind verstoss’nen Einsamkeit,

Trostsuchend, wie mein Kind, sie zu umfassen,

Lernte meinen Leib, mein Herzblut und ihn hassen,

Nie so das Evablut kennen

Wie in Dir, Mann!

[45] Sterne des Fatums.

Deine Augen harren vor meinem Leben

Wie Nächte, die sich nach Tagen sehnen,

Und der schwüle Traum liegt auf ihnen

Unergründet.

Seltsame Sterne starren zur Erde,

Eisenfarb’ne mit Sehnsuchtsschweifen,

Mit brennenden Armen, die Liebe suchen

Und in die Kühle der Lüfte greifen.

Sterne in denen das Schicksal mündet.

[46] Sterne des Tartaros.

Warum suchst Du mich in unseren Nächten

In Wolken des Hasses auf bösen Sternen!

Lass mich allein mit den Geistern fechten.

Sie schnellen vorbei auf Geyerschwingen

Aus längst vergess’nen Wildlandfernen.

Eiswinde durch Lenzessingen.

Und Du vergisst die Gärten der Sonne

Und blickst gebannt in die Todestrübe.

Ach, was irrst Du hinter meiner Not!

[47] Du, mein.

(Meinem Bruder Paul zu eigen.)

Der Du bist auf Erden gekommen,

Mich zu erlösen

Aus aller Pein,

Aus meiner Furie Blut,

Du, der Du aus Sonnenschein

Geboren bist,

Vom glücklichsten Wesen

Der Gottheit

Genommen bist,

Nimm mein Herz zu Dir

Und küsse meine Seele

Vom Leid

Frei.

[48] Fortissimo.

Du spieltest ein ungestümes Lied,

Ich fürchtete mich nach dem Namen zu fragen,

Ich wusste, er würde das alles sagen,

Was zwischen uns wie Lava glüht.

Da mischte sich die Natur hinein

In unsere stumme Herzensgeschichte,

Der Mondvater lachte mit Vollbackenschein,

Als machte er komische Liebesgedichte.

Wir lachten heimlich im Herzensgrund,

Doch unsere Augen standen in Thränen

Und die Farben des Teppichs spielten bunt

In Regenbogenfarbentönen.

Wir hatten beide dasselbe Gefühl,

Der Smyrnateppich wäre ein Rasen,

Und die Palmen über uns fächelten kühl,

Und unsere Sehnsucht begann zu rasen.

Und unsere Sehnsucht riss sich los

Und jagte uns mit Blutsturmwellen:

Wir sanken in das Smyrnamoos

Urwild und schrieen wie Gazellen.

[49] Der gefallene Engel.

(St. Petrus Hille zu eigen.)

Des Nazareners Lächeln strahlt aus Deinen Mienen,

Und meine Lippen öffnen sich mit Zagen,

Wie gift’ge Blüten, die dem Satan dienen

Und scheu den Lenzwind nach dem Himmel fragen.

Die heisse Sehnsucht hat mich tief gebräunt,

In kühler Not erstarrte meine Seele,

Ein Wetter stählte mein Gewissen!

Es wachsen Sträucher blütenlos auf meinen Wegen

Wie Schatten, die verbot’ne Thaten werfen,

Und meine Träume tränkt ein blut’ger Regen

Und reizt mit seinem Schein zum Laster meine Nerven.

Die Unschuld hat an meinem Bett geweint,

Und rang und klagte dann um meine Seele

Und pflanzte Trauerrosen um mein Kissen.

Siehst Du den Kettenring an meinem Finger –

Sein Stein erblindete, sein blaues Scheinen,

Vielleicht verlor ihn mal ein Gottesjünger

Auf seinem Pfade hoch in Felsgesteinen.

[50] Und diese roten, feurigen Granaten

Gab mir ein Königgreis für meine Nächte,

Wie heisse Tropfen auf die Schnur gereiht.

Der Sonnenuntergang erzählt im Westen

Von späten Rosen, die ergrauen müssen

Im Herbste unter morschem Laub und Aesten,

Und nichts vom Sonnenglanz des Sommers wissen,

Als Sünderinnen sterben für die Thaten

Der eitelen Natur, die duften möchte

Noch in der späten Winterabendzeit.

Darf ich mit Dir auf weiten Höhen schreiten!

Hand in Hand, Du und ich, wie Kinder ...

Wenn aus dem Abendhimmel wilde Sterne gleiten

Durch’s tiefe Blauschwarz, wie verstoss’ne Sünder,

Und scheu in Gärten fallen, die voll Orchideeen

Und stummen Blüten steh’n

In gold’nen Hüllen.

