Karl Jürgen Skrodzki

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Karl Jürgen Skrodzki, Lohmar

[1] Else Lasker-Schüler

Ein paar Tagebuchblätter aus Zürich. [*]

(Potporie)

»Daheime« ..... sagen die Schweizer auf den Bänken neben mir am Zürchersee und weisen auf die von der Mittagssonne beschienenen Berge; warten auf unsere dankbare Bestätigung wie schön ihr Heimatland! Möwen, schwebender Neuschnee, der nicht schmilzt, wirbelt in Ungeduld über das kleine besonnene Meer. Die heimgekehrte Schaar der wundervollen weissen Vögel, erblicken uns Menschen und schreien wie Kinder nach Brot. Sie haben immer mächtigen Hunger. Und wie! Morgends rauben sie meinen lieben Spatzen ihr Frühstück im Nu!

Die kleinen Spatzen sind eigentlich meine einzige Freude seit sechs Jahren; stören sie mich auch oft im Schlummer – so, dass ich ihn nicht ganz auskosten kann. Und ich beschloss, die niedlichen Tierchen zu erziehen, ihnen Geduld beizubringen, auf das Frühstück zu warten artig, bis ich es mir selbst serviere die Weckeli verspeise, dessen inneres Weizenfleisch ich den kecken Spätzlein gastlich überlasse. Oft zwar begrüsse ich ihr allzu zeitliches Erscheinen; je früher ich mich nämlich entschliesse aufzustehen, desto eher überwinde ich die Hemmung: nicht aufzustehen und aufgestanden muss werden! Das Ankleiden in dem mollig warmen Gasthaus, altbewährten Hotel, der Seehof sollte von rechtswegen jedem Gast eine Freude bereiten; aber was zu viel ist, ist zu viel! So oft wie Sand am Meer, und auf dem Grund des Meeres sich Sand angesammelt, habe ich mich im Leben schon angekleidet. Und kein Wunder es entwickelte sich in allen meinen Gliedmassen und Poren, eine Abneigung vorm Ankleiden, die die Medizin mit Idiosyncrasi bezeichnet und deren Ursache sich der Candi und die Candidatin des öfteren zur Examenarbeit wählten. Kaum hingeschmiert, schon prämiert.

Verordnet wurde mir jüngst, beim Ankleiden zu pfeifen oder [2] zu reimen, von solcher Intensivität, dass mir die Sandkörner nur so aus den Augenwinkeln herumfliegen.

Pfeifen kann ich noch, jedoch im Morgengrauen,

Weckte ich im Seehofs Nebenraume, aus dem Traume,

Ehemänner und die Ehefrauen.

Und zum Singen habe ich keine Lust.

Vergoldet trillerte die Lerche einst aus meiner Brust,

Mich aus des Bettes Heim, mit einem Reim.

(Vorsicht: Nicht ausrutschen!)

In Bautsch und Bogen ungelogen,

Muss ich aus meinem Cautsch herautsch.

Es kommt ein Spatz wohl angeflogen,

Doch nie ein Frühstück an mein Cautsch.

So leb ich seit ich rautschgeflogen,

Vor fünf einviertel Jahr, o Grautsch!

Schautsch auf den Zürichsee, auf seine Wogen, ....

Fürwahr so schlecht war nicht der Tautsch.

(Pianissimo) Fürwahr so schlecht war nicht der Tautsch.

Selbst die erste Stimme dieses componierten Reims zu singen, getraut sich meine ramponierte Lerche in der Brust nicht mehr erstklassig, zur zweiten fehlt mir die musikalische Demut. Wenn wengstens die noch zu haben wäre:

Ich lernte Suppeblasen, virtuos den Gong,

Playd, Kissen und ich selber fliegen aufgescheucht, auf zum Plafond.

