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INHALTSÜBERSICHT

Die Nächte Tino von Bagdads (1907) [*]

Inhalt [*]

Else Lasker-Schüler

Die Nächte Tino von Bagdads

Axel Juncker Verlag

Berlin Stuttgart Leipzig

[1907]

Meiner Mutter der Königin

mit den goldenen Flügeln

in Ehrfurcht

[Frontispiz von Max Fröhlich:]

Die Nächte Tino von Bagdads

[S. 7:] Mein Lied

Schlafend fällt das nächtliche Laub

O, du stiller dunkelster Wald ....

Kommt das Licht mit dem Himmel

Wie soll ich wach werden?

Überall wo ich gehe

Rauscht ein dunkler Wald;

Und bin doch dein spielender Herzschelm, Erde,

Denn mein Herz murmelt das Lied

Moosalter Bäche der Wälder.

[S. 8 f.:] Ich tanze in der Moschee

Du musst mich drei Tage nach der Regenzeit besuchen, dann ist der Nil zurückgetreten und grosse Blumen leuchten in meinen Gärten und auch ich steige aus der Erde und atme. Eine sternenjährige Mumie bin ich und tanze in der Zeit der Fluren. Feierlich steht mein Auge und prophetisch hebt sich mein Arm, und über die Stirne zieht der Tanz eine schmale Flamme und sie erblasst und rötet sich wieder von der Unterlippe bis zum Kinn. Und die vielen bunten Perlen klingen um meinen Hals ..... o, machmêde macheiï ..... hier steht noch der Schein meines Fusses, meine Schultern zucken leise – machmêde macheiï, immer wiegen meine Lenden meinen Leib, wie einen dunkelgoldenen Stern. Derwi, Derwisch, ein Stern ist mein Leib, ein Stern ist mein Leib .... Machmêde macheiï, meine Lippen schmerzen nicht mehr .... rauschesüss tröpfelt mein Blut und meine Schultern beben Düfte und immer träumender hebt sich mein Finger – geheimnisvoll, wie der Stengel der Allahblume ..... Machmêde macheiï, fächelt mein Antlitz hin und her – streckt sich viperschnell und in den Steinring meines Ohres verfängt sich mein Tanz. Machmêde macheiï, machmêde machmêde ...

[S. 10–13:] Das blaue Gemach

Und seit einigen Tagen beginnt meine Krone zu zittern, ich fühle ein leichtes Brennen auf der Stirn, und meine Augen sind halb geschlossen. Ich bin grenzenlos traurig, es ist, als ob sie mich überschütte die Traurigkeit, wie dumpfes Nebelweinen eine Stadt. Meine dunkelhäutigen Sklavinnen standen wie schwarze Marmorsäulen um mich und immer verharrte die Liebe vor meiner Seele, wie vor einem Tempel. Um mich zu belustigen, feiert der Khedive Freudenfeste ... Dudelsackpfeifer und Flötenspieler machen helle, grüne Musik, Gaukler mit zerzausten Flachsperrücken springen katzenbehende über schmale Stufen, klettern auf schwankende Bambusrohre und schwingen sich über die Bogengelände des Palastes. Die Weinschänken und Speiseträger tragen Krokodilmasken und Spassmacher mit buntgeschminkten Händen und Füssen drehen Kreise mit ihren wilden, weiten schellenbehangenen Röcken. Aber meine Augen sind halb geschlossen und die harten roten Steine meiner Krone zerfliessen – und meine schlanken Sklavinnen biegen sich wie Pinienstämme und lauschen heimlich dem Fieber meines tausendjährigen Herzens. Und wenn Du wieder hier in der Heimat bist, Senna Pascha, so wirst Du auf der Stirne der grossen Pyramide in Hieroglyphen meinen Namen lesen.

Senna Pascha – – – ich sitze auf dem Rosenbeet hinter den silbernen Dachfirnen des Palastes und blicke hinüber – – über einen Wald von Pharaonenbäumen ... – – unter der grossen leuchtenden Kuppel lag der Harem, und ich starre auf das Fenster meines verlassenen Gemachs mit seinen blauen Wänden. Neben der stolzen, leuchtenden Kuppel erhebt sich die schwere Fahne des Botschafters, wie eine fremde, abwehrende Hand. Ich bin endlos traurig – – es ist als ob ich ersticke unter der Traurigkeit wie unter einer Wüste von Sandtropfen. Ich habe nie eine Prinzessin oder einen Prinzen so geliebt, wie mein blaues Gemach. Wie eine Mutter hat mich sein wiegender, blauer Arm umschlungen und tiefere, blaue Augen hat nie ein König des Abend gehabt, wie mein, hehres, blaues Gemach. Ein blauer Schwan war es, auf dem ich gleitete – – eine Wunderblume war mein süsses blaues Gemach – – hei, eine Tänzerin ... immer in seidenen, blauen Schritten ... zauberleise ... und mit der Sonne hat es hellen Schattenschein getanzt und blaue Träume um die Sterne geschlungen und hast Du schon einmal ein Gemach gesehn, das blaue Haare hatte, Senna Pascha? O, ein Kuss war mein blaues Gemach und ich sterbe an diesem blauen, blauen Kuss. Und meine scheuen Sklavinnen umfassen sich im Schlaf – – ich singe Lieder aus tötlichen Tönen. Alle Sterne bedecken mein Gesicht ...... – – –

O, du mein blauer Rauschegarten,

O, du meine verlorene blaue Nacht ...

Beim grossen Propheten, Senna Pascha, halte mein Geheimnis in Deinem Herzen ...

[S. 14–17:] Plumm Pascha

Als Plumm Pascha nach Bagdad kam, sah er meinen Sohn Pull im Vorhof des Palastes auf einem weissen Elefanten reiten und hinter ihm seine Gespielen, immer längs der Mauer-Mosaik, immer rund über die grünen und blauen Steine des Vorhofs. Aber als Pull den Fürsten erblickte, sprangen seinem Winke gehorchend, die kleinen Beduinen von den Rücken ihrer Riesen und warfen sich dem hohen Gast zu Füssen. Plumm Pascha ist der liebenswürdigste Fürst Egyptens, ihm gefiel das stolze Spiel meines Sohnes, näherte sich ihm mit allerlei Zeremonien, wie vor dem Khediven selbst. Mein Sohn legte ihm huldvoll seine Kette aus jungen Krokodilzähnen um den Hals, liess sich von dem lächelnden Fürsten aus dem Sattel heben, der ihm auf beide Wangen küsste. »Seine Glieder sind aus Elfenbein. Ich möchte ihn bei mir haben in der Blumenzeit in meinem Palaste an den Katarakten.« – Nach einiger Zeit erhalten wir eine Einladung Plumm Paschas. Ich lasse Pull ein Feierkleid anfertigen aus gelber Indien-Seide mit perlengestickter Borde und auf seinen braunen Haaren trägt er einen dunkelblauen Fez mit langer Silberquaste. »Seine Glieder sind aus Elfenbein« hat Plumm Pascha gesagt und Pull quält mich, weil sie nicht aus Zucker sind. Aber kleine Segelschiffe mit lauter Süssigkeiten beladen, sendet der liebenswürdige Fürst uns zum Willkomm entgegen und er steht selbst vor dem Tore seines Gartens, meinen Sohn zu empfangen. Durch die weiten Räume des Palastes trägt er ihn auf seiner Schulter und wiehert, wie einer der Hengste der Ställe. Er lässt sich von ihm die flatternden Haare zerzausen, unternimmt allein mit ihm Fahrten auf dem Nil und füttert zu seiner Belustigung die grossen Khedivenfische mit bunten Bonbons. Aber die jungen Prinzen im Harem fürchten sich vor Pulls Tyrannei; er schlägt sie, wenn sie nicht seines Willens sind und die lieblichen Prinzessinnen weinen. Hinter Nischen hat er wieder alle ihre Puppen versteckt. Plumm Pascha wehrt ihm nicht und die Haremsdamen betrachten meinen Sohn mit missbilligen Blicken. Und seit gestern trägt er an seiner Brust den goldenen Elefanten-Orden mit dem Rubinenauge und das bedeutet, dass ihm Alle die Ehren eines Paschas entgegentragen müssen. Und verlobt hat ihn der liebenswürdige Fürst mit seinen Zwillingsprinzessintöchtern, die sind ein und ein halbes Jahr alt und haben noch keine Haare. Aber sie wollen immer mit Pulls langer Silberquaste spielen. – In Bagdad hängen schon zu unserer Ankunft buntbemalte und befranste Teppiche von den Dächern und die Stadt ist mit Guirlanden geschmückt. Und Plumm Pascha wird täglich schwermütiger und ich werde mich wohl entschliessen müssen, in seinem Palast an den Katarakten zu bleiben und seine neunundsiebzigste Frau zu werden ...

