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Else Lasker-Schüler: Das Hebräerland (1937)

Aktualisiert: 3. August 2023

Inhaltsübersicht

Das Hebräerland (1937) [*]

Verzeichnis der abgekürzt zitierten Literatur [*]

Anmerkungen [*]

Die Familie Else Lasker-Schülers [*]

[3]

Else Lasker-Schüler

Das Hebräerland

Verlag Oprecht Zürich

[4]

Mit 8 Zeichnungen von Else Lasker-Schüler

[5]

ואתם תהיו לי ממלכת כהנים וגוי קדוש

Ihr aber sollt mir sein ein Reich von Priestern, ein heiliges Volk. [*]

[7]

Das Hebräerland

[8]

Meinen lieben Eltern und meinem

geliebten Sohn Paul

Das Hebräerland
[2 (Frontispiz)] [*]

[9] Aus der Höhe Jerusalems stürzt der Geier [*] und ordnet sein Gefieder, bevor er sich in einer Grube niederläßt. Feder auf Feder glättet er sorgfältig, als gehe es zum Festflug. Nie sah ich einen Menschen, der, im Begriff, sich auszuruhen, mit glorreicherer Geste sein Gewand betrachtete wie der edle Raubvogel. Ich erinnere mich gern der mächtigen Tiere, die uns so oft durch die Wüste, kühn und voll Unternehmungslust, auf der Fahrt im Omnibus eine Strecke Wegs nach Tel-Aviv [*] begleiteten. Unwillkürlich legt die besorgte Mutter fester um ihr Schoßkindlein ihren Arm.

Heute fahre ich wieder unten ans Meer. Neben mir sitzt ein Beduine im gestreiften Atlaskleid, den Kopf in ein gelbes Tuch gehüllt. Wir sprechen englisch zusammen, auch ein paar Worte arabisch, die ich wohl auf der Straße aufgefangen, aber deren Sinn ich nicht verstehe. Darum lacht der bunte Mitreisende verstohlen – und ich weiß schon warum. Im Grunde versteht man sich im Heiligen Lande – ohne was zu sagen. Die Sonne bringt hier alles an den Tag. [*] Sie scheint so hell durch die Sinne und Herzen der Geschöpfe, vergißt nicht, am geringsten Menschen ihr Rosengold, am winzigsten Tierlein und dem kleinsten Feigenbaum auf vergessenen Schutthaufen gewissenhaft zu verteilen. Und man wundert sich jedesmal wieder, wenn ihr Dorn einen Einwohner Palästinas in den Nacken sticht. Um 5 Uhr morgens pflegt die Sonne am heißesten zu scheinen und weckt den Langschläfer mit einem goldenen Kuß. Der Araber legt sich schon um die Nachmittagsstunde zur Ruhe, der orientalische Jude – kaum ist es Abend. Mich brachte der Mond als unwiderruflich »Letzte« heim.

Will man von Palästina erzählen – geschmacklos, sich einen Plan zu konstruieren. Ganz Palästina ist eine Offenbarung! Palästina getreu zu schildern, ist man nur imstande, indem [10] man das Hebräerland dem zweiten – offenbart. Man muß gerne vom Bibelland erzählen; wir kennen es ja alle schon von der kleinen Schulbibel her. Nicht wissenschaftlich, nicht ökonomisch; Palästina ist das Land des Gottesbuchs; Jerusalem – Gottes verschleierte Braut. [*] Ich kam von der Wüste aus, reiste zur heiligen Hochzeit, eingeladen zur Feier, die immer Jerusalem umgibt. Immer ist Hochzeit unter dem Baldachin seines Himmels. Gott hat Jerusalem lieb. Er hat es in Sein Herz geschlossen. Er hat diese ewige Stadt der Städte erwählt. Jeder Gast, der in diese Stadt kommt, wechselt sein Kleid mit der Weihe des Gewands. Diese fromme Wandlung verpflichtet den Menschen, sich feierlich und artig zu benehmen, die andächtige Stimmung der auserlesenen, erhobenen Stadt nicht zu erschrecken. Ich muß sagen, ich habe nie ein überlautes Wort, nie einen schrillen Ton in Jerusalem vernommen, weder in seinen Straßen, noch in seinen Häusern und Palästen. Man hört darum deutlicher Gott atmen. Überwältigt von Seiner Nähe, beginnt der Mensch zu beben. Man muß sich an Gott gewöhnen. Und tut gut, sich zu reinigen, immer besser zu werden. Die Seele wird von tiefer Furcht ergriffen, beginnt zu brennen. Manchmal hätte ich mich gern vor Gott versteckt.

Nicht alle Menschen, die in das Land Palästina reisen, leben dort im Bewußtsein ihrer Aufgabe. Palästina verpflichtet!!! Sich erholen, namentlich im seelischen Sinne, ist Jerusalem, Palästinas Hauptstadt, der rechte Ort, das heilende Bad der Seele. Denn die Stadt segnet den Menschen, der sich nach dem Segen sehnt, die fromme Stadt tröstet den, der getröstet werden möchte. Jerusalem ist die Sternwarte des Jenseits, der Vorhimmel des Himmels. In dieser himmlischen Schöpfung wurde der erste Tempel [*] gebaut.

Nach greisen Zeiten war es HERZL, [*] der tote Melech, [*] der lebendige, unsterbliche Wegweiser, THEODOR HERZL, der auf seines Herzens Papyros den Wiederaufbauplan des Hebräerlands entfaltete. Er begann die ehrwürdige, ehrfürchtige Mumie auszugraben. Amen ... Ich verweile andächtig. [11] Palästina ist gedanklich das fernste Land der Welt. Ich wollte ja nur feststellen, ob man überhaupt wieder auf die Erde zurückkomme – und reiste ab. Mir ist – ich bin auf einem andern Stern gewesen. Mich bringt niemand von diesem Glauben ab! Am allerwenigsten der Geograph. Ich reiste nach Europa zurück auf dem mächtigen Schiff »Jerusalem«. Wenn nicht am Morgen und am Abend die fröhlichen hebräischen Kolonisten, die kindlichen Judenbauern, auf Deck ihre rührenden Volkslieder gesungen, hätte ich mich, trotz der vielen netten Passagiere, als einsamste Passagierin gefühlt. Welcher Jude wäre auch fähig gewesen, den Grund meiner Rückfahrt zu verstehen und zu billigen. Ach, ich hätte mir so gerne in der italienischen Hafenstadt Trieste unseren Lloyd »Gerusalemme« [*] zum Andenken als Enveloppe an mein Armband gehängt! Er führte uns an Griechenland vorbei, an Ithaka. Er zeigte mir den Zeus auf dem Olymp thronend und aus blaublauem Wasser hörte ich die Sirenen [*] singen.

Es tanzten auf unserem Schiff die kernigen jüdischen Landleute, die Chaluzim [*] mit ihren bildhübschen Bäuerinnen unter freiem Himmel. Die Söhne und Töchter etlicher wohlhabender Judenfamilien Europas pilgerten schon vor vielen, vielen Jahren nach Palästina, ins Gebenedeite Land. Verließen Elternhaus und seine Obhut, sich der Erde des Heiligen Landes zu weihen, die Sümpfe Tiberias [*] zu trocknen, ja ihr Leben zu opfern, mit Freuden hinzugeben für den Dienst des Herrn.

Denn Palästina ist Seine Wohnung. Mit großer Bewunderung und Verehrung begegnete ich diesen Reisegenossen, den mutigen Pionieren des Bibellandes, seinen Helden! Es verstummte mein Mund vor Hochachtung, da ich in einer der nächstliegenden Kolonien noch vor kurzem den fleißigen, schlichten Menschen begegnete. Rügte auch die kleine Reisegesellschaft, der ich mich am Morgen zum Aufbruch ins Emek [*] angeschlossen, meine »Oberflächlichkeit in wirtschaftlichen Dingen«, besonders meine Unerfahrenheit im Dunst, [12] allerdings im gesunden, der großzügigen Kuhställe der Kolonie; wetteiferten in Ratschlägen, die sie dem sachverständigen, gewissenhaften Verwalter zu erteilen sich erlaubten. Die kleinen ein- und zweijährigen Judenkosaken auf ungesattelten Pferden hatten es mir angetan! Sie galoppierten zwischen den Hecken der roten Erde. Am Schabbatt [*] wird es den Kindern erlaubt, sich herumzutummeln mit ihren wiehernden Lieblingen. Es ruht vom Hauch des Feiertags noch lässig die Arbeit. Zu Zweien, zu Dreien sitzen die glücklichsten jüngsten Adonis [*] und die zauberhaft niedlichen, lieblichen Geweretts [*] auf den Rücken der lieben, geduldigen Tiere, die ihre kleinen Reiter und Reiterinnen lieben und – mitmachen! Über die hebräische Pußta jauchzend und schnaubend sausen sie über Stock und Stein. Ich gestehe, schon auf dem Schiff wieder nach Europa, empfand ich eine brennende Sehnsucht sondergleichen zurück nach unserm lieben Heiligen Lande, nach Jerusalem namentlich, wie nach einem von mir verlassenen urverwandten versteinten Geschöpf. Ein Skarabäus [*] ist Palästina! Ein jeder Jude ist mit seinem Erzstoff geimpft!

* * *

[13] Neu wird gekleidet vom Judenvolke von Jahrhundert zu Jahrhundert Palästina, das liebliche Land: im neuen Einband Gott gereicht. Gerade die Juden, die zurück in das Land kommen, entdecken seine Brüchigkeiten und Vergilbtheiten. Die Eingeborenen, die von ahnher nie die rote, blutgeronnene Erde verließen, wohnen zufrieden zwischen den Steinspalten der alten Stadt, viele in den Kammern ihrer Bazare oder auf den Höhen zwischen Schlucht und Schlucht. Oder wie die wilden Juden [*] – vor Jerusalems Tor, anspruchslos und einträchtig, mit ihren arabischen Brüdern in Zelten. Es sind die schlechtesten Hebräer nicht.

Man bewegt sich keineswegs zwischen einzelnen Menschen in den Hängen und Gängen Zions, [*] aber zwischen Völkern! Die sich gefundenen Stämme Judas [*] ruhen methodisch geborgen, jeder einzelne Stamm der bunten Blöcke, im Stadtviertel seines Bilderbaukastens. Um diese gewaltigen Stammbausteine bewegen sich die verschiedenartigsten morgenländischen und abendländischen Völker und Religionen. Und doch geht hier Jude und Christ, Mohammedaner und Buddhist Hand in Hand. Das heißt, ein jeder begegnet dem Nächsten mit Verantwortung. Es ziemt sich nicht, hier im Heiligen Lande Zwietracht zu säen.

Griechische Mönche und abessinische hebräische Mönche verbindet eine besondere Innerlichkeit. Die Priesterwürde vererbt sich wie in ehemaligen Zeiten vom Judenpriester Abessiniens auf den Sohn. Sie tragen schwarze Gewänder, feierlich wallend über ihre hochgewachsenen Gestalten, schwarze hohe Turbane auf stolzen Häuptern. Sie sind die schönsten der Juden im Liladunkel ihrer Haut. Auch sah ich selten schönere Gesichtszüge und edelgeschnittenere, wie die aus atmendem Amethyst. Keusch und tiefliegend der dunkeln [14] Rabbi Augen, schmal und ernst ihre schweigenden Lippen. Ich zitiere das Hohelied, in dem König Schlôme die feinen Muscheln der Nase seiner Sulamith [*] besingt. Auch des Abessiniers edle Nase steht gen Osten gerichtet. Das heißt: die sanften, bebenden Nüstern wittern immer Gottes Hauch.

Die Städte Palästinas sind alle räumlich kleine Städte, aber ihr Inhalt tausendfältig. Dafür überbieten die Dimensionen der sie umgürtenden Landschaften an Weite und unübersehbarer Ausdehnung, an Maß die Umgegenden der Städte und Dörfer aller Länder aller Erdteile. Ich baue keine Kulissen phantastisch, und doch glaube ich, die grenzenlosen Fernen mit ihren Felspyramiden und schwindelnden Abhängen noch betonen zu müssen, eine annehmbare Vorstellung dem, der nie Palästina mit seinen Augen sah, von dem Zauberlande zu ermöglichen. Das Wort reicht nicht, es mit ihm zu messen. Jerusalem selbst ist klein an Wuchs, Gottes auserwählte Braut im Lande Palästinas, und doch an Gestaltung so ungeheuer im Mantel ihrer Lilahimmel und steinernem Schluchtenkleide. Eine kleine Stadt, eine liebliche Burg – Sein Zion; hebt sich aus Stein und Stein empor, umrahmt von Gestein. Palästina ist mit keinem Lande der Erde zu vergleichen. Palästina ist nicht ganz von dieser Welt, grenzt schon ans Jenseits und ist wie die Himmelswelt nicht zeitlich und räumlich zu messen. Mögen etliche auch die »Übertreibungen« –? einer Dichterin wohlwollend hinnehmen, aber – eine Dichterin mußte kommen, das gebenedeite Land zu feiern.

Nur der dichtende Mensch, der sich bis auf den Grund der Welt Versenkende, zu gleicher Zeit sich zum Himmel Emporrichtende, erfaßt, inspiriert von begnadeter Perspektive aus, Palästina, das Hebräerland! Und teilt mit dem Herrn die Verantwortung Seiner Lieblingsschöpfung.

Der hebräische Pionier erweckte Palästina aus seinem tausendjährigen biblischen Sagenschlaf. Er hob das verlorene gelobte Land, ein Becher, empor! Füllte ihn mit der Rebe seines [15] Blutes, opferte sein Leben Gott, es neu zu gewinnen – in höherer Form. Die Pioniere, die ersten Kolonisten sind es, die das Fieber der kühlen Wasser auf sich nahmen; etliche starben. Sie gruben nicht nach Gold, aber nach Gott! Sie alle, die ihr junges Leben ließen, und die, die leben geblieben, sind die Fürsten des Landes! Und doch bewegen sie sich, sie, die die Äcker bestellen und die Frucht reifen lassen, mit Bescheidenheit zwischen den Brüdern und Schwestern der Städte. Stolz ist der Stein, blüht zwischen ihm und dem anderen ein kleiner grüner Busch, ruht unter ihm rastend ein müder Pionier. Ein Bergbeduine lockt sein Kameel zärtlich: »Ana hatu inaha ana! La la la, la ... la la la, la!«

Wenig Grün und Bunt wächst auf den Bergen um Jerusalem; der März und der Aprilmonat besticken um so fleißiger die Teppiche des Landes mit unvergleichlichen Blumen und Gräsern. Auf den Höhen pflegt der Wanderer ab und zu kleinem Mohn, in sich rotversunkene, verklungene Urahnen der entfaltenden Mohnblume Europas zu begegnen. Ich könnte so eine Urblume nicht abpflücken, aus Übermut keinesfalls. Und doch brach ich einige von den eben aufgeblühten roten Blumen auf Golgatha, [*] ein paar fromme Christen an der Spree zu erfreuen, zwei meiner lieben Freunde. Ich hatte mir Golgatha ganz anders vorgestellt. Auch stand ich einmal im Traum mit Spielgefährten auf der einsamen Anhöhe, zu wachen die Nacht, nachzuholen, was unbezwingbare Müdigkeit nicht vermochte. Drei Hügel stritten noch vor kurzem über ihre Echtheit. Bis vor einigen Wochen auf der zerfallenen Landstraße, unterhalb des einsamen kleinen Berges, auf dem ich gegenwärtig stehe, grabende Juden, im Begriff, ein neues Häuserviertel anzulegen, auf ein verstorbenes Tor stießen, »auf das Stadttor« unterhalb der Hügelstätte der Ewigen Stadt. Das bis dahin schlummernde Tor wurde, nachdem man es wieder einbalsamierte, zurück in seiner Erde bestattet. Golgatha, von Mohnblumen bewachsen, mißt nicht höher wie eine Trauerweide. Und ich machte mir doch Sorgen, wie ich den »Fels« ersteigen [16] könne. Die alten, urwüchsigen Quergassen der Jaffa Road [*] stellten schon täglich neue Aufgaben an mein Herz. Nun stand ich mühelos, aber sehr bewegt und sinnend über unaufgeklärtes Geschehnis, auf dem Hügel der Trauer und blickte hinab ins Tal. Dominikanermönche wandeln schweigend über die Wege des Gartens noch, denn der Abend ist hell, der Himmel hat nicht mit Licht gespart. Mir nur nicht den Weg nach Emmaus [*] entgehen zu lassen, versprach ich den heiligen Männern. Sie gaben mir noch manche religiöse Aufmerksamkeit mit auf den Weg, für die ich ihnen dankte. An Kaktushecken vorbei und Steinen, überall Steine, Steine, die den angelangten Juden, erzählt man in Palästina, bei ihrer Ankunft im Heiligen Lande vom Herzen gefallen sind. An Riesenkrallen vorsintflutlicher Felsungeheuer, ja Steinichthyosauriern, [*] fuhr ich vorbei, spähend nach der Straße, die der edle Jude [*] mit seinen Jüngern erstieg. Unten in der vorweltlichen Schlucht versteinter Rachen reißt sie sich ab zur Höhe fahrend, in die Heilige Stadt. Der aufwirbelnde Staub einer weißen Karawane wehte fast meinen kleinen Wagen bis unten in die Tiefe. Zwei, drei dunkelhäutige Kinder sitzen auf jedem Rücken der geduldigen Tiere; lässig auf dem nachtrabenden Esel, in weiße Tücher gehüllt, eine Frau. »Schalom«! [*] rufen wir uns gegenseitig zu, und mit Entzücken folgen meine Augen dem friedlichen Ausflug. Nun befand ich mich wieder mitten in Jerusalem, und die holde Stille tat mir wohl. Man muß in Palästina leben oder eine Weile gelebt haben, um an die Wahrheit unserer gebenedeiten Bücher nicht mehr zu rühren. Der Aufenthalt im Gelobten Lande, vor allen Dingen in Jerusalem, stärkt den Glauben an Gott, an die »Ruhende Gottheit«. [*] An ihrer Wange lehnt Jerusalem.

Ich fragte die lieben Talmudschüler, ob sie mir wohl sagen könnten, wie alt Gott sei? Diese Frage, meinten sie einstimmig, möchte wohl selbst ihr großer Raw [*] nicht zu beantworten wissen, aber ich möchte den Rabbiner Kook [*] persönlich fragen oder – seine kleine zweijährige Enkelin Zipora, da Adoneu [*] nicht nur der Älteste der Ältesten, auch der Jüngste [17] der Jüngsten sei – nach Seinem Eigenen Kundtun: »Ich Bin, Der Ich Sein Werde.« [*] Unaufhörlich umschwebt der Schmelz zukünftiger Ewigkeit den Herrn. Ein beistimmendes Murmeln schallt aus einem der dämmernden Winkel der Talmudstube zu uns plaudernden Schülern herüber. Die baten mich, ihnen eine meiner mir liebsten hebräischen Balladen vorzutragen.