Ich bin bereit mich anzukleiden und es hilft mir kein Pardon

Und schreite gravitätisch ans Bassin; der Wasserhahn ist auch entgültig aufgewacht:

Er weiss wie ich, dass grosse Freude macht,

Erwacht noch einmal einzuschläfern;

Zu träumen allerlei auf Morgentraumes Streu,

Verborgen mit den kleinen Käfern.

Mein Wasserhahn und ich, wir beide,

Tun den lieben Tierchen nichts zu leide.

[3] In unserem Romanischen Cafehauses weiland verlorenem Heimateiland Urenkeltochtertochter der Zürcher Selektbar, sind wir verscheuchten Dichter, Maler, Musiker und Bildhauer, vis a vis der Limmat, zwischen nicht verscheuchten Dichtern, schweizer Malern und Bildhauern zu finden. Einlullende Radiomusik wiegt unsere Emigration leise ein. Und warten doch im Traume nicht mehr auf das Wunder. Das Romanische Cafe im balkonbesetzten Gebäude am Ende des Tauentzien gehörte uns Künstlern und dem Bürger Berlins, der sich heimisch zwischen uns abenteuerlichen Menschen fühlte, zwischen hell und dunkeläugigen.

»Wenn nur das Harz auf dem rachtigen Platz.« (Sagt der Schweizer in seinem steinigen Dialekt.)

Durch die blanken Scheiben der Romanischen Terasse,

Blickt mancher Blick noch über seine Cafetasse,

Manch eines Cafehausbesuchers Augen nach uns aus.

[4] Bäche fliessen aus meinen Augen, überkommt mich die Sehnsucht, nach euch, meine unvergesslichen Indianerfreunde und Indianerfreundinnen und unserm romanischen Kraal:

Ich glaube wir sind alle für einand gestorben –

Und auch gestorben unser Cafe in Berlin.

Arm zog ich aus, ich habe nichts erworben.

Und meine Thränen liess ich in Berlin.

Im Wuppertal, Schnee deckte damals Rosenstrauch und spätes Grün

Von schönster Mutter wurde ich geboren

Zur Welt gebracht, es glitzerte die Februarnacht

Es standen Feen vor den Gartentoren.

Gebt acht: 12 schlug es von des Turmes Wacht.

Ich hab mein Märchenland – es war einmal – verloren,

Verloren ......

Doch seelig nur – der edle Jude hat es schlichter schon gesagt

Die bettelarm durch diese Welt gejagt.

Ach die Liebe ist gestorben – manch Heiligen führt der Engel lebend heute in das Paradies von dieser Welt.

Wo keine Liebe glüht,

Verblüht das Leben ungeküsst

Im Juden und im Christ im Heiden und Buddhist.

Das ewige Leben dem,

Der viel von Liebe weiss zu sagen.

Ein Mensch der Liebe kann nur auferstehen.

Hass schachtelt ein wie hoch die Fackel auch mag schlagen.

[5] – Wir sollten uns zerstreun –

Doch jede Arbeit Emigranten nicht erlaubt,

Bei Todesstrafe nicht erlaubt!

Doch kommt der Paragraph uns objektiv zu statten.

Es lebe dieser Palmenparagraph!

Was will man Besseres überhaupt?

Wir Dichter ruhn ja gerne unter Palmen auf geflochtnen Matten

Was will man Besseres überhaupt?

– Man wär ein Schaaf!

Ausserdem:

Und wenn uns hungert stehen im Selekt,

Auf allen Tischen Spätzeli für uns gedeckt.

Uns Künstlern ebenso den hiesigen bedeutet das Cafe Selekt eine gemütliche gemütvolle Wohnstube:

Ums essen ists uns gar nicht so zu tun.

Wir möchten alle nur, zwar mit Musikbegleitung ruhn.

Mehr wirklich nicht.

Ueberdies:

Verfettet Essen weit und breit,

Kostspielig seine Angelegenheit,

Noch in unserer Situation.

Und reichlich kosten andere Dinge schon.

