Karl Jürgen Skrodzki

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Karl Jürgen Skrodzki, Lohmar

Else Lasker-Schüler

Prosa 1903 bis 1941. Kleinere Schriften

[Gab meine Menschengestalt ...] [1]

Gab meine Menschengestalt in einer feuergefährlichen Stunde für den kühligen, schuppigen Leib einer Schleie hin und floß in Dill weiter. Verliebte mich jedoch in mehrere Karpfen, namentlich in einen changeant-blauen, der aber meine Liebe mit Flossen trat. Ja, da begann ich zu dichten Wellensturmflut, brausende Gesänge! Und da mehrere Hechtinnen untergingen, stieß man mich schleunigst aus der Tiefe des Wasserlands an die Oberfläche, wo ich mich in ein Netz verstrickte.

Styx nannte ich mein Buch aus Dankbarkeit zu meinem Erzonkel Charon, von dem ich einige seiner Schatten erbte. Sonst bin ich arm und zerrissen wie ein geschlitzter Dudelsack ohne Töne.

Der tote Knabe. [2]

Und seine Lippen sind geformt, als ob sie Blut saugen möchten ...

Sie sagt zu ihm: »Ich fürchte mich vor Dir, aber ich werde Dich niemals verlassen, denn in Dir ist etwas, das ich bemitleide«. Und er antwortet: »Ja, Liebste, Du bist mein Nachleid, Mitleid wäre mir Schande«. Er dachte an seine trübe Kinderzeit. – Und als sie verheiratet waren, hatten sie Reue, da sie sich gegenseitig quälen mußten. »Du kannst nicht spielen, ohne weh zu tun«, klagte sie, und er höhnte gleichmütig, daß ihn das Katzenartige charakterisiere. »Der Philosoph muß Tatzen haben um zerreißen zu können.« Da dachte sie an das Glutblau ihres Himmels, den er zerriß und der niemehr wieder aufblühen würde.

Manchmal packte ihn ein eigenartiges Gefühl, sie zu zerren, und dann sprang er, um seinen Trieb auf Umwegen zum Ziel zu führen, über die kleinen Tische und niedlichen Rosenholzstühle ihres Zimmerchens. Damit entfachte er ihren Unwillen, durch den er vorgab, sich zu Handgreiflichkeiten habe hinreißen zu lassen. – Nach solchem Geschehn trat eine bleischwere Stille ein; sie wagten beide eine zeitlang kaum zu atmen. Er saß auf dem niederen Sessel neben dem Ofen und brütete Grimm; und ihr tiefer Groll entlud sich plötzlich in heftigen Worten, die ihn der drollig wirkenden Begeisterung wegen auflachen ließen. »Ich mag Deine Philosophie nicht, sie ist ein Schacht, in dem man ersticken muß.« Dann weinte sie leise, was ihn peinigte, da Tränen ihn an Schwäche erinnerten. Er ging in irgend eine fade Gesellschaft von Spielern und spielte bis zum Morgen, und sie indessen dachte über ein Rätsel nach, das hinter blinden Fenstern auf Lösung harrte. – Einmal lag sie krank zubett, da kam er ins Zimmer geschlichen, und seine Augen funkelten unheimlich, und als er sah, wie erschrocken sie war, schurrte er, um sie zu belustigen; aber sie entsetzte sich, und in der Nacht bebte sie unter seinen Lippen, denn sie waren kalt wie die Grausamkeit und voller Gelüste. – Im ersten Frühlicht des Morgens sagte er zu ihr: »Du, wenn ich tot bin, dann wirst Du selbstredend einen blondlockigen Schwärmer heiraten, und Ihr werdet Euch freuen, daß der hartherzige Reinhold aufgehoben in der kühlen Erde liegt.« Und das klang so eigentümlich, wie er dieses spielerisch sagte, wie eine unterdrückte Klage, wie die Wehmut selbst. Und daß er es wiederholte, geschah, um ihren entrüsteten Widerspruch zu hören, aber sie schwieg aus Ergriffenheit, und da wünschte er, eine kleine Biene zu werden, damit er ihr Honig schenken könne. Als sie ihn erstaunt ansah, hielt er die Augen weit geöffnet, und sie blickten wie Kinderaugen, die erstarrt waren, weil sie nie in die Sonne gesehen haben. Nach einer Weile schlummerte er wieder ein, und sie wunderte sich, wie ruhig sich seine Brust auf- und niedersenkte.

Die verschnörkelten Arabesken der Tapete begannen in ihrer Phantasie menschliche Formen anzunehmen, es glotzten sie furchtbare Augen an, deren Tiefe sie zu verschlingen drohten. Der Morgen trat immer mehr ins leben, und sie blickte in den Garten hinaus, sich selbst von den Geistern ihrer Einbildung zu erlösen. Auf der Mauer saß lauernd eine greise, abscheuliche Katze, auf den üblichen Zucker wartend. »Daß er die Katzen so liebte.« Sie schloß die Augen, aber sie schlief nicht. Es erzählte etwas in ihr; und ihre Phantasie malte seltsame, schmerzliche Bilder – sie sah einen kleinen Knaben an Hunger sterben, und wie er zum letztenmal die Augen aufschlug, umfaßten sie alles Leid. Kein Stern blickte vom Himmel, und die Engel verirrten sich in den dunklen Wolken. Die kleine Seele, die sich mühsam aus dem abgezehrten Knabenkörper rang, weinte, denn sie war zu schwach, um allein in den Himmel zu schweben, und sie erkaltete und nahm gestalt an. Da kam eine junge, graue Katze in das armselige Kämmerchen geschlichen und spielte mit dem frierenden Seelchen des toten Knaben, wie mit einem Mäuschen, und saugte ihm die Süße aus. –

Da schlug sie die Augen auf und stöhnte, als ob sie Schmerzen hätte; das Rot am Horizont glühte wie Himmelsbrand, und alle Blumen, selbst die Nachtschatten, strahlten. Es kam über sie, daß das Etwas, das sie in Reinhold liebte, der tote Knabe sei. Und das große Mitleiden strahlte von ihr aus, das das Böse liebkost, und sie begann seine Grausamkeiten zu streicheln – aber die Katze in ihm fraß ihre Liebe auf.

Es war wieder einmal an einem Morgen, er schlief fest an ihrer Seite, und sie starrte tief in sich, wie die Schwermut. Auf dem Tischchen neben ihrem Bette stand die Wasserflasche, und das Morgenlicht färbte das frische Quellwasser blaßlila. Ja, es war eine seltsame Farbe, wie ein trüber Gedanke, wie ein bleiches Herzeleid. Und dann fühlte sie ihre Gedanken verbrennen in der glühenden Wunde des Kopfes. O, dieses Wasser wird den Tod locken! – und dann hörte sie eine Stimme, der sie folgen mußte. Sie benetzte die Lippen seines geschlossenen Mundes mit der blaßlila Flüssigkeit, damit der tote Knabe in ihm Ruhe fände.

Die Fenster standen weit geöffnet, wie zwei Arme ausgestreckt, o, sie dürsteten beide nach Luft, nach frischem Odem.

Mit starrem Grauen betrachtete sie den Mann neben sich, wie er die Muskeln seines Gesichtes verzog und dann den Kopf mit plötzlicher Wucht nach vorwärts streckte, ganz nach Raubtierart.

Draußen jammerte ungeduldig seine greise, abscheuliche Lieblingskatze. Ihr war es, als ob die schaurigen Töne sich aus seiner Brust preßten und eine lebende Knabenseele zum Himmel schwebte.

Als Reinhold erwachte, blickten seine Augen kahl.

Die rotbäckige Schule. [3]

Ein Bildchen.

Ich möchte etwas von der rotbäckigen Schule erzählen, die liegt zwischen lauter Weihnachtsbäumen im Spreewald und die Jungen und Mädchen, die in die fröhliche Schule gehen, sind lauter Sonntagskinder. Mein Junge heißt Paul, der möchte gar nicht mehr von dort fort, selbst Soldat will er bei Frida Winkelmann lernen, »denn Mutter, mir sind die Stunden dort lieber wie Ferien«. Frida Winkelmann ist eine Künstlerin, eine Bildhauerin, mit Fleisch und Blut modelliert sie. Die Kinder, die sie in ihre Hand nimmt, werden Menschen. Als kleines Mädchen schon besuchte sie das Pestalozzihaus und es geht die Sage, sie ist die Urenkelin des gütigsten Pädagogen gewesen. Zwischen Wald und Wald hat Frida Winkelmann in dem kleinen, grünen Städtchen ein Raubritterschloß erobert; früher hausten die gepanzerten Herren darin und sangen wilde Trinklieder, nun ist der letzte der Bande vertrieben worden, nicht einmal ein Gespenst spukt um Mitternacht durch die weiten Räume. Aber glückliche Träumlinge liegen in ihren Betten und morgen können sie ihre Purzelbaumherzen wieder so recht austoben; über die Treppen, in den Keller, wo die Karnickels sind, und wieder herauf, hast du nicht gesehn! Mit einem Sprung, hintereinander die Jungens und Mädchens auf den Rumpelboden. Dort stehen die merkwürdigsten Dinge, Wagen, die allein fahren können, Rollschuhe, Stelzen, alte Wiegen, darin die Raubritterkinder gewiegt wurden von den Raubritterinnen. Helme, lange Stöcke, Puppen, Bücher mit bunten Bildern. Und jedesmal, wenn die Unterrichtsstunde, die hier nur 40 Minuten dauert, zu Ende ist, dann fängt das Getrampel der Heinzelmännchen und Waldkobolde wieder an.

Angezogen in blaue, rote, und weiße Kittel, wie im Fidusalbum alle im Kreise; zwei von den ältesten Kindern spielen mit: Hähnchen und Böhmchen, Lehrerinnen sind die beiden, zwei Weihnachts-Mädchen, immer bescheeren sie Liebe. Viele Kinder kommen aus dem Städtchen in die rotbäckige Schule zu Frida Winkelmann und beneiden die Jungen und Mädchen, die im alten Schloß auch wohnen dürfen, und immer unten im Schloßhof am Barren oder an den anderen Turngeräten sich schwingen können. Und was lernen die Jungen und Mädchen alles in der rotbäckigen Schule? An den Klassenwänden hängen ganz goldene Bilder, die stimmen glücklich im Schauen. Auf der Tafel ist ein buntes Land gemalt; heute ist Geographie. Wie langweilig ist die Stunde oft in der wirklichen Schule – hier reist die begeisterte Gesellschaft von Stadt zu Stadt, von Land zu Land übers Meer; sie könnten jeder ganz alleine meinetwegen nach Indien fahren. Die kleinen Gehirne machen keine Mastkuren durch mit Zahlen und Buchstaben und weiten sich doch, ohne daß man sie mit trockenen Weisheiten stopft. Etliche Spielhändchen fangen die Fragen stürmisch auf, und jedes Jahr wundert sich der Herr Schulrat, was nicht alles diese Kinder gelernt haben.

Die Kindeskindeskinder der Raubritter wissen selbst, sie sind den Kameraden und Kameradinnen der höheren Schulen sogar voraus. Und dabei gehen sie eigentlich gar nicht zur Schule, in das kalte, steinerne Haus; sie sind eben bei Frida! Sie nennen sie alle Frida, auch die großen 16jährigen langzöpfigen Mädchen und Knaben mit den Ritterköpfen. Sie lernen bei Frida, sie essen bei Frida – lauter schöne gesunde Speisen; Milch und Kakao, soviel sie trinken wollen, ist da. Manchmal gibt Frida eine Chokoladenvisite; dazu werden die Kinder des Städtchens eingeladen. Bunte Reihe, sitzen Jungen und Mädchen im großen Raubrittersaal und das Chokoladengeplätscher hört nicht auf. Und in jedes Fenster des Raubrittersaales guckt eine Tanne. Später sind sie allesamt eingeladen zum Grammophonkonzert in Fridas Zimmer – da sitzen sie gruppenweise auf dem Teppich und von einer Ecke des Raumes her aus einer schweren Eisentulpe kommt eine lustige Musik herausmarschiert, 10 000 Trompeter. Und zum Schluß des Abends: Ein friedliches Schlummerlied.

Die jüngste von den Kindern ist Frida Winkelmann selbst, sie hat in den Lenz gesehen, nie fühlte ich solche keusche Freiheit, wie von ihrem großen Mädchenherzen ausgeht. Dem Kinde sieht sie ebenso intim und pietätvoll ins Auge wie das Kind ihr. Dem Mädchen schenkt sie ihre Blüte, dem Knaben ihr Mark. Eine Feldherrin, den Oberkörper vorwärts geneigt, sie muß viele junge Löwen und Löwinnen schützen. Sie dürfen zwar tun, was sie wollen – allerdings, sie bekommen keine Käfige gebaut und wissen doch, wie weit sie sich tummeln können. –

Drebkau bei Kottbus ist in zwei Stunden von Berlin vom Görlitzer Bahnhof aus zu erreichen. Die Landeserziehungsschule von Frida Winkelmann ist das letzte Gebäude im Städtchen zwischen Tannen und Fichten, hinter dem Marktplatz. Früher hausten die Raubritter hinter den Bogenfenstern, nun ruhen in der Veilchensonne des März Kinder mit roten Backen auf den weiten Rasenplätzen. Es sind so viele scheue, geplagte Kinder in Berlin mit verängstigten Schulherzen, immer müssen sie an den Morgen denken, ob sie die Aufgaben können oder nicht – und essen wollen sie nicht zu Mittag, die gehören alle in die rotbäckige Schule.

[Ich bin zwischen Europa und Asien geboren ...] [4]

Ich bin zwischen Europa und Asien geboren, hütete bis zu meinem 14. Jahre die Kamelherden meines Urgroßvaters zum Zeitvertreib, der Scheik in Bagdad war. Später hörte ich den Weisheiten eines Indiers zu, verstehe mich nun auf Mond und Sterne und Traumdeuterei. Meine linke Seite ist vollständig aus krystallisiertem Wasser des heiligen Flusses.

Else Lasker-Schüler.

(Türe von Bagdad.)

Die Odenwaldschule. [5]

In den Bergen zwischen Laub und Wiesen stehen fünf bemalte Waldschlößchen; jedes ist einem Dichter gewidmet, und drinnen lachen Knaben und Mädchen mit ihren Lehrern und Lehrerinnen. Und unter ihnen lebt der Rübezahl mit seinen gütigen nußbraunen Augen und dem langen Weihnachtsbart. Paul Geheeb, der Schöpfer der Odenwaldschule, ist ein Rübezahl, er zaubert Freude durch die Hallen und Säle seiner Gnomenhäuser, und überall ist es hell, wohin seine sonnigen Augen scheinen. Immer steigt sein Fuß, ob er auf die Gipfel will oder über die Ebene schreitet. Von Rübezahl sprechen die Bauern im Tal, wenn sie den Direktor oben meinen, den die Kinder alle so lieb haben. Jedem Müden schenkt er ein tröstendes Wort, und den verirrten Wanderer beherbergt er und seine Gnomen für die Nacht: die sitzen in bunten Spielreihen beim Vesper und trinken Milch aus großen Kannen.

Heute macht die blonde Adi den Vorschlag, alle Jungen müssen einen Stoffaffen und alle Mädchen einen Stoffbären mit zum Sonntagsmahl bringen; die zwei vorhandenen hat die Schelmin dem lieben Rübezahl in die Brusttaschen seines Rockes gesteckt, daß die beiden wulstigen Tierköpfe zur Belustigung aller Kinder hervorgucken zur Rechten und zur Linken.

Paul Geheeb versteht das junge Herz des Kindes wie einen Kaleidoskop zu drehen, er weiß die bunten Bilder zu würdigen. Aber auch seine Lehrer sind Künstler; sie haben alle noch Knabenherzen wie ihre Zöglinge und führen mit ihnen manchen Indianerstreich aus. Die Knaben tragen alle Sweater, und die Kleider der Mädchen sind durch Bänder über der Achsel gehalten, echte Kindertracht; sie paßt zu roten Backen und leuchtenden Augen. Und alle haben gesunde Lungen, die atmen wie die starken Bäume das Leben ein und aus. In der Frühe müssen die Odenwaldkinder ins Luftbad, sich viel, viel Luft holen, und es gibt keinen Südwind und keinen Nordsturm, dem die Rübezahlbande nicht gewachsen wäre. Die verzärteltsten Kleinen trotzen dort der Welt mit den allerhand Erkältungen. Aber Vernunft liegt in jeder Anordnung Paul Geheebs; seine ihm anvertrauten Lieblinge bewegen sich in wohlgewärmten Räumen in der Winterzeit. Die Korridore, die Lesehallen, die Schlafgemächer sind mollig temperiert.

Jedes Kind besitzt sein Heim, oder es müßte dicke Freundschaft geschlossen haben und den Wunsch aussprechen, sein Eigentum mit irgendeinem Spielgefährten zu teilen. Mein Paul und der Bruno Tillehsen; was der Torquato Tasso dichtet, illustriert mein Junge. Auch der Peter ist oben beim Rübezahl, vom Bildhauer Gaul der kleine Sohn; der ißt so gern Nüsse; überall kracht es nur so zwischen den Zähnen. –

Nachmittags ist immer frei; die saftigen Aepfel werden von den Aesten geschüttelt, oder die kleinen Gnomen helfen den Bauern in den Scheunen, in der Zeit, da die emsigen Gnominnen Blumen pflücken oder Himbeeren und Brombeeren sammeln für den Tisch ihrer großen Freundinnen. Liebe, erwachsene Schulmädchen sind die Lehrerinnen: in den Frühstunden lauschen die Kinder mit offenem Munde ihren Lehrwundern. Jede Lehrerin und jeder Lehrer versteht es, auf spannende Art die jungen Zuhörer zu fesseln. Die freuen sich auf jeden Morgen wie auf den Geburtstagstisch, immer bietet der Unterricht neue, überraschende Gaben.

Plätschernde Bäche, goldene Gärten begleiten den Ankömmling die Bergstraße hinauf von Heppenheim bis oben ins Gnomenstädtchen; holde Landschaft, befreite Erde – kommt man aus der Großstadt dorthin, wo Rübezahl seine Odenwaldschule erbaut hat!

[Zuschrift an das »Berliner Tageblatt«] [6]

Ich bitte Sie, einige Worte von mir über die Art und Weise der Sammlung für mein Wohlergehen zu bringen. Ich habe keineswegs den Aufruf in der Fackel zu verhindern gesucht, zumal diese Bitte unter der Güte Karl Kraus’ steht. Aber es handelt sich weniger um mich, als um meinen Knaben, dem ich dieses Opfer, das größte meines Lebens, bringe, indem ich meine Fahne streiche. Wie man mich jedoch in einigen Zeitungen zu Markte trägt, empört mich aufs Grenzenloseste; ich danke für dergleichen bettelnde Wohltaten und ich möchte nur noch einen kleinen Briefwechsel erwähnen, den ich mit dem zartfühlendsten Menschen, der Kete Parsenow, in Wien führte:

»Meine liebe Dichterin, Sie dürfen sich nicht grämen – Sie zu erhalten, sind wir verpflichtet, wie man ein wertvolles Bild zu erhalten sucht.«

Ich antwortete: »Principessa, ich muß Geduld mit mir haben und lernen, Tribut zu nehmen.«

Richard Dehmel [7]

Ich schrieb über ihn in meinem Essaybuch Gesichte:

Aderlaß und Transfusion zugleich;

Blutgabe deinem Herzen geschenkt.

Ein finsterer Pflanzer er,

Dunkel fällt sein Korn und brüllt auf.

Immer Zickzack durch sein Gesicht,

Schwarzer Blitz.

Über ihm steht der Mond doppelt vergrößert.

Ich will noch mehr über Richard Dehmel sagen: Aus ihm kann man einen Urwald formen und aus einem Urwald, Himmel, Blitz und Donner einen Richard Dehmel haun. Er ist kieferngrün, er hat Augen, unergründliche Waldbäche. Forst tritt in den Raum, und wir verirren uns zwischen den wurzelverschlungenen Pfaden seiner Dichtungen. Manchmal schreit ein Hirsch auf; buntes Licht leuchtet dort aus seinem Vaterhaus, das der Sturm umbraust:

Der Sturm behorcht mein Vaterhaus,

mein Herz klopft in die Nacht hinaus,

laut; so erwacht ich vom Gebraus

des Forstes schon als Kind.

Mein junger Sohn, hör zu, hör zu:

in deine ferne Wiegenruh

stöhnt meine Worte dir im Traum der Wind.

Einst hab ich auch im Schlaf gelacht,

mein Sohn, und bin nicht aufgewacht

vom Sturm; bis eine graue Nacht

wie heute kam.

Dumpf brandet heut im Forst der Föhn,

wie damals, als ich sein Getön

vor Furcht wie meines Vaters Wort vernahm.

Horch, wie der knospige Wipfelsaum

sich sträubt, sich beugt, von Baum zu Baum;

mein Sohn, in deinen Wiegentraum

zornlacht der Sturm – hör zu, hör zu!

Er hat sich nie vor Furcht gebeugt!

Horch, wie er durch die Kronen keucht:

sei du! sei du!

Und wenn dir einst von Sohnespflicht,

mein Sohn, dein alter Vater spricht,

gehorch ihm nicht, gehorch ihm nicht:

horch, wie der Föhn im Forst den Frühling braut!

Horch, er bestürmt mein Vaterhaus,

mein Herz tönt in die Nacht hinaus,

laut ...

Dieses sich losbäumende Gedicht! Ein Edelbüffel er, der es herausbrüllt durch die Spalten der Stämme in die Welt. – Ich zeichnete ihn, wie ich ihn in der Erinnerung mit mir nach Hause nahm, vor einigen Jahren aus seinem Vortrag: »Dichtender Waldmensch, unbändiger Forstfürst!« Vorsintflutliche Verstiere sind seine Gedichte aus Harz und Mark und Rinde.

Ein »Schulheim«. [8]

Vom Bahnhof Dresden-Neustadt fährt man noch zwanzig Minuten mit der Elektrischen nach Hellerau, in das einzige Dorf, das von Städtern bewohnt ist. Jede Familie besitzt ihr eigenes Häuschen, vor jedem Häuschen blüht ein Garten aus allerlei bunten Farben. Ueberall spielen Kinder, und die Hügel sind da für die Purzelbäume. Schlanke Mädchen in griechischen Gewändern steigen herab ins Thal aus ihrem kleinen Griechenland, das Dalcroze oben auf dem Gipfel des städtischen Dörfchens erschuf. Unten liegt das Schulheim an der Soldatenwiese und inmitten vieler, vieler Nadelbäume. Frische Luft und Waldesdüfte dringen durch seine Fenster und färben die Backen der Kinder rot.

Am Morgen mit dem ersten Kikeriki kommt die Dresdener Jugend herauf in die junge Schule, und manches von den Kindern kehrt erst abends wieder heim. Am liebsten möchten sie alle ganz dort bleiben, wie die Kinder aus Berlin. Und sie beneiden die Kameraden und Kameradinnen. Freilich, eine solch schöne Schule sollte man sich zu Weihnachten wünschen, mit so einem guten, freimütigen Direktor und seinen lustigen Lehrern und Lehrerinnen. Die Kinder nehmen die Unterrichtsstunden wie Geschenke mit heim. Die Knaben und Mädchen brauchen nicht zu zittern, ob sie das Rechenexempel können oder nicht; darum lernen sie eben das Doppelte, weil ihre Aufnahmefähigkeit nicht durch Furcht geschwächt wird. In den Pausen wird der Schulgarten lebendig, an den Turngeräten üben sich die Kinder, und ihr Lachen schallt bis zum weißen Hirsch herüber. Viel Obst und Milch, aber auch Fleisch und gemischte Kost bekommen die Kleinen zu den Mahlzeiten, und ihre Schlaf- und Wohnräume sind warm, weiß und gold. Ueberall Fröhlichkeit und Gemütlichkeit, wie es sich Kinder wünschen.

Nicht weit vom Schulheim liegt verwunschen zwischen lauter Holz und Brombeeren das Waldhaus. Von der Großstadt geschwächte oder nervöse Kinder finden dort bei einem Arzt und seiner Frau, die ebenfalls Aerztin ist, Aufnahme. Die haben selbst einen kleinen Sohn und wissen mit Kindern umzugehen. Ein Knabe sagte: »Der Doktor weiß, wie es ist, wenn man selbst noch ein Kind ist.« Kann ein Erwachsener etwas aussprechen, das mehr Elternsorgen zu beruhigen vermag?

Plumm-Pascha [9]

Morgenländische Komödie.

Personenverzeichnis:

Plumm-Pascha, Großvezier von Oberägypten

Sichem, sein tauber Diener

Ptah, der alte Stiergott

Seine Stierpriester

Fürstin Diwagâtme

Hassan, ihr Sohn

Prinzessin Tino, seine Herzallerliebste

Tinos Negersklavinnen

Dr. Eisenbart aus dem Abendland

Die häßliche Prinzessin Bâhbâh

Ärzte, Weise, Gesandte, Flöten- und Dudelsackspieler, Gaukler, Bauchtänzerinnen, Krieger, Stierkrieger, schwarze Diener und Dienerinnen, Sklaven.

* * *

Auf Befehl Plumm-Paschas, des Großveziers von Oberägypten, werden die letzten Stierpriester einer Sekte des Gottes Ptah auf Scheiterhaufen verbrannt. Viel Volk verhöhnt die Opfer, bewirft sie mit Steinen, aber die Märtyrer halten, bis sie zu Asche verbrannt sind, gläubig ihre kleinen stierköpfigen Götzen aus den Flammen aufrecht.

Plumm-Pascha kommt aus seinem Reichspalast, begleitet von seinem Gefolge, Gesandte in Fez und ernsten, langen Gewändern. Der Großvezier steigt aus seiner Sänfte. Es wird dunkel, es blitzt, und der Gott Ptah steht plötzlich vor Plumm-Pascha und verflucht ihn und verwandelt seinen Kopf in einen übergroßen Stierkopf. (Der im Verhältnis zu seinem jetzigen Stierkopf lächerlich klein wirkende Turban bleibt ihm unverändert sitzen.) Scheußliche Stierfratzen tanzen um den verzauberten Plumm-Pascha, bis es wieder hell wird und Ptah verschwunden ist. Die Gesandten sind geflohen, die schwarzen Diener ließen die Reichsbullen fallen und große Verwirrung entsteht. Nur der taube Diener behält seine Fassung, trägt den erschrockenen Großvezier auf ein Mooskissen, darauf er sich mit gekreuzten Beinen niederläßt. Es kommen Weise mit Instrumenten, Mikroskopen, großen Schädelmeßapparaten, aber sie beraten ohne Erfolg; beginnen sich zu streiten, reißen sich an den Bärten und gestikulieren heftig mit allen Gliedern. Der sich langsam erholende Plumm-Pascha brüllt seinen tauben Diener an, der aus einem Futteral, das er bei sich trägt, ein Riesenrohr nimmt und es anlegt. Nun glaubt er zu verstehen, seinen Herrn quäle der Hunger. Und er rennt fort und bringt seinem Herrn einen Karren voll Heu zum Fressen. Indessen die Weisen beraten, Diwagâtme zu holen, die kluge Kalifin der Stadt.