Und in den Kronen schlanker Märchenbäume

Harrt meine Unschuld unter Wolkenflor,

Und meine ersten, holden Kinderträume

Erwachen vor dem gold’nen Himmelsthor.

Und wenn wir einst ins Land des Schweigens gehen,

Der schönste Engel wird mein Heil erfleh’n

Um Deiner Liebe willen.

[51] Mein Kind.

Mein Kind schreit auf um die Mitternacht

Und ist so heiss aus dem Traum erwacht

Wie meine sehnende Jugend.

Gäb’ ihm so gern meines Blutes Mai,

Spräng’ nur mein bebendes Herz entzwei.

– Der Tod schleicht im Hyänenfell

Am Himmelsstreif im Mondeshell.

Aber die Erde im Blütenkeusch

Singt Lenz im kreisenden Weltgeräusch.

Und wundersüss küsst der Maienwind

Als duftender Gottesbote mein Kind.

[52] Ἀϑάνατοι.

Du, ich liebe Dich grenzenlos!

Ueber alles Lieben, über alles Hassen!

Möchte Dich wie einen Edelstein

In die Strahlen meiner Seele fassen.

Leg’ Deine Träume in meinen Schoss,

Ich liess ihn mit goldenen Mauern umschliessen

Und ihn mit süssen griechischem Wein

Und mit dem Oele der Rosen begiessen.

O, ich flog nach Dir wie ein Vogel aus,

In Wüstenstürmen, in Meereswinden,

In meiner Tage Sonnenrot,

In meiner Nächte Stern Dich zu finden.

Du! breite die Kraft Deines Willens aus,

Dass wir über alle Herbste schweben,

Und Immergrün schlingen wir um den Tod

Und geben ihm Leben.

[53] Selbstmord.

Wilde Fratzen schneidet der Mond in den Sumpf

Und dumpf

Kreist die Welt.

Hätt’ ich nur die Welt überstanden!

Damals als wir uns beide fanden

Blickte auch die Natur so gemein,

Aber dann kam der Sonnenschein

Und sang sein Strahlenlied

Bis über den Norden.

Nun nagt der Maulwurf an Deinem Gebein,

In der Truhe heult die rote Katze.

Ein Kater schlich, sie lustzumorden

Aus vollmondblutendem Abendschein.

Wie die Nacht voll grausamer Sehnsucht blüht!

Der Tod selbst fürchtet sich zu zwei’n

Und kriecht in seinen Erdenschrein,

Aber – ich pack’ ihn mit meiner Tatze!

[54] Morituri.

Du hast ein dunkles Lied mit meinem Blut geschrieben,

Seitdem ist meine Seele jubellahm.

Du hast mich aus dem Rosenparadies vertrieben,

Ich musst sie lassen, Alle, die mich lieben.

Gleich einem Vagabund jagt mich der Gram.

Und in den Nächten, wenn die Rosen singen,

Dann brütet still der Tod – ich weiss nicht was –

Ich möchte Dir mein wehes Herze bringen,

Den bangen Zweifel und mein müh’sam Ringen

Und alles Kranke und den Hass!

[55] Jugend.

Ich hört Dich hämmern diese Nacht

An einem Sarg im tiefen Erdenschacht.

Was willst Du von mir, Tod!

Mein Herz spielt mit dem jungen Morgenrot

Und tanzt im Funkenschwarm der Sonnenglut

Mit all den Blumen und der Sommerlust.

Scheer’ Dich des Weges, alter Nimmersatt!

Was soll ich in der Totenstadt,

Ich, mit dem Jubel in der Brust!!

[56] Meinlingchen.

(Meinem Jungen zu eigen.)

Meinlingchen sieh mich an –

Dann schmeicheln tausend Lächeln mein Gesicht,

Und tausend Sonnenwinde streicheln meine Seele,

Hast wie ein Wirbelträumchen

Unter ihren Fittichen gelegen.

Nie war so lenzensüss mein Blut,

Als Dich mein Odem tränkte,

Die Quellen Edens müssen so geduftet haben

Bis Dich der Muttersturm

Aus süssem Dunkel

Von meinen Herzwegen pflückte

Und Dich in meine Arme legte,

In ein Bad von Küssen.

[57] Ballade.

(Aus den sauerländischen Bergen.)

Er hat sich

In ein verteufeltes Weib vergafft,

In sing Schwester!

Wie ein lauerndes Katzentier

Kauerte sie vor seiner Thür

Und leckte am Geld seiner Schwielen.

Im Wirtshaus bei wildem Zechgelag

Sass er und sie und zechten am Tag

Mit rohen Gesellen.