Und leidet hier der Emigrant auch gerade keine Not.

Zum Mittagsbrode aber eingeladen – lieber mausetot!

Ich habe selbst in besseren Tagen die Mittagsbrode refusiert.

»Ma Chere, ich bin nicht manicurt und pedicurt

Ich weder meine liebe Muse.

Ich danke Ihnen also gnädige Frau, mit bestem Grusse«.

Lässt sich auch die berliner Hausfrau in der Regel nicht lumpen, sich angelegen sein die Schweizerin ihre Emigranten liebevoll zu bewirten, hüte man sich jedenfalls den Magen zu überladen. Es richte sich der Ofen der Organe nach dem Ofen deines Wohngemachs:

[6] Wenn Leidenschaft den Menschen heizt,

Mit Kohlendiamant nicht geizt,

Jeweniger giebt der Mensch für Heizung-Speisung aus.

Du speist doch auch mit Kohlen, ist der Winter aus,

Den Kachelofen nicht in deinem Haus.

Und fütterst allweil nicht der CENTRALheizung Röhren,

Im Juli und August in deinen tapezierten Sphären.

Mit Wassersüppchen oder: heisser Trockenluft

Nach sechsjährigem Nichtstun im schönen bereiten Zürich kommt uns Verscheuchten Menschen

In aller Sprachen Dialekt

Willkommen Cafebar SELEKT.

Es spielen Schach an einigen Tischen

Und sitzen, sitzen in den Nischen,

Und sitzen, sitzen, sitzen unentwegt.

Wenn erst das Schinkenbrot zerlegt beim Sitzen,

Dann sitzen, sitzen, sitzen, sitzen sie erstrecht!

Es stört sie nicht das Radio der Ruf im Telephon.

Es sitzt der Vater gegenüber seinem Sohn,

Bei gutem und bei schlechtem Wetter:

Der fette Vetter seinem fetteren Vetter.

Und das beginnt beim achten Glockenton.

Kühl weht der Wind durch Ritzen aller Türen,

Sie sitzen meistenteils zu vieren

Vom Schachzug abgehärtet schon.

Und sitzen stumm

Schachkönigin im Delirium.

Wer ich die Königin ich lief davon.

Ich liess sie sitzen, sitzen vor den Brettern

Mit ihren holzgeschnittnen Göttern

Und eile auf des Hauptbahnhofs Perron.

Und liess sie weiter sitzen sitzen sitzen bon!!!

Und sitzen meinetwegen noch die ganze Nacht.

Es schweigt ihr Mund Symphonisch und in Lettern.

Ich bin schon zwomal eingeschlafen und erwacht.

[7] Lieber Leser, da ich mich für das edle Spiel der edlen Spiele nicht begeistern kann, verurteile er mich gütigst nicht. Mir liegt enorm daran:

Hingegen, lieber Leser, für den Scat,

Heg ich Interesse dann und wann.

Vier mächtige Telle spielen gerad.

So schade dass ich dieses Spiel nicht spielen kann!

Es fehlt so oft der vierte Mann.

An die Mittwochabende erinnert mich der Scat in unserem Elternhause. An meinen weltenlustigen Papa und seine Freunde:

[8] Das war ein Amüsemang!!!

Wir Kinder durften zuschaun, Lang ists her so ellenlang –

Kam erst das Scatspiel recht im Gang,

Und schimpften sich die Freunde mit Elan,

Wir Kinder unsern Dumrian von Papan

Verspotteten im Chor,

Den Trumpf in Händen und er doch verlor

Und trotz der besten Karte nicht gewann

Im weissen Haar und hinterm Ohr

Den Kohinor.

Zur Strafe durften wir am nächsten Tag nicht in die Schule gehn.

Doch Schachspiel hat mich nie gereizt zu lernen: wenigstens nicht ohne Ouvertüre.

