Karl Jürgen Skrodzki

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Karl Jürgen Skrodzki, Lohmar

[5]

Gesichte

von Else Lasker-Schüler

Mit einer Umschlagzeichnung

der Verfasserin

Verlegt bei Paul Cassirer in Berlin

1920

[6]

Zweite Auflage

[Einband (»Gesichte«):]

Gesichte

[7]

Inhaltsverzeichnis

Meine Kinderzeit [9]

Sterndeuterei [17]

Handschrift [26]

Johann Hansen und Ingeborg Coldstrupp [32]

Künstler [35]

In der Morgenfrühe [38]

Elberfeld im dreihundertjährigen Jubiläumsschmuck [40]

Arme Kinder reicher Leute [45]

Am Kurfürstendamm [48]

Der Alpenkönig und der Menschenfeind [51]

Die beiden weißen Bänke vom Kurfürstendamm [55]

Lasker-Schüler contra B. und Genossen [57]

Coranna [64]

Die schwere Stunde [66]

Wenn mein Herz gesund wär – [69]

Der Eisenbahnräuber [75]

Im neopathetischen Kabarett [77]

Kabarett Nachtlicht – Wien [79]

Apollotheater [83]

Tigerin, Affe und Kuckuck [86]

Im Zirkus [88]

Zirkuspferde [94]

Zirkus Busch [97]

Unser Spielgefährte Theodorio Däubler [99]

Brief an Korrodi [101]

[9] Meine Kinderzeit

(Hänschen Schickele in Liebe)

Nach der Schule trafen wir uns auf der Wiese und legten dort mühsam Balken quer übereinander. Zwei meiner Spielgefährten setzten sich auf das eine Ende der Schaukel, Willy Himmel und ich aber bestiegen das lange Steckenpferd hoch in der Luft. Die beiden gegenüber flogen dann plötzlich jauchzend in die Höhe, immer wieder, wenn wir zwei, der Willy und ich, Rücken an Rücken gelehnt, den Balken mit unseren kleinen Körpergewichten herabdrückten. Sanken dann wie durch unsere eigenen Hüllen in das Gras des Sommers übergrünt hinein; immer wie ein warmer Faden zog’s durch unsere Leiber. Wenn wir genug von diesem Spiel hatten, streckten wir alle die Zungen heraus, wer die längste habe, Alfred Baumann beteiligte sich sehr überlegen an solchem »Unsinn«. Er war gelehrt, las die »Mappe« und wollte Professor werden. Und Pülle Kaufmann hatte immer eine belegte Zunge, aß seine Suppe nie, denn er lutschte viel Süßholz. Aber oft streckte er seine Zunge schwarz aus dem Mund; das kam vom Lakritz. Willy Himmel aber hatte ein rosiges Zünglein wie ein Engelchen, auch blickte ich neugierig oft in seine goldenen [10] Augen, die waren garnicht angestrichen wie die meinen und die der anderen Jungens.

In der Früh fielen vom Birnbaum eines fremden Gartens mächtige Birnen herunter in unsere kleine Gasse, in Schülers Gasse. Manchmal schlich ich leise auf bloßen Füßen über die Treppe durch den Hausflur an zwei Amoren vorbei und sammelte die dicken Birnen in mein Nachtkittelchen. Einmal traf ich den Pülle, dem ich im Vertrauen von unserer Schlaraffenlandgasse erzählt hatte. Der Pülle Kaufmann trug heute keine Watte in den Ohren wie sonst; er war nämlich auch heimlich von zu Hause ausgerückt, und ich bemerkte sofort seine leeren Ohren und machte ihm einen Vorschlag und betonte dann ganz ernstlich auf die weitabstehenden Löffel weisend:

»Heute mußt Du aber gehört haben, Pülle!«

»Wa?« antwortete Pülle genau wie mit den Wattebüscheln in den Höhlen. »Wa?«

»Pülle«, rief ich ungeduldig, »wenn Du mir sagst, was ich Dir eben anvertraute, schenk ich Dir meine Knopfsammlung.« Ich war nämlich müde, immer alles zu wiederholen.

»Wa?« Aber dann sich überstürzend, fragte er: »Die ganzen Knöpfe?«

Ich nickte zögernd, mein Angebot reute mich schon. »Du, ich schenk Dir unsere große, rosa Muschel aus unserem [11] Gartenzimmer, Pülle, wenn Du mir sagst, was ich Dir eben sagte.«

Als Bestätigung fiel jedesmal eine reife Birne vom Baum, wir jauchzten dann erschreckt auf. Da bekannte denn endlich der Pülle, er habe genau gehört, daß ich gesagt habe, wir wollen uns zwei ein Häuschen bauen in der kleinen Gasse, darin wir uns verstecken könnten vor den Hunden und vor dem Gewitter.

Mein Vater guckte plötzlich aus dem Fenster, er konnte auch nicht schlafen, wenn die großen Birnen fielen. »Wollt Ihr wohl heraufkommen, Ihr ungezogenen Kinder, Ihr bekommt ja die Windpocken!« Überhaupt, er konnte furchtbar wettern, unsere niedlichen Körper drohten fast einzustürzen; im Grunde aber wollte er selbst ein paar Birnen verzehren, und wir brachten ihm die allerfettsten; dafür durften wir mit seinen bunten Manschettenknöpfen und allerhand Krimskrams in einer Holzschale spielen. Auch drehte er uns seine Kreisel und Blechenten auf, und wir mußten seine großen Stiefel anziehen. Der Pülle sah dann aus wie der Zwerg mit den Meilenstiefeln.

Am Sonnabend aber brachte mein Vater in seinen Tausendtaschen Knallbonbons mit nach Haus. Am Morgen schon mußte ich meinen sechsjährigen Kameraden holen und wir marschierten mit Herrn Schüler durch seine Marienstadt, die lag hoch auf einem Hügel. Aber bevor wir abgezogen, ließen wir die Bonbons knallen; für jedes [12] der Kinder lag in Seidenpapier behutsam eine Kopfbedeckung eingewickelt. Alle die armen Kinder an den Häuserecken beneideten uns; waren wir eigentlich doch nichts anderes als vier Hündchen in bunten Helmen, die Herrn Schüler die Waren tragen mußten für die armen Leute der Marienstadt.

Nachmittags spielten wir dann meist bei Kaufmanns im Garten Soldaten. Aber mit dem Alfred Baumann hatten wir fast jedes Mal unsere liebe Not. Er mußte zum Mitspielen gezwungen werden; namentlich zum Kriegsspiel, und gerade bei diesem Spiel ergötzten wir uns am meisten. Pülle und Willy besaßen wirkliche Ulanenmützen, aber der Willy lieh dem Alfred seine, den Freund zu interessieren, ihn anzuwerben. Wir fertigten uns aus Papier welche an, aber ich mußte Feind sein, weil ich ein Mädchen war, zur Strafe. Sonst bemerkte ich nie von seiten meiner Spielgefährten irgend eine Geringschätzung mir gegenüber und ich fügte mich drein, freiwillig ein französischer General zu werden, denn die Feinde behaupteten, sie könnten dann besser richtig schimpfen, da ich unter meinen Röckchen eine weite, rote Flanellhose trage »Franzos mit der roten Hos«. Nun war ich gereizt genug, den Angriff zu wagen.

Doch vorher rief uns Pülles Mutter, die Seraphine, zum Kaffee in die Stube zu kommen. Sie saß kerzengerade auf ihrem Sessel und strickte, und Kaufmann, Pülles Vater, saß ihr gegenüber und schlief im Sitzen. Wir staunten ihn alle an, bis ihn Seraphine girrend auf [13] die hohe Wanduhr zeigend ermahnte: »Kaufmann wache auf«. Aber heute konnte Pülles Mutter nicht mit uns gemeinsam schmausen, sie müsse Pülle ein Ohrenspritzchen besorgen gehn. Wir beneideten ihn alle drei darum, aber die alte Köchin nickte mitleidig mit ihrem Warzengesicht, strich dann mein gesticktes Kleidchen zurecht und legte mir Zucker in die Tasse, weil ich ein Mädchen sei. Die Jungens aber konnten ihren Neid nicht mehr unterdrücken und da die Mutter Seraphine schon ihr Haus verlassen hatte, ließen sie ihre Wut an mir aus. Der Baumann vergaß seine Gelehrsamkeit so weit, daß er in meinen süßen Kaffee spuckte; Willys gelbe Augen zogen sich zusammen wie bei unserer Katze, und der Pülle trat die alte Köchin mit seinem Fuß gegen den Schwammbauch. Immer fielen große Regentropfen aus meinen Augen auf den Boden, und die greise Köchin schnäuzte mein Näschen, daß es aussah wie ein Radieschen. Aus meinem Taschentuch fiel der grüne Zuckerfrosch, den ich wie ein Heiligtum bei mir trug; den opferte ich den kleinen Barbaren, die waren dann bereit, wieder Frieden zu schließen. Willy Himmel, der den Kopf des Frosches schon verzehrt hatte, und das Blättchen, worauf das Zuckertier gesessen hatte, erwischte, schlich dankbar an mich heran und küßte mich auf den Mund.

Wir spielten Domino mit Korintheneinsatz. Jedem Kind schüttete die gutmütige Alte ein Häufchen Korinthen auf den Tisch. Der Baumann hatte sich ganz dreist fast alle [14] stibitzt. Das Murren richtete sich diesmal gegen ihn. Aber er imponierte uns doch im großen ganzen; leiden mochten wir ihn alle nicht; aber er trug eine Hornbrille. Er erklärte uns, die Affen der Urwälder, die hätten – er habe es gerade in der Gartenlaube gelesen – auch einen Nabel wie die Menschen, aber – er hielt inne – an dem Nabel der Affen wüchsen die kleinen Affen wie Blättchen, dann wie Blüten, dann wie Früchte, bis sie einen Schwanz hätten zum Abpflücken. Wir kreischten vor Vertraulichkeit, saßen plötzlich im Kreis, unsere Gesichter legten sich zusammen zu einem Bukett aus Rotbacken. Die einschlafende Köchin knurrte aus dem Schlaf: »Kenger, Öhr mößt Önk nich so unanständig erzählen.« Wir rückten aber nur noch näher zusammen, und der Pülle fragte kichernd, ob Mädchen auch wohl einen Nabel hätten? Er habe einmal ein Märchen gelesen, er log, darin wäre vorgekommen, eine Königstochter habe einen Nabel gehabt wie ein Brunnen so hohl und tief in den Leib herab, und da hätten die Leute der Stadt ihre Wäsche drin gewaschen.

Die drei Ulanen machten viel Feinde zu Gefangenen; ich wurde in die Küche gesperrt und mußte so tun, als ob ich ein ganzes Regiment gefangener Franzosen wäre, die sich aus dem Turm zu befreien versuchten und die Deutschen verhöhnten. Alfred Baumann war am hitzigsten, der Sieg hatte ihn überwältigt, er war Feldmarschall geworden, damit er die Lust nicht verliere; er war furchtbar [15] zu schauen; mein Herz sprang wie die Feinde, die von der Anhöhe des Gartens auf ihren Rossen ins Tal sprengten. Feldmarschall Baumann stand schon vor meinem Turmverließ; ich stemmte mit übermenschlicher Anstrengung verzehntausendfacht meinen kleinen Körper an das dröhnende Holz. Mein Röckchen wehte aufgehißt als Fahne im Wind am Fenster. Ich vergaß meinen militärischen Generalsrang, und schrie »Mama, Mama!!« Ganz still wurde es von draußen, man hörte auch nicht mehr das leise Kichern; die Feinde hatten sich scheint’s zurückgezogen. Aber das war eine List des Marschalls Baumann gewesen; sein Adjutant Himmel, der mußte verharren; vor der Turmtür leise Wache stehen. Zögernd öffnete ich auf einmal mit einem Ruck meinen Küchenturm; ich sah die goldenen Augen Willys schmelzen vor Schmerz, an einem Fetzen baumelte sein Zeigefinger an der Hand und färbte dann die Steine des Hausflur dunkelrot. Den ohnmächtigen Verwundeten trugen die Kameraden auf Seraphinens Kanapee; in der Zeit nahm ich die Flucht.

Seit dieser Niederlage verfolgten mich die kleinen deutschen Spielsoldaten mit ihrem Haß, standen oft an der Ecke der Austraße noch mit einem Heer verbündeter Jungens, rissen mir den Schulranzen vom Rücken, warfen mich zur Erde und traten und pufften mich: »Franzos mit der roten Hos! Franzos mit der roten Hos!« Einmal kam Pülles Mutter gerade vorbei, im Sonnenschein und [16] mit ihrem grünen Sonnenschirm; wie die Suppenkasparmutter sah sie aus, als sie den Mund ermahnend ganz rund öffnete; »Pülle –!« Ich wagte garnicht mehr allein auszugehen, auch hatte ich den Ziegenpeter bekommen, und das deutsche Heer geriet in große Scheu vor mir: ich sei verhext von einer bösen Zauberin. Aus den Nebengassen nur hörte ich noch manchmal ganz leise das böse Liedchen: »Franzos mit der roten Hos!«

[17] Sterndeuterei

St. Peter Hille in Ehrfurcht

Soll Ihr Leid noch länger mit seinen Sternen in der Hand ihres Arztes liegen, und wie lange überlassen Sie ihm noch Ihren Verstand? Fragen Sie einmal so im Vorübergehen den Doktor, ob er von Ihrem Sternensystem eine Ahnung hat. Oder wenden Sie sich an einen Irrenarzt, der am gründlichsten Bescheid wissen müßte von der Astronomie des Menschen; sitzt er doch an seinem Pol, wie ein falscher Gott am Scheidewege, wo sich der Stern vom Chaos trennt. Es gibt gar keinen Irrsinn im Sinne der Eisenbärte, aber wer wird mich nicht verspotten, wenn ich behaupte, es gibt eine Veränderung im Chaos des Menschen. Darum sind Ihre Leiden aus keinem anderen Grunde entstanden, als aus allzu wuchtigen Sternenvorgängen. Senkte sich unerwartet Ihre Sonne in eins Ihrer Meere? Jedwede Behandlung Ihres Arztes ohne genaue astronomische Kenntnis Ihres Planeten ist ein Vergehen. Unbeschreiblich friedlich stimmt es, einen Mond in sich zu fühlen, und wer ihn in sich trägt, steht im verwandtschaftlichen Verhältnis mit dem Großgehenden da oben. Nach einem Schwächezustand, den ich überwand, meine Tore standen noch unbefestigt, fühlte ich den Durchgang des Vollmonds dicht an dem [18] meinen vorbei, wie ein leichtes Beben. Nicht dieser Vorgang war ein krankhafter, aber durch die Kraft des Vorgangs erlitt ich Sternenschaden. Ich war noch lange nach diesem Ereignis eingehüllt in schwermütigen Wolkengedanken. Glauben Sie, die Erde leide etwa nicht noch durch die kürzlich erlittene, erduldete Kometkraft? Denken Sie an Maria, durch die Gott schritt. Das wird noch einmal geschehen, noch ewigkeitsmal, immer nach Gottesdrehung, er wendet sich durch Maria. Sie leidet das höchste Fest durch das Gottwillkommen, sieben Schwerter krankt ihr Herz. Wir sind das feinste Werk aus Sonne, Mond und Sternen und aus Gott. Wir sind seine Inspiration, seine Skizze zur großen Welt. Ich spreche nicht in Symbolen, obschon Symbole die Häute großer Wahrheiten sind. Sie setzen das allzu klare Licht mit gewisser Überlegenheit gern ins Dunkle. Ich möchte aber die Nacht von Ihnen nehmen, wachen Sie auf durch meine Raketensterne! Aber wenn ich Menschen medizinisch behandelte, würde ich sie »regnen« lassen, Luft in weiten Kreisen »atmen« lassen. Mancher Menschplanet erstickt an Dürre. Ich würde die verwandtschaftlichen Sterne ausfindig machen, die mit meinem Planetpatienten in irgendeinem Zusammenhang stehen könnten; namentlich, wenn es sich um eine epidemische Ursache handelte. Den kleinen Mars des Menschen kann man nur mit dem gröberen, großen Mars der Welt impfen. Ich kenne Leute, die unter dem Zusammenstoß ihrer Fixsterne leiden. Es sind schlechte Pächter ihres Leibes. [19] Jeder Schlaganfall ist ein Zerbersten zweier vom Wege geirrter Sterne. Die Folge dieser Folge erst ist der Tod. Ich bitte Sie nicht, an sich herauf und herunter zu suchen; Sie sehen Ihre Sterne nicht, das was Sie betasten können, ist Chaos. Und weil ich vom Unantastbaren des Menschen spreche, glauben Sie nicht an meine Medizin und halten mich für eine Kurpfuscherin. Aber wer an meine Dichtungen glaubt, die man auch nicht in die Hand nehmen kann und doch vorhanden sind, wird auch nicht zweifeln an den Sternen der Menschen, wovon ich ihnen erzähle. Sind Sie nicht reicher, als Sie glauben? Ich spreche von Ihrem Unsichtbarsten, von Ihrem Höchsten, das Sie nicht greifen können, wie die Sterne über Ihnen. Sind Sie nicht reicher, als Sie fassen können! Oder haben Sie schon einmal ein Stück Mond gegessen? Sie würden immer nur sein Chaos greifen, wie der Arzt Ihr Fleisch, daraus er keinen Stern formt. Der Doktor hat mich längst überführt, indem er mit dem Messer diese Leiche sezierte: »Der Tote ist an Schwindsucht gestorben, am Zerbersten der Lunge.« Ihr Doktor hat doch keine blasse Ahnung von meiner Medizin. Allerdings ist dieser Tote an Tuberkulose gestorben, an der Folge seiner und des Arztes Unkenntnis seines Sternensystems. Und was ich von einer Epidemie halte? Die ist die Folge der Sintflut im Massenmenschsternensystem, ein Bacchanal tausender Sterne, daran alle Bruchteile, alle ungeordneten, unberufenen Fleischchaosse zersplittern. Ich glaube darum an Wunder, an ungestaltete Medizin. Wer aber kann sie [20] mischen! Jesus von Nazareth tat Wunder, er ergriff die keimenden Sterne und trennte sie von den faulen und erweckte die Erblaßten an ihrer noch verglühenden Sternschnuppe. Der Nazarener wandelte durch das Sternensystem des Menschen und erlebte die Welt so tief und ging in Gott ein, und Gott in ihn, darum man ihn verwechselt noch auf den heutigen Tag mit Gott. Moses der Prophetarzt erkannte den Gott seines Volkes, heilte es und machte es stark. Eine Sage meiner Bücher sagt von einem Derwisch, der sein Herz in die Hand nehmen konnte und doch lebte durch die Kraft seiner Sterne. Wir sind das glühendste Werk von Mond und Sternen, nach unserm Modell hat Gott die große Welt erschaffen, in der wir: Ureigentum in unserer erweiterten Kopie leben .. Ureigentum noch unverblaßt zu begegnen, erlebe ich überraschend oft. Diese testamentarischen Sehenswürdigkeiten, Übertragungen, die an Wert nicht einzuschätzen sind! Ich meine nicht die gemütlichen Hausväter aus der alten, guten Zeit oder den Waldmenschen, oder den aus der nackten Körperkultur oder den Zwiebelasketen. Merkwürdig, daß man gerade in den Irrenanstalten Gesichte erblickt aus allererster Sternzeit; Bilder, alte Meister, Menschen, die erstarrt sind in der Vision. Und kein Arzt weiß sie aus dem Augenblick der Erscheinung zu führen, wie aus engem Rahmen. Ich besuche diese scheintoten Galerien; mich lieben die unverstandenen, verfangenen Gesichte. Etwa weil ich ihnen den richtigen Platz zu geben vermag? O, ihre Angstgefühle! Die [21] andern testamentarischen Gestalten unterscheiden sich von den irrenden Denkmalbildern ihres ungestörten Sternenlaufs wegen. Solchen Sterngeschöpfen geschehen Wunder. Wie St. Peter Hille, er hatte noch mit Moses und Jesus von Nazareth gesprochen und mit Buddha, und erzählte von ihnen, wie der Urenkel etwa von seinem Großvater Goethe. Das war der unumstößliche Beweis von der ersten Leuchtkraft Gottes in St. Peter Hille. Ich gehöre nicht zu den Spiritisten; Spiritismus ist Epigonentum, Nachahmung, gewalttätige Wunder. Um wirkliche Visionen zu erleben, muß man noch in der ersten Leuchtkraft Gottes sein. So ein gotterhaltener Mensch ist fromm und selbst Inspirationen fähig. Aus Isaaks weitem Munde seh’ ich viel im Traum Sterne aufsteigen, die er benennt nach Gottes Einverständnis.