[S. 18–22:] Ached Bey

Ached Bey ist der Kalif und ich bin Tino – Prinzessin – und weile im Palaste meines Oheims. Von einem kleinen Kuppelfensterchen aus kann ich ihn betrachten, wenn er auf seinem Dache liegt und die Nacht erwartet. Über Bagdad ruht sein Bart und mit jedem Stern der aufsteigt am Himmel entschwindet eine Falte seiner faltenschweren Stirn. Müde Wüstenreisende reiten auf Dromedaren am Palaste vorbei – cha machalâa!! ... im schläfrigen Karawanenton. Mein Oheim der Kalif grüsst mit seiner grossen Hand. Indessen ich durch heimliche Gänge über verwitterte Steinböden schleiche an vergessenen Götzengebilden vorbei – ich möchte kämpfen mit ihren schaurigen Krallen, aber der Duft der schwarzen Naëmirose seines Daches schwelgt mir entgegen. Naëmi .... es wissen alle am Hofe von der Jüdin seiner Jugend. – Mein Oheim der Kalif hebt seine grosse Hand: die schwarzen Fächerträger und Sudanneger gehorchen, nur der greise unter den Palastdienern nähert sich demütig seinem Ohre (ich bin unverschleiert) aber mein Oheim der Kalif wehrt ihm mit seiner grossen Hand. Wir rauchen aus samtumspannten Pfeifen Opium und trinken blaue Getränke aus Diamantkrügen und ich beuge mich über die Hieroglyphen seiner grossen Hand. Am andern Morgen müssen mir meine Sklavinnen Knabenkleider anlegen und seinen Dolch mit dem smaragdbesetzten Griff trage ich im Gürtel und wir reiten auf grauen Tierriesen nach den Vorhöfen, dort werden die Verräter des Landes enthauptet ..... Mein Oheim der Kalif ruht zwischen zwei Marmorsäulen auf einem Kissen, das ist rot wie ein Mal und er hebt und senkt die grosse Hand blutstrafend in den Tod. Enthauptete Söhne edler Mohamedanergeschlechter lehnen an Ungläubige, nur der Kopf des jungen Fremdlings sitzt noch trotzig im Nacken. Dreimal holten sie ihn und dreimal brachten sie ihn – die knurrenden Henker – zurück in die vergitterte Nacht. Die grosse Hand meines Oheims flattert in meinen Schoss, aber ich kann den sich aufbäumenden Hieroglyphen im Pochen seines Pulses nicht deuten. Er senkt endlich seine grosse Hand. Durch die Risse der Steintore tropft des Fremdlings Blut über die rauhen, breiten Steine der Höfe hinweg bis vor die Füsse des Kalifen. Nie hörte ich einen ewigeren Fluss. Er singt, wie die Jehovahpriester an ihren Feiertagen, wie der Mosegipfel des Sinai.

Mein Oheim der Kalif liegt im Palast tot auf seiner grossen Hand.

In den Moscheen beten die Derwische und drehen sich in ihren funkelnden Trauerkleidern – dunkle Sterne, die um seine Seele kreisen. Und morgens kommen die Totenweiber und heulen und vor dem Palaste stehen schwarzvermummte Frauen und bieten heilige Ware feil, Katzen mit goldglänzenden Fellen (für das Grab des Kalifen), die schläfrigen Augen der Tiere sind von der Farbe der Naëmirose. Und Juden ziehen gen Bagdad, Knaben mit schwermütigen Augen und Mädchen, wilde schwarze Tauben, und sie werfen Steine auf des Fremdlings Grab – ziehen fluchend die Strassen entlang, ballen die Fäuste vor dem Palaste meines Oheims des Kalifen. Er weilt bei Allah aber den Juden sehe ich überall wandeln ...... wie der Stein unter ihm ist sein Schritt, aber seine Lippen sind geöffnet, rosige Dichterlippen, wie des Tyrannen Lippen, wenn er auf dem Dache lag und an Naëmi dachte, der Jüdin seiner Jugend.

Alle meine schwarzen Perlen sind eingesunken wie Höhlen – von meinem Stirnreif hängen die dunklen Häupter meiner Vorfahren. Meine Lippen sind tot, aber aus meinen Augen steigen Feuersäulen, die drängen aller Sterne Spur nach, seinem singenden Blute nach – ich tanze, tanze einen unendlichen Tanz, der zieht sich wie eine finstre Wolke über Bagdad, ich tanze über die Wellen der Meere, wirble den Sand der Wüste auf und vor dem Palaste lauscht das Volk und die jüdischen Knaben und Mädchen verstummen ...

[S. 23:] Der Tempel Jehovah

Und ich zog meine goldenen Schuhe von den Füssen und meine Schritte waren unverhüllt. Und ich bestieg den Gipfel des Berges, der herabblickt auf die trunkene Stadt. Und da ich zu den Nächten sang, fiel in meinen Schoss das Gold der Sterne – und ich baute Jehovah einen Tempel vom ewigen Himmelslicht. Erzvögel sitzen auf seinen Mauern, Flügelgestalten und suchen nach ihren Paradiesliedern. Und ich bin eine tanzende Mumie vor seiner Pforte ...