An Gott [*]

Du wehrst den guten und den bösen Sternen nicht –

All ihre Launen strömen.

In meiner Schläfe schmerzt die Furche,

Die tiefe Krone mit dem düsteren Licht.

Und meine Welt ist still –

Du wehrtest meiner Laune nicht.

... Gott, wo bist du? ...

Ich möchte nah an deinem Herzen lauschen,

Mit deiner fernsten Nähe mich vertauschen,

Wenn goldverklärt in deinem Reich

Aus tausendseligem Licht,

Alle die guten und die bösen Brunnen rauschen.

Ich beabsichtige mich wohl bei Gott einzuschmeicheln ...? riefen schelmisch meine lieben, lieben jungen Zuhörer leuchtend. Eine wertvollere Kritik konnten sie mir nicht spenden. Immer sitzen etliche fleißige hebräische Schüler im kleinen Vorraum, [*] aber auch in der Synagoge [*] selbst, in neu aufsprudelnden Weisheiten der großen Gottesbücher versunken. Innige Rührung streichelt in der Erinnerung an diese sanftstreitenden Menschen wehmütig mein Herz. Liebreiches Lächeln scheint aus ihren mandelförmigen Augen und läßt keine Bitternis ein. Er habe verlassen Vaters und Mutters Garten, [*] sein frisches Bächlein, erzählte mir der jüngste der Talmudisten aus Deutschlands Sauerlanden hergepilgert, wo auch meine Wiege stand. Dafür aber moussierte heiliger Fanatismus in seinem Blut. Ich aber wandte mich, denn ich mußte weinen, mich an unser längst verfallenes Haus an Krücken [18] erinnernd und an seinen greisen Turm, [*] einst stolz zu seiner Rechten.

Die kleine zweijährige Zipora sauste nur so durch die schlichten Vorräume der alten Synagoge, in der ich von den Gottesmännern vielerlei Frommes lerne. Zipora ist so wild wie die niedlichen Reiter und Reiterinnen in den Kolonien. Auch trägt Zipora seitlich gescheiteltes, kurzgeschnittenes, kohlpechrabenschwarzes Haar. Sie will zum Großpapa Kook, erklärt mir ihr Vater, ebenfalls wie sein heiliger Schwiegervater ein Geistlicher, doch noch jung, kaum umbartet. Seine liebevolle Höflichkeit tut den Fremdhingereisten nach dem Gelobten Lande wohl. Munter und spielerischer wie sein Großschwiegerpapa, erinnert er mich an einen mir lieben Freund in Berlin, den jungen Bernardo, [*] hervorragenden Kaplan, dessen Eltern sich nicht einverstanden erklärten mit seinem Entschluß, katholischer Geistlicher zu werden. Er sei zu lustig für einen Kaplan. Damals habe er seinen guten Eltern geantwortet: »Der liebe Gott muß doch auch einmal einen lustigen Kaplan haben«.

Gibt es einen fröhlicheren Beweis, einen ungetrübteren, als den Tanz der erwachsenen greisen Gottesdiener im Tempel? Mit ihrem Jauchzen beweisen sie Adoneu die Dankbarkeit ihrer auferstandenen Herzen – immer wieder. Knaben gewordene Männer mit wallenden Bärten, schwarzen, rostigroten und weißen, weißer noch als der Jerusalemjasmin, der so gern auf dem Gipfel des Sinaï wächst! Ein Bräutigam, der die Braut einholt, tanzte König David dem Zuge der Bundeslade voraus. [*]

In den Synagogenstuben Rabbi Kooks weile ich mit Vorliebe. Meine Besuche, die so oft ihm allein galten, habe ich eingestellt. Mein Erscheinen entzückte das allzusehr beschäftigte Oberhaupt der Juden Jerusalems keinesfalls. Das Impulsive störe ihn in seinem Gleichmut; verriet mir schonend des Raws Schwiegersohn, den, im Gegensatz zu seinem mächtigen Lehrer und Schwiegervater, meine Art und Weise, sei ich auch ein Sturmwind und reiße die Fugen der Türen aus den [19] Angeln, zu beleben schien. Demungeachtet kam ich über die Stufe der einfachen Eisentreppe, geläutert in aller Wetterstille des Herzens, noch einmal gestiegen, ein kleines Präsent für den großen bescheidenen Rabbi schüchtern im Arme tragend. Immer traf ich den Rabbuni [*] im ärmsten aller Röcke, nie im prunkenden Kaftan [*] oder den feinen Kopf in brokatnem Turban. So pauvre bekleidet hatte ich ihn mir nicht vorgestellt. Es enttäuschte mich sogar fast. Doch auch ohne innere luxuriöse Pose empfängt Jerusalems Großpriester, sich nicht überhebend, den ihn geistlich Konsultierenden. Mit besonderer Geduld – seine Landsleute, seine Juden aus dem Osten Europas gereist; opfert den Bedürftigen seine letzten Piasterstücke. [*] Hat man Glück, trifft man den Großrabbi mit ihnen versammelt am schweren Tisch im Konferenzzimmer plaudernd und mit jedem einzelnen Geschick des Freundes kämpfend. Schließlich, der weise Freund Rat schafft. Dann gleicht der vertraute Kreis treu zueinanderhaltenden Schulkameraden in struppigen Bärten. Man liebt dann den Großrabbiner Kook. Vornehm in der Schlichtheit engerer Familientreue, zu der alle seine Brüder zählen mit den leiernden, frommen Locken, [*] einfältig zu ihrer breiten Hüte beider Seiten, schließt der Raw leise murrend [*] die »gesetzvergessenen« Juden und Hebräer westlicher Himmelsgegenden Europas in sein Gebet. Bindet mit heimlicher Überwindung schier die Zweige der anverwandten Spezies, mißtrauisch, mißmutig, doch gewissenhaft mit der Faser seines stämmigen Herzens zu dem göttlichen Strauß seiner teuren, gottesfürchtigen Geschöpfe Galiziens. [*]

Die herzliche Harmonie der plaudernden Gesellschaft respektierend, legte ich den Zweig eines wilden Oleanderbaums dicht neben seine feingegliederten Hände. Ich erkannte unter den Vätern einige Väter der schüchternen Kinderlein aus der Vater Lewone-Street. [*] Ich taufte diese Straße fürsorglich nach dem goldenen Hirten in den Wolken. Wie ihre frommen Väter, tragen die kleinsten Söhne, kleine Väter schon, den Kopf bedeckt; schwarze Käppchen auf ihren braunen, vor der [20] Heiligkeit des Herrn demütigst nach alter Vorschrift geschorenen Haaren. Die zwei rührenden Löckchen, Lammöhrchen, baumeln sanft bis auf ihre zarten Schultern herab, und bangen bei jedem fremden Ton. Als es aber heißer wurde, spielten die artigen ostjüdischen Kleinen, entfesselt ihres Kaftans, in der anspruchslosesten Gasse der Kolonie Rehavias. [*] Ich freue mich mit ihnen. Der Väter Furcht vor den Verfolgern des verlassenen Landes zitterte noch zaghaft aus ihrem scheuen Wesen. Ja, die lieben Kinder verschmähen, jede Zuckerfreude anzunehmen, selbst von uns Juden in den – »neumodischen« Kleidern.

Ein kaum merklich sich erhebender Hügel trennt Rehavia von dem kleinsten Örtchen, das ich je im Leben gesehen habe, einem winzigen Weltchen, einem ganz kleinen Jerusalem. [*] Das war mir genug zu wissen und ich fragte nicht nach dem Namen des plötzlich entdeckten Erdteils. Am Abend kamen viele, viele Lichter herüber zu uns nach Rehavia über den karg mit Gras und Kraut bewachsenen Höcker des Damms. Oft rastete ein Beduine und sein Esel oder sein ledernes Dromedar auf dem Hügelrücken. Vom Garten meiner Freundin [*] aus konnte man so schön die Sternchen von nebenan am Himmelszelt und ihren roten Mondnachen [*] am Abend beschauen.

Tags darauf besuchten wir beide, Hand in Hand, wie Kinder zu gehen pflegen, neugierig das kleinste der arabischen Judenviertel, [*] angrenzend Rehavias. Es hatte ja selbst in den Jahrtausenden seinen Namen vergessen. Wir kletterten über seine gesäuberten Schabbattstraßen. Es liefern Gäßchen und wilde Pfade zur Befestigung des kleinen Erdkörpers: Schlamm, Mörtel und Öl der Wegkräuter. Mit naiver Selbstverständlichkeit leert sein Bewohner die Behälter der Gemüse- und Obstschalen ins große Reservoir: Draußen! Um, bevor der Schabbatt naht, Straße, Hof und Haus und seiner Pforte Treppe, darauf sich die Kinder plazieren, vom Unrat zu säubern. Diese beiden hygienischen Tage bewahren den Bewohner des Orts vor Epidemie. Spielende Knaben und Mädchen [21] betreuen einen fünfjährigen Heiligen und küssen und streicheln ihn. Seine säumenden Samtsterne blicken uns beide friedlich sinnend an und streifen still über den Sand der Wüste. Eine gelbe Kinderwolkenhand malt sie ganz, ganz sonnig. Die Kleinen dieses Jerusalems fliehen uns nicht wie die verängstigten Kleinen aus der von mir fürsorglich benameten Vater Lewonestreet Rehavias. Ahnungslose, nie bedrohte Kinder nähern sich heute zutraulich uns zwei hebräischen Nikolassen; umklammern dankbar unsere Schöße. Es sind die echten eingeborenen jüdischen Kinder Palästinas; verließen wie ihre Ahnen niemals das Heilige Land. Anders verhält es sich um die mit ihren Eltern eingewanderten Geschöpfchen vertriebener Ostjuden oder nach der Eltern Einwanderung geborenen Knaben und Mädchen, die zu gleicher Zeit mit der jungen Vorstadtkolonie: Rehavia – in Sandwindeln lagen.

Auf der untersten Terrasse Rehavias in der Rambamstreet [*] besuche ich manchmal den netten Professor und Bibliothekar der Jerusalemer Universität, [*] den jetzigen Rektor und seine Gewerett. Der Ähnlichkeit ihres Zwillingsnestes [*] verdanke ich die Bekanntschaft ihres Nachbars, des Kabbalisten Scholem [*] der Heiligen Stadt. Vor vielen, vielen Jahren, an einem Herbstnachmittag, zogen die beflügelten Menschen mit ihren Familien mit den Zugvögeln nach Asien. Nur mit den Dachluken gucken ihre beiden zusammengewachsenen Häuser über den Erdboden gerade; einige Stufen abwärts schlüpft man ins Innere.

Unter dem frommen Scheine des Schabbattleuchters segnet der liebreiche Professor Hugo Bergmann seine Kinder. Zuerst seinen ältesten Sohn Schlôme; nach ihm sein wunderschönes Töchterlein, nach ihr den Wildfang. Der spricht, so ist es Sitte in den Judenfamilien, das jüngste der Kinder, die Schabbattgebete zum Herrn. Beinahe hätte ich gesagt, er galoppierte auf dem Schabbattgebet fröhlich gesattelt um den bestrahlten Tisch, über seine mohnsambestreuten Brote, um gefüllte Schüsseln und Teller und Gläser, zuguterletzt über [22] unsere Köpfe! [*] An Alltagen tummelt er sich mit seinen Spielgefährten unbekümmert im Sand der Kolonie herum; und seine blauäugige Mama, die sich in ihrem Kleinsten widerspiegelt; labt sich an ihren einstigen Streichen. Hingegen bringt sie meinem Säumen und Träumen auf den Straßen, meinem Verweilen vor den interessanten Schaufenstern, meinem Lauschen vor arabischen Grammophonläden weniger Sympathie entgegen; selbst mein Entzücken beim Herannahen einer Karawane bringt sie außer Fassung.

Im Zwillingsneste des zweiten Baus bereichert sich an der Lehre der Kabbâla: Scholem, der angesehene kabbalistische Gelehrte. Mein irrtümlicher, unverschuldeter Besuch – ich verwechselte die Pforte – scheint den Kabbalisten in der Lektüre nicht zu beglücken. Doch ich bleibe! Reichlich an meinem Beharren Rache übend, bemüht sich Adon Scholem mit dem Gifte der Logik, mir die Legenden des heiligen Israels zu enthimmeln. Zuguterletzt den Papyros, auf dem die erste Initiale unseres Volkes geschrieben steht, zu entwurzeln. »Das Wunder«, sage ich, »mit Schulmeisterlogik zu verehelichen, ergebe eine Mesalliance.« Ich schob ungehalten ab. Aber es kreuzten sich nach einiger Zeit unsere Wege. Beide warteten wir an einer Haltestelle auf den Omnibus nach Jerusalem-City. Wir setzten uns nebeneinander auf die noch unbesetzten Plätze. War mein Nachbar besser gelaunt oder wirkte die nicht vom staubigen Foliant verhangene Natur aufatmend auf sein Gemüt günstig? Verjüngt begann er über unseren, wenn auch – religiösen Disput zu scherzen; er habe nur versuchen wollen, wieweit ich zu beeinflussen sei, und machte den Vorschlag, wir beide uns nicht mehr zu erhitzen über das Leben unserer Heiligen. Ich zeigte über die grandiose Landschaft – zu unserer Rechten und zu unserer Linken und dann streckte ich mich hoch zum Himmelsgewölbe auf und versicherte den aufgetauchten jugendlichen Gelehrten, aus dem Buch der himmlischen Bilderfibel lernte ich im Originaldruck die Geschichten der Propheten unseres Volkes kennen.

[23] Auf dem Berg El Kantara bei Safed, [*] wo noch die Ruine des Tempels »Der Leuchte Israels« steht, strömen Züge von fackeltragenden Männern und Frauen Palästinas, aus allen Gegenden, mit Söhnen und Töchtern und Kindeskindern, sich zur Erinnerungsfeier Simeon Ben Jochays zu begeben. Es erwacht die Zimbel, [*] das sinaïalte Instrument der Hebräer, und begleitet den ekstatischen Tanz. Um den frommen Bergrücken im Frieden des Tempelgebeins [*] erfaßt die blühende Hand – die greise zum Reigen. Den jüdischen Knaben aus Buchara, [*] mit Vater und Mutter von Samarkand [*] ins Gelobte Land gereist, werden die herrlichen Zöpfe, die ihnen bis zu den Knien gewachsen, zur Opfergabe abgeschnitten und in einer Feuergarbe dem Geiste Simeons, der Leuchte Israels, gereicht. Tage vor dem Feste begegnete ich diesen bucharischen Knaben, die ich als Prachtexemplare hebräischer schöner Kosakenmädchen immer wieder bewunderte. Etwas heidnisch mutet einem diese qualmende Freudenfeier an, bewegen sich auch die Jauchzenden um unschuldige Altäre des Einigen Einzigen Gottes! Und doch erlebt man ein urwildes Überbleibsel aus Baal und der Astartezeit; [*] als das Volk Israel noch in Kindersandalen aus Fellen, in Rudeln, ein noch kindlich lallendes Volk, Wüsten durchstreifte in der sich ihm noch nicht offenbarten Welt. Seltsam erinnert an unser ursprüngliches Heidentum die schmorenden Widder im wehenden Feuerschein beleuchteten Dunkel. Früh am Morgen der heiligen Tanzfeuer lagern sich zur Ruhe im Mohn, müde unter dem übernächtlichen bleichen Mond, an die Wandung des vornehmen Felsens gelehnt, die Festgäste. Ringsum: Gestein, Menschenodem und Schlummer.

Asiens Palästina heiligt den Schlummer, und nimmermehr würde sich ein Jude noch ein Araber getrauen, den Schlafenden zu wecken, ausströmende Ruhe einer Lappalie wegen zu unterbrechen. Ungefährdet schlafen ihren Schlaf bei unverschlossenen Toren und Türen die Bewohner der Häuser und die Gäste der Gaststätten; vor allem dem müden Wanderer, der Einlaß und Lager sucht, die wohltuende Rast in [24] Gottes Lieblingswelt nicht vorzuenthalten. Es weiß der Araber und der arabische Jude nichts vom Einbruch und seinem Diebstahl. Über seinem Balkon pflegt der Haremsbesitzer einen Teppich, fast bis zum Boden des Wegs auszubreiten, zur Kenntnisnahme – seiner Abwesenheit. Dieses mit kostbaren Arabeskenzeichen gewebte Schreiben an den Freund verpflichtet diesen, des abwesenden Freundes Hab und Gut zu schützen, vor allem seine Frauen in respektvoller Distanz zu betreuen.

Einmal vernahm ich um Mitternacht leise leiernde Karawanenmusik und dumpfe Trommel. An meinem interessanten Gasthaus Nordia [*] vorbei zog eine nubische Karawane. [*] Es war die erste nächtliche Karawanenreise, die ich in Jerusalem zu sehen und zu hören erlebte. Ich sprang von meinem Lager sofort auf den Balkon, die bunte Reisegesellschaft und ihre Trampeltiere ganz nahe zu betrachten. Der Wächter gegenüber meinem Hause wünschte mir: »Good morning«, mitten in der Geisterstunde. Aufatmend entdeckte ich ihn schon vor paar Abenden hinter dem vergitterten Fenster des Bankgebäudes. Ich brauchte nur – im Fall einer Mobilmachung – Help! zu rufen. Ich will mich nicht mutiger zeigen als ich bin; litt ich doch in den ersten Nächten in meinem Raum im renovierten langen, langen Korridor ungeheure Angst. In der Frühe begann in den Geschäftsstuben neben meiner Stube der Geschäftsbetrieb. Und ich blieb jeden Abend der einsame, nächtliche Gast, bis das übliche Hotelwesen einsetzte. Und doch hätte ich meinen Treibhausraum nicht mit einem der Prachtzimmer des Grand Hôtel King Davids [*] vertauscht.

Vor dem Postamt [*] begann die Karawanengesellschaft die Rücken ihrer Wüstentiere zu verlassen. Die dunkelhäutigen Männer hoben ihre Frauen und ihre entzückenden, noch träumenden, braunen Kinderlein liebkosend aus weichen Polstern; sie zu transportieren sorglich auf den mit Fellen belegten weiten Steintritt, der am Tage den aufmerksamen jerusalemitischen Gepäckträgern dient, auf den Wink der [25] Abreisenden zu warten. Als ich die Besitzerin das ihr zum Modesalon umgewandelte Hotelzimmer aufschließen hörte, und des Zahnarztes Praxis in der Nähe meiner Stube begann, war der nächtliche Reiterspuk über die Berge; vielleicht schon am Ziel angelangt. Es gähnten die nubischen wohlbeleibten Gattinnen, als die obere Stadt Zion noch das Klingen der Tausendglöckchen der vielen geschmückten Zügel und den säumenden Singsang vom unteren Araberviertel vernahm. Jeder Augenblick, den ich versäumte, von meinem Balkon auf die Straßen Jerusalems zu schauen, galt mir ein verlorener. Meine gastliche Herberge entpuppte sich als eines der herrlichsten, großzügigsten Panoramas und glich einem solchen Landschaftstheater täglich auf ein Bild verwechselnder. Daß mir gleichzeitig mein Balkon zum Trocknen meiner Wäsche diente, verschuldeten meine Verhältnisse; doch Luft und Sonne gaben sich reichlich Mühe, meine rosafarbenen Halstücher mit deren holden Rosarot ich mir die Liebe des jerusalemitischen Volkes erwarb, nicht leichtsinnig zu bleichen. Rosa ist Trumpf in der Auserlesenen Stadt. Aus rosafarbener Seide ein Kleid, besitzt für den größten Feiertag fast jede orientalischjüdische und jede arabische Mutter und ihre Tochter, jeder Vater der beiden semitischen Völker [*] und sein Sohn einen rosa und rosagestreiften Kaftan.