Die hungrige Zeit fraß meine Leuchtkraft goldweise. Aber ich kann erzählen von der Astronomie des Menschen, wenn ich auch in meinen ersten zehn Jahren noch zwischen weichem Dunkel, zwischen ungeordneter Nacht, im Chaos lag. Ich war wie ungeboren neben meiner Mutter, noch ganz Chaos.

Das Kind ist nicht fromm, es ist dumpf. Dieser Irrtum! Fromm kann nur der wissende Mensch sein, aber nicht jeder macht die sechs Schöpfungstage in seiner Hülle durch und wird Stern, und wenige nur den Sonntag. Wie viele Heilige gibt es und doch ist jeder Andächtige oder Lauschende, jeder Staunende oder Liebende ein Heiliger. [22] Wenn Jesus von Nazareth die Kinder rief, so fühlte er Verantwortung mit ihnen, mit dem Chaos, das sich entfalten werde. Er wußte, wie weit der Weg zum Sterne war. Die Kinder sind wie die Lämmer so dumpf. Darum beleidigt mich das irrige Wort: Jesus das »Lamm« Gottes. Solche Unschuld ist eine Chaosunschuld, und der Nazarener war der Sonntag der Schöpfung. Der Jude hat sich mit ihm der vollendetsten Welt entledigt. Sagte der Sonntägliche doch zu einem der Mörder am Kreuztag: »Wahrlich, ich sage dir, heute wirst du mit mir im Paradiese sein.« Der Jude, der den Himmlischen verstößt, beweist, daß er ein Bürger ist, genau wie der Mensch des Abendlandes, der den verlornen Gott der Juden aufnahm, ihn sich erzog und erwog nach seinem lammblutenden Wort. Im Menschen bereitet sich immer Fleischdumpfheit, Chaos, Fleischsehnsucht; Gott aber ist ungestaltet, ungerahmt und breitet über alles sich. Wir reden immer zu dem Chaos des Menschen, wollen wir ihn gewinnen, denn der Stern ist böse, darum sind wir alle einmal krampfhaft enttäuscht in Gott. Wir finden in ihm kein Chaos, keinen faßbaren Schlupfwinkel. Er sandte darum seinen Sohn, das heißt, er kam in Menschgestalt zur Erde. Solcher Umgestaltung Demut vom Stern zum Chaos ist nur ein Gott fähig. Nie war solche Dunkelheit je auf Erden und am Himmel und im Menschen, wie in der Zeit des Gottbesuchs. Dem Priester und Pharisäer flößte seine Betastbarkeit Mißtrauen ein, der Armselige umklammerte den vertriebenen »Götzen« aus Fleisch und [23] Blut wie einst am Fuß des Mosesberges das goldene Kalb.

Sie wollen noch wissen, wie lange sich der Menschplanet erhält. Die meisten Menschen werden nicht älter und nicht jünger als sechzig Jahre. Jesus von Nazareth ist gottalt wie die Ewigkeit. Moses war zehntausend Jahre, als die Tochter Pharaos ihn im Korbe fand. Und von dem Propheten St. Peter Hille möchte ich sagen: Niemand wußte um seinen Geburtstag. Meine Mutter war dreimal sechzehn Jahre alt, mein Vater erlebte sechsmal seine tollsten Knabenstreiche. Wie schätzen Sie mich ein? Ich bin David und tue Simsontaten, ich bin Jakob und deute die Träume der Kühe und Ähren. (Oder zweifeln Sie daran, daß mich meine Brüder verkauft haben, das Bürgermillion!) So verwirrt sich die Zeit der Vergangenheit im Menschen. Heute bin ich eine Dichterin, und ich bitte Sie, mir zu verzeihen, daß meine Dichtung keine Gehirnkarte geworden ist mit Farben, lila, grün, rot gefärbt. Meine Bekenntnisse nehmen sie als ein Luxusgeschenk hin, denn ich bin verschwenderisch, das liegt in meinem Sternsystem. Es kommt mir selbst nicht darauf an, einige Monde meines Planeten fallen zu lassen. Auch mit meinem Chaos, ohne das Chaos kommt kein Mensch davon, hat es eine besondere Bewandtnis. Darüber möchte ich schweigen, aber eines kann ich Ihnen sagen, wir Künstler sind einmal bis tief ins tiefste Mark und Bein Aristokraten. Wir sind die Lieblinge Gottes, die [24] Kinder der Marien aller Lande. Wir spielen mit seinen erhabensten Schöpfungen und kramen in seinem bunten Morgen und goldenen Abend. Aber der Spießbürger ist ein Schwerphilister, bleibt Gottes Stiefsohn, unser vernünftiger Bruder, der Störenfried. Er kann nicht heimisch werden mit uns, er und seine Schwester nicht. Verwechselt die lärmende Bürgerin oder die zur Hure gewordene Magd nicht mit dem spielenden Sternenmädchen, die den Tanz aus nackter Scham tanzt! – – Wohin mir doch heute alle meine Sterne geleuchtet haben! Immer muß ich wiederholen, der Arzt sollte sich auf die Astronomie des Menschen verstehen. Welcher von Ihren Hausärzten wäre imstande, eine Sonnenfinsternis in Ihnen herbeizuführen, geschweige den Stillstand Ihres Planeten?

Ich sehe Ihre Kanäle, Ihre Berge auf Ihren Sternen und Ihren Mond aufgehen hinter Ihrer Stirn. Jeder Schmerz und jedes Freudegefühl, Vernichtung oder Erhebung ist ein neues Bild Ihres Sternensystems. Sie sterben eigentlich an zerborstenen Sternen oder Erkaltung Ihrer Sonne oder an Finsternis. Wenn nur Ihr Leben den Höhepunkt erreicht hat vor dem Zerfall Ihres Chaos: den Himmel. Aber wenn er Ihnen nicht auf den Kopf paßte? Vom Blitzstrahl getroffen, das Chaos gespaltet, einzugehen in die Allmacht ist Seligkeit. So lausche ich auf mich. Aber der Bürger belauert sich, der Kranke in Arzthand betrauert sich, weil er keine Achtung [25] vor dem Schmerz hat. Ich bin müde – wie ich mir entkomme, ein Schatten aus Mond und Sternen, riesengroß fiel ich um Mittag und sinke nun ein in meinen eigenen Planeten. Ich habe einen kritischen Tag hinter mir, manche Menschen wichen mir furchtsam mit den Augen aus. Einem kleinen Mädchen bohrte ich im Anblicken ein Loch in die Brust. Solche Kraft macht traurig. Ich sehne mich nach Glück, nach ihm, nach Hascha-Nid, dem goldhäutigen Sohn des Häuptlings. Der spielt mit sich, treibt und lockt die Sterne über seine Grenzen, ein göttliches Spiel, Wirbel und Wüstenwind. Ich liebe ihn, weil er so reich und rein an Sternen ist, und ich staune vor solch verschwenderischen Launen ... Aber das geht Sie nichts an. Gern hätte ich Ihnen noch vom Himmel erzählt. Später, wenn ich ihn erreiche und Gott –

Gott, wo bist du?

Ich möchte nah an deinem Herzen lauschen,

Mit deiner fernsten Nähe mich vertauschen,

Wenn goldverklärt in deinem Reich

Aus tausendseligem Licht

Alle die frühen und die späten Brunnen rauschen.

[26] Handschrift

Dr. Otto Jahnke mit dem seltenen Handschriftsbild

Für den Künstler der Handschrift

ist der Inhalt seines Schreibens

nur ein Vorwand, wie für den

Maler das Motiv seines Bildes.

Ich habe beobachtet, daß Kinder und Große so recht in Gedanken versunken, mit der Feder, mit dem Bleistift an zu kritzeln fingen, dann ganz unbewußt bemüht waren, schöne oder verschnörkelte Buchstaben und Worte zu schreiben; sich dann später selbst über die Bedeutung des Geschriebenen wunderten. Auf einmal steht auf dem weißen Rand der Zeitung ein Name im Arabeskenschmuck oder blumenverziert. Dort ist ein Zeitwort auf den Kopf gestellt, ich meine ein xbeliebiges Wort in Spiegelschrift geschrieben. Ich habe dasselbe fesselnde Gefühl beim Ansehen einer interessanten Handschrift wie bei einer guten Federzeichnung oder einem Gemälde. Und doch möchte ich darum die Handschrift nicht mit der Malzeichenkunst in einen Farbentopf oder in ein Tintenfaß werfen. Aber der, welcher sich verzweifelt nach einem Talent sehnt, möge es zunächst in seiner Handschrift suchen. Oft hat schon der Lehrer sie im Keim [27] erstickt. Den meisten bleibt die Schrift nichts wie Inhalt – die Nachricht erfreut ihn, ärgert ihn, namentlich wenn sie noch dazu undeutlich geschrieben ist. Warum höre ich nie jemand sagen: Erklären Sie mir diese oder jene Handschrift. Ich meine nicht des sprachlichen Verständnisses wegen, auch nicht aus graphologischem Grunde; rein künstlerisch! Wie ja so oft die Frage aufgeworfen wird vor einem Bildnis. Es hat noch nie jemand von einer Handschrift den bornierten Ausruf getan: »Die ist mir zu hoch!« Und doch gibt es gerade Meister dieser Schulmeisterkunst. Diejenigen sind’s, die sich im Klassenzimmer Strafe holten ihrer Klaue wegen. Es geht ihnen wie dem Genie, welches die Kunstschule ausspie. Handschrift ist erblich wie jedes Talent. – Für mich kommt kaum der Inhalt eines Briefes in Betracht; ich kann mich für den Schreiber nur seiner Buchstaben wegen interessieren. Und es geschah schon, daß ich ganz entzückt einen unverschämten Brief beantwortete und umgekehrt. Die Schrift ist ein Bild für sich und hat nichts mit dem Inhalt zu tun. Jeder lernt schreiben, eine Menge Menschen haben es in ihrer Handschrift zur Kunst gebracht. Und darum auch gibt es in keiner Kunst so viele Epigonen wie in der Kunst der Buchstaben. Für diese Nachahmer ist jeder Buchstabe ein Gestell, dem sie einen Mantel umhängen, den ein anderer gewebt hat, sie verstehn eben ihre Blöße zu bemänteln. Die alltäglichen Epigonen sind reichgewordene Frauen, die sich bemühen, ihre so oft charakteristische Ladenmädchenschrift zentimeterhoch heraufzuschrauben [28] direkt zu hochmütigen Gänsehälsen. Der Mann möchte Bedeutung in seine Schrift legen und ahmt der Hand des ihm Geistigüberlegenen nach. Ungemein sympathisch berührt mich die sogenannte Tatze, die Schrift der Knaben, wenn sie den Aufsatz ins Diarium schreiben. – Hier diese Zeilen hat ein Mädchen vorsichtig und sanft geschrieben. Manchmal lachen auch Briefe oder sind erbittert, die Schrift riecht fast nach Galle. Meines Freundes Brief blinzelt, eine Faunlandschaft. Dein Onkel schreibt eine kleine, rundliche, gleichmäßige Handschrift wie Taler. Geizhals ist er, aber kein Handschriftenkünstler wie mein Freund der Faun. – Interessant sind die spitz auslaufenden Buchstaben auf dieser Seite, jedes Wort ein Wolfsgebiß. Und doch kein Tiergemälde. Interessant wirkt auf mich die Korrespondenz, die ich erbrach zugunsten der Kunst, zwischen K. u. W. Alte und neue Meisterstücke. Ich sprach schon einmal in einem Essay über die Kunst in Karl Kraus’ Buchstaben. Meine Handschrift hat als Hintergrund den Stern des Orients. Oft sagten mir Theologen, ich schreibe deutsch wie hebräisch oder arabisch. Ich denke an der späten Ägypter Fetischkultur; ihnen ging aus dem Buchstaben schon die Blüte auf, der Zwischenduft, der Handschrift mit Zeichenmalkunst verbindet. Mir fallen noch die Schriften der Chinesen und Japaner ein. – »Die Mitternacht zog näher schon, in stummer Ruh’ lag Babylon« – die plötzliche Geisterschrift an der Wand entsetzte die berauschten Gäste, nicht der Inhalt; das furchtbare Schriftbild [29] war es. Sie erblickten den Inhalt des Fluches. Darum ist auch das Verständnis zur Kunst ein Seltenes und Erhabenes – es liegt uns im Gesicht und geht uns vom Gesicht aus. – Die Kaufmannshandschrift – ich möchte noch vorher fragen, hat schon einer der Leser einmal ein Lebenszeichen vom Dichter Peter Baum bekommen? Nämlich gerade bringt mir der Postbote so ein Sommerbildchen, Buchstaben: Mückenschwarm, der zerstreut in der Sonne tanzt. Seine Karte blendet. – Ich bin bei der Kaufmannshandschrift – phantasielos, nüchtern, sie liegt bewegungslos auf dem Papier. Kühle Tatsache. Der kaufmännische Reisende dreht seinen Buchstaben eitel den Schnurrbart. Stutzig machen mich Briefe, die von einem Geschäftsmann geschrieben sind, und von der Buchführung doppelt abweichen. In dem Schreiber steckt sicherlich das Handschrifttalent. Es gibt auch Launen der Schrift. Kinder, die erst morgen dem Christkind schreiben wollen, da sie heute nicht schön schreiben können. Meiner Mutter Briefe waren schwermütige Zypressenwälder, meines Vaters Schrift reizte zum Lachen, humoristische Zeichnungen aus dem Struwelpeter. Kohlrabenpechschwarze Mohren oder der böse Nikolas steckt die Jungens ins Tintenfaß; gelungene, amüsante Überschwemmungen von Tinte. – Es gibt auch Schriftinspirationen, viele Menschen berauschen sich an ihrer Schrift, und der Inhalt, den sie aufschreiben, ist nur Vortäuschung. Ich schreibe oft, um mich durch meine Schrift zu erinnern, meine Mutter schrieb, um zu träumen, [30] mein Vater, um sich zu ergötzen. Meine Schwestern schrieben zweierlei: die älteste: Reisebilder, die andere: Kinderbilder. Der einzige Plastiker der Handschrift, den ich kannte, war St. Peter Hille, Petrus – er schrieb Michelangelos. Nicht anders ist das mystische Bildnis, als die ausgeschriebene Handschrift zu verstehen, doch die kann wie das Gemälde dilettantisch sein, wenn sie ohne Tiefe und Geist und nur aus Ausübung entstanden ist. – Manche sogenannte schöne Schrift allzu deutlich, Ölbilder nach Sichel. Lieber ist mir schon die Pfote von Aujuste. Ihr Brief und die Antwort vom Schatz geben sich einen Schmatz. Derbe Genrebilder. Vielerlei gibt’s davon. Ähnlich wie die Köchin schreibt das Dienstmädchen, die Kellnerin, das kleine Mädchen, die kecke Hure. Aber loser geheftet, unordentlicher ihr Brief, ein leicht schaukelndes Gerippe. Weit eher ist die Demimonde eine Epigonin. Sie stiehlt lächelnd und liebkosend die Buchstaben der Originale oder versteht wie die Sprache auch die Schrift ihres in Fesseln gelegten Herrn zu kopieren und zu belecken. – Habe ich schon gesagt, daß es auch Stilleben in der Handschrift gibt, zehn Seiten lange Briefe, die schlafen, aber deren Inhalt voll Leben sprudeln; Handschriftkünstler, die schulakademisch erzogen und erwogen sind. – Manche Buchstaben gucken neugierig. – Gewissenhafte Handschriften: Wie die Buchstaben getrennt auseinanderstehen. Der Doktor war vermutlich sehr niedergeschlagen, als er diesen Brief schrieb, seine Handschrift war dünn aufgelegt. – Hochbeglückt, [31] glänzen die Vokale – Lachende Handschrift, Sonne! Ich habe ein kleines Laboratorium von Schreibkaninchen, die ich anrege, mir Briefe zu schreiben. Sie können sich also schon auf meine Erfahrung verlassen, lieber Zuhörer. Trotzdem das Manuskript dieses Aufsatzes mit schwarzer Tinte geschrieben ist, wirkt es blau, tiefblau, liebesblau. Den wissenschaftlichen, langweiligen Inhalt müssen Sie schon in Kauf nehmen – seine Handschrift ist ein Liebesbildnis. Ich dachte nämlich, indem ich über »Handschrift« schrieb, an drei schöne Königssöhne. In Wirklichkeit schrieb ich drei Briefe; den ersten an Zeuxis, den griechischen Maler, der nun in Berlin wohnt. Er sei mein Ideal, aber ich ginge nicht an ihm zugrunde. Ich schrieb dem süßen Prinzen von Afghanistan, daß er mein Typ sei und daß wir ineinander verwachsen wären. Ich schrieb Wilhelm von Kevlaar, daß er mein Symbol war, daß ich am Sterben läge, denn ich hätte an die große Treue geglaubt, an seine Treue zu mir, und er habe sie gebrochen.