[S. 24–28:] Minn, der Sohn des Sultans von Marokko

Der Sultan von Marokko trägt einen Mantel von weisser Seide, der ist über der Brust von einem Smaragd in der Grösse eines Taubeneis gehalten. Aber sein Sohn kommt barfuss und im staubigen Kamelfell gehüllt, ein Bettler neben seinem königlichen Vater. Mein Vetter im Kamelfell ist sechszehn Jahre alt, Ali Mohamed könnte sein älterer Bruder sein, er ärgert sich nicht, er ist stets zu Scherzen aufgelegt, er hat schöne Zähne, Perlmutter, liebliche Frauenzähne und er belächelt seines Sohnes mürrische Laune. Auch die Furche zwischen seinen Brauen ist nur ein seltener, huschender Schatten, sieben Häute tiefer schlummert die Nacht in seines Sohnes Stirn. Bei der Tafel weigern sich die Hofleute neben diesem zu sitzen und auf dem Dache sein Kissen ist ängstlich gezeichnet. Unter dem lieblichen Himmel des weissen Rosengartens wandelt er auf verbotenen Wegen; das Wandeln durch den weissen Duft ist nur uns Frauen gestattet. Aber ich bitte meinen Vater den weissbärtigen Pascha mit meinem Vetter in Kamelshaar am Krontag tanzen zu dürfen. Und ich tanze mit Minn, dem närrischen Sohne des Sultans. Meine Hände liegen quer übereinander, fingergespreizt, ein goldblasser Stern gegen seine zottige Brust gestemmt. »Nun muss ich vom Feste eilen«, klagt traurig mein Vetter, »denn du wirst nicht noch einmal mit mir tanzen wollen.« Ich meine ärgerlich. Er glaube wohl, ich leide auch an so närrischen Launen wie er? folge ihm auf den Spitzen meiner beringten Zehe bis an das grosse Becken im dunklen Sultanshof. »Minn, siehst Du mich, ich bin Deine Tänzerin«? Und da er schweigt, sage ich verächtlich: Ich möchte wohl wissen, ob Du Heldenschultern unter Deinem Bettelmantel versteckst, oder ob mich gar meine Träume necken und Deine Arme nicht einmal ein Kätzchen zu bändigen vermögen? »O, ich bin noch tausendmal stärker wie Deine Träume Dirs schildern, meine stolze Prinzessin, da ich dieses ärmliche Kleid trage und gegen alle stiere Verachtung gleichmütig bleibe. Mich dünkt, ich bin der stärkste Held im ganzen Land.« Er zerrt an die zottige Naht seines Mantels, eine Masche zerreisst und das ganze Fell sinkt zu Boden. Der Abend färbt seine Glieder zart und sanft. »Wirst Du noch einmal mit mir tanzen zum Lohne, da ich meine Rüstung abwarf? Horch, Flötentöne singen die Rosen des weissen Gartens zu unserer Feier.« Sklaven finden uns – und zaudern – auf dem Rand des grossen Beckens setzen sich die Frauen, die Gesichte gestreckt und hinter der Palme stehen unsere Väter, der Sultan Ali Mohamed und Mohamed Pascha sein älterer, weissbärtiger Bruder. Wir tanzen bis unsere Füsse eins sind im Drehen. Dann lässt mein Vater den schwarzen Dienern die also gesehen haben mit ihren nackten Augen unseren nackten Tanz, meinen Leib und vor allen Dingen mein Angesicht, er lässt ihnen ihre Zungen durchbohren und die edlen Hofleute blenden im Vorhof des Palastes; den Prinzessinnen geschieht nichts übles, sie haben nur auf den Prinzen geschaut. Täglich empfängt er von ihnen Geschenke, Armspangen, Gürtel und auf dem Dache liegen für seine Träume seidengestickte Kissen. Die Frau des Fruchtveredlers reichte ihm ein durchsichtiges Feigenblatt aus Mondstein geschliffen. Aber der huschende Schatten auf der Stirn seines königlichen Vaters krallt sich tief ins Fleisch, finster umschleicht er den Palast bis zur Lichtstunde. Man vermutet, er habe sich vor Schreck in jener Nacht an einer Säule einen seiner Perlmutterzähne ausgeschlagen. Die Frauen des Harems schmachten nicht mehr hinter den Fenstern ihrer Gemächer nach seinem Anblick, aber sie bestechen die Eunuchen seines Sohnes wegen, die ihnen Mannstrachten verschaffen und so ihre Anwesenheit bei der Abendtafel ermöglichen. Ich halte die Augen gesenkt über den trauernden Rosengarten, Minn hat die heilige Tanznacht vergessen zwischen schillernden Schmeicheleien. Nur mein Vater lässt manchmal seinen weissen Bart über meine Hände gleiten und schweigt. Er glaubt, ich habe das alles nur für einen Traum gehalten. Aber die Rosen im weissen Garten sind grau geworden. Zerbissen unter geknickten Ästen liegt Minn. Aber die Gärtner meinen »nur eine eifersüchtige Prinzessinn konnte so grausam gewesen sein.« Ich weiss wer seine zarten, sanften Glieder zerrissen hat – mein Gemach war grün bescheint vom Smaragd des vorüberschleichenden Seidenmantels – seines Vaters des Sultans von Marokko ...

[S. 29–31:] Der Fakir von Theben

Priester in weissen Gewändern gingen über die Landstrasse die nach Theben führt; ich beugte mich vor ihrem heiligen Leben und bat sie, mich in ihrer Mitte zu nehmen. Und die frommen Männer lächelten gütig nur der Fakir, er war schon einige Male begraben gewesen und hatte die Kräfte der Erde gesammelt, runzelte die Stirn als ich meine Bitte aussprach. Er hasste die Frauen, sie zu vertilgen war eines seiner frommen Werke. Aber er gewahrte meinen Ring am Finger mit dem seltenen Caelumstein. Er entstammte dem Schatze eines besiegten Kriegers aus Latinien. Der Caelum wechselte seine Farbe mit der Zeit des Himmels. In der Frühe schien er traumhaft silbergetönt, am Mittag voll Lilaschwermutsüsse und dann umfing er die Dämmerung und dunkelte mit der Nacht in unzähligen Sternen. Der Fakir blickte unverwandt auf meinen Ring und murmelte unverständliche Worte. Mir bangte. Als wir Theben erreicht hatten und die Frauen ihren Fakir unter den anderen Priestern bemerkten, bebten ihre Leiber wie zur Kindsstunde. Viele von ihnen liessen ihre Krüge fallen und eilten zurück in ihre Wohnungen. Denn die Frau, welche der Fakir mit seiner fleischlosen Hand berührte, blutete vierzig Tage lang. Und das war wie eine Seuche, wenn er sich blicken liess; es blutete bald ein Viertel der blühendsten Frauen der Stadt. Mich, die in der Gesellschaft der Priester blieb, neben ihm ging, verschonte der grausige Heilige – er blickte auf meinen Ring in seinen Stein; der freute sich, er glänzte hell wie der Himmel über Theben. Ich aber war sehr betrübt über das Geschick der Stadt und da keiner ihrer Bewohner wagte, sich dem Fakir zu nähern, fiel ich vor ihm nieder, umklammerte seinen kalten Fuss und bat ihn, meine Schwestern nicht weiter seinem frommen Werke zu opfern. Er blicke gierig auf meinen Ring, in den herrlichen Stein, in dem ich den Himmel trug. Den verlangte er für seine Gnade. Ich schüttelte trotzig den Kopf und am selben Tage bluteten alle Frauen der Stadt. Und das war wie ein grausiges Meer über Theben, von dem üppigen Grün der Wälder alle die Menschentropfen!!! Und es stand kein Haus, was nicht rot gefärbt war von Blut seiner Frau und auf zum Himmel schrie. Der Caelum an meinem Finger drohte mir, eine rote Nacht! Und ich fiel vor dem Fakir nieder, küsste seinen kalten Fuss und bat ihn flehentlich auch mich zu berühren mit seiner fleischlosen Hand. Die liess sich langsam auf meine Schulter nieder, ich fühlte nicht einmal ihren Moderhauch, sie erstarb im Herabsinken. Er aber wandte sich verächtlich von mir, die ich unwert seines frommen Werkes ...

[S. 32–36:] Der Khedive

Indessen Tino, die Dichterin Arabiens, Einlass begehrte vor dem Tore des Palastes, sassen die Lieblingsfrauen des Khediven um den Springbrunn im Vorraum und freuten sich ihrer Ränke. Und als nach Jahren Mohamed Pascha der Weissbärtige zum Rosenfeste nach der Nilhauptstadt reiste, erzählte ihm seine Tochter Tino auf dem Wüstenwege, wie sie verspottet wurde von dem Torwächter des Khediven. Noch in derselben Nacht weckte Mohamed Pascha sein Gefolge. Auf seinem schweren Elephanten sitzt er und reitet über die ruhenden Leiber der Würdenträger und Sklaven und sie nicht vergessen sollen diese Stunde. Und sie mussten bis zur Mondneige immer sein Gebot sprechen und es drehte sich schon in ihrem Munde, ein heiliger Tanz. Und als die grosse Karawane in die grüne Stadt einzog und das Volk auf den Strassen befragte, wie die Prinzessin mit den schillernden Augen heisse, sprachen sie nach ihres Herrn Gebot. Aber die Lieblingsfrauen des Khediven hatten schon für ihren Gast ein Bad bereitet und es getränkt mit duftenden, giftigem Öl. Und als sie hörten: Tino ist tot – und die fremde Prinzessin, des Paschas Bruders-Tochter, ihrer Freundschaft warte, schmückten sie ihre Schultern mit Ketten und Gehängen und legten sie auf ein Ruhebett von Seide; da träumte sie, ihr Name sei verklungen wie der Ruf des Wüstenvogels. Und als die funkelnde Goldhand am Morgen das blühende Kairo segnete, hatte sie ihren Namen vergessen und alle die wussten ihn nicht zu nennen, welche gezogen waren mit ihr und ihrem Vater nach Egypten. Aber die jungen Knospengärten unter ihrem Fenster füllten sich, wenn sie ihnen zur Märchenstunde von Farben singender Erden erzählte.