Wenn im Krug auf dem steinernen Herd meines Balkons das Wasser zum Zahnputzen zu brodeln begann, zeigte der Zeiger meiner Uhr auf fünf. Ich erhob mich, um mich auf meine übliche Badereise zu begeben: In ein von mir ausgewundenes Badetuch. Tagsüber dufteten seine Kräuterextrakte noch aus der Feuchtigkeit des trocknenden ausgebreiteten Leinens. In der Morgenfrühe nach der Asiennacht erfrischte mich sehr die kühle Prozedur. Immer die erste besuchte ich die Post; ich war’s, die zuerst über die gesäuberten Stufen an die Schalter trat. Ich brauche ja nur eben über den Damm von meinem Hotel Nordia auf die andere Seite zu schreiten, und schon war ich angekommen. Meine – Gewissenhaftigkeit, mein Fleiß begann der charmanten Jerusalemiterin, der Beamtin [26] an der Briefausgabe, zu imponieren. Auch sandte ich öfters mit der Flugpost schnurstracks ein Schreiben ab und fragte dies und jenes. Gewöhnlich befand ich mich im großen ganzen gut aufgelegt, erfrischt vom Trank des Mitz [*] (Orangensaft), der offenen Trinkbar delikatesten, im Parterre unseres Hauses. Die reizende Beamtin fragte mich, ob ich wohl auf dem Postamt arbeiten möchte? Der Dichter bedeutet, und erst die Dichterin, dem arabischen Volke ein Symbol, dem jüdischen Volke eine Erinnerung an König Salomos Hohelied. [*]

Ein paar Tropfen von der Grapefrucht, mit dem Weine der Orange vermischt, erhöht den Wohlgeschmack des Trankes. Mit einer Presse pflegt der Trinkshopbesitzer die Quelle der goldenen Früchte in die gläsernen Becher zu leiten. Es machte mir viel Freude, den gewandten Händen zuzusehen. Die heiteren schottischen Soldaten [*] begeben sich mit Vorliebe in unsere hebräisch-portugiesische Bar der Bars, in ihrem kleinen Raume sich dem Trunk der Orangenbeere hinzugeben. Vor meinem Spiegel oben in meinem Raume wurde es mir mit der Zeit nicht allzu leicht, die Farbe meines Gesichts mit der mondfarbenen Frucht zu unterscheiden. Ja, ich – schien direkt ganz hell durch mein Treibhaus. Hinein kam niemand, ohne mir eine Pflanze mitzubringen: Ein klein Feigenbäumchen oder einen winzigen Pfefferableger der Pfeffermutter oder einen stacheligen Kakteenigel im Topf. Zwischen meinen lichten Wänden fühlte ich mich wohl. Auch schlief ich ausgezeichnet in meinem elfenbeinfarbenen Bettgestell. Manchmal ruhte ich in der Nacht in meines Zimmers weitem Rohrsessel, von warmer Luft eingehüllt. Für »In-den-Schlaf-Singen« sorgten die schmeichelnden monotonen Melodien eines arabischen Tanzhauses. Blieben die Wiegenweisen aus, strampelte ich wie ein verwöhntes Wickelkind in seiner Wiege. Sehr viel Freude erlebte ich durch meinen – ungeschminkten schlichten Tisch; in seiner natürlichen Holzhaut, nur von der Rinde befreit, unangestrichen und unpoliert, gerade von seinem Wald abgepflückt, sans façon in meine [27] Stube arriviert. Er lebte, atmete mit mir auf, bangte mit mir vor und nach meinem Vers. Ob er sich gestalte zu einem Geschöpf oder nicht? Um diese Kardinalfrage drehte sich mit mir getreu mein Tisch. Wirklich, er wurde mein allerbester Freund in Jerusalem. Nur König David hätte diese Gemeinschaft – Mensch und Tier – begriffen. War er doch selbst ein Dichter, und ich fühle, auch er saß einst versunken vor einem keuschen Tische, als er seine Gottespsalmen dichtete, sie aufzeichnete auf lebendigem Holz. [*]

Aber ich will auch das primitive Mobiliar meines Zimmers nicht zu erwähnen vergessen, zum Beispiel meines Waschständers und seines schönen Emailteints mit ein paar anerkennenden Worten gedenken. Hinterließ auch zu meinem Schmerz ein fahrlässiger Vorgänger ein paar Rostflecken, sorglos dicht unter der Waschschüssel verborgen. Schon am Abend kaufte ich darum in einem des in zwei Hälften geteilten Ladens, in der Nähe meines Hauses, einen silbergesternten Bogen, darin den Käufern üblich ihre Kommissionen verpackt und überreicht wurden. Belegte mit dieser großen verklärten Serviette die Fläche, die meine Waschschüssel, meine Karaffe und ihr Glas plazierte. Beim Belegen des kleinen Plateaus fiel mir ein, wie ich als Kind so oft meine teure Mama mit der Frage quälte, ob es in Jerusalem »silberne« Sterne gebe?

In der zweiten Hälfte des Papeterieladens waren Brüder, ungarische Juden, im Begriff, sich ein Bankhaus einzurichten. Ich hörte sie sanft über den praktischsten Platz ihres gemeinschaftlichen Wechseltisches diskutieren, in Rücksicht auf kommende Kundschaft. Einigten sich schließlich, ihn zu plazieren seitlich hinter dem Eingang der Ladenpforte. Als ich mir am Abend Bleistifte im Papeterieabteil des Shops holte, lagen auf einer neuen Fransendecke rührend einige internationale Scheine und auf einem Porzellantellerchen Kleingeld. Und die beiden schafblonden Brüder in ihren langen Schläfenlocken betrachteten gerade die Bildchen auf den neuen Kassenscheinen mit ihren blauen Augen und mit einer Sanftmut, [28] wie nur Lämmer gucken können. Ich hörte später einen Witzbold erzählen: der »alte Hammel« habe schon seine Söhne gerne auf die Kunstschule schicken mögen, doch die judenfeindlichen Großstädte gefürchtet.

Noch eine Stunde ungefähr, und es beginnt der Abend; ich aber habe große Sehnsucht nach Rehavia; und ich begebe mich zu Fuß in die Kolonie. In zwanzig Minuten, geht man noch so gemächlich, ist man dort. Mit dem Omnibus vom Mittelpunkt der City aus, in ungefähr sieben Minuten. Ich fand im Sand in der Nähe eines Gartens ein niedliches Poesiealbum, hob es auf und las auf der ersten Seite hinter dem buntgeblümten Einband: Ruth. [*] Auf der darauffolgenden Seite hatte eine kleine Mitschülerin der Ruth ihre Puppe gemalt mit Wasserfarben, sie doch wie eine Königin gekleidet und umgeben vom Hofstaat, der ebenfalls im Prachtgewand. Ich erkannte sofort in der reinen Frau mit der Krone auf den Flechten »die Esther«, [*] auf dem Wege zu Pharao, [*] ihrem Gemahl. Unter dem reizenden Bilde stand:

Ach Esther komm nur näher an den Thron

Was du auch bittest, ich gewähr es schon

In ewiger Freundschaft

Sulamit. [*]

Auf die dritte Seite schreibt eine andere Freundin ins Poesiealbum der Ruth:

Ein Kamel und eine Ziege

Liegen zusammen in der Wiege

Zum freundlichen Andenken

Myriam. [*]

Es folgen einige Aufzeichnungen von der kleinen Besitzerin des Büchleins selbst:

Der Ölberg ist viel höher wie die Schweiz,

Wo ich mit meiner Mami war bereits

Und Onkel Meskin von der Habimah. [*]

Die Endreihe dieses klassischen Verses war ich leider nicht imstande, zu entziffern, aber ich wußte, an wen ich mich zu wenden habe, damit das wertvolle Poesiealbum wieder in die richtigen Kinderhände gelange. An Meskin, den monumentalen Schauspieler der Habimahgruppe. Ich erfuhr nachträglich, die kleine Ruth mime an Chanukahfeiertagen [*] unter Meskins [29] Regie; aber seitdem – nicht mehr recht aufpasse in der Schule und sitzengeblieben sei.

Ich trabe wie das Wüstentier über den Sand der Kolonie; der Ausflug dorthin bedeutet täglich für mich ein neues Geschenk. Der Ärmste erschwingt die fünf Mils, [*] den Weg nach Rehavia im Autoomnibus zurückzulegen. Für fünf Mils eine Autofahrt nach Rehavia, für fünf Mitz [*] – ein Glas vom Safte der Orange; was will man mehr!!

Man spricht vom Wassermangel in Jerusalem. Von der Stadtorganisation erhält der Bewohner der Heiligen Stadt genügend Wasser zuerteilt. Auf den Dächern der Häuser bergen mächtige Wasserkessel, Fässer, den Most, den Strom der Quelle. Doch hoch in den Felsen um Jerusalem arbeiten unermüdlich die Arbeiter des jüdischen Volkes in der entdeckten, weise angelegten Kanalisationsleitung König Salomos. [*] Meine neuen Freunde, ein Architekt und seine malende Gewerett, [*] beide schwindelfrei, zeichnen zwischen Gipfel und Gipfel auf weiten Blättern den märchenhaften Fundus aus der Zeit des weisen reichen Melechs [*] von Israel. Wie eine im Begriff sich ausbreitende Schwinge, von ihrem untersten Flaum aus betrachtet, hing heute Rehavia an Jerusalems mächtiger Schulter. Noch hantieren Maurer in den Streets; sie sprechen arabisch, und ich wünsche ihnen Frieden. (Salâm.) [*] Gewöhnlich meckert eine Geiß, am Zaun des Vorgärtchens eines Neubaues angebunden; lange läßt ihr durstiger Besitzer nicht auf sich warten. Der Krug mit dem frischschäumenden weißen Wein stärkt den Arbeitsmann.

Rehavias königliches Hilfsgebäude [*] nicht zu betreten, überstehe ich schwer. Mit Melechwürde bewillkommt der schlichte, im weißen Mantel bogenförmige Palast, ein steinerner Rabbi, den Fremdling. Von einem weiten Vorhof, der in die verschiedenen Eingänge der Stockwerke führt, erreichen die mannigfachen Besucher die Räume der Organisationen: Den Keren Hajessod und den Keren Kayemed und die weiteren hilfsbereiten Einigungen. Ich hatte die besondere Freude den Präsidenten, den gentleman Doktor Ruppin [*] des [30] großzügigen Hauses, anzutreffen. Grüße brachte ich von des Kerens Enkeln den jüngeren Keren Hajessod und Keren Kayemet der Schweizerstädte. »Ich habe zum Aufbau Palästinas beigetragen durch die Dichtungen meiner hebräischen Balladen; bin nicht untätig am Gotteswerk gewesen«, bestätigte mir der galante, aber auch ernste Weltmann. Und leichtgläubig, wie ich mal bin, freute es mich, da die Dichterin etwas gilt im Vaterland. [*] (Ich lasse es ankommen auf die endgültige Blutprobe.) Zwischen der »herrschaftlichen« Villa und mir entwickelt sich in der Heiligen Stadt Fehde. Nie regte sich in mir eine ähnlichere Aversion wie vor dem geschmacklosen prahlenden Steingeschmeiß – wie hier zu Heiligem Lande. Doch glücklicherweise ist man noch imstande, hier diese affektierten Häusermonstren zu zählen. In der Stadt Gottes – »man denke« eine herrschaftliche Villa! Ich schämte mich angesichts ihrer schlichten Umgebung, dieser arabeskenverzierten ungeschlachten Kasten. Etliche mit Steinschnurrbärten lieblich gedrehten, schnurrend und »Husch husch« unter den Dächern hervorliebäugelnden Amouretten. Auf gleicher Ebene erheben sich aus keuschen Sandsteinen, wie vom Meeresstrande hergeweht, die lieben, frommen Wohnhäuschen Rehavias. An ihren Rücken vermute ich kleine Flügel. Ginge die Kunde durch Jerusalem, Rehavia sei über Nacht auf in den Himmel geflogen – wundern würde es mich nicht. Jeden Tag beschaute ich die Blumen der Gärten mit ihren farbigen Herzen. Sie stehen genau geordnet, wie dazumal mein Kinderspielzeug auf dem mit Linoleum belegten Boden im verlorenen Elternhaus im anderen Erdteil. Dort gibt es schwarze, auch braune Erde, wie Haselnüsse braun, keine rote Erde, und gar noch wie hier, ein purpurbelegtes Erdreich. Schon in Europa bewunderte ich stets die zarten blühenden Spielsachen, von der Liebe des Gärtners umweht. Oft kommen zwei Winde vom Tale her, der eine vom Mittelländischen, der andere vom Toten Meer, und schaukeln ein bißchen die Kletterrosen, die so gerne in die Fenster der Menschen sehen. Hinter den kleinen Spielgärten [31] reihen sie sich amphitheatralisch empor, Arm in Arm, Haus und Haus – vermählt zu einem Häuserkörper der Eintracht. »Ziehe doch einmal auf einem Bogen zehn Linien und lasse die unterste in einen Kreis enden, meinetwegen in einen leeren Vollmond.« Den überschreite! Höchstwahrscheinlich zimmern noch heute und mauern auf Neubauten, auf neu aufgerichteten Gerippen, wie im vorigen Jahre, arbeitende Juden verträglich mit arbeitenden Arabern. Im unvergeßlichen Häuschen jenseits des ausgelaufenen Vollmondkreises grüße ich meine geliebten Freunde: Den Architekten und seine Malerin und beider Töchterchen und auch den Famulus. [*]

»Rehavia, du lächelndes Jerusalem, an dich muß ich immer denken ... oft ruhten wir im Zelte, von der Luft geliebkost, aus.«

Von der Kolonie Rehavia, hat man Mut, kommt man sofort, um exakt zu berichten und ohne falsche Zeitangabe, auf den Mond! Vom Ende der Woche an nimmt er beträchtlich wieder ab, dann kann man einsteigen in seinen goldenen Kahn. [*] Waagerecht fährt die Mondsichel in Palästina am Rand des Himmels entlang. Ihr horizontales Vorwärtsbewegen habe geographische Ursache, die den Sternographen zu ergründen sicherlich mehr interessiere als eine Dichterin. In Palästina gibt es keine Dämmerung. Also vom Ursprung der Welt her keinen Einbruch bleischwer in den lichten Tag. Ein göttlicher Beweis für die Erzheiligkeit Palästinas schon auf dem Plan der Schöpfung. Die Liebe Gottes war es, die ausschaltete beim Malen des Auserwählten Landes das Grau auf der Wolkenpalette. Mit zauberhafter Schnelligkeit wechselt das Hell des Tages mit dem Dunkel der Nacht. Und die Schwermut der Dichter und ihre Erdangst erzeugen andere Ursachen als das schleichende Erbleichen des Tageslichts. Von unermeßlichem Gestein umgeben, akrobatisch gehalten empor, zu gleicher Zeit hart gefangen und wieder von unübersehbaren Abgründen und Bergestiefen gerufen, ja magisch gelockt, glaubt man zuerst vor Furcht und Weh aufschreien zu müssen. Man sehnt sich nach dem Schoß der Mutter. In den Nächten [32] pflegen viele der neu Angekommenen in Palästina den üblichen Fliegertraum zu träumen. Auch ich fiel so oft im Traum erbarmungslos aus allen Höhen zur Erde herab. Und doch hält Adoneu [*] Seinen starken Arm, unübersteigbare betreuende Mauer, um Israel. Endlich schließe ich mit dem kleinsten, ebenso mit dem gewaltigsten Stein der Klüfte und mit jedem Sandkorn der Wüstenpfade Freundschaft. Wir duzen uns, wenn wir allein sind. Hingegen darf man zu Gott mit der Zeit allenfalls »du« sagen. [*] Ein intimes oder literarisches Verhältnis versucht geschmacklos nur der geklügelte Jude mit dem Herrn der Welt anzubahnen; der feilschende – duzt ihn; der wirklich gläubige und ringende Jude verharrt andächtig auf der Stufe vor Gott. Voller Ehrfurcht und im selben Grade voll Entzücken betrachte ich in den kleinen Quergassen in den seraphidischen [*] und aschkenadischen [*] Synagogen nach dem Gottesdienste die Thoraïm, [*] das Gesetz, die Thora, jede einzelne in ihrem samtnen oder weißen Tragkleide. Eine der Thoraïm, mit einem Schellenband um den Hals, trägt der Knecht Adoneus [*] mit besonderer Obhut, das Wundertragkind zurück in den Heiligen Schrein. [*] Der gute Hebräer wacht über den Schatz des Herrn, über die Gebote und Gesetze, vor allem über die ewige Liebe, die Sein Lächeln über die Welt breitet. Etliche Judenpriester fasten ihr Leben lang. Wie der gewaltige Raw, [*] der vertriebene Wunderrabbiner von Galizien, der kühle und kühne Fastende, der »zweite Moses«! Von seinen galizischen Juden so genannt. Er war ein Fels in Israel, umbraust von hebräischen Gewässern. Im vorigen Jahre 1934 nahm ihn Gott zu sich. »Der Verlust meines goldenen Palastes, den mir die Juden Galiziens gebaut« – habe ihn nicht geschmerzt, aber die zum Opfer gefallenen unersetzlichen Reliquien –, »nach ihnen sehnt sich mein Herz.« Selbst die ihm gebliebenen unbeschädigten heiligen Kleider seines leiblichen Urururgroßvaters des Balchems, [*] gestand der Rabbuni [*] mir, vermögen ihn nicht zu trösten über die im Bluttaumel des Pogroms getöteten seligen Güter.

