Karl Jürgen Skrodzki

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Karl Jürgen Skrodzki, Lohmar

Else Lasker-Schüler: Hans Ehrenbaum-Degele

Hans Ehrenbaum-Degele

Er war der Ritter in Goldrüstung.

Sein Herz ging auf sieben Rubinen.

Darum trugen seine Tage

Den lauteren Sonnenglanz.

Sein Leben war ein lyrisches Gedicht,

Die Kriegsballade sein Tod.

Er sang den Frauen Lieder

In süßerlei Abendfarben.

Goldnelken waren seine Augen;

Manchmal stand Tau in ihnen.

Einmal sagte er zu mir:

»Ich muß früh sterben.«

Da weinten wir beide

Wie nach seinem Begräbnis.

Seitdem lagen seine Hände

Oft in den meinen.

Immer hab ich sie gestreichelt,

Bis sie die Waffe ergriffen.

* * *

Quelle: Else Lasker-Schüler: Werke und Briefe. Kritische Ausgabe. Im Auftrag des Franz Rosenzweig-Zentrums der Hebräischen Universität Jerusalem, der Bergischen Universität Wuppertal und des Deutschen Literaturarchivs Marbach am Neckar herausgegeben von Norbert Oellers, Heinz Rölleke und Itta Shedletzky. Bd. 1: Gedichte. Bearbeitet von Karl Jürgen Skrodzki unter Mitarbeit von Norbert Oellers. Frankfurt am Main 1996. Nr. 241. – Auch in: Else Lasker-Schüler: Sämtliche Gedichte. Herausgegeben von Karl Jürgen Skrodzki. Frankfurt am Main 2004 (unveränderte Nachdrucke 2006, 2011 und 2013). S. 279 f.

»Hans Ehrenbaum-Degele« erschien zuerst im Oktober 1915 in der Zeitschrift »Die weißen Blätter« (Jg. 2, Heft 10. S. 1282). René Schickele, der Herausgeber der »Weißen Blätter«, hatte zuvor im Septemberheft den Tod des jungen Dichters mit folgenden Worten angezeigt: »Nach den Dichtern Stadler, Lichtenstein, Heymann, Lotz, Leybold, Trakl .. fiel am 28. Juli, im Westen, nun auch Ehrenbaum-Degele. Seine ersten Verse erschienen im ›Sturm‹, die letzten, die er vom Schlachtfeld schickte, in der ›B. Z. am Mittag‹. Sonette. Er war draußen Leutnant geworden. Ich will Else Lasker-Schüler, die ihn gut gekannt hat, bitten, ihm hier die Grabrede zu halten.« (Jg. 2, Heft 9. S. 1153.) Noch im August übersandte Else Lasker-Schüler aus Kolberg, wo sie den Sommer verbrachte, ihr Gedicht an René Schickele. Im Begleitbrief schreibt sie: »Inl. sende ich Ihnen das Gedicht: Hans Ehrenbaum-Degele. Ich bin nicht fähig über ihn einen Schmus zu machen. Auch liebte er meine Gedichte und ich tu ihm, der so fein war, so gut und lieb zu mir war, die letzte Liebe an, da ich ihn besinge. Sie verstehen das?« (Else Lasker-Schüler: Werke und Briefe. Kritische Ausgabe. Im Auftrag des Franz Rosenzweig-Zentrums der Hebräischen Universität Jerusalem, der Bergischen Universität Wuppertal und des Deutschen Literaturarchivs Marbach am Neckar hg. von Norbert Oellers, Heinz Rölleke und Itta Shedletzky. Bd. 7: Briefe. 1914–1924. Bearbeitet von Karl Jürgen Skrodzki. Frankfurt am Main 2004. S. 95.) Vermutlich nur wenig später schreibt Else Lasker-Schüler an Paul Zech: »Ich weiß kaum mehr was ich tue. Hatte ich Ihnen schon geschrieben, Paul Zech? Ich mein es. Wie schrecklich, daß unser Freund fiel – es ist unbeschreiblich. Eben schrieb ich seiner Mutter, Sie seien untröstlich. Ich sandte ihr die Abschrift des Gedichts, das in die weißen Blätter kommt. Bitte lesen Sie es. Es liegt schon in der Druckerei. Ich kann nicht erwarten bis Sieg und Frieden ist!« (Bd. 7. S. 95.)

In späteren Drucken lautet die zweite Strophe des Gedichts: »Darum trugen seine Tage / Den lauteren Sonntagsglanz.« Im Brief an Karl Kraus vom 14. Oktober 1915 merkte Else Lasker-Schüler dazu an: »Ich send Ihnen diese beiden Gedichte, sie sind an meine beiden toten Freunde, die ich tief verehrte. Auch der Ritter Hans Ehrenbaum ist gefallen, ich hab ein Gedicht an ihn in den weißen Blättern diese Oktobernummer. Druckfehler: Sonntagsglanz, nicht Sonnenglanz heißt es.« (Bd. 7. S. 100.) Mit dem zweiten der »beiden toten Freunde« ist Georg Trakl gemeint.

Hans Ehrenbaum-Degele (1889–1915) stammte aus einer Berliner Bankiersfamilie. Er studierte in Berlin Philologie, in Heidelberg Kunst- und Literaturgeschichte. Schon früh fand er Zugang zu Künstler- und Literatenkreisen des Berliner Expressionismus. Seine ersten Gedichte erschienen 1911 in der Wochenschrift »Der Sturm«. Zentrale Themen seiner Lyrik bilden die Großstadt und die Erfahrungen des Krieges. Nach Ehrenbaums frühem Kriegstod erschien 1917 eine Sammlung seines lyrischen Werkes (»Gedichte«) mit einem Geleitwort von Paul Zech. Else Lasker-Schüler nannte ihn »Tristan« und widmete ihm in »Die gesammelten Gedichte« und »Die Kuppel« den Gedichtzyklus »Meinem reinen Liebesfreund / Hans Ehrenbaum-Degele«. In »Das Jahrbuch der Zeitschrift Das neue Pathos im Kriegsjahr 1917–1918« (Berlin) erschien »Hans Ehrenbaum-Degele« zusammen mit drei weiteren Gedichten Else Lasker-Schülers unter dem gemeinsamen Titel »In memoriam / Hans Ehrenbaum-Degele / meinem reinen Liebesfreund / diese vier Gedichte«. Den Gedichten vorangestellt ist der Gedenkspruch: »Tristan kämpfte in Feindesland / viel Lieder hatte er heimgesandt / bis der Feind brach seinen Leib.«

Hans Ehrenbaum-Degele zählt zu den nicht wenigen Vertretern der frühen literarischen Moderne, die fast ausschließlich in Zeitschriften und Anthologien publiziert haben und die (im Ersten Weltkrieg) jung verstorben sind. Ihre Werke sind heute weitgehend vergessen.

Karl Jürgen Skrodzki, November 2001. Ergänzt November 2011.