Und die grossen Feste begannen, da die Frauen teilnahmen einmal im Jahre. Des Weissbärtigen Tochter sass neben dem Herzen des Khediven und ihre Lippen murmelten immer süsse Gesänge ... um seine Stirne zog sich ein leuchtendes Liebesband. Und am letzten Tage des Festes erhob der Khedive des Weissbärtigen Tochter zu seinem Gemahl über alle Frauen seiner Liebe und seines Palastes. Und immer wenn er sie fragte über ihrer Lippen süsses Gemurmel, verbarg sie ihr Angesicht in den Spitzenkelch ihres Schleiers. Und ihre Glieder glühten von den rauschenden Farben ihrer Gedanken. Ein Feuerberg war sie, der an seinem Feuer verdorrt, eine bunte Quelle, die nicht von ihrem Schäumen erzählen darf und in ihrem eigenen Gesprudel ertrinkt. Und den Khediven erfüllten die ruhlosen Schatten ihrer Seele mit Sorgen und er schenkte ihr um sie zu ermuntern, fünfhundert tanzende Zwerginnen zum Spielzeug – liess ihnen vor ihrem Fenster ein kleines Städtchen bauen. Und Gärtner sandte er in ihre Heimat, die Blumen von den Ufern des roten Meeres brachten. Schimmel und Esel aus den Ställen ihres Vaters, und den schweren Elefanten liess er kommen, der sie und Mohamed Pascha in sein Land getragen hatte.

Und als die Prinzessin ihre Heimatfreuden nahen hörte, das Wiehern ihres Lieblings-Pferdes, die Rufe der mutwilligen kleinen Eseltreiber und das schwere Getrampel des Elefanten vernahm, eilte sie dem köstlichen Zuge entgegen. Und der Khedive gab ein grosses Fest; von Dudelsackpfeifern und Flötenspielern waren die Höfe um den Palast gefüllt. Nach ihrer Musik tanzten die Prinzen und Prinzessinnen und Alle im Palast tanzten bis zu den Ziegenknechten. Und die Mauern der Gärten begannen sich zu drehen und die ganze Stadt tanzte bis zum Ufer des Flusses. Und als der Khedive seine Herzallerliebste zum Tanze holen wollte, lag sie am Rücken des schweren Elefanten gelehnt – Tino ist tot! Und der Goldfinger der Sonne zeigte auf ihren eingeschnittenen Namen in der Haut des Riesentieres. – Von den Gipfeln der Pyramiden sprechen Priester zu allen Rosenmonaten ihre Märchen und es ist bald Niemand mehr im Lande, der sie nicht kennt. Aber die lachenden Locken des Khediven hängen starr um sein Angesicht und wer ihn ansieht, stirbt an seinem Schmerz ...

[S. 37–39:] Mein Liebesbrief

Durch den goldenen Himmel blicken blau die Sterne, aber die Fenster des Harems sind schon dicht verhangen. Meinen schwarzen Perlenohrreif trägt der Eunuche am Daumen – dafür läutet er zeitiger zum Schlaf. Die Frauen träumen schon von ihrem neuen Naschwerk, von verzuckerten, roten Rosen; und der Schlummer liegt auf den Wangen der kleinen Prinzen und Prinzessinnen wie Tauben. Und ich bin heimlich durch den Vorraum des Harems entkommen, die herrlichen Türen des grossen Sultanssaal schliessen sich hinter mir, eherne schützende Arme. Und meine andächtige Freundin wartet auf mich, die schlanke Kerze auf dem Marmortisch; sie ist bereit, für mich ihr Leben zu lassen. – O, Abdul, Deine Augen schweifen immer über die Dämmerung und mein Herz ist blau geworden, dunkelblau wie der Garten des Jenseits. Auf dem Gipfel des Balkons sehe ich Dich herannahn, wie auf dem Buckel eines Dromedars. Abdul, ich bin verliebt in Dich und das ist viel rauschender als wenn ich Dich lieben würde. Wie der Frühling ist es verliebt zu sein ..... Immer kommen grosse Stürme über mein Blut; ich fürchte mich vor ihnen, aber sie überjubeln mich mit tausend blühenden Wundern. Und der Schleier vor meinem Antlitz ist zerrissen, zu stürmisch dachte ich an unser Wiedersehn. Aber die Stunde unseres Glückes muss stumm sein – nicht reden Abdul .... Und die Augen geschlossen halten, unsere Liebe selbst darf nichts ahnen, dass sie sich zwischen unsern Lippen verfing. Der grosse Prophet mag die Ungläubigen Deiner neuen Heimat und ihre Lehren nicht, und er könnte aus einer heimlichen Spalte der Nacht lauschen. Aber ich habe einen dunklen Stern auf meine Stirn gemalt und es wird alles nur ein unsichtbares Keimen sein und unsere Lippen werden Knospen bleiben, Abdul ...

[S. 40 f.:] Der Magier

Vor Bor Ab Balochs Blick stürzten die Tore der feindlichen Städte und vom zackigen Dolch einer Gewitterschlacht fiel der jüdische Feldherr jehovahgesegnet. Tief im Antlitz senkt sich seines Sohnes Abduls herbes Knabenauge, aber seine Wange lächelt seiner Mutter Lächeln. Unter der Goldrose der Frühe wandelt Abdul Antinous an den Bächen vorbei, darin sich die Königskinder spiegeln. Bagdads Prinzessin blickt ihm entgegen – ein goldenes Samtsegel ist ihre beschattende Hand –

Abdul Antinous .....

Alle Sonnen singen vor ihrer Seele, Psalme, die nach seinem ehernen Blute stehn und duften nach dem Lächeln seiner Wange.

Deine Schlankheit fliesst wie dunkles Geschmeide.

O, du meine wilde Mitternachtssonne

Küsse mein Herz meine rotpochende Erde.

Wie gross aufgetan deine Augen sind

Du hast den Himmel gesehn

So nah so tief.

Und ich habe auf deiner Schulter

Mein Land gebaut –

Wo bist du?

Zögernd wie dein Fuss ist der Weg –

Sterne werden meine Blutstropfen ....

Du ich liebe dich, ich liebe dich.

[S. 42:] Ich frage nicht mehr

Ich weiss wer auf den Sternen wohnt ...

Mein Herz sinkt tief in die Nacht.

So sterben Liebende

Immer an zärtlichen Himmeln vorbei.

Und atmen wieder dem Morgen entgegen

Auf frühleisen Schweben.

Ich aber wandele mit den heimkehrenden Sternen.

Und ich habe viele schlafende Knospen ausgelöscht,

Will ihr Sterben nicht sehn,

Wenn die Rosenhimmel tanzen.

Aus dem Gold meiner Stirne leuchtet der Smaragd,

Der den Sommer färbt.

Ich bin eine Prinzessin.

Mein Herz sinkt tief in die Nacht

An Liebende vorbei.

[S. 43:] Aber ich finde dich nicht mehr ......

Ich gleite meinen lallenden Händen nach

Die suchen überall nach dir.

Aber ich finde dich nicht mehr

Unter den Dattelbäumen

Unter den Zweigen der Träume.

Alle meine starren Kronen sind zerflossen

Vor deinem Lächeln

Und zwischen unseren Lippen jauchzten die Engel.

Ich will meine Augen nicht mehr öffnen

Wenn sie sich nicht

Mit deiner Süsse füllen.

[S. 44:] Heimlich zur Nacht

Ich habe dich gewählt

Unter allen Sternen.

Und bin wach – eine lauschende Blume

Im summenden Laub.

Unsere Lippen wollen Honig bereiten

Unsere schimmernden Nächte sind aufgeblüht.

An dem seligen Glanz deines Leibes

Zündet mein Herz seine Himmel an –

Alle meine Träume hängen an deinem Golde

Ich habe dich gewählt unter allen Sternen.

[S. 45:] Wenn du kommst –

Wollen wir den Tag im Kelch der Nacht verstecken,

Denn wir sehnen uns nach Nacht.

Goldene Sterne sind unsere Leiber

Die wollen sich küssen – küssen.

Spürst du den Duft der schlummernden Rosen

Über die dunklen Rasen –

So soll unsere Nacht sein.

Küssen wollen sich unsere goldenen Leiber.