Das Manuskript liegt dem interessierten Leser zur Verfügung im Verlag Cassirer.

[32] Johann Hansen und Ingeborg Coldstrupp

Zur Kindertragödie in Kopenhagen

Ingeborg, seine kleine Königin ist tot – Johann Hansen lebt noch; an seinem Bettchen sitzt eine barmherzige Schwester und betet, daß der arme verirrte Knabe bald genesen möge. Der Stationsarzt hat ihm das Tor des Todes verriegelt, sein Herz, das Ingeborgs Namen trägt, kann nicht zu ihr ins Himmelreich. Nun wird das Kinderspiel erst eine Kindertragödie. Die beiden wollten ja nur zum Tod, weil der einen Himmel besitzt, in dem sie sich vor allen Engeln ohne Furcht vor Strafe herzen könnten. Nicht diese Heimlichkeiten der Freude, ihre Gesichter schienen durch die Spalte der Türen, durch das Eisen der Tore. Immer bauten sie auf ihren Händen gläserne Schlösser, darin sie sich tausendbunt spiegelten bis ans Ende der Welt, wo der Himmel anfängt. Dort wohnt der Tod. Johann Hansen hob Ingeborg mit seinen Knabenarmen die Treppe zum Einlaß des Todes empor. Der öffnete und ließ die kleine Königin ein, Johann stolperte rücklings ins Leben zurück. Diese beiden feinen Kinder ergreifen meine Seele. Das Leben ließ sie aus der Haft, der Tod schmückte ihnen rosig sein Tor. Ich [33] möchte, der Engel aus Andersens Märchen käme und trüge den verwundeten Knaben zu Ingeborg ins Himmelreich. Wie bösmütig sind die Menschen, die immer helfen wollen, ins Leben zu befördern. Es ist Nacht, überall blüht ein Stern. An der Decke im Krankensaal stehen viele Sterne, rotgoldene, süßgelbe, wie Honig, und auch mattfunkelnde Immortellen. Alle pflückt der kleine, heldenmütige Bräutigam für seine Braut, wenn er im Himmel mit ihr Hochzeit feiert. Auf einmal schlägt er die Augen auf: »Ingeborg, ich halte mein Wort!« Hast du es gehört, großer Engel aus Andersens Märchen? Oder soll er aufwachen aus seinem Traum des Himmels – und die Erde ist wieder da, das Himmelreich verschwunden wie fortgezaubert, und Ingeborg liegt im Grabe. Ein Keller wird dann die Welt sein, kahl, viel kahler wie seines Hauses Keller. Alt ist er, wenn er aufwacht, jung, wenn seine Augen sich schließen. Was bietet das Leben? Nicht das Kind braucht den Eltern dankbar sein; wie können die Eltern aber das Nichtgeborensein dem Kinde ersetzen!!? Solch zwei Kindern vor allen Dingen, zwei Engel, die nicht auf die wankelmütige Erde gehören. Flügel wuchsen ihnen; die Pistole, die sich der Knabe vom Erlös seiner Geige kaufte, war Vortäuschung. Denn es geschah hier ein Todeswunder. Nicht mehr wäre ich überrascht gewesen, wenn dieselben Kinder, anstatt für ewig zu schlummern, auferstanden wären aus einem Grabe. Wie will der Christus, der den Knaben auferweckt, ihm ein Himmelreich ersetzen? Es [34] werden keine Landeserholungsheime die »festgestellte« Neurose (Edelneurose) fortkurieren. Aber ich denke an Selma Lagerlöf die herrliche Menschin, an Karin Michaelis das liebe große Kind, sie könnten dem Knaben den himmelblauen Verlust ersetzen. Sie tragen die Bilder des Himmels in ihren Dichterinnenherzen – halten sie zwischen ihren Händen. Ich bin keineswegs sentimental, ich bin traurig. Man vergleiche nur nicht die unaufgeblühte Liebe dieser Engel mit den Tändeleien koketter Schulmädchen und greisenhafter Zwerge auf den Spazierwegen am Sonntagmittage. Diese beiden Kinder ergreifen meine Seele, ihre Lippen sind Himmelschlüsselchen.

[35] Künstler

Herr von Kuckuck sitzt immer auf dem Fenstersims und schnappt mit seinem zugespitzten Mund alle meine todtraurigen Worte auf, die sonst im Zimmer liegen blieben, und ich würde schließlich in der Überschwemmung von Todtrauer ertrinken. Auch sieht er so spaßig bei der Fütterung aus, ich muß manchmal hell auflachen. Mein Mann kann von Kuckuck nicht ausstehen. »Er ist eine Beleidigung neben dir.« Aber ich muß immer einen Hofnarr haben, das ist so ein uraltes, erbübertragenes Gelüste. Er folgt mir überall hin – auf dem Salzfaß sitzt er in der Küche, wenn ich am Herd stehe und mit dem Quirl dem Feuer behilflich bin – ich meine wegen des Weichwerdens der Erbsen – ich trage goldene Pantoffel, aber in meinen seidenen Strümpfen sind schon Löcher. Herr von Kuckuck wird merkwürdig düster, immer wenn er auf dem Salzfaß sitzt und meinem Kochen zusieht. Er erzählt von Prinzessinnen, die in Goldpantoffeln und Seidenstrümpfen scheuern müssen und sich die Hände blutig reiben und aber der Himmel ihnen alle Sterne schulde. Ich glaube, ich bin im Anfang aus einem goldenen Stern, aus einem funkelnden Riesenpalast auf die schäbige Erde gefallen – meine leuchtenden Blutstropfen können vor Durst nicht ausblühen, [36] sie verkümmern immer vor dem Tage der Pracht, und mein Mann erzählte mir dasselbe, und darum haben wir uns geheiratet. »Wenn sich mein Budget besser gestaltet«, sagt Herr von Kuckuck, »so braucht Prinzessin keine Erbsen mehr zu kochen.« Er verspricht es feierlich, zwei große Tropfen fallen aus seinen Augen, die sind lila, und die Feierlichkeit kleidet ihn so: eine Burleske, die plötzlich auf geraden, rabenschwarzen Beinen steht. Ich rieche zu gern Ananas – ich glaube, wenn ich mir täglich eine Ananas kaufen könnte, ich würde die hervorragendste Dichterin sein. Alles hängt von Kuckucks Budget ab. Mein Mann der wünscht sich gar nichts mehr, er denkt morgens schon heimlich an seine Zigarette, die er im Bett rauchen wird. Die Lampe zuckt, es ist alles so dünn im Zimmer. »Herein!« Eine Erbse klopft an meinen Magen. Kleine Beinchen bekommen die Erbsen und wackeln mit ihren dicken Wasserköpfen – eine plumpst den Berg herunter. »Bist du aufgewacht?« Mein Mann fragt und hebt den Zigarrenbecher vom Boden auf – dann streichelt seine Ananashand mein Gesicht – die Finger tragen alle Notenköpfe – sie singen – und immer, wenn das hohe C kommt, sägt mein Arm über seine Brust und seinen Leib – ich nehme die Gedärme hervor – eine Schlangenbändigerin bin ich – dudelsack Ladudel ludelli liii!!!! Ich schiebe die Schlangen vorsichtig wieder in seinen Körper, die kleinste hat sich fest um meinen Finger gesogen, aber sie ist die hauptsächlichste Schlange, sonst kann er keine indischen Vogelnester mehr [37] essen. Ich gleite die Kissen herab, mein Kopf liegt in einem weißen Bach, alle Fische tragen Ketten von Erbsen um den Hals und schwimmen hinter mir über die flaue Matratze. Mein Mann wartet schon im Sessel. Im Rahmen über dem Schrank hängt von Kuckuck und über ihm sein Onkel Pankratius, einer der gestrengen drei Herren, und zählt – Budget lauter goldene Schnäbel. Es wird alles so grau – ich habe solche Angst, ich verkrieche mich in die Achselhöhle meines Mannes. Auf dem Sofa sitzt ein Jüngling, er hat große, braune, spöttische Augen, die lächeln schüchtern. »Wer bist du!« ruft mein Mann. »Ich bin der Schatten Ihrer Frau und habe Theologie studiert.«

[38] In der Morgenfrühe

Meinem Freund, dem Bildhauer Georg Koch

Ich gehe an Mandelbäumen vorbei, aber die blühen in den Gärten fremder Häuser, und die Fenster sind noch geschlossen hinter Spitzengeweben. Ich bin unendlich müde, gewohnheitsmäßig bewegen sich meine Füße vorwärts, Maschinen sind es, und sie müßten eigentlich unverhüllt in blauen Sandalen gehen, denn sie sind von goldzagem Wandel, wie die Sonne, die aufstieg. Ich kenne die Menschen nicht, die mir begegnen, ich weiche ihrem Dünkel aus, und ich brauche nur meinen grauen Mantel abzulegen, um König zu sein. Ich bin unendlich müde, ich glaube, ich bin im tiefsten Leben erkrankt, aber die Vorübergehenden merken es nicht, sie heben auf, was lärmend auf den Straßen liegt, aber sie hören nicht das schmerzliche Murmeln, das tödliche Verrauschen einer Seele. Da liegt ein Nachtfalter vor mir – er stirbt – wie dürftig seine Flügel sind, ein Lumpenhändler war es, ein Vagabund, der sich nachts auf den Straßen herumtrieb und am Feuerrausch der Lampen endete. Er stirbt – ich trete ihn tot. Ich denke an ihn – wenn es für ihn doch einen Himmel, einen blauen Strand gäbe – er würde dort ein schöner Schmetterling sein. Ich bin unendlich müde – wenn ich nun auch eines Morgens so [39] daliege, wie der graubraune Strolch – welcher Fuß würde mich zertreten. Es kommen Männer an mir vorbei in weißen Sportschuhen und Frauen schreiten hastig über den Damm. Ich mag diese Frauen nicht im Ornat, derbgewordene Philisterinnen sind sie – was wissen sie von der Knabenzeit. Aber das kleine Mädchen mit der Bubenbluse, es wird mich übermütig zertreten im Scherzwort, im Frühlingslachen. Ich bin unendlich müde und es beginnt der rücksichtslose Tag. Der Mann aus Glas mit der Vollstreckungsmappe unterm Arm wartet vor der Haustür auf mich, heute klebt er die Siegel. Ich muß ihn zart am Henkel fassen – so ganz vorsichtig, liebevoll, daß er nur keinen Sprung bekommt. Draußen an dem fremden Hause blühen die Mandelbäume: der Falter ist tot, ich vergaß, ihn vom Weg in einen der Gärten zu werfen.

[40] Elberfeld im dreihundertjährigen Jubiläumsschmuck

Paul Zech, meinem Wupperfreund

»Lott es doot, Lott es doot, Liesken leegt om Sterwen, dat et god, dat et god, gäwt et wat tu erwen!« Ich bin verliebt in meine buntgeschmückte Jubiläumsstadt; das rosenblühende Willkomm gilt mir, denn ich bin ihr Kind, die flatternden Fahnen auf den Dächern, aus den Fenstern winken mir zu, lange Rotschwarzweiß-Arme, die mich umfangen wollen. Ich soll überall hereinkommen. Ich bin in Elberfeld an der Wupper in der Stadt der Schieferdächer. Hohe Ziegelschornsteine steigen, rote Schlangen herrisch zur Höhe, ihr Hauch vergiftet die Luft. Den Atem mußten wir einhalten, kamen wir an den chemischen Fabriken vorbei, allerlei scharfe Arzneien und Farbstoffe färben die Wasser, eine Sauce für den Teufel. Aber nach Newiges zu, wo die Maschinen ruhen, wie frische Drillingsbäche fließt die Wupper zwischen Wiesen und Waldalleen. Aber ich bin verliebt in meine zahnbröckelnde Stadt, wo brüchige Treppen so hoch aufsteigen, unvermutet in einen süßen Garten, oder geheimnisvoll in ein dunkleres Viertel der Stadt. Ich mag die neuen Bauten [41] nicht – wer aber war die Urpatrizierin des Rokokohauses aus der friderizianischen Zeit? Es lebt noch einbalsamiert zwischen jüngst zur Welt gekommenen Fabrikanten- und Doktorhäusern. Denn jeder etwas wohlhabende Bürger der Stadt besitzt ein Wohnhaus, worüber er Herr ist. Portiersleute gibt es in Elberfeld nicht, frechgewordene Sklaven, die nach Belieben ein- und herauslassen. Selbst viele Arbeiter leben im Eigentum ihrer Mütter. Gequacksalbert hat die Alte an der grünen Pumpe, noch heute heilt sie Krampfadern und Beingeschwüre. Und das berühmte Geheimmittel gegen die Cholera hat der sterbende Großvater Willig dem Vater ins Ohr gelallt, und der hat es wieder dem Sohn anvertraut, und nun weiß es der Enkel, der wahrscheinlich seiner gesprächigen Mutter wegen taubstumm zur Welt kam. Und überhaupt so seltsame Dinge gingen in der Stadt vor; – immer träumte ich davon auf dem Schulweg über die Au. Manchmal lief ich durch graue, lose Schleier, Nebel war überall; hinter mir kamen schauerliche Männer mit einem Auge oder loser Nacktheit; auch an Ziethens Häuschen mußte ich vorbei, der seine Frau erschlagen haben sollte, »ewwer en doller Gesell wors gewäsen.« Oft ließ ich vor Angst die Bücher fallen oder der Ranzen hing mir nur noch halb auf der Schulter. Nun grünt nicht mehr die von Zäunen umgrenzte Au; Tore verschließen Häuser; kein Schulkind kann mehr auf dem Wege zur Schule träumen, jedes Fenster zur Rechten und zur Linken weckt es auf. Lebt der greise Direktor [42] Schornstein noch, der nicht wie die roten Schornsteine rauchte, aber vor Zorn so oft fauchte? Ich bin verliebt in meine Stadt und bin stolz auf seine Schwebebahn, ein Eisengewinde, ein stahlharter Drachen, wendet und legt er sich mit vielen Bahnhofköpfen und sprühenden Augen über den schwarzgefärbten Fluß. Immer fliegt mit Tausendgetöse das Bahnschiff durch die Lüfte über das Wasser auf schweren Ringfüßen durch Elberfeld, weiter über Barmen zurück nach Sonnborn-Rittershausen am Zoologischen Garten vorbei. Mein Vater mußte an den Sonntagen mit mir dorthin gehen, der bemerkte nicht den Sekundaner mit der bunten Mütze. Auf dem Hügel im Tannenwäldchen am Bärenkäfig versprachen wir uns zu heiraten. – Ich muß an alles denken und stehe plötzlich wie hingehext vor meinem Elternhaus; unser langer Turm hat mich gestern schon ankommen sehen; ich fall’ ihm um den Hals wahrhaftig. Leute am Fenster des Hauses bemerken, daß ich weine – sie laden mich ein auf meine Bitte, einzutreten. Schwermütig erkenne ich die vielen Zimmer und Flure wieder. Auf einmal bin ich ja das kleine Mädchen, das immer rote Kleider trägt. Fremd fühlte ich mich in den hellen Kleidern unter den andern Kindern, aber ich liebte die Stadt, weil ich sie vom Schoß meiner Mutter aus sah. Von jeder Höhe der vielen Hügel schwebt noch ihr stolzer Blick, ein Adler; und meines Vaters lustige Streiche stürmen eben um die Ecke der Stadt. »Wat wollt öhr van meck, eck sie jo sing Doochter.« Das rettet mich vor der schon erhobenen Faust [43] eines besoffenen Herumtreibers. Das verwilderte Jahrmarktgesindel rings um mich schwenkt meine Kindheit immer wieder von neuem wie in einer vielseitigen Luftschaukel auf und nieder. Das Geklingel der Karussellmusik, begleitet von Flüchen rauher Mäuler und Kreischen frivoler Weibsbilder, ist zärtlich meinem Ohr. Denn ich bin verliebt in die Stadt der Messen und Karussells. Mein Begleiter versucht mich zu überreden, mit ihm den Riesenjahrmarktplatz zu verlassen. Aber ich muß noch einige Male Karussell fahren. »Lott es doot, Lott es doot«, ich fahr für mein Leben gern; gerade die altmodischen Holztiere sind am fröhlichsten und drehlichsten. Mein Leopard springt auf Raub. Zwischen Aujust und Aujuste die Bewußte, hinter Caal und Caaroline, Alma, Luischen, Amanda. Gar nicht stolz bin ich – sie beginnen mich zu lieben. Ich bin verliebt in meine Stadt, manchmal schrei’ ich ganz laut auf, das überzeugt das rohe, arme Gesindel. Den Härrn Schüler haben viele gekannt, er hat sie umsonst wohnen lassen in seinen Häusern. – Wir gehen durch das Tor ins Elberfeld vor »dreihundert« Jahren. Mina singt gerade im Tingeltangel ihre Liebeslieder. In rosanen Atlaspantoffeln stecken ihre Klumpfüße, ein knappes Röckchen bedeckt ihren Allerweltsleib. Diese Undame charakterisiert das Chantant einer ganzen Zeit. Ich entgehe ihrem Spotte nicht, aber ich weiß ihr Achtung einzuflößen. Ist ihr Hals etwa nicht wie Milch? Und zu guter Letzt erkundige ich mich angelegentlich, wo man genau solche Pantoffeln bekommt in der Stadt, wie [44] die ihren sind. »Die sinn ut Engeland bei Paris.« – Nun hinein ins Kölner Hännesken! Gewaltsam zerre ich den Dichter zwischen die Clowns ins Innere des Brettertheaters. »Sie werden noch gestochen werden, wie Ihr Vater einmal.« Durch seine Uhr ging die Spitze des Metzgermessers. Am andern Morgen führten die jammernden Eltern den heulenden Sohn vor das fieberknarrende Bett meines Vaters. Er wußte, daß sie kommen würden, und drei Gläser und eine Flasche Rotwein standen zum Empfang auf dem Nachttisch. Aber er ächzte vor Schmerz, namentlich, als die fette Metzgersmutter begann, dat et där wackere Härr Schüler verzeehen mödd ... Ich bin verliebt in meine Stadt, aber schon muß ich Abschied nehmen wie von einem alten, düsteren Bilderbuch mit lauter Sagen. Niemand hat mich wiedererkannt, auch in Weidenhof der Wirt nicht, der immer einen ganz kleinen Kellner für mich herbeischaffen mußte am Festtag, wenn wir dort Forellen aßen. Und die Einkehr in meine Heimat habe ich einem Dichter in Elberfeld zu verdanken, der kam dorthin lange nach mir. Paul Zechs feine künstlerische Gedichte duften morsch und grün nach der Seele des Wuppertals.