Wenn meine Brüder Freunde mit Allüre,

Mit meinen schönen Schwestern spielten Schach,

Und die Sculpturen auf des Parquetes Brette,

Sangen eine Liebesouvertüre nette,

Und tanzten manchmal Menuett

Und die Spieler träumten summend noch dazu

Auch sie sassen, sassen sassen sassen immerzu

Und sie liebten sich doch über allemassen.

Wie aber auch – für das Spiel der Spiele vermochte ich mich nie zu begeistern:

Interessanter noch den Männern zuzuschauen,

Die mit lebenden Figuren spielen Schach.

Auf des Suez Bette,

Auf Europas Brette,

Unter Bombenkrach.

Bis kein Mensch mehr unter Dach.

Dabei gehört doch allen Völkern das Erdreich genau wie uns Menschen allen im bunten Farbenspiel der Häute das grosszügige Himmelreich einmal gehören wird in seiner ewigen Weite. [9] Unsere Gottheimat, zu der wir schliesslich heimkehren werden. Man sollte nicht so viel Lärm schlagen auf Erden, nicht streiten um den Besitz der Lande und des Nebenmenschen. Schiessen, versengen und sprengen und Völker verdrängen. Völker placieren dünkt mich edler. Bedenke lieber Leser, wenn so ein Granatsplitter kleinster unseren Herrgott in die blaue Schläfe träfe? In Ihr gehen auf der Mond und die Sterne, lieber Leser; und wenn es am Abend und in der Nacht

Ganz dunkel –

Die Welt auf einmal umgebracht?

Wir Seelen nach des Leibes Tode emigrieren müssten unerlöst verwaist in gottverlassener Seeligkeit?

O Gott erbarm dich dieser Zeit!

Es ruhen Hand in Hand,

Himmelland und Himmelland,

Ob Sonne scheint ob Stürme wehen –

O Gott wie kann der Mensch erstehen,

Da nicht die Engel streiten um des Himmels Angesicht,

Warum allhier die Menschen friedlich nicht.

[10] Der unentwegte Müssiggang mit Traurigkeit vermischt, ergiebt Weisheit. Bringt Gedanken hervor die man nicht ahnte. Gedanken noch im Keim, kindliche Gedanken oft mit kleinen Engelflügel. Man sollte ihnen nicht überlegen begegnen.

Gerne spiele ich schon dich lieber Leser nicht zu langweilen Harlequin mit meinen Gedanken, schüttle Reime aus meinem Aermel oder ich zaubere Gedichte hervor oder schreibe Prosa mit tönender Erzbegleitung und meine Tagebuchzeilen werden zu einem Potpory. Aber liegt eine Prosa die nicht durch den Morgen eines wirklichen Dichters gewandert und zu früh am Abend sich die Liebenden schon – bekommen? Oder von einem Vers, der nicht duftet? Oder einem Reim der sich nicht dreht, nach der ersten Runde schon umfällt:

Der wahre Reim, der ist ein Kreisel,

Will sich immer drehn!!

Das Kino hat so was vom Kreisel, vom Kreisel der summen kann. Namentlich der Mickimausfilm. Das geht immer so herum und herum bis sie alle hinfallen erschöpft.

In dem grossen Hause der Selektbar spielt der charmanten Ann Indemauers und ihres netten Partners Will Bössigers beliebtes berühmtes internationales Cinematheater: NORD-SÜD. Dreimal täglich zum Entzücken des Kinoniters.

Für mich ja nur ein Katzensprung,

Vom Hotel Seehof über Gassen,

Freudloses hat man ja genung.

Heut spielt die Micky Mickymaus!

In allen ihren Rassen.

Man giebt viel Unnotwendigeres aus.

Und wenn auch nicht –

Ich bleibe nicht zu Haus!

Was hat man von der Willenskraft?

Sie bringt mich keineswegs in Schwung.

Ich geh ins Cinema, da es mir Freude schafft,

Noch bei der kleinen Ausgebung!