Immer sinke ich in Nacht zur Nacht.

Alle Himmel blühen dicht von funkelnder Liebe.

Küssen wollen sich unsere Leiber, küssen – küssen.

[S. 46:] Ich träume so leise von dir – – –

Immer kommen am Morgen schmerzliche Farben,

Die sind, wie deine Seele.

O, ich muss an dich denken

Und überall blühen so traurige Augen.

Und ich habe dir doch von grossen Sternen erzählt,

Aber du hast zur Erde gesehn.

Nächte wachsen aus meinem Kopf,

Ich weiss nicht wo ich hin soll.

Ich träume so leise von dir –

Weiss hängt die Seide schon über meinen Augen.

Warum hast du nicht um mich

Die Erde gelassen – sage? ......

[S. 47:] Ich glaube wir ......

Ich glaube wir werden uns niemehr wiedersehn –

Der Morgen versteckt sein Auge vor mir.

Ich habe zu lange auf Knieen gelegen

Vor deinem dämmernden Schweigen.

O, unsere Lippen sehnen sich nach Spielen –

Wir hätten uns blühend geküsst unter den grossen Sternen.

Totenschleier umhüllen

Die goldglänzenden Glieder des Himmels.

Ich glaube wir werden uns niemehr wiedersehn.

[S. 48–57:] Der Grossmogul von Philippopel

Der Grossmogul von Philippopel sitzt im Garten des Reichspalastes in der Sultanstadt; kommt ein fremdes Insekt von Abend her und sticht ihn auf die Spitze seiner Zunge. Er hat nämlich die Angewohnheit, sie beim Nachdenken auf der Unterlippe ruhen zu lassen. Und trotzdem die Ärzte dem Unfall keine weitere Bedeutung beilegen, geschieht es dennoch, dass der erhabene Herr sich einbildet, nicht mehr reden zu können. Und auf andere Weise sich verständlich zu machen, lehnt er mit Finsternis ab; das ist ein unabsehbarer Schaden für das Land. Züge von kasteienden Priestern ziehen durch die Strassen Konstantinopels, und auf den Knieen vor Allah liegt der Sultan. Seine beiden Söhne ruft er zu sich in sein Privatgemach: »Buben, Ihr müsst ein Handwerk erlernen!« –

Könige mit spitzen Krummschnäbeln drohen schon lange den Balkan aufzufressen und allein die Geschicklichkeit des Grossmoguls verschanzte die Beute. Und von den Dächern der Häuser und öffentlichen Gebäude, von der Kuppel der grossen Moschee rufen nackte Knaben Berichte aus über das Befinden des verstummten Ministers. –

Meine Tante schüttelt behäbig den Kopf, sie sitzt auf ihrem Dach und heisst Diwagâtme. Sie ist eine der dreissig Frauen meines reichen Oheims gewesen, er aber und ihre Nebenfrauen sind an ihrer Klugheit gestorben, neunundzwanzig Mumien um das Grabmal meines Oheims. Ich weile bei ihr ihres wunderherrlichen Sohnes Hassan wegen, denn ich bin eine Dichterin. Hassan und ich weinen immer abends heimlich unter grossen Sternen – wir können uns nicht heiraten; Diwagâtme will uns keinen Palast bauen. Aber sie giebt mir den Rat, einen wundertätigen Trost zu erdichten, da es sich nur um das rechte Wort handle, die behexte Zunge des Grossmoguls von Philippopel zu lösen. »Ein Honigstrom möge seine Gunst dich umfliessen, mein Kind.« Und Krüge mit abendländischen, sündigem Getränk füllt die kluge Tante für die lechzenden Kehlen der grimmigen Türhüter des Reichspalastes. – Fremdgekleidete Weise und Ärzte wandeln zwischen den Säulen der Höfe auf und ab, reissen an ihren Bärten, beraten und streiten sich einander, und dazwischen die näselnden Schreie der Esel aus den Ställen. Und ich gelange unbemerkt zu dem schweigenden Grossmogul; und über Kreuz liegen meine Arme auf der Brust und mein Schleier zittert. Aber der erhabene Herr hebt das rotumbartete Haupt näher meinen zaubernden Lippen und seine Stimme erschallt dröhnender wie je zu seinen Redezeiten. Auf sein Quastenkissen zieht er mich neben sich und er betastet meine Wangen, meine Augen, meine Stirne, und der Schleier zerreisst und mein Atem flattert nur noch unter seiner schweren Freude. »Wir sind jetzt ein Staat, ein Volk!« ruft er. Aber als die Weisen und Ärzte und die Bürger von den Strassen und der Sultan auf der Schulter seines Schnellläufers in den Garten des Reichspalastes stürmen, senkt der Grossmogul von Philippopel abermals sein Haupt und verfällt in Stummheit. Ich aber muss seines schwarzen Dieners Bericht bestätigen. In den grossen Saal des Reichspalastes werde ich geführt, dort nehmen Schreiber vom Amte meine erdichteten, wundertätigen Worte auf, und die Staatsmänner bilden einen Chor um mich, und der Sultan nickt dazu immer herablassend mit dem Kopfe, und ich bin schon ganz müde vom Wiederholen meines erdichteten wundertätigen Trostes. Und in eine Glasurne auf blauem Purpursamt bestattet man das fremde Insekt vom Abend, das ich kühn ergriff, als es mich zur selben Stunde wie den Grossmogul von Philippopel auf die Spitze meiner Zunge stach und meine Sprache raubte. »Und o Herr, lass mich schweigen mit Dir!« Und ich muss mit ihm aus seiner goldenen Schüssel speisen, aus seinem Pokal trinken, und ein orangegelbes, seidenes Beinkleid und einen Mantel feuerfarbig, wie ihn der Grossmogul von Philippopel trägt, ist man im Begriff mir anzufertigen. Und über uns blühen die Bäume gold und wenn der erhabene Herr schlummert, denke ich an den wunderherrlichen Hassan. Aber in den kühlen Hallen des Reichspalastes warten die Landesvertreter auf mich. Ich muss ihnen heimlich seine Gutachten ihrer Entwürfe übermitteln, sie geschickt dem Gespräch beimischen, was wir abendlich eng aneinandergeschmiegt zur Insektenstunde führen. Aber ich vergesse des so hochgeschätzten Ministers Entgegnungen ihrer vielen politisch gewürzten Ausdrücke wegen und von der Brüstung des Reichspalastes wiederhole ich gegenwärtig der versammelten hohen Gesellschaft der Staatsmänner entstellt die neue Steuerfrage betreffend die Zollerhebung von Spezereien fremder Länder. »Aber der erhabene Herr hat sich wiederholt bei mir doch für die zollfreie Einfuhr der Muscatnus lebhaft ausgesprochen.« Und schon läutet der erhabene Herr, ich bin an seine Anhänglichkeit gefesselt. Und eine Stunde vor dem Monde naht der Sultan, dem Staatsmann den stummen Mund zu küssen und mich beschenkt er mit seltenen Gaben und einen Orden hat er für mich erfinden lassen: den wundertätigen Stern mit dem Diamant. Denn der Kredit des Landes ist beträchtlich gestiegen und die Könige mit den Krummschnäbeln ergriffen schleunigst die Flucht, nachdem sie Bekanntschaft mit den höchst wertvollen, neuen Sprenggeschossen gemacht hatten. – Ich aber höre nichts mehr von dem wunderherrlichen Hassan – freue mich nicht mehr über die Pracht ringsum und nicht mehr über die mir dargebrachten Ehren und es zerstreut mich die verdutzten Gesichter der Staatsmänner zu sehen, wenn ich ihnen die Weisheiten meines erhabenen Bruders bringe. Das Todesurteil der Rotte herrenloser Hunde auf den Strassen Konstantinopels trage ich in meinem Herzen – ich aber freue mich schon auf die morgige Sitzung im Reichstagsgebäude. Was der Grossmogul von Philippopel geruht zu entfalten, ist heilig wie die Worte des Korans. Also baut man im byzantinischen Stil, Wohnstätten für die verwahrlosten, bellenden Geschöpfe. Neger und auch abendländische Arbeiter bezahlt der Staat für die Ausführung der Bauten. Und unter der Angabe berühmter Architekten wachsen kleine Paläste aus den wertvollsten Grundstücken derHauptstadt. Dass den verlotterten Tieren blaues Blut durch die Adern strömt, bezweifeln die Balkanbewohner keineswegs länger. Die herruntergekommenen Hundearistokraten werden Mode, reiche Haremsdamen kaufen sich zottige Hundeprinzessinnen für tausende Piaster als Schossspielzeug. Und in allen Erdteilen schon spricht man von dem Luxus der Bosporusstadt, von seinen verborgenen Goldfeldern und Diamantbergen. – Zweimal am Tage küsst Ali Rasmâr nun den stummen Mund. Ich aber rede nur noch in Versen, bis der erhabene Herr in Schlummer verfällt. Acht Stunden hat sein Vortrag über das Projekt der Kanalisation gedauert, das er mir ohne Pause vortrug. O, Hassan du Wunderherrlicher ... Und es strahlte die Mondsichel mit dem ersten Stern über Konstantinopel, als die Weisen und die Ärzte und die Bürger und der Sultan auf der Schulter seines Schnellläufers in den Garten des Reichspalastes eilen durch die kühlen Hallen in den Grossen Saal – wohin sie der erhabene Herr zu seinem Vortrag geladen hat. Und ich muss des schwarzen Dieners Bericht bestätigen, ich habe dem Grossmogul von Philippopel gesagt, dass ich wieder reden könnte. Aber seine gelben Kuppelaugen, die noch eben dankerfüllt zum Himmel leuchteten, sind aus den Höhlen getreten, seine roten Haare stehen wie wilde Blitze gezückt, als er die Urkunden des Reichsbuches zu durchblättern beginnt. Den Ministern schneidet er mit donnernden Flüchen das Wort ab, sie müssen flüchten und hinter der Schulter des Schnellläufers hält sich der Sultan verborgen. Leise schleicht die Kunde durch die Sternenstadt: Der Grossmogul von Philippopel sei tobsüchtig geworden. Man reisst mir das Gewand vom Körper, den Schleier vom Antlitz, schneidet meine langen Locken ab und der Sultan hat den Zorn über mich gesprochen – und vertrieben werde ich aus dem Garten des Reichspalastes. Nur einer von den weissen Eseln der Ställe folgt mir. Ich wandle schüchtern neben ihm durch die Nacht – über den Platz – dort wohnt der wunderherrliche Hassan – aber er erkennt mich nicht und höhnt mich, und meine kluge Tante Diwagâtme spreitzt ihre Hände abwehrend von ihrem Dache aus. – Und ein Abendländer kommt und fragt mich nach dem Preis eines Eselrittes am Ufer des Bosporus. Eseltreiber bin ich geworden, mein geschorener Kopf bedeckt ein alter Fez, ich fand ihn im Sand am Ufer. Und abends liegen wir unter dem grossen Mondhaupt, mein Esel und ich, und ich deute mein Geschick, die eingeschnittenen Bilder seiner haarigen Haut! ...