Im Rosengarten treffen die Weisen Hassan und Tino umarmt auf einem Zweig sitzend inmitten der Rosen. Diwagâtme, die Mutter Hassans, tritt zu ihnen. Die beiden Liebenden bitten sie um den Segen, aber sie verweigert ihren Segen und wendet ihren großen Beutel um, weil sie geizig ist, und macht den beiden begreiflich, sie habe kein Geld überflüssig, ihnen einen Palast zu bauen.

Es hören dieses die Weisen und erzählen den drei Verwunderten von dem Schicksal Plumm-Paschas. Diwagâtme erklärt, nur der Kuß eines reinen Weibes könne den bestraften Großvezier erlösen. Sie wendet sich schlau an die Prinzessin Tino und sucht sie zur Tat zu gewinnen: sie sei dann keine arme Prinzessin mehr – denn der Großvezier würde sie mit Gold und Edelsteinen überschütten, und der Heirat mit ihrem Sohne stände dann nichts mehr im Wege. Diwagâtme begleitet die Weisen aus dem Garten. Tinos Gespielinnen nahen und tanzen einen Schleiertanz um das Paar.

Der Großvezier liegt brüllend auf seinem Dach; auf einmal kommt ein Luftballon, darauf steht »Abendland«. Aus dem Luftballon steigt aufs Dach Doktor Eisenbart, hinter ihm schreiten lebendige Flaschen mit der Aufschrift »Kuhlymphe«. Die Diener wollen den wißbegierigen Doktor abhalten, den wütigen Pascha zu untersuchen. Aber Dr. Eisenbart läßt sich nicht hindern, dem Stier Lymphe zu entziehen, bis der Großvezier ihm den Kopf abbeißt; der wird zur Warnung an einer langen Stange aufgespießt. Unterdessen nahen die Weisen und berichten Diwagâtmes weises Wort. Der Vezier stößt ein Freudengebrüll aus, taumelt sich einige Male über den Teppich seines Dachs und die Weisen mit ihm. Negerknaben schreien auf den Straßen und Marktplätzen aus nach einem reinen Weibe, das dem Großvezier erlösen will für Gold und Edelsteine. Auf großen Fahnen, die sie herumtragen, steht es geschrieben.

Der Großvezier eilt von seinen Leuten umgeben auf den Marktplatz. Es nahen zehn Stiere mit zehn Prinzessinnen, sie sehen den Großvezier brüllen und fliehen. Nur eine von ihnen ist bereit, den verzauberten Herrn der Stadt zu küssen. Man entschleiert sie; sie ist aber von so scheußlicher Häßlichkeit, daß der Großvezier sich entschieden weigert, sich von ihr küssen zu lassen. Sie ist lang und dürr. Friseure kommen mit großen Grasscheeren und beschneiden ihr Haar. Eimer voll Schminke werden herbeigetragen und man schminkt die Prinzessin, färbt ihre Lippen und ihre Wangen mit großen Anstreicherpinseln. Aber Plumm-Pascha winkt ab, trotzdem alles Volk zurät. Die häßliche Prinzessin Bâhbâh spitzt ihren Mund, drängt sich zu ihm, immer wieder, bis der taube Diener sich ihrer erbarmt, sie küßt und mit ihr davon reitet.

Endlich naht Tino auf einer weißen Kuh, herrlich gekleidet, begleitet von Hassan und ihren treuen Gespielinnen. Der Stierkopf auf dem Thron bewegt sich, entzückt von der großen Schönheit der Prinzessin, mit furchtbar komischen Bewegungen. Man zeigt Tino in den Säcken all das Gold und die Edelsteine, und sie bringt es über sich, aus Liebe für Hassan den Stierkopf aufs Maul zu küssen. Wieder große Dunkelheit, Blitze, Feuerfratzen. Als es wieder Licht wird, trägt Plumm-Pascha seinen ehemaligen umbarteten Kopf wieder und belohnt die Prinzessin nicht allein mit Schätzen, erhebt sie neben sich auf seinen Thron – und überreicht ihr sein großes Rubinherz. Aber Tino weint sehr, denn sie liebt Hassan, der ihr zuwinkt, zu schweigen. Aber einer im Volk drängt sich zum Pascha, verrät ihm, daß seine Erlöserin den Hassan, den Sohn der Kalifin Diwagâtme, liebe. Der Großvezier läßt nun Kriegskleider und einen Speer kommen und sendet den überraschten Jüngling in den Krieg.

Aber der Mond kommt ganz groß an den Himmel herauf, und die Prinzessin tut, als ob sie müde sei, schläft ein ... und neben ihr der Großvezier und das Volk all schläft auch. Und wie die Prinzessin alles fest schlafen hört, öffnet sie die Augen; Ptah, der Gott, bringt einen Spaßmacher. Der muß seine Kleidung mit der der Prinzessin wechseln, auf daß sie glücklich entkomme. Der Großvezier erwacht, sieht den Spaßmacher neben sich, der ihm immer zunickt, und er glaubt, er habe überhaupt alles nur geträumt. Drum gibt er ein großes Fest, darauf sich Tino und Hassan vermählen. Rosenreigen, Wasserspiele. Zuletzt kommt der Gott Ptah und segnet die beiden: Hassan und Tino.

Heinrich F. Bachmair. [10]

Lieber, guter Heinrich F. Bachmair! Sie druckten in ein kleines Reklameheftchen einen der Briefe aus meinem Roman, mein Herz, ab. Dieser Brief gibt mit den vielen Briefen eine künstlerische Korrespondenz, wirkt aber herausgenommen seines Inhalts wegen leicht gehässig und auffallend. Glaubten Sie, durch den Druck dieses Briefes mir einen Gefallen zu tun, da er sich gegen eine Person richtet, die sich anders entpuppte, als zu erwarten war? Diese Taktlosigkeit verdanke ich wahrscheinlich ihrem Ratgeber, dem Literaturherrgottschnitzler, dem Bua mit der Schwalbe in der treuen Brust. »Obba es steht jo do oach no oan Briefle donäben.« – »Das seh ich auch, lieber Heinrich Bachmair, aber – der steht auf einer anderen Seite – und in so einem kleinen Reklameheftchen blättert man doch höchstens nur.« Aber leben Sie recht wohl und schicken Sie mir Yoghurtpastillen aus Ihrer Apotheke in Pasing, damit ich seh, daß Sie mir ahn lang Leben wünschen.

Ihre Else Lasker-Schüler

Kleine Skizze. [11]

Ein Dorf mit Stadtbewohnern ist Hellerau. Oben auf dem höchsten Gipfel liegt Jung-Athen, von griechischen Girls und Masters bewohnt. Die studieren bei Dalcroze Tanz und Rhythmus und sind lauter stud. dancing und lovely, american-Studentinnen, alle in griechischen Gewändern, das Reifband um die Stirnen geschlungen. Von diesem Athenerhügel sieht man das eigentliche Dörfchen liegen in Blume und Frucht. Eine ganze Straße Spielhäuschen; Girlanden verbinden wie zum Fest Dach mit Dach. Am Ende des Dorfes steht das Schulheim. Jeden Tag kommen die Kinder aus Dresden und verbringen dort in den weiten, frischen Räumen den Lehrmorgen. Den Mädchen und Knaben aus Berlin und aus der Dresdener Umgegend ist das Schulheim ein Elternhaus geworden. Goldblonde Haare und braune Locken flattern durcheinander und Bubenköpfe, frisiert wie ihr Herr Direktor. Die Mädchen mit der liebreichen Stimme ihrer Fürsorgerin eilen mir entgegen. Dogessa versteht Geschichten zu erzählen und Schwänke von ihrem Ahn, dem Baron v. Münchhausen. Vor dem Schulheim blüht eine grüne, grüne, grüne Wiese. Die Soldaten exzerzieren dort in der Frühe und blasen in die Trompete. Aber nach der Essenszeit spielen die Kinder des Schulheims Fußball, Reifen und Federball in dieser ungehemmten Freiheit. Hell ist es im Schulheim, ein Haus für die Mädchen, ein Haus für die Knaben; zwei weiße Häuser mit zitronenfarbenen Türen, aus denen die Kinder wie Schmetterlinge ein- und ausschweben. Gemeinsames Mahl, Zusammenspiel im Garten, und im Winter in den gemütlichen Stuben. »Der Direktor ist schrecklich streng«, erzählen die Kleinen scherzend. Eben balgt er sich mit dem Günther herum, und seine blauen Augen sind zwei lustige Streiche. Und die Baronin-Großmutter ist eine Großmutter und ein Kind zugleich und immer in Sorge für jedes einzelne Kind. Heute wird bei Tische überlegt, wohin die Wanderung gehen soll. Nach Böhmen!!! Der Direktor Koehler selbst marschiert voran, den Rucksack auf dem Rücken. Hinter ihm die kleinen Bergsteiger. Ich möchte wahrhaftig noch einmal in die Schule müssen. Die Stunden im Schulheim sind nicht anstrengend, man wünscht sie sich nicht zum Kuckuck. Und doch kommen die Kinder ordnungsgemäß vorwärts; die Jungens werden Einjährige und den Mädchen bleibt die Anmut. Milch und allerlei Säfte trinken die Kinder zu den Mahlzeiten. Wenn ich dort zwischen ihnen sitze, meine ich, ich bin auch noch ein Schulkind. Ich liebe dieses Haus, als ob es mir mitgehört.

[Ich bin in Theben (Ägypten) geboren ...] [12]

Ich bin in Theben (Ägypten) geboren, wenn ich auch in Elberfeld zur Welt kam im Rheinland. Ich ging bis 11 Jahre zur Schule, wurde Robinson, lebte fünf Jahre im Morgenlande, und seitdem vegetiere ich.

[Zuschrift an das »Berliner Tageblatt«] [13]

Ich kenne weder die angebliche Autorin, noch sie kennt mich. Ein vorlauter hysterischer Jüngling, dessen Gedichte ich nicht imstande war, zu befördern, gedachte aber doch nun endgültig durch diesen dilettantischen, pseudonymen Schriftfetzen zur »Kunst«-Welt zu kommen.

[Zuschrift an »Die Weltbühne«] [14]

Sehr verehrter Herr Siegfried Jacobsohn! Es kann nicht sein, daß Sie von dem Artikel der letzten Nummer auch nur irgendetwas wissen. Er heißt: Else Lasker-Schüler von Hedwig Courths-Mahler, die ich nicht kenne, wissentlich nie gesehen habe. Ich bin in dem Artikel direkt wie eine Verrückte geschildert; auch als Parodie höchst geschmacklos. Ich bin immer mein Lebenlang viel zu einsam und zurückhaltend gewesen und auch absolut im Grunde nicht ehrgeizig noch vorwitzig. Die Gesellschaft habe ich gemieden, trotzdem ich heute anders dastünde. Immer diesen Prinzen angreifen! Die Anerkennung beruht grade auf Grund dieser Zurückhaltung. Ich sehe meinen Wunderrabbi an, den ich neu schrieb, die Briefe Sankt Peter Hilles an mich, die ich mich nie für irgend genug hielt herauszugeben, aber Cassirer wollte es, ja und dann diesen unanständigen Artikel, der nicht allein mir, aber den Juden schadet, die mich gerne haben. Ich habe durch die Prinzenkrone nur dem Judentum einen Opal in die Schläfe gesetzt, zumal auch die antisemitischen Einwohner Berlins, darunter die anerkanntesten Christen, mich glühend so ehren. Ich bin im Grunde ein einfacher Hirte, der aber nicht die Lämmer hüten darf, aber kämpfen muß täglich. Sollte der Artikel aus Neid dieser Frau sein, so kann ich Ihnen nur sagen, ich besitze nichts und sorge doch für viele, viele Menschen. War es eine Rache etwa? Nicht auszudenken! Welche Misere auf dieser Erde! Ich frage Sie auf unsere frühere Freundschaft hin (nie sagte ich irgendein böses Wort zu Ihnen): wollen Sie meine Antwort abdrucken wörtlich? sonst muß ich sie wo anders hin senden. Sie wissen, daß ich geschmackvoll bin. Ich habe mich nie in ein Journal aufgedrängt. Ich bin krank, seitdem ich diese Schmach las. Ich kann nicht sorgsamer schreiben. Bin aufgelöst. Prinz Jussuf von Theben.

[»Der Blaue Vogel« ist das Herrlichste ...] [15]

»Der Blaue Vogel« ist das Herrlichste, was man hier in der Welt sehen kann.

[Zuschrift an das »Berliner Tageblatt«] [16]

Hochzuverehrendes »Berliner Tageblatt«!

Jedes weitere persönliche Wort auf meines Hauptverlegers Paul Cassirers phantasievollen Verteidigungsreim im kürzlichen Abendblatt würde dazu dienen, meiner ernsten Broschüre Wahrhaftigkeit den Flügelschlag zu dämpfen, meiner brennenden Anklage Gerechtigkeit mit der von ihm dargebotenen Wärmflasche die abgehärteten standhaften Füße zu schwächen. Mein Rechtsanwalt wird hier ein sachliches Referat geben.

Else Lasker-Schüler.

Fred Hildenbrandt [17]

Wenn man den Namen seines vollendet geschriebenen Buches: »Tageblätter« (Dr. Landsberg-Verlag), gelesen hat und die schlichten Leinwanddeckel über die liebreichen ebenso wetterharten Essays schließt, möchte man den Dichter sehen, einfach sehen! Der legte keinen Wert auf äußere Pracht – wo so viele Sterne im Herzen seines Buches immer wieder von neuem aufgehen.

Im Schlitten naht »Gösta Berling«, der wilde Kavalier, Selma Lagerlöfs majestätischer Sohn aus der Winterewigkeit. Es schneit zwischen Wort und Wort weiß und dicht auf die weiße Erde der Buchseiten. So atmet man die Frische der Erzählung lebhaft ein. Hildenbrandt streut: Frost oder prallende Sonne, auch milden Maienschimmer, feierlichen Weltzimt über seine schwermütigen, leidenschaftlichen Schreibgebilde. Und mit flammendem Flügelschlag richtet er den erschütternden Brief an seinen Freund nach Guaquil. Aus den Fesseln der Zeilen befreit sich ein aufschnellender bunter Julivögelschwarm und erreicht die freie Welt, die der Lloyd seines Freundes durchquert.

FRED HILDENBRANDT:

Ein deutscher Gentleman

Rittersporn schmückt seine Gesinnung.

Er saß viel unter Birken

Zwischen lichten Baumbräuten.

An sie erinnert jede Frau,

Die reinen Herzens ihm begegnet.

Er ist religiös,

Weihrauch umwölbt ihn blau.

Da manchen Strahlenvers er schrieb

Madonna in den heimatlichen Schnee.

Wie ihn denk ich mir Eichendorff;

Mein erster Dichter.

Streift Hildenbrandt auch nicht

Durch alter Zeiten Dichtung Tal;

So fließt sein blumig Wort

Gutedler Wein ganz echt ins Blut.

Herzgabe sein Essay,

Im Abendrote einsam hingezaubert.

Erzogen ist sein Herz, das ziemt den Dichter,

Takt, männliches Geläute, Domzucht

Und Klugheit übte sich mit Mut,

Und was er dichtet, flößt dem Leser Achtung ein.

[Zuschrift an die Herausgeber von »Erts. Almanak 1926. Verzen Proza Drama Essay«] [18]

Berlin, Hotel Koschel.

13. I. 26

Lewe Mynheers Poets and Friends [Zeichnung: Frauenkopf im Profil]

Ich grüße Sie alle, die ich Sie kennen gelernt habe in Ihrem Buch und danke Ihnen viele viele Male, lewe Mynheers und Poets and Friends in Holland. Ich komme jetzt im Anfang Frühjahr, wenn die Vögel wieder hier in den Bäumen ihre Nester beginnen zu bauen – ich brenne dann durch!

Ich bin so gern in der Welt, aber mit einem kleinen Koffer, sonst können die Flügel nicht wachsen. Und Ihr Meer möchte ich sehen, mir Muscheln sammeln. Ein Meer ohne Muschel blüht nicht, ist ein Baum ohne Magnolien, oder ohne andere Blumen, Apfelsinen, Kirschen, Eicheln und Buchäckern. Ich werde über Ihr Buch ein Andenken schreiben, das ich für Sie alle empfinde, ohne Sie zu kennen, ohne je Abschied genommen zu haben. Ich grüße Sie in Liebe und Freundschaft

Ihr

Prinz Jussuf von Theben

Adres: An alle Mynheers im Buch.

[»Wo und wie verbringen Sie heuer den Sommer? Eine Rundfrage an bekannte Schriftsteller, Musiker und Bühnenkünstler«] [19]

Laden Sie mich ein! Nach Spanien.

Die deutschen Heilstätten in Agra. [20]

Wie der Wein hat auch die Luft im Tessin: Blume: Niemand hierzulande, der nicht schon früh am Morgen den Kelch der blauen Welt an die Lippen setzt. Abstinenzler sein an der Quelle des Aethers, hieße den kostbarsten Trank des himmlischen Weinstocks verachten. Und die Menschen, die in der Großstadt verlernt haben zu atmen, können hier nicht genug vom Odem bekommen. Noch in der Nacht begegnen sich etliche Gäste aller Länder luftatmend am Lago. Wir in den Weltstädten sind an trübgewordene Atmosphäre gewöhnt; wollte man die in ein Glas gießen, man würde erschrecken vor dem schalgewordenen Stoff, der einem bisher genügte. Hier im Tessin weht ein besonderer Burgunder, stark und reich in der Beere, weich zu schlürfen. Ein gebenedeiter Gedanke, über Lugano auf dem heroischen Felsen Agra, an dessen Abhängen mannigfaltige Alpenblumen und Kräuter im Dunklen von Schwärmen der Leuchtkäferchen vergoldet werden, die deutschen Heilstätten aufzurichten, in denen lungenerkrankte Söhne und Töchter wieder gesunden, fast alle restlos gesund werden. – Wenn man an den kleinen Tischen der großen Frontveranda die jugendliche Gesellschaft in allerhand Sprachen sich unterhalten hört, möchte man die deutschen Heilstätten in Agra, deren Ruf, dank der unermüdlichen Kunst des hervorragenden leitenden Arztes, weit verbreitet ist, zu internationalen deutschen Heilstätten umtaufen. Dort oben sind vereint die Krankheit zu besiegen, freundschaftlich verbunden aller Herren Länder Jugend, glattweg: Menschen, die gesund werden wollen. Von Lugano aus befördert einige Male am Tag das Sanatorium und das Postauto die Zureisenden bis auf die Höhe des wohltuenden Berges Agra, wo zwischen Wald und lässiger Gartenpalme der lichte, ermutigende, geräumige Palast der Gesundheit wartet, immer wieder ein Wunder zu verrichten an einem neuen Kranken. Vierzehn Tage bewegte ich mich zwischen den hohen frischen Wänden und gewann täglich wiederholt die Ueberzeugung, meinen teuren Bruder an die Quelle der Gesundung gebracht zu haben. Der leitende Arzt der deutschen Heilstätten, Dr. Alexander, bewußt seines verantwortlichen Amtes, zählt beileibe nicht zu der Kategorie wortbeflissener Doktoren. Er ist eben ganz Arzt. Versprengt nicht unnütz an Aeußerlichkeiten seine Kraft, aber er versucht sie einzuimpfen: – »Tropfen auf Tropfen geht die Heilung vorwärts!« – jedem seiner Patienten, die ihn alle tief verehren und an ihn glauben. Manchmal hörte ich übermütig einzelne von den jugendlichen Leuten beim Mittagsmahle untereinander von »Alex« reden. Der Chef war ohne Zweifel damit gemeint; eine Beliebtheit, die der Doktor sich mit gefurchten Brauen in seinem kleinen, segenbringenden Reich auf Agra schon gefallen läßt, den Schalk im Mundwinkel. Seine Autorität leidet keineswegs darunter, die er auch bewahrt haben möchte im Interesse des Patienten. – Alle vierzehn Tage erscheint die Sanatoriumszeitung, eigens für die jungen Einwohner der Heilstätten gedruckt. An der Mitarbeit sich der leitende Arzt selbst beteiligt. Sein Aufsatz im letzten Heftchen über Tuberkulose, verständlich für den interessierten Laien und für jeden seiner Patienten, dient zunächst aller Mystifikation Hirngespinst, in das sich mit Vorliebe täuschende Vorstellungen verfangen, zu zerstören. Klar erklärt Dr. Alexander seinen jungen Lesern ihre Leiden, betont ihre Heilung, falls sie von ihnen selbst erwünscht, das heißt: von ihnen mit erkämpft wird, wenn auch des öfteren geduldig liegend im Zelt. Man sollte sofort etwas tun!! Pflegt man nicht schleunigst sein Kleid vom Fleck seine Haut vom Staub zu reinigen? Warum vernachlässigt man das Innere des Körpers, die Organe, die, wenn auch umhüllt vom Fleisch, des Lebens Unrat ausgesetzt sind. So drastisch es auch klingen mag – Krankheit ist Staub, Kranksein nur ein anderer Ausdruck für Verstaubtsein, Staub, der Sammelplatz des Ungeziefers – und ist der Bazill nicht Ungeziefer, der, eingenistet, leider oft so schwer zu vertilgen ist? Ob bewußt oder unbewußt, schämte sich sicher der Grieche darum der Krankheit. Ich erinnere mich an ein starkvergilbtes Papyrusblatt aus der Zeit der Hettiter, eines nordasiatischen Volkes, dessen Bildhieroglyphen mir ein sprachkundiger Sammler also deutete: »Medizinmänner im Begriff, eine Transfusion zwischen leidendem Jüngling und gefesseltem Raubvogel vornehmend.« Das Blut des kühnen Meergeiers galt dem klugen, heidnischen Hettitervolke als Inbegriff aller Reinigung Sturzbach. –

Ach so viele, viele lungenerkrankte Menschen möchten sich heilen lassen, gesund werden! Den begreiflichen Wunsch zu erfüllen, auch nur an einem einzigen, befestigt die Gesundheit der eigenen Kinder des Spenders. Mit schmerzlicher Beschämung gedenke ich der Opfer der engen Räume dunstiger, erstickender Hinterhäuser der Großstädte, die am Verdienst gefesselt, sich nicht einmal filtrierte Vorstadtluft erschwingen können, die ihnen ja kostenfrei vom lieben Gott gereicht wurde. Zeit ist Geld! Wie viele liebe Menschen, auf liebe Menschen kommt es nämlich an, könnten geheilt, und wie viele Kindergärten voll geknickter Kinder wieder belebt werden! Für die Auferstehung der kleinsten Menschen steht in der Nähe der deutschen Heilstätten ebenfalls ein Treibhaus auf Agra bereit unter der Obhut und Güte des hochverehrten Doktor Alexanders. Eine einzige Hand voll Sonne, frisch vom Himmel gepflückt, genügte oft, aus erblichenen Backen wieder rote zu zaubern. Ich denke an das kleine Hannele in Hauptmanns: »Hanneles Himmelfahrt«. Den Dichter und seine liebenswerte Gefährtin bringt die kleine Sanatoriumszeitung auf einer ihrer Seiten in Gesellschaft des Chefarztes und seiner Doktorin und des weltberühmtesten Chirurgen Geheimrats Professor Sauerbruch mit Gemahlin. Professor Sauerbruch sandte meinen Bruder selbst auf die heilbringende Höhe. Ueber die wacht ein guter, starker Stern, der leitende Arzt. – Im Hause Agra wird viel Musik gemacht. Jede Woche ein schönes Konzert im Schiff des großen Speisesaals. Einer unsichtbaren Orgel Altsilber hörte ich oft träumend beim Mittagsmahle friedlich zwischen dem fröhlichen Geplauder der Speisenden spielen. An jedem Tisch sitzt ein Arzt, ein »aufwachendes« Argusauge. Um 2 Uhr kommen die Schwestern mit Wickel oder Medizinflasche oder Schachtelhalmtee in die Zimmer der bettlägerigen Patienten. Immer ist was zu tun: Zu lesen, zu schlafen, spazieren gehen durch den kühlen Wald! Etliche Kranke liegen in den Liegehallen des paradiesischen Parkes oder im Holzhäuschen zwischen Zypressen mitten im Gehölz; einige bleiben auf ihren Balkonen vor der Mittagsglut behutsam bewahrt. Eine ganze Bibliothek steht den Patienten zur Verfügung. Auch betreiben Studenten für sich ihr Studium weiter, wie der liebenswürdige Zimmergenosse meines geliebten Bruders. Freundschaften werden geschlossen fürs ganze Leben. Ungestört kann man auf Agra unter Palmen wandeln, und man glaubt zwischen dem fröhlichen Geplauder der lieben jungen Genesenden schon unter gesunden lebenslustigen Menschen zu sein.

[Anzeige für Otto Picks Gedichtbuch »Wenn wir uns mitten im Leben meinen«] [21]

Ich las zuerst: »Der Vater betet« – ein herrlich großes feierliches Gedicht.