[33] Der betende Gottesmann am Pfingstnachmittag [*] an der Klagemauer [*] erinnerte mich, an den reinen Herzens [*] dahingeschiedenen Großpriester von Galizien. Wie dieser einst gerungen mit dem Engel des Herrn, [*] riß jener Gottesmann, ein Prometheus, [*] verzweifelt an die steinernen Flügel des Geschicks. Den noch erhaltenen Teil der Klagemauer aus Gesetztafeln verwitterter Gottesgesetze küßt der Jude inbrünstig. Ich sah die vereinten einigen Chassidimväter, [*] achtzig ehrwürdige Rabbiner in Synagogentücher [*] gehüllt, ein einziges Schaubrot, ein heiliger, einiger, gebenedeiter Leib mit den Lederriemen der Tefillin [*] geschmückt, den Jaffaroad herab zur Klagemauer schreiten. Dieser Gobelin aus ewigen Fasern und Adern und seidigem Greisenhaar uralten Judenstammes, tätowierte die Zeit großzügig in die Haut meiner Schläfen. Mitten über dem Damm, in langen Fransentüchern und Röcken aus berauschenden Nuancen gewebt, in sonntäglichen kleinen Schuhen und Kastaniettenschritt, begeben sich die spaniolischen Frauen in Begleitung der Señors zur Mauerstätte des Gebets. Ihnen folgen, von der Höhe der goldverbrämten Straße nahend, die Kolonisten, die hebräischen Bauern und ihre tapferen Bäuerinnen und – Jerusalem weint bei ihrem ergreifenden holden Lied Freudentränen. Vor wenigen Stunden verließ der Chor der säenden und erntenden Menschen ihr Emek, [*] gen Jerusalem zu ziehen, gemeinschaftlich mit allen anderen Juden der gelobten Stadt Pfingsten zu feiern. Die ineinander verschlungenen Arabesken meines Teppichs grüßen über dem Gelände meines Balkons die Singenden. Als letzte Pilgerin folge ich, allein, fernab und doch ein tausendjähriges Volk, eine treue Leibgarde des Herrn, den hebräischen Prozessionen.

Ich bin nicht Hebräerin der Hebräer willen, aber – Gottes Willen! Doch dieses Bekenntnis schließt die Liebe und Treue unerschütterlicher Ergebenheit zu Seinem Volke ein. Zu meinem kleinsten Volk [*] unter den Völkern, dem ich mit Herz und Seele angehöre.

Am Jaffator schlummerte ein arabischer Verkäufer, lässig an [34] einen weichen Berg Orangen gelehnt; aufgestapelt zu einem haushohen goldenen Hügel, wartet jede dieser herrlichen Früchte auf den Dürstenden. Höher noch wie die saftige Anhöhe, sitzen beim Würfel- und Schachspiel, rauchend aus Wasserpfeifen, im buntbemalten viereckigen Turm eines Kaffeehauses, Araber der unteren Stadt. Bevor ich meinen Weg in die Bazarstraße einschlage, überblicke ich noch einmal das interessante orientalische Rondell. Gerade fährt der Omnibus nach Bethlehem; [*] wäre nicht Pfingsten, würde ich mich hineinsetzen!

Stufab, treppab und immer wieder weiter die Stufen herabschreitend zwischen halbverschimmelten Buden und Bazaren uralten Jahrmarkts, spaltet er sich plötzlich in drei Reihen. Aus einer Schmiedewerkstatt tritt ein Maler, den ich tags vorher in einem Kunstsalon Jerusalems kennengelernt. Er habe einen Schmied, seinen alten lieben Freund, besucht. Zehn Jahre sei der, vielleicht noch länger, nicht aus seiner Höhle herausgekrochen. Lauter Schmieden zu beiden Seiten der Budenchaussee, lauter eiserne Kammern fleißig hämmernder Juden. Die Steintreppen weiter zum untersten Jerusalem passieren wir Kleiderhändler und Schuhflickerbuden; man kann auf die Heilung seiner zerrissenen Schuhe oder Sandalen warten. Ich betrachte die bunten Auslagen der Schaubretter; dort liegen zum Verkauf gestreifte und punktierte Stoffe, zwischen Spielwaren und Krimskrams, aus Jemen importiert. Neger, die vor etlichen Jahrhunderten unseren Glauben angenommen, preisen munter ihre Waren an. Doch die Armut der Frauen und Kinder unseres Volkes und die des arabischen ergreift mich schwer. Alle die armseligen Mütter mit ihren Kindern, die uns auf den alten Treppen begegnen, und die Kleinen, die kauernd wo im Winkel einer Bude sitzen – ich werde traurig – in ihren Wimpern hausen Insekten und schläfern ihre jungen Träger ein. Mit Entsetzen blicke ich zwei eilenden jerusalemitischen Frauen nach und ihren zierlichen Töchtern, deren Haare, zwei harte Krusten, sich auf ihre Schultern legen. Nachdem vergebliche Vorschläge [35] von jüdischer und arabischer Seite an die Bevölkerung der Jerusalembudenstadt an der Anhänglichkeit der Elternelterneltern vermoderten Häuserhöhlenreihen scheiterten, war es Montefiore, [*] der den hartnäckischen Semiten den großen hygienischen Vorschlag unterbreitete, die dunkelschimmeligen Gruben bis zum Eingang der Klagemauer mit luftigen, lichten Wohnungen zu vertauschen. Aber auch dem Philanthropen war es nicht vergönnt, die lebendig Begrabenen an den hellen Tag zu befördern; für immer die geöffneten Gräber zu bestatten, vereitelte die fanatische Sohnesliebe zum Elternhaus. Noch lange wird der Fremdling auf dem Gang der Klagemauer den Atem einhalten, denn die Armut hängt an ihr armes Nest, wie die Wohlhabenheit an ihr luxuriöses Haus. Der Maler Ben David [*] und ich überschreiten die letzte ergraute Steintreppe und betreten durch die mit weißestem Licht gemalte Torwölbung – das Heiligtum der Klagemauer. Engelrein sollte man sich läutern vor dem heiligen Besuch. Wir beben beide etwas vor Gottesnähe ... Die Scharen der Pfingstpriester haben sich alle schon auf den Tempelplatz begeben. Nur das hebräische verzweifelte Rabbigebet riß noch an Gott.

Ich kaufte am Stand, am Eingang der Klagemauer eine Kerze, entzündete sie sehr bewegt, im Gedanken an meine ruhenden teuren Eltern, an meine von mir angebetete Mama, an meinen sprudelnden, guten, weltenlustigen Papa, an meinen zu Gott heimgerufenen, jungen, herrlichen Sohn, an meine geliebten Geschwister im Himmel, an alle meine Freunde und Freundinnen, die nicht mehr mit mir vereint auf dieser Erde wandeln. Viele opferten ihr unersetzliches Leben dem furchtbaren Weltkrieg. Aber auch an meine lieben lebenden Spielgefährten dachte ich, die ich verlassen mußte in meiner mir liebgewordenen deutschen Heimat. Wir gedenken stumm einander in Innigkeit. Und ich bat Gott, alle Geschöpfe zu schützen, auch das Tier, auch das wildeste, noch gärend und schäumend wie die rasende Welle des Ozeans und vernichtend wie der verheerende Sturm, und vor allem zu schirmen [36] die Kronen der Bäume und das Antlitz der Pflanze. An der Heiligen Klagemauer kann man, lauscht man aufmerksam, viel Weisheit lernen. Aus der Weisheit blüht Güte. Hochgewachsen hatte ich mir die Klagemauer vorgestellt, und ich staunte, ist sie doch nicht höher wie die Wände eines luftigen Zimmers. Mit den oberen neueren Steinen der Mauerstätte hat man die greisen, heiligen, anfälligen plombiert, schützend die milchweißen auf die erzalten gepflanzt. Die Länge der Klagemauer beträgt die Länge eines Korridors, an den sich etwa sieben größere Räume anschließen. Ein paar Bettler lehnen im Winkel und verhelfen den Besuchern – Gutes tun.

Ich bin stolz, an der Klagemauer gewesen zu sein, beinahe so sehr, als ob ich bei Gott gewesen ... Leise schritten mein Begleiter und ich wieder durch den lichtlichten, steinernen Baldachin zurück über Stufe und Stufe, die vielen ausgehöhlten Steintreppen empor, aus der Gruft ins Freie. Schon war der Abend da, und manchmal streckten Väter und ihre Frauen und Kinder noch die Köpfe aus dem Spalt ihrer Buden, genau wie große Fische, die nach Atem schnappen. Es begegneten uns beiden abessinische, vom Tempelplatz heimkehrende Judenpriester mit großem Anstand und Würde. Wir legten, einen friedlichen Abend wünschend, unsere Hände grüßend, uns stumm verbeugend, auf Herz und Stirn. Am Ausgang des Bazarviertels saß auf seinem weißen Pferde ein Policeman, ein gentleman wie die englischen Polizisten, ein jeder; viele hoch zu Roß, sich angeborener Etikette erfreuend, taktvoll bemüht, den Frieden der Heiligen Stadt zu betreuen. Die schottischen Soldaten [*] in ihren karierten Beinkleidern und die avancierten in ihren karierten kurzen Faltenröcken, »golden boys«, entzücken und erfrischen die Begegnenden mit ihren heiteren Gesichtern. Daß ich ganz nett englisch sprechen kann, kommt mir zustatten. Und oft begleitet mich ein englischer Soldat, auf dem Rücken seines schlanken, wiehernden Tieres sitzend, in die oder in jene Gegend, deren Richtung mir genau anzugeben, ich den [37] liebenswürdigen Engländer bitte. Heimgekehrt vom heiligen Ausflug, legte ich mein schönstes Rosaseidentuch um meinen Hals. Oberhalb auf einer der vier Ecken blüht noch leuchtend eine in das Tuch gesponnene wilde Heckenrose von dunklerer Nuance wie das Gewebe selbst. Ich machte mir Vorwürfe, es nicht schon auf dem Gang zur Gottesheiligen Mauerstätte getragen zu haben. Ja, ich besuchte dort Adoneu [*] im – Stein. Ihm zu danken für das überirdische Erlebnis, begab ich mich in eine der kleinen seraphidischen [*] Synagogen der Quergassen der fürstlichen Wüstenstraße der Jaffa-Road. Ihm an Seinem späten Tempelgebein zu danken für die unvergeßliche Stunde. Im Flur unseres Hauses, hinter der Pforte des Eingangs, ruhten sich ein paar müde Frauen aus Yemen aus. Die eine streichelte in ihrem Schoß ein schwarzes Schäflein und sprach zu ihm. Ich beneidete es und dachte an meine teure Mama, die sich immer soviel Sorge um mich machte; denn so ausgelassen ich auch tagsüber gewesen und kaum zu bändigen, so schlief ich doch nachts oft mit weitgeöffneten Augen; und bei Tage hatte ich Gesichte. Und wer Gesichte habe, meinte der Arzt, stehe zwischen Leben und Tod. Aber fern und visionär stirbt von alters her das Volk Israel inmitten fremder Völker, und seine Priester brechen ihren gebenedeiten Leib. Ihn zu reichen, keusches Osterbrot, [*] ihrer Gemeinde. Ich ging so säumend vor mich hin über den starken uralten Knochen der Hauptstraße Jerusalems, über seine Wirbelsäule balancierend. Wie Rippen zweigen sich die Gassen der ältesten Synagogen vom Rückenstamme rechts und linkerseits. Aus jedem der antiken Häuser rauscht unsere liebe Synagogenmusik. Ich verharrte vor manchem der Bogenfenster, blickte durch seine geöffneten Scheiben, um wieder eine zweite der Gassen zu durchstreifen. Schließlich trat ich in den frommen Raum eines der kleinen Synagogenhäuser, aus dem ich Spanisch vernahm. Wie es sich später herausstellte, befand ich mich in einer zur Schule hergerichteten Synagoge. Denn die Frauen saßen gemeinschaftlich mit den Männern im selben Raume auf den Bänken; [38] und nicht getrennt hinter Gittern, auf Balkonen. [*] Ich akzeptierte den von der stolzen Donna mir dargebotenen Platz. Um des erhaltenen kühnen Nasenhieroglyphen inmitten ihres Angesichts und seiner spannenden Enträtselung zwischen Auge und Mund würde mich manch ein Sprachforscher beneidet haben. Ich fühlte mich sofort herzlich aufgenommen in der Gemeinde der Pfingstseraphiden, in der vor ein paar Jahrhunderten vertriebenen spanischen Juden der Inquisition. Vor uns Frauen beteten andächtig verhalten die Señors, die Männer und ältesten Söhne der Señoras; hinter unseren Sitzen in Reih und Glied die jüngsten Kinder, die Kleinsten der Familien. Eine etwa fünf Jahre zählende, liebreizende Señorita holte hinter den weißen Mausezähnchen ab und zu ein immer dünner werdendes Bonbon hervor, gemeinschaftlich mit dem »lieben Gott« zu konstatieren, wieviel noch von dem süßen Rest vorhanden. Es sind immer so liebe Dinge, die sich in den kleinen Tempeln abspielen zwischen altertümlichstem Ernst. Der liebe Gott ist ja selbst ein Kind, immer wieder aufwachsend mit jedem kleinen Menschen, der groß wird. Darum mag er auch das »einfältige« Menschenherz so gern, mit einem Guckglas davor, durch das man in ein Feenreich schauen kann. Wenn in der Synagoge nicht, im Heimathaus des Herrn – wo sollte sich der Jude zu Hause fühlen? ... Von der heiteren Pfingstpredigt des Wunderrabbis lohnt es sich zu erzählen. [*] Eine kleine Spanne Hauch trennte uns Lauschende von der zum Märchendiwan verzauberten Priesterbank und seinem königlichen Priester. Ich beneidete zu seiner Rechten seines Bruders Sohn, zu seiner Linken seiner Schwester Sohn, der ab und zu ein Amen dem heiligen Oheim kredenzte, ließ »der« seinen Schalk überfließen, verschwenderisch das rauschende spaniolische Pfingstwort. Wie der Wunderrabbiner gekleidet gewesen? Er trug einen silbergrauen Talar mit weichen Seidenfransen und Quasten, [*] und seine silbernen Haare krönte ein Turban aus lilalei Farben; es wird der Abendhimmel von den Engeln so abgestimmt ... Die Spaniolin schloß ihre samtne Gebetfibel und nickte einem [39] eben aufgewachten Greise freundlich zu, der sich bemühte, auf der Seite seines vergilbten Foliants den Psalm wiederzufinden, der ihm entschwebte. Zwei Abrahame ruhten [*] unter den kleinen Bogenfenstern in der Nähe des Rabbunis, [*] ausgestreckt auf der seidigen Diwanflur, auf der der weltalte, schon zum Engel sich häutende Pilger, tief zu entschlummern schien, sich übte, ein Gottesknecht im weißen Wolkenbarte, weise im ewigen Schlaf. Gewandert von weither, von der Grenze Asiens, gemeinsam mit seinem Schwager, erreichten sie beide am Morgen die Heilige Stadt.

Nach der lieben Pfingstpredigt eilte ich über das Geröll der schmalen Gasse, über spitze und rundliche Steine, aber leicht wie ein Wild, über all die eckigen Hindernisse hinweg. Es galt für mich eine königliche Handlung zu vollbringen, einen Durstenden zu erfrischen, »Seinen ihn preisenden Wunderknecht«. Mit dem Kristall zwischen meinen Händen, gefüllt mit goldenem Schaum der Beere Palästinas, kehrte ich zurück zur Stätte der Gottesliebe, in den zur Synagoge sich fromm umgekleideten Raum. Mit Entsetzen erfüllte mein hartnäckiges Vordrängen die im Vorhofe [*] sich befindenden Männer und die in der Synagoge schon psalmierenden Rabbiner in smaragdenen und hyazinthbraunen Festhemden; hoben drohend ihre stolzen Gesichter! Aber, Gott verzeihe mir die Sünde, da ich gewaltsam eindrang, wider das Gebot, in den Saal der betenden Männer, Seinem unschuldigsten Priester in Lammschuhen das stärkende Rebenblut der Weinstöcke Noahs [*] zu reichen.

Seit der Inquisition leben die seraphidischen Juden, fast alle ihre Familien, die ins Gelobte Land flüchteten, hier in großer vergrämter Armut, in kleinen sonnverbrämten Häusern marokkanischen Stils, hinter vergitterten Fensterchen und verrosteten Balkonen, zwischen Synagogen und Synagogen. Leid malte ihre Gesichte zu Antlitzen. Vergebens versuchte ich noch Tage und Tage nach dem Pfingstfest, den zederalten [*] und doch blütenjungen Wunderrabbi in den Synagogen oder auf den Straßen Jerusalems zu begegnen. Ich fand ihn auch [40] in Tel-Aviv nicht, auch nicht irgendwo auf einer Pyramide sitzend, ein Gipfel über einem Gipfel. [*] Oder in einer Karawane zwischen den Buckeln eines Dromedars ruhend. In jedem kleinen Garten suchte ich nach dem glitzernden Pfingstrabbiner, so sucht ein Osterkind nach einem himmlischen Osterei, ein Waisenkind nach seiner Mutter, die Mutter nach ihren ihr von dieser Welt genommenen Kindlein. Wie ich – nach meinem unvergeßlichen, jungen, schönen, lieben Sohn ... überall und allerwegen. Amen.

Wie ist es in Palästina? Höre ich mich fragen. »Anders als in einem Lande dieser Welt. Aber wie es auf dem Bibelstern eben so ist.« Ich bin auf dem Bibelstern gewesen, von dem Gott den nackten Stein brach, zu bauen alle anderen Welten.

Ich habe Verlangen, in den Quellen Tiberias [*] zu baden, die strahlen wie die Geschmeide der vielen Prinzessinnen, die in ihnen einst untertauchten. Nicht weit von Tiberias, in den frommen Häusern Nazareths, [*] warten unter den kleinen Dächern die Dichter auf mich. Wir wollen den alten Tempel Karpanaun [*] schmücken mit den Violen unseres Gebets.

Es ward wieder Morgen aus Nacht. Er glich einem Falter orangenfarbig glührot, wie die Frucht von der jerusalemer Sonne gemalt. Wie eine jede der kleinen Orangen, ovalen Jakobbrunnen, [*] die uns Menschen laben. Es meldet sich von neuem der Alltag, der zur Arbeit ruft. »Sechs Tage sollst du arbeiten, aber am siebenten Tage sollst du ausruhn.« [*] Spricht der Herr. Es bestellen die fleißigen Arbeiter und die vielen Schwestern der Ruth [*] die Äcker im Emek. [*] In den Hainen tränken die Pflanzer die Pflanzungen. Die Kinder der Kolonisten lernen das Abc ihrer hebräischen Muttersprache. In Palästina wird hebräisch gesprochen. Hebräisch heißt das ehrwürdige und ewigblühende Sprachgewächs des Gelobten Landes.