[S. 58:] Tino an Apollydes

Tino von Bagdad hat schon zweiundfünfzig Monde nicht unverschleiert die Erde gesehn und sie war müde der blinden Blicke und sie verwünschte ihre braunen, langen Haare und alles, was sie von Eva geerbt hatte. An Apollydes schrieb sie, der war ein schöner Griechenknabe – auf den Plätzen ihrer Stadt pries er die Liebe ...

[S. 59 f.:] Du es ist Nacht –

Wir wollen unsere Sehnsucht teilen,

Und in die Goldgebilde blicken ..

Auf der Strasse sitzt immer eine Tote

Und bettelt um Almosen.

Und summt meine Lieder

Schon einen weissgewordenen Sommer lang.

Über den Grabweg hinweg

Wollen wir uns lieben,

Tollkühne Knaben,

Könige, die sich nur mit dem Szepter berühren.

– Frage nicht – ich lausche

Deiner Augen Rauschehonig.

Die Nacht ist eine weiche Rose

Wir wollen uns in ihren Kelch legen,

Immer ferner versinken,

Ich bin müde vom Tod.

Wenn ich nicht bald eine blaue Insel finde ....

Erzähle mir von ihren Wundern!!

[S. 61–63:] Apollydes und Tino sind Zagende und träumen unter der Mondscheibe

Stille Lichte scheinen durch die gläsernen Wände der Säle, und wir sind ganz allein im gläsernen Schloss, und unsere schlanken Körper sind durchsichtig, sind zart und singen. Aber in unseren Schläfen sickert ein kleiner, roter Blutstropfen auf und nieder und dehnt sich wie ein fliessender Reif um unsere Stirnen. Wir sprechen klingende Dinge, aber unsere Lippen bewegen sich kaum, sie sind von heimlicher Farbe, und unsere Augen sind aus Süsse zuckender Sommernächte. Wir wissen nicht in welchem Lande wir sind, heiss ist es und in der Ferne steigen schwarze Feuer auf, die prangen oben tief in schillernden Rosen. Wir berühren kaum unsere Hände, aber wenn der Blutstropfen hoch steigt in unseren Schläfen, dann drängen sich unsere Lippen zusammen, aber sie küssen sich nicht, sie drohen zu zerbrechen im Wunsch. Nachts liegen wir auf weissen Teppichen und träumen von grausamen Farben – oder Lustgestalten kommen und spielen mit unseren zarten, kühlen Körpern wie mit toten Kindern. Unsere Locken aber sind verbrannt von der Glut des kleinen Blutstropfens, und unsere Lippen stehen geöffnet und schmerzen. Das Laub in den Gärten summt, und an den Randen der Teiche sitzen seltsame Tiere, Eingeweide, bläuliche, graufahle und nicken immer mit ihren Zungen; wir stehen auf dem gläsernen Turm des Schlosses und warten auf die Morgenwinde und wanken nur noch, die Seide unserer Gewänder zittert – wir möchten unsere Hände berühren, unsere Lippen küssen, und unsere Augen sind gespannt wie Gewitteräther. Die gläsernen Wände der Säle krampfen sich – wir suchen etwas – zwei kühle Blicke richten sich spitz auf unsere Herzen – Glasdolche sind es, wir sehen sie immer wieder durch verschimmernde Spiegel – sie haben goldblasse Griffe, zarte Hände – die bewegen sich, sie winken uns – wir möchten uns küssen ... uns küssen! Sie winken – in unseren Schläfen lauscht der Blutstropfen, er streckt seinen Kelch ins Unendliche ...

[S. 64:] Apollydes und Tino kommen in eine morsche Stadt

Und als wir aufwachten, stand ein grosser Finger am Himmel und zeigte wo wir gehen sollten. Und wir kamen in eine morsche Stadt, die von einem allahalten Palmenhaupt beschattet war. Und da wir nach ihrem Namen fragten, lachten die greisen Torhüterinnen und der elephantenhäutige Stadtpfeifer dudelte und schnitt dazu spassige Geistergrimassen. »Chabâah! Bâah!!« Aber die Mädchen der morschen Stadt nennen sich mit Königinnennamen ihrer Mumien und duften nach dem heiligen Fluss; tanzen alle denselben unermüdlichen Tanz in staubfälligen Tüchern, chabâah ... bâah ...... nur das Auge inmitten ihres Leibes, das wurzelliebesverschlungene blickt ...

[S. 65:] Tino und Apollydes

»Nun küsse mich!« bat Apollydes – »ich weiss nicht zu küssen, denn unsere Rosengöttin in Hellas war meinem Vater böse, da er der Kriegerin opferte.« Ich verwunderte mich und sagte: »Keiner sprach so schön von der Liebe wie Du und solltest nicht küssen können?« Ich selbst zagte, ihn zu küssen. Und er: »Immer träumen meine Lippen von Deinem flatternden Taubenmund« ...