[45] Arme Kinder reicher Leute

Der kleinen Hedwig Grieger

Und wo die ganze Erde im grünen Lachen steht und ein großer Spielplatz ist, fallen mir die vielen lieblichen Kindergesichtchen um so schmerzlicher auf, die da weinen im Sonnenschein. Ihre Löckchen flattern zwar lustig aus den feinen Spitzenhäubchen hervor, und viele von den Kleinen stecken in seidenen Tanzkleidchen. Aber sie dürfen sich an der Hand ihrer Begleiterinnen nicht recht freuen, und ihre runden Herzchen möchten hüpfen. Baby hat ein Knöpfchen von seinem Schuh abgerissen, es hat sich so gelangweilt – aber Detta muß ihn am Abend wieder annähen, dafür gibt’s eine Saftige. Auf dieselbe Bank setzt sich ein sogenanntes Fräulein, allerdings, sie trägt einen Federhut und hat die Allüren ihrer Dame abgesehen ... Sie rückt, den Abstand zwischen ihrer Person und ihren dienenden Kolleginnen zu wahren, vorsichtig an das äußerste Ende der Bank. Wie schon angedeutet, ist sie nicht aus der Gattung der gemeinen Kuhblume (s. Caltha), sie straft gebildeter. Mit einem Roman von Emile Zola schlägt sie ihre kleine Schutzbefohlene auf den Mund, auf die weißen Zuckerzähnchen. Und nur selten rügen Vorübergehende die brutale Eigenmächtigkeit dieser Donnas.

[46] Lottchen wird über die Straße geschleift, es ist so heiß, seine zweijährigen Beinchen können nicht mehr ausschreiten. »Ick soll dir woll tragen, olle Pute.« Keine der Mütter erbarmt sich seiner, und nur einige Mädchen mit der Schulmappe am Arm oder dem Ranzen auf dem Rücken bleiben entrüstet stehen und versuchen, die Kleine von der Hand ihrer Peinigerin zu befreien, die aber schlägt kreischend um sich – ein Volksauflauf entsteht und nimmt sich der armen dienenden Person an – ich und meine kleinen Verbündeten sind das Gespötte der Straße.

Am Nachmittag begegnen mir die tapferen Schulmädchen wieder, sie führen ihre kleinsten Geschwister spazieren und tummeln sich mit ihnen über die Wiesen; wie zärtlich sie mit den langen Zöpfen ihrem Brüderchen die Patschklatschhändchen und das bestaubte Gesichtchen säubert! Und welche Wonne, durch den kühlen Wiesenbach zu waten! Viele von ihnen brauchen nicht erst ihre Füße entblößen – heirassassa wie das Wasser aufspritzt. »Daß nur nicht die neuen Kleider naß werden!« erinnert die Älteste mit den langen Zöpfen. Sie steht noch im Pflichtgefühl zur Puppe. Vierzehn Jahre wird sie nächsten Monat; »ich komme«, erzählt sie mir, »in den Dienst nach der Einsegnung.« Sie hat keine Erfahrungen gemacht, und was sie vom Hörensagen getrübt weiß, ist noch zu verwischen. Ich habe immer solch eine Puppenmutter bei meinem Bengel, für seine sechs Jahre weiß er genug Streiche, ich lache ob seiner Ausgelassenheit, die auch von seiner Kameradin ungestraft bleibt. Sie balgen [47] sich und springen miteinander über die Wege, mutwillige Ziegenböcke. Aber auch besonnen kann seine junge Begleiterin sein. Auf jeden Fall befolgt sie noch schulgewohnt meine Worte und streikt nicht heimlich, wie manche ausgewachsene Personen, die schon aus Oppositionslust das Gegenteil ausführen.

Ja, diese Allzufreien. Arm machen sie manchmal die Kinder der reichen Leute mit ihren gehässigen Launen und niederen Liebeleien. Allerdings gibt es auch noch musterhafte Pädagoginnen unter den Kindermädchen oder »Fräuleins« – ich meine nicht solche, die unter jeden Schritt des Kindes ein Rechenexempel oder ein Abc legen, nein, ich meine jene, die zu spielen verstehen, und die müßten doppelt besoldet werden – welche ungeheuren Summen werden für den Magen ausgegeben, warum nicht für die Seele seines Kindes? Nichts fordert Technik in solch feinem Maße, wie die Kunst des Kindes, »das Spiel« – die bunten Gedanken zu drehen im Krausköpfchen, wie in einem Kaleidoskop. Ja, es gibt vortreffliche »Bonnen«, besorgte und doch heitere Freundinnen der Kinder. Aber wäre es nicht ratsam, weibliche Detektivs anzustellen, verheiratete Frauen, die die Überschreitungen der – minder Trefflichen draußen auf den Wegen beurteilen könnten? Mütter und Väter, sucht einmal euer Kind draußen in der sorglosen Natur, statt nur im Spielzimmer auf, dort werdet ihr die Hüterinnen eurer Kleinen ungeschminkt kennen lernen.

[48] Am Kurfürstendamm

Was mich im vorigen Winter traurig machte ...

Georg Fuchs in Freundschaft

Blumen werden bald blühen an beiden Seiten des Reitwegs am Kurfürstendamm. Wenn die lieblichen Reiterinnen an all dem Duft vorbeigaloppieren, dann ist es zu spät, ihnen zu sagen, daß die buntlachende Allee gesprengt wurde mit Schweiß und Blut Peitschender und Gepeitschter. Die Pferde vornehmer Landauer tanzen, ihre schwarzen Augen zünden vor Leuchten. Ich beginne sie mit ihren geplagten, wiehernden Brüdern zu beneiden. Die können nicht weiter durch den Hügel an Hügel aufgeworfenen Erdboden; ihre Hufe mußten sich selbst den Schmerzensweg bereiten. Da gibt es kein Pardon! Auch kein Mitleid der Spaziergänger, niemand will was mit den Fuhrleuten zu schaffen haben; in den neumodischen, wogenden Busen der Damen pocht kein Herz. Sie verhindern sogar ihre Männer, sich in Straßenangelegenheiten zu mischen. Manchmal stellen sich Kinder auf zur rechten und linken Seite des Dammes. Für sie ist es eine Unterhaltung, ein wirklicher Kientopp. Heute besah sich ein Schutzmann den unerhörten Vorgang. Aus einem Bäckerladen schickte eine Käuferin für [49] die Pferde alte Semmeln. Ich sah über dem Gesicht des uniformierten Mannes eine kräftige Freude marschieren. Und ich bat ihn, ob er nicht eingreifen wollte. Er erklärte mir, die Fuhrleute sind nicht so schlimm wie ihre Brotgeber. Weigert sich einer der Angestellten, wegen der nicht genügenden Anzahl der Pferde an seinem Karren loszufahren, verliert er seine zwanzig Mark per Woche. »Da lauern schon immer genug Brotlose vor der Türe.« Für die zwanzig Mark. – Sie leben, sie peitschen, sie fluchen dafür. Ihre Roheit besteht das Examen. »Dämlich Vieh, windelweich hau ick dir, faulet Luder!« Die Wut rinnt den Unmenschen über die Backen, den entblößten Hals hinab. Die Rücken der Tiere bluten vor Hieben. Wie sollen sie es anders machen? Verteidigt sie der Schutzmann. Denn es dauern ihn die Treiber ebenso wie die Pferde. Die Treiber, die nur zwanzig Mark verdienen pro Woche und sich so plagen müssen mit dem Vieh. »Es ist doch mal Vieh, es ist doch zum Ziehen da!« Ein paar Bürger stimmen ein in den bequemen Sang. Röhren sollen gelegt werden zum Ablauf des Wassers. Die Blumen, die bald auf beiden Seiten der Alleen wachsen, müssen bewässert werden. Gibt es denn keine Maschinen, die die Erde schließlich aufwälzen können? meint ein sechsjähriger kleiner altkluger Ingenieur. Er hält auch eine Maschine im kleinen aus einem Spielwarengeschäft in der Hand. Die Männer toben. Wilde Australneger sind Engel dagegen mit ihrem Schlachtgeschrei. Ich aber fühle ebenfalls die schwere [50] Schuld, die die Besitzer dieser Fuhrunternehmen treffen. Vorwurfsvoll schielen seine Knechte über die gefräßigen Pferde auf uns: Sie hätten selbst Hunger. Endlich aber entschließen sie sich, nach all den vergeblichen Peitschenhieben, die Pferde umzuspannen. Zu sechsen geht es doch besser über die holprige Strecke. »Ich hab das gleich gedacht«, gesteht der Schutzmann. »Aber sagen Sie mal was zu den Leuten!« Wenn die lieblichen Reiterinnen im Sommer auf ihren verwöhnten Schimmeln durch die Allee des Kurfürstendamms reiten, wird der Geranium zu ihren Seiten rot wie die vergossenen Blutstropfen der armen Pferde blühen. Sie hatten alle traurige Augen und ließen die Köpfe hängen.

[51] Der Alpenkönig und der Menschenfeind

Wer den Kulissenmantel des Alpenkönigs trug, vernahm ich beim ersten Ton der Rauschestimme. Albert Heine, der Herodes, ist zu viel für diese Papiermaché-Rolle. Ich habe vergessen, mir einen Theaterzettel zu kaufen, außerdem sitze ich vor einer Säule, und vor dieser pflanzt sich wild ein Herr auf mit einem Wasserkopf. Aber auch die übergroße Vegetation, die mir den Blick zur Bühne hemmt, vermag keineswegs meine Stimmung zu trüben, ich kam, um von dem romantisch-komischen Märchen Honig aus goldgeblümter Heiterkeit zu naschen. An meine Nachbarin mit dem künstlichen Busen wende ich mich mit behutsamer Frage, ich erfahre: Hinter den ältlichen Stirnfalten des Menschenfeindes verbirgt sich der Direktor selbst – Carl Meinhard. Es ist fast nicht zu glauben, gestern hörte ich ihn noch lachen im Café des Westens wie ein Achtzehnjähriger, und vorigen Winter trug er eine Knabenpelzmütze, die stand ihm (es gehört zwar nicht hierher) hervorragend. Nun steigt er aus dem Altbrunnen, ein greiser, grotesker Wolf (Bastard) – man erkennt ihn nicht wieder; und doch ist es Carl Meinhard, der Fagottspieler unter den [52] Darstellern, er spielt heute abend die grimmige Polka seiner Rolle mit Meisterfertigkeit. – In der Reihenfolge den Inhalt des romantisch-komischen Märchens zu erzählen, möchte ich dem Leser vorenthalten; selbst hören und sehen! Selbst ins Berliner Theater gehen. Ich hole nur die Hauptgestalten, die mir so sehr gefallen haben, hinter dem Vorhang hervor und stelle sie auf meine Hand, eine Miniaturbühne, ich, die Regisseurin aus Privatvergnügen. Rappelkopf, der reiche Gutsbesitzer (Carl Meinhard), sein Bedienter Habakuk (Oskar Sabo) und du, Josefine Dora, wo steckst du? Mögen die Leute denken, was sie wollen. Du singst ja selbst: Aber er denkt ... Habakuk, der Bediente des Herrn Rappelkopf, erinnert mich leise daran, daß er zwei Jahre in Paris gewesen ist, nichtsdestoweniger verleugnet sein Radieschengesicht »Läutemichels« berühmte Gemüsegärten. Er, ein dienernder Ungeschickter, ein tragischer August im allerkünstlerischsten Unsinn. Zwei Jahre war er in Paris gewesen. Das hebt ihn in den Augen des Personals vom Souterrain bis in den Salon der Herrschaft. Dieser soll das bedeutungsvolle Motto eine zarte Mahnung sein, für ihn selbst wird es zum Schild seines untergebenen Joches. Er war zwei Jahre in Paris gewesen, das macht Habakuk keck und überlegen und bringt wie eine Zauberformel einigen Glanz über seinen Dieneralltag. Jäh wird ihm der Spruch vor der dürftigen Kammer seines Herzens gestrichen, er darf nicht mehr seinen Lippen hochmütig entschlüpfen, sein menschenfeindlicher [53] Herr, zweiter Teil, hat es ihm verboten. Der Alpenkönig nämlich hat sich, um den Menschenfeind von seinem Wahn zu befreien, in dessen Gestalt und Wutausbrüche verwandelt. Und heimlich vertraut sich der stumme Bediente dem gemütlichen Onkel an, arglos dem wirklichen menschenfeindlichen Rappelkopf, der in seinem eigenen Hause im verträglichen Wesen des Onkels porträttreu zu Gast weilen muß. In keinem üblichen Brief, keiner knisternden Zeitung, in keiner unerwarteten Depesche steht es geschrieben, aber auf dem riesengroßen Taschentuch Habakuks, ehrfurchtsvoll seiner Hosentasche entzogen. Wir lesen es alle: er war zwei Jahre in Paris gewesen – und der mitleidige Onkel gestattet es ihm, herauszuschreien – endlos – endlich. Es kommt der erlösende Augenblick: Ich war zwei Jahre in Paris gewesen! Das macht ihm niemand nach, ich kann den Humor nicht schildern, es ist nicht nachzulachen. Tröste dich Habakuk, beraubte Dienerseele, ich war auch gewesen, ich war sechs Jahre in »Konstantinopel« gewesen – ich möchte es jedem an den glorreichen Kopf werfen, jedem in seine dicke Stirn schneiden – wer’s glaubt wird selig.

Um Himmels willen, Liesl (Josefine Dora) hörst du denn nicht, dein Herr ruft nach dir. Rappelkopf hat sämtliche Möbel zerschmettert. Das Liesl wagt sich mit Todesverachtung, wackelnd mit dem allerwertesten Vollmond in des Menschenfeinds Gemach – »aber er denkt« – Sie muß immer wieder das Lied singen mit dem Refrain: [54] Bassab, »aber er denkt« – und immer bassiger und spaßiger: aber er denkt ...

Der Beifall will nicht enden. Ich stürme noch einmal in Mantel und Hut auf meinen Platz zurück.

[55] Die beiden weißen Bänke vom Kurfürstendamm

Meinem lieben Freunde Andreas Meyer

Morgens standen sie plötzlich auf dem Kurfürstendamm wie vom Himmel gefallen in Mondsichelfasson. Die eine weiße Bank winkte den Leuten, die aus der Friedrich-Wilhelm-Gedächtniskirche kamen, freundlich zu, die andere weiße Bank lud eine blonde Schöne ein in aschgrünem Samt. Ich bin seitdem öfters an den weißen Bänken vorbeigegangen; gestern setzte ich mich zum erstenmal auf die eine, den Damm weiter, auf die andere. Guckte ich geradeaus, bot sich mir ein Kreuz- und Querbild. Man sieht es vielen Vorbeieilenden an am Operngucker in ihrer Hand, wohin sie wollen – zur Hochbahn – in einer halben Stunde fangen die Theater an. Andere kommen aus der Stadt, biegen um die Joachimsthaler Straße und kehren ein in das heimatliche Café des Westens. Kommen da zwei kleine, arme Mädchen; in ihrer Mitte ihren lebendigen, rotbäckigen Hampelmann, der sprechen kann. »Zwei Jahre ist er«, erzählen sie mir und streiten sich, wer ihn aufwarten, das heißt, wer mir von ihnen seine Kunststücke zeigen wird. »Wir sind keine Schwestern«, antworten die beiden gernegroßen [56] Mütter, sie lassen schon behäbig das Kinn hängen, fürsorglich sind sie um ihren kleinen Kasperle. »Wir sind jede für uns allein.« Sie meinten damit, sie sind nicht einmal verwandt. Lieschen ist in Pflege, ihr Pflegevater ist Nachtwächter – manchmal legt er sich vor Müdigkeit, wenn er morgens nach Haus kommt, mit dem Bund Schlüsseln und der Laterne ins Bette. Das andere Lieschen, sie heißen beide ganz gleich, erzählt: Sein Vater helfe einem Zauberer. »Ein schwarzer Neger ist sein Papa!« Es ruft mich jemand von der Haltestelle der Elektrischen, ein Dichter im Florentiner, er will in die Kolonie fahren. »Reisen Sie alleine, Torquato Tasso, ich will mich noch auf die weiße Schwesternbank setzen.« Ich sehe mich nach ihr um, sie glänzt viel bräutlicher wie diese, von der ich mich erhebe; und ich zögere, mich auf die myrtenweiße niederzusetzen. Aber die beiden Verliebten da bemerken es nicht. Aus der Kirche treten schon die ersten Sonntaglinge, die Sonne spielt Orgel um das Haus mit ihren schlanken Strahlen. Ich verstecke mein Gesicht in dem großen Glockenturm – sehe, höre und denke nichts, und doch findet man sich auf den weißen Bänken wieder, wenn man sich verloren hat.