Meine Hände regen sich wieder zur alltäglichsten Arbeit. Die in unserem Gasthause angestellte Oderett [*] und ihr niedliches Töchterlein befremdet eine stubenreinigende Gewerett. [*] [41] An des Zahnarztes Selbstversorgung an den Wasserhahnen haben Mutter und Kind sich schon gewöhnt. Doch sie ließen sich nicht die gröbste Arbeit von uns beiden nehmen. Jeden Morgen suchten sie uns heim, zuerst des Doktors und dann meine Stube mit ihren Freundinnen, den Emaileimern, uns zu besuchen; über die Steinböden ein, zwei, dreimal die frischen Ströme der gefüllten Behälter fließen zu lassen. Die Oderettmutter pflegte nach getaner Arbeit zu fragen, ob gudd? Ob alles gut erledigt oder ob ich, die Gewerett, etwas auszusetzen habe. Das Wörtchen »gudd«, wahrscheinlich im Zimmer einer deutschjüdischen Familie aufgefangen, diente der Guten, sich tagsüber mit den Gästen zu verständigen. »Gudd« bedeutete für Hagar [*] der ganze Wortschatz der fremdländischen Sprache. Sie fragte das »Gudd« mit solcher Treuherzigkeit, man hätte sich nicht getraut, ihr nicht vielfach zu danken für ihre Dienstleistung. Zu gleicher Zeit entbot sie mit dem Begriff »gudd« Morgen- und Abendgruß. Begegneten wir uns beide vor den Warteräumen des Zahnarztes, und es verharrte noch auf dem Korridor unschlüssig ein Beduine, ein vor Schmerz sich krümmender oder sonst ein Zahnschmerzler aus Jerusalem, pflegte des Hotels Faktotum, mit der Miene des Mitleids auf den Heulenden zeigend, ihr Allerweltswörtchen »gudd« anzuwenden; ja, oft mit Regen im Auge. Nie vergesse ich den wildschnaubenden Wüstenmenschen mit dem umbundenen rabenschwarzbärtigen Angesicht im hellseidenen Kaftan und Schärpe. Über beide Kleidungsstücke einen gläserndurchsichtigen, sternbesäeten Mantel. Bis er sich dann schließlich zusammenraffte, sich erhob, ein Sohn der Sahara, auf dem Weg zur Zange. »Zahnziehen« entspricht einer Kriegsfeierlichkeit bei dem Beduinenvolke. Sie veranlaßt den Beduinen, Feiertagskleidung anzulegen. Heute abend bleibt das Sprechzimmer des Zahnarztes geschlossen, heute zieht der Doktor keinen Zahn. Auch ich lasse am siebenten Tag der Woche Zimmer Zimmer sein, mit ihm meine gliederstärkende Hausarbeit, die mir Turnen ersetzt. Kein Jude arbeitet am Ruhetag des Herrn. [*]

[42] Auch ruhen die Gebäude, das schlichteste Haus Palästinas wie auch sein glänzendster Palast. Unter den Bögen der Fenster aber blühen verheißender die Blumen, lächelnde, rotbetupfte Kakteenigel in Töpfen; die Gaststätten alle sind lieblich bekränzt. Aber, daß man den Mut besitzt, vor der Unschuld der anmutigen Blume das Tier zu verspeisen! Ach, daß man sich an den Mord der Tiere so gewöhnt hat! Und viele Menschen, die vor uns im Testamente lebten, noch dazu glaubten, der liebe Gott – erfreue sich an Tieropfern! Abraham ließ ab vom Tier und speiste keines mehr, nachdem er den Schmerz des Tötens gefühlt, an Isaak, am eigenen Fleische, das ihm in letzter Minute erlassen zu schlachten. Denn Gott sandte Seinen Engel dem gehorsamen Knecht und schenkte seinem jungen Kalbe das Leben. [*] Daß ich mich selbst des Tierfleisches nicht enthalten kann oder – will? Es immer wieder genieße. Und nicht einmal den Mut finde, wenn ich schon diese Sünde begehe, es zu essen, das Tier für meinen Tisch selbst zu töten; oder den Fisch hungrig, wie der Fisch den andern, der noch stumpfen Natur entsprechend, mit Schuppe und Haut zu verspeisen. Esau war ein Jäger, Jakob vom Vater bevorzugt [*] ... ob Erzvater [*] Isaak sich nur von den Früchten der Erde nährte, wie einst sein Vater sich – dann begnügte mit der Frucht; das muntere Tier zu genießen sich enthielt. Als ob es gestern gewesen, das erste Menschenpaar mit mir ... Gotteskäferchen spielte, mitten auf einer Wiese im Paradies. Mich über ihre Handrücken laufen ließ, sich freuten, wenn ich zur Nacht leuchtete über ihre Lager. »Könntest du ein Leuchtkäferchen schlachten und es essen?« Die um meinen Tisch sagen: »Nein, wir könnten kein Leuchtkäferchen schlachten und essen.« Und einer schwarzen Jungfrau aus dem Negerlande rinnen durchsichtige Tränen aus runden Augen. Sie gleicht meiner Kameruner Schulgefährtin Susanna, dem Adoptivkinde des Kolonialhauses meiner Heimat. Wir alle in der Klasse fühlten, so schwarz auch unsere Mitschülerin aussehe, sie hat ein weißes Herz; und ich staunte sie fast an.

[43] Enthielt ich mich der sündlosen Schokoladenspeise, bezahlte ich for the dinner 5 Piaster. [*] Verließ ich aber das wohlschmeckende Speisehaus mit meiner Lieblingsspeise im Magen, zart in eine Schlagsahnwolke gehüllt, bezahlte ich 7 Piasterstücke. Ich trug die Münzen, durch ihre Gucklöcher wie durch große Perlen auf einer Schnur gereiht, eine Nickelkette um meinen Hals.

Sich mit dem Fisch zu sättigen, in heißen Ländern – ratsam! Auch hüte man sich, nicht nur in Palästina, in allen heißen Ländern, mit übermäßigen Quantitäten Speise seine Kanäle zu verstopfen. Den Schmarotzern, schädlichen Keimen an den Wandungen der Därme ein luftdichtes Asyl zu bieten, darin sie »Ruhr« fabrizieren. Eine, wenn auch stets gut verlaufende, etwas blutige Darmkrankheit, die, nach ein paar Tagen Bettliegen überstanden, aber zu umgehen wäre. Ich blieb von ihr verschont, schon der Orangensäfte wiederholten Glase wegen, die ich aus dem Kelch der Vase, früh schon am Morgen auf das Wohl der hochzeitlichen Stadt zu trinken pflegte. Könnte ich mir nur das Fleischverzehren abgewöhnen! Doch ich rate dem Leser meines Buches, sich nicht nach meiner blutigen Tat, jedoch unbeirrt nach meinem unbefleckten Wort zu richten, es schritt durch meine vielen, vielen Bücher, über die lichten Pfade der Seiten, schwebte so oft zum Himmel empor, ein stilles, unberührtes Gebet. Richte sich der Leser nach meinem Wort! Es konnte mir niemand nehmen, im blutigsten Kampfe nicht, ich mir selber nicht, mir kein Listiger entlocken, kein Liebender abschmeicheln.

Mit Liebe sein Brot essen, freut Gott. Er möchte, der jedes einzelne Korn der Ähre und den Kern des Obstes buchte, [*] daß wir uns freuen an der genießbaren Frucht seiner Welt. Mit seinen Kindern, ob kleinsten oder größten, warum sollte es dem lieben Gott nicht einfallen, mit ihnen gemeinsam von des Baumes einladendem Zweig die – Herzkirsche zu essen? Den lieben Gott von den Freuden seiner Natur ausschließen, diese strenge enge Magisterehrfurcht vereinsamt [44] den Herrn. Man verleidet ihm seine Welt.

Unser großer, liebreicher, dichtender Priester, Emil Bernhard [*] in Berlin, lehrte uns in seiner Laubhüttenpredigt: Die Laubhütte [*] verbindet am Tag der Feier die Erde mit dem Himmel. Also: Menschenwohnung und Gottesreich. So erwarten wir Juden in der bewillkommenden geschmückten Laube, über den Blumenteppich mit – Jerusalemherzpochen den Herrn Adoneu. [*]

Liebespaare beschauen sich am Pfeiler des Cinemas: Zion, [*] die bunten abenteuerlichen Plakate. Cinema ist auch meine Schwäche; möge sie nie erstarken!

Komm mit mir in das Cinema,

Dort findet man, was einmal war:

Die Liebe!

Liegt meine Hand in deiner Hand

Ganz übermannt im Dunkel,

Trompetet wo ein Elefant

Urplötzlich aus dem Dschungel –

Und schnappt nach uns aus heißem Sand

Auf seiner Filmenseide

Ein Krokodilweib, hirnverbrannt,

Dann – küssen wir uns beide.

Das Hebräerland
[45]

Vor dem Rondell, an dem das große Kinotheater Zion liegt, teilt sich die seltsame Wüstenstraße Jaffa-Road in zwei Hälften: Wie ein Fluß, der sich eine Strecke spaltet, aus für uns unerforschlichem Grunde, um sich wieder zu vereinigen im höheren Geschehen –, [*] um in Rehavia wieder Road and Road, ein Straßenkörper und eine Straßenseele zu werden. Eine Hälfte des gespaltenen Jaffa-Roads taufte die Stadt: Ben Yehuda Street, [*] dem anderen Straßenteil ließ man seinen konservativen, alteingesessenen Namen: Jaffa-Road. Der Besitzer der höflichen Buchhandlung der Ben Yehuda-Street nahm sich bei meinem Einzug in Jerusalem meiner Bagage an, verhalf mir aus schwierigster Situation. Drei Tage verbrachte das mit bunten Hoteletiketten beklebte Köfferchen [46] unter dem Schutze des Ladeninhabers Ben Jisroëls. Stolperte auch der Kunde über sein von der Meerluft abgehärtetes Pappleder, doch kam es niemandem, selbst dem Chef nicht in den Sinn, den ihm anvertrauten hergereisten Störenfried vom Eingang der Librairie in eine der Ecken hinter dem Büchertisch zu transportieren. Über das Knurren meiner Jaguarmütze in der Hutschachtel amüsierten sich die Käufer. Alle Morgen standen immer wieder neue Romane, auch exotische Heftchen mit abenteuerlichen Titelblättern, nächtlich aufgeschossen, auf dem Ladentisch und auf Regalen. An den Wänden die Plakate zeigten Neuestes an. Morgen spielt das Ensemble der Habimâh. [*]

Juden und Araber begeben sich zur Vorstellung; zeitig zu erscheinen, hat noch keinen Zuschauenden gereut. Wenn die Habimâh ihre Gastspiele anzeigt, schäumt die Freude des kunstdürstenden Publikums Jerusalems, wenn auch nicht über ... immer mit Maß und Würde, der Heiligen Stadt angemessen. Hier in der Stadt Gottes reißt die Freude nie, weltliche, auch nicht unirdische unzart an die goldalten Nähte ihres Gewands. Denn Jerusalem feiert immer Hochzeit und schreitet zum Altar im Brautkleid. [*] Freude und Leid nimmt man hier »gemessen« zu sich. Der Schauspieler reicht dem Zuschauenden auf hochzeitlicher Bühne seine Rolle. Allen Mimen des Habimâh-Ensembles verlieh die Fee der Schauspielkunst beides: Begabung und – Seele. Und nie bleibt leerer Schall, auch nicht bei gewaltigster Form. Ein Wunderensemble fürwahr! Meskins [*] Allgegenwart trägt am Abend das Schauspiel auf dem starken Nacken; Rowinas [*] kostbare Spitzenhand unterzeichnet das adelige Spiel. Die Araber lieben mit den Juden gemeinschaftlich, leidenschaftlich die Habimâh; bewundern seine großen Künstler. Die beiden versöhnten Stiefbrüdervölker, [*] ein jedes begabt, sich zu begeistern. Ist es doch stets der Zuschauer der träumerischen Theaterwelt, der phantastische Kunde bringt der wirklichen Welt; der Kritiker: Der vorauseilende Postillon.

Unter dem glitzernden Kronleuchter des Sternenhimmels [47] begegne ich mit Vorliebe den Menschen Jerusalems. Die leuchtende Farbe von oben steht so gut zu ihren goldgebräunten Gesichtern. Manche Antlitze sternen schon am Tage, wie in der Nacht die wirklichen Sterne. Im himmlischen Sinne wird der Mensch sehr verwöhnt im Gelobten Lande, immer wieder vom Zauber der Gegenden bescheert und von seinen Lüften spazieren getragen. Darum denkt man gerade in Jerusalem an seine erste Kindheit, an die man sich bis dahin gar nicht mehr erinnern konnte. Als man noch mit der Welt in die Sonne gesetzt wurde; mit dem Riesenkind, das sich – nackt, nicht vor Gott zu verstecken braucht. Unser liebes Palästina! Nur sein Berg Carmel [*] trägt schon ein hellgrünes Hemd, mit Johannisbrotfrüchten [*] darin gewirkt. Man sollte sich bescheiden im Heiligen Lande, fürlieb nehmen mit den Dingen, die einen als Kind erfreuten. Wir befinden uns in Jerusalem, mitten in der Bibel, und nicht – an der Riviera, einem mondänen Badeort. Wir reisten in das Bibelland, ins lebendige Testament. Nicht etwa nur in seinem mächtigen Buche zu blättern, wie die Mehrzahl der Menschen es zu tun pflegt, schenkt der Dichter ihnen seine Verse ...

Demut, Genügsamkeit und Hingabe heißen die drei Eigenschaften Jerusalems, drei schneeweiße Eselinnen, die dem armen Hebräerjungen gehören. Auf denen ich zu reiten pflegte abwechselnd, manchmal warfen sie mich widerspenstig in den Sand. Doch auf den lebendigen reinen Lehren durchstreifte ich Gottes Lieblingsstadt. So hält man mit der Schöpfung Schritt! Und ich weiß nun ganz genau, »Nichtschritthalten« mit den drei Schwestern und Abweichen von Gottes Plan, Gleichgewichtsstörung nach sich zieht. Und sich verirren bedeutet verfinstern, und Finsternis führt in den Abgrund, aber die Liebe zur Weltenordnung – ins Ewige Licht.

Ich bin eingeladen, in Talpiott, [*] in einer der Vorstädte Jerusalems, den Schabbattabend zu verbringen im Hause eines liebreichen, feinen Dichters [*] unseres Volkes. Als ich aus [48] meinem Gasthaus trat, lag der untere Teil Jerusalems, hauptsächlich von arabischer Bevölkerung bewohnt, im magischen Feuerschein. Es handelte sich um eine Generalprobe bei hellichtem Tageslicht, um ein Feuerwerk zum morgigen höchsten Feiertag des Muselmannes. [*] Der Araber liebt Feuerwerk über alles! Doch die Konkurrenz der strahlenden Sonne stört ihn heute fast. »Barutt«! [*] mahnte ein arabischer Arbeiter auf dem Damm der höher gelegenen Straßenterrasse. Und schwenkte ein kleines Fähnchen hin und her zum Zeichen: Es wird gesprengt! Wir Passanten warteten geduldig auf den Donner der auseinandersichspaltenden Steinwände. Beständig baut man in den Städten Palästinas neue Häuser und auf seinen roten Äckern wird gesäet.

Ich besteige den hebräischen Omnibus, der mich in die Vorstadt Talpiott befördert. Vor mir auf den Bänken sitzen griechische Mönche von großer Schönheit. Der älteste trägt sein Haar unterhalb des Kopfes zu einem Knoten gewunden. Der jüngeren Mönche braunes Lockenhaar ist gleichmäßig gerundet, wie das der griechischen Marmorjünglinge der Museen. Im kleinen Raum des Wagens herrscht immer große Jerusalemstille. Man kann so ungestört im Autoomnibus der Wüste entlang, dem Urvätergestein anvertraut, sinnen. Wir kamen an dem gebenedeiten Grab der Rahel [*] vorbei, der Lieblingsfrau Jakobs. Er diente zweimal sieben Jahre [*] um diese holde Frau. Sieben Jahre und wieder sieben Jahre freite unser junger Erzvater um Labans zweite Tochter, bevor sie sein Eigen wurde. Aber das Volk Israel dient nun schon Jahrtausende um sein Palästina, wohl unter dem Segen des Himmels, aber immer wieder bedroht von Nebenbuhlern.

Der Dichter Agnon und seine liebe Gewerett erwarteten mich an der Wagenhaltestelle ihrer Kolonie. Und wir schritten gemeinsam das kurze Ende, die leicht ansteigende Chaussee empor in ihr weißes Haus. [*] Das liegt an einer Wiese, einer ganz nackten, die ich mir im grünen Graskleid hätte gut vorstellen können, mit kindlichen Lilaglöckchen und Butterblümchen [49] geschmückt und Schaafgarben. Eine Hütte steht am Rand des Platzes; und es kam mir unvermittelt und unvermutet der Gedanke:

Vielleicht wohnt der liebe Gott in der schlichten Laube? Den Kindern beim Spielen zuzuschauen. Er hört ja auch so gerne, wenn am Freitagabend [*] die Kleinsten ihrer Eltern zu ihm die Gebete sprechen. Aus ihren rührenden, unschuldigen Händen empfängt der liebe »große« Adoneu [*] bewegt seine ihn preisenden Psalmen. Wir lehnten bei Tische so lieb aneinander; neben dem helläugigen kleinen Bruder das braunäugige Schwesterlein. Und neben ihm der dichtende Papa; und die feine Mama neben dem elfjährigen Sohn. Dann kam ich, mir zur Seite der andere Feiertagsgast. Vom Pfeiler des Fensters bemerkte ich schon vor meinem geblümten Teller, den kostbar gegossenen Silberbecher stehn, den nun der Dichter Agnon gerade im Begriff, zu füllen. Nach der Zeremonie trank ich aus ihm – auf das Glück seines Hauses. Ein strafender Seitenblick traf mich aus dem Auge meines Nachbars, der mich erinnern sollte, ich sitze beim Heiligen Schabattmahle und nicht an einer Geburtstagstafel. Auch meinen liebreichen Gastgebern entging der mich zurechtweisende, stumme Tadel nicht, und sie meinten beide, mich Erschrockene verteidigend: Unsere Dichterin vergißt selbst am Gottesabend nicht, das Haus »zu liebkosen« (genau so sagte des Dichters Frau), an dessen Tisch sie speise. Der schüchterne Talmudmönch aber zupfte verlegen, für Gott, dem Herrn des Schabbatts, beleidigt, errötend an den Schößen seines schlichten Kaftans, gab sich gewaltsam Mühe, mich zu ignorieren. Ich aber blickte auf die sieben weißen Kerzen [*] in den Kelchen des sonntäglichen Leuchters, in ihre kleinen reinen Feuer. Mitten auf dem Tisch stand er und brannte um den Schabbatt und der Schabbatt um ihn, hier und in allen Häusern der Juden. Ich wandte mich zu dem gestrengen Manne des Herrn neben mir und fragte ihn, ob er die sieben weißen Kerzen brennen sehe. Doch alle nach ihrer Art, »nach ihrer einigen, eigenen Flamme.« »Also wollen wir auch unsere [50] Dichterin leben lassen, wie sie ist. Was sagt mein lieber Gast, der gestrenge Nachbar, dazu?« beendete der Adoni [*] des Hauses den religiösen Wortwechsel und verteilte, nachdem er die schabbattlichen Zeremonien gesprochen, an uns jeden an der Tafel das mohnbestreute Weizenbrot, tauchte ein jedes der kleinen Teile, bevor er sie uns reichte, in das Salz eines Kristallschüsselchens und psalmodierte den zu der Handlung von altersher üblichen Spruch. [*] Die reizenden, artigen Kinder sangen hebräische Weisen, und ich schaute im frommen Takt immer wieder schmelzend und lockend durch das Dunkel des Abendfensters über den graslosen Wiesenplatz, ob auch der liebe Gott die beiden Geschwisterlein singen höre.

»Hat die Dichterin den Text der Psalmen verstanden?« erkundigte sich der Dichter. Gerne hätte mich hingegen der Talmude ferner meiner schlechten Judenschaft gerügt, es gärte in ihm; doch in mir, ihn eines Besseren zu belehren. Das ehrfürchtigste Gebet der Juden, das »Schmah« [*] – wohlwissend dem Tische des Schabbatts nicht einverleibt, stürzte plötzlich und schäumte in hohen Intervallen über die Düne meines Mundes, aus seinem Bett getretener Strom. Der Beifall, den ich erntete von seiten des Adons und seiner Adona, und meine Frage an den frommen Gelehrten, ob ich nicht das »Schmah« vorbildlich zum Herrn gesprochen, befreiten den Mönch gänzlich von seiner Schüchternheit. Er betonte, aus sich vollends heraustretend, die Art und Weise, wie ich, seine Nachbarin, sich erlaubt habe, das ehrerbietigste Gebet zum Herrn zu sprechen, beleidige, ja kränke Seine Heiligkeit durch alle Seine Himmel. Der lege kein Gewicht, weder auf Aussprache noch Klangfarbe, die wohl den Habimâhregisseuren imponiere, aber nicht Seinem Gotte, dem Gotte Israels. Und ich war doch so stolz, das herrliche Gebet fehlerlos gesprochen zu haben zu Gott. Das bestätigte nach einiger Erwägung mein empörter Nachbar wohl, aber das sei auch mein einziges Verdienst. Ich erlaubte mir, mich wiederum im Gleichnis zu verteidigen: »Es war einmal eine Hirtin im Volke Israel, die, wenn sie nicht die Lämmer hütete, Verse dichtete an den Herrn. [51] Eines Morgens dürstete sie sehr und sie neigte sich tief über einen Brunnenrand, um zu trinken. Als über dem Quell ein Tropfen des Wassers der unzähligen Tropfen emporstieß, in dem sich die ganze Schöpfung widerspiegelte, der Schöpfer Selbst. [*] Und die Hirtin ging eine Schale zu suchen, die unaussprechliche Kostbarkeit zu bergen; aber sie fand nicht eine einzige, die der Schönheit des kleinen geschliffenen Wassers entsprach, weder in den Nischen der Tempel noch in den Gärten der Paläste. Da spann sie aus den roten Fäden ihres durchsichtigen klaren Herzens einen Kelch, kristallen im Klang und von holder Dunkelheit seiner Darreichung, und legte die bebende Ewigkeit, verwahrt in einem winzigen Tropfen, den Demant der Gebete, das ›Schmah‹ – zwischen den gesponnenen Wänden ihres gottgeopferten Herzens.«

Das »Schmah«, der heilige Hieroglyph auf dem Plan der Schöpfung, [*] überlebt die Welt.

Die lieben Kinder des Dichters lagen schon im Schlummer, als mich ihre liebevolle Mutter, da mir so bange, mich wie eines ihrer Kinder zu Bette brachte. Ich hatte doch – Angst vor dem lieben Gott auf dem nackten Platz hinter unserem Hause. Und schämte mich, es der Gewerett [*] zu gestehen. »Ist es denn nicht traulich hier in der Stube?« tröstete die Liebe mich. Aber das war es ja! Der große Gegensatz innen und draußen erzeugte das ungestüme Gefühl. Mir fielen die Worte des letzten Prophetendichters Peter Hilles [*] ein, dessen Name Petron uns Freundesjüngern auch ein Fels bedeutete. In seinen Psalmodien steht geschrieben: »Gott ist das Weltgemüt – Er ist aber nicht gemütlich.« [*]

Daß über Nacht wieder ein heller Morgen käme, »schön wie noch nie!« Mit dieser Erwartung schlief ich schließlich ein. Der Talmudist saß, anzunehmen, wieder in seiner Synagoge in Jerusalem, grübelnd über schwierige Gottesstellen in den Heiligen Büchern. Die beiden Sternenkinder des Dichters aber hatten sich nach Kinderart auf der höchsten Stufe der Treppe, die zur obersten Terrasse führt, plaziert. Und auch wir drei, der Dichter, seine Gewerett und ich, ließen uns [52] nieder in der lichtesten Morgenfrühe in biblischer Vergessenheit um die kleine Holzinsel des runden Gartentisches, auf dem aus Körben Manna [*] wuchs und Milch aus Krügen floß und aus Gläsern Honig. [*] Mit dem Gezwitscher seiner Bambusflöte lockte ein kleiner Araberjunge von der Landstraße seine Herde herbei. Es nahten die lieben Tiere gehorsam; das kleinste Zieglein legte seinen Kopf in des guten Hirten Schoß. Im Anblick dieses sanften Bildes verloren, begann sich, ohne Furcht, zu erheben mein Herz wieder zu Gott. Stumm träumten wir Freunde nebeneinander und sagten uns doch so viel. Auf die Berge, die ich für gelbe Dromedarbuckel gehalten, hinter dem Streif des Toten Meeres unten im Tale, zeigte der Dichter und ahnte nicht, wie mich seine plötzliche Kunde überraschen würde. »Es sind die Berge von Moab, [*] meine verehrte Dichterin!« Ich legte meine Hand über meine Augen; sie zitterte vom Blitz der Überraschungen getroffen und brannte. Später erzählten mir meine neuen Freunde, ich habe auf der »kleinen Insel« gestanden, mitten zwischen Tellern und Tassen und Kannen und sei – zum Himmel aufgefahren. Hand in Hand streiften Gewerett und ich durch die blühende Chaussee Talpiotts, die mit Agnons Haus endet oder beginnt, von welcher Richtung aus man ihn zu besuchen pflegt. Es begegnen uns junge Arabersöhne vornehmer Araberfamilien, Studenten in modernen europäischen Anzügen, doch in landesüblichen, vor dem Sonnenstich schützenden seidenen, weiß und schwarz gestreiften Kopftüchern, deren Fransen auf ihre lässigen Schultern fallen. Man könnte die schlanken, knabenhaft gebauten Sittis [*] für Fürstensöhne halten. Auf die Universitäten Italiens pflegen die wohlhabenden Araber und Beduinen ihre Söhne zu schicken, die gegenwärtig ihre Ferien in der Heimat verbringen. Der arabischen Väter Absicht, ihren Söhnen eine eigene Hochschule in Palästina zu errichten, wie die hebräischen Väter ihren Studenten, scheint sich zu verwirklichen.

Es setzen sich einige frische Bäuerinnen, aus ihrem Emek [*] kommend, hinter mich in den Omnibus. Sie haben ihre Eltern [53] im Vorort Jerusalems, in Talpiott besucht. Sie sprechen hebräisch. Teilweise verstehe ich ihre Unterhaltung, errate sie halb, die sich um ersehnten Regen handelt. Und wir prüfen miteinander das Himmelsgewölbe. Wie lange die Wetterwolke beanspruche, herabzuregnen auf Jerusalems Äcker und Felder? Sie zog sich zusammen zu einem einzigen undefinierbaren Auge, wie solches die Frau beschaut aus dem Gesicht des jüdischen wie des arabischen Wildarabers. Alle sieben Jahre, sagt man mir in der frommen Stadt, naht ein Gewitter und tränkt Palästina; eine Wolkenkarawane rotfunkelnder Blitze und Donnerkeile vom Westhimmel her, wie ich erlebte selbst in der ersten Nacht meiner Ankunft, geschützt im Hause meiner Freundin in Jerusalem. Mit Magd und Knecht und dem Vieh der Ställe fürchteten die Einwohner der frommen Stadt, mit ihren Häusern fortzuschwimmen und zu münden unten im Schluchtental – im Toten Meer. Auf der untersten Terrasse [*] im allerletzten Hause, gegenüber der Wüste, wohnte noch vor einem Jahre meine liebste Freundin, die vielgeliebte morgenländische Frau des im Weltkriege gefallenen Berliner Advokaten Hugo Caros [*] mit ihren Kindern und anderen Familien. »Rahel« [*] – taufte er sie. Inbrünstig liebte der berühmte Jurist sein deutsches Geburtsland und stellte sein Leben freiwillig dem Kaiser zur Verfügung. Seine jungen Kameraden nannten ihn Onkel Justizrat. In Südamerika heißt man eine am Fluß gelegene Bretterbude: Wildwesthaus. Hier zog sich ein River aus Sand an den schwankenden Balkonen der Stuben meiner Freundin vorbei; man verspürte Lust, wie das üblich unter den Cowboys und wilden Goldsuchern Perus, von den Galerien unter dem Dache sofort ins Freie zu springen. Lange vermutete ich im Stockwerk über uns einige solcher sympathischer Abenteurer, nach hier – auf gut Glück eingewandert. Mancher der Einwohner Palästinas behauptet, mit erstklassiger Wünschelrute schon Gold zu finden sei im Lande.

In der ersten Nacht klirrten die Fensterlein des luftigen Heims, in dem ich mich zur Ruhe begab; meine Freundin [54] verklebte das Innere der nervösen Ohrmuscheln sündhaft vor den göttlich schäumenden Elementen mit Wachs. Immer näher kamen die unnützen, aber recht frischen Wirbelwinde durch die geöffneten Scheiben gesprungen. »Von wo die nur plötzlich herkommen mögen?« überlegte Rahel. Sie hatte nicht bemerkt, daß der Himmel sich schwarz und faltig kräuselte, um – ein Gewitterregen herniederzuplatzen und zu rasseln mit Reif und gefrorenen Schneesternen wie seit sieben Jahren nicht mehr. Um fünf Uhr aber schon trockneten wir, unter warmer Jerusalemfrühe ausgebreitet, mit Decken und Kissen auf dem kleinen Rasen zur Seite des aparten Häuschens in der blanken Sonne. So gerne saßen wir beide auf dem lieben Treppchen, das aus der Besenstube führte, von dort die große Wüste zu überschauen. Karawanen von weißen Eseln nahen ..., auf dem weißesten liegt hingegossen sorglos eine Fâtme [*] und leiert das ewige Lied der Wüste vor sich hin. Ich aber blicke aus nach dem Erzvater Jakob [*] – Josefs Papa. Wir kehren in die Stube meiner Freundin zurück; im Korbsessel sitzt ihr ältester Sohn und läßt auf seinem Knie seinen süßen Gabriel Kutsche fahren. Er gleicht des jugendlichen Vaters Vater auf ein Haar. Guckt Gabriels Löckchen auch erst, ein kastanienbrauner Flaum, über Stirn und rundem Näschen, über dem Bonbon noch nicht diskutabel. Doch ähnelt schon Babys Kinn mit der Kontur zu einem Grübchen, eventuellem Bächlein, des Großvaters beweglichem. Lebte mein geliebter Junge noch auf Erden, er würde seinen besten Freund, den kleinen Gabriel verewigen, wie es kein zweiter Zeichner imstande.

Ich ließ mit mir geschehen, im Schutze meiner Freundin, die ersten Tage meiner Anwesenheit im Gelobten Lande nach ihrem Gutdünken. Gestern erst folgte ich ihrem überraschten Sohn, Gabriels Vater, in das Haus seiner mädchenhaften Mutter, die es mir ein Lebtag verübeln würde, falls ich mich weigere, so frisch arriviert, unter ihrem Dache die ersten Tage zu verweilen. Es träumte noch Ägypten in mir, von dort aus ich ins Hebräerland endlich gekommen.

[55] Es war im April, als ich des Schweizerlandes schönste Stadt verlassen, Zürich, in der ich, eine Emigrantin, ein Jahr gelebt, [*] viele Menschen zwischen ihren Rigis [*] liebgewonnen. Man lernte »danke« sagen in der Emigration, aber man hüte sich vor des Wortes Virtuosität! Die Dankbarkeit den kindlichen Hauch der Freude verliert. An den Spender, der ängstlich abwägt, bevor er seine Gabe dem Notleidenden reicht; er verwandelt des Empfängers Annahme oft zu einer verzweifelten, doch heroischen Tat. Im Grunde liegt ein Dünkel darin, liebreiches Präsent zu verschmähen.

Im Tumtumtakt der Eisenbahn gefiel es mir, zum Zeitvertreib dieser Frage – Delikatesse – zu lösen. Ich beguckte mich dann im Spiegel der Fensterscheibe, sah noch genau so hehr wie im reichen Elternhause aus, ganz genau so! Und auch inwendig fühlte ich mich dieselbe! In den Augen, in der Schläfe den Kometen der Dichtung, in der anderen den Davidstern. [*] Ich schloß meine Lider zu. Wie oft hatte ich Ägypten, mit dem Ziel Jerusalem, schon wie oft im Traum zur See und im Lokomotivrhythmus erreicht!

Als ich des wundervollen Schweizerlandes Zürich verließ, war es April. Ich fuhr durch den St. Gotthard nach dem Tessin, über Lugano nach Genua in die Stadt aus Filigran, in die Stadt Fieskos, in die Stadt der feingesponnenen Intrigue. [*] Noch am Nachmittage des Donnerstags meiner Ankunft holt ich mir im Büro des artigen Triestiner Lloyds meine von einem griechischen Ehepaar dedizierte Schiffskarte nach Alexandrien. »Die Übersetzerin einiger Ihrer schönen hebräischen Balladen«, [*] schrieb an mich Madame Pilavachi, »erwartet Sie binnen sechs Wochen [*] am Hafen der berühmten ägyptischen Handelsstadt. Erkennungszeichen: Ich bin nicht schön, ich bin nicht häßlich.« Ich wußte also genau, es wartet eine »schöne« Frau auf mich am Strand des Mittelländischen Meers.

Ich verbrachte den Donnerstag und den Freitag in Genua, der zauberhaften Liebesstadt, inmitten der überaus artigen Bevölkerung. In einem kleinen Coiffeurladen, gleichzeitigem Maniküresalon, [56] ließ ich mir die Nägel meiner Hände maniküren. Jeden meiner Finger behandelte die gewissenhafte Señorita wie ein eben zur Welt gekommenes Bambina. Darnach stutzte sie mir die Haare zurecht, ganz nach italienischer Mode. Am Abend besuchte mich aus St. Margherita der mächtige ritterliche Dichter und Dramatiker Friedrich von Unruh [*] und seine Dame. Beneideten mich ob meiner höchstversprechenden Reise nach dem Ägypterlande, die mich, prophezeite er mir voraus, sicher auf dem Märchenkameel meiner Bücher weiter ins Gelobte Land tragen würde.

In Meilenwasserstiefeln [*] überschritt ich ja so oft schon als Kind sehnsüchtig die Meereshorizonte von Europa nach Afrika, von Afrika nach Asien. Und ich verdanke die Erfüllung meines besten Wunsches einem griechischen Halbgott und seiner Frau. Am Schalter des Triestiner Lloyds – gerade habe sich die berühmte italienische Dichterin Margarita Fassaty [*] ein Billett nach Amerika gelöst. Ich suchte sie, die meine Verse liebt und es mir so oft auf bunten Ansichtspostkarten versicherte. Und fand die Poetessa nicht, in der ganzen Stadt Genua nirgends. Am andern Morgen beförderte mich und mein Gepäck das Hotelauto des höflichen Hotels Britannia zum Hafen. Auf den ersten Blick verliebte ich mich in meinen weißgekleideten Luxusdampfer »Espéria«. [*] Ja, ich konnte nicht erwarten, mit ihm durchzugehen! Spätlenze wiegten meinen Meisterschwimmer über die Kornblume der Welt. Ich lag in meiner Kabine weich wie im Moos gebettet und doch auf ewigem Meer. Von ferne sahen wir Passagiere die Rauchwolken des Vesuvs grau in die graue Dämmerung steigen. In Neapel ruhte unser Schiff fünf Stunden am Land. Wir Reisende schlossen uns in Gruppen zusammen und besichtigten die feuerspeiende Vesuvstadt. Es qualmte der dämonische Berg, ein schmockender italienischer Inkashäuptling, [*] der die Gegenden Neapels ab und zu unsicher macht. Neapels Menschen glühen, es leuchten die Früchte der Palmen und der Schmetterling, der sich auf meine Hand setzte. Nie werde ich diesen schwebenden, feurigen Napoli vergessen.

[57] Das Cinema »Espéria« weigert sich, ohne mich im Zuschauerraum zu wissen, mit dem Film zu beginnen. Es ahnte schon am ersten Tag unserer Fahrt, es beherbergt eine echte Kinoniterin. [*] Oft ließ ich die schmackhafte Speise Speise stehen, oder mein Dessert wenigstens; zwängte die dickste der Orangen in meine Tasche, daß ihre Nähte zerplatzten, um nur nicht – den ersten Akt des Clarkgables-Liebesfilms [*] zu versäumen und vor ihm den jugendlichen Duce [*] in der Revue zu sehen. Nach den Lichtspielen spazierten wir Seefahrer und Seefahrerinnen gemeinsam über die frischen Wege auf Deck. Oder wir atmeten auf unseren Liegestühlen von der Blume des Ozeans. Ich sah zum erstenmal Griechenland; es war gestern, es drehte uns zwar den Rücken, aber artig sich entschuldigend. Beseligende lächelnde Bergrücken, man möchte sagen, wie von erstklassigen Plastikern modelliert. Ich bedauerte, schon am Mittwoch mein Reiseziel erreicht zu haben. Mit Fernrohren und Operngläsern beobachteten die Gäste der Espéria das Heranwachsen des mächtigen Hafens von Alexandrien. Kleine Segelboote bewillkommnen unseren Lloyd, feiern seine Menschen; überschäumend mancher Verlobte seine Braut auf Deck im myrtenweißen Schiff. Es stehen Eltern ungeduldig am Ufer der weltberühmten Handelsstadt und erwarten ihre geliebten Studenten, die die Ferien der Hochschulen Italiens nun in der Heimat im Kreise ihrer Angehörigen verbringen. Emsige Araberjungen und alte Gepäckträger überschwemmen, ein Ameisenschwarm, die angelangten Passagiere. Es beginnt ein regelrechter Kampf zwischen den hurtigen, netten, dunkelhäutigen Beflissenen und den Angelangten. Schließlich bemächtigt sich der gewichtigste der Araberjungen meines Gepäckscheins, trägt ihn zwischen seinen harten Zähnen hin und her wippend in den Kofferraum, um zurückzukehren kollegialisch mit drei oder vier »Cousins«, beteiligt allesamt an dem Transport meiner einen Handtasche und der bemalten Hutschachtel. Am Hafen brachten mir die flinken Fendis [*] – Madame. Sie kennen sie alle schon und belagern nicht ohne Grund ein Stück des [58] Weges das Trittbrett ihres Autos. Zwei der drolligen Bengels schwingen sich auf den Bock zu dem Chauffeur, plumpsen aber bald in den Graben.