[11] Einen Franken nur und 10 Ctm. die ersten fünf Reihen. Weiter hinten kommt gar nicht für mich in Betracht. Kino sozusagen mein tägliches Brot, Korinthenbrot und der Eckplatz dritte Reihe mein ständiger Korinthenplatz.

Ich stürze mich mit einem Satz,

Vorn in die dritte Reihe

Und nehme an der Ecke Platz.

Nicht nur aus pecunieren Grund,

Ich sitze dort so gerne.

Ich guckte mir die Augen wund

Aus all zu grosser Ferne.

Man sitzt im Cinema Nord-Süd

Wo man placiert sich überall lieb

Und schaut die Filme unverbaut,

Von einem Hute Zuckerdüte

Dem extra stolzen einer Braut.

Und ohne dass ein Nebenan,

Sich Reste holt aus seinem Backenzahn.

Das geht mir durch die Venen!

Tanzt Fred spielt Clark in Liebesscenen.

Ich bin in Nord-Süd verliebt! Bewundere schon am Morgen Ann Indemauers selbstentworfene Plakate. Und unter Glas die Künstlerexemplare. Die Stars: Bad Davis und die Catherine

Bad Davis and the Catharine,

May West die Löwenbändigerin

And Laughton and you and you.

Und auch französische Artisten

Sie singen wild die Marseillaise

Und du mein deutscher Kinofreund

Als ob gar nichts gewes.

Am liebsten liebe Leser begebe ich mich solo ins Cinema.

Das Gros der Cinemabesucher ist mir zu gescheidt:

Viel lieber ist mir du bist primiteiv,

Vom Chaise die Piece zu bewerten,

Denn die von Bücherweisheit übernährten

Sind für das Cinema nicht reif.

[12] Mein herzliebster Junge und ich, zwei Eingeborene Kinonitter fühlten uns im Kinolande zu Hause. Abends auf dem Heimweg betonte mein Junge so oft, in der ganzen Welt würde ich keinen fleissigeren Zeichner finden – wie er, excistierten keine blauen Mädchenaugen, noch die dunkelblauen in den farbigen Filmen. Aber auch vor den Plakaten der Liebesfilme blieben wir beide sehr oft gemeinsam nach blauen Sternen suchend stehen. Dass der Künstler doch immer von einer Süssigkeit verführt, in Gefahr seiner Muse untreu zu werden. – – – – – – Liebst Du die Kritik in den Zeitungen und Journalen lieber Leser? So sans Facon über deiner und all den theaterliebenden Publikum hinweg? Benötigt der Theaterbesucher überhaupt der Kritik? Als ob man ein Cretin wär? Einen Vormund benötige. Ihm nachzuplappern, mit ihm erwägend ob es sich lohnt oder nicht diesen oder jenen Film, im Schauspielhaus auf dem Pfauen dieses oder jenes Theaterstück, Lustspiel oder Drama zu besuchen?

Auch den Clown im Varietee

Die Frauen Jahrgang achtzig mit dem Coeu

Der Tänzer und die Tänzerin

Den Wunderwauwau Rintintin

Zu kritisieren – Unsinn!

Und den Darbietungen des Schauspielers selbst genügt ihm nicht das Lob oder der Tadel seines Direktors und seines Regisseurs? Nützt es von allem abgesehen seinen geistigen und körperlichen Zustand und der Moral seines Charakters?

Allmorgentlich im Traume schon zu zittern,

Zu wittern das Gewittern des Besprechers

Die schwarze oder weisse Feder im Gewand des Rächers?

Was sind das noch für Theaterzustände im Jahre 1939!

Und selbst das Lob des Kritikers der Kritik Lob,

Schmeckt es dem Künstler gut beim Abendbrot.

[13] Schlägt man so en passont,

Den einen Mimen mit dem anderen tot.

Giebt es ausserdem eine minderwