[142] Else Lasker-Schüler an Emil Raas
Zürich, Freitag, 4. November [Dezember] 1936
Aktualisiert: 8. Februar 2026
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4. Nov. [Dezember] 36
Gerade 12 Uhr schlägt es!
Ich komme aus dem Theater: Nachtasyl.
Lieber Mill, ich weiß Sie freuen Sich mit mir; haben im Theater gekauft, denn ein Ehepaar hörte ich hinter mir sagen: »Da freut sich die ELSch. sicher. Es kommen noch Gedichte und – eine Geschichte: Der Weihnachtsbaum. [das W als Herz mit angehängtem Apfel] Am Nachmittag bekam ich den Contrakt von Dr. Oprecht. Aber ich konnt ihn noch nicht lesen. Und – ich glaube ich habe letzten [2] Brief nicht frankiert? Oder doch. Ich sende sonst das Geld wieder. Also ich hab ihn nicht frankiert, ich hab erst auch am Abend Geld bekommen. Bitte pardon – aber ich fand es bon – zu antworten sofortement. Ich schlaf jetzt die Wand entlang.
(Ich weiß meinen Namen nicht mehr. wie der Mann im Nachtasyl.)
[Wand mit drei Fenstern, von der Decke ein Kanu hängend]
Mein Indianerboot
Blick auf die Gasse Blick auf den Platz und Limmat
[1] Ich war zu Mittag bei Riesers in Rüschlikon. Sie sagten – mein Stück wird noch in Bern und Basel gespielt werden von ihren Schauspielern.
Beinah möcht ich fliehen. So müde!
Anmerkungen
Quelle: The National Library of Israel, Jerusalem, Emil Raas Collection (Arc. 4* 1821 01 32). Druck: Else Lasker-Schüler, Werke und Briefe. Kritische Ausgabe. Im Auftrag des Franz Rosenzweig-Zentrums der Hebräischen Universität Jerusalem, der Bergischen Universität Wuppertal und des Deutschen Literaturarchivs Marbach am Neckar hg. von Andreas B. Kilcher [ab Bd. 9], Norbert Oellers, Heinz Rölleke und Itta Shedletzky. Bd. 9: Briefe. 1933–1936, bearbeitet von Karl Jürgen Skrodzki, Frankfurt am Main: Jüdischer Verlag im Suhrkamp Verlag, 2008, S. 437 f.
Das eigenhändige Datum des 4. November 1936 ist verschrieben: Die Premiere von Maxim Gorkis Schauspiel »Nachtasyl« fand einen Monat später, am 3. Dezember, statt. – Gedichte • In der Anthologie »Die Ernte«. Vgl. zu [Brief 141] (»Journal die Ernte«). – Der Weihnachtsbaum • Die Erzählung »Der Weihnachtsbaum«, die im Programmheft zur Uraufführung von »Arthur Aronymus und seine Väter« erschien. Vgl. Else Lasker-Schüler, Werke und Briefe [...]. Bd. 4.1: Prosa. 1921–1945. Nachgelassene Schriften, bearbeitet von Karl Jürgen Skrodzki und Itta Shedletzky, Frankfurt am Main: Jüdischer Verlag im Suhrkamp Verlag, 2001, S. 292 f. – Else Lasker-Schüler übersandte am 8. und am 12. Dezember 1936 jeweils ein Typoskript der Erzählung an Edgar Pauli, den Dramaturgen des Schauspielhauses. Vgl. Else Lasker-Schüler, Werke und Briefe [...]. Bd. 9 [...], S. 441 und 444. – Contrakt von Dr. Oprecht • Der Vertrag über die Drucklegung des »Hebräerlands« bei Emil Oprecht (The National Library of Israel, Jerusalem, Else Lasker-Schüler Archive [Arc. Ms. Var. 501 05 7]) wurde am 10. Dezember 1936 abgeschlossen. Vgl. zu [Brief 48] (»viel dichtete auch über Jerusalem«). – wie der Mann im Nachtasyl • Der ›namenlose‹ Schauspieler sagt im 2. Akt zu Natascha: »Hier bin ich namenlos ... begreifst du wohl, wie kränkend das ist – seinen Namen zu verlieren? Selbst Hunde haben ihre Namen ...« und: »Namenlos ... ausgestrichen aus dem Buch des Lebens«. – mein Stück • Nach der Uraufführung von »Arthur Aronymus und seine Väter« am 19. Dezember 1936 in Zürich erschien in der »Neuen Zürcher Zeitung« eine negative Kritik von Jakob Rudolf Welti, die dafür ausschlaggebend gewesen sein dürfte, dass das Stück nach der zweiten Aufführung am 23. Dezember vom Spielplan abgesetzt wurde. Vgl. wti [d. i. Jakob Rudolf Welti], »Arthur Aronymus und seine Väter«. Schauspielhaus (19. Dezember), in: Neue Zürcher Zeitung. Jg. 157, Nr. 2234 (Morgenausgabe) vom 21. Dezember 1936, Blatt 3. Welti schreibt: »Das Bekenntnis Else Lasker-Schülers zur konfessionellen Toleranz in Ehren, aber so dick aufgetragen hätte sie es uns denn doch nicht zu demonstrieren brauchen; man kann uns Schweizern in solchen Dingen keine derartige Schwerhörigkeit nachsagen, daß es dieses Winkens mit dem Holzschlegel bedurft hätte, um sich Aufmerksamkeit zu verschaffen. Symbolisches, das in der Lyrik der Dichterin gewiß zu feinen Formulierungen gekommen wäre, wirkt auf dem ihr ungewohnten Boden des Theaters schwerfällig, durch Wiederholung und Häufung – wie im Benehmen des von Menschlichkeit förmlich überströmenden Kaplans – sogar aufdringlich.« Vergeblich versuchte Else Lasker-Schüler, den Einwänden Weltis in einem offenen Brief entgegenzutreten. Siehe die beiden Entwürfe »Hochzuverehrende Feuilletonredaktion, / Ich wäre Ihnen ...« und »Ich erlaube mir der Neuen Zürcher Zeitung ...«. Vgl. Else Lasker-Schüler, Werke und Briefe [...]. Bd. 4.1 [...], S. 365–370.