[57] Lasker-Schüler contra B. und Genossen

Dem lieben Rechtsanwalt Hugo Caro in Verehrung

Seitdem einige Tageszeitungen um mein lyrisches Gedicht: »Leise sagen«, soviel Lärm geschlagen und mich für geisteskrank erklärt haben, hat sich eine Partei um mich erhoben, die es sich zum Lebenszweck angedeihen läßt, diese gefährliche Behauptung mit allen gerichtlichen Gegenbeweisen aus der Welt zu schaffen. Das Resultat ist: Ich werde beobachtet, nicht allein von einem Psychiater, auch von mir selbst – (ich wollte, ich könnte mir was dafür anrechnen –). Ich kann den ganzen Tag nicht auf einen Namen kommen, auf den Namen meines Urgroßvaters, der Scheik in Bagdad war. Dieser Zustand ist unsäglich unerträglich, als ob man gähnen muß und kann nicht, als ob man in eine Posaune blasen muß und findet die Öffnung nicht. Ich war heute schon überall, wo irgend etwas von Asien zu spüren ist. Auch im orientalischen Seminar war ich beim Rektor, der dachte freundlich über den Namen meines ehrwürdigen Urherrn nach, und alle seine Schüler taten das, und Schülerschüler, Muselmänner, Chinesen, Japaner, Studenten aus [58] Vampur, Koreaner, Sudanesen; es dachten Siamesen, Inder, Serben, Türken, Montenegriner, Talmudisten, Zionisten, auch die beiden Söhne einer Kaffernfamilie dachten, und denken wahrscheinlich jetzt noch nach. Ich habe kein Gedächtnis mehr, seitdem bei mir Gehirnerweichung in Frage genommen ist. Rechts vom Gehirn steht mein Heer – links der Feind. Ich fühle seitdem auch nicht mehr richtig, ich taste; die Sternwarte meines Herzens ist getrübt – und mein Horizont liegt hinter dem Rubikon – und der Verlag Sturm – verweht meinen Geist. Wie soll ich mich beschäftigen? Ist mein Psychiater nicht bei mir, fahr’ ich zu ihm heraus und bringe ihm einen Kloß meines Gehirns. Ich muß immer meckern, wenn ich bei ihm bin; er hat einen roten Ziegenbart. Ich konnte mich schon als Kind nicht beschäftigen, meist habe ich mit Knöpfen gespielt, aber ich habe alle verloren oder wo angenäht, und wenn der Psychiater nicht eindringlicher mich beobachtet, werde ich es den Redaktionen der Zeitungen mitteilen, die mich bei der Gehirnerweichung ertappten; sie haben ihn doch für mich engagiert, und er muß seine Pflicht tun.

Ich laufe jetzt so gern über Wiesen; Knaben gewähre ich mit Vorliebe mein Gehirn, solange es noch einigermaßen hartköpfig ist, zur Zielscheibe ihrer Gewehre. Das Sprechen wird mir schwer; wenn ich singen könnte! Dann könnte ich viel besser alles sagen. Aber ich habe zu jung gesungen, die frühe Blüte meines Kehlkopfes war [59] noch nicht befestigt. Sprechen lernte ich schon beim Milchtrinken, aber das Singen hätte ich unterdrücken müssen, Talente sollte man mindestens fünfzehn Jahre im Steckkissen herumtragen. Dabei wird man immer kleiner und schläfriger. Ich bat heute den Psychiater, er solle mich ein bißchen in seinem Kinderwagen herumfahren. Er hat nämlich einen im Nebenzimmer stehen, darin seine Frau ihre Hoffnungen spazierenfährt, schon zwei Jahre, damit er sie nicht verstößt. Von seinem zukünftigen Sohne lasse er sich die Fesseln der Ehe gefallen, aber nicht von seiner Frau, die geht immer in blau, weil sie den Himmel auf Erden vermißt. Er aber hat mir ein Rasselchen geschenkt, ich hätte viel lieber die Gummipuppe gehabt, für in den Mund zu nehmen. Ich habe einen Brief von mir selbst von früher gefunden, an meine britische Busenfreundin, den lese ich dem Psychiater vor. Seitdem ich diesen Brief geschrieben habe, ist mein Herz graumeliert, und Dr. Ziegenbart sagt: »Lesen Sie!« Dear Mabel! Manchmal hab ich so Sehnsucht, ich säß wieder nachmittags an einem großen, runden Tisch neben meiner Mama und so zwischen meinen Schwestern und Brüdern, und oben sitzt mein Papa, und wir trinken zusammen um vier Uhr Kaffee aus der silbernen Kaffeemaschine durch Filtrierpapier – und so ganz zusammengerückt sitzen wir, wie eine Insel, aus einem Stück. Nichts Fremdes mehr, aber wir fließen ineinander, trotzdem wir Geschwister alle anders waren, und fürchten uns nicht vor dem Tode, weil einer den [60] andern ersetzt. Das ist lange her, ich weiß auch nicht, warum ich daran so oft denke, zumal ich doch Robinson wurde, durchbrannte in die Welt, weil ich dem Robinson auf dem Deckel seiner Geschichte so ähnlich sah. Und ich liebte das Abenteuer, das hat nichts mit der Stube zu tun, und wenn es auch eine herrliche ist. Aber dreimal im Leben hatte ich eine große Sehnsucht, wieder in einer Stube neben Mama und Papa und Geschwistern zu sitzen. Als ich mich zum ersten Male vermählte. Aber ich fiel ins Haus und verletzte mir die Knie, die bluten seitdem. Und das zweitemal, das war noch trauriger; da folgte ich meinem Verlobten in seine Heimatstube. Ich saß neben seiner Schwester; mein Verlobter saß neben seiner Mama, und oben am Tischanfang trank sein Papa den Nachmittagskaffee, und auf einmal sah ich, daß die fremde Mama meinem Verlobten ein großes Stück Kuchen auf den Teller legte, ein Stück Torte mit einer Frucht darauf; und ich bekam ein schmales Stück Torte ohne eine rote Kirsche; da war ich plötzlich ganz klein wie zu Haus und weinte. Und zum dritten Male überkam mich die Sehnsucht, mit meinen Verehrern in ihr Haus zu gehen. Das erinnerte mich am wirklichsten an zu Haus. So viel Geschwister, die sprachen wie meine Schwestern und Brüder und waren schön, aber dann kam ein großer Hund und schnüffelte um den Tisch herum, bis er mich fand; denn einem von den drei Brüdern hatte ich das Herz gefressen. Ich sehne mich nun nicht mehr nach einer Stube, wo eine Mama und ein Papa und Geschwister um den Tisch sitzen [61] und eine Insel sind. Mein Angebeteter verspottet mich und meint, ich ziere mich wie ein Backfisch. Ich habe kein Verlangen mehr nach der heiligen Nachmittagsstube, und ich bin wirklich der Robinson auf dem Deckel seiner Abenteuer. Aber ich möchte noch die ganze Nacht so traurig erzählen. Many greetings, dein Robinson. – Wer mich alles in die drei ersten Stuben geführt habe, meint der Psychiater, sei für ihn nicht schwer zu enträtseln, aber den Angebeteten möchte er kennen lernen, der eine Ausnahme bilde, da ich seiner Eltern Stube nicht heimsuchte. Ich verstehe; des Doktors psychologische Weise ist mir sympathisch. Der Psychiater nickt mit dem Kopf; er ist Schriftsteller nebenbei, und hat Momente der Psyche aufzuweisen, die bei Doktoren ohne Drum und Dran nicht vorhanden sind. Sein Ton ist mitleidig, wäre er eine Frau, spräche er wehleidig. Ich habe das Glück, daß er keine Frau ist. Zwischen ihm und seiner Frau fällt ein schwarzer Vorhang, aber über seinem Schreibtisch hängt unverschleiert, aber zahm verblümt, ein deutscher Gelehrter mit einem Bart aus Eichenlaub; sein früherer Universitätsprofessor; den muß er zum Aufreizen seiner Nerven haben. Auch steht in seinem Sprechzimmer eine Lampe, deren Birne streikt, weil sie kein Apfel ist. Der Waschtisch seiner medizinischen Hände läuft nicht, er steht auf Plattfüßen. Mein Zimmer funktioniert viel besser, es liegt am See, an der Waschschüssel. Und dabei spreche ich immer vom Tigris, nicht wahr? Verhöhnt mich nur, liebwerte, wahrhafte Leser; oh, diese Welt mit ihren [62] Flüssen, Nebenflüssen und Überflüssen! Es hat jemand dem Psychiater gesagt, ich sei abnorm eifersüchtig. Das könnte allenfalls ein Symptom von Gehirnerweichung sein. Aber was soll ich mit meinem Mann sprechen, wenn er in der Nacht nach Haus kommt, als Eifersucht. Der Leser soll mir die Frage ganz aufrichtig beantworten, bitte. Ich lehne an seinem Rücken wie vor einem blinden Fenster. Übrigens ist meine Eifersucht nicht subjektiv, sie ist eine Landeigenschaft, ein Kostüm, eine Nationaltracht der Seele. Meinem Psychiater leuchtet die landläufige Logik wirklich ein; ich bin ein für allemal von ihm als gesund entlassen, und brauche mich nicht mehr seinen Beobachtungen zu unterziehen. Der Feind ist verurteilt vom hohen Gerichtshof zu zehn Mark Schadenersatz; hätte er nicht schon Berufung eingelegt, so hätte ich es ihm geraten, denn er soll in schlechten Verhältnissen sein – ich bin zu weich ...! Was soll ich nun tun, als über den Namen meines Urgroßvaters nachdenken? Im Augenblick, wo ich glaube, ich habe ihn, kugelt er noch schwerer als Blei in meinen Rachen zurück. Wie ein einbalsamierter Leib. Dabei höre ich den Namen meines Urgroßvaters auf meiner Zunge, eine Melodie, einen Psalm. Ich muß mich zerstreuen, ich werde die Redaktionen, die so lange nun mit mir in Konnex standen, um Verzeihung bitten; ich kann doch nicht dafür, daß ich keine Gehirnerweichung habe! Der Psychiater glaubt doch nicht daran! Das Leben ist was furchtbar Schmerzliches; alle meinen, daß es nur was Enttäuschendes ist. Ich [63] meine beides und gaukle mit Geschicken. Und wie das Leben vom Milieu abhängt, wenigstens meins. Läge zum Beispiel das Fenster meines Zimmers statt nach gegenüber, seitwärts mit dem Blick nach dem Westhimmel, wo abends der Mars aufmarschiert, hätte ich Freude am Leben gehabt und wüßte, warum ich lebe – aber so! Wenn ich nun meinen Angebeteten nicht mehr interessiere – ohne Gehirnerweichung –? Er ist ein Sonntagskind, ich bin ein Feiertagskind, das nicht gehalten wird; er findet keine Ruhe in mir. Wir lieben uns, wie die verschiedenen Liebenden auf Erden und im Himmel. Wie selige Engel mit der Pose des Flügels, wie die ersten Menschen, die noch glühend waren, wie zwei große Blumen hinter der Hecke, die nichts wiedersagt, wie zwei Rubinen im Reichsring eines Kaisers und manchmal früh am Morgen wie zwei Schakale. Ich mache mir gar kein Gewissen daraus; alle Romane der Ehe sind Unwahrheiten! In Wirklichkeit gibt es kein Gewissen. Aber, daß ich den Namen meines Blutpächters, meines Urgroßvaters, vergessen habe, darüber mache ich mir heftige Gewissensbisse.

[64] Coranna

Eine Indianergeschichte gestaltet von Slevogt

Dem hochverehrten, feinen Professor Walther Otto

Mein Junge trägt einen Indianerschmuck in den Haaren, grüne, gelbe, blaue, lila und rote Federn, und um seine Lenden einen Gurt aus Vogelbeeren und harten Muscheln. Aber er weiß nichts von den Menschen in Wild-West. Ich kaufe ihm aus Furcht, er könne eines Tages nach drüben durchbrennen, keine Indianergeschichten. Der kupferrote Gott ist der Fanatismus der Knaben. Seine Legenden sind gefährlich, sie kommen über einen, ihre Bilder machen Mut, stählern. Grüngelbblaulilarot! Meine Brüder machten sich in nächtlicher Frühe mit ihren Freunden auf und davon – der Skalpgott rief sie aus dem Elternhaus. Sie hatten sich schon Wochen vorher für ihr Sonntagsgeld Pfeifchen, Tabak, Zigarren und dergleichen mehr für den Tausch Drüben besorgt. Manche von ihnen stahlen ihren Schwestern Ohrringe, Broschen, Ketten für die Häuptlingsfrauen und Indianermädchen. Aber die Reise ging nur bis Bremen, die strafenden Väter ließen die Durchbrenner grausam wieder in die Heimat transportieren. Mein Vater jedoch war im Grunde seines Herzens stolz darauf; [65] er ließ meinen Brüdern im Garten ein Indianerzelt aufschlagen, kaufte Speere und andere Mordwaffen und Gürtel, deren Skalpflachshaare fast bis zur Erde reichten ... Es ist schon lange, lange her, ich habe seit Indianerjahren kein Indianerbuch mehr aufgeschlagen. Nun liegt ein großes in den Farben der Kupferhaut auf meinem Schoß. Slevogt hat gezaubert, als er die Gestalten des Werkes erschuf nächtlich auf weißer Prärie; seine schwarze Feder zeichnete kupferrotes Leben. Ich muß die wilden Wildwestmenschen festhalten, sie laufen, galoppieren meinen Blick entlang, über meine Hände hinweg in die Freiheit. Tänze, Kämpfe, Ritte führen sie auf, ich vernehme Pferdegetrampel, höre Kriegsrufe, werde eingehüllt vom aufwirbelnden Nebel flüchtender, feindlicher Stämme. Mich ergreift die Sehnsucht meiner Brüder.

[66] Die schwere Stunde

Ich wollte ein Schmerzen rege sich

Und stürze mich grausam nieder

Und riß mich je an mich!

Und es lege eine Schöpferlust

Mich wieder in meine Heimat

Unter der Mutterbrust.

Ein sorglos abgetanes Urteil las ich dieser Tage über die ungeheure Schöpfung: Die schwere Stunde von Charlotte Berend. Die Wirkung des Bildes auf den Kritiker hat mich zwar nicht überrascht; viele seiner kritisierenden Vorfahren verwechselten schon die Erzkraft eines Kunstwerks mit der entblößten Brutalität. Es gehört schon ein Jahrtausendblick dazu, gerade den Wert dieses gottalten Bildes der Charlotte Berend zu erkennen – sein Allvatername heißt das Gesetz. Ich hoffe nicht, daß die Künstlerin aus Bescheidenheit den königlichen Namen fälschte. Sie hat ihre Schöpfung aus dem Mark aller Farben erschaffen. Es nahte ihre selige, schwere Stunde selbst. Das Wunder der Inspiration schlug sie zur Riesin.

Ich sehe zunächst kühl und sachlich eine Mutter, die ein Kind zur Welt bringt. Die weise Frau am Fußende des Bettes wartet hilfebereit. »Herr, gestehen Sie es, und [67] auch Sie, Frau Ehegattin. Sie vermißten den besorgten Hausvater zwischen dem Spalt der Türe vorsichtig lauschend. Das wäre wenigstens noch gefühlvoll gewesen« ... gerade das Nichtfamiliäre verleiht dem Bild das Unpersönliche, baut das Werk mit kosmischen Knochen auf. – Was soll das kleine Mädchen am Bett der Mutter? »Es ist ja erst zwölf Jahre alt.« Es ist vielleicht noch jünger, und es tat mir wirklich furchtbar leid, wenn beim Betrachten der kleinen Gegenwart des unschuldigen Wesens, gefühlvollen Damen eine schmerzhafte Entrüstung anging, aber ich sage: die Kleine gehört zu der ungeheuren Landschaft des Leibes; auf dem Rand des Lebenskelches sitzt sie, das schwebende Auge zurückgelehnt, voll Grauen und Wunder gelähmt. Ein Seraph – aber gleich, wird sie ihre Lippen öffnen und die ernste Melodie der Dichtung über den sich bäumenden, felsgeöffneten Leib der Mutter singen. – Und die Vorsehung, wie man die Wartende am Fußende des Lagers nennen könnte, wendet die letzte Nüchternheit des Vorganges mit einem Tuch, wie mit einer Wolke ab. – Eine Heilige hätte nicht keuscher gedichtet, das Problem des Odems gestaltet. Ich habe nie in Wirklichkeit ein kindtragendes Weib mit solcher Ehrfurcht betrachtet, wie diese Riesenmutter, von einer Riesin gemalt, auf ihrem Riesenbilde. Sie hauchte nicht nur über den lebengeöffneten Vorgang die Scham, sie nahm dem Prangen auch jede Fessel der Sklaverei, die mich anwidert beim Anblick einer begnadeten Frau. Charlotte Berend hat ein Historienbild [68] des Naturgesetzes gemalt; es müßte neben Michelangelos Moses im Tempel der Galerien hängen.

[69] Wenn mein Herz gesund wär –

Kinematographisches

In Verehrung für Ludwig Kainer

Wenn mein Herz gesund wär, spräng ich zuerst aus dem Fenster; dann ging ich in den Kientopp und käm nie wieder heraus. Es ist mir genau so, als ob ich das große Los gewonnen hab’ und noch nicht ausbezahlt bin, oder auf einer Pferdelotterie einen Gaul gewonnen hab’ und keinen Stall »umsonst« auftreiben kann. Das Leben ist doch eigentlich ein Wendeltreppendrama, immer so rund herauf und wieder hinunter, immer um sich selbst wie bei den Sternen. Ich bin in freudiger Verzweiflung, in verzweifelter Freudigkeit; am liebsten machte ich einen Todessprung oder einen Jux. Meine Freundin Laurentia zecht wie ein Fuchs, sie studiert die Sprache der alten Herren, ich meine Griechisch und Lateinisch und macht gute Fortschritte. Aber was geht mich das alles an; ich will nichts wissen, nichts. Wenn es nur nicht klopfen würde!

Das Gehirn wird rein aufgewühlt, es klopft nicht allein unten jeden Freitag und Sonnabend, jedes Stäubchen wird aufgewirbelt, es klopft auch an den anderen Wochentagen, [70] denn ich wohne zwischen Haus und Haus und muß die Brutalität aller Höfe ertragen. Ich sitze immer bei geschlossenen Fenstern und werde gar nichts von dem Sommer haben; ausgehen kann ich nicht, ich schreibe Geistergeschichten; ich habe Schulden. Dabei zieht’s, wenn ich die Türen rechts und links und hinter mir auflasse. Ich trage seit dieser Wohnung ein Katzenfell; wenn ich abends wo eingeladen bin, überkommt mich eine furchtbare Angst, ich könnte anfangen zu miauen. Ich hab’ gar keine Lust zum Leben mehr, wenn noch die Menschen gerne meine Lyrik lesen wollten; wer sie gern liest, der soll mir doch mal einen netten Brief schreiben. Ich muß nämlich wegen meiner Krankheit in Kleesalz baden, damit man nicht über mich ausrutscht. Ich habe dann immer so eine Langeweile in der Badewanne, und lese gerne schmeichelhafte Briefe an mich. Was einen schlechte Kritiken ärgern! Man hat doch sofort jemand gern, der einem schöne Worte schreibt. Es gibt sympathische Geschöpfe auf der Welt. Ich kann nur Weißgesichter nicht leiden, ich habe einen Argwohn gegen Licht. Darum nehme ich mir auch nur schwarze Mägde und Diener. Ich habe zwei Neger und zwei Indianerinnen; Tecofis Vaterhäuptling kommt manchmal nach Berlin und tritt dort mit seiner Truppe im Chât noir auf. Tecofi fragt mich, wenn sein Vater nach Berlin kommt, ob er bei mir in der Badewanne schlafen könne. Ich hab’ nichts dagegen. Mein Somalineger ist königlicherer Abstammung, sein Vater besitzt bei Teneriffa Hammelherden. Manchmal [71] schickt er mir ein paar abgezogene Hammel, die kommen als Hautgoutragout hier an. Oßmann, mein jüngerer Neger, sieht aus, wie ein sinnender Gorilla im Pflanzenkübel. Böse Spezies, herrlich zu schauen, aber man muß ihn in Ruhe lassen; seit kurzem pfeif’ ich auch nicht mehr, wenn er jemandem den Kopf abbeißen soll, er ist zu schade, zu wertvoll, um zu gehorchen, selbst mir. Meine beiden Indianerinnen sind emsige Mädchen, sie sind angestellt von mir, die Fäden meiner Logik zu suchen, die Logik meiner Unterhaltung zu finden. Manchmal suchen sie die ganze Nacht, ich fürchte, sie werden sich einmal in einem Augenblick an meinem Leitfaden aufhängen. Das muß man in Kauf nehmen, dunkle Leute sind schlechte Spürhunde, sie können nichts finden in der Nacht ihrer Haut. Halloh, was tät’ ich, wenn mein Herz gesund wär? Ich glaube nicht, daß mein Herz aus Fleisch und Blut ist, rissig sind seine Wände; es hat weniger Augenblickswert als Ewigkeitswert, darum bin ich vollständig unbrauchbar für den Vorbeipassierenden, ich bin nur interessant für den Forscher. Immer klingelt es in den effektvollsten Stellen. »Hier 45,24 wer dort?« »Pharao & Fils, Theaterdirektion, sind Sie Else Lasker-Schüler?« »Leider.« »Frohlocken Sie nicht, verzweifeln Sie nicht, meine Dame, ich frage Sie an, ganz ergebenst, würden Sie ein Engagement am Wintergarten annehmen, monatlich mit einer Gage von 10 000 Mark? das macht im Jahr rund 100 000 Mark?« »Sie spaßen wohl, Herr, es ist doch nicht üblich, am Varieté länger, als einen [72] Monat die Artisten zu beschäftigen.« »Aber uns liegt daran, meine Gnädigste, Sie an unser Varieté zu fesseln.« »Es handelt sich wohl um meine arabische Szene, Herr Dr. Pharao?« »Ganz recht! Da Sie hoch zu Kamel über Theben sitzen.« »Herr, ich kenne Sie, so einen ungeschminkten Baß gibt es nicht am Varieté.« Schluß! Mein Brief: Herzallerliebster in Adrianopel! Er fragte mich nämlich an, ob ich ihn noch liebe, bittet mich, ihn nicht zu belügen. Ich werde ihm doch keinen Stoff zur Lyrik geben, (er ist Dichter), »ich liebe ihn also! Basta!« Könnte ich doch auch ein bißchen nach der Türkei, zumal meine Vorfahren alle in Sänften getragen wurden. Das Gehen wird mir darum schwer. Wo bei Euch die Sohlen schon erkaltet sind, sind sie bei mir noch Glut. Wenn mein Herz gesund wär, was tät’ ich dann? Einen Augenblick bitte! Ich würde mich pudelnackt ausziehen und mich in ein Süßwasser werfen, wo die sanften Fische leben, aber Schuppen kann ich nicht leiden. Oder ich ging nach dem Südpol und wärmte mich mal ganz tüchtig ein. Was soll ich noch machen? Ich blieb gerade am Wendekreis stehen, zum Trotz. Den Sternbildern würde ich Schnurrbärte malen. Ist es nicht himmelschade, daß mein Herz nicht gesund ist? Vom Mond kommen die Herzkrankheiten, namentlich die Neurosen. Alle Krankheiten kommen von oben. Hier unten ist es ganz nett. Darum stürzen auch so viele Aviatiker vom Himmel herab; das Fahrzeug platzt ja gar nicht, die Fallsucht kriegen sie alle, je höher sie die Bazillen der Gestirne einsaugen. Wie [73] die Aviatiker aussehn: Wie die Vögel, ihre Nasen sind Schnäbel und die Köpfe strecken sie in die Höhe. Ein neues Menschengeschlecht. Ich hab’ kein Geld, aber darum kann ich mich doch nicht von der Welt abschließen, zumal ich ganz allein umsonst in den Himmel gehen kann. Außerdem bot man mir die Regierung in Theben an; ich regiere sogar schon pro forma. Die Leute in Berlin sagen, ich habe eine fixe Idee. Das heißt, im Grunde eine Beschäftigung. Ich bin der Prinz von Theben. Nur Kaiser Nikita kann mir nachfühlen, was Regieren heißt. Ich habe wie er ein bunt’ Volk. Nachts liege ich auf dem Dach, und bei Tage sitze ich unter meiner Palme und regiere. Ich bin für alles verantwortlich; mein Volk schielt noch vor Ungewißheit, es meint, ich mache Ulk, aber auch der Ulk ist mir bitterer Ernst. Ich bevorzuge nichts – nur einige Menschen. Bin ungerecht, weil ich Geschmack habe, künstlerischen Sinn habe; meine Rede ans Volk bedient sich nicht des Punktes, weil ich mich nicht binden will. Ich bin am tolerantesten gegen mich, ich bin gnädig gegen mich, ich bin einig mit mir, aus Diplomatie, weil sich mein Volk an mich halten muß. Ich denke nur viel, sehr arg, unmittelbar, ich lasse alle meine Gedanken ganz nahe an mich herankommen, damit sie das Fürchten verlernen. Wenn ich nur nicht schon in der Frühe von so vielen muselmännischen Barbieren gestört würde, die mich tätowieren wollen, von abendländischen Malern, die mich porträtieren wollen. Nachts werde ich immer im Schlummer auf meinem Dach gestört von meinen Paschas, die vor [74] Begeisterung meines Regierungsantritts nicht ruhen können. Sie haben immer in der Audienz, die ich ihnen erteilte, eine Frage unaufgeworfen vergessen, die sie treibt. Seitdem ich als regierender Prinz in Theben gewählt bin, bewegen sich viele Ehrgeizige in derselben Tracht und Gebärde in den Straßen der Stadt, die mir zu gleichen trachten. Meine Epigonen! Denn regieren ist auch eine Kunst, eine Eigenschaft, wie die Malerei, die Dichtkunst und die Musik. Die Epigonie aber ist eine Tätigkeit, darum bringt die Epigonie was ein, wie die Arbeit. Ich arbeite nie, ich hasse den Schreibtisch – zwar hab’ ich selbst einen – aber er ist nie ganz gewesen. Heute Nacht, da meine Neger schliefen, erbrachen die Paschas gewaltsam die Pforte, die zu meinem Dache führt, wegen der Freimarken. Ich wurde in der Nacht noch im Profil (Seite steht mir besser wie en face), im Turban und Regierungsmantel photographiert in allen Farben; auf allen Postämtern meiner Stadt verbreitet man Mich Allerhöchst.

[75] Der Eisenbahnräuber

Vielleicht gehe ich noch einmal in den Schwank, sein Humor hat doppelte Lebenskraft, man kann sich zweimal totlachen. Es fällt mir gar nicht ein, den Inhalt des kleinen Lustspiels zu verraten, nur möchte ich seinen famosen Darstellern für den schönen Abend und vor allen Dingen dem Autor Fritz Gräbert für den lustigen Streich danken. Arthur Winckler spielte den ehemaligen Bäckermeister August Pickenbach mit Rosinen und Korinthen und allen außergewöhnlichen Zutaten. Emmy Dittmar, allerdings eine Schulreiterin, in die man sich verlieben kann. Frau Meyer (Rosa Schäffel), man soll sich noch so eine gute Wirtin suchen! Es war ein lachendes Zusammenspiel, ein Tanz, leichtfüßig, ein Walzer: An der blauen Donau, wenn auch der erste Aufzug in Ostende an der Nordsee spielt und der Herr Rentier Bäckermeister Pickenbach auf berlinisch mir und mich der neuen Bekanntschaft beim Sekt sein Mehlherz ausschüttet. Man kommt nicht aus dem Lachen heraus, der traurigen Jungfrau Sentimentalität ist der Eintritt verboten, der Autor hat die banale Tochter zu Hause gelassen, er ironisiert selbst den Kuß. Er mag nicht eines Kusses wegen einen Augenblick Lachen einbüßen. »Skool!« ruft mein Nachbar. Er ist Schwede. Ein Liebespaar, [76] zwei Turteltauben, stehn doch sonst immerwo im dritten Akt, gefüllt oder ungefüllt, am Nischenfenster und girren im frischesten Lustspiel geheuchelte Sehnsucht. Meine Angst war also hier vergebens. Und mich belustigt ungestört der ungeschlachte, wollige Liebhaber Maler Hans Wegemann (Carl Wessel), es blieb ihm jedes Wort im Hals stecken, bis er zum beißenden Hammel ausreifte unter der Leitung seiner Backfischbraut Marie, der Tochter Pickenbachs (Grete Kroll). Die vielen Hände, die einen Wirbel klatschten, waren nicht zu übersehen.

[77] Im neopathetischen Kabarett

Tausend und Einer. Ich habe mich nicht verzählt, las auch, während ich die Köpfe zählte, Arnim Wassermann Verse seiner Herzensdichter. Weich und herb, reich und superbe ist seine Sprache; dazu sein schwärmerisches, knabenhaftes Savoyardengesicht! – Ich suche nach einem Stuhl, der im Verborgenen blüht – endlich finde ich so ein Veilchen abseits am Tapetenrand; ich setze mich. Meine Tänzerin Zobeide, die sehr neugierig auf das Kabarett der Neopathetik ist, ruht schon lange müde zwischen weißen, lilagelben, roten und himmelblauen Mädchen; ein Dichter mit Honiglippen und zwei Augen, naschhafte Bienen, als einziger Tasso neben ihr und ihren bräutlichen Schwestern. Es betritt jemand den Ölberg des Saals und predigt über Kunst. Der Vortrag ist geistvoll, wenn man sich auch durch Mimik und Brille in die Schule zurückversetzt glaubt. Noch immer höre ich keine Gedichte von mir – warum lud man mich ein, zumal ich keineswegs objektiv bin? Auf einmal flattert ein Rabe auf, ein schwarzschillernder Kopf blickt finster über die Brüstung des Lesepults. Jakob van Hoddis. Er spricht seine kurzen Verse trotzig und strotzend, die sind so blank geprägt, man könnte sie ihm stehlen. Vierreiher – Inschriften; rund herum müßten sie auf Talern geschrieben [78] stehn in einem Sozialdichterstaat. Ich muß immer ans Geld denken; wie man so runterkommt – wenn Zobeide, meine Tänzerin, ein Portemonnaie bei sich hätte, würde ich doch zu der Menschenhitze kein Glas Limonade trinken. Ich höre, wie ein Vortragender mit triumphierendem Gesicht Stefan Georges Dichtungen als Ruhepunkt bezeichnet. Das muß ich widerlegen. Stefan Georges Gedichte wandeln allerdings, ohne müde zu werden; nicht bunte Karawanen über Sandwege; aus ihnen weht die Kühle endloser Prozessionen zwischen frommen Schlössern und himmelblauen Domen. Die Orthographie der Georgeverse erinnert in ihrer Gleichtönigkeit leicht an englische Sonntagsruhe. War’s das, lieber Vortragender? Gern hätte ich die Rede von Kurt Hiller, dem Präsidenten des neopathetischen Kabaretts, gehört.

Zobeide, meine Tänzerin, will noch nicht mit nach Hause kommen.

[79] Kabarett Nachtlicht – Wien

Der lieben Malerin Lene Kainer

Die Straßen enden in Rundungen, tanzumschlingende Arme. Wir wandeln in einem endlosen Saal durch Wien. Es ist Nacht – die Mondkrone mit den vielen tausend Sternenkerzen brennt lustig über der Stadt der Walzer. Aber nur wenige Menschen begegnen uns, vom Vergnügen kehren die letzten heim, und ihre Gedanken drehen sich noch mit den blauen Donauklängen leichtfüßig über das spiegelblanke Leben. Aber die Wiener sind höflich gegen ihre Fremdlinge (wir suchen nämlich das Kabarett Nachtlicht), noch im Tanztaumel besinnen sie sich nach dem entferntesten Winkel, begleiten sogar den Suchenden bis an Ort und Stelle. Da steht’s ja: »Kabarett Nachtlicht« – Erich Mühsam trägt gerade seine »Amanda« vor. Er sieht noch lebenslässiger aus wie in Berlin. Zwar sitzt sein Rock heute ohne Tadel, und seine Mähne, löwengelb, ist gepflegter wie an der Spree. Aber er bangt sich nach Ruhe, und auch die Jungfern seiner Verse mit dem nächtlichen unrechtlichen Geschick sind müde, sich hier weiter zu produzieren. »Ein Kunststück, seien Sie mal Schlußnummer – komme erst um 5 Uhr morgens in die Klappe.« Nichtsdestoweniger will er uns noch ins Kasino begleiten. Dort tanzt eine schwarze [80] Blondine, »Spaniens Madonna«, sagt Peter Altenberg im Vorübergehen. Er ist im Begriff, gestützt auf seinen Knüppelstock, das Kabarett zu verlassen – ihm folgt die kleine Künstlergesellschaft.

Am andern Abend sind wir zeitiger da. Es treten uns einige von den Mitwirkenden entgegen: Jener mit dem Monokle im Auge kommt mir bekannt vor. »Gewiß, Frau Lasker-Schüler, wir haben uns schon oft im Café Kurfürstendamm in Berlin gesehen.« Er ist Roda Roda, der humoristische Schriftsteller. In eine der kleinen Logen setzen wir uns, seine scharmanten Humoresken zu hören. Das Publikum applaudiert, bevor er beginnt; es weiß, nun gibt’s was zu lachen. Im Kakaduton schäkert er mit ihnen wie mit einer Schar hörlustiger Kinder. Junge und alte Geschäftsleute, kleine Mädchen, Damen der Gesellschaft, Offiziere, selbst die Erzherzöge kommen, das Nachtlicht morgens auszublasen. In einer Rumpelkammer spinnwebgrau sitzen wir, unwillkürlich sucht man nach allerlei altmodischem Gerümpel. Bestaubte Figuren und Porträts, näher betrachtet von neuen Künstlern ausgeführt, hängen an den Wänden, und auf der Konsole über dem blonden Kopf eines Leutnants steht die Statuette von Madame Delvard, der Scharfrichterin. Sie ist die einzige, die den elf Scharfrichtern in München zur Hand ging. »Ich werde extra einige Chansons für sie singen.« spricht sie zu mir – ich liebe ihre graziöse Stimme, dunkler vergrößern sich ihre graublauen Augen zwischen [81] zitternden Lidern. Ihre Nervosität duftet. Sie ist eine erwachte Klimtblume aus dem magischen Farbentraum des Meisters. Blasse Lichtchen werfen einen Schleier auf ihre beringten Hände, die schlaff herabhängen an ihrem überschlanken Samtstengelleib, wie weiße tauschimmernde Blätter. Und Wedekinds rotäugige Straßenlieder singt sie mit der Schüchternheit eines Kindes. So leicht kommt sie nicht von der Bühne herunter: ein Lied und immer noch eins – »Der Bauer wollt’ fahren ins Heu!« Unwiderruflich das letzte – aber sie singt es mit frischer Kraft, sie singt es bedeutend, stößt es von sich, wie aufschießende Saat. Da steht keine ätherische Prinzessin mehr im Lichtschaum; Acker liegt unter ihrer Zunge, Peter Altenberg nickt zustimmend und setzt sich neben mich in die kleine Loge. Monsieur Henry, Madame Delvards Gatte, begleitet ihre Lieder am Klavier, aber auch er ist ein Vortragsmeister. Ich werde nie seine Ballade vom »Heiligen Nicolas« vergessen, seine rauschige Schwermutsstimme. Monsieur Henry ist der gewandteste unter den blutigen Elfen in München gewesen, und ein Kavalier ersten Ranges. Wir wollen uns wieder vom Zuschauerraum an den Künstlertisch zurückziehen; doch Peter Altenberg hält mich auf meinem Platz zurück. »Das Meißnerfigürchen müssen Sie noch sehen und die drei Handwerksburschen.« Sie stehen schon auf der Bühne in altfränkischen, goldknöpfigen Röcken, die Mützen geschmückt mit Eichenlaub. Ihr Wanderlied beglückt mich ebenso immer wieder wie meinen Nachbar. Er ist nächtlich Gast des [82] Kabaretts; die Umgebung dieser Künstlerkinder tut ihm wohl, der Aufenthalt auf der kleinen Künstlerinsel unter dem guten grünlich flackernden Miniaturstern. Ein kostbares Spitzengewebe ist seine Seele, jedes holprige Wort bleibt in ihren Seidenmassen hängen. Aber wen der gute Blick seines Schelmenauges trifft, der möchte ihn wohl ergreifen können und in ein Enveloppe als Andenken legen. Und sollte er sich nicht ärgern über die Breitheit der Menschen – »nichtsdestoweniger zerstreut es mich, nachmittags am Graben im Café zu sitzen und die bunte Bewegung anzusehen«. Ich möchte manchmal zu ihm sagen, so ganz unmotiviert: »Lieber Peter Altenberg.« – – – Es ist gleich Morgen – wir wollen alle noch einmal Carmen tanzen sehen – – und dann lebt wohl, ihr lieben Künstler, so ball kemma ma nöt wieda zsamm.

