www.kj-skrodzki.de/Dokumente/Raas_106.htm

Copyright © 2003–2026 by Karl Jürgen Skrodzki, Lohmar

Dr. Karl Jürgen Skrodzki, Am alten Sägewerk 5a, 53797 Lohmar, Deutschland

Tel.: +49 2241 942981

E-Mail: web@kj-skrodzki.de

[207] Else Lasker-Schüler an Emil Raas

Zürich, Samstag, 23. April 1938

Aktualisiert: 14. März 2026

* * *

Emil Raas

23. 4. 38.

Lieber Mill. Ich habe wirklich nicht telephoniert aus anderen Gründen wie aus Gründen – eigentlich aus gar keinen. Ich bitte Sie nur nicht zu kommen. Ich bin so für mich im Gedanken und wüsste gar nichts mehr zu sagen. Ich reis sobald ich kann, etwa schon vor 1. Juni nach Jerusalem. Wenn Sie mal dorthin zur Ferienerholung, wenn man das sagen kann angesichts Gerusalemme, so viel besser. Ich zeig Ihnen dann alle die seltsamen Dinge dort. – Es würde mich wirklich beschämen, kämen Sie hierher und das wollen Sie doch nicht? Nie im Leben war ich so müde von einer Zeit wie nun und ich verfolge alles verzweifelnd. Wie wird es werden! Eine Zeitung schreibt dies, die andere das und was soll man glauben? Heute schrieb mir ein spanischer Dichter, der in Wien wohnte, er ist geflohen nach Ungarn. Von dort kam sein Brief. Er war mal hier und sprach mich auf der Strasse an. sandte mir dann sein Buch in spanischer Sprache. Die Hore Belissha (gespr. Belissa) so hiessen meine Ahnen, mein Urgrossvater, der schon nach England ging englischen Namen annahm, So erbt man, war immer drum verliebt in englischer Sprache und kann sprechen. Ich muss noch viel arbeiten, mein neues Buch. Viele Grüsse und alles Schöne!

Anmerkungen

Quelle: The National Library of Israel, Jerusalem, Emil Raas Collection (Arc. 4* 1821 01 47). Druck: Else Lasker-Schüler, Werke und Briefe. Kritische Ausgabe. Im Auftrag des Franz Rosenzweig-Zentrums der Hebräischen Universität Jerusalem, der Bergischen Universität Wuppertal und des Deutschen Literaturarchivs Marbach am Neckar hg. von Andreas B. Kilcher [ab Bd. 9], Norbert Oellers, Heinz Rölleke und Itta Shedletzky. Bd. 10: Briefe. 1937–1940, bearbeitet von Karl Jürgen Skrodzki und Andreas B. Kilcher, Frankfurt am Main: Jüdischer Verlag im Suhrkamp Verlag, 2009, S. 142.

sein Buch • Else Lasker-Schüler hatte Jean Gebser am 23. Dezember 1937 für die Übersendung seines Buches »Gedichte eines Jahres« ([Berlin:] Die Rabenpresse, 1936) gedankt. Die Gedichte erinnerten Else Lasker-Schüler an Spanien. Sie schreibt in ihrem Brief: »Jedes Gedicht ist ein Balkon in einer spanischen Straße; hinter seinen Gittern sitzt eine Frau in spanischen Tüchern, Rose im Haar, fächelt sich. | In Jerusalem ging ich oft durch eine spanische Gasse und ich mußte daran denken beim Lesen Ihrer Gedichte.« (Else Lasker-Schüler, Werke und Briefe [...]. Bd. 10 [...], S. 104 f.). – Jean Gebser beantwortete Else Lasker-Schülers Brief am 21. April 1938. Er schreibt aus Budapest (The National Library of Israel, Jerusalem, Else Lasker-Schüler Archive [Arc. Ms. Var. 501 05 121): »Ihr Brief mit Ihren freundlichen Worten über meine Gedichte hat mich noch in Wien erreicht. Ich danke Ihnen herzlichst für ihn. Und ich hätte ihn schon eher beantwortet, – aber da kamen die ›Anschluss‹-Ereignisse. | Ich bin erst vor einigen Tagen glücklich hierher entkommen. Es waren schreckliche Wochen, die ich in Wien verleben musste. – Hore Belissha • Anspielung auf den Namen des britischen Politikers Leslie Hore-Belisha (1893–1957), der einer sephardischen Familie entstammte. Er war von 1937 bis 1940 britischer Kriegsminister. – mein Urgrossvater • Der Großvater Jakob Kissing. – Nach Else Lasker-Schülers Schilderung in »Ich räume auf!« (S. 22) war die Familie Kissing, aus der ihre Mutter Jeanette stammte, von Spanien über England nach Süddeutschland eingewandert: Dieses ist ebensowenig belegt wie der Hinweis, dass die Großmutter Johanna Kissing (geb. Kopp) eine Dichterin gewesen sei. Vgl. Else Lasker-Schüler, Werke und Briefe [...]. Bd. 4.1: Prosa. 1921–1945. Nachgelassene Schriften, bearbeitet von Karl Jürgen Skrodzki und Itta Shedletzky, Frankfurt am Main: Jüdischer Verlag im Suhrkamp Verlag, 2001, S. 68. – mein neues Buch • Vgl. zu [Brief 185] (»ein neues Buch«).