Zwischen Griechen und Griechenknaben, dem Pitt, verbrachte ich meine alexandrinische Zeit. Jeden Vormittag besuchten Madame und ich die Gegenden der Alt- und Neustadt, doch immer führte unser Weg am Mittelländischen Meer vorbei, von wo ich gekommen. Beim ersten Ruf hoch von der Kuppel der Moscheen brachte uns über kostbare Palmenplätze der Wagen in die geheimnisvollen Viertel der Allahhäuser.

Es hüte sich der Europäer, auch nur mit seiner Fußspitze des heiligen Teppichs Franse zu berühren, auch nur den Verdacht zu erregen, sie entheiligt zu haben mit der Lackspitze seines Schuhs. Ich warne aus eigener Erfahrung, hatte ich doch nicht einmal ein einziges Wollhaar des geknüpften Heiligtums entheiligt. Meiner arabisch sprechenden Begleiterin und ihrem Chauffeur, dem wohlerzogenen Syrier, gelang es, dem Wächter des allahgeweihten Teppichs meine Unschuld zu beweisen. Pietätvoll, aber aufatmend, verließen wir den Ort. Die fremdländischen Frauengesichter hinter den durchsichtigen, farbigen, wallenden Schleiern entzücken mich sehr. Deutlich erkenne ich ihre schönen Gesichtszüge: Augen, schimmernde Mandeln zwischen zarten Hauthüllen und seidigen, geschweiften Brauen. Und es überraschen mich hinter den Gazen die tätowierten Ornamente auf Wangen und im Kinn. Mit Henna gemalt, enden ihre schlanken Finger in Korallenspitzen, und Glück bringt ihnen und ihren Kindern auf innerer Handfläche der Hennafleck. Eine gelbmetallene Spanne delikatester Stilisierung, die die Ehefrau an unwandelbare Treue zu ihrem Gebieter zu erinnern zwingt, wacht streng von Braue zu Braue. Dieses pharaonenalte [*] Ornament zwischen Nasenwurzel und Scheitelanfang hält den Schleier der Frau und läßt nur das schimmernde Yett [*] ihrer Augen unverhüllt. Die stolze Gangart der schreitenden Ägypterin verdankt sie dem Tragen ihres Krugs. Seit Jahrhunderten füllt sie das Wasser der Brunnen in ihre Tongefäße, [59] hochaufgerichtet den Krug auf ihrem Kopfe heimzutragen in die Häuslichkeit. Schon die biblische Rebekka schritt an den Brunnen [*] und Hagar, [*] alle Erzmütter [*] der Israeliten. Sie tränkten die Kameele der Wanderer und schöpften dann die Quelle in ihre tönernen Steine. Sie glichen alle den antiken Königinnen, majestätisch daherschreitend. Saßen auch des öfteren die Nesthäkchen, wie es heute noch der Fall, auf den Schultern der Mütter oder hartnäckig sich stemmend um ihre Hüften. Auch die Väter, in ihre Kinder verliebt, pflegen ihre Kleinsten im Arme zu tragen; die Jüngstgeborenen erblickt man nicht selten plaziert auf dem roten Throne ihrer Fez. Der Ägypter liebt sein Kind geradezu zärtlich, wie das allgemein in den südlichen Ländern der Fall. Der nubische Koch [*] im Hause meiner gastlichen Familie schenkte mir seine Ansichtskarte im buntgestreiften Kaftan und dem üblichen hohen steifen Hut. Neben ihm steht der reizende kleine Nubier, sein sechsjähriges Söhnchen, wie der Papa gekleidet. Der besorgte nicht nur gewissenhaft die Angelegenheiten der Küche, er ließ es sich auch nicht nehmen, die Gerichte zu servieren, seine mannigfachen, schmackhaften, geschmackvoll arrangierten Speisen. Ich äußerte mich oft über die Art seiner Anrichtung, namentlich über die wohlschmeckenden Gemüsesorten, die, auf den Schüsseln geordnet nebeneinander wie Felder in Blüte des Julimonats, mich immer wieder erfreuten. Ich mochte nie die erste sein, die die friedlichen Kohlsorten und Gurken und Bohnen und Erbsen der Beete mit Gabel und Löffel aufwühlte.

Manchmal betrat ich den Garten in den Abendstunden; die artigen Kleinen der Angestellten sammelten mit des syrischen Chauffeurs Kindern glitzernde Steinchen der Wege.

Sehr beglückte mich die Begegnung mit dem Neffen des herrlichen Tondichters Leoncavallo; [*] immer begleitete den hochgewachsenen Italiener die schwermütige Bajazzoouvertüre seines Oheim Maëstros. Ein besonders feiner Kreis von französischen Dichtern und Dichterinnen, Malern und Malerinnen schmückt die berühmte Handelsstadt Alexandrien und [60] verleiht ihr Duft. Im wundervollen Heim des chevaleresken Dichters Messiqua et ses gentiles tantes lernte ich in Begleitung der Griechin die großen Künstler der Handelsstadt kennen. Zum erstenmal bereute ich tief, wenigstens nicht einigermaßen französisch parlieren zu können; in der Jugend Unkrautblüte nicht besser in den Lektionen aufgepaßt zu haben; zu Hause meiner angebeteten Mama fließendes Französisch wohl bewunderte, aber mir keine Mühe gab, ein Exempel an ihrer Sprachfertigkeit zu nehmen. Daß sie den Kaiser Napoleon [*] sehr bewunderte, gelang mir dem besondern Kreis von Menschen in der eleganten Sprache zu erzählen. Und daß meine Mama ein Poesiealbum besaß, noch von ihrer ernsten Mädchenzeit her, es immer pflegte mit einem kleinen goldenen Schlüssel abzuschließen; wahrscheinlich, da so viele Poëms auf den Seiten, von ihr gedichtet, an Bonaparte geschrieben standen.

Wir saßen – hingemalt nebeneinander im Zauber hinter taubenblauseidigen Wänden, hatten uns in den paar Abendstunden gegenseitig liebgewonnen, brauchten es uns nicht mehr verschleiert hinter Worten zu sagen. Ein Stilleben, kaum atmend – im kostbaren Rahmen.

Die Vorträge, die ich in den deutschen literarischen Vereinen der großen Stadt Alexandrien zugesagt, konnten aus Glaubensgründen nicht stattfinden. Eine grenzenlose Enttäuschung, die ich erlitt, kam ich doch – eine emigrierte Dichterin – mit einer sehr bescheidenen Reisetasche und einer Hutschachtel, darin allerdings meine alte Jaguarmütze knurrte, ein wertvolles Raubtier, das sich ab und zu der junge, großgewachsene Pitt, der Griechensohn, auf die Locken stülpte. Seinem Vater, dem Merkur, verdankte ich auch die Weiterreise ins Hebräerland.

Alexandrie! Sagt der Ägypter. Alexandrie gleicht Berlin mit seinem weiten Pariser Platz und breiten Straßen und Gartenanlagen, allerdings ins Exotische übersetzt; und den »Linden«, [*] ins Palmische übertragen. Wenn das Meer gerade schäumt und braust, hätte man hinter der unübersteigbaren [61] Mauer, die die Düne von der Stadt trennt, die Nordsee vermutet. Von der hohen Terrasse des Khedivenklubs [*] der Baumwollmagnatenstadt aus, überschauten wir oft das ganze mächtige Gewässer mit seinen überseeischen Schiffen, gemeinsam bewundernd mit den sich von der Tageshitze erholenden Klubmitgliedern.

In diesem Jahre fällt auf den Donnerstag der Familientag der Pilavachis. Ich rate Margrita zu einem weißen Atlaskleid. Wir fahren in das bekannte Magazin in der Französischen Straße. Rechts und links an den gepolsterten Wänden entlang – zum Aussuchen auf seidigen Kleiderbügeln, aus feinen Seiden und samtnen Stoffen – schimmern Kostüme in magischen Ballfarben. Wie ich mir die für meine Gastgeberin sie schmückende Schlepprobe gedacht, entdecke ich so eine entzückende aus weißer Atlasseide. Sie paßt ihr wie angegossen.

»Nun noch einige lukullische [*] Kommissionen, Prince Jussuf!« Auch sie nennt mich so. Und ich bitte Madame, sie ohne mein Beisein zu erledigen. Die Zeit benutze ich lieber, von der Loge des Autos aus das fremdartige, feilbietende Treiben der Straßen zu beobachten, die Spaziergänger und rufenden Händler in ihren bunten Trachten, die Trampeltiere und graziösen Araberpferde alle. Um den Hals tragen sie blaue und gelbe, grüne und rote, auf Bindfäden gereihte Perlen, schmucke Glasketten um ihre Nacken – gegen den bösen Blick! Genau solche geschmückten Märchenpferde malte mir und meinem geliebten Sohn einst der blaue Reiter, [*] der Messias der Tiere, das noch blutende Opfer der Weltschlacht. »Es darf euch niemand die Bilder nehmen!« schrieb er uns aus dem Krieg, dem er erlag. Franz Marc, unser so früh heimgegangener brüderlicher Freund. Über meine Augen schweben leise Trauernebel.

Weiße und hellgraue Esel mit Früchten in beiden Körben um Rücken und Leib geschnallt, repräsentieren sich mir auf Geheiß ihrer Händler. Es schreiten, ihre Ware preisend, an meinem Wagen Bäcker vorbei; sie tragen stolz in Form [62] unserer runden Osterbrote [*] frische Ware mit den üblich hier im Ägypterlande gebackenen Mehltaschen für einen Knoblauchservelat auf Holzbrettern geschickt durch die Menge.

Eine herrliche Frauengestalt naht. Leila heiße sie, und sie läßt nicht ab, mich zum Kauf eines Amulettes zu verführen. Ich bitte sie, ihren Schleier zu heben, ein ganz klein wenig vom Gesicht zu pusten. Mich gelüstet, ihre feine gebogene Pharaoninnennase [*] und ihren Märchenmund zu betrachten.

Madame fragte mich nach meinen Straßenerlebnissen. Ihr war ja alles nichts Neues mehr; dreizehn Jahre schon Bürgerin in Alexandrien. Nun mußte ich zuguterletzt die größte Konditorei in der interessanten Stadt Ägyptens kennenlernen, in der sich aller Erdteile Menschen ein Rendezvous zu geben pflegen. Ich bemerkte zunächst nur dicke Schnurrbärte braunhaariger und schwarzhaariger ägyptischer Bourgeois; doch in den Nischen saßen die plaudernden ägyptischen modernen Söhne mit ihren europäisch gekleideten Freundinnen und rauchten ihre Zigarette. Auch schlürften viele Haremsdamen, beaufsichtigt von ihrem Eunuchen, den Mokka aus zierlichen goldgesprenkelten Täßchen und delektierten sich an den Süßigkeiten der höchstdelikaten Konditorei. Die Fez der Cafébesucher bildeten eine Mittelschicht, einen sich wiegenden Boden zwischen der geschmackvollen Deckenarchitektur und dem Mosaik unter ihren Füßen. Manche Gauklerin hätte es gelüstet, über den gefahrvollen roten Fezboden der Lüfte zu tanzen. Zu guter Letzt holten wir beide Margritas Griechen, den schönen Baumwollmagnaten, von der Baumwollbörse in sein Haus. Wir passierten einen Nilarm; nie sah ich noch ein phantastischeres Flußbild. Und doch einmal in einem der afrikanischen Jugendbücher dieselben Männer in grellgelben Hosen und nackten dunklen Oberkörpern in primitiv gemalten Kähnen sitzen, hinter schwärzlich-grünen Blattbüschen.

Am andern Tage besuchten wir das nubische Volksfrauenbad [*] [63] im Volksviertel Alexandriens. Im Vorraum des eigentlichen Baderaumes waren gerade nubische Familien im Begriff, sich häuslich niederzulassen mit allen ihren Kindern und schwarzen Schäflein, auf das Freiwerden eines gemeinschaftlichen Brunnens zu warten. Ein feiner Regen fällt auf eine goldgebräunte Nymphe, rings auf ihre samtne Haut, warme Springbrunnenstrahlen. Die langen steinbesäeten Ohrgehänge und die Spangen um ihren Oberarm erhöhen die Schönheit des seltenen Bildes. Vierzig Grad Celsius zeigt das Thermometer; selbst die an Hitze gewöhnte Steinwand schwitzt.

Als die Sonne sich mit dem Tag zusammen aufmachte zu uns Menschen, fuhren Madame und ich zu den Katakomben, zum Ehepaar Sphinx. [*] War mir ganz neu, und ist sie noch so rätselhaft, die Sphinx, heiratet, ka...pert sich einen Sphinx. Keine bleibt unverehelicht. »Solche Spießerei!« Schon im Altertum. Die unterirdische Treppe zu den Mumien hinabzusteigen, deren Erddecke wir pietätlos überschritten, sträubte ich mich, und doch gereute mich später der ernste unterlassene Besuch.

Bei den Griechen läutete seine Eminenz der Großrabbiner Prato [*] von Alexandrien an, die Dichterin möchte den Passahabend [*] feiern in seinem Hause. Mich beglückte diese Auszeichnung sehr, und ich erwartete das heutige Ostern mit Herzpochen. Noch ehe der Mond die Sterne alle aus den Wolken gebracht hatte, geleitete mich Pilavachis Chauffeur in das ebenso fromme wie gastliche Osterhaus, mitten in der grandiosen Hafenstadt in den kindlichen reinen Passahkreis feiernder Menschen. Ich erkannte auf dem erleuchteten Hausflur in dem Sohne des Großrabbunis [*] einen der Passagiere wieder, den mir rätselhaften Studenten auf der Espéria, mit dem ich gern geplaudert hätte im Sturm der Schiffstage. Bisweilen trappte er lässig, ein stolzes edles Tier der Wüste und gleichzeitig mit der Nonchalance eines gentlemans durch die Räume des wundervollen Lloyds.

Aus dem hebräischen Wohnraum trat die übergroße Gestalt [64] seines Vaters – der herrliche Zadik; [*] wie ich mich während des Ostermahles überzeugte: Der »singende« Zadik, von dem ich schon gelesen in der Kabbala. Er begrüßte mich, »die Dichterin«, deren hebräische Balladen er kenne, leider nur übersetzt. [*] Ich folgte dem geistlichen Conte in die überraschende, feierlich geschmückte Wohnstube, in den munteren jungen Osterkreis blumenhafter Italiener und Italienerinnen. Ach, ich empfand mich nur als des strahlenden Perlenkreises zerbrochenes Schloß. Es gibt Menschen, die friedlich ihr Leben lang am Rücken des Herrn gelehnt ruhen, aber etliche verharren auf der heiligen Stufe vor Ihm und sehnen sich nach Frieden, suchen Ihn und – blicken doch unausgesetzt in Sein Angesicht. Aber zwischen den heiligen Osterkindern, im lieben, mit Psalmen Davids beschriebenen Osterzimmer, gelang es mir, mich dem glücklichen Osterfrieden anzupassen. Alle die schönen italienischen Hebräer und Hebräerinnen waren ihrem geliebten, hochverehrten Priester in den anderen Erdteil, von Europa nach Afrika, gefolgt. Meine Augen schwebten von Antlitz zu Antlitz, von Beet zu Beet. Lange umschwärmten sie nicht eine mannigfaltigere Augenweide. Die dunklen Diener in weißen Hemden legten auf den Altar der keuschen Hände ihres Herrn die Hagâdah, [*] aus der der Rabbuni begann zu psalmodieren.

Das Hebräerland
[65 (»Rabbuni Eminenz Prato in Alexandrie«)]

Die hellere Sopranstimme seines Sohnes begleitete des Vaters heiligen Bariton; einer der Ostergäste komponierte eine Begleitung, dem frommen Gesange angemessen, und spielte sie kindlich mit seinem Silberlöffel am Kristall seines Glases. Meine Mitwirkung, zunächst sehr schüchtern, erfreute den gütigen Osterrabbiner, dem mir munteren Zuneigen seines prachtvollen Kopfes nach zu schließen, ungemein! Auch ihm ward die Gabe verliehen, hinter der Stirn eines Menschen die Gedanken zu lesen und deren Tiefe zu prüfen. Eminenz Prato betreute die berühmte Synagoge Venezias, bevor er dem Ruf der Juden an den mächtigen Tempel Alexandriens im Ägypterlande Folge leistete. Es brodelten die Weine im [66] Glase, es bröckelten die ungesäuerten Brote ... Ich saß wieder – zehnjährig – neben meiner angebeteten Mama, zwischen meinen Brüdern und Schwestern; oben an der Tafel saß mein Papa im eleganten neuen Anzug und feingedrehten Schnurrbart, und Henry quatre. [*] Eine Schokoladenüberraschung und in das andere Täschchen einen grünen Zuckerfrosch steckte mir meine Mama heimlich zu. Ja, ich saß doch früher schon einmal zwischen gleichen schönen Jünglingen und anmutigen Schwestern fröhlich an einem Ostertische, von all den feinen Speisen naschend. Damals bewunderte ich mit meiner schönen Mama gemeinsam ihre ältesten Kinder. Mich weich erinnernd, entfaltete sich von neuem im Reich des Oberpriesters, am Zweig meines Herzens ein Lebensblatt zwischen den liebreichen Knospen der atmenden Girlande.

Am zehnten Tage meines Aufenthaltes in Alexandrien wandelten Madame und ich noch einmal zusammen durch den Garten ihrer Villa. Ich hörte die Mutterschlange von nebenan im Gebüsch zischeln. Sie wünschte mir im giftverhaltenen Ton Glück auf die Reise ins Hebräerland. Eigentlich hatte ich in der Nacht immer Angst vor ihr; sie roch auch so nach – Aquarium. Viel weniger wie sie, fürchtete ich die gefährlichen schwarzen Skorpione, die ich manchmal auf dem Hügel vom Fenster unseres Hauses aus beobachtete durch ein Fernrohr. Der Geruch der Reptilien stieg mir an besonders heißen Abenden wie lauwarmes Gift in die Nase.

Der Portier im Rosaatlasturban eilte aus seiner Loge, zu melden, es sei Zeit zum Aufbruch. Er spricht mit Vorliebe französisch. In jungen Jahren diente er in der Legion. Antigone, [*] die kraushaarige Zofe, importiert aus Athens Negerviertel, brachte meine Reisetasche, half mir und ihrer Herrin ins Auto steigen. Kairo liegt eine Stunde von Alexandrien. Wir überlegten darum noch im letzten Augenblick, ob wir nicht vor meiner Abreise ins Gelobte Land die ägyptische Hauptstadt besuchen wollen. Von dort aus, meinte Madame Pilavachi, würde ich bequem und sicher auf meinem Phantasiekameel [67] »Amm« [*] in aller Gemütsruhe durch den Sand der Wüste meine mir seit Joseph her zugedachte Stadt Theben erreichen. Sie dürfte den Lesern bekannt sein, ebenso meine Dromedarin »Repp«, aus meinen tropischen Büchern her. Jahrtausende – ohne größenwahnsinnig zu wirken, suchen mich die Himmel der singenden Säulen der Josephstadt, [*] die bis heute noch nicht ganz verstummten.