[»Dichtung und Christentum« (Antwort auf eine Rundfrage)] [22]

Ich habe schon als Kind die Tiefe des Judentums erkannt; aus den Lehren der Propheten vom unsichtbaren Gott erfahren und weiter im himmlischen Klang vernommen, den heiligsten Juden: Christo Jesus. – Wie ein Goldgräber nach Gold gräbt, habe ich nach Gott gegraben und hoffe, wert zu sein, aus dem Judentum zu stammen. Ihm entströmte Gott: Christo Jesus, der die Welt krönte und zum Mahle lud. Aber sein Volk, das Judentum, über alle Völker liebte. Aus ihm erwählte er seine zwölf Jünger, die sein reines Blut in Krügen füllten, von dem man kaum nippen dürfte. Nach seinem Hinscheiden erschien er dem stärksten Manne Israels und säete Weizen in sein Herz. Saulus war ein Teppichhändler und verfolgte Christo Jesus. Doch er war ein künstlerischer Mensch, gar ein Künstler, da noch heute die Teppiche im Morgenlande herrliche gestickte Gemälde sind und herabhängen von Balkonen. Der Inspiration fähig, erlebte Saulus die lebendigste in der Erscheinung des gekommenen Messias, an dessen Licht er vorübergehend erblindete. Als der späte Apostel in Begleitung des Freundes nach Zypern kam und Lahme gehend, Blinde sehend und Taube hörend machte, und Saulus, der sich gewandelt hatte in Paulus, zu der Menge redete, glaubte diese, die Götter seien vom Olymp herabgestiegen und brachten geschmückte heilige Stiere, sie ihnen zu opfern. »Paulus, Paulus, die große Kunst macht dich rasend«, so mahnte ihn sein Begleiter, den die Leute für Jupiter hielten und für Merkur den geheiligten Saulus. Ein starker Beweis, daß der Apostel Paulus dazumal ein Jüngling war, mit jungen Haaren. Ferner entsprang der geliebte pflanzliche Johannes der Täufer, der Vorahner Christo Jesus, dem Judentume. Die getauften Völker Europas vergessen das immer wieder. Auch die Mehrzahl der Juden. Von der Felsperspektive meines gottalten Volkes erschaue ich das Ewige Licht, das ungetrübt und ungefälscht Messias entströmt. Voreilig erkennen wollen, dünkt mich ebenso schädlich wie nie erkennen wollen oder nach seinem Vorteil erkennen wollen oder erkannt haben. So wird die Liebe Christo Jesus dem Wahren zur Lilie, dem Unwahren eine Waffe, mit der er den Juden schlachtet meistenteils den Ärmsten des Volkes. Den Juden, der herab vom Himmel kam, Heiliger Geist, in Menschengestalt, sollte man sich erst verdienen müssen, das allerschwierigste Examen des Herzen bestehen. Zu dieser Prüfung wird jeder vor Gott zugelassen, zu dieser Prüfung träfe man wirkliche Menschen, zu diesem Abendmahle sind beisammen Menschen! Menschen! Menschen! Hört nur: – Menschen!! Ausziehen sollte man nach ihm wie in der weiten Mär nach der Wunderquelle. Den Sproß im Tragkleid zu taufen, geschieht sicher nicht nach dem Willen Christo Jesus, denn dieser noch unverdiente Vorteil gereicht den allzu vielen zur Überhebung. Wer einen verstoßenen Sohn aufnimmt, entfremde ihn den Brüdern nicht, wer unseren verlorenen Gott anbetet, in ehrfürchtiger Liebe, brüste und rüste sich mit seinem himmlischen Worte nicht. Um eines einzigen Juden willen, eines machthabenden feigen, der aus hartherziger Diplomatie das erschütternde Todesurteil fällte über den Gottjuden im Judentume, erleidet nun das gesamte Judentum Schmach und Haß. Nach 2000 Jahren ist man nicht in der Lage, eine neue Gerichtsverhandlung darüber anzusetzen, aber handelt es sich nicht eigentlich um ganz andere Beweggründe, denkt überhaupt der Pogromrenommist an geschichtliche Scheußlichkeiten? Sind es nicht immer zufällige Begebenheiten, zu deren Dämpfung man das Judentum anzündet und rauchen läßt? Werden einmal Völker kommen, die die Sünden rächen, bis ins siebte Geschlecht, – da sie wissen, was sie tun. –!! Da sie kreuzigen, tausend und tausende, Männer, Frauen, ja selbst Kinder – unschuldige. Christo Jesus ließ die Kindlein zu sich kommen. Er wird auch diese Kindlein zu sich kommen lassen. Er, der herab vom Himmel aus dem Myriamherzen stieg in die Welt. Wie Gott der Herr des Himmels ist, so ist der Mensch erdacht, nach Seinem Ebenbilde erschaffen, der Herr der Welt zu werden. Gottes Stellvertreter, im wachen göttlichen Vernunftssinne. Daß Christo Jesus niemals ein weltlicher König werden wollte, dieser Selbstverleugnung waren die Menschen aller Völker nicht gewachsen. »Sein Reich ist nicht von dieser Welt.« Er hat ja auch tiefere Ansprüche. Für das prunkliebende lustbrüllende Rom allerdings vor tauben Ohren gepredigt, »dem Griechen eine Torheit, dem Juden ein Ärgernis.« Gebunden an Rom. Liebreiche Politik zu führen und nicht rücksichtslose, haben bis heute die Völker nicht gelernt; allerdings die Inder und die Juden in Palästina sind bestrebt. Der Bürger läuft der Herde nach, aber der Einzelmensch, von dem es unzählige gibt, bildet aus gutem Instinkt keine Herde. Der Einzelmensch hütet seine Einsamkeit. Und es ergriff ihn schon vor 2000 Jahren Panik über den Tod des stärksten und holdesten Juden. Aber auch dem jüdischen Herdenmensch, ungefälscht unterrichtet, wäre es nie eingefallen, den Tod des heiligsten Juden damals noch heute zu fordern. Ich freue mich, aus dem Volke Christo Jesus zu stammen. Er liebte David besonders, und wie Ihn seine Psalme erfreuen, so würde Er auch meine Psalme lieben, die ich dem Vater dichtete, am Abend im silbernen Heiligenscheine Jerusalems. Ich liebe mein Volk in Treue und seinen heißen Wüstenglauben zwischen den Lippen Christo Jesus vergoldet; und ich besterne mich in mannigfaltigen Strahlen. – Ob es eine christliche Kunst gibt? Für mich gibt es eine religiöse Kunst, eine lebendige, ja auch eine tote, der der schöpferische Mensch den Odem nicht unsterblich einzuflößen vermochte. Wirkliche Kunst, welches Motiv auch, ist stets religiös.

Der Uhu. [23]

Der Vorderseite der verrunzelten Wand schräg vor meinem Fenster habe ich nie ins Gesicht gesehen. Mit der Kehrseite aber bin ich vertraut geworden. Ich danke ihr sogar eine unvergleichliche Begebenheit. Da einige ihrer Backsteine gänzlich abbröckelten, auf den Gartenhof fielen, entstand sozusagen ein Grübchen im Körper des alten Baus, das bald ein heimatloser Vogel sich zu nutze machte und mit seiner Frau ein Nest auf dem geschützten gefundenen Bauplatz baute. Ich sah täglich, wie das Kohlmeisenpaar Halme, Spinngewebe sammelten und einen halben Kamm fanden, dessen Haare sie herauszerrten, um das Innere ihres Nestes zu polstern. Durch die Drahtöffnungen drangen sie in des Nebenhauses Hühnerstall, holten sich die molligen Federchen, die die Hühner sich gegenseitig ausgerupft hatten, und flogen davon. Ich sehe so gerne auf den Gartenhof, wenn man genau schaut, begibt sich immer etwas frisch von der Natur, was man nicht auf der Straße erleben kann. Als es August wurde, kamen die beiden verheirateten Vögel nicht mehr, sich von meinem Fensterbrett Brot holen, das für sie gedeckte Mahl blieb unberührt. Und doch bewegten sich, wenn ich angestrengt um die Ecke in die Nische der Wand blickte, Flügel. Ich trinke immer meinen Tee nahe am Fenster und liebe gerade die Kohlmeise, deren Urgroßeltern ich schon als Kind, ihres bunten schimmernden Gefieders wegen, bewunderte. Die aßen mit Vorliebe alle Arten Kohl. Auch waren es ebenso liebe Vögel gewesen, wie diese Enkel, denen meine Küche nicht mehr zu munden schien. Wie konnte ich es mir anders erklären? Manchmal war es mir, so in der Nacht, als ob der Uhu schrie, auch schon früh am Morgen, bis ich mich von dem wirklichen Vorhandensein des unheimlichen Vogels überzeugte. Das geschah zur Imbißstunde, als meine kleinen Gäste wieder nicht mein Pfeifen und Locken hörten und mich im Stich ließen. Und ich war schon dabei, mein Fenster zu schließen, als ich in ihrer kleinen Behausung einen viereckigen Mörderkopf bemerkte mit zwei runden bösen unbeweglichen Augen, die auf mein Fenster unbewegt gerichtet starrten. Und mein Herz klopfte heftig, denn mir wurde im Nu alles klar – aber, Gottseidank, die Kohlmeisen lebten ja!! Sie hatten ihr neues Nest nur ein bißchen hoch im obersten Laubwerk der Silberpappel gebaut; der Uhu hatte sie, scheint’s, schon eher wie ich bemerkt, und betrachtete nun mit mir gemeinsam ihr trautes Familienleben, wie sie mit leckeren Regenwürmern den kleinen Meischen die Schnäbel stopften. Das ging dann eine Weile heiter weiter, bis auch ich und der Uhu Hunger verspürten. Der trat vor sein Haus, schupperte sich, erprobte seine Flügel ... Die Reste meines Lachsschinkens auf meinem Fensterbrett reizten seinen Appetit. Knarrenden Flügelschlags kam er geflogen, nicht mehr der jüngste der Uhus, er litt an Gicht. Mit zurückhaltender Begierde verschlang er die Delikatesse, Taunässe noch auf seinem männlichen Flügel. Die verzärtelten Daunen hatte er aus der gefundenen Höhle heraus mit dem Schnabel gezerrt. Als der Vogelbeerenbaum unten im Gartenhof voll Beeren stand, lehnte ich oft aus meinem Fenster und lächelte mit den blühenden Perlen, wünschte mir, solch einen kostbaren Schmuck um den Hals zu tragen. Ich hatte ja auch sonst nichts mehr zu tun, denn die Kohlmeisen verzichteten, weiter sich von mir ernähren zu lassen; sie gruben nach kriechendem Fleisch frisch aus dem Erdreich. Das bedurfte ihre Brut, um Vögel zu werden. Nur der Uhu ließ mich nicht warten. Er hatte Vertrauen zu meiner Küche; ihn hätte ich ja auch niemals zum Vegetarismus gebeten. Eine Stunde anzunehmen, wartete er heute vor meiner Fensterscheibe auf sein Diner; ich habe so lange in der Stadt auf der Redaktion warten müssen. Wenn ich auch nie an Gedankenübertragung von Mensch zu Mensch zweifelte, so glaube ich nun auch noch an die Bluttelepathie zwischen Mensch und Tier. Und ich hoffe, die Naturwissenschaft endlich mit folgender Begebenheit zu bereichern.

Im scharfgebogenen Schnabel des Uhus schaukelte elastisch ein kleiner Ast vom Vogelbeerenbaum mit sieben blanken, dunkelroten Korallen, in einer Dolde gefaßt. Durch das von mir schleunigst geöffnete Fenster schwebte geradezu der Raubvogel behutsam in mein Zimmer, legte ritterlich die verspätete aufmerksame Morgengabe auf meinen Teller, und ohne viel Federlesens verzehrte er die noch in der Büchse übrig gebliebenen Sardinen mit Kopf und Schwanz, schlürfte das aromatische Oel durch seine alten, verrosteten Eingeweide, reinigte seinen Schnabel, und mit einem Uhuschrei sprang er, sich strotzend und wie in jungen Jahren voll seliger Lust, beglückter wie je zuvor, seine lächerliche, enge Mietswohnung im Souterrain verächtlich streifend, über die Dächer der Häuser hinweg auf seinen ihm würdigen Kirchturm, dessen Spitze ich genau sehen kann von meinem Fenster aus.

[»Woran arbeiten Sie?« (Antwort auf eine Rundfrage)] [24]

Ich arbeite schon Jahre an mir ohne Erfolg.

[»Grüße an das Reußische Theater«] [25]

Liebes Theater.

Ich werde niemals die schelmische glänzende Aufführung: Onkel Bräsig vergessen im Reußischen geschmackvollen Theater. Ich höre sie noch klingen, wie von einem gläsernen »Äppelboom«. Dem Heinrich von Reuß, dem Großherr von Gera, Dichter und Nachfolger des Großherzoglichen Intendanten von Meiningen, alles alles Schöne!!

Prinz von Theben

Jussuf

(Else Lasker-Schüler).

Mein Sohn. [26]

Herbe Bescheidenheit. – Alle Sensation gemieden. Er, der Begabte, schob die Bilder seiner Freunde vor und zeigte sie.

Als der »Simplizissimus« seine Zeichnungen sah, wurde er Mitarbeiter dieses Blattes – wenn auch erst ein Bild erschienen war. Seine übertriebene Wahrheitsliebe und ein Adel des Wesens. Ich wollte, daß er sich in seinem Studium entwickelte. Manzel, Präsident der Akademie, hat ihn aus der Schule genommen, denn er zeigte eine Fertigkeit der Zeichnungen, wie es ihm, bei einem Schüler so junger Jahre, noch niemals vorgekommen ist.

Franz Marc behauptete immer, er sei zu weit voran, im Zeichnen, es wäre unheimlich. Mit zwei Jahren schon zeichnete er vor dem Kinderarzt Dr. Vogel so begabt, daß der Arzt mich bat, ihn mit zum Kongreß zu nehmen.

Alles, was man mir nicht wagte anzutun, mußte mein Junge ertragen. Im Grunde war ihm alles Aeußere egal – er suchte die Liebe wie seine Mutter. Er suchte nach dem Wunder eines blonden Mädchenherzens. In seinem Herzensgrunde wohnte eine schamhafte Weichheit sondergleichen. Er war ein Grandseigneur wie mein Vater und meine Brüder und hatte die Zurückhaltung und Grandezza meiner teuren Mutter. Mit allerkleinsten Kindern schlug er Purzelbäume und spielte mit ihnen Eisenbahn, auf dem Boden sitzend. Er war immer 17jährig, ein großes Kind, wie jeder Künstler. Nun liegt er bei mir im Zimmer (bei seiner Mutter) – nach jahrelangem Leiden, das er männlich ertrug –, erlöst. Es geschah: daß er mich bat – hinter den Vorhang zu gehen, ich mußte es ihm beeiden –, er konnte vor Schwäche kaum noch sprechen – ich sollte nicht sehen, daß er stirbt. –

In einer kleinen Weile trieb mich die Unruhe wieder an sein Bett. Er war im Sterben, er sah übermächtig schön aus. Jetzt glaub’ ich an der Seele Odem, wie Gott einatmete dem Menschen, so unsäglich strömte er sie wieder in die Seeligkeit aus.

[»Wo und wie verbringen Sie heuer den Sommer? Eine Rundfrage an bekannte Persönlichkeiten«] [27]

Ich antworte Ihnen auf Ihre Reisefrage: »Wohin du gehst, will auch ich gehen, dein Weg ist mein Weg.«

Der Inkas [28]

Mein Oheim Sebastinos kam plötzlich nach Europa zurückgereist. Seitdem er wieder da ist, riecht es überall, namentlich in unserm Hause, nach Meer und Teer und nach allerlei fremdländischen Gewächsen. Großmutter hat stets zwei Wattebäusche, mit kölnischem Wasser beträufelt, in der Nase. Ich aber erfrische mich an dem Extrakt der großen »Urwasser«, wie Oheim die Meere zu nennen pflegt. Manchmal schwinge ich mich auf sein breites Knie, auf mein südamerikanisches Steppenpferd, – »So ein großer Junge!« Aber ich bin in Oheim Sebastinos ferner Welt schon angelangt, aus der er eigentlich niemals heimgekehrt ist. Am meisten interessiert es mich, vom Leben der unvergleichlich herrlichen Schmetterlinge des Landes zu hören, vom schwarzen Inkas mit den grünen Borden an den Flügeln, dem heiligen Falter aller Indianerstämme. Bruder tötet den Bruder, wenn er ihm nachweisen kann, dem Götterschmetterling ein Leid angetan zu haben. Ja, die Indianer lieben die Inkas und bewachen die Teeplantagen mit Pfeil und Bogen. Denn das schwebende Göttertier hält sich mit Vorliebe in den dichten Stauden auf, wegen der Teerose, die dort aus den herben Blüten der Teestauden ihren Nachmittags-Teepunsch einzunehmen pflegt. Die Teerose trägt also ihren Namen nicht nach der goldbraunen Farbe der graziösen Schwingen, sondern wegen ihres Aufenthaltes in den Teefeldern Mexikos. Wörtlich erklärte mir Oheim Sebastinos: »Zwischen den Schmetterlingen und den Teerosen besteht eine zarte Liebe«, kein Mensch mache sich einen Begriff davon.

Um besser erzählen und nach Herzenslust ausspeien zu können, kaute der Oheim tüchtig seinen Kautabak; ich biß abwechselnd mit ihm von der dicken Stange ab; erst hatte ich mich geweigert, im Glauben, er kaue Stockfarbe, bis ich mutig probierte. Eines Tages also war’s ihm gelungen, tatsächlich einen Inkas zu erhaschen, »mit der bloßen Hand«, betonte er. Seine Hand überwölbte liebevoll kühlend den göttlichen Schmetterling, behutsam schon aus Ehrfurcht vor dem alten Indianerkult. Der mächtige Falter hatte sich nämlich auf den großen Lapislazuli seines Fingers gesetzt, und der Oheim hatte die wohl nie wiederkehrende Gelegenheit benutzt.

Hohe Stelzen trugen Oheim Sebastinos Haus in Mexiko wegen der gefährlichen wilden Tiere und Schlangen, die sich bei nahender Dunkelheit vom Urwald ins Dorf schlängelten. Namentlich war es eine giftige Klapperschlange, die immer wiederkam und nicht auszurotten war, sich die Pellen der Würste holte, die die heimkehrenden Cowboys von ihren sweethearts aus der Hauptstadt allwöchentlich zum Abendbrot und Gedenken verehrt bekamen. Oheim Sebastinos erzählte, er habe auf dem Heimweg, mit der seltenen Jagdbeute im Verließ seiner Hand, vor Freude ordentlich Funken geschlagen. Hatte es ihm doch immer schon geahnt, daß er so einen Inkas mit heimbringen würde, und er hatte darum auch schon für alle Fälle eine luftige Behausung angefertigt, einen wahren Schmetterlingspalast.

Durch seine begrenzten Weiten schwebte nun das gefangene Tier; manchmal leider prallte es an den Horizonten der verklebten Welt grausam ab, versuchte aber immer wieder von Neuem einen Ausweg zu finden. So wüst und gewalttätig der Oheim auch ausschaute, so schmerzte ihn die Gefangenschaft bis ins tiefste Mark und Bein. Auch machte ihm die bald eintretende Traurigkeit seines heiligen Gefangenen große Sorge. Eines Morgens, der Oheim war grade dabei, den Boden des Inkasbauers mit frischen Teeblättern zu belegen, ereignete sich etwas Wundervolles. Mindestens hundertfünfzig Teerosen belagerten teils das Portal, teils schmiegten sie sich, beflügelte goldschimmernde Blumen, an die Vorderfront des Inkapalastes. Aber noch viel gefährlichere Aufständige hatten sich gegen den Oheim verbündet, schlichen um seinen Grundbesitz, Bewaffnete von jedem der drohensten Indianerstämme. Pampeia, die Häuptlingstochter der Pampas, beobachtete schon lange heimlich das goldbraune Amazonenheer der Teerosen. Schöpfte Verdacht ....

Meinem Oheim Sebastinos rannen zwei durchsichtige Glaskugeln über die Backe, als ich genau hinsah, waren es zwei runde dicke Tränen. Denn Pampeia hatte bis dahin immer mit ihm, von der Krone einer Urwaldpappel aus, geflirtet, und er war der kupferroten Indianerjungfrau von Herzen gut gewesen. Ach, noch beim Erzählen erfüllte es ihn mit Schmerz, daß grade sie ihn verraten habe, sie! Doch die Pampeia hatte es den Pampas und die wieder den anderen Stämmen Mexikos hinterbracht. Der heilige Inkas, die Schmetterlingsgottheit, gefangen im Hause Don Sebastinos!! Manchmal erweckte schon im Morgengrauen ein altes Indianervolkslied, das vom heiligen Inkas und der Teerose handelte, meinen armen Oheim. Das hörte sich kurios an.

Ich platzte fast vor Lachen. Schließlich knallten wir alle los. Meine ganzen Schulkameraden waren unterdessen gekommen, saßen auf seinen Schultern, hängten sich paarweise an seine Arme, neben mir, auf dem andern Knie meines Oheims, galoppierte mein Freund Peter. Wahnsinnig nah aber ging dem Onkel das Lied. Er zwitscherte es hell; ganz hell empor stieg es zur blauen Zimmerdecke auf. Wir fühlten alle mit einem Mal, er dachte an seine Flamme. Pampeia .... Pampeia hatte ihn verraten! Als er von der Plantage heimkehrend über die Stiegen seines Hauses geklettert war, sah er ihren Schatten eilend verschwinden und über den Zaun klettern. Sie hatte mit ihrem Gurtmesser die Seidenfaser der Wände des Inkashauses durchschnitten. Und mein Oheim gewahrte dann auch noch, was ihn im Grunde am tiefsten schmerzte: sein angebeteter Inkas schwebte, begleitet von einer braungoldenen Wolke, einem Heer von Teerosen, hoch über die Beete seines Gartens fort, fort über die weite, weite Welt Mexikos.

»Ich habe nie geweint«, behauptete er zwar, »aber nun heulte ich bitterlich und merkte in meinem Gram nicht den Stich der giftigen Klapperschlange, die die rächende Häuptlingstochter mir als Strafe heimlich wie eine Ranke um die Lehne meines Stuhls gewunden hatte, von dem aus ich den Inkas zu beobachten pflegte.«

Der Oheim zeigte auf seinen linken, bewegungslosen, starren Arm, den wir ausprobierend umklammerten, eine standhafte Säule.

Stanislas Stückgold. [29]

Das war wirklich eine Freude, als wir uns begegneten! Ausgerechnet in der Kunsthandlung Fritz Gurlitts, Potsdamer Strasse 118. Und hab doch sonst eine Abneigung, in den Salons die Front der Gemälde abzuschreiten. Aber in gegenwärtiger sibirischer Kälte sehnt man sich nach Wärme und nach Ruhe in dem Lärme, denn die Grippe, ist man sie auch los, wird’s auf einmal einem kurios und Uebelkeit dreht wie Karussel den Schoss. »Präcise«! Bestätigt Professor Stückgold. Wer kennt ihn nicht unter Palmen wandelnd aus Bayerns Hauptstadt her. Und ragen auch nur hohe Pappeln zur Rechten und zur Linken Münchens ... Stanislas Stückgold wandelte immer unter Palmen. Das einzige, was ich nun vermisse an ihm. Der grosse Malerhut sitzt ihm zwar noch im Nacken, als ob es überhaupt nie einen Stahlhelm gegeben hat. Nachdem wir uns nun gegenseitig gefragt hatten, wie es uns geht, erinnerte er mich an meinen ersten Besuch in seiner Atelierbehausung in der Leopoldstrasse. Mitten auf dem geblümten Sofa vom Dult, vom Münchener Jahrmarkt erstanden, sass seine charmante junge angetraute Tscherkessin; das siebenjährige Töchterchen im grünen Samtjäckchen spielte auf dem Klavier: »Schneeflocken«. Das fehlende Gis der oberen Klaviatur ersetzte eine Taste aus Blockschokolade. Ich wollte gar nicht mehr weggehen; Stückgold hatte auch schon begonnen, mich auf der Leinwand festzuhalten. Wie ich zwar später hörte, für ein Münchener Kindl. – Er kann malen – der Stanislas Stückgold! Der Ursprung seiner Blumen: Hochadel. Ich nannte ihn schon früher den Grossgärtner der Maler. Er züchtet die Blume im Rahmen. Wie sehr bewunderte der blaue Reiter, unser unvergleichlicher Maler Franz Marc, die üppige Pracht seiner Georginenfelder, ja aus einer einzigen träumenden Georgine zaubert Stückgold die ganze Spezies hervor. Ein magischer Blumenmaler, er, seine Rosen und Lilien duften. Ein letzter Beweis, da er der Farbe Lebendigkeit einatmet. Der Keim des Odems vermischt sich schon in der Hand des begnadeten Malers mit dem Blau der Palette. Diese Gnade trennt eben den Künstler vom Dilettanten. Wahres Bildnis birgt Wesenheit, hinterlässt Spur dem Beschauer. Ich mag nicht auf die einzelnen Bilder der Stückgold-Ausstellung hinweisen, dem Besucher nichts vorweg nehmen, nur vor des Malers Selbstporträt raste man eine Weile und sehe, wie er im Quecksilber sein feierliches »Ich« rieselnd erblickt. Blieb er auch im Spiegel der Welt immer derselbe schlichte Stanislas Stückgold. Die kleine, noch selbst die grosse Medaille beschwert hemmend sein gutes Herz. Abenteuerlich traf ich ihn am späten Abend unseres Wiedersehens, den breiten Filz auf den Hinterkopf gestülpt, durch die Gegend des Westens ziehend. Unwillkürlich sieht man sich hinter ihm nach dem Zigeunerkarren um – er trägt immer einen warmen Gruss im Gesicht, übergebliebenes Freimalerzeichen von – Vordemkrieg.

[»Mein Menschen-Ideal. Wünsche und Erkenntnisse« (Antwort auf eine Rundfrage)] [30]

Hochzuverehrender Uhu

Sie sind uns längst kein Vogel mehr, darum vertraue ich Ihnen mein Ideal, unter Ehrenwort, an. Seit Schulmädchen hängt schon das Bild des Inkas an meiner Herzwand, – den Augenblick erwartend ... Ich liebe die Inkasaugen, die finstern, dunkelgrünen Augen des mexikanischen Indianerstammes. Ebenso seine leuchtenden schwarzen Haare, nach amerikanischer Art aus der Stirn getragen. Ich liebe auch der Inkas straffes, breites Angesicht, ihre starkknochige Nase, ihre stolzen Munde und ihr trotziges Kinn. Die Inkas sind mittelgroß, gerad wie sie in Größe zu mir passen. Von ihrer Gangart möchte ich sagen: »Sie schreiten!« Von ihrer Anwesenheit: »Sie sind da!« Von ihrer Bewegungsart: »Gebärde«. Ich sah vor Kriegsmißgeburt 1913 den Urenkel einer Ur-Inkasmutter am Lago im Tessin. Begegnete er mir an einem Tage nicht, strich ich den unerfüllten Tag aus meinem Leben. Hochzuverehrender Uhu, daraus entnehmen Sie, welchen Eindruck dieser Urenkel des Inkas, die Verkörperung meines Ideals, auf mich gemacht hat. Ich vertraue Ihnen das so ohne viel Federlesens auf Ihre Anfrage an, würde gern auf Sie Rücksicht nehmen, aber mein Ideal spricht keine beschwingte Sprache; die wirkliche Liebe in geflügelten Worten auszudrücken, liegt mir nicht.

Else Lasker-Schüler

Etwas von mir [31]

In Elberfeld an der Wupper geboren, in Gedanken im Himmel, betreue ich die Stadt Theben und bin ihr Prinz Jussuf. Ich bin weder siebzehn noch siebenzig Jahre, habe keine Uhr und keine Zeit. Meine Bücher laufen so herum und werden einmal im Meer ertrinken. Geld habe ich einmal sehr viel und einmal gar keines.

Früher habe ichs manchmal nicht geglaubt, jetzt aber weiß ich es; ich bin die Else Lasker-Schüler – leider. Auf meinem Geburtsschein steht noch immer: Goldelse; aber ich bin nicht zu versetzen. In all den Jahren, die ich lebte, ist mir eines ganz gewiß geworden: ich kann keinen Bohnenkaffee vertragen.