[S. 66 f.:] Im Garten Amri Mbillre

Und als es dunkel wurde, setzten wir uns auf das Seidenbeet im Garten Amri Mbillres des Königs der namenlosen Stadt. Da begannen meine Augen zu singen, lauter goldene Tränen, Liebeslieder, indes wir uns küssten. Amri Mbillre wandelt dem Monde nach; wie die schlafenden Pfade des Gartens schweben seine Füsse um das Seidenbeet unserer Liebe. Ich warne Apollydens geöffnete Lippen – aber schon haben sie ihn angerufen. An eine Säule seines Palastes bindet der König den Griechenknaben und schwelgt in seinem blühenden Schmerz. Ich habe meine Krone der rachsüchtigen Liebesgöttin von Hellas, sie zu versöhnen, geweiht. Und auf den Plätzen meiner Heimat, wo der schöne Griechenknabe die Liebe pries, versammeln sich die Sterndeuter, aber Niemand weiss wo er geblieben ist, die namenlose morsche Stadt kann Keiner nennen; ich habe den Sand des Weges dorthin verstreut mit meinem bangen Atem ...

[S. 68–75:] Der Sohn der Lîlame

Als Lîlame die Gemahlin des Grossveziers noch in ihrem Schoss den kleinen Mehmed trug, geschah es, dass unter ihrem Fenster eine Gauklerbande mit hellblauen Flachsperrücken ihre Spässe trieben. Und als Mehmed auf die Welt kam, ringelten sich mitten auf seinem Kahlköpfchen zwei ganz kleine hellblaue Wollhärchen. Seine Mutter Lîlame soll schwermütig darüber geworden sein, und sein Vater der Grossvezier liess alle Friseure des Landes in den Palast rufen, aber die standen ratlos um den hellblaukeimenden Haarboden seines Sohnes. Und Mehmed wurde der Welt böse, als er zum erstenmal mit seinem Gouverneur durch die Strassen von Konstantinopel spazierte. Die reichen und die armen Leute hielten sich die fetten und die hageren Bäuche vor Lachen. Und einige von ihnen wurden sogar handgreiflich und zupften an den Spitzen seiner hellblauen Locken. Aber als Mehmed älter wurde, gewährte es ihm einen unerklärlichen Reiz durch die lachende Volksmenge zu schreiten. Seiner Locken Blau hob sich grell ab von der Zitronenfarbe seines Turbans. Und in jedem Jahre einmal kam der Tag des grossen Köpfens. An dem wurden alle die sich des Lachens bei seinem Anblick nicht enthalten konnten, in den weiten Vorhof seines Palastes geladen. Der Sohn des Grossveziers sass dort auf einem steinernen Stuhl und zwang seine Opfer sich noch einmal so ungebührlich zu gebärden, wie sie sichs vor ihm auf den Strassen Konstantinopels haben zu Schulden kommen lassen. Aber die Leute zitterten vor Nöten und namentlich die Kinder heulten, denn auf einer Wetzbank lagen krummgebogene Schlachtmesser wie blitzende Mondsicheln, in jeder Grösse, für jeden Hals passend. Aber es ist noch nie eines von ihnen blutig geworden, denn Mehmed erlöste die Qual der Schuldigen, indem er sie vor der Hinrichtung wieder in ihre Wohnungen schickte. Und man betrachtete den Sohn des Grossveziers bald mit scheuen Blicken. Die Lachlustigen verbargen ihre Gesichter, wenn sie ihn von ferne herannahen sahen. Und die alten Weiber auf den Plätzen, die Spezereien und Kräuter feilboten, tuschelten sogar von der Wunderkraft seiner heiligen, hellblauen Haare. Aber Mehmed war der Welt böse. Doch weil er sie so liebte, begann er seine aussergewöhnlichen Haare mit flüssigem Kalk zu weissen. Und als ich ihn eines Abends also tun sah, trat ich in den Garten zu ihm, er sass am Rand des Spiegelsees, und sein Haupt war wie ein Stückchen Himmel, das in das kleine Wasser gefallen war. »Was beginnt Mehmed, mein lieber Vetter?« Und ich wehrte ihn sein Vorhaben weiter auszuführen, denn ich empfand Allahs Willen im Leuchten seiner hellblauen Haare. »Mehmed, Du bist ein Weiser und bist ein Narr, da Du es nicht weisst. Und wenn Du auch die schwarzen Haare Deines Vaters oder die goldbraunen Locken Lîlames Deiner Mutter trügest, Dich hätte das gleiche Geschick ereilt.« Ich zeigte in den See. »Deine Stirne ist mit Gold beschrieben, wie sollten die Unwissenden ihre Sprache deuten können, und Deine Augen blicken in eine andere Welt.« Und wir stellten noch am Abend eine Probe an, er verbarg seine hellblauen Haare tief im Turban und ich sah recht deutlich durch meinen Schleier, wie sich die Vorüberschreitenden neugierig anstiessen und ihre Lachsucht ihm galt. Aber Mehmed wandelt seitdem nur noch vor meinem Gitterfenster des Harems auf und ab, bis ich zu ihm in den Garten trete. Seine hellblauen Locken liess er sich nicht mehr nach Landessitte beschneiden, sie hatten schon seine Lenden erreicht und eines Abends am Spiegelsee offenbarte er mir, ihn beseele die tiefe Erkenntnis, er sei tatsächlich ein Weiser und grösser als alle seine Nebenmenschen, als Mond und Sterne. Und er könnte seine unumstössliche Erleuchtung nur damit begründen, dass er ein Zwilling Allahs sei. Auch würde er ferner nicht mehr über die Strassen Konstantinopels schreiten und die winzigen Menschenhaufen zertreten, das liefe nicht mit seiner Weisheit parallel. Aus verschiedenen Ländern lässt er Geometer kommen, welche die Höhe der Granitsäulen feststellen sollen, auf denen das Dach seines Palastes ruht. Er geht Wetten ein, natürlich gewinnt er immer. Er ist ja beträchtlich grösser als die steinernen Träger. Und die Pyramide jenseits des Ufers hat er selbst mit Klötzen aus den Baukästen der Haremskinder aufgebaut. Und die mächtige Moscheekuppel ist ein Punkt gegen seinen Kopf. Und sein Vater der Grossvezier, erbaut sich an der heiteren Laune seines sonst so schwerbrütenden Sohnes; übersteigen seine Spässe doch die Sprünge der Gaukler vor dem Palast. Aber ich werde täglich schwermütiger wie Lîlame seine Mutter. Und es war in aller Frühe, die Priester hatten noch nicht die Gebete verrichtet, als ich Mehmeds Stimme vor meinem Fenster höre; er schwenkt eine Zeitung triumphierend wie eine Siegesfahne durch die Luft. Und er lässt mir kaum Zeit die grosse Neuigkeit zu lesen. Es handelte sich um ein Elephantenriesenmonstrum aus Ost-Indien. Augenblicklich weilte es in der Kaiserstadt der Deutschen, im Abendland. – Fünfundzwanzig Schwarze und fünfundzwanzig Diener seiner Haut müssen sich zur Reise bereit halten und ausserdem die Hochgestelltesten im Palaste, und ich seine Base, die ich seine Weisheit zuerst erkannt habe. Auf der Fahrt über die Gewässer verhielt sich Mehmed auffallend schweigend, nur manchmal steigt ein Siegeslächeln jäh wie auf Meileneile über sein Antlitz und verklärt seine hellblauen Haare. – Umzäunt von drei Eisengittern gewahrten wir Goliathofoles das Riesenmonstrum und in den Nebenkäfigen die anderen Elephanten, die ihn kopfschüttelnd begaffen. Er war gerade im Begriff zwei Kessel Wasser auszuschlürfen. Auf eine Eingabe hat die Hauptstadt die Kessel der Gasanstalt dem hohen Gaste zur Verfügung gestellt – und der Westen war ohne Beleuchtung. Goliathofoles war so gross – um gewissenhaft zu berichten: auf seinem Kopf lag Schnee. Aber nichtsdestoweniger verstand er mit seinem Rüssel die Orgel zu drehen und namentlich die Trommel zu schlagen. Heute aber weigerte er sich entschieden seine Kunststücke dem Publikum vorzutragen, trotz der vielen Zuckerhüte, die für ihn zur Belohnung in Bereitschaft standen. Mehmeds schmächtige Glieder krampften sich vor Ungeduld und die fünfundzwanzig Schwarzen und die fünfundzwanzig Diener seiner Haut spannten ihre volle Kraft an um das Vorhaben ihres Herrn zu verhindern in den Käfig einzudringen. Mit zugespitzten Lippen, girrende Töne flötend, versuchte er das unfolgsame Riesentier zu ermutigen. Bisquitkrümel warf er in sein höhlenaufgesperrtes Mäulchen. Er duckte sich immer kleiner, damit Goliathofoles auch den aufmunternden Trommelwirbel seiner Hände auf dem Gesäss eines seiner Diener vernehmen könne. »Gutes Kiehnd, gutes Kiehnd ........!«

Einen so köstlichen Prinzen hat das Publikum in seiner Hauptstadt noch nicht empfangen. Mir aber rannen schmerzende Tränen über das Herz ...