[83] Apollotheater

Der Kohinoor meines Nachbars tanzt hin und her, macht Sprünge auf seinem Zeichenblock wie die Clowns dort auf dem Rade. Jetzt nascht er von der Chansonette im honiggelben Frack. Einige von den Umrissen leben auf dem weißen Untergrund, neckisch, eckig hingeworfen, namentlich der eine von der Clowniade ist very fine getroffen. Ein Klatschwirbel holt the english artist auf die Bühne zurück. Was ist mit ihm geschehen! Seine Stirn nach allen Richtungen hin zur Unförmigkeit aufgedunsen. Zweifellos hat er die englische Krankheit mit herüber gebracht. Es gibt keinen Spaß, den der nicht da gedacht hat, und ich muß ehrlich auch in diesem Essay gestehen, es kommt nun noch dazu, daß ich die Brüder aus London besonders mag, »ich hab’ noch nie so gelacht wie heute!« Der Kohinoor meines Nachbars lauscht zugespitzt; die zwei ehrwürdigen Bordellmatronenwirtinnen vor mir erinnern sich gegenseitig ihres Amtes. Geliebter und Geliebtin blicken sich zu in der Loge wie die schillernden Demi-Monde auf dem Vorhang, der sich weltenseufzend spaltet und das Gemach der Sultana enthüllt. Nackte Frauen steigen (obere, kleine Bühne) aus ihrem Brunnenbade wie im wirklichen Harem eines Sultans. Am Fuß der Treppe, die zum eigentlichen Gemach [84] der Herrin führt, wacht der Wächter armverschränkt. Endlich nahen die erfrischten Schönen, aber ihre Haare duften nicht nach Pharaonenblüten, auch sind ihre Glieder keineswegs ungelöste Geheimnisse. Und statt Sultana betritt Frau Betty das Gemach, die Freundin des amüsanten Frauendoktors, ihres wohlsituierten Mannes treue Tennispartnerin. Sie liest auch Romane – – schwüle mit Betthimmelpointen und Daunenliederbordüren, und ich fürchte, daß die Halbmonde der Dekoration vor Begierde rein zu Glotzmonden werden. Die Freundinnen beginnen endlich, indes Sultana ihren Leib dem Divan und dem Kissen gibt, mit ihren Tauchtänzen (kein Druckfehler), Schleier-Eiertänzen; man vernimmt Arm- und Beingegackel. Der Wächter tritt vor, er ist nicht »Asra«, er schreit nicht ia, furchtbar kracht sein Wort, sein Antlitz bleich, sein Turban – – Blut. Die Tänzerinnen vertanzen in den Keller. Jäh springt Sultana von ihrem Lager auf und stößt auf Jargon von sich: »Was willst du von mir, Hund!« »Der Sultan, dein Gebieter hat es so befohlen.« Betty du mußt sterben ... Und deine Tändelei hört auf im Mondscheinvorhang. Leise nähert sich der Wächter ihrem Ohre, aber Sultana wählt lieber den Tod, als daß sie sich, Sultana bleibe stark, dem intriganten Schuften schenken mag. Diese temperamentvolle Charakterfeste, warum gastiert sie nicht bei Gebrüder Herrnfeld? Die zwei greisen Leopardinnen vor mir schnurren, der Kohinoor meines Freundes fällt bleischwer zu Boden. Männer ergreifen auf die Gebärde des Wächters [85] erbarmungslos die Geprüfte. Arme schicke Betty, tipptopp, peitschensiebenhiebenspaltig! Ob wir paar Geschworene im Zuschauerraum auch von deiner Unschuld überzeugt sind – – es nützt nichts. Markerschütternd verenden deine Hilferufe. Aber in weißen Tennisschuhen und weißem Flanellhemd steht die Taube von Gatte am Fußende des Ruhebetts. Statt der zunehmenden goldenen Viertel- und Halbkugeln – – Tapetengeknospe. Wärter: »Sultana« ... und wieder ihr Name leise verbettelnd: Ein Tropfen des Turbans klebt auf der aufgeschlagenen Seite des Romans.

Wie eine Erlösung nun das Konzert auf dem Banjo der lovely, sweet Miß, ihr Spiel verbreitet hellen, herben Zauber. Und nach ihr der musikalische Clown mit der Entennase, er verabreicht kurzweg ein Konzert auf den Messingknöpfen eines Schirmständers, ich habe mich in der Zeit verliebt in ihn, – – – mein Herz sprach immer schon für einen August, über den man sich totlacht. Und Euch sparte ich mir bis zuletzt auf, edle, blonde Senora Fornarina, ich möchte Euch etwas besonders Schönes sagen, goldene Traube Spaniens.

[86] Tigerin, Affe und Kuckuck

Tierfabel

Zirkus Busch ist in seinem Extrazug von Berlin abgereist. Ich bin zu seinem Abschied auf die Bahn gekommen, früh am Morgen; der Komet stand noch über der Sternwarte, aber die Zirkussterne, Schulreiterinnen, Jongleure, Auguste, der Riese mit dem Zwerg, der große Bär, die Elefantin, das Dromedar, der glitzernde Galawagen, alle waren sie im Lauf und bald im vollsten Zuge. Noch lange hörte ich das Brüllen der Tigerinnen, nie haßte ein Mann so wütend das Weib wie der Bändiger dieser gestreiften Katzenleiber. Der Puls des Zirkus blieb stehn, trat der unerschrockene Sultan in das Gittergemach seiner brüllenden Sklavinnen. Er mißbraucht sie nicht zu Kunststücken, läßt er auch die Kunstreiterin seiner Tigerinnen durch einen Papierreifen springen. Wollust bereitet ihm, seine wutschäumenden Tigerweiber mit Stangen und Schüssen bis zur Wutekstase zu reizen und sie zu bezwingen. Schschschschschschsch – sch – die beiden eleganten Brüder Fillies und ihre graziöse Schwester werfen noch einen kurzen Blick auf den Perron, der Clown mit der genialen Ungeschicklichkeit verlangt auf idiotisch vom Zeitungsträger den »Ulk« – Sch .... Berlin hat sein größtes Kind eine Weile verloren, den [87] Zirkus; wo geht man nun hin, um zuzugucken? Wie ein Mensch soll der Affe sich im Wintergarten benehmen. Herr Darwin, der Enkel des großen Zoologen, wird mich ins Varieté begleiten. Es ergreift ihn, so einen gebildeten Vorfahren seiner Baumzeit zu sehen. Ich bin ebenfalls von dem fletschenden Erzurgroßvater entzückt. Ein Gourmet ist der greise Herr, keineswegs lebt er von Luft und Erkenntnis. Der verwandte Künstler da oben verzehrte ein Menu von Dressel und regalierte sich an Heidsieck-Monopol. Mit Verbindlichkeit raucht er die Zigarette, die ihm ein Bewunderer verehrte. »Es ist Zeit« noch prüft er die Zeiger auf seiner Uhr. – Ich möchte mich auch in ein solches Prachtbett legen – ich bin müde – die Nacht vorher brachte ich, mich verirrend, in der Kolonie Grunewald zu; im Rieselregen auf einer runden Sommerbühne, worauf die Gärtner Kiesel legen. Nasse Nacht, kein Komet mehr. Ich war trostlos. Plötzlich rief der Kuckuck – ich bezog es zuerst persönlich, aber so unhöflich sind nur die Kuckucksuhren. Dieser da zwischen jungem Grün, zwischen April und Mai, ist ein vortragender Künstler, ein wundervoller Komiker. Also gibt es wirklich Kuckucke? Ich dachte immer, es sei eine Fabel.

[88] Im Zirkus

Meinem lieben blauen Reiter Franz Marc und seiner blauen Reiterin

Die junge Reitkünstlerin Miß Ella kehrt in die Manege zurück und schlägt die ausgelassensten Purzelbäume. Und dann kommen Paolo, Luigi und Alberto, die drei Gigerl, und treiben aneinander Gymnastik mit der markigen Beweglichkeit großer Leonharder Hunde. Vier braune, ungarische Pferdeprinzen, deren Haut unter dem Schein der vielen Kristallsterne wie Gold glänzt, tanzen mit wilder Anmut und königlicher Grandezza. »Als ob sie Musik in den schlanken Waden haben!« sagt mein Begleiter zu mir. Und nun das Intermezzo der beiden Clowns. »Er ist mein Bruder«, kreischt Aujust, der blöde Aujust, der amüsante Idiot. Wie ein Gänserich watschelt er in seinen sackweiten Hosen quer durch die Manege. Fräulein Marinka, die sanfte, graziöse Erzieherin auf einem ihrer zwei artigen Pferde sitzend – ringelrangelreihe singen die Geigen – und ihre beiden Zöglinge springen vor Vergnügen. Und wieder ertönt die Musik hoch oben vom Zirkus, das sind heiße Carmentöne, walzerartig in rundem Klingen geblasen. »Hier ist die Verunstaltung erträglich«, sagt mein Begleiter zu mir, »es paßt zum Milieu.« Und immer bunter werden die [89] Klänge ... in schimmernde, mattfarbene Stoffe gehüllt kommen reizende Spanierinnen geritten und feurige, spanische Kavaliere. Heißer und tollkühner wird der tanzende Ritt; die bacchantischen Donnas sausen wie Feuerstürme über den Sand, auf dem Rücken ihrer Zauberrosse liegend – indessen die Senores mit liebenswürdiger Höflichkeit aufrecht zu Pferde, dem Winke ihrer Damen harren.

Aujust! Aujust! Wo bist de, Aujust? Da steht er ja, versteckt hinter der niedrigen Brüstung der Manege und heult in Trompetentönen, daß alle Herzen Purzelbäume schlagen und immer höher wächst er, immer höher. »Det hat keenen juten Anbejinn und een langet Uffwehen«, quietscht Aujusten sein Bruder mit den wulstigen Mehlbacken und der Haardüte auf dem spitzen Kopf, indessen Aujust die Manege in Melancholie, langsam wie ein wandelnder Turm durchschreitet. »Det Luder ist maschuche jeworden, weil der kleine Cohn sinn Vater is!«

Schon harren die drei blonden englischen Reiterinnen in blauer Seide; lovely Girls, drei holde Mädchenenzianen. Hei, wie sie springen, bergauf und herunter von dem Rücken ihres wiehernden Vogels. Nun trägt er sie alle drei über den Sand in tausende Märchen, weithin, in blaue Gärten ... Ich entwand meinem Begleiter die weiße Rose, die über seinem Herzen blühte. »Miß here! catch it!«

[90] 10 Minuten Pause!

»Wie gefällt es dir!« »Es ist wie ein blühendes Abenteuer. Es ist, als ob ich brausenden, dunklen Wein trinke, und ich vergesse alles was grau ist und hinkt. Ich sitze in einem bunten, jauchzenden Schoß, und um ihn herum wachsen ragende Gefahren, die aber lustige Kleider tragen.« Wir gehen durch die weiten Korridorhallen. Galawagen auf Goldrädern, Riesendrachen aus Papiermaché, zusammengeklappte Bretterhäuser, Fässer, allerlei Gerümpel, Kostüme mit Silberfransen, Steinen und Perlen liegen in übermütiger Unordnung zwischen dem Mobiliar. Wir treten in die Ställe ein: da stehen die herrlichen Schimmel mit der silberschimmernden Haut und den Seidenschweifen, wie helle Rosen des Frühfrühlings. Und dort die finsteren Rappen mit den großen Feueraugen. Eine kleine Treppe führt uns abwärts in die Stallungen der Elefanten – diese grauen, schweren Gebäude aus Fleisch und Knochen mit den winzigen Guckaugenfensterchen. Als wir wieder auf unseren Plätzen saßen, war die Manege mit eisernen Gittern umzäunt. Zwei mächtige Löwen schreiten in den Käfig und hinter ihnen die anderen Könige der Kraft. »Nero! Herkules! Agamemnon! Odysseus! Hektor! Kambyses! Hierher! Dorthin! Willst du! Vite, vite! Ah, mon cher.« – und dann wieder im gebrochenen Deutsch: »Aben Sie die Güte, mein Freund.« Mademoiselle Claire, du grausamste Braut! Mit erhobenem Arm, mit drohender Liebenswürdigkeit beugt [91] sie den Willen ihrer grimmigen Sklaven. Ihr weißer Hals lockt wie Süßigkeit, ihr blendender Hals, das Ideal ihrer brüllenden Verehrer. »Ah, messieurs! Hektor, Agamemnon, Kambyses, dînez, s’il vous plaît.« Und sie tafelt ihnen blutende Leckerbissen. Das gierige Brüllen und Knurren dröhnt durch die weiten Räume des Zirkus in aufwachsender Wildheit. Hastig eilt der Diener herein und wieder heraus aus dem Käfig, Gerätschaften bringt er, Kugeln, Stangen, Fässer holend, Stühle und Tische – aus Gauklern besteht die gefährliche Truppe. »Genug, Madame Claire!« Nero muß sich noch auf dem Seil produzieren. Gewandt, wie ein Seiltänzer dreht er sich, in der Mitte des Seiles angelangt, um sich selbst. »Brav gemacht!« Seine Brüder sind schon alle gefangen in der kleinen Nacht ihrer Wagenherberge, und er allein liegt noch ausgestreckt, wie im Sande der Wüste und schlummert. »Nero, wache auf! Nero, ich muß bitten« – aber Nero rührt sich nicht, er öffnet zwar seine gelben Augen – und ihn auf den Schultern nach Hause tragend, wie ein müdes Baby, durchschreitet die furchtbare Heilige, die heilige Kriegerin, eine Siegerin das Eisentor.

Als der Direktor seine zwei Perserhengste vorführte, sah ich zwischen den Tönen der tanzenden Musik noch die grimmige Pranke Agamemnons, die nach seiner Schönen ausholte und das schwärmerische Anschmiegen Neros.

Im Eingang der Manege stehen zwei Riesenelefanten, [92] zwei Schulräte an Ruhe und Würde. Etliche helle und dunkle Pferdchen springen, fleißige Schulbuben hinter einigen größeren Apfelschimmeln, die ernst und gravitätisch in der Mitte des Zirkus haltmachen. Aber in fauler Gemütsruhe spazieren die kleinen Elefanten herbei, und dann ungeduldig die mutwilligen Zebras mit den glänzenden Streifen auf der Haut. Und nun laufen sie allesamt in verschiedenem Tempo, als ob sie artig das Abc sagen. Tatrata tönen die Trompeten und die Hörner, Reiter und Reiterinnen in ziegelroten Tuchanzügen, galoppieren auf ihren schlanken Rennern über Zäune und Hecken, dem Edelwild nach, den Hirschen und leichtfüßigen Gazellen – und da läuft ja auch der Aujust in rasender Angst durch den weiten Manegeraum und hinter ihm ein Wild mit einer vielästigen Geweihkrone. Die Puste jeht Aujusten aus. Er stöhnt, er schreit und gestikuliert mit allen Vieren. »Herr Stallmeister, retten Sie mir!!!« Und zum Schluß: Mr. Bob, the little gentleman, mit seiner kleinen sechsjährigen Dame auf dem Pferde ...

Noch in Hut und Mantel stehen die Zuschauer vor ihren Plätzen. – Es kann doch eigentlich noch gar nicht aus sein – tuuht, tuuht! Über die Manege des Zirkus senkt sich schwer von der Decke des Zirkus eine Riesenfeuerglocke. Aujust ist durchgebrannt!! Rotumhüllte Clowns, wie in Glut gebadet, wandeln knurrend über den Sand, immer auf und ab; die Anführer tragen Aujustens Herz aus kariertem Zucker auf einem roten Kattunkissen. Aber [93] da steht er ja oben auf dem Olymp: »Aujust, sollst mal runter kommen!« schallen tausend Stimmen durcheinander – aber Aujust steht drohend aufgerichtet, seine Nase ist spitz wie eine Nadel, seine Augen sind wutrot aus den Höhlen getreten. Düstere Zettel fliegen auf das Publikum. Er streikt, er beansprucht im Namen der Clowngesellschaft mit beschränkter Haft erhöhten Lohn – er droht mit juten Witzen. Und mit einem langen Purzelbaum setzt er über unzählige Köpfe lachender Hörer hinweg durch eine der Ausgangstüren. – Die vielen Lichter werden trübe, wie müde Augen – ich und mein Begleiter sind die letzten der Aufbrechenden – der große Zirkus ist ganz allein.

[94] Zirkuspferde

Der lieblichen Fürstin Helle von Soutzo

Der Tempel der Pferde ist der Zirkus, ich meine, jedes Pferd will spielen, und das heißt auf die Sprache des Wieherns, beten; alle Tiere wollen spielen, aber welche Tieraugen brennen vor Begeisterung so tief wie die des Rappen; die Schimmel sind fromme Pilger oder Heilige. Päpstinnen, wie Santa Anna, Leo ritt auf ihren unbefleckten, weißen Rücken zwischen frommen Hecken seiner päpstlichen Gärten. Ich gehe jeden Monat in den großen Zirkustempel Busch, zu jedem Feiertag der Pferde, zu ihrem Galadienst. Am liebsten sind mir ihre Feier ohne vielerlei Äußerlichkeiten, wenn sie ungesattelt ohne Reiter oder Reiterinnen sich tanzend im Kreise bewegen, ihr eigenes Blut feiern nach Herzenslust. Gefallen lasse ich mir die drei Geschwister Fillis im Zirkus Busch, des berühmten, französischen Reiters Reitlinge. Die stören den Rhythmus des Pferdespiels nicht; ihre Gestalten sind selbst schlankgeweiht dem Ritt. Mademoiselle Fillis, die Schwester der beiden jungen Chevaliers ist verwachsen, wie ihre Brüder, mit dem Rücken ihres wiehernden Priesters. – Mein Vater und meine Mutter ritten durch die Akazienchausseen meiner Heimat; meiner Mutter Edelstute wallfahrtet oft durch meine Erinnerung [95] und trägt mir dichterische Gedanken zu, und meines Vaters Hengst setzt über mein Blut und läßt es aufschäumen. Ich liebe euch, ihr Pferde mit den langen Seidenschweifen, Atlas ist eure Haut und feuerfarbener Samt eure Augen. Solche Schönheit ist die Frömmigkeit der Pferde, gezüchtet, spielfähig und buntgebenedeit. Ich wüßte keine andere Stätte, die den Namen Tempel der Pferde verdiente, wie den Zirkus. Etwa der Rennstall? Prostituiertes Pferdepriestertum. »Beten« heißt »Spielen« der Pferde und gibt es einen lustigeren, weihevolleren Sandtempel als den Zirkus. – Hochmütig ihrer Zucht bewußt, schütteln die Herrenpferde ihre Mähnen, kehren verächtlich dem Liebesäugeln einer dreisten Lastpferdin oder einer brünstigen Dickschenkelin ihres Pferdevolkes den Rücken. Sie gehen keine Mesalliance ein. Glücklich macht mich der Anblick eines Reiters, paßt er sich dem Denken seines Trägers an. Wie denkt sein Pferd, sein wohlgepflegtes Pferd? Trabweise, sprungweise, galoppierend, immer in Gedanken, treu seiner Bewegung. Und das überträgt sich dem Kavalier und seiner Dame, Halbpriester der da oben, Halbpriesterin, die auf des Pferdes Rücken. Voll Spiellust sind die Füllen; jeden Morgen wartete ungeduldig so ein Nimmermüdes auf mich und meine Schulkameradin. Über den Zaun auf seine Wiese sprangen wir schulvergessend – wer von uns drei wohl am liebsten Zeck spiele! Darum empfinde ich schmerzlich jede Mißhandlung der Karrenpferde. Bang wie Regen fließen die dunklen Lider über ihre trüben [96] Augen. Wie denkt so ein Pferd? Kummer bedrückt sein Herz und beugt seinen verhärmten Kopf. Manchmal tröstet der Braune den Schwarzen oder der Apfelschimmel die müde Apfelschimmelin. – Wie futterfreudig hingegen an ihren fetten Trog denken die markigen Erntepferde; an den Seiten des Kopfes tragen sie den blanken Messingschmuck. Zwei, vier Kinderhände, vom reichen Schulzen die Buben, halten sich an den Strähnen der Mähne des schnaubenden vierbeinigen Bauern fest, und einige Plumssäcke liegen auf dem Hinterviertel seines stampfenden, drallen Pferdeweibs. Ich liebe euch alle, ihr Pferde, auch die Zwergpferdchen aus Gullivers Zwerglande im Zirkus Busch.