In die Schule ging ich sehr ungern; wenn ich auch immer irgendwo anders war im Gedanken, so rettete mich das doch nicht vor den vielen Strafarbeiten und dem Nachsitzen im Schulzimmer in Elberfeld an der Wupper, darin die Arbeiter und Arbeiterinnen die gefärbte Baumwolle auf ihre Echtheit ausprobierten. Ich aß immer Korinthenbrötchen, die wir uns während der Pause neben dem Schulhof in einer kleinen Bäckerei holten. Auch Süßholz schmeckte mir sehr gut; in unserem Gärtchen wuchs ein ganzer Strauch. Mit fünf Jahren dichtete ich mein erstes Buch; es erschien in einer Auflage von 30000 Stück bei Ullstein. Seitdem leiste ich nichts mehr. Mit elf Jahren wurde ich gelinde aus der Schule genommen; Fräulein Lichtenstein, die Schwester von Hauff-Lichtenstein kam in unser Haus am Fuße des Waldes und unterrichtete mich, aber ich lernte nicht bis drei zählen. Einmal beim Unterricht lag eine Riesenschlange auf dem Boden des Zimmers, darin ich ochsen mußte. Wer sie hingelegt hatte, kam erst nach Jahren heraus. Natürlich handelte es sich um einen Racheakt, denn ich hatte einem kleinen Spielgefährten im Räuber- und Gendarmspiel in der Erregung die Nase abgebissen. Seitdem habe ich eine Aversion vor Schleicherei. Darum entschloß ich mich, als ich sechzehn Jahre alt war, eine Marderart zu heiraten, die die Schlangen zu töten pflegt (mit einer geradezu imponierenden Virtuosität) und vor deren Giftzahn diese Spezies gefeit ist. (Was ich hier schreibe, ist alles wahr. Ich schreibe es nur sofort in die Maschine und darum geht es so schnell.) Als die letzte Schlange aus der Welt geschafft war, heiratete ich einen blonden Menschen, der momentan sich davon ernährt, meine Manuskripte (fehlende Gedichte ersetzt er) an Antiquitätenhändler zu verkaufen. Meine dritte Heirat – darüber möchte ich nicht sprechen, man könnte ihn mir sonst abspenstig machen.

Gern seh ich mir Läden an, selbst Seifenfilialen erscheinen mir mit den netten bunten Stückchen Seife und Krimskram, Besen, Bürsten, Pinsel, schäumenden Osterhasen und Eiern wie ein Spielladen. – Kennen Sie Aub? Ein fast erblindeter Hellseher in München. Der konstatierte mitten auf der Ludwigstraße, meine Ärmel betastend, meine Pelzmütze, meine Handschuhe, ich hätte eine Knabenseele, die Spielsachen liebt. Das stimmt! Ebenso wie Spielsachen und ebenso wie Läden liebe ich Wiesenschaumkraut und Vergißmeinnichtwiesen. Wenn ich daran denke, wird mein Herz blau und lilasüß.

Ich soll furchtbar frech sein. Aber manche Leute begreifen gar nicht, wie man das von mir sagen kann. Ich bin auch schon über diese Meinungsverschiedenheit ganz konfus geworden. Wenn ich nur wüßte, ob ich einen guten Charakter habe! Darüber kann ich nachts nicht schlafen. Aber ich bin ganz gern so’n bischen wach. Nachts klingelt es wenigstens nicht am Telephon. Ich lese nur ein Buch jede zwei Jahre. Das Buch ist sozusagen meine Stadt, in der ich über die Zeilen spazieren gehe. Manchmal sechsmal denselben Weg. Jetzt bin ich dabei, mir eine kleine Inkas-Stadt zu bauen am Strand der Nordsee, die ich allein bewohnen werde – um niemandem zu begegnen.

Günther Birkenfeld. [32]

Ein Porträt.

Es ist der Schwede in Berlin, von dem diese kleine Geschichte handelt, Lars Hansens Bruder aus dem Swenska-Film. Ich müßte mich schon sehr täuschen – sie gleichen sich nämlich beide auf ein Blondhaar. Es blickt und wittert in den hellen türkisblaugrauen Fjordaugen des schönen Günther Birkenfeld und ein Bündel Rittersporn immer bereit zwischen seinen Brauen. Mir liegt nichts daran, die Inhalte seiner glänzenden Romane zu schildern, den Lesern die Erlebnisse und Geheimnisse vorwegzunehmen. Ich traue dem Publikum eigene Kritik zu. Mir wenigstens raubt jedwede Einführung in die Tiefe oder Leere eines Buches weiteres Interesse. Selbst lesen! Was soll das Vorprobieren, noch zumal hier das Aufknallen einer Knallerbse vom Strauch des Buches: »Dritter Hof links«. Lesen Sie selbst, verehrte Romanleser, die zwei lebenden Romane des Dichters Günther Birkenfeld und lassen Sie sich überraschen. Aus seiner Großvogelperspektive gesehen, leuchtet das Tausendundeingestirn über die Dunkelheit der Erde nicht einen Schein klarer gedichtet, als die matte Lampe der Arbeitskammer. Er faßt den Demant der Armut in dichterisches Gold. Vor seinem letzten Roman: »Dritter Hof links« erschien sein träumendes Buch »Andreas«. Das lag eine ganze Nacht wach in meinen Händen. Ich war im Mond ... Schwebt doch diese Dichtung zwischen Himmel und Erde, zwischen Gefühlen und Gedanken. Erinnert an jenen schon lange gestorbenen sentimentalen Roman, an den Mann im Monde, der damals die Bleichsucht der Töchter der Stadt verursachte: Andreas’ alter Herr! Hinter der Säule der Backfischbälle suchen die jungen Mädchen nicht mehr heimlich den Mysteriösen im duftenden nächtlichen schwarzen Bart. Der blasierte Poseur kam längst aus der Mode. Er paßte in die Zeit der Photographiealbums und war ihm willkommen. Heute macht man größere Ansprüche an den Mondmann und an astrologische Wunder. Birkenfelds »Andreas«, der modern dichtende Enkel, entstammt wohl dem Mondgeschlechte, wie wir Dichter alle, aber er ist ein lebendiges Bildnis. Die Romane Birkenfelds ballen sich aus gemischtem herben und starken Wort zu einem Körper. Der Günther muß dichten. Sein Buch stürmt in die Welt wie der entzückende Durchgänger selbst. Der Bücherrücken sein Steckenpferd. Ihm gelingt es, seiner Bücherwelt, wie den wirklichen Malern ihren Bildern, Odem einzuflößen. Darum bleiben seine Menschen lebendig bis zum Schluß und – der Lesende ermüdet nicht. Drohende Wolken aus Milliardtropfenschweiß bedrücken die Armenviertel seiner Geschichten. Eigentlich schreibt Günther Birkenfeld ja keine Romane. Er! Ein Romanschriftsteller? Wie hochtrabend! Geschichten schreibt er, hingestreckt auf dem Boden seines Zimmers; schwedischen Punsch dazu und eine Indianerpfeife im Mundwinkel und Mut hat er und es imponiert mir, daß seine wundervollen melancholischen Edelschmöker doch – gut!! ausgehen.

[»In aller Bescheidenheit zu melden«, pflegen Autoren ...] [33]

»In aller Bescheidenheit zu melden«, pflegen Autoren in den meisten Fällen plaudernd ihre Biographien zu beginnen. Und auch ich halte mich an die übliche Bescheidenheit und melde in Demut genau wie nach herkömmlichem Muster: »Ich bin Else Lasker-Schüler – leider.« So weit ich mich zu erinnern vermag, kam ich in Elberfeld zur Welt, allerdings gerade unter einem Kometen, der nach Gottosten steuerte. Paar Jahre aber lag ich geborgen und wunschlos im waldigen Schoß am Wuppertal. An mir vorbei floß die Wupper, die mir gut bekam. Ich liebte inbrünstig meine schöne, mutige Mutter, sie glich Napoleon und war mein Kaiser. Mein Vater liebte, immer zwölf Jahre zu sein, ihn beleidigte, verantwortlich genommen zu werden. Seiner Streiche wegen nannte man ihn den Till Eulenspiegel von Elberfeld. Wir zählten drei Jungens, drei Mädchen. Alle fuhren wir über ein anderes Meer. Darum bin ich immer versunken – oder – ganz wach, wie jemand, der eine Welt auf der Schulter trägt. Außerdem dichtete ich fünfzehn Bücher und illustrierte sie. Auf dem Einband meines Schauspiels »Die Wupper« konterfeite ich mich selbst aus der Vogelperspektive – damit mich niemand erkennt.

[Zuschrift an das »Berliner Tageblatt«] [34]

Hochzuverehrender Herr Heinrich Mann, ich bin nicht imstande, die gerade zu dieser Zeit märchenhafte Summe von tausend Mark zu akzeptieren. Der Schmach gedenkend, die man mir, vor allen Dingen der Dichtung selbst, antat, indem man mich ausschaltete, teilzunehmen im Rat der Dichterakademie. Aus meiner Broschüre Korn: »Ich räume auf«, die zu schreiben eine mir zuerteilte Mission bedeutete, zu Ehren der toten Dichter und Dichterinnen, und zur Freundschaft der lebenden Dichter und Dichterinnen, schossen alsbald der literarischen Vereine und Klubs aus dem Erdboden; zu guter Letzt die preussische Dichterakademie, die nach dem Willen höherer Macht nicht avancierte, noch avancieren wird. Denn – mein Gedicht ist ein religiöses. Und ich weiss, was ich ihm schulde. Sie werden darum, hochzuverehrender Herr Heinrich Mann, nichts dagegen einzuwenden haben, da ich, der grossen Not zu dienen, die mir übersandten tausend Mark hochbegabten Künstlern und Künstlerinnen zukommen lasse, die sich endlich erholen können und statt meiner Ihnen ihren Dank aussprechen werden. Doch ich erlaube mir zu dem Dank beizufügen, dass ich Ihre schönen Bücher liebe.

Else Lasker-Schüler.

Elisabeth Bergner [35]

An der Hecke spielt sie, im Süden, wo die Sonne scheint, im Bühnenjenseits. Wo Theater aufhört, Theater zu sein, die Bretter der Welt bedeuten: Feenreich. Denn es spielt aus ihr überall. Sie sitzt ja neben dir, Zuschauer, sie umhüllt dich duftend. Die Elisabeth spielt immer, ob sie sich im Theater oder in der Gesellschaft oder im eigenen Hause befindet. Sie ist eben entrückt, sie spielt »immerdar«, barfuß im Feuersamt, aus den Sternen auf den Scheiterhaufen der Erde gelockt. Die schmerzt sie, man fühlt es in der strahlenden Gabe ihres Spiels. Doch reicht sie uns der Bühne süßestes Brot. Ihr Wesen illuminiert den ganzen Theaterraum; nicht feuerwerklich etwa, sie ist kein Star; viel zu laut für sie! Die Sarah Bernhard, die Eleonore Duse und die herrliche, noch junge Irene Triesch (wo weilt sie?) sind auch nie Stars gewesen, aber Zauberinnen der Schauspielkunst. Sie schwebten wie Elisabeth eine Flügelspanne über dem Boden der Bühne und faßten dennoch stärkste Wurzel. Ich beobachte immer wieder das chevalereske Spiel der Partner Elisabeths, die sich angehen lassen, wie auch über die Seide der Filme, sie behutsam durch die Pfade der Tragödie zu leiten. Eine Kostbarkeit, sie die Elisabeth Bergner, die ihnen anvertraut.

Das Spiel der Elisabeth Bergner steht darum auf der Höhe, da es, wie schon mit allen Sternen gesagt, von der Höhe kommt, immer aus demselben Kometen. Und unsere schwarze Rose im Tal zu analysieren – heißt, sie zerpflücken, des Theaters seltenste Schauspielerin – gefährden. Der berufenste Kritiker, ist er kein Dichter, stolpert über Elisabeths Sternenschleppe. Zu ihr gehören Troubadoure. Wie sollte man ihr sonst beikommen, der unwirklichst spielenden Schauspielerin. Sie ist der Bühne lyrisches Gedicht.

Überirdische Spur hinterläßt sie und färbt das Herz des Zuschauers himmelhochjauchzend. Sie geht eben ins Herz, aber sie steigt auch zu Kopf, ein Wildfang: Die Liesel rieselt. (Fräulein Julie). In der Veroneser Julia entfaltet sich ihr Liebreiz zur heroischen Anmut. Diese Tragödie erreichte apenninischen Gipfel, käme ein Theaterdirektor auf den Einfall, die Liebesszene des Romeo und seiner Julie auf italienisch sprechen zu lassen, keine bessere Akustik für diese musikalische Sprache, wie zwischen deutschem Wortgranit zu strömen. Der einbalsamierte salbungsvolle Jambustrochäus sehnt sich schon lange, neues Leben zu bekommen, der verstaubten Form temperamentvoll erlöst zu entspringen. Und die Übersetzungen, noch dazu – geben jedem Jambus den Rest. Heutzutage macht kein Mensch mehr eine Liebeserklärung im erhabenen Rhythmus. Eigentlich vom Anfang der Welt nicht. Vorhang!!! Adam: »O, sag nicht Romeo, sag Adame, wenn Dir der Name besser scheint – – –« usw. Die Sprache Shakespeares außerdem, ist nicht zu übersetzen. Der Jambus nach seinem Ebenbilde, nicht zu formen. Nur seiner Tragödien Landessprachen ersetzten den Zauber seines Shakespearejambus, erwärmten den Marmor seines gewaltigen Rhythmus lebendiges Geäder. Denn jede Sprache ist das Gewächs eines Landes und ihr Dialekt sein Duft. Aber die Mirjam, des Hohen Liedes Ewigkeit, von keiner Sprache zerstörbar an Versmaß, an Herzmaß, säße unserer schwarzen Rose im Tal vorzutragen, selbst auf abendländisch – wie angegossen.

In meinem Puppentheater leistete ich mir die Privatfreude, Romeo und Julie in italienischer Sprache aufzuführen. Vermischte die sich auch mit nicht zu umgehendem Kauderwelsch, aber immer doch mit Kastagnettenschlag betont. Den Zuschauern bot ich, ohne mich der Extravaganz zu rühmen, endlich Gelegenheit, sich der Tragödie ganz und gar mit Herz und Seele hinzugeben, ohne ihr Gehirn doch zwecklos anzuspannen. Es kommt nämlich im Theater auf das Ganze an, auf das Einvernehmen und nicht auf das einzelne Vernehmen! Vor einigen Jahren in Zürich, als das Pfauen-Theater hilflos um »Kassandra« schlich, telephonierte ich dem Oberregisseur, sie auf griechisch klagen zu lassen. Man lächelte über meine Kateridee. Die priesterlich reine Gemme der Kassandra, der Prophetin der Antike, überzeugend in ihrer Muttersprache Zypresse zu mimen, schlug ich die erst fünfzehnjährige Elisabeth Bergner vor. Glücklich leuchtende Knospen zwar waren ihre Augen; heute sind sie verwundert und verwundet aufgetan, ungelöste Rätsel hinter der Seide der Wimper. So selten überrascht des Theaters Regie. Warum baut man nicht die wahren Schreine für die Reliquien der ehrwürdigen Trauerspiele? Kleidet man doch auch Heutiges im Kleid von heute. Und warum spielt die Elisabeth nicht Kleists Penthesilea? Sie allein trägt den Gürtel um ihre schlanken Mädchenlenden aus dem holden Fleisch der Melone. Kleists Feldherrin ist kein Soldat, aber eine kämpfende Blüte. –

Sie stammt ja nicht aus dem Menschenreich, aber aus der stillen Weihnacht der Pflanzen. Blumen wecken unsere Elisabeth am Morgen aus dem Schlummer, und der große Fichtenbaum in ihrem Garten brummt sie abends in den Schlaf. So spielt alles mit ihr, und sie spielt mit allem, eine Fee vom Spiele verzaubert immerdar. In der Sprache des Märchens suche man Elisabeth Bergner zu verstehen. So ahnte sie Goethe schon voraus, unsere schwarze Rose: Immerdar – – im Tal seiner unsterblichen Liederjahre: »Sah ein Knab’ ein Röslein stehen ...«

Hedwig Rossins 70. Geburtstag. [36]

Eine große Gesangspädagogin wird heute, Freitag, den 12. August, 70 Jahre alt, Hedwig Rossin-Rosenfeld; ein jugendliches Alter, ist man noch so frisch wie sie. Die berühmte Madame Marchesi in Paris ließ ihre Schülerin mit den Worten zurück in die Heimat ziehen: »Vous avez été le rossignol de mes leçons, Edwig.« Mit dieser Auszeichnung verließ die erst Zwanzigjährige beglückt das Haus ihrer überaus geliebten Lehrerin. In Berlin eröffnete sie, vor jetzt 40 Jahren, nach der unvergleichlichen Methode der Marchesi eine Gesangschule. Jahrelang erlebte ich, wie Leute zu ihr kamen, sozusagen ohne einen Ton in der Kehle; und mir geschah jedesmal ein neues Wunder, wie dieselben Kehlen plötzlich sich entfalteten ... Uebrigens verfügt die Jubilarin über einen gewaltigen Sprachschatz. »Das gehört dazu«, meint sie bescheiden. Eine Bescherung für ihre Gäste, wenn durch den kleinen Musikraum »le Rossignol«, die Nachtigall – immer ist es heiter bei ihr wie im Mai – wieder zu schlagen beginnt. Wir sind dann alle in einem Walde und träumen.

Else Lasker-Schüler.

Wuppertal. [37]

Dem Wuppermenschen, der der Schornsteinballade entronnen zu sein glaubt, zeigt die Erinnerung immer wieder verzaubert die Heimat. Russwolken steigen, finstere Botschaften gespenstiger Drachen, auf zur Höhe. So oft spazierten meine Mutter und ich, Hand in Hand die Sadowastrasse steil bergauf bis in die laubige Feier; die Bäume rauschten dann so froh und grün. Bevor wir aber in den Wald traten, schauten wir uns das bergische Panorama an, es lag unter uns im Tal zu Füssen meiner von mir angebeteten Mama und glitzerte in Tausendlichtern im Geschmeide um den Hals des Morgens. Bunt malte der Sonnensmaragd die Schieferdächer der Häuser. Und die vielen Fabriken fabrizierten mit ihren unzähligen, fleissigen Händen: Knöpfe; wirkten Suttasch und Band.

Ich erinnere mich, da ich einmal als noch kleines Kind meine Mama fragte, ob die Schornsteine Zigarren rauchen? Schnee fiel auf das Jahr meiner Geburt – was mir nun zustatten kommt. Ich besuchte auf der Au die Töchterschule – täglich; wie man eine Reise macht – mit Schokolade und Klömkens in der Kleidertasche. Senkrecht rutschte ich im Winter bei Glatteis auf ein zweites Paar Strümpfe, aber – über die Stiefelchen gezogen, das Ende der Sadowastrasse mit dem Wind herunter. Als zwei Löcher kamen dann meine beiden wollengestrickten Beschützer an. Ich aber schlitterte unbekümmert weiter durch die eisglatten Gössen den nächsten Weg bis ans Schultor. Oft brachte mich und meine Freundin, mein weisshaariger, zwölfjähriger, lustiger Papa, fast bis ins Klassenzimmer mit einer Schatulle – »für das Fräulein Lehrerin«. Damit sie mich nicht zu viel frage im Rechnen.

Unterwegs jammerte er mit uns Schulkindern, dass wir in die langweilige Schule gehen müssen, alle Tage; und meiner teuren Mutter kostete es die grösste Mühe und Ueberredungskunst, mich für die Notwendigkeit der Lektionen zu überzeugen. Aber wenn die Schule aus war, und es wurde Lenz draussen, trippelte ich wie ein Hündlein, halbblind, halbtaub, am Rand des Baches, der zwischen einer Buschwand und der Breitestrasse rauschte, säumend dahin ... Liess das Quellwasser rieseln zusammen mit der kleinen roten Quelle meines Lebens. Gegenüber auf dem erhöhten Pfad spielten arme Kinder oder sammelten Waldbeeren in ihren geflochtenen Körbchen. Manchmal kam unsere kraushaarige Köchin, um schnell noch beim Kaufmann Gewürze und Lorbeerblätter zum Fisch zu holen, ausserdem ihren Bräutigam; der wartete in der Kneipe. Jeden Mittag sass er bei uns im grossen eingebauten Küchenschrank. »Nun kriech wacker in Ding kleng Esszimmer, Willem!« Lud sie ihn ein. Und zu meiner Mama sagte sie später, unheimlich gestikulierend mich betrachtend, »dat Elsken fliegt no eenmol in dat olle klenge Wasser rin«. Darum durfte ich mit der Schule niemals Ausflüge machen, dafür ging meine Mama mit mir und meinen schon fast erwachsenen Schwestern in die Konditorei.

Wenn der Sonntag kam, holte mich meine Freundin schon in Hahnenfrühe ab. Wir spazierten dann die Königstrasse und weiter die Herzogstrasse auf und ab, bis wir dem schönen Kunstreiter begegneten, der im Zirkus Renz unsere beiden runden Herzen in Brand gesetzt. Mein schelmischer Papa hatte das wieder sofort bemerkt und liess sich von uns Kindern dringlicher bitten, mit uns den Zirkus zu besuchen. Manchmal kaufte er uns Pfefferminzstangen, ein zartes Federsträusschen daran geheftet, dem schmachtenden Jockei in die Manege zu werfen. Wehe, wenn dann der »Aujust« die inbrünstige Gabe schnüffelnd auflas!

An Wochentagen aber nahm ich fürlieb, mit den Strassenjungen zu spielen, mich herumzuprügeln um die dicken Birnen, die auf unsere Gasse vom grossen Birnbaum, in »Schülers Gasse«, einfach aus dem Nachbargarten hineinplumpsten. Manchmal mussten – partout! – ein paar von den Jungens mit uns zu Mittag essen! Eigentlich beglückte es meine Mutter, wenn ich darum so stürmisch bat. Sie liess dann jedesmal zum Nachtisch Cremeschnittchen holen und nur mein Papa, der sicherlich sonst zu jammern angefangen hätte, bekam wie meine kleinen Gäste von dem Dessert zwei Stück.

Interessant empfand ich schon als Kind den Döppersberg; dort kamen die Reisenden an; und wenn man irgend wohin reisen wollte, ging’s zunächst zum Döppersberger Bahnhof. Schon damals bauten sie gegenüber das luxuriöse Hotel: Der Kaiserhof; ganz nach englischem Stil und komfortabler Eleganz. Aber in der Stadt selbst, doch nicht fern von dem grossen Bahnhofshotel, befindet sich das entzückende, ebenfalls moderne Hotel zur Post. Sein Frühstückszimmer ist direkt eine kleine, aber kostbare Bildergalerie jüngster Meister. Mit Herzbeben empfing ich den Gruss und das edle Kopfnicken der blauen Pferde meines herrlichen brüderlichen Freundes, des blauen Reiters: Franz Marc. Auch Gemälde, Kopien seiner Freunde, hängen neben französischen Meistern. Ich gehöre beileibe nicht zu den Galerieläufern, die ihr Kunstverständnis – mit diesen Nebensprüngen (excuse!) zu beweisen hoffen; doch hier zeugt die selten getroffene wertvolle Wahl der Maler vom kulturellen Wert des Besitzers. Er gab mir den Rat, die ganze Strecke – von Sonnborn nach Rittershausen und wieder zurück: die Schwebebahn zu benutzen. Die schwebte dann auch bald mit mir über die liebe Wupper des vermählten Wuppertals.

Die Schwebebahn schwebte noch nicht, wie ich in Elberfeld lebte, die bauten Von der Heydts erst, wie ich nicht mehr da war – nach dem Muster eines vorsintflutlichen Ichthyosaurus. So ruht der mächtige eisengeschmiedete Korpus, an dessen unteren Gliedern die Schwebebahn in Rollen und Seilen über die Wupperwelt gleitet, von Anbeginn bis zum Anbeginn der verehelichten Städte.

November [38]

Mit dem November lässt sich nicht spassen; es kommt ihm gar nicht darauf an, die halbe Welt zu zerreissen; zieht von Land zu Land, so ein richtiger Landwerksbursche, so ein kecker, verwegener!

Aber er zaubert in der Luft ... Meerstimmung. Die Wolkenwellen kommen und gehen; man läuft Gefahr, im überwältigenden Anblick, zu ertrinken. Ich sitz’ so gern auf dem Dach, meine Beine baumeln herab auf die Welt; sie gehen mich ja auch weiter nichts mehr an; Flügel ersetzen sie mir, und ich fühl’ mich eng verwandt mit allen Vögeln. Schäme mich der Wahlverwandtschaft nicht, zumal sie, über mich hinaus schwebend, in Glückseligkeit schwimmen; jeder Vetter und jede gefiederte Base nach der Methode ihrer schöpferalten Flugart.

Traumselig weht ein kleines Liebeslied mit Flügeln durch die silberhelle Wolke ... Hinter ihm ein frecher, beflügelter Schuljunge mit seiner ganzen Schar von Taugenichtsen. Nun pantschen sie krächzend durch das Wolkenwasser und bespritzen ihre Federkittel. Aber alle wollen sie in die Ferien, ins heitere, unbekümmerte Paradies. Einige Male kehren die meisten der Vögel, bei Lebzeiten schon, dorthin zurück. Und da möchte man kein Vogel sein!!

Mit dem herrlichsten Palast vertausche ich nicht meine Dachprärie! Von ihr aus starte ich bis in den siebenten Himmel ... geschweige bis in die Sterne. Es dämmert und es regnet etwas. Ich forme meine Hände zu einer Schale, den frischen, frommen Trunk aufzufangen; mir schmeckt Abendregen. Und es fällt mir gar nicht im Traum ein, diesen ganz besonderen Saft auf einen Regenschirm träufeln zu lassen, um meinen Hut oder mein Kleid nicht zu ruinieren. Das hiesse ja den Wein der Wolke einer Albernheit wegen verschmähen.

Ich lasse mich auf dem winzigen Grasfleck meiner Dachprärie nieder, träume mit besonderer Vorliebe von den kupferroten Menschenvögeln, die ich leider nur vom Hörenlesen so recht zu würdigen lernte und zu lieben in dem Buch eines Gentlemans, der zum Indianer erhoben wurde von seinem edlen einhundertachtundvierzigjährigen Freund: Shief Big White Hors Eagel – auf ihren gemeinschaftlichen Reisen durch Europa. Ich, die ich so gern in meiner Schulzeit Indianer spielte, fand endlich den blutechten letzten der Azteken.

Ich glaubte es nur – und träume weiter hinter den Zinnen unseres Hauses. Keines seiner Räume möchte ich vergleichen, trotz der weiten ausgestatteten Wände mit dem kahlen, dem November ausgesetzten Dachgipfel.

Im Sommer fielen mir vom goldenen Mutterbaum die ersten Sonnenstrahlen in den Schoss. Und selbst heute kommt manchmal eine Ueberraschung, ein gelbbraunes Kastanienblatt für mein Herbarium. Diese kostbaren Wunder von »Draussen«, wie könnten sie die Menschen erfreuen, wenn sie sich nicht fast alle dem Draussen, frisch vom Weltall gepflückt, verschlossen hielten. Ueber dem ganzen Himmel klingt es plötzlich: Nimm mich mit! Kiwitt, Kiwitt!! Ueberall lauter Kiwitts. Kleine, behende Vögel, flinke Auswanderer, eilig, dicht unter dem Himmel auf dem schwebenden Marsch.

Und doch fällt noch immer feiner Regen auf die Erde herab, und ich fühle mich schon sehr gestärkt unter der himmlischen Dusche. Ganz hoch oben bei den Vögeln scheint es trockner zu sein; unbeschwert ziehen sie ihren Weg dahin; kaum erkenne ich noch einen der Reisenden im Luftozean. Wer weiss von dem weiten Meer droben!

In gewisser Perspektive kann man es ja schon auf dem Dachgarten erleben. Auf den meisten übrigen Dächern speist der Mensch, tanzt der Mensch. Doch nicht unter der wahren Flamme der Liebe. Bunte papierene Lampions erfüllen die Aufgabe, den Mond und seine Sterne zu überschminken. Ach, es gibt so leicht keine Liebe mehr ... Jedesmal lässt darüber der Vollmond vor Erstaunen immer wieder eine eben erst abgepflückte Sternschnuppe vom Himmel fallen. Ich ertrage die abnehmende Liebe schon in überirdischer Duldsamkeit, in Demut und Geduld. Es gibt eben keine Liebe mehr!

Unter den Kupferhäutern, behaupten die Forscher, begleite die Liebe die Menschen unsterblich in die Jagdgründe. Die Liebe ist die Pflanze des Herzens und möchte ewig blühen ... Es ist plötzlich ganz finster geworden in der Welt. Schon muss ich die Mondampel anzünden und die Sternlichter. Als Verwalterin der Beleuchtungswerke des Himmelsgewölbes interessieren mich die Lichtewigkeitsausgaben und eventuellen Ersparnisse eigentlich noch dringlicher als die häuslichen! Und Kummer erregt in mir die täglich frühzeitiger eintretende Dunkelheit.

Da sucht irgend noch ein Vögelchen zum Uebernachten, müde, eine Wolkenwiege. Bleibt mitten im grossen Luftwasser hangen. Mit Beruhigung bemerke ich, ein Wolkenweibchen nimmt sich des Vogelbabys an. Doch im Westen erwacht, noch vom Hundsmonat her, ein schwefelspeiender Donnerkeil; er hebt sich schwer und schwankend und kracht durch die heranbrechende Nacht und jagt mich vom Dach herunter in meine Stube.

Ich schliess das Fenster zu; betrübt ist mein Gemüt ...

Die letzte Drossel singt der einzigen Beere noch ihr Liebeslied.

Die Rosenstöcke überwintern unterm Moose in der Grube.

Ich leide mit den Stämmen ob des grünen Raubes;

Es labt sich stürmisch der Novemberbube

Am gärenden Smaragd des späten Laubes.

Und steckt sich frische Fröste an den Hut.

Mit einem Pfiffe kühlt er meine Stube,

Jedwedes Nest mit seiner späten Brut.

Der Weihnachtsbaum [39]

Später kommen sie alle in den Keller oder man wirft sie kurz und bündig auf den Schutthaufen. Aber ich kannte auch jemanden, dem genügte es nicht, die erlesene Tanne zu schmücken mit einem Silberkleide, ihn zu behängen mit Aepfeln und Nüssen und Näschereien, um ihn mit seiner Weihnachtsbraut zu plündern; er sog auch noch sein Mark und sein grünes Blut aus dem Stamm und seinen Aesten; denn er warf ihn in die Wanne mit Stern und mit dem schimmernden Wachsengel in der Krone – zu baden in dem duftenden Extrakt der frommen Nadeln. Später holte der Müllkutscher den also geschändeten Baum der Bäume ab.

Aber ähnlich wie ihm, ergehts den Menschen selbst. Er ist der Menschen schimmerndes Symbol – aber auch ihr tragisches. Wer von ihnen einmal zum Weihnachtsbaum erhöht und geschmückt werde – darüber unterhalten sich schon in ihrer Windessprache die jungen Tannenkinder in der Waldschule. Zustatten kommt ihnen ihre Harmlosigkeit, die keinen spielverderberischen Gedanken zuläßt. Nicht jedes von uns Menschenkindern, selbst von uns Sonntagskindern, steht einmal angezündet auf dem blauen Tisch der Welt! Aber jede Mama mit Schokoladen und Marzipan und Spielzeug behangen, inmitten ihrer glücklichen, seligglühenden Kinderschar. Ihre Lichte brennen ewiglich, denn der Mutter Liebe brennt noch im Grabe und vom Himmel für ihr Kind. Jeder Mensch möchte so ein einziges Mal ganz im Lichte stehen .. Wenn auch nur – ein Zweiglein – brennt! Im Zauber des Lichts, mit glitzernden Wundern behangen, gehört freilich zum Ausnahmeglück. Nur die große Liebe kann diesen Wandel vollbringen. Die Liebe will immer Weihnachten feiern, will anzünden und angezündet werden, sich beleben, beschenken und behangen werden mit Sternen .... Wie doch vier Augen groß und weit werden und zwei Stimmen, die nicht mehr klingen konnten, plötzlich – läuten! Störe Liebende nicht, über sie leuchtet der Stern der Weihnacht – denn die Liebe ist ein Kind.

Und wie bald erlöschen die Lichte des auserlesenen Herzens; oder rücksichtslos ausgeblasenen; Einer dem Anderen. Die Liebe ist der holde Baum der Ewigkeit. Immer neigt er über uns seine strahlenden Zweige – uns Weihnacht in Gold und Silberschaum zu pflücken. Und auf seiner Schulter steht schwebend ein Engel in himmelblaujauchzender Seide! Und lauter recht einfältige, dumme, nutzlose – aber lächelnde Dinge aus Zucker hängen an seinen Aesten. Sein Ebenbild zu werden, habe ich nie verlernt, mir zu wünschen. Denn dunkel sein, heißt der Liebe enthoben, tot sein und sich lichten – heißt, auferstehen. Ich weiß es ganz genau, auch Ihr und er ....

Wir stehen längst geknickt wo angelehnt,

Am grauen Steine einer alten Mauer,

So ausgelöscht und haben uns gesehnt,

Nach einem einzigen Lichtchen in der Weltentrauer.

Wie nie auf einmal standen wir im Glanz ...

Und unsere feierlichen Aeste hingegeben,

Verklangen ineinander wie ein Tempeltanz.

Was soll ich weiter – und auch du – mit deinem Leben,

Lichtlosem Dasein, das hell über Nacht – und – umgebracht –

Mit deinem funkelte noch eben.

[Zuschrift an die »Jüdische Presszentrale Zürich«] [40]

Ich liebe sehr das Meer, aber niemals wirkte es so auf mich, wie in Tel-Aviv.

* * *

Was hat man alles in diesem Wüstenlande geleistet! Alle diese Jungen und »Alten«, die wir Chaluzim nennen, haben ein Land aufgebaut, eine Heimat errichtet, dem Volke das Leben wiedergegeben! Und was uns am meisten Ehrfurcht einflösst, ist die menschlich-tragische Tatsache, dass alle diejenigen, die das Land aufbauen, die Früchte ihrer Arbeit nie völlig geniessen werden. Aber nun sah ich sie in ihrer Wiedergeburt, ich sah ihre Kinder und hörte deren Geplauder, da verstand ich die Gerechtigkeit des Schicksals und die Ganzheit der Geschichte, die andere Wege geht als der einzelne.

Die weiße Georgine [41]

Manchmal finde ich eine noch unaufgeblühte Blume am Fuß eines Hauses auf dem Trottoir oder auf dem Marktplatz liegen, meist zusammengekehrt mit Abfällen von Gemüsen und wurmstichigem Obst. Es ist etwas so recht Trauriges, eine geknickte Rose oder eine glühende Nelke oder von seinem Stengel gelockerten, noch gesunden, gelben Löwenzahn zwischen faulgewordenen Nahrungsmitteln zu finden. – Und – erst ein flehendes Vergißmeinnicht! Ich hebe heimlich die arme verlorene Blume auf und trage sie in mein Zimmer. Manchmal bemerkt es ein Mensch und dann trifft mich regelmäßig – der selbe und erstaunte und fragende Blick und das überlegende, wohlwollende Lächeln eines Auges, das gutmütig darüber zu schweigen verbürgt. Ich aber bin beglückt die liebe Blume in meiner Hand zu tragen – wie man sich auch eines verirrten Kindleins erbarmt oder einen Vogel aufhebt und ihn zurücklegt in sein Nest. Ich liebte die weiße Georgine, die ich fand, verschmachtet am Rinnstein der Gasse. In meiner Hand bräunlicher Schale trug ich sie heim – und oft lächelten wir uns an – ich und die Georgine. Wärme wehte um mein sehr entlaubtes Herz, in der Zeit sich die kleine Blume erholte. Ach – ich fühlte mich ja so vereinsamt unter den vielen Spaziergängern und wünschte so manchmal zwischen Sonnenstrahl und Sonnenstrahl .... wenn doch nur eine Dolde wieder am Zweig meines Lebens aufgolden möchte! Mit besonderer Obhut badete ich, in meinem Zimmer angelangt, die weiße Georgine. Prüfte den Grad des Wassers gewissenhaft mit den feinnervigen Fingerspitzen; mir war die schon arg mitgenommene Blume anvertrautes Gut. Ich stellte sie in mein weites Wasserglas und das Wasserglas über mein Waschbecken zu den Dingen, die ich benötige am Morgen, mich für den Tag zu erfrischen und zu stärken. Mein großer Schwamm neben der Seife im Hochparterre, zwischen Bassin und Glasscheibe, glotzte mit seinen vielen Augenlöchern heimlich und heilig empor zu meiner Findelblume weißer Glorie. Ich beobachtete es mit Genugtuung; ebenso den, wenn auch etwas steifen Knicks meiner kleinen Zahnbürste. Mein Kamm jedoch hatte sich auf den ersten Blick in meine weiße Georgine verliebt. Ich weiß noch von dem Gespräch zu erzählen, das zwischen der netten Verkäuferin und mir, sich an den mir erstandenen Saphir knüpfend, entspann. Ich anvertraute dem jungen Fräulein, daß für mich der kleinste Laden einer Stadt oder eines Dorfes – ein Spielladen bedeute, dessen Ware, und handle es sich auch um Scheuertücher und Besen, Staubwedeln – sich in Spielsachen verwandelten in meinen Augen. Und mich darum jedes Schaufenster zum Verweilen zwingt. Ich sehr oft sogar Mühe habe, mich weiter zu bringen von dieser oder jener Ladenweide. »Müssen Sie noch glücklich sein können, liebe Dame«! So meinte das Fräulein, und wir kamen überein, daß Menschen mit erwachsenen Augen sich doch schrecklich langweiligen. – Ich habe es sehr, sehr begrüßt, da sich meine weiße Georgine für meinen blauen Kamm ebenfalls innig zu interessieren schien. Und selbst empfand ich ja eine so große Freude, wenn ich ihn durch meine dunklen Haare gleiten ließ. Nur die Seife schäumte heftiger! Das viele Geflüster machte sie nervös. Ich aber lauschte gespannt über den Alltag aller reinigenden Dinge gelehnt, den Worten des blauen Kamms und seiner Georgine. Sagte ich es einmal – oder sagte es ein anderer? Alle Dinge, mit denen man sich liebend umgibt, beginnen zu leben. Und wie erst – mag Gott seine Welt und alle Geschöpfe geliebt haben. – In den runden Mond guckte ich eine Weile und war keineswegs, wie die beiden Verliebten annahmen, ins Cinema spaziert, um so bald nicht wieder heimzukommen. Aber ich glaubte wirklich auf dem Mond zu sein – – da ich meinen Kopf zurückbog und in meinen Raum schaute die Georgine aus dem Wasserglase gestiegen ..... oder gerade im Begriff, es zu verlassen. Nur die Taube, die am Abend sich ihr Brotgoulasch noch spät von meinem Fensterbrett holt, ist mein geflügelter Zeuge. Aber einem Vogel glaubt ja kein Mensch. Darum beteure ich, es war die süßeste Stimme, an die sich je mein Ohr erinnerte, als meine Georgine zu sprechen begann. »So blau wie du bist« – sagte sie zu meinem Kamm, »denke ich mir das Paradies.« ... Darauf wagte der blaue Kamm in aller Bescheidenheit zu entgegnen: »Und so weiß wie du bist, liebe Georgine, wünschte ich mir immer eine Hand, die mich durch die seidige Flut lieblicher Staubfäden gondeln ließ.« »Meine Mutter kam im Paradies zur Welt, erzählte Georgine dem Kamm. Ganz nah am Meerbusen, am Meerbusen« ..... Wiederholte poetisch meine schwärmerische Blume. Mitten auf dem Rasen in Eden hatte der Gärtner meine Mama gesäet. Mein Kamm zeigte seine tiefblauen Zähne, bevor er wagte seine Scheheresade zu unterbrechen: »Ich bin nur ein Kamm, wenn auch ein blauer – und es kommt mir gewiß nicht zu, eine Georgine, dazu noch eine weißduftende, in ihrer Erzählung zu unterbrechen, aber wissen möchte ich doch, zumal ich in deinen Worten keinen Zweifel hege, welche Magie dich aus dem überirdischen Lande deiner hochverehrten Frau Mutter hier in das irdische Leben verpflanzte?« Ich habe meinem Kamm trotz seiner Bläue diese vollendete Sprache und Geste nicht zugetraut. »Lieber Kamm«, lächelte schwermütig die geschmeichelte Georgine, »frage nur immerhin, aber blicke mal schnell empor in die Wolken! Gerade fallen ein paar Sterne auf die Erde! Und wie denen, – erging’s meiner schönen Mama.

Und stände ich im Paradies

Und könnte dichten –

Ich reimte heute ein Gedicht wie dies.«

»O«! Rief der blaue Kamm begeistert und weiter sagte er nichts. Und da die weiße Georgine nicht ganz zufrieden mit der kurzen Aeußerung ihres verliebten Nachbars zu sein schien, fragte sie der Kamm, welche unter den Blumen wert, ihre liebste Freundin zu sein? Da erinnerte sich Georgine an ihre liebste Vertraute, an die Fingerhutblüte. »Die Elfen setzen sie auf ihren zarten Finger, wenn sie sich aus Spinngeweben und Pusteblumenhaar ein Kleid nähen.« »Wie schön du zu erzählen weißt«, komplimentierte ohne aufzuhören der Kamm und er sah im Geist die weiße Georgine – ein weißes Silberstäubchen aufsteigen. »O!« Rief zum zweiten Mal der blaue Kamm. Und meine Georgine begab sich, wieder scheints etwas ermüdet, doch huldvoll und huldigend in ihr Wasserglas, in ihren kleinen gläsernen Wohnraum. Und beide kamen überein, der Kamm und seine Georgine, Sterne zu werden – und solche, genau solche, die man durch das geöffnete Fenster am Himmelszelt glitzern sehen konnte. »Es muß schön sein«, meinte Georgine, »ein Lebenlang zu glitzern« ..... »Und nie würden wir vom Himmel fallen, ich noch du, meine weiße Milchstraße .... Die Menschen mögen sich gefälligst auch ohne unser Zutun etwas wünschen.«

Vögel [42]

Gerade die unscheinbarsten liebe ich, die nicht entrinnen können dem Schneemann, dem es selbst manchmal ungemütlich wird unter den Eiszapfen, die rücksichtslos von den kahlen Aesten herab zu tröpfeln beginnen auf seinen empfindlichen Kopf. Ich habe die einfachen Vögel in mein Herz geschlossen. Schon als Kind streute ich ihnen von meinem Brot auf den Wegen unseres Gartens. Ich besitze darum auch das volle Vertrauen der lieben, verängstigten Tiere und es kommt nicht selten vor, es legt mir so ein graubraun’ Spätzchen, bevor es zu frühstücken beginnt, ein schmuckes, winziges Herbstblatt oder eine letzte Koralle auf mein Fensterbrett. Denn schräg gegenüber steht ein wundervoller Ebereschenbaum. Ach ... denke ich oft, besäße ich doch ein Fleckchen Erdreich – ich pflanzte mir darauf einen ganzen Wald von lauter Ebereschen. Sie tragen wie die Meerjungfrauen Korallen im grünen Haar. Manchmal nascht eine der jugendlichen Schwarzdrosseln schon im Vorsommer hinter dem Rücken der Eltern einen Tropfen rosigen Likörs aus der kaum aufgeblühten Korallenblume. Nur eine einzige Schwarzdrossel zwischen den glühenden Dolden auf dem Zweig, zwischen den roten Beeren sitzen zu sehen, gehört zum Ausnahmeglück des Novembers. Den kleinen Kelch mit dem delikaten Tropfen im Schnabel, fühlt sich der schwelgende Vogel und Zecher in seinem Element. Er schlürft den leckeren Brunnen der Beere bis zur Neige aus; zwar manchmal etwas zu durstig, als fehle ihm die Kinderstube, aber immerhin doch mit angeborener Grazie. Daß überhaupt jede Frucht einen Brunnen repräsentiert – diese Weisheit danke ich inbrünstig den Vögeln. Man kann in vieler Beziehung mannigfaltig von ihnen lernen. Namentlich von denen, die hier überwintern; praktisch sind sie geworden und bedeutend umsichtiger, als die, die diese Welt Welt sein lassen, um sich vorübergehend in eine ewigsommerliche zu placieren. Schon im Orientflug nach Afrika wächst der Reisegesellschaft das Mannah in den Schnabel. Nicht ganz ohne Erbitterung bekritteln in Zwitschertönen – in aller Herrgottsfrühe – die zurückgelassenen Vögel ihre von der Welt bevorzugten Brüder und beflügelten Schwestern, die ausgerückte Verwandtschaft. Denn die Nester, schon im Frühjahr gebaut, haben Schaden erlitten, Feuchtigkeit dringt durch die Böden und die Halme beginnen sich zu spalten. »Friert ihr auch nicht, meine Piepmätze?« fragt die Vogelmama ihr Zwillingspaar, das nicht rechtzeitig fliegen lernen wollte, hilflos nach Würmern bettelt. Sie hat sie beide vom ersten Tag an etwas zu verwöhnt – ratlos nun, wo die zarten Braten hernehmen? Die Erde ist wie der See und der Fluß zugefroren, die Kirschbäume ganz verschneit; kein süßer Kern weit und breit. »Da soll man nun den Schnabel halten!« Außerdem die drohenden, herannahenden Schwarzwolken im Westen. Hoffnungslos trauert der Vogel dem Sommer nach im Kreise seiner Familie im Schnee. Nur der Spatz, der kecke, gewachsen den eisheiligen Monaten, abgehärtet und gewissermaßen Asket, überhüpft die kältesten Grade des Thermometers, wie dieser gleichgültig, aber auf höheren Befehl von der Temperatur selbst verschont, pflichtgetreu die wechselnden Witterungen zu buchen sich bemüht. Er hat Quecksilber im Leibe. Ihn ärgert es ja heute nicht mehr sehr, aber es empörte ihn damals sogar, kaum gehobelt von des Meisters Hand, daß die ganze Menschheit auf ihn blickte. Als ob es nicht noch ganz andere Wettererstatter gäbe als er: Der Frosch! Heute – aufgehängt vor meinem Fenster, lassen ihn die Gewohnheiten der Menschen und ihre Interessen ziemlich kalt. Eine Kohlmeise fragt ihn schüchtern, ob ihm der Winter nichts ausmache? »I wo«, meint der Thermometer, »ich bin eben aus Holz und Holz ist Holz. Die künstliche Glasader, die meinen Körper spaltet, zwischen Reaumur und Celsius, schert mich wenig.« Nach einer Weile hörte ich, wie er zur kleinen Kohlmeise sagte: »Klimpere mal mit deinem Schnäbelchen ein bißchen an meiner Ladenscheibe.« Und dann verwünschte er die – »bräche sie doch, wolle der Frost in Splitter!« Er langweilt mich, dachte die anmutige Kohlmeise, noch obendrein von dem hölzernen Patron gar mit einer hämmernden Spechtin verwechselt zu werden, die an jedem Baumstamm neugierig anzupochen pflegt und die Früchte, kaum eingeschlummert, jeden Abend aufweckt. Und aus ihren einsamen, schwärmerischen Zwitschertönen entnahm ich den begabten, unter den Mitvögeln preisgekrönten Vers:

Wär doch der Winter bald vorüber ...

Ich mag den Sommer viel, viel lieber.

Der Spatz hackte in seinen Krumen unmanierlich herum, daß das Mehl die Fensterscheibe umnebelte und es empörte ebenso wie mich, auch meine Vogelfreunde, die Krähe vor allem, aber auch nicht minder den Star, die feinfühlenden Töchter der Drossel. Zuguterletzt die von der Kohlmeise gering geschätzte Vogelfamilie Specht. Zum erstenmal sah ich den lebhaften Vogel ganz in der Nähe von Angesicht zu Angesicht. Ich hätte den Vergleich mit dem entzückenden Tiere ausgehalten und es, nicht wie die Kohlmeise – allerdings in Schangschang gekleidet – dem Thermometer verübelt. Auch zwei Turteltauben nahten, aus ihrem Taubenschlag entflogen. Ihre roten Guckaugen hatten sie sich wahrscheinlich im Herbst vom Ebereschenbaum gepflückt. »Mit welcher Selbstverständlichkeit der kleinste unter ihnen, der Frechdachs von Spatz, sich über die delikaten Auslagen auf meinem Fensterbrett her macht«, ertönte eine Stimme. Er beleidigte meine gesamten Gäste. Nicht eine Korinthe im Weizen gönnte er den von mir ebenfalls Geladenen. Ich aber mußte doch heimlich über Spätzlein lachen, nicht ohne der rügenden Schar bescheidene Zurückhaltung und Tournüre zu bewundern. Die kommen nur noch ab und zu, oder auf meinen dringenden einladenden Pfiff angeflogen, denn sie legen keinen Wert darauf, an jedem neu von ihrem lieben Gott geschaffenen Morgen dem unwürdigen, federspritzenden Krumenkampf ausgesetzt zu sein. Dem Spatz ist diese Ueberspanntheit zu hoch! Kugelrund ist er geworden. Wohlerzogen verzichten seine Vettern und vornehmen Basen auf das von mir servierte Frühstück. Unkundige Beobachter legen den geduldigen, artigen Vogelarten die unedle Eigenschaft, die sich Feigheit nennt, zur Last. Nimmermehr fürchtet der noch dazu weit größer gestaltete Vogel sich vor dem Liliput, wenn’s auch von Beruf ein richtiger Straßenräuber ist. Im Gegenteil, sie erkennen in ihrem Gerechtigkeitssinn des Spatzes Unerschrockenheit sogar mit einiger Besorgnis an; wagt er sich bis auf die Tramschienen, den Hafer aus einem zerquetschten, goldenen Kloß zu picken. Adeligen Gemüts tritt die ernste, geheimnisvolle Drossel im schwarzen Einsegnungsfederkleid aus dem Gebüsch hervor. Sie fand ihr Lieblingsgericht und verspeist das Insekt, immer wieder dankend emporblickend. Nie vergißt sie ihr Gebet. Auch weicht sie von ihrer Scholle nicht; alteingesessenes Vogelgeschlecht. Die nach dem Süden ziehen, verzichten. Nehmen sich aber der Adoption, gleich welcher Waisenvögelarten, an. So sah ich mal in einem Neste zwischen junger Krähenbrut eine Amsel ihr Köpfchen recken. Ich habe gerne in die Nester geschaut. Auch besaß ich selbst einen wunderbar schönen Vogel. Der Händler nannte ihn: Den Unvergleichlichen. Mit den Farben des Regenbogens schien er bemalt, bevor er in die Wolken der Welt gesandt. Ich hielt ihn in seinem Käfig wie auf dem Samt eines Etuis. Und stellte ihn gerne in die liebreiche Obhut der Goldmutter mitten in ihrem Schutz. Meiner Allzuvertrauensseligkeit aber fiel mein unvergleichlicher fürstlicher Vogel zum Opfer. Tot fand ich ihn am Abend, verbrannt auf dem Boden hinter den Gittern liegen; der Strahl des Köchers stak ihm noch im Herzen. Da weinte ich sehr ... Nimmermehr werde ich einen Vogel gefangen nehmen, auch nicht weiter gefangen halten. Nie ihn von seiner umsichtigen, allwissenden Natur brechen und – verzeih mirs Gott unser guter Schöpfer – ihn in einen Käfig sperren. Auch weiß ein Vogel immer am besten, was ihm bekommt oder nicht.

Der achtzigjährige Maler Simson Goldberg. [43]

Heute wird er achtzig Jahre alt. Er trägt noch immer mit Vorliebe beim Malen seinen weiß und blau gestreiften frackähnlichen Gehrock, der stets wieder in der Reinigungsanstalt von Farbflecken gesäubert werden muß. Schon in Paris warf er sich allabendlich in feierliche Gala, bevor er sich zu den Abendkursen, zum Aktzeichnen ins Meisteratelier begab. Der menschliche Körper bedeutete für ihn, schien er feenhaft, glitzernder noch wie Sonne, war er morsch und faltig oder verwittert: Ein Tempel. – Sein Vater war ein frommer Mann, seine Mutter war ihm das Vorbild aller Frauen der Welt, aber auch weiser als jeder männliche Einwohner des Dorfes, eine Medizinfrau, die Wunder verrichtete an schon längst aufgegebenen Kranken. In den Nächten sammelte sie am Hang des Waldes – im Vollmond – heilkräftige Wurzeln und Kräuter; manchmal durfte sie der kleine Simson begleiten; gelangen ihm, ein Knäblein noch, die verschiedenen sanften Lockbildchen auf den niedlichen Pappschachteln, die seine kluge Mutter mit allerlei Tees füllte, die Kamillen und Taubnesseln und Brombeeren besonders. Kehrte die Mutter mit ihm heim, mußten im Stall ihre Schäfchen ’ran! Das heißt die Wirkung der noch zuerst fragwürdigen Pflanzen ausprobieren. Wenn die guten Tiere verdächtig laut und anhaltend blöckten, band die mitleidige Mutter ihnen ein warmes Tuch um den Leib, denn sie hatten beide Leibweh bekommen und seine Mutter – Kopfzerbrechen. Sie saß dann, erzählte mir der Maler, die Hände im Schoß gefaltet, und dachte darüber nach, wie man diese saftigen Beeren oder verheißenden Blätter wohl entgiften könnte? Ich hörte ihm so gerne zu, wenn er von seinem Elternhaus plauderte, aber auch seine Lehrjahre interessierten mich ungemein. In Paris versäumte er keine Stunde in den Elementarklassen der Akademie. Die Malerkollegen nannten ihn: Monsieur Golbèrt, und den Namen behielt er bei und er saß und stand ihm auch vorzüglich, nahte er in seinem feierlichen hellen Frack und weißer Krawatte, mich abzuholen in den Zoo zur Tier-, aber auch zur exotischen Völkerschau. Eigentlich war Monsieur Golbert mein Gouverneur, eigens für mich auf der Welt, engagiert von seinem Freund, meinem vielbeschäftigten Mann. Schon in der Frühe warteten auf ihn die Patienten. Neben seinem Sprechzimmer standen wir beide vor unseren großen Staffeleien und ich namentlich mußte ochsen. Immer wieder dieselbe Nase, immer wieder denselben Mund und die langen, manchmal abstehenden Ohren »noch einmal zeichnen!« Das Modell empfand schon Mitleid mit mir, es kam ihm ein leises Rühren an. Dann warnte Monsieur Golbert – ohne sich weiter zu erregen – die modellsitzende Frau oder den greisen Mann im Schneebarte, sich nicht in seine Methoden einzumischen. Aber des öftern endete die Malstunde zwischen uns beiden mit einer Katastrophe. Dann öffnete sich die Wartezimmertür des Arztes ob der Störung, und wir stoben auseinander. Ich sei ein ebenso reißender, wie aufreizender Mensch und noch undankbar obendrein! Einmal brachte er zur Stunde einen müden Weltwanderer mit. Er habe ihn aufgefischt am Rand der Spree und beinahe wäre er ertrunken. Wir bewirteten ihn zunächst und begannen ihn dann zu porträtieren. Es kamen oft Zuschauer zur Malstunde, von Simson Goldberg zu lernen.

Prof. Liebermann hielt ihn für den besten Techniker der Zeichenkunst in Berlin. Ich weiß noch wie heute, als Monsieur Golbèrt meine eben vollendete Studie mit Haut und Haaren und dem Zeichenbrett einfach unter den Arm nahm und mit meinen Produktionen zu Liebermann eilte. Oft war er zu Gast bei seinem hochverehrten Maler und Menschen, und erntete immer großes Lob. Dann kam er andächtig wie ein riesig aufgeschossener Konfirmand zur Zeichenstunde in unser Haus. Wenn ich dann neckend und stürmisch fragte, was sein Liebermann alles gesagt habe, pflegte Monsieur Golbèrt mit einer Handbewegung zu antworten, die ungefähr in Worten übersetzt heißt: »Erst Ruhe ...« Er nahm sich in der Tat heraus, mich zu erziehen; es war ganz selbstverständlich für ihn, ja das gehörte zum Fach der Malerei, zum Zeichenstudium. Aber er machte auch manchen tollen Streich gemeinsam mit mir, wenn es galt, den Spießer zu ärgern. Dann waren wir Spielgefährten, verschworene Indianer und überlegten im Kraal. Schließlich lebten der mir angetraute hoch bedeutende Arzt und alle anderen Menschen unserer Umgebung, nur als unsere Statisten, als Hintergründe und Ausgangspunkte unserer abenteuerlichen Einfälle. Vor der Lektion berieten wir schon, wo wir den Nachmittag verbringen wollten. Wir wanderten über Wiesen; ach, ich wäre so gerne durch die Bäche »barfuß« geplätschert, aber das erlaubte der sehr gesittete Herr Gouverneur keineswegs. Ja, das sei für eine Frau Doktorin geradezu »unanständig«. Und so opferte ich gehorchend die größte Sommerfreude seiner strengen Etikette. Dafür verstand er, großes Interesse für alle herrlichen Bäume, denen wir begegneten, für die bescheidensten Butterblümchen in mir zu erwecken. Er verstand im Nu die Rüben aus dem Acker schießen zu lassen vor unseren Augen. Merkte ich aber eine Hexerei, dann verboxte ich ihn mitleidslos, ob wir allein oder ob Ausflügler um uns standen. Jede Kastanie, ja jede Haselnuß am Strauch war für ihn ein Ereignis, daran ich mich mit erfreuen sollte. Einmal aber waren wir uns sehr böse – »für ewig«! Die Stunden fielen aus, die lustigen Spaziergänge und kein Streich hing mehr reif zum Abpflücken an unseren entlaubten, freudlosen Herzen. Jeden Morgen fragte mich mein Mann: »Soll ich ihn holen?« Jeden Nachmittag telephonierte Monsieur Golbèrt zur Sprechstundenzeit, er habe eine interessante Patientin für seinen Freund, eine Milliardärin mit Krampfadern an beiden Beinen. Mein Mann war nämlich Haut- und Beinarzt. Drei Monate dauerte der unerträgliche Zustand des Böseseins; bis wir, siehe da, beide schon melancholisch geworden, uns trafen vor der Untergrundbahn, er im Begriff, auszusteigen, ich gerade dabei, in sein von ihm verlassenes Coupé zu treten. Ich glaube, wir begrüßten einander zunächst, an seiner Mutter Versuchsschafe uns erinnernd, mit »Schaf« .... Dann begleitete Monsieur Golbèrt mich heim, trockenen Gesprächs, aber unsere Herzen hüpften vor Freude geradezu! Es kam der denkwürdige Tag, der Tag, an dem Simson Goldberg seine Professur – erlitt. »Erlitt!!« Er konnte sich vor Gratulanten nicht retten. Er sei schließlich auf das Dach seines Hauses geklettert und mit Hilfe des Schornsteinfegers, der gerade den Schornstein fegte, durch den Ofen bis zur Parterrewohnung einer Frau Kommerzienrat »getaucht«. Auf dem Grund ihres Meeresteppichs habe er, ein Fisch zwischen gewobenen Korallenbüschen und grünen Muscheln und Austern und unzähligen Perlen, geschwommen ... Sein Frack, vom Ruß bestaubt, wanderte wieder zur Wäsche, auch seine Knöpfe waren ramponiert. Im Salon Paul Cassirer hingen des neugebackenen Professors Bilder. Schon am Abend heftete der Aufseher ein kleines Plakat mit dem »süßen« Worte: »Ausverkauft« an die schönste seiner Landschaften. Der von der Presse geehrte Künstler gab eine Festfeier, und wir rechneten es ihm hoch an, daß er den Briefträger, seinen Zeitungsjungen und das Bollemädchen nicht vergaß, einzuladen, die ihm, nach Vorschrift der schon lange friedlich ruhenden Mutter, jeden Morgen die Pulle Milch vor seine Tür stellte. Aber neben dem Professor saß die Nymphe Agnes. Er hat sie auf einer Bank im Friedrichshain weinend gesehen, sich neben sie gesetzt, sie getröstet und sie mit in die Zeichenstunde gebracht. Atemlos wartete er auf neue Tränen – denn unsere Aufgabe hieß: Die weinende Nymphe. Sie war wunderschön und wurde seine Frau und schenkte ihm Zwillinge: den Manfred und den wundervollen Sänger Hermann. Nun wird der liebe Professor achtzig Jahre und zu gleicher Zeit achtzehn Lenze alt, ewigjung, streichlustig, gerade angefangen – die Akademie zu besuchen. Ein Leben liegt vor ihm!

* * *

Für die Gratulanten:

Herrn Kunstmaler Simson Goldberg, Salmenstr. 7,

Birsfelden bei Basel.

Die Seele und ihr Licht [44]

Eine Psalmodie

Wenn man durch einen Ast oder durch einen Blumenstengel einen Docht ziehen könnte, wäre der Mensch imstande, ihn nach Belieben anzuzünden und wieder auszublasen. Und erst, wenn man einen Docht durch einen Tierkörper, gar durch einen Menschenkörper wie durch eine Kerze leiten und leuchten lassen könnte, methodisch, bis er dahin schmölze, tropfenweise, leise in Wohlgefallen. Allerdings – eine besessene Idee! Sollte etwa schon nach des Schöpfers Plan weise und nicht auf Kosten des Leibes durch jeden Stamm, durch jedes Blatt ein unsichtbarer Docht der Leuchte gereiht sein? Die ewige Ader erleuchtender Liebe, die Mutter und Kind verbindet? Volk und Volk, Land und Land, die frischen Meere, die Erde mit dem Himmel. Gott will, dass Seine Schöpfung im Lichte kreist! Er verbot die dunkle Frucht. Immer wieder strebt der göttliche Wunsch dem Licht entgegen. Gott schenkte seinem ersten Menschenpaar eine durchlichtete, liebende Welt: Das Paradies.

Das ewige Feuer der Liebe, das Mutter und Kind schon vor der Geburt des Kindes verbindet, ja noch nach dem Erdenleben, ist der Docht des liebenden Lichtes, den jede Mutter – unbewusst durch den zarten Leib ihres noch im tiefsten Körperraum wachsenden Kindes befestigt – und eins mit ihm wird. Liebe geknüpft an Liebe ergibt: Licht.

Liebende – wissen! Liebende sind erleuchtet und nimmermehr blind. Die Liebe ist nicht blind, wie es sprichwörtlich heisst. Die Liebe ist gütig, die Liebe ist eine Mutter. Der Liebende erleuchtet, scheint klärend durch des Zweiten Dasein und der Finsternis der Welt. Das Licht der Liebe soll sich entfalten, zur Flamme werden, die Seele des Menschen in seiner Hülle anzünden. Unangezündete Seele – dem starren Aste gleich, der nicht blüht, Totes zwischen jubelnden Zweigen. Die ganze Natur drängt sich allsommerlich durch einen Smaragd zu schauen, ihre Seele duften zu lassen, sich duftend zu verklären.

Und nichts geht dem Naturinnern so – contre coeur, als die von Menschenhand planmässigen angelegten Parkanlagen frisierter Wiesen und wohlerzogener Bäume zwischen hochmütigen kühlen Göttinnen und scherzenden Marmoramoretten. Es sind die steifen, grün tapezierten Empfangssäle avancierter holder Gärten und ihrer Brüder noch urwüchsiger, unberührter Erstnatur. Wild rauscht ihr wuchtiges Verlangen nach der Flamme; der dröhnende Donner legt um die Rinde seine glühende Zackenhand. Nur noch wenige Menschen erinnern sich an das Paradies, an unsere durchlichtete Welt; durch jeden Tautropfen grünte die Erleuchtung. Nun verweilen wir im dunkel gewordenen Eden, die meisten der Menschen in den Kellern ihrer Herzen. Und vielen unter ihnen geht nie ein Funke auf, auch nur die blasseste Liebe zu Gott und ihren Nebenmenschen. Und nicht beschämt sie die Morgenröte, die ihren Glanz aus der Himmelskuppel verschwenderisch über die Erde breitet. Diesen Menschen entspringt von Geschlecht zu Geschlecht der armselige Mensch der Unwelt, der beiträgt, neues Aufglimmen paradiesischen Zustands, zu verhindern.

Ich träumte und sah viele Menschen auf einem Erdenfleck, auch treue Tiere und andächtige Bäume und einen kleinen durchsichtigen Kiesel herabrollen vom Fels, und sich mit Mensch und Tier und Baum vereinen, und nach Gott ausschauen. Aber die unsichtbare Schnur, der leuchtende Docht, der uns mit dem Herrn der Welt verbindet, frei im Weltenraum, beginnt sich zu lockern, aber auch die unzeitliche Bandschnur, die die Völker und ihre Menschen vereinte, von Gott geknotet. Der Sehnsucht innige Verschmelzung erfüllt sich nur noch trübe im fahlen Lichtverfall. Und stark und stand hielt nur der durchleuchtende Lichtparagraph, das Gesetz der Seele; ihm zu gehorchen, heisst: Weltordnung.

Liebreiche Weltordnung lässt keine Not ein.

In unserer Finsternis gelüstet es den Menschen, den Nebenmenschen zu ergreifen, nicht etwa zu schirmen oder zu umarmen. Totschlag und Todesschwärmerei werden Leib und Seele, kaum jemand, der den Funken seines Lebens noch vor Verdunkelung retten möchte. Er stolpert über Mensch und Tier und Blume, rücksichtslos und verständnislos über das Herz der Welt. Ueber Mutter und Kindesliebe, über den Frieden der Völker und ihrer Lande; erstickt im Keim schon und entweiht spriessendes Licht. Drohende Arme sind keine Leuchter auf dem Altar, das liebende Licht der Seele zu halten. Wo sich das nicht erhebt, erkaltet der Erdfleck. Vergebens suche ich nach einem einzigen erhaltenen Paradiesbeet. Ja die Welt geht unter; kein Messias kommt, das Weltenantlitz wieder zu erleuchten, die Welt in uns, uns in der Welt. Mit der Herrlichkeit Seines ersten Menschen süsste der Gestalter das Mannah der Schöpfung. Aus Paradies bestand das Wesen des ersten Menschen. Aus dem gefälschten züngelt die Dämonie. Des gottreinen Menschen Kinder und Kindeskinder möchten sich auch heute noch sammeln in allen Landen.

Wir blicken all zu einem Himmel auf ...

missgönnen uns das Land?

Vor der Flamme, der Blume des Lichts habe ich mich immer gebeugt; vor der erwachten Seele, vor dem weitaufgetanenen Auge der Liebe. Ob es leuchtet zwischen Mutter und Kind, zwischen Geschwistern, oder zwischen Spielgefährten indianisch wetterleuchtete! Böses Wachen und böser Schlaf frisst an der Seele; bleibt sie blütenlos, ist tot ihr Mensch. Und gleich dem starren leblosen Kerzenleuchter auf meinem Tisch, bevor ich seine Kerze, seine Seele anzünde. Undurchleuchtet sind wir Menschen tot; das Licht bewegt uns – und wir schädigen uns, indem wir unsern kostbarsten Schatz vernachlässigen, unsere Seele! Nimmermehr bedeutet das Licht Gott Selbst, Seine raumlose zeitlose ewige Seelengestalt, die aus der Nische Eigengedunkel hervortrat und »Sich entdunkelte«, bevor Sie das Weltparadies erschuf. Also vollzog der Allmächtige an Sich: Urchemie. Man verwechsle nicht die strahlende Glorie in Ihm mit des Ewigen Selbst. Sein erleuchteter Odem ist in keine Formel zu fassen. Aber nach dem stärkenden Ewigkeitstrunk dürstet immer von Neuem den erleuchteten Menschen. Mit diesem weisen weissen Weine zog der Schöpfer die Erde gross. Es gipfelten die Felsen, es erwachte das Geschmeide glitzernd im Gestein. Der Amethist, der Hyazinth, der rätselhafte Smaragd, aber es lichtete sich auch jedes Weizenkorn auf dem Feld; und der Herr küsste die Kornblume! Und über die Wasser sandte Er eine Taube – Seiner Seele schimmerndes Licht. Aber auch seines flammenden Odems gewaltige Adlerschwinge treibt die Welle hoch zum Mondschein.

Wir wollen uns versöhnen die Nacht

wenn wir uns herzen sterben wir nicht ..

Das Licht ist auserkoren im Kelch der Seele sich ganz in Liebe zu entfalten.

Nach dem Erdenleben sind nicht alle Menschen tot, Ableben bedeutet nicht immer Gestorbensein. Aber unzählige Menschen sind schon tot im Leben, es sind diejenigen, die sich in ihrer Dunkelheit verirrten, Sünder nennt der Mensch sie, die noch nachträglich Mitschuldigen an der Verdunkelung der Welt, am Verlust des Paradieses. Erleuchtete Menschen schreiten über gelichtete Wegewigkeiten.

Der edle Nazarener sagte zu seinem Jünger Philippus: »Lass die Toten die Toten begraben, und folge mir.« Nie waren Menschen mit Menschen vereinter und verbundener wie die Pflanzen es untereinander sind. Die Lindenmutter mit ihren kleinen Ablegern, die Blume Mohn mit ihrem roten Springinsfeld, die Palme mit ihrem Goldkind. Schon vor dem Aufschiessen eines Baumes, verknüpfen sich inniglich seine Fasern mit den Wurzelbändern, den starken sichtbaren und unsichtbaren seiner säuselnden Baummama. Wir schreiten ahnungslos über den lieblichen, aber auch unendlichen Vorgang hinweg. Munter springt das spielende Wild, leider oft gejagt über den zärtlichen Wiesenfleck. Weiss es vom lächelnden Geheimnis des Baums und seinem Bäumlein? Zwei Liebende, zwei Brennende setzen sich nieder ins Gesträuch und – küssen sich ... Mag nur die mürrische, letzte verdrossene, ausgetobte Aprilwolke den Weg allen Verderbens gehen, gehorsam schliesslich wie ihr Freund, der draufgängerische Wirbelwind. Die Verantwortung seines kurzen Kreisellebens überlässt er höherer Macht. Ringelrei mit der Luft, erlebte er die Welt am Gängelband vom Weltall gehalten. Und ebenso ergehts allen Elementen, aber auch dem Tiere vom Kleinsten bis zum Elefanten, selbst der Riese geht noch in die Schule der Schöpfung, hackt mit seinem Rüssel am Docht des Universums. Das Schicksal des ungelösten Daseins teilen mit ihnen gemeinsam die Wälder und ihre hohen Kiefern und Tannen und alle die blattlaubigen Bäume, aber auch das Gestein und die Meereswasser und Flüsse und Bäche, noch verwachsen mit ihren Uferranden, mit der Schöpfung. Nur der Mensch macht eine rühmliche Ausnahme, er der Eingeborene, das gänzlich ausgetragene, erkorene Ebenbild Gottes, bewegt sich abgelöst vom Weltkörper, frei, sich geschenkt zwischen noch nicht Ausgegorenem. Er vermag sich nicht mehr hineinzuversetzen in den Zustand des Halbbewusstsein der Tierwesen und gipfelnden Bergspitzen und schützt sich höchstens vor den brausenden Chören der Stürme. Warum enttäuschen wir immer wieder das Vertrauen des an Seinem Menschen glaubenden und hangenden Herrn und warum widerspiegeln wir Sein allgütiges Antlitz entgottet? Nie würden die Wasser übertreten, die Vesuve ihre Feuer auf die Herde der Aecker speien, mit ihrer Hefe blühende Städte und Dörfer überschütten, bewegte die Welt sich noch im Gleichgewicht und ebenbildlichen Gleichgesicht zwischen Gott und Mensch. Es stehen sich gegenüber: Tier, Pflanze, Stein: Imwerdenbegriffene, unausgetragene, nicht für sich verantwortliche – und: der Mensch: ausgetragene, für sich verantwortliche, zur Verantwortung gezogene Schöpfung. Aber auch in der noch nicht gänzlich ausgetragenen Pflanzenheit geschehen Wunder. Ich weiss von einer kleinen Fichte, »vorwitzigen, altklugen«, titulieren sie die verknorpelten greislaubigen Tanten, da ihre lichtgrüne Nichte kurzen Prozess machte, sich abriss vom Gängelbande der noch göttlichen Hand. Aus der Ungezähmtheit, des kreiselnden, brausenden Lassospiels der Wetter und blitzenden Horizonten, flammt zuweilen noch andächtiger Funke des Paradieses auf unsere verfinsterte verlorene Paradieswelt. Wer möchte das Paradies nicht wiederfinden und in ihm sich?

Erleuchte meine Seele, Herr,

Und löte sie an mich!

Nicht Gott, auch nicht Seine lichte Welt ist tot, aber das Paradies deines Wesens verfinsterte sich.

Draussen singen ahnungslos Kinder: »Freut euch des Lebens, so lange noch ein Lämpchen glüht ...«

Hör, Gott, wenn du nur etwas lieb mich hast,

Send mir aus deinen lichten Reichen,

Das Licht der Liebe mir zu Gast.

Bei meiner weissen Kerze glaubt ich fast,

Die Grenze der Erleuchtung zu erreichen.

Es wachsen alle Sterne hoch am Wolkenast

Und wurden strahlende Geschwister, Gott, in deinem Zeichen ...

Nur unsere Erde ist erblasst –

– Und ihre Seele schreit zu dir aus Leichen.

Als die Bäume mich wiedersahen .... [45]

Ich kam vom Meer. Als die Bäume mich wiedersahen, hob ein weiches Wehen in der Luft ihre Zweige, mich zu grüßen. Wind und Sturm ermöglichen den großen und kleinen Bäumen, den Sträuchern und Büschen, allen Kräutern und den zartesten Stengeln der Blumen, sich nach ihrem Gutdünken zu bewegen. Sich zu äußern, bedient die Pflanze sich der Atmosphäre; ja sie entwickelt selbst, indem sie die Substanz ihres Temperaments mit den Stoffen der Luft vermischt, ein Säuseln oder ein Stürmen, Blitzen und Donnern in der Natur; wie auch des Menschen Wille bewegt wird zu gottgefälligen Handlungen durch die Bescheinung Gottes. Je temperamentvoller des Baumes Wunsch ihn durchglüht, sich auszudrücken, desto kräftiger rüsten sich die Lüfte zum Sturm. Die glühenden Stürme wie sie die Wüste erlebt, verursachen die noch erhaltenen, starken Urleidenschaften der gottalten Asienbäume des Morgenlandes. Aber auch der Melancholie spätes Träumen entweht der Palme lässigem, müden Fächeln. Und wisse, wenn du dich unter die Weide legst, ihre langen laubbehaarten Aeste singen mit den Lüften der Ferne das Lied der bangen Sehnsucht. Reize nicht den märchenerzählenden Wacholderbaum oder den Vogelbeerenstrauch! Schone die Nester der Vögel in den gastlichen, kühlen Blattarmen.

Zuguterletzt bitte ich dich von Herzen, die von mir so bewunderte Kiefernadeltanne nicht zu beleidigen, sie, die Indianerin aller Bäume! Die Gottheit selbst tauchte ihr gefiedertes Kleid in Waldsmaragd.

Im Grunde äußern sich die Pflanzen im Pflanzenreich wie wir Menschen uns im Menschenreich durch uns unbekannte, aber verwandte Vorgänge.

Diese Naturgeschichte lehrt das grünbroschürte Bilderbuch der Welt. Oft liegt es auf meinem Schoß – ich schlage es feierlich auf. Darum weiß ich, wir versündigen uns an der Pflanze, namentlich an ihrer Blume; sie ist die Seele des Laubgeschöpfes, die sich, ich überzeuge mich immer wieder im Spätsommer, mit dem Körper der Frucht umhüllt; den Pfirsich wie den robusten Apfel duftend durchdringt. Seitdem ich mich von dieser süßen Weisheit überzeugte, esse ich den Leib der Pflanzenseele nur noch mit großer Andacht. Der Traube schwarze und die goldene Beere schauen mich an. Der Bäume Ausdrucksmöglichkeit und ihr Gerank beeinflussen die Witterungen, deren Wechsel wir von mathematischen und astronomischen Gesetzen abhängig zu machen pflegen. Warum schweifen wir so gerne in die Ferne? Und alles geschieht doch inmitten uns. Die großen, ehrwürdigen Laubriesen säuseln uns das ja täglich ins Ohr. Seit dem ungeheuerlichen Blutbeben, das alle Liebe verschlang, das Urgebot mit Blut bespritzte, löschte das letzte Aufglimmen der Hingebung. An diesen unersetzlichen Verlust müssen selbst noch die betreuenden, gottalten Paradiesbäume glauben, ihre Stämme höhlten sich und ergrauten im Rauch des Kriegs. Seitdem kam kein wirklicher Lenz mehr, ewigjunger vom Berg gesprungen und kein schwelgender Sommertag und grausam leiden die Wiesenschaumkrautwiesen und Vergißmeinnichtteppiche namentlich, und Gehänge voll des schlichten Klees und Schafgarbe. Aber auch kein silberweißer Winter fällt mehr in Abertausenden Sternlein herab auf die Welt. Wälder weinen dunkle Tautropfen geopferten Wäldern nach – und doch wie bereitwillig sich die Birke fällen ließ für den Tisch an dem ich dichte; für deinen Baldachin, unter dem du träumst von mir.

Heiße Auseinandersetzungen im Pflanzenreich beweisen Fieber im Mark des Holzes und der Aeste, die schaukelnden reifen Spielsachen der Zweige verbrennen, der Krokus stirbt. Und wie wenig wiederum gleichen sich die Winter mit den Wintern der Schneemänner, über deren Rücken wir von der Schule nach Hause zu schlittelen pflegten. Es sind vielleicht die Folgen der gleichgültigen Haltung, die die kalte Jahreszeit gegenüber der unversöhnlichen Welt einzunehmen sich gewöhnte. Und wie sie ihren Winterhermelin geliebt hat! Die ersten Schneestürme schütteln Schattenäste mürrisch vom grauen Busch der Winterwolke. Der Schnee mag nicht mehr zur Erde fallen und decken zur Winterhochzeit. So haben wir es also mit der Natur verdorben, mit der weißen und mit der grünen, mit dem grünmunteren Laubvolk, das uns den Ozon und den Atem des Lebens kredenzte. Auch die Unberechenbarkeit von Allzuheiß bis zum Allzukalt ist die Folge der aus den Fugen geratenen Pflanzenwelt. Sie wurde tödlich getroffen und verwirrt. Denn die Natur ist nicht des Menschen Schemel, den er rücken oder gar durchsägen kann nach Belieben und zerstören und zertreten gleichzeitig.

Ich träumte einmal, ich sei ein Baum. Darum verstehe ich, warum die nie Böses ahnenden Blumen ihre Gesichter so oft zur Seite in der Pracht ihrer Buntheit legen, oder die junge Eiche ihr grünlockiges Haupt neigt. Dann verdursten wir an der Lauheit der Lüfte und unsere Herzen werden alt und ersticken. Nur die ruhende Stimmung draußen, aber auch innen im Körper und in der Seele der Natur, ihre Friedfertigkeit schaffen das wahre Bild, das Original der Welt. Das heißt nicht etwa, daß der Baum nicht rauschen soll nach Laubeslust oder die Welle nicht neben ihm im Bach aufbrausen darf. Das Kunstwerk der Natur erhebt zur Meisterschöpfung der ruhende Umriß. In ihm erhält die Luftströmung von der Pflanze ihren Charakter und umgekehrt. Wir könnten heute noch im Paradies leben, wären wir Menschen einig untereinander.

[»Gegenwart und Zukunft der jüdischen Literatur« (Antwort auf eine Rundfrage)] [46]

Hoch zu verehrende Herren Schriftleiter. Laßt Verse sprechen! Ich stehe immer gleich zur Dichtung, denn sie ist nicht von dieser Welt. Mehr kann und will ich nicht darum sagen. Es gelten natürlich auch Menschen, die dichten, und ihr Dichten hat weltliche Eigenschaften. Ich will aber mit ersterer Ansicht (die nur nicht gelehrt etwa sein soll) nicht behaupten, ich ginge etwa nicht so gerne ins Kino, aber – hier ist keins ...

Der Weihnachtsbaum. [47]

Später kommen sie meist alle in den Keller oder man wirft sie kurz und bündig auf den Schutthaufen. Aber ich kannte auch jemand, dem genügte es nicht, die erlesene Tanne im Silberkleide zu plündern, alle die Aepfel und Nüsse und Näschereien, er sog auch noch das edle Blut aus ihrem Stamm und ihren Zweigen. Und als das neue Jahr kam, warf er den Weihnachtsbaum mit dem schimmernden Wachsengel in der Krone, – in die Wanne, zu stärken seine Glieder im duftenden Extrakt der frommen Nadeln.

Aehnlich wie dem Weihnachtsbaum ergehts dem Menschen; er ist des erkorenen Baumes Symbol. Es unterhalten sich gerne über die Weihnacht der Liebe, in ihrer grünen Sprache, die der Wind zu vermitteln pflegt, die Tannenbäume; schon die, die noch in die Baumschule gehen.

Nicht jedes von uns Kindern, Sonntagsmenschenkindern, steht einmal »ganz« im Glanz! Angezündet auf dem blauen Tisch der Weihnachtszeit; aber »jede Mama« auf Erden mit Spiel und Zuckerzeug behangen. Ihre Lichter brennen ewiglich – denn der Mutter Liebe brennt noch im Grabe und vom Himmel für ihr Kind.

Jeder Mensch möchte wenigstens ein einziges Mal »ganz« im Lichte stehen ... Doch wenn auch nur ein einziges Zweiglein brennt! Im ganzen Zauber des Lichts mit glitzernden Wundern geschmückt, gehört freilich zum Ausnahmeglück.

Nur die Liebe vermag den Wandel vom Dunkelsein zur Lichtwerdung zu vollbringen. Die Liebe will immer Weihnachten feiern, will anzünden und angezündet werden, beschenken und behangen werden mit bunterlei Sternen. Störe die Weihnacht nicht – über sie leuchtet der Engel der Liebe ...