[S. 76–80:] Der Dichter von Irsahab

Neunhundertneunundsechzig Jahre war Methusalem alt als er starb. Noch am Mittag stand er auf dem grossen Marktplatz in Irsahab und liess seine Finger herabhängen, die Zweige seiner langen Armäste und hielt den bemoosten Kopf trauernd zur Erde gesenkt. Und die Knaben und Mädchen, die sich in seinem lauschigen Versteck küssten und die Kinder, die ihre Spiele unter seinem Schatten spielten, fürchteten sich vor seiner Düsterkeit. Und dann kam sein Sohn Grammaton und tröstete ihn. Sein Jüngster war es, der Einzige seiner letzten hundertsten Gemahlin, die sich aus Neugierde mit dem himmelalten Greis vermählt hatte. Und so kam es, dass Grammaton aus blauem Auge schaute, weil Methusalem der blauen Ferne näher war, wie der Erde. Und Methusalem sagte zu seinem Sohne Grammaton: Ich werde heute noch sterben, denn ich kann nicht weiter leben ohne Mellkabe meine Amme. Mellkabe war am Morgen bestattet worden und ihre Wiegenlieder schläferten immer aus ihrem Grabe zu Methusalem auf. Und er hörte allerlei Schmeichelnamen und Methusalem sank also ins Grab neben ihr. Und ein alter Rabe setzte sich auf den Rand seiner Stätte, der hiess Henoch und war Methusalems Vater. Nach finsterer Seelenwanderung kam er endlich wieder in Rabengestalt auf die Welt; weil er Wischnu den Gott des Nachbarvolkes beleidigt hatte. Und ausser diesem hinterliess der Himmelalte drei Söhne und eine unzählige Kindeskinderbrut. Und die beiden ältesten Söhne waren Zwillinge und fünfhundert Jahre alt und Grammaton, sein später Sprössling, der so viel himmliche Güte im Gesicht trug, war zu gleicher Zeit mit dem neuen Sternbild Pegasus geboren. Und Grammaton war ein Dichter und das war sein Unglück, denn er konnte nicht zwei von drei unterscheiden, auch hatte er sich nie mit dem Ein- und Verkauf der Ländereien und Viehherden seines Vaters abgegeben. Und es leuchtete ihm ein, als sein fünfhundertjähriges Brüderpaar ihm auseinandersetzte, dass die Hinterlassenschaft ihres Vaters sich wohl in zwei, aber nicht in drei Teile teilen lasse und Grammaton verzichtete mit Edeltränen in seinem blauen Auge. Aber seitdem liess ihn sein Grossvater in Rabengestalt keine Ruhe. Er setzte sich auf seine Schulter auf seinen träumenden Lockenkopf und einmal hörte ihn Grammaton, der keine Ahnung von der nahen Blutsverwandschaft des Vogels hatte, in warnendem Tone sprechen. Aber des Schwarzen Verdächtigungen entfachten sein Herz grimmig, bis seine Seele aufging unter Morgenleuchten und sich füllte mit Gold. Und er dachte, ich kann meine goldenen Gedanken nur prägen in Sternen und Zeichen in die Säule, die das Dach meines Vaterhauses trägt. Aber das schlaue Brüderpaar schimpfte ihn einen Heimlichen, der sich vergriff an ihr Eigentum und vertrieben wurde er aus Vater Methusalems reichem Garten. Und da die Säule, die das Dach seines Vaterhauses trug, der Tempel seiner Kunst war, begann er seine Brüder zu hassen und er konnte nicht den Tag erwarten, bis einer den andern erschlug, wie Kain den Abel.

Und sein Hass dehnte sich aus auf die Kinder und Kindeskinder und er streute kranke Saat unter ihnen und Eines riss das Andere vom Erdboden fort. Aber ebenso schnell wuchsen sie wieder auf, von Kindeskindeskind aus Kindeskindeskindeskind und starb der Vater, so ersetzte ihn ein Sohn in der Nacht. Und Grammaton sah ein, die ganze Stadt war mit ihm verwandt und sein Hass wuchs von Glied zu Glied und er zertrat das mutwillige Zieglein was ihm in den Weg lief – ehe es wiederkehre einmal auf zukünftigem Sterne als irgend eines kommenden Urneffen Sohnes Sohn. Und es gelang ihm das Geschlecht Methusalem auszurotten und das waren alle Einwohner der Stadt und selbst seinen Tempel, die Säule die das Dach seines Vaterhauses trug, verschonte er nicht. Und nur der Rabe, er konnte nicht mehr sterben, hockte in den Höhlen seiner Schulter, und er, Grammaton, sass auf dem Schwanz eines steinernen Affen und sang:

i! ü! hiii è!!

i! ü! hiii è!!

[S. 81:] Die sechs Feierkleider

Sechs Feierkleider aus Traumseide gesponnen, rauschen in meinem Nachtgemach auf goldenen Bügeln in Glasschränken. Ich bin die Prinzessin von Bagdad und wandele in der Grossmondzeit durch helle Rosengärten um heimliche Brunnen. Der aufgeblühte Vollstern duftet zwischen Wolkenschwarz – ich lege mich schlummern in seinem Schoss ...

[S. 82:] Das Lied meines Lebens

Sieh in mein verwandertes Gesicht ....

Tiefer beugen sich die Sterne

Sieh in mein verwandertes Gesicht.

Alle meine Blumenwege

Führen auf dunkle Gewässer,

Geschwister, die sich tötlich stritten.

Greise sind die Sterne geworden .....

Sieh in mein verwandertes Gesicht.

INHALT

Mein Lied [S. 7]

Ich tanze in der Moschee [S. 8 f.]

Das blaue Gemach [S. 10–13]

Plumm Pascha [S. 14–17]

Ached Bey [S. 18–22]

Der Tempel Jehovah [S. 23]

Minn, der Sohn des Sultans von Marokko [S. 24–28]

Der Fakir von Theben [S. 29–31]

Der Khedive [S. 32–36]

Mein Liebesbrief [S. 37–39]

Der Magier [S. 40 f.]

Ich frage nicht mehr [S. 42]

Aber ich finde dich nicht mehr ...... [S. 43]

Heimlich zur Nacht [S. 44]

Wenn du kommst – [S. 45]

Ich träume so leise von dir – – – [S. 46]

Ich glaube wir ...... [S. 47]

Der Grossmogul von Philippopel [S. 48–57]

Tino an Apollydes [S. 58]

Du es ist Nacht – [S. 59 f.]

Apollydes und Tino sind Zagende und träumen unter der Mondscheibe [S. 61–63]

Apollydes und Tino kommen in eine morsche Stadt [S. 64]

Tino und Apollydes [S. 65]

Im Garten Amri Mbillre [S. 66 f.]

Der Sohn der Lîlame [S. 68–75]

Der Dichter von Irsahab [S. 76–80]

Die sechs Feierkleider [S. 81]

Das Lied meines Lebens [S. 82]

In das Buch eingelegt ist folgendes Korrekturblatt: »Druckfehler-Berichtigung: / Die Gedichte auf S. 43: Aber ich finde … und auf S. 47: Ich glaube wir … – sind selbständig und nur irrtümlich nicht durch den Druck und im Inhaltsverzeichnis als solche bezeichnet.«