Und aus dem roten, lodernden Saft

Stieg er ein Riese aus zwergenhaft

Verkümmerten Gesellen.

Und ihm war, als blicke er weltenweit,

Und sie schürte den Wahn seiner Trunkenheit

Und lachte!

[58] Und eine Krone von Felsgestein,

Von golddurchäderten Felsgestein,

Wuchs ihm aus seinem Kopf.

Und die Säufer kreischten über den Spass.

»Gott verdamm’ mich, ich bin der Satanas!«

Und der Wein sprühte Feuer der Hölle.

Und die Stürme sausten wie Weltuntergang,

Und die Bäume brannten am Bergeshang,

Es sang die Blutschande ......

Und sie holten ihn um die Dämmerzeit,

Und die Gassenkinder schrie’n vor Freud’

Und bewarfen ihn mit Unrat.

Seitdem spuckt es in dieser Nacht,

Und Geister erscheinen in dieser Nacht,

Und die frommen Leute beten. –

Sie schmückte mit Trauer ihren Leib,

Und der reiche Schankwirt nahm sie zum Weib,

Gelockt vom Sumpf ihrer Thränen.

– Und der mit der schweren Rotsucht im Blut

Wankt um die stöhnende Dämmerglut

Gespenstisch durch die Gassen,

[59] Wie leidender Frevel,

Wie das frevelnde Leid,

Ueberaltert dem lässigen Leben.

Und er sieht die Weiber so eigen an,

Und sie fürchten sich vor dem stillen Mann

Mit dem Totenkopf.

[60] Königswille.

Ich will vom Leben der gazellenschlanken

Mädchen mit glühenden Rosengedanken,

Wenn glanzlose Sterne mein Sterbelied singen

Und bleiche Winde durch die Totenstadt weh’n

Und vom Licht mein warmes Leben erzwingen.

Ich will vom Leben der wettergebräunten

Knaben, die nie eine Thräne weinten,

Wenn die Tode vor meinen Herzthoren steh’n

Und mit der Kraft meiner Seele ringen.

Ich will vom Leben der weissen Gluten

Der Sonne und von der Wolke Morgenbluten

Dem quellenden Rot der Himmelsbrust.

Bis meine Lippen sich wieder färben

Und junger Odem durchströmt meine Brust ...

Ich will nicht sterben!

[61] Volkslied.

Verlacht mich auch neckisch der Wirbelwind,

– Mein Kind, das ist ein Himmelskind

Mit Locken, wie Sonnenscheinen.

Ich sitze weinend unter dem Dach,

Bin in den Nächten fieberwach

Und nähe Hemdchen aus Leinen.

Meiner Mutter Wiegenfest ist heut,

Gestorben sind Vater und Mutter beid’

Und sahen nicht mehr den Kleinen.

Meine Mutter träumte einmal schwer,

Sie sah mich nicht an ohne Seufzer mehr

Und ohne heimliches Weinen. –

[62] Dir.

Drum wein’ ich,

Dass bei Deinem Kuss

Ich so nichts empfinde

Und ins Leere versinken muss.

Tausend Abgründe

Sind nicht so tief,

Wie diese grosse Leere.

Ich sinne im engsten Dunkel der Nacht,

Wie ich Dir’s ganz leise sage,

Doch ich habe nicht den Mut.

Ich wollte, es käme ein Südenwind,

Der Dir’s herüber trage,

Damit es nicht gar voll Kälte kläng’

Und er Dir’s warm in die Seele säng’

Kaum merklich durch Dein Blut.

[63] Müde.

All’ die weissen Schlafe

Meiner Ruh’

Stürzten über die dunklen Himmelssäume.

Nun deckt der Zweifel meine Sehnsucht zu

Und die Qual erdenkt meine Träume.

O, ich wollte, dass ich wunschlos schlief,

Wüsst’ ich einen Strom, wie mein Leben so tief,

Flösse mit seinen Wassern.

[64] Schuld.

Als wir uns gestern gegenübersassen,

Erschrak ich über Deine Blässe,

Ueber die Leidenslinie Deiner Wange.

Da kam’s, dass meine Gedanken mich vergassen

Ueber der Leidenslinie Deiner Wange.

Es trafen unsere Blicke sich wie Sternenfragen,

Es war ein goldenes Hin- und Herverweben

Und Deine Augen glichen seid’nen Mädchenaugen.

Du öffnetest die Lippen, mir zu sagen .....

Und meine Seele färbte sich in Matt,

Dumpf läutete noch einmal Brand mein Leben

Und schrumpfte dann zusammen wie ein Blatt.