Trenne Liebende nicht – über sie leuchtet der Stern der Weihnacht. Es erlöschen so bald die Lichter der liebenden Herzen, sie werden – wie vom Wehen – über Nacht ausgeblasen.

Die Liebe ist der holde Baum der Weihnacht; er ist – in Wahrheit – nicht käuflich noch umzupflanzen. Er ist unser aller Liebesgut. Immer neigt er seine strahlenden Zweige – uns Liebe zu pflücken. Sein leuchtendes Ebenbild zu werden, möchte ich mir wohl wünschen, immer wieder aufzuerstehen:

Wir welken längst geknickt wo angelehnt,

Am grauen Steine einer alten Mauer;

So ausgelöscht und haben uns gesehnt,

Nach einem einzigen Lichtlein in der Weltentrauer.

Wie nie auf einmal standen wir im Glanz,

Und unsere feierlichen Herzen hingegeben,

Verglühten ineinander wie im Tempeltanz.

Was soll ich weiter und auch du mit deinem Leben

Lichtlosen Dasein, das hell brannte in die Nacht.

Jäh umgebracht –

Mit meinem funkelte noch eben ...

[Zuschrift an die »Jüdische Presszentrale Zürich«] [48]

Ein alter Indianerspruch, an den ich erinnere:

»Nimm dich liebreich deines Bruders leidendem Kinde an, es nahm den Schmerz deines eigenen Kindes auf sich.«

Mögen diese paar tiefen Worte den geliebten Patienten der »Etania« in Davos Hilfe bringen und den nimmermüden heiteren Schwestern den Dienst der Pflege erleichtern.

Else Lasker-Schüler

in Liebe.

Ich erzähle etwas von Palästina [49]

Diesmal brachte mich der charmante und galante italienische Dampfer »Galiläa« nach Palästina und sein Bruder, das mächtige Großschiff: Gerusalemme, zum zweiten Male in die Schweiz zurück in mein Adoptivland. Als wir damals am Abend am Ziel unserer Hinreise in Haifa landeten, staunte ich, wie groß und funkelnd die morgenländische Hafenstadt in den 2 ½ Jahren meiner Abwesenheit geworden; sie kann sich sehen lassen, die einen so strahlend anblickt. Aber ich sehne mich nach Jerusalem – wie der nette verehrte Commandante gentlissimo unserer Galiläa richtig vermutete. Und nach den üblichen Formalitäten stieg ich sofort in den Autoomnibus, der mich in die Lieblingsstadt Gottes brachte.

Immer über den gelben Sandteppich der Wüste; manchmal durch die Straßen kleiner arabischer Städte und Dörfer rollte unser Wagen bergab, um wieder an einem Palmenhain vorbei, empor nach Jerusalem zu fahren.

Man glaubt sich auf dem fernsten Stern, einem Schleppstern der Mondsichel, die gleitet wagerecht, ein grandioser goldener Nachen durch das weite Wolkenmeer am Strand des Horizonts entlang. Nach der Reise ins Heilige Land gibt es doch nur noch eine einzige Reise: Die Himmelfahrt.

Weil man das höchste irdische Ziel erreichte zu Land und zur See: Jerusalem. Von dort geht es nicht weiter, von dort führt der direkte Weg in die Himmel.

Die hebräischen schlichten Mönche glauben unerschütterlich an die Himmel. Sie lächeln bescheiden, fragt man sie, wo die Himmel liegen. In welcher Himmelsrichtung? Und – »Breitengrad«? meint wohlwollend ein Ueberklügelter. Doch die demütigen Gottesjünger überhören schweigend die Hoffart. Sie möchten Adonaj und Seinen Engeln nicht zuvorkommen.

Ohne des Todestalers verlustig, üblichen Zoll, kommt keine Seele durch den unsichtbaren Tunnel des geheimnisvollen Viadukts ins Paradies zu Gott heim.

»Ist Palästina schön?« Und fragt man mich auch abermals und immer noch einmal, ob Palästina und seine Hauptstadt Jerusalem schön? So bin ich, selbst im Interesse des Landes, zu ehrlich zu antworten, Palästina ist schön. Palästina ist Gestein, Schöpfungsgestein, der kostbarste Edelstein des Herrn. Er trug ihn vor der Offenbarung der Welt an Seiner Hand.

In meinen frühsten Gedichten steht:

Ich möchte einmal Gottes Hand fassen

Und Jerusalem an Seinem Finger sehen ....

Palästina ist Gestein. Zwischen Gestein und Gestein wuchsen Gegenden, schlängelten sich Landstreifen bis ans Meer. Es ragten Höhen empor und stürzten kratergrausig sich auf Täler und höhlten sie aus. Auf ihren wiesigen Abhängen weidet das Lamm.

Ein methodisches Chaos denke man sich Palästina, arbeitsam und von der Sonne verklärt. Auf die sandfarbene Leinwand im Rahmen der Berge Judas und Moabs und Gilboas malt die sonnige Goldmalerin, auf der Himmelsleiter sitzend, ihre zauberischen Träume. Viele mit lila Hintergründen, etliche orangengelb und zitronengelb. Setzt plötzlich eine Flamme aus heißgepaarten Farben, einen Akzent auf das – Weltporträt der Heiligen roten Erde.

Auf der Fahrt zum Toten Meer begegnen uns Reisenden bunte Wanderer, aus der Bibelzeit noch übrig. Ihrem Wandel entströmt Gläubigkeit und Vertrauen zu ihrem Herrn. Sie schreiten nicht weit vor unserem Omnibus, geruhsam den Weg inmitten der Wüste entlang und die tauben schnellen Räder unseres Wagens erreichen die Pilger doch nicht. Auf einmal sehe ich sie verschwinden, wie über Stufen hinabgleiten ins Innere der Welt. Unser schweres Auto fährt gedankenlos über ihren frommen Wandel hinweg. Diesen unerklärlichen Vorgang erlebten nur ich und meine kleine Freundin Trudmiriam, denn die Menschen auf ihren Sitzen schlummerten den 60-Grad-Hitzeschlaf.

Kamele, geschmückte mit lauter Perlen, vielartige Talismane, die sie vorm Verunglücken schützen sollen, begegnen uns. Es ist ganz still im Wagenraum, man hätte ein Sandkorn fallen hören, eine Muschel sicherlich. Jäh erwacht das niedliche Töchterchen auf dem Schoße ihres Papas, eines Juden aus Bagdad. Bestürmt ihn auf Hebräisch, ob es auch nicht zur Salzsäule werde an Loths Meer? Es wolle lieber nicht an den Strand gehen. Wir befinden uns noch in offenen, ewigen Wüsten, aber wittern in der Ferne Orangenwälder. Schon grünt ein Emek zu unserer Rechten. Der hebräische Bauer ist der Fürst des Landes.

Am späten Abend im liebevollen und geschmackvollen Gasthaus »Vienna« mußte ich noch Gästen vom Toten Meer erzählen. Die nicht mitwollten des jähen geographischen Luftwechsels wegen, sich erst in der Heiligen Stadt zu akklimatisieren gedachten.

Das Tote Meer liegt ungefähr 200 Meter unter dem Meeresspiegel. Nun rechne man dazu die 800 Meter, die man noch von Jerusalem bis ins Tal zu gelangen auszuatmen gezwungen. Mancher Körper leidet unter dem Blutdruck. Ich spürte nichts, erfüllt voll Erwartung.

In unserer Schulbibel erreichte ich als Kind schon einmal das gewaltige Tote Urmeer-Eiland; allerdings auf einer der kleinen gelblichen Seiten zwischen Religionsgeschichten gezeichnet. Auch ich suchte auf dem naiven Bildchen wie die kleine Dora im Autoomnibus nach der salzkandierten Säule, nach der ungehorsamen Frau Loths. Ich schilderte meinen Zuhörern, wie ich und meine junge Freundin am Toten Meeresstrand angelangt, die zierliche Bagdaneserin schließlich tauchen sahen in den warmen Wellen; doch von seinen Oelen getragen das schmale olivfarbene Körperchen immer wieder sachte emporstieg.

Das Tote Meer ist eigentlich ein großer See, gewürzt mit Mineralien: Salz, Brom, aber auch mit Schwefel und Oel. Man kann sich beide Hände voll Salz mit nach Hause nehmen. Allerdings noch ungereinigtes, ungenießbares.

Die fleißigen hebräischen Arbeiter bauten Salzwerke; die stehen, Schutzpatrone, vor dem biblischen Gewässer. Das Tote Meer ist in Wirklichkeit ein See, aber sein Charakter ozeanisch. Die Berge Moabs bewachen das geölte majestätische Wasser. Von der Hausterrasse eines großen Dichters in Talpioth erblickte ich zum ersten Male die kuppelförmigen Höhen und schmal entlang den Toten Meeressee. Es ließe sich wohl reiten auf diesen Dromedarbuckeln, meinte ich ernsthaft, zur Freude des Adon und seiner Frau. Es war noch frühster Morgen, die Sonne hatte sich zum ersten Male verschlafen. Die herrlichen Berge noch in ihrer Naturfarbe, braunfaserig und grau wie das Fell an enthäuteten Stellen der lieben stolzen Wüstentiere.

Die moabitischen Berge erschienen mir nun aus der Nähe erschaut um den ozeanischen Salzsee, gereckter, sich zur Wehr setzend geneigter. So weit dehnte sich der Strand! Wie mag einem Schiffbrüchigen wohl zumute gewesen sein vor tausend Jahren!

Wir suchten uns in unseren Tüchern Muscheln. Ich mir solche, welche mir einzig in ihrer Farbe erschienen. Aber immer, wenn ich neugesammelte zu den schon gesammelten zu legen gedachte, waren die vorangesammelten wie durch eine Oeffnung verschwunden. »Das Tuch ist ganz!« sage ich zu Trudmiriam, die eine von den »kostbarsten« ... betonte sie lächelnd, wiederfand. Müde setzten wir uns auf den Rand eines morschen Bootes; zogen uns nach kleiner Rast Schuhe und Strümpfe aus und sprangen in die erste Welle, die uns entgegensprudelte. Und immer tiefer in die heilige Flut, bis unsere Füße überzogen mit dem Produkt des Toten Meeres, ganz weiß waren und krustig. Und Durst verspürten wir mächtig; träumten schon von den Apfelsinensäften und dem Grapefruchtwein in der einladenden Halle vor der Düne, in der wir dann unser salziges Fußbad süß begossen.

Von der Lieblingsstadt Gottes, Jerusalem, verriet ich schon so viel in meinem Buch: »Das Hebräerland« und zeigte es auch auf meinen Illustrationen dem Leser. Ich könnte es nur wiederholen in Wort und Bildern, mein Gebet an die Heiligste Stadt.

Von Haifa aus erreicht man in ein und einer halben Stunde: Tiberias. Die biblische Stadt hat sich nicht eine Spur verändert, nicht die unleserlichste Fußspur verstreut. Dieselben Fischer fischten am Genezarethsee wie zu Zeiten des Neuen Testaments und werfen ihre Netze aus. Auch Philippus glaubte ich unter ihnen zu erkennen.

In glühendbemalten Segelbooten sitzen nackte Araberjungen; sie necken die kleinen Fische im Wasser. Ich hätte Lust, in den buntverklärten See zu springen – aber der Araber würde einer Frau solche Frivolität nicht so leicht verzeihen. »In Sänften« trägt man die Frauen des Harems verschleiert zum Strand, zum Frauenstrande. In den Bibelzeiten zählte Tiberias zu den allerersten Badeorten des Morgenlandes. Hin eilten die Kranken des Landes, zu gesunden in den heilenden heißen Quellen.

Wir steigen aufwärts vom Ufer des Genezarethsees, dem See von Tiberias; kommen an Bazaren vorbei; sie liegen im Halbkreis der Straße. Friede: »Schalom« wünschen uns die Händler, wir ihnen zurück: »Schalom«. Aber gleich freundlich von Herzen kommend. Denn im Grunde herrscht von zu Haus aus keine Feindschaft.

Ich erstehe eine liebliche Glaskette; fünfmal paßt sie bequem um meinen Hals. Ihr durchsichtiges Herzchen lasse ich über meinen Handrücken hin- und hergleiten ... ja, das einfache glitzerne Herz Tiberias in Miniatur. Die Händler beteuern zwar, es sei aus langersehnten Regentropfen im späten Herbst in der Regenzeit entstanden.

Auf meinen ersten Bildern in der Kindheit zeichnete ich dieselben Paläste und glänzende Häuser Schwarzachat und tönte sie mit lila Stiften an den Seiten oder unter einem besonderen Bogenfenster wie von einem lila Mond beschienen. Hold spielte die Phantasie und parallel der meinen – der Baumeister der phantastischen Stadt.

»Noch ein paar Grad heißer«, scherzt mein Begleiter neben mir, »und wir beide sind gar, reif für den Sonnenstich.« Auch harrt der Autoomnibus auf uns schon eine Zeitlang, und wir machen größere Schritte, aber mein Gemüt träumt wie der zurückgelassene magische See. Wir fahren durch die schönste Palmenallee, die uns vor einigen Stunden ins Innere von Tiberias führte, und es dauerte nicht lange und es war wieder Wüste. Jericho grüßte uns, und ich sah gerade vorher durch des Doktors Fernglas den Jordan fließen. Immer Wüste vor und hinter uns ... sanft empfand ich sie, eine Mutter. Sie wickelte einen jeden und eine jede von uns im Wagenraume in eine Kamelhaardecke. Aber ich tat nur so, als ob ich schliefe, noch einmal Nazareth zu schauen. Gegenwärtig bewunderte ich schweigend die blühenden Kolonien unserer Chaluzim. Sie erinnerten mich an die dicke Apfelsine in meiner Kleidertasche, trotzdem sie mich schon lange inkommodierte. Und ich befreite sie aus ihrem viel zu engen Verlies und trank den kleinen Jakobbrunnen willkommend aus.

Der jüdische Bauer ist wahrlich der Fürst im Heiligen Lande, ein Knecht Gottes. Er überläßt ihm die heilige steinige Flur.

Ich schrieb an den Großbauer von Tel Joseph:

Lieber Nehemia Cymbalist! (Ich kopierte den Inhalt aus meinem Notizbuch später auf einen weiten Bogen.) Verarge mir nicht mein Dir gegebenes und nicht gehaltenes Wort, Dich zu besuchen in Deiner Kolonie: Tel-Joseph. Ich bin übersättigt und erschöpft wie eine Biene, die zu viel Honig naschte aus dem Silberkelch der Königin der Nacht. Trunken bin ich, eine flatternde schwankende Geiertaube von Narden der Engelslüfte, die die Heilige Stadt umsüßen. Aber ich kehre heim zum dritten Male, zum dreißigsten Male zurück in unsere ureigenste Heimat, sie zu umspielen wie die Welle, sie möchte auch lieber heim in ihren Ozean und nicht zergehen sterbend im Sande.

Ich hatte mir Nazareth ganz anders vorgestellt – ähnlich wie Bethlehem, das noch kleinere Bethlehem, das ich so oft als Kind schaute in der Schulaula unter dem großen Tannenbaum; das heilige Städtchen aus der Spielschachtel auf dem Moos am Fuße der geschmückten Tanne. Aber nun weiß ich, die breite Freitreppe fehlte immer, die das alte verbrämte Städtchen mit dem alten verbrämten Städtchen eine sich erhebende Stufenbrücke verbindet. Darauf die ärmsten Kinderlein sitzen und aramäische Volksliedchen singen; ihre aus Fetzen und Lumpen fabrizierten Puppen zärtlich einlullen.

Nazareth ist keine kleine Stadt, auch keine zerfallene. Auf ihren Hügeln stehen guterhaltene villenartige Häuser, auch neuerrichtete Bauten, und an den Hecken der Gärten wiegen sich weiche weiße Winden. Gern wäre ich zu Fuß durch Nazareth gegangen und mein guter Begleiter tröstete mich: »Wenn wieder Frieden herrscht.«

Ich gucke noch immer aus dem Wagenfenster; Nazareth längst der Wüste und ihrer säumenden Einfalt überlassend. Ich entdecke Farben, die ich noch nie gesehen, sie bekleiden die heiligen Berge. Wie selig ein Land, das diese Leuchten tragen darf.

Die kleine Friedrich Nietzsche [50]

Als ich vor Jahren durch Thüringen fuhr, stieg in Weimar eine distinguierte alte Dame in mein Coupé, an die ich mein ganzes weiteres Leben dankerfüllt denken werde. Sie war als Kind die Freundin des kleinen Friedrich Nietzsche gewesen. Und ich hätte mich wohl beherrscht und stillschweigend das Naphtalin und den Kampher in mich eingesogen, der dem Umhang der Großmütterjahre entströmte, den die Frau Legationsrätin aus ihrer gestickten Reisetasche holte, wenn ich auch nur geahnt hätte – –. So aber bespritzte ich mich, vor allem die wollene Antiquität, heimlich mit Maiglöckchen, die Dralle zierlich in seiner Heimat Odeur gepflückt. Dennoch meinte die alte Dame liebenswürdig und ein bißchen mokant, bleibt Parfüm, so gut es auch sein mag, immer anfechtbarer als eine nützliche Chemikalie. Eau de Cologne ließe sie gelten. Ich gab ihr recht. Uebrigens im Zuge muß man sich vertragen. Ich liebe es sogar, äußerte ich mich, im Zuge restlos – im Zuge zu sein. Mein Geplauder fand Wohlgefallen im Herzen der Frau Legationsrätin. So kam’s, daß sie mir die süße, heldenmütige Jugendgeschichte aus dem Leben ihres zwölfjährigen Freundes Friedrich anvertraute, die ich gewissenhaft – die Schweigezeit ist um – der gesamten Menschheit großzügig überliefere. Wie arm bedeutet gegen diese Begebenheit im Leben Friedrich Nietzsches eine Schenkung einer Stiftung oder eines Museums oder gar eine Marmorskulptur an den Schloßpark seiner Heimat. Schwärme Vögel zogen am kalten Himmel mit unserer Eisenbahn silberspielend in die weite Welt. Ich zitierte eine Strophe des einsamsten Gedichtes einsamster Gedichte:

»Die Krähen schreien

Und ziehen schnellen Flugs zur Stadt.

Bald wird es schneien,

Wohl dem, der eine Heimat hat.«

Der Frau Legationsrat stehen die schönen Augen voll Tränen, und sie sagt: »Das verbindet uns, Liebste, ich bin nämlich die kleine Freundin des kleinen Friedrich Nietzsche gewesen, beide zwölfjährig; seine Schwester Elisabeth zählte ein paar Jahre älter wie wir beide. Aber wir spielten alle drei einträchtig zusammen unsere lieben Spiele. Und«, betonte die liebwerte alte Dame, »der kleine Friedrich ist der Vater meiner Puppe Johanna gewesen.« Ob die Puppe auch noch lebe, erkundigte ich mich vor allen Dingen. Ob sie dichte wie ihr Vater, ob sie ihr, der Frau Legationsrat ähnle oder Friedrich Nietzsche. Als Antwort schüttelte, tief ergriffen, die liebe Dame immer wieder verneinend den feinen Kopf; doch auf einmal erzählte sie mir mit lodernder Stimme, wie eines Tages in der Abendstunde ihr Elternhaus brannte, sie jedoch und ihre Eltern und ihre älteren Geschwister, die Magd, der Hahn und die Hühner, selbst die noch im Körbchen liegenden, eben ausgebrüteten Eier, gerettet wurden. Ja angesichts der halben Weimarer Einwohnerschaft, die sich in ihrem Doktorgarten zum Zugucken versammelt hatte ... Und der kleine Friedrich Nietzsche und seine Schwester Elisabeth kamen gejagt, und wir Kinder halfen den Feuerwehrmännern mit dem Legen der Schläuche und machten uns heimlich an der Pumpe zu tun und waren durchnäßt bis auf die Haut. Plötzlich schrie der kleine Friedrich: »Wo ist Johanna?« Kreidebleich schob er uns Spielgefährtinnen beiseite. »Johanna, Johanna, Johanna verbrennt!!!« Und keiner der Feuerwehrmänner vermochte den tapferen Jungen zurückzuhalten. Todesverachtend lief er über die brennenden Stufen der Treppen unseres Hauses: »Johanna verbrennt!« Und noch einmal vernahmen wir gedämpft vom Rauch, bebend vor Angst: »Johanna verbrennt!« Hinter der Scheibe des zweiten Stockwerks gewahrten wir ihn plötzlich; Elisabeth und ich hielten uns jammernd umschlungen. Nun hatte er mein Kämmerlein erreicht; Feuer speite es und Qualm über die Gartenhecke bis auf die Straße. Und es stürmte dazu ganz gewaltig, und der Sturm hielt meinem Freunde, dem Vater meiner Puppe Johanna, auch das Feuer vom Leibe. So erklärten sich und begründeten die Einwohner Weimars weiland die überstandene Heldentat des kleinen Friedrich Nietzsche. Er brachte unsere niedliche Johanna lebendig in meine Arme, nur die blonden »Flachszöpfe« waren – ach – verkohlt ...

Mopp, ein »musikalischer« Maler [51]

In Galauniform kam er dazumal nach Berlin, einen berühmten Kapellmeister zu porträtieren. Mopp kam in Gala. Das heisst in einem schlanken langen Gehrock und sehr hohen eleganten Samtkragen. Ein artiger Abbé; ein Ritter zugleich, küsste den Frauen respektvoll die Hand.

Und da er aus Wien nach Berlin kam, wenn auch kurz, erfreute er uns alle in unserer alten Heimstätte, dem Café des Westens. Wo es uns auch am Morgen hintrieb, ins Café des Westens kehrten wir heim.

Mopp (Max Oppenheimer) gestern 40 geworden, gratulierte ich abends hier im Selekt zu seinem dreissigsten Jahre. Wien konservierte, bemerkt jemand in einer Sofa-Ecke nahe von unserem Tisch. Wiens unbekümmerte Munterkeit erfrischte; ganz Wien (weiland) ein einziger Jungbrunn!

Mopp ist ernster geworden, auch seine Bilder stehen, etliche tief verbrämt, in frühester Zeit entstanden, in ihren Rahmen in den Sälen vieler wiener Althäuser und geben den Wänden Format. Das Porträt des Thomas Mann aus echtperlender Farbe, schmückt Londons Galerie.

Herausgebracht vom gentlesten künstlerischen Verleger Zürichs, unserm Doktor Oprecht, erschien vor kurzem das wundervolle Grossbilderbuch des Mopps: »Menschen finden ihren Maler«. Zwischen weissweisse Buchseiten bewahrt, die Bildnisse grosser Menschen: August Strindberg, den träumerischen Tiger mit den Lippen einer zarten Frau.

Nicht weit von ihm entfernt: Der Peter Altenberg. Wir beide verehrten uns sehr. Hätte ich nur mein Preisgedicht der Tibetteppich unterlassen zu dichten. Er lag ihm im Wege. Und ich schrieb ihm nach Wien: »Je emsiger Sie, verehrter Peter Altenberg, meinen Tibetteppich demolieren, desto bedeutender gewinnt er an Alterswert.«

Das dritte Porträt, das ich im feinen Buche betrachte – unseren Sternenprofessor Albert Einstein, den mächtigen Sternenguckkasten. So nannte ich ihn gerne. Er guckte so kindlich und bewegte sich so unbeholfen, wo er sich auch hinbegab, ja im eigenen Hause. Denn er blickte eigentlich immer nur in die Sterne und heute noch vom anderen Erdteil der Welt aus. So zeichnete ihn auch Mopp und erinnert mich auch noch an die Eigenschaften der vielen von ihm porträtierten Menschen unserer Zeit.

* * *

Doppelt zwischen den Bilderreihen begegnet der Beschauer dem prachtvollen Romancier und Dichter: Heinrich Mann, dem Senor Enrico. Sein Bild könnte am zeremoniellsten Hofe stehen. Mit spanischer Etiquette malte ihn Mopp.

Ich blättere weiter und erkenne den grössten Schachmeister aller Zeiten: Emanuel Lasker. Seinem Schachhaupt entspringen unbesiegbare Schachzüge.

Auf der folgenden Seite: Frank Wedekind, der monumentale Dramatiker. Mopp malte ihn als Mephisto, mit kühlen, aber saphirblauen Augen.

Ich erhole mich eine Weile beim Anblick des eigenartigen gütigen glühenden Komponisten: Arnold Schönberg.

Ebenfalls den engelhaften Musiker Ferrucio Busoni verewigte Mopp.

Viele Buchseiten mit Streichkonzerten folgen, bis auf einmal ein malender Wanderbursche vor seiner Türe Seite steht, der Egon Schiele jung, – verschmäht, beschämt und müde. Schön schreibt Mopp zum Bilde: »Wir hatten beide ein Ziel und waren stolz auf unsere Bedürfnislosigkeit.«

Grosse Freude machte mir das Bild von Franz Werfel, dem ganz ganz grossen Dichter. Ebenso meines herzlieben Freundes königliches Gesicht: Paul Leppin aus Prag, der himmlische Romane schrieb der Welt.

»Aber Leppin befindet sich ja gar nicht in meinem Buche: Menschen finden ihren Maler.« Stellt mich Mopp höchst erstaunt zur Rede. »Aber gemalt haben Sie ihn doch mal, Mopp.« Und ich seh ihn überall!

In Chaosnuancen malte Mopp Karl Sternheims stürmende dunkle Augen und von Joseph Szigeti zeichnete er ein musikalisches Porträt.

Der Maler Mopp zerfliesst leise in Geigen und Geigenbogen und Geigensaiten: Die Amati ...

Und weiter nun ein drittes Musikbildnis: Karl Flesch und seine Kapelle. Trance ...

Attention! Der dichtende Weltkonsul: Thomas Mann.

Und auf der letzten Seite seines Buches: er selbst, der Maler Mopp. Auf den Zeichenbogen vor sich wie auf den weissen Tasten spielend, zeichnet er eine ernste Fuge. Er zerfliesst, – um sich ganz zu finden.

Mopp, (Max Oppenheimer) ein »musikalischer« Maler. Es beweisen seine mannigfachen unendlich liebreich gemalten Orchester-Streich- und Kammerspielkonzerte. Gerade wie er die Musik malt! Es sind Schöpfungen, dessen Farben ich – lausche. Es streiten sich die Zaubersaiten des Cello, mit den Violinen, um schliesslich versöhnend zu schluchzen; farbenschluchzende Töne hinschwingend zur Ewigkeit.

Ernst Toller [52]

Ernst Toller war vor allen Dingen ein lieber Mensch gewesen. Ich hatte ihn mir genau so vorgestellt damals und war garnicht ueberrascht, als ich ihn sah im schlichten Rock vor uns auf dem Podium. Wir eilten alle alle hin, andaechtig wie zu einem Gottesdienst, in den grossen Saal in Berlin, mitten in Berlin, ihn zu begruessen und zu hoeren, endlich aus 6-jaehriger Haft befreit. Immer schrieb er mir so liebreich aus dem Gefaengnis: als ob ich gefangen und er in Freiheit.