[97] Zirkus Busch

»Wann fängt es an?« Daß wir nur ganz pünktlich dort sind! Ich will lieber den ersten Aufzug einer Theaterpremiere versäumen als die Reiterin im Quastensattel. Es hieße eine Erinnerung schießen lassen. Erstaunte, großaufgetane Augen bekommt man im Zirkus, und die Lippen werden rot und runden sich. Und alle Menschen, die zugucken, sind Kinder.

Das ist es: Zugucken soll man.

Nach dem Steppenritt – die liebenswürdige Schulreiterin im blauen Tuchkleid; ihr folgen weißbegossene Pudel, zwei Clowns. Beim Müller waren sie und wollen nun zum Bäcker in den Ofen. Hinter ihnen hilflos der wirkliche August in spitzen, amerikanischen Lackschuhen, gentlemanlike gekleidet. Auf einmal öffnet sich der Vorhang der oberen kleinen Bühne. An stählernen Recken strecken sich schmiegsame Menschenleiber, wie Katzen hin und her auf Samthänden und leisen Füßen. Aber unten in der Manege stampfen schon die schwarzen Zigeunerpferde. Ich liebe die Pferde. Es sind gestaltgewordene Sagen, Legenden, Märchen aus Tausendundeiner Nacht. Wann setzen die wiehernden Paschas über den Bankzaun, im Kreis den Sand aufwirbelnd zur Wolke! Ihre Nacken [98] schmückt der Halbmond mit dem Stern. Oben vom Gipfel des Zirkus braust ein Marsch. Ich hörte ihn schon am Bosporus; Abdul Hamids Sohn hat ihn vertont. – Die Kristallkronen senken sich majestätisch, der bunte Riesenraum wird zu einem Krönungssaal. Die Ringer warten schon vor der Halle. Schlanke Königssöhne aus dem Norden, ihre Schultern sind dunkelvergoldet von der Mitternachtssonne. Dichtungen werden Wahrheiten. Johannes Josefsson, ein isländischer Achill, er führt den Heroentanz der Kraft auf. Ich muß an den schönen Halbgott denken, noch zwischen den Indianern, Farmern und Cowboys. Eine interessante Häuptlingsfamilie. Man bekommt Lust, mitzupantomimen. Ich halte die übliche verzuckerte Nußstange noch unberührt in der Hand. – – Morgen Mittwoch acht Uhr, große Galavorstellung.

[99] Unser Spielgefährte Theodorio Däubler

Ein Wort an unseren hochverehrten Theodor Wolff

Herr Chefredakteur! Wir Freunde des riesengroßen Triestiners fühlen uns schwer angegriffen durch die fahrlässige Kritik des Doktor Kritikers L. im Feuilleton Ihrer Zeitung. Am Montag Abend saß Theodorio Däubler im Salon Cassirer vor einem Lesetisch, der unter seinem Ellenbogen zu zersplittern drohte, aber noch gewaltiger bebte unter seiner Welt. Der Dichter sprach das Wort, das allerdings auszusprechen in seiner Sternmilliardenart länger dauerte, wie die dahingemeinten Worte des Kritikers, die zusammengefügt, Verständnislosigkeit ergaben. Ich bedauere nur, hochverehrter Theodor Wolff, daß Sie sich nicht als Kritiker unter den Zuhörern befanden, in der festen Überzeugung, daß Sie den lesenden Cyklopen nicht nur durch den äußersten Anstand, aber auch durch große Anerkennung geehrt hätten, indes sich Herr Dr. L. sehr zeitig von seinem Platz erhob – aber uns nicht aus der Fassung brachte. Denn wir verwandeln uns zu edlen leuchtenden Steinen, wenn unser Cyklop spricht in seiner Meeressprache, heranbrausende, felshohe dunkle Wellen aus Burgunder. Wir [100] verlassen ihn nicht »wenn der Hahn dreimal kräht«, wie Herr Dr. L. prophezeite, ein voreiliger, farbenblinder Hellseher fürwahr, der uns Spielgefährten des Theodorios abtrünnige Krämerseelen andichtet. Wir wissen, wer zwischen uns ist und lassen ihn nicht ungestraft auch nur mit Kieselsteinchen bewerfen, die er in seiner großen reinen Arglosigkeit erst gewahrt, wenn sie ihm die Pore seines Herzens verstopfen. So traf ich gestern unseren treuen Freund, geschmäht vor der Menschheit, eine einsame Barlachfigur, ein drohender Holzmann aus Dickicht und schwerem Gewölk gebaut, dem ein Vorbeischlendernder in die Rinde ein Schmähwort einkratzte. Frevel!!

[101] Brief an Korrodi

Hochzuverehrender Herr Doktor!

Vielleicht tun Sie mir den großen Gefallen, den Herrn Bundesrat so im Vorbeigehn zu fragen, ob ich wieder in die Schweiz kommen darf? Die Möven vom Zürchersee schreiben mir so sehnsüchtige Briefe und ich sehne mich nach den weißen Vögeln, schreiender Schnee, wilde Bräute der Nordsee, weichgefiederte Abenteuerinnen. »Wär ich doch eine Möve! Ich brauchte nicht auf mein Visum warten.« Als ich diesen Seufzer in Berlin vor dem Fräulein Schweizergesandtschaft ausstieß, meinte sie argwöhnisch, »wer weiß, ob nicht doch einem dieser weißen Vögel ein schwarzes Herz unter den Daunen lauert?« Doch der verantwortlichen Dame leuchtete es ein, daß die Vögelinen, die alljährlich als Gäste Ihre Stadt besuchen, das Edelweiß des Meeres sind und am Tintenklecks ihres Busens sterben würden. Dennoch zeigte die gemilderte Beamtin betroffen in meinem alten Paß auf das Wort – »Schriftstellerin!?«. Sie hat schon den richtigen Instinkt, denn Schriftstellerinnen sind immer tätig und tätige Menschen sind gefährlich, oft sogar unzurechnungsfähig; aber ich sei nur erdentrückt, erklärte ich ihr, sozusagen eine Dichterin, das Blumige aller Aufsätze und Artikel, hinge wohl mit den [102] Blättern im Zusammenhang, aber nicht am Kopf. Seitdem wartet das belehrte Fräulein mit mir Tag und Nacht auf mein Visum. Mir ist, als ob ich schon wochenlang im Wartezimmer eines Nervenarztes warte. Sanitätsrat Magnus Hirschfeld hat mir Fichtennadelbäder verschrieben; ich warte also scheinbar im Gehölz. Und ich bitte Sie nochmals, Herr Doktor, ein Wort an höchster Stelle für mich einzulegen, meine Wiederkehr in die Schweiz zu beschleunigen oder gar zu erwirken. – »Daß ich tot zur Welt kam«, erzählte ich Ihnen ja schon vertraulich. Von unerlaubten Umtrieben kann also doch keine Rede sein. Ich spukte höchstens mal um Mitternacht in den kleinen Gassen und Winkeln Ihrer Stadt umher, meist unter Aufsicht meiner beiden Zürcher Freunde; über die hohlen, rissigen Wege, unter dem priesterlichen Wintermond wandelten wir an niederen, bunten Häuschen vorbei wie durch Steinhecken. Max Gubler, der große Zürcher Maler, die Schafgarbe unter den Hirten, malte seine schlafende Stadt in allen ihren Schneemänteln. Ich in der Mitte, steigen wir die hohen Treppen wieder talab. Gubler bestätigte immer sanft meinen Überschwang, aber Melchior Knecht alias Walter Meier, der Dichter, sprach den Sopran zu meiner Begeisterung. Sie merken, Herr Doktor, ich bin mit meinen Gedanken schon in Zürich; auf seinem weiten Bahnhof stehe ich und vernehme mit Entzücken, wie höflich sich aller Länder Sprachen begegnen und ich glaube, man erzielt nur tolerante, taktvolle Menschen durch unbehindertes Sichmischenlassen. [103] Und so hat von allem abgesehen: Brotkarten, grasso od olio, Bolschewismus, die Einreise der Fremden in Ihr Land ein Gutes wenigstens gehabt. (Ich denke an mich ...) Ich liebe die Schweiz, über Zürichs interessante Bahnhofstraße, die zu den Cafés, Terrasse und Odéon führt, durch die frischfreien Städte aus Kristall, schreiten oft Männer breitschultrig, Gesicht und Bart aus Holz sofort aus Hodlers Gemälden kommend. Der Meistermaler selbst hatte ein großes Holzherz in der Brust, an dem ein Edelspecht klopfte. Ich liebe Ihr Land, seine lieblichen Täler, die Bäche lächeln wie Grübchen. Die Höhen sind Götter und tragen grünliche Gletscherbärte. Und die vielen Wiesen und Seen und Wälder; ihre blühenden Spielsachen bedeckt, wenn es kalt wird der Schneestern. Und immer legt der Himmel dem Berg einen zartfarbenen Schleier um den Rücken, bis die Goldmutter ihn aufknüpft. Von meinem großen Bogenfenster im herrlichen Elitehotel bemerkte ich oft, wie mich die Gipfel der erhobenen Erden grüßten; einer der Bergkolosse, Sie glaubten mir ja nie etwas, Herr Doktor, kam tatsächlich ungehindert des Kirchturms und der Häuser bis dicht vor meinem Balkon und grollte. Ein Berg muß grollen! Mein Gemach war überhaupt ein dreieckiger Waldfleck; ich lag morgens zwischen dem matten Grün der Gobelintapeten, bis mich eine gestickte Nachtigall erweckte. Der junge Josefl, meines liebenswürdigen Hoteliers einziger Sohn, erwartet mich mit Schmerzen in jedem ankommenden Zug aus der Richtung Berlin. Ich [104] bin nämlich die einzige Sterbliche, die mit ihm zu überlegen vermag, ob er Moissi oder Edison werden soll. –

Aus der unabsehbaren Trübe möchten viele Menschen in die Schweiz kommen und daß die Tanzsucht ausbrach und in Berlin und Umgebung, epidemisch zunimmt, gerade im lahmgelegtesten Land, ist weiter nichts anderes, als die natürliche Sehnsucht, eigener Bangigkeit zu entkommen – Flucht (ohne Visum). Denn selbst der Mond über der Hauptstadt von Deutschland ist nicht mehr der alleinige wohlbeleibte, alte Herr; zusammengeschrumpft, gallenerkrankt murrt er grießtrübe über ein Land, dessen Herz blutgenagelt an der Verzweiflung hängt. Von der maschinellen Bewegung des Krieges waren die Menschen eingeschläfert. Zu Maschinengewehren gehören Bleisoldaten. Die wilden Stämme der Wüste überfallen sich über Nacht, Herr Doktor, um sich in der Frühe schluchzend zu versöhnen. Solche Kämpfe sind mir verständlich, sie sind organisch und menschlich und sozusagen wild aufgewachsen. Aber da ich nie lernen konnte, bin ich vielleicht nicht maßgebend, Herr Doktor. Ich meine je mehr Todesmaschinen gebaut werden, desto weniger seelische Kräfte können sich entfalten. Früher reiste man noch ab und zu in der Phantasie nach Vampur; wer tut das noch mit der Palme in der Hand? Jetzt steigen die Reisenden in den Flugapparat, da ihre Herzen entflügelt sind, und erzählen keineswegs, wohin sie geflogen sind, aber wieviele Kilometer weit. In der Schweiz [105] haben die Menschen das Steigen zu Fuß noch nicht verlernt. Sie sind auch verwandt mit jedem Stein und jeder Alpenblume ihrer Heimat. Und die Erbauer der Zahnradbahnen sind viele einer Gebärde mit ihren Bergrücken vom Tal zur Höhe. Die Dolderbahn in Zürich usw. Bei einem Ausflug in den Tessin fuhr ich im Locarnos Funicolare; Paole Pedrazzini hat sie gebaut, ein schwindeliger Flug, eine jedesmal wieder sicher verhinderte Luftkatastrophe, ein monumentaler abgeschossener Pfeil über wildwachsendem Felsgrund, schaurig und süß an Goldbüschen, Quellgeriesel und hohen blühenden Camelienköniginnen vorbei erreicht die genialste Bahn ihr Heiligtum, den Gipfel des Klosters Madonna del Sasso, deren Mönche, Großgemsen, feierlich zur Maria emporkletterten oder über des Erbauers heroischem Rücken die Himmelspforte erreichen. – »Das Schweizerland ist doch ein besonderes Erdreich«, sagte Wedekind zu mir, wir warteten beide auf der Landungsbrücke des Züricher Sees auf unser Schiffchen. Er wollte nach Rüschlikon zu Dr. Guggenbühl, ich nach Kilchberg in Dr. Hubers großes Sanatorium, – wieder – Kuchen essen lernen zwischen Schlaraffenlandlaub. Selbstlos ist es und üblich, seinen Gästen in Deutschland vom eigenen trockenen Brot zu reichen, also seinen Leib zu brechen. Ja ein hungerndes Land übt heilige Gastfreundschaft und Abendmahl, schon der Jesuse zum Angedenken und Treue, die meist noch nicht einmal für ihr Ideal am Kreuz hangen oder gar in Massengräbern von Ratten angenagt verwesen. Ihre [106] kleinen Geschwister jammern eng aneinandergeschmiegt nach ihren großen Brüdern, sie wollen sie wiederhaben aus Rußland oder aus dem Westen. Meines Halbbruders des blauen Reiters Franz Marcs geheiligter Leib wurde vor einiger Zeit überführt von Frankreich nach Ried in Oberbayern. – Im grauen Morgenstern und Nachtklingen, Schüsse und wildem Elend trat der Gruppenirrsinn auf, Herr Doktor; es bildeten sich immer Gruppen auf den Straßen und Plätzen aus Spannung vor dem »Wie wird es werden?« Aber auch aus Furcht vor der Öde, aus Anschmiedungsdrang entstanden diese merkwürdigen Straßengesellschaften, in blinden Wirren gemeinschaftlich auszuruhen. Irgend jemand murmelte etwas zu den Zuhörern; meist ist der Redner freilich nur ein Häscher in seiner Grube, manchmal aber hörte ich auch einen Donnergott zürnen, ihn ebenfalls wie die Lauschenden stumpf anhimmelnd. Aber die Tage der Revolution, hochzuverehrender Doktor, vergesse ich nie im Leben; es waren Römerzeiten! Ein feierlicher Schwur, eine einzige Fackel war Berlin, die aufwärts lohte. Rührende Worte sprachen die einfachen Landwehrmänner an das Volk aus geschmückten Karren, die zu Siegeswagen wurden in der Hand des schlichten Rosselenkers. Ich glaube, daß sich alle Soldaten der Länder leise berühren, gehässig sind sich nur von denen, welche nie draußen im Kriege bluteten oder sich nie gegenüber in den Gräben lagen, Unzucht mit dem Krieg trieben oder sich mit ihm etablierten oder Luxusausgaben von ihm drucken [107] ließen. Die wissen nichts von der schweigenden Treue der Feindschaft, die schließlich zusammenblutet und überraschend entwirrt. Nie hörte ich einen Soldaten, aus welchem Lande er auch stammte, anders wie hochachtend von seinem Feinde reden.

Ich habe Ihnen nun alles geschrieben, Herr Doktor, was noch auf meinem Herzen zu entziffern möglich ist. Manchmal dichte ich auch wieder von Theben; ich bin alleine noch von allen Prinzen übrig geblieben; muß doch guter Wein sein, die Blume konnte man mir nicht brechen. Mein Neger Oßman freut sich, daß man uns nicht stürzen konnte. Er fragte mich, ob sein Schwager, der Zuluhäuptling von den Karolineninseln, der interniert im Eispalast vier Jahre gefroren hätte, wenigstens auf meinem Balkon mit seiner Familie einstweilen wohnen könnte? Abends raubt er die Edamer- und Schweizerkäseattrappen (seligen Angedenkens) aus den Filialen Grohs. Ich pfeife durch die Querstraßen; an die Schüsse haben wir uns alle schon gewöhnt, und ich weiß wirklich nicht, »warum ich so traurig bin«. (Übrigens unter uns, Herr Doktor, die Loreley soll mächtig mit den Engländern flirten.) Nachts quält mich Alpdrücken, alle Bonbons aus Zürich legen sich gereiht in schweren Ketten um meinen Hals. Und der gefüllte Blätterteig aus Sylt im Vegetarierheim gehört schon in das Sagenbereich. Wir sterben alle an zu wenig Zucker, der ersetzte wenigstens noch die Liebe. Aber die Liebenden sind aus den Wolken [108] gefallen, nur ich feire ab und zu noch Himmelfahrt in Versen. Theodor Wolff würde so gern wieder die Gedichte von mir ins Feuilleton bringen, aber er fürchtet, die literarischen Karl von Moore der Bolschewisten könnten mein Manuskript im Fach seines Schreibtisches bei einer etwaigen zweiten Einnahme: (es handelte sich nicht um Jerusalem, nur um die Jerusalemerstraße) vorfinden und auf dem Dach seines Hauses einen lyrischen Abend veranstalten. Über den würde man nicht Herr werden. Sie, hochzuverehrender Herr Doktor, möchten ihm doch Beiträge senden, Theodor Wolff hielt Sie für einen der feinsinnigsten Essayisten der Literatur.

Es lebe das Schwitzerland und meine verbindlichsten Grüße an den Herrn Bundesrat.

In aller Verehrung

Ihr Prinz von Theben