[65] Unglücklicher Hass.

(Versrelief.)

Du! Mein Böses liebt Dich

Und meine Seele steht

Furchtbarer über Dir,

Wie der drohendste Stern über Herculanum.

Wie eine Wildkatze springt

Mein Böses aus mir,

Und beisst nach Dir.

Entrissen

Von Liebesküssen

Aber taumelst Du

In Armen bekränzter Hetären

Durch rosenduftender Sphären

Rauschgesang.

Nachts schleichen Hyänen,

Wie brütende Finsternisse

Hungrig über meine Träume

Im Wutglüh’n meiner Thränen.

[66] Nachweh.

Weisst Du noch als ich krank lag,

So Gott verlassen –

Da kamst Du,

Es war am Herbsttag,

Der Wind wehte krank durch die Gassen.

Zwei kalte Totenaugen

Hätten mich nicht so gequält,

Wie Deine Saphiraugen,

Die beiden brennenden Märchen.

[67] Mein Tanzlied.

Aus mir braust finst’re Tanzmusik,

Meine Seele kracht in tausend Stücken!

Der Teufel holt sich mein Missgeschick

Um es ans brandige Herz zu drücken.

Die Rosen fliegen mir aus dem Haar

Und mein Leben saust nach allen Seiten,

So tanz’ ich schon seit tausend Jahr,

Seit meiner ersten Ewigkeiten.

[68] Vergeltung.

Hab’ hinter Deinem trüben Grimm geschmachtet,

Und der Tod hat in meiner Seele genachtet

Und frass meine Lenze.

Und da kam ein Augenblick,

Ein spielender, jauchzender Augenblick

Und tanzte mit mir ins Leben zurück

Bis zur Grenze.

Aber das Netz meiner Augen zerriss

Vom plötzlichen Lichtglanz.

Wie soll ich nun die Goldzeiten auffangen!

Meine Seele die Goldlüfte einsaugen!

Der Tod hat sich fest an mein Leben gehangen,

Ich fühle immer stilleres Vergessen ...

Himmelszeichen künden Unheil an im Westen,

In der Sackgasse brütet Frucht ein Nebelbaum

Und winkt mir heimlich mit den Schattenästen –

Ja! Meine Seele soll Beklemmniss von ihm essen!

Und ein Alb auf Dir liegen Nachts im Traum.

[69] Hundstage.

Ich will Deiner schweifenden Augen Ziel wissen

Und Deiner flatternden Lippen Begehr,

Denn so ertrag’ ich das Leben nicht mehr,

Von der Tollwut der Zweifel zerbissen.

.... Wie friedvoll die Malvenblüten starben

Unter süssen Himmeln der Lenznacht –

Ich war noch ein Kind, als sie starben.

Hab’ so still in der Seele Gottes geruht –

Möcht’ mich nun in rasendes Meer stürzen

Von schreiendem Herzblut!

[70] Melodie.

Deine Augen legen sich in meine Augen

Und nie war mein Leben so in Banden,

Nie hat es so tief in Dir gestanden

Es so wehrlos tief.

Und unter Deinen schattigen Träumen

Trinkt mein Anemonenherz den Wind zur Nachtzeit,

Und ich wandle blühend durch die Gärten

Deiner stillen Einsamkeit.

[71] Elegie.

Du warst mein Hyazinthentraum,

Bist heute noch mein süssestes Sehnen,

Aber mein Wünschen zittert durch Thränen

Und meine Hoffnung klagt vom Trauereschenbaum.

Tausend Wunschjahre lag ich vor Deinen Knieen,

Meine Gedanken sprudelten wie junge Weine,

Ein Venussehnen lag vor Deinen Knieen!

Zwei Sommer hielten wir uns schwer umfangen,

Ich tauchte in den goldenen Strudel Deiner Schelmenlaunen,

Bis aus den späten Nächten unsere Sterbeglocken klangen.

Und Neide schlichen heimlich, ihre Geil zu rächen,

Die Wolken drohten wild wie schwarze Posaunen,

Wir träumten beide einen Schmerzenstraum:

[72] Zwei böse Sterne fielen in derselben Nacht

Und wir erblindeten in ihrem Stechen.

Der erste Blick, der uns zu eins gehämmert,

Er quälte sich bis in die Morgenstunden,

Bis weh das Herz des Ostens aufgedämmert.

Da sprangen alle grausigen Sagen auf,

Träumte nur noch Plagen,

Alle Plagen erdrosselten mich

Und reissende Hasse kamen

Und verheerten

Die Haine unserer jung gestorbenen Liebe.