Ich hatte ihn mir ganz genau so einfach gedacht, wie ich ihn nun sah. Er glich etwas Senna Hoy, dem himmlischen Koenigssohn, dem Sascha in meinen Buechern. Aber auch beider Schicksale aehnelten sich; gestorben beide fuer die Menschheit! Zwei Engel! .... Und da diskutiert man, ob sie eitel gewesen der Ernest und der Sascha??? 9 Jahre siegte dahin, mein von mir rein geliebter Indianerspielgefaehrte Sascha in einem der Tower der Zarenzeit bei Moskau. Auch nach seinem Opfertode warf man die Frage auf, ob er eitel oder nicht eitel gewesen? Beseeligt waren die 2 heiligen Kaempfer und dankerfuellt ueber ihrer Fluegel gradliniegen Flug. Sie waren beide herrliche Engel! ...

Gewiss man muss ein blaues Herz besitzen, um es zu wissen; eine blaue Wolke am Rande des Herzens verspueren. Kein Geweihter schreitet unerkannt am Dichter oder an der Dichterin vorueber.

Senna Hoy schnitt sich die Adern auf im Zuchthaus, schwer an Tuberkulose erkrankt. Er verblutete langsam, ja feierlich, ein erlegtes Wild. »Es starb ein heiliger Feldherr«, sagte der Hofrat, der Direktor des Schreckenhauses, zu mir.

Auch Ernst Toller brach sich selbst vom jungen Zweige ab ... Von Daemmerung traeumte so oft sein Herz. Seine Augen glichen Haselnuessen, verwundert, die eben erst aus der Schale guckten. Seine Haare stroemten herben Strauchduft aus.

Er liebte Waelder und Gaerten; oft reiste er in die Staedte seiner Freunde, um das Gruen ihrer Heimat zu besuchen. So kam er auch in meine Heimat und sandte mir den Garten meines teuren Elternhauses in Miniatur in einer weissen Pappschachtel. Drinnen lauter crystallene Kieselsteinchen der lieben Pfade. Zackige Kastanienblaetter deckten sie zu, und auf den Kastanienblaettern lagen von unserem Kastanienbaum einige von den glaenzenden Kastanien, aber auch noch nicht entschaelte »gruene Igel«, mit denen ich und meine Schulkameradinnen Gemuesemarkt zu spielen pflegten. Und auch einen winzigen Akazienzweig und eine Jasminbluete meines Lieblingsbuschs vergass der Ernest nicht beizulegen. Vor allen Dingen – eine schon ergraute Indianerfeder meines Indianerhuts, holte er doch hinter der Laube mit Muehen ans Tageslicht tief aus der Erde hervor; und erhob somit den Garten der Praesentschachtel in den Indianerstand!

Ich war damals so entzueckt ... ich konnte doch wieder in unserem Garten spazierengehen, ja mich ab und zu in ihm herumtummeln!

Ich bin dem Ernst Toller furchtbar gut im Leben gewesen und nun im Tode wie dem Gleichnis eines Menschen, das man ewiglich verehrt. Leben und Tod gehen ja Hand in Hand. Manchmal schrieb mir seine feine Mutter, aber stets voll Sorge um Ernst, der schon als Knabe »so trotzig« gewesen. Aber zwischen Zeile und Zeile ihrer Briefe leuchtete der Stolz ihres schoenen Herzens. Ihres Sohnes Gemuet ein gelaeutertes Gemuet, von Gott geliebt.

Ich wiederhole fast woertlich den Schlussakkord seiner damaligen ersten Rede nach der Haft: Ernst betonte: »Wenn ein Mensch auch nur ein Zehntel faehig des Nebenmenschen Leid mitzufuehlen, so gaebe es bald keine Ungerechtigkeit und keinen Hass mehr auf Erden.«

Ich weihe Ernst Toller dieses eine meiner letzthin gedichteten Gedichte und lege es, eine liebe Blume, in seine gute Hand:

Ich pfluecke mir am Weg das letzte Tausendschoen .......

Es kam ein Engel mir – mein Totenkleid zu naehen –

Denn – ich muss andere Welten weiter tragen ..

Das ewige Leben – dem, der viel von Liebe weiss zu sagen.

Ein Mensch der Liebe kann nur auferstehen!

Hass schachtelt ein, wie hoch die Fackel auch mag schlagen!!

Ich will Dir viel viel Liebe sagen,

Wenn auch schon kuehle Winde wehen,

Im Wirbeln sich um Baeume drehen,

Um Herzen, die in ihren Wiegen lagen.

Mir ist auf Erden weh geschehen,

Der Mond gibt Antwort Dir auf Deine Fragen.

Er sah verhaengt mich auch an Tagen,

Die zaghaft ich beging auf Zehen.

Bald rosten alle Blaetter der Alleen ...

Und viele ihrer Fruechte faulen auf den Seen.

Etwas von Jerusalem [53]

(Aus meinem kommenden zweiten Palästinabuch: Tiberias)

Ich wandele so für mich hin ... über den Jaffaroad über die King Georgestreet nach Rehavia. Komme an der schönen Jeschurun-Synagoge vorbei, überlege, ob ich den kleinen Erdhügel besteige, auf dem der fromme Juwel gerade schimmernd leuchtet? Oder ungekürzt das Ziel, das Haus der Keranoth und der Jewish Agency erreichen soll? In meinem ersten Buch: »Das Hebräerland«, verglich ich das wundervolle Gebäude des hebräischen Ministeriums mit einem Rabbuni, dessen Arme liebevoll die Pilger empfängt. Nach dem Vorbild des Halbmonds gebaut, glaubt man von Ferne, das herrliche Haus bewege sich ab und zunehmend, schäumend rotgelblich beleuchtet in der Abendstunde. – Im Vorraum des mächtigen Palastes, immer gleich artig jedeinen beschirmend, sitzt ein liebreicher jüdischer Mann-im-Monde. So ein schlichter bebarteter Wächter. Er weiss schon – zu der lieben nimmermüden Gewerett Kümmel will ich.

Ich komme mitten aus der Stadt Jerusalem. Ich liebe es, mitten in der Stadt jeder Stadt zu wohnen und – erst in Jerusalem! Gemütlich hinter den Hecken irgendwo, käme mir wie eine Flucht vor Begebenheiten vor. Ich möchte eben weder Erfrischendes, aber auch nicht Schmerzendes versäumen, nicht das Leid noch das plötzlich strahlende Lächeln eines beschenkten Kindes. Nicht den Anblick der entzückenden kleinen fleissigen Zeitungsverkäufer: »Haarez!« »Davar!« »Palestine Post!« »Tamzit Itonejnu!« Ich hab die niedlichen Adons, schon angehende grosse Kaufleute in mein Herz geschlossen. Und ich bin stolz, sitzt wenigstens einer von ihnen auf den Stufen unserer Flurtreppe, vertrauend auf mich wartend. Uns schmeckten doch einst auch Bonbons!!?

Dass ich nur keine Begebenheit versäume, nicht einen Laut, nicht einen Fuss oder Hufschritt! Ungesehen von mir, überschreitet kein Esel, noch weniger eine Kameelkarawane den Jaffaroad. Und ich beantworte oft die Frage: warum ich nicht in Rehavia wohne, oder in einem anderen Vorort Jerusalems, mit einer Ausrede – die nicht ganz unwahr. Man kann ja auch nicht den ganzen Tag nur grünes Dessert essen!

Lieb’ ich doch unsäglich die Bäume gerade, mir wahlverwandt wie der Bach. Es spiegeln sich doch so viele Menschen in meinem Angesicht.

Selbst Vögel leben mit mir im Gewoge der Stadt Jerusalems, und es stände ihnen frei, von ihrer laubigen Urgrossmama eingeladen, unter schattigen Zweigen in den Gärten Rehavias zu residieren. So viel Grün ist immer noch da!:

Und pflanzte man in die Erde mich –

Ein Johannisbrotbaum würde ich.

Und freute mich schon königlich,

Auf den Mai, auf den Mai!

Hier in Asien, wo weniger Immergrün, jagt der nach Palästina Verpflanzte ehrlicher und begehrlicher nach einem laubigen Ort. Ja was man nicht hat oder verloren hat! Hingegen die Bauern unter den Juden, die Fürsten Jeschuruns besuchen mit Vorliebe das Innere der Heiligen Stadt: erst am späten Abend heimzukehren, gottwohlgefällige Kinder Israels zu ihren Äckern und Hainen, mit deren Wurzeln sie alle verknotet. Diese Bauerngemeinden schlagen die rostige Erde, ein Testament, auf, und beleben die vergilbten Erdschichten. Wir, die wir das Emek besuchen, blättern nur in den Erdseiten. Ich erröte ...

Diese Gottgräber stossen auf Gott beim ersten Schaufelstoss jeder neuen Siedlung. Die starke wortlose Andacht erfreut Adonaj. Ist Gott etwa ein eitler Gott, ein eitler Vater, der Seine Kinder in die Welt setzte, Ihn nur mit Worten zu lobpreisen? Der Herr war Selbst ein göttlicher Bauer, der die erste Cypresse pflanzte und die Granate; Noah, dem Winzer, den Weinstock im Keim verpachtete. Vor allem säete Gott: DIE HECKE DER BARMHERZIGKEIT um die Ihm teure Stadt Jerusalem.

Es traben wieder Kameele über den Damm, edle Könige. Es drängt mich, ihnen Ehre zu erweisen, einige Augenblicke zu verweilen. Zwischen Hügel und Hügel der adeligen Wüstentiere, sitzt im gestreiften Atlaskleide der Beduine. Vor ihm geborgen sein junger Sohn. Wenn er gross sein wird, reichen sich Sarahs Kinder und Hagars Nachkommen die Hand geschwisterlich. Vielleicht aber schon morgen oder heute Abend unter den Himmeln. Denn viele Himmel schweben in der Dunkelheit hernieder auf Flügeln; Engel in flaumisch taubenblau und lilagefiedertem Kleid. Und gegenüber Gottostens ein zweiter Himmel: Eine weite Feuerschwinge breitet sich über die bräutliche Stadt des Herrn ... »Tröste uns Jerusalem und einer deiner Menschen den zweiten, der ihm andächtig begegnet auf den Wegen. Öffne deine Tore allen, die Einlass begehren!!«

ODER SOLL VIELLEICHT GOTT SELBST DIE TORE ÖFFNEN?!

Streichle das Tier, deinen Esel, der den Stein unermüdlich zum Bau trägt. Ihre Erstickungsschreie, da sie des öfteren überbürdet, verwunden mein Herz. Dem geringsten Tiere sei milde, – schmeckt dir doch sein Fleisch.

Dem Manne des Orients, Jude und Araber, bedeutet das Kameel, das ihn trägt, ein treusamer Freund. Vor allem aber nimm dich des hilflosen hungernden Kindes an. MIT JEDEM KINDE WAECHST GOTT NEU AUF DIE ERDE!

Die Urenkel Abrahams reichen sich die Hand, vielleicht gegenwärtig, da ich es ersehne mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit ganzer Kraft.

Schon begegnet man wieder Söhne Allahs, grossen malerischen Gestalten; auch stolzschreitenden Araberinnen im oberen Stadtteil auf dem Jaffaroad; ihre niedlichen Kindlein oder Körbe mit Obst gefüllt wie in Vorzeiten, auf dem Kopfe tragend. Und mit mancher verschleierten Haremsdame in schwarzer Robe und schlanken Stiefeletten betrachte ich die Schaufenster der Streets.

Die Einwohner Jerusalems schlafen viel und schon früh am Abend legen sie sich nieder. Verschlafen kleine Streitigkeiten gerne, aber auch grimmige Feindschaft und – erst – künstlich erzeugte. Mit Vorliebe steige ich hinab in die Araberstadt und betrachte auf den berauschenden bunten Strassen und Gassen die malikalten Häuser.

Dem nimmermüden herzlichen Rabbiner Doktor Kurt Wilhelm hier in Jerusalem verdanke ich meinen wirklichen Ausflug vor zwei Jahren unten zum arabischen Stadtteil. Ich zündete schon bei meinem Gang, drei Jahre vorher, im Gottum der Klagemauer, der Mauer der Barmherzigkeit, eine liebe Kerze an. Heute aber verdanke ich den Anblick der unteren himmelnahen Stadt dem geistlichen Doktor, dessen Predigten und Lehren frei von Schlacken und Aberglauben, ehrlich und durchläutert wie er selbst. Ihm ewig Dank, da ich schaute die noch demantschimmernde Davidstadt. Es ringeln sich klaftertief im innersten der Altstadt Haus in Haus. Häuser werden Geschwister auf der Erdtiefe. Wir betreten Lurjas Geburtshaus. Jeschuruns heiligsten frommglühendsten Rabbunis Elternhaus. Ich setze mich in die kleine Nische, darin der Heilige seinen ersten Schlaf geschlafen.

Wieder im oberen Stadtteil Jerusalems, erschüttert, auch vom Burgunder der Sonne berauscht, brach ich zusammen. Was ich selbst im Traume nicht hoffte zu erschauen, erfüllte sich in Wirklichkeit am Ende der Erde.

Der Himmel leuchtete purpur wie heute, man blickt in einen feiertäglichen Himmel, in das Herz des Ewigen – für jeden weit geöffnet – überall Gott und Seine Engel ... Es erzählt der Doktor im Freien die Wunder der Bibel – in der Zeit die blühende hohe Cypresse, die grünende Thora mit den Sternen spielt.

Das Marionettentheater des Direktor Löwy [54]

Kleine Schulmädchen legen mit Vorliebe zwischen Blatt und Blatt ihrer Schulhefte Papierpuppen. Kleiden sie in bunte glanzpapierene, silberne und goldene Kleider; abwechselnd sie betrachtend während der trockenen Lektionen.

Eine ganze Truppe unter – Dach der Fibel!

Die Schuljungen aber gehn aufs Ganze! Sie wünschen sich aus Holz gezimmerte Theater. Kasperletheater mit üblichen Schauspielern dazu: Den Kaspar, den Teufel, den nimmer in Frieden gelassenen Bürger; den Ritter und seine auserwählte Prinzessin! Das Krokodil und vor allem den Drachen. Das erste Brett »der Bretter, die die Welt bedeuten«, wurde gelegt beim Bau des Kasperletheaters.

Auf den Jahrmärkten, die verschwunden leider von den Stadtplätzen, begegnete ich früher den kindlichen Bühnen. In Amsterdam versäumte ich tatsächlich ihretwegen das Panorama der Stadt zu betrachten. Mutter und Kind guckten mit strahlenden Augen dem spannenden Spiele zu und – der liebe Gott sass oft zwischen den jauchzenden Kleinen im Publikum, Kind geworden, im blauen Mantelkragen und freute sich mit der Schaar.

Alle Freude ist tot. Überall liegt sie begraben; die Kleinen warten auf ihre Auferstehung. Der heranwachsende Mensch wird gut durch Freude; Nicht durch zu zeitig erleidenes Leid. Freude erhellt das Herz, Schmerz verdunkelt den Herzschlag.

Baut Kasperletheater auf kleinsten Plätzen für arme und reiche Kinder, für die noch wachsende Menschheit, damit sie nicht verhärtet, sie wieder springen lernt, auch über des Heiligen Landes Steinpfade.

Überraschend erschien in Jerusalem eine lebendige Marionette, ein blondhaariger, blauäugiger Marionettenlord. Ein Universalgenie, ein Mensch, der alle Theaterkünste und ihre Schattierungen gleich bedeutend rhytmisch und tondichtend beherrscht. Die Darbietungen seines winzigen Theaters beglücken Väter, Mütter und ihre Kinder. Aus der Vogelperspektive, aus der unscheinbarsten Insektenperspektive schaut man des öfteren auf der Puppenbühne die grosse Welt leuchten. Löwy lässt nicht alleine Puppenschauspieler Theater spielen, er bildet auch die Tierchen des Erdbodens aus zu Mimen. Die Bescheidenheit, mit der unser Marionettenlord die Ovationen des stürmisch applaudierenden Publikums entgegennimmt, bezeugt in ihm den »wahren« Künstler, der stets den Ruhm seiner Muse, hier: einer himmlischen Marionettendiwa zu Füssen legt.

* * *

Anmerkungen

Aufgenommen wurden Else Lasker-Schülers kleinere Prosaschriften, die nicht oder mit einem überarbeiteten Wortlaut in den Sammlungen »Essays«, »Gesichte« (1920) und »Konzert« enthalten sind.

[1] [Gab meine Menschengestalt ...] • Katalog des Axel Juncker Verlags (Stuttgart) [1903].

[2] »Der tote Knabe« • Kampf, N. F., Nr. 13 vom 7. Mai 1904, S. 354–356.

[3] »Die rotbäckige Schule« • Vossische Zeitung (Berlin), Nr. 303 (Morgen-Ausgabe) vom 1. Juli 1910.

[4] [Ich bin zwischen Europa und Asien geboren ...] • Freiheit und Arbeit. Kunst und Literatur. Sammlung, hg. vom Internationalen Komitee zur Unterstützung der Arbeitslosen mit Vorwort von Eduard Bernstein. Selbstbiographien, Bildnisse und Faksimilen. Kunstbild von J. Répin. Titelbild von Frl. von Joeden, Leipzig: Xenien-Verlag, 1910, S. 114.

[5] »Die Odenwaldschule« • Berliner Tageblatt, Jg. 41, Nr. 641 (Morgen-Ausgabe) vom 17. Dezember 1912, 1. Beiblatt.

[6] [Zuschrift an das »Berliner Tageblatt«] • Berliner Tageblatt, Jg. 42, Nr. 77 (Morgen-Ausgabe) vom 12. Februar 1913.

[7] »Richard Dehmel« • Neue Blätter (Berlin), Folge 3 (1913), H. 5, S. 5–9.

[8] »›Ein Schulheim‹« • Berliner Tageblatt, Jg. 42, Nr. 541 (Morgen-Ausgabe) vom 24. Oktober 1913 (mit der Verfasserangabe »E. L.«).

[9] »Plumm-Pascha« • Das Kinobuch. Kinodramen von Bermann, Hasenclever, Langer, Lasker-Schüler, Keller, Asenijeff, Brod, Pinthus, Jolowicz, Ehrenstein, Pick, Rubiner, Zech, Höllriegel, Lautensack, Einleitung von Kurt Pinthus und ein Brief von Franz Blei, Leipzig: Kurt Wolff Verlag, 1914 [1913], S. 37–41.

[10] »Heinrich F. Bachmair« • Die Aktion (Berlin), Jg. 4, Nr. 4 vom 24. Januar 1914, Spalte 87 f. (offener Brief, in der Rubrik »Kleiner Briefkasten« erschienen).

[11] »Kleine Skizze« • Berliner Tageblatt, Jg. 43, Nr. 362 (Montags-Ausgabe) vom 20. Juli 1914, Beiblatt: Der Zeitgeist Nr. 29.

[12] [Ich bin in Theben (Ägypten) geboren ...] • Menschheitsdämmerung. Symphonie jüngster Lyrik (ab 5. Tausend: jüngster Dichtung), hg. von Kurt Pinthus, Berlin: Ernst Rowohlt, 1920, S. 294.

[13] [Zuschrift an das »Berliner Tageblatt«] • Berliner Tageblatt, Jg. 50, Nr. 318 (Morgen-Ausgabe) vom 9. Juli 1921.

[14] [Zuschrift an »Die Weltbühne«] • Die Weltbühne (Charlottenburg), Jg. 17, Bd. 2, Nr. 28 vom 14. Juli 1921, S. 52.

[15] [»Der Blaue Vogel« ist das Herrlichste ...] • Der blaue Vogel. Russisch-deutsches Theater (Berlin), [Programmheft:] Dezember 1921 – Dezember 1922, S. 40.

[16] [Zuschrift an das »Berliner Tageblatt«] • Berliner Tageblatt, Jg. 54, Nr. 77 (Abend-Ausgabe) vom 14. Februar 1925.

[17] »Fred Hildenbrandt« • Die literarische Welt (Berlin), Jg. 2, Nr. 7 vom 12. Februar 1926, S. 2.

[18] [Zuschrift an die Herausgeber von »Erts. Almanak 1926. Verzen Proza Drama Essay«] • Den gulden winckel (Baarn), Jg. 25, Nr. 2 vom 20. Februar 1926, S. 46.

[19] [»Wo und wie verbringen Sie heuer den Sommer? Eine Rundfrage an bekannte Schriftsteller, Musiker und Bühnenkünstler«] • Neues Wiener Journal, Jg. 34, Nr. 11680 vom 30. Mai 1926, S. 8.

[20] »Die deutschen Heilstätten in Agra« • Berliner Tageblatt, Jg. 55, Nr. 369 (Morgen-Ausgabe) vom 7. August 1926.

[21] [Anzeige für Otto Picks Gedichtbuch »Wenn wir uns mitten im Leben meinen«] • Alt-Prager Almanach 1927, hg. von Paul Nettl, Prag: Die Bücherstube, 1926, S. [169].

[22] [»Dichtung und Christentum« (Antwort auf eine Rundfrage)] • Ostwart-Jahrbuch, hg. von Viktor Kubczak, Breslau: Verlag des Bühnenvolksbundes, 1926, S. 162 f.

[23] »Der Uhu« • Berliner Tageblatt, Jg. 56, Nr. 251 (Morgen-Ausgabe) vom 29. Mai 1927.

[24] [»Woran arbeiten Sie?« (Antwort auf eine Rundfrage)] • Neues Wiener Journal, Jg. 35, Nr. 12046 vom 5. Juni 1927, S. 10.

[25] [»Grüße an das Reußische Theater«] • Jahrbuch des Reußischen Theaters, hg. von Heinrich XLV. Erbprinz Reuß. Zum Jubiläum des Theaters 1902–1927, Leipzig: Max Beck, 1927, S. 98.

[26] »Mein Sohn« • Berliner Tageblatt, Jg. 56, Nr. 597 (Morgen-Ausgabe) vom 18. Dezember 1927.

[27] [»Wo und wie verbringen Sie heuer den Sommer? Eine Rundfrage an bekannte Persönlichkeiten«] • Neues Wiener Journal, Jg. 36, Nr. 12416 vom 17. Juni 1928, S. 13.

[28] »Der Inkas« • Jugend und Welt, Bd. 2, hg. von Rudolf Arnheim und E. L. Schiffer, Berlin-Grunewald: Williams & Co. [1928], S. 73–75.

[29] »Stanislas Stückgold« • Berliner Tageblatt, Jg. 58, Nr. 69 (Abend-Ausgabe) vom 9. Februar 1929.

[30] [»Mein Menschen-Ideal. Wünsche und Erkenntnisse« (Antwort auf eine Rundfrage)] • Uhu (Berlin), Jg. 5, H. 6 vom März 1929, S. 40.

[31] »Etwas von mir« • Führende Frauen Europas. Neue Folge. In fünfundzwanzig Selbstschilderungen hg. und eingeleitet von Elga Kern. Mit 25 Porträts der Mitarbeiterinnen, München: Ernst Reinhardt, 1930, S. 14 f.

[32] »Günther Birkenfeld« • Vorwärts (Berlin), Jg. 47, Nr. 31 (Morgenausgabe) vom 19. Januar 1930, [Beilage:] Blick in die Bücherwelt Nr. 1.

[33] [»In aller Bescheidenheit zu melden«, pflegen Autoren ...] • Funk-Stunde (Berlin), Nr. 7 vom 14. Februar 1930, S. 195.

[34] [Zuschrift an das »Berliner Tageblatt«] • Berliner Tageblatt, Jg. 60, Nr. 70 (Morgen-Ausgabe) vom 11. Februar 1931.

[35] »Elisabeth Bergner« • Der Taugenichts (Berlin), Nr. 3 vom Sommer 1931, S. 23 f.

[36] »Hedwig Rossins 70. Geburtstag« • Vossische Zeitung (Berlin), Nr. 386 (Abend-Ausgabe) vom 12. August 1932, [Beilage:] Unterhaltungsblatt Nr. 223.

[37] »Wuppertal« • Berliner Tageblatt, Jg. 61, Nr. 412 (Morgen-Ausgabe) vom 31. August 1932.

[38] »November« • Berliner Tageblatt, Jg. 61, Nr. 544 (Morgen-Ausgabe) vom 16. November 1932.

[39] »Der Weihnachtsbaum« • Berliner Börsen-Courier, Jg. 65, Nr. 603 (Expreß-Morgen-Ausgabe) vom 25. Dezember 1932, 3. Beilage, S. 13.

[40] [Zuschrift an die »Jüdische Presszentrale Zürich«] • Jüdische Presszentrale Zürich, Jg. 17, Nr. 796 vom 25. Mai 1934, S. 11.

[41] »Die weiße Georgine« • Neue Zürcher Zeitung, Jg. 155, Nr. 1494 (Mittagausgabe) vom 21. August 1934, Blatt 4.

[42] »Vögel« • Neue Zürcher Zeitung, Jg. 155, Nr. 1631 (Abendausgabe) vom 12. September 1934, Blatt 5.

[43] »Der achtzigjährige Maler Simson Goldberg« • Jüdische Presszentrale Zürich, Jg. 18, Nr. 843 vom 17. Mai 1935, S. 17.

[44] »Die Seele und ihr Licht« • Pariser Tageblatt, Jg. 3, Nr. 530 vom 26. Mai 1935, S. 4.

[45] »Als die Bäume mich wiedersahen ....« • Neue Zürcher Zeitung, Jg. 156, Nr. 1141 (Erste Sonntagausgabe) vom 30. Juni 1935, Blatt 4 (Literarische Beilage).

[46] [»Gegenwart und Zukunft der jüdischen Literatur« (Antwort auf eine Rundfrage)] • Der Morgen. Monatsschrift der Juden in Deutschland (Berlin), Jg. 12, Nr. 6 vom September 1936, S. 254.

[47] »Der Weihnachtsbaum« • Schauspielhaus Zürich, Spielzeit 1936/37, Nr. 14 [Programmheft. Else Lasker-Schüler: Arthur Aronymus und seine Väter. 19. Dezember 1936], S. 105 f.

[48] [Zuschrift an die »Jüdische Presszentrale Zürich«] • Jüdische Presszentrale Zürich, Jg. 20, Nr. 940 vom 7. Mai 1937, S. 9.

[49] »Ich erzähle etwas von Palästina« • Jüdische Rundschau (Berlin), Jg. 42, Nr. 88 vom 5. November 1937, S. 10 f.

[50] »Die kleine Friedrich Nietzsche« • Neue Zürcher Zeitung, Jg. 159, Nr. 973 (Morgenausgabe) vom 31. Mai 1938, Blatt 2.

[51] »Mopp, ein ›musikalischer‹ Maler« • Pariser Tageszeitung, Jg. 3, Nr. 780 vom 3. September 1938, S. 4.

[52] »Ernst Toller« • Tamzit Itonejnu (Jerusalem), Jg. 3, Nr. 1241 vom 23. Juni 1939.

[53] »Etwas von Jerusalem« • Jüdische Welt-Rundschau (Jerusalem), Jg. 2, Nr. 6 vom 12. Februar 1940, S. 5 f.

[54] »Das Marionettentheater des Direktor Löwy« • Mitteilungsblatt (Tel Aviv), Jg. 5, Nr. 43 vom 24. Oktober 1941, S. 4.