Ich gucke so exotisch, fanden in meiner Schulzeit meine Mitschülerinnen, näherten sich mir neugierig oder rückten unsicher von mir ab.

Der Syrier wartete mit gekreuzten Armen auf dem breiten Perron, in der Zeit seine Herrin mit mir noch einmal vor der Abfahrt [*] die guten Ratschläge und Weisungen durchnahm, die man befolgen müsse, betonte sie ausdrücklich, bei der Grenzüberfahrt. In mein Coupé stieg eine Europäerin; sie konstatierte, ich säße nicht auf meinem rechtmäßigen Sitz. Und ergreift energisch meine Reisetasche und hebt sie, eine Athletin, auf das Brett mir zu Häupten. Es stänke im Wagen! Schon schafft sie Gegenzug. Ich gab ihr den Rat, sich zu beherrschen, ihren Mißmut – zu verzuckern, zu den kandierten Früchten meiner Schatulle zu legen, als auf dem Hauptbahnhof der City eine ägyptische Mutter mit einem gewissen Embonpoint und ihre noch wuchtigere Tochter von sorglichen Schwarzen in unser Abteil geschafft wurden. Es folgte die Bagage und, begleitet von keuchenden Atemzügen, zwei mächtige Kessel, zwei Mordsbehälter, die unserer Füße freien Lauf hemmten. So glich unser Coupé einem erst eben bezogenen Magazin en miniature, in dem noch alles kunterbunter den Weg zu versperren droht. Ich mußte mir das Lachen verbeißen. In meinem Vis-à-vis aber wuchs die »rücksichtslose« Angelegenheit sich aus zu einem Staatsverbrechen. Über »die Mißwirtschaft«, drohte sie dem Schaffner, würde sie sich bei der Eisenbahndirektion beschweren, außerdem die internationale Presse informieren. Sie reichte mir mit erhobener Braue, den ägyptischen Beamten einzuschüchtern, aus ihrem Juchtenetui ihre Visitenkarte. Ich formte mir aus dem übergroßen [68] Format ein Tellerchen für die Orangenkerne, die ich aus einer erfrischenden Frucht entfernte. Draußen vor unserer Wagentüre hatten sich die drei Schwarzen der ägyptischen Frauen häuslich niedergelassen, saßen mit verschlungenen Füßen auf ihren kleinen Reiseteppichen; ihre breiten Zähne blinkten. Sie berieten mit dem bestürzten Schaffner den Fall, der sich eben im Innern des Coupés abgespielt, mit einem Temperament, das selbst die erzürnte Reisegefährtin zum Lachen reizte. Sie schließlich die Türe zum Korridor öffnete und dem armen Beamten zu verstehen gab, daß alles beigelegt. Nachträglich brachten die aufmerksamen Diener den Afrikanerinnen einige bequeme Lederkissen, schoben sie den Frauen aufmerksam unter die verwöhnten Vollmonde und hinter die Rücken und plazierten die großen metallenen Behälter uns einigermaßen aus Fußweite. Und so kam es, daß wir vier Insassen uns betrachteten. Mir blieb ein Schrei in der Kehle sitzen, erstickte zum Glück, und es dankte mir das unglückliche Auge der Mutter der an Elefantiasis [*] erkrankten Tochter. »Sie tut niemandem was zuleide, Mistreß, sehen Sie ihr nur in die guten Augen.« Ich sah in die runden Gorillaaugen, in die wunden, in die schwermütigen, aus denen Menschenaffen zu blicken pflegen, geraubt aus ihrem Urwald und importiert in die Zoogärten fremder Erdteile, dort zu vergehen vor Sehnsucht. Die Journalistin bemächtigte sich schleunigst ihrer Reisetasche, kroch in die Ärmel ihres langen Reisemantels und setzte die aus gleichem Stoff fabrizierte Reisemütze auf den zu Berge gestiegenen Weizen. Mit einer an Elefantiasis erkrankten Person reise sie in ein und demselben Coupé unter keiner Bedingung. Es musterten sie die melancholischen Affenpupillen meiner ungestümen Nachbarin; an mich rückte die Sagengestalt näher heran. Auf meine Knie breitete sie ihre wuchtige, zur zackigen Fleischmasse verdickte Hand. Ich hätte das arme Geschöpf so gerne gestreichelt, machte mir innerlich Vorwürfe, aber sie vermochten meine Schauer vor der noch zum »entstellten« Tier verhexten Kranken nicht zu überwinden. Immer von neuem [69] angewidert vom unbeschreiblichen Fettansatz ihrer Waden und dem sich ruhelos wälzenden Körper. »Sie ist ein gutes Kind und es tut niemandem etwas zuleide«, wiederholte die Mutter ergriffen in englischer Sprache. Ich versuchte, »dem guten Kinde« eine Schokolade zwischen die Affenlippen zu schieben; dankbar lächelte die Ägypterinmama und zutraulich kroch ihrer Tochter gewaltiger Kopf unter mein Schulterblatt. Ich verwünschte, ehrlich gestanden, meine Situation; namentlich dann, wenn die Höhlen der plattgedrückten Nasenlöcher meiner neuen anhänglichen Freundin, ein Zeichen ihres Wohlbefindens, sich blähten. Von der heilsamen, mit gereinigten Extrakten geschwängerten Luft Jerusalems erhoffte die geschlagene Emirin Erholung für ihre Patientin. Ich konnte alles ihr so nachfühlen, sie ahnte es und versicherte mir: Ein Kind bleibt für seine Mutter, so alt es auch ist, immer noch ein Kind, handelt es sich noch, wie hier, um ein krankes. Ich erfuhr auch nun, was die mächtigen Kühlräume alles verbargen. Der Ärzte vorgeschriebene Speisen und eines Magiers Medizin. Ob ich nie von dem berühmten Medizinmann aus Kairo gehört, erkundigte sich die Ägypterin und öffnete den größten der metallenen Kühler. In die gebräunten Mehltaschen der rundgeformten arabischen Brote steckte sie je eine der Zwiebelwurstscheiben und ich mußte schon gerne kosten von der Delikatesse im – Täschchen. Sie versuchte selbst vom Imbiß, nachdem sie die in die Hände klatschenden Diener außer mit mächtigen Bissen noch mit Maiswein gütig versorgte.

Auf weichen Polstern, in Sänften getragen, erreichten die orientalischen Damen ihre Karosse, die sie zum Kanal beförderte. Noch lange wehten aus dem schmalen, halbbogenförmigen Guckfensterchen, Abschied winkend, ihre seidenen Tücher. Ich aber spähte, mit allen Fahrgästen auf dem Perron der kleinen Durchfahrtstation, tief ins Ägypterland, nach dem neu eintreffenden Zug, der uns bringt nach El-Kantara zur Grenze. Mit einer Mutter aus Padua und ihrem erwachsenen Sohn teilte ich anfänglich den Wagenraum, [70] doch bald hätte nicht mehr in seinem Winkel ein Zwerg ein Plätzchen gefunden. Verdrängte Insassen überfüllter Nebenräume flüchteten in unser Abteil.

El-Kantara: Ein stürmender stolzer Name! Kaum konnte ich erwarten, ihn vom Ziel ausrufen zu hören. Der artige Signore stellte meinen Koffer auf den schon freigewordenen Sitz am Fenstereck. Die Formalitäten an der Grenze erforderten eine Menge Zeit und Kraft. Wir verabschiedeten uns, er, seine Mutter und ich, geradezu herzlich voneinander, sollten wir uns am Strande am nächtlichen Suez verlieren. Es ertönte eine wohllautende Stimme durch die Geisterstunde der Mitternacht ... Alles horchte. Ja, sie klang wie der Lockruf eines Vogels, weich und melodisch und zärtlich: »Ein Bruder sucht seine Schwester. Wo bist du, meine liebe kleine Schwester in Israel? Meine liebe kleine Schwester in Israel? Es sucht dich dein Bruder.« Daß ich nur nicht auf den Schwindel hereinfalle, warnte mich ein Englishman. Aber wie sollte ich den Engländer in der Eile des Umzuges vom Waggon zur Barke eines Besseren belehren? Der Rufer in der Wüste [*] fürwahr kein Betrüger, doch mir ein Engel, gesandter sei. Es sah Margrita Pilavachi so ähnlich, in letzter Minute den Triestiner Lloyd zu alarmieren, mir einen Führer zu stellen, der mich durch die nächtliche Dunkelheit, ein erstklassig Kundiger, von Afrika bis zur Wassergrenze Asiens geleite. Ungeheuerlich aufrichtet sich das Holzgespenst, die leiterartige Treppe der erreichten Endstation auf und nieder, die ich, ob ich nun wollte oder nicht, zu besteigen gezwungen, meine Reise fortzusetzen ins Hebräerland. Und ich schmetterte nur so aus Leibeskräften durch die Perronlüfte: »Hier bin ich, lieber Bruder in Israel!« Er küßte mich auf beide Wangen, wischte mir die Glückstränen aus den Augen und bestätigte mir, »auf Bitten« meiner besorgten Gastgeberin, er, der beliebteste, zuvorkommendste Fremdenführer des Triestiner Lloyds, sei beordert, mich zur Überfahrtstelle ans Ufer des Suez zu transportieren. Mich aller Schwierigkeiten, setzte er noch dazu, zu entheben. Zunächst [71] erleichterte er meine Hände, indem er meine Hutschachtel und dann meine große Bonbonnière, die er für viel zu klein für die Süßigkeiten Palästinas einschätzte, in Sicherheit brachte. Meine Reisetasche schwang er wie einen kleinen Fendi, [*] einen ganz kleinen Araberbengel, auf seine Schulter, gurrend: »Meine liebe, liebe Schwester in Israel ...« Immer, immer wiederholte er mir dieselben Worte, und, ein seidenes Püppchen, führte der liebe Bruder mich stufauf über die Stufen der »Himmelsleiter«, [*] oben angelangt, stufab wieder zu den »bösen Menschen«. Ohne auch nur im geringsten zu argwöhnen, überreichte ich dem rettenden Bruder aus meiner Manteltasche meinen Passeport. Er streichelte ihn mit seiner Wange und beteuerte immerzu, ich sei seine liebe, liebe Schwester in Israel. Schon als meine Reisegefährten am Suezstrande das Floß bestiegen hatten und viele ägyptische Krämer und Bergbeduinen mit ihrer lebendigen mäeeenden Ware, wartete ich vertrauensvoll im Sande auf meinen lieben Bruder in Israel. Ja, ich ignorierte trotzig die dringende Aufforderung, endlich die Barke zu betreten. Und doch verdankte ich einem energischen wilden Bergbewohner Palästinas meine Überfahrt. Er zog mich einfach aus träumender Verblendung auf das schon in Betrieb sich setzende Brett.

Jemand machte mich auf meine geöffnete Reisetasche aufmerksam, die ich total vergessen im Sturm aller Dinge. »Ganeff!« [*] rief im singenden Ton ein Galizier. [*] »Im vorigen Jahr stahl derselbe Spitzbube mir meinen nagelneuen Kaftan.« Aber ich war schon zufrieden, meinen Paß wohlgebettet, wenn auch in leergenaschter Bonbonnière zu finden. Vermißte ich auch meinen schwarzen Seidenrock und meine schwarze Sammetjacke mit den roten Schnüren, darin ich pflege meine Dichtungen an Vortragsabenden vorzutragen. Der gutmütige Galizier und seine gute Frau versuchten, die Angelegenheit ins Spaßhafte zu ziehen, in der Zeit ein Araber, phantastisch gekleidet, am Rücken seines Dromedars gelehnt, mir versicherte: »König Salomo kauft neue Kleider!« [*] [72] Im Volk des kleinen Arabers herrscht der nette Aberglauben, unser reicher, weiser Mêlech [*] lebe noch. Vielleicht von diesem Aberglauben beseelt, überschätzt der einfache Muselmann die Finanzen der Juden in Palästina.

Ich sitze gegenwärtig wieder zwischen Eisenbahnwänden mitten im Wüstenmeer. Mir gegenüber unterhält sich ein gentler Ägypter mit einem Geschäftsfreund, einem vornehmen Bergbeduinen in zitronen- und orangengestreifter Seide. Sein Söhnchen verlangt zu reiten auf seines Vaters Knie. Mit den zwei zutraulichen Lämmchen aber soll es spielen, vor kurzem erst zur Welt gekommenen Tierlein mit blödlieben hellen Augen und wolligem Flaum an den Oberbeinen. Der beiden Mustertiere wegen begnügten sich die Mitreisenden, wie vorher die Emirin und ihre Tochter, mit den primitiven Sitzen der prunklosen Waggons. Mir liege daran, erwiderte ich auf des Ägypters Frage, die ärmste der Ärmsten, vom Reichtum unbehelligt und gefährdet, in die Heilige Stadt zu kommen.

Die meisten Reisenden der Espéria unterbrachen damals nicht ihre Fahrt wie ich. In zwei Tagen hatten sie Haifas Hafen erreicht, aber dafür lernte ich vor meiner Reise ins Heilige Land das Pharaonenreich [*] kennen und seine Sphinx. [*]

Unser Wüstenzug hält an einer Oase. Zierliche Araberdämchen in langen, zartgemusterten Gewändern werfen uns Blumensträußchen ins Coupé. Blumen, ähnlich der Immortelle und der bienensüßen Strohblume. Der Ägypter im Fez läßt sich’s nicht nehmen, seinem Vis-à-vis, mir, ein bewillkommnendes Oasenboukettchen zu dedizieren. Und trotz der großen Anstrengung, die schon der Wechsel der Züge, noch in fremder Nacht, mit sich brachte, möchte ich doch diese Fahrt von Ägypten nach Palästina von Erdteil zu Erdteil per Eisenbahn und dann durch die weite Wüste von mir nicht unterlassen und ungewagt wissen. »Vonafrikanachasienfahren« müßte ein neues Kinderspiel heißen. Wenn auch nicht erfunden, so doch erlebt von mir mit all seinen Strapazen, Überraschungen und Spannungen. Von Afrika [73] nach Asien zu fahren, unter sterngemalter Himmelsdecke, gemeinsam mit Arabern und morgenländischen Judenstämmen, buntfarbigsten Menschen und ihren Trampeltieren, mit einem geöffneten Reisekoffer und geraubtem Josephrock [*] und den Passeport »in leerverzehrter Schatulle«, der vermag von einem wirklichen Abenteuer zu erzählen, vom Stern zum Sternbild über den Suez zu dem einigen einzigen Bibelstern: Palästina! Waagrecht gleitet die Mondsichel, ein goldener Kahn, [*] durch das heilige Wolkengewässer und verschwindet plötzlich auf den Grund der Welt. Wir aber kreisen, im Zuge gefangen, immer rund um eines Wüstenfelsens sandige Lenden. Es naht die Frühe, eine asiatische Tänzerin in silbernen Spitzen, noch etwas vom Schattengrau im Haare, und wirft der Welt Kußhände zu. Wüste, nur Wüste um uns, Wüste, weiche, gelbliche Stille! Auf einmal wird es ganz hell, auf einmal! Keine fahle Ouvertüre, auf bleiernen Tasten gespielt, schreitet dem Morgen nach den asiatischen Abenden schwermütig voraus. Hell wird es im Heiligen Lande aus Dunkel ohne trübe Zwischennuance. Und dunkel, von Dämmerung befreit, naht die Nacht.

Der Ägypter sieht mich erbleichen – er zeigt auf die Burg am Himmel: »Jerusalem«! ... [*]

Ich befand mich schon einen ganzen Monat in Palästinas gebenedeiter Hauptstadt, führte ein Pflanzenleben; wie ein Himmelsschlüssel, meinte ein Dichter, mich neckend.

Vor dem Posthaus meines lieben Gasthauses Nordia [*] wartete von früh bis spät ein Reiter auf seinem Kameel, wie ein Wanderer angelangt auf dem Gipfel eines Berges. Heute beobachtete ich ihn im dringenden Gespräch in der Fensterscheibe, vor einem Laden mit Apothekerwaren, mit einem Stammesbruder. Als dann von Augenblick zu Augenblick sich der bevollmächtigte beduinische Busenfreund gewichtiger und lauernder mir näherte um plötzlich entschlossen seinen Auftrag zu erledigen. Es entwickelte sich schon eine Zeitlang zwischen uns dreien, dem Reiter, Kuppler und mir, ein schwüles Flirten und Liebäugeln, ein schalkiges [74] Kokettieren, an dem sich alsbald einige Straßengänger beteiligten. Der gewandte kleine Heiratsvermittler, ihnen allen nicht unbekannt. Immer neue Passanten drängten sich durch den sich angestauten Menschenhaufen, im Glauben, es handle sich um eine Vorstellung von Gauklern und Beschwörern. Doch befreiten sie sich enttäuscht aus dem Labyrinth. Eine ernste delikate Liebesangelegenheit, meinte schließlich der schlaue Mann, »auf offener Straße zu verhandeln«, entehre der heiligen Brautwerbung Kinderstube. Ich und die Zeugen pflichteten ihm gerne bei; ermutigt winkte der Araber mir und den Lauschenden, ihm zu folgen unter des Nebenhauses Torbogen. Die Zahl der Frauen seines fürstlichen Freundes betrage zwei Weiber über Durchschnitt; »zehn prächtige Grundstücke«, beteuerte er auf gut Englisch. So viele Frauen, wie ich zähle an meinen und seinen Händen. Er spreizte sie. Ich auserkoren, die Lieblingsfrau des Fürsten zu werden! Listig betastete er erst meine eine, dann meine andere Schulter, streckte die Hand von ihr geradewegs weiter zu meiner Jaguarmütze; wahrhaftig, er hielt sie schon zwischen seinen gespenstischen Fingern, sie zum Zeichen – »meiner Einwilligung« dem sehnsüchtig harrenden – Bräutigam zu bringen, als ich dem Wilderer einen Fuß stellte, seine gebrechliche Gestalt kopfüber den Jaffaroad herabtaumelte, begleitet vom schallenden Lachorchester der Zuhörenden.

Man traf ihn oft mit Leuten im Gespräch in einer ihm am Herzen liegenden Angelegenheit. Und nicht selten, bevor die Sonne untergegangen, begegnete ich der ewig lächelnden, schmiegsamen Scharlatangestalt, sich giftig ringelnd um die ihn konsultierenden abergläubigen Landsleute. Ich sah ihn noch am Sonntagmorgen vor seinem luftigen Hauptquartier in der Nähe des Jaffators, in beiden Ohren einen Wattebüschel. Im Handumdreh