Und wehrten meiner Seele Flucht zu Gott,

Gramjahre bebte ich hin,

Krankte zurück,

Kein Himmel beugte sich zu meinem Harme!

Durch alle Sümpfe schleift’ ich mein verhungert Glück,

Und warf mich müd dem Satan in die Arme.

[73] Vagabunden.

O, ich wollte in den Tag gehen,

Alle Sonnen, alle Glutspiele fassen,

Muss in trunk’ner Lenzluft untergeh’n

Tief in meinem Rätselblut.

Sehnte mich zu sehr nach dem Jubel!

Dass mein Leben verspiele mit dem Jubel.

Kaum noch fühlt’ meine Seele den Goldsinn des Himmels,

Kaum noch sehen können meine Augen,

Wie müde Welle gleiten sie hin.

Und meine Sehnsucht taumelt wie eine sterbende Libelle.

Giesse Brand in mein Leben!

Ja, ich irre mit Dir,

Durch alle Gassen wollen wir streifen,

Wenn unsere Seelen wie hungernde Hunde knurren.

An allen Höllen unsere Lüste schleifen,

Um sünd’ge Launen alle Teufel fleh’n

Und Wahnsinn werden uns’re Frevel sein,

Wie bunte, grelle Abendlichter surren;

Irrsinnige Gedanken werden diese Lichte sein!

Ach Gott! Mir bangt vor meiner schwarzen Stunde,

Ich grabe meinen Kopf selbst in die Erde ein!

[74] Herzkirschen waren meine Lippen beid’.

Ach, ich irre wie die Todsünde

Ueber wilde Haiden und Abgründe,

Ueber weinende Blumen im Herbstwind,

Die dicht von Brennesseln umklammert sind.

Herzkirschen waren meine Lippen beid’,

Sie sind nun bleich und schweigend wie das Leid.

Ich suchte ihn im Abend, in der Dämmerung früh,

Und trank mein Blut und meine Süssigkeit.

Der Schatten, der auf meiner Wange glüht,

Wie eine Trauerrose ist er aufgeblüht

Aus meiner Seele Sehnsuchtsmelodie.

[75] Die Beiden.

Dem zuckte sein zackiges Augenbrau jäh

Wie der Blitzstrahl einer Winternacht,

Und jener mit dem süssen Weh,

Dem ringenden Eden im Auge,

Mit dem Himmelblond auf der Stirn .....

Ich senkte mich in Beide

Wie ein erleuchtendes Gestirn –

Und es war, als sei ich:

Ihnen ihr Blut zu verraten:

Er mit dem scharfen Stahl im Aug’

Träumte von Heldenthaten

Im Dickicht meiner Urwaldaugen.

Und jenem, dem die Höhen des Parnassos

Mit Goldblicken winkten sternenwärts,

Ihm spannte ich zwei meiner wilden,

Ungezähmten Dürste ans Herz.

[76] Meine Blutangst.

Es war eine Ebbe in meinem Blut,

Es schrie wie brüllende Ozeane

Und mit meiner Seele wehte der Tod

Wie mit einer Siegesfahne.

Zehn Könige standen um mein Bett,

Zehn stolze, leuchtende Sterne,

Sie tränkten mit Himmelsthau meine Qual,

Alle Abende meine Erbqual.

Jäh rissen sich ihre Willen los,

Wie schneidende Winterstürme.

Ueber die Herzen hinweg!

Ueber das Leben hinweg!

Und ihr rasender Mut wuchs Türme!

Und sie schlugen meine Blutangst tot,

Wie Himmelsbrand blühte das Morgenrot,

Und mein Blass schneite von ihren Wangen.

[77] Im Anfang.

(Weltscherzo.)

Hing an einer goldenen Lenzwolke,

Als die Welt noch Kind war,

Und Gott noch junger Vater war.

Schaukelte, hei!

Auf dem Aetherei,

Und meine Wollhärchen flitterten ringelrei.

Neckte den wackelnden Mondgrosspapa,

Naschte Goldstaub der Sonnenmama,

In den Himmel sperrte ich Satan ein

Und Gott in die rauchende Hölle ein.

Die drohten mit ihrem grössten Finger

Und haben »klumbumm! klumbumm!« gemacht

Und es sausten die Peitschenwinde!

Doch Gott hat nachher zwei Donner gelacht

Mit dem Teufel über meine Todsünde.

Würde 10 000 Erdglück geben,

Noch einmal so gottgeboren zu leben,

So gottgeborgen, so offenbar.

Ja! Ja!

Als ich noch Gottes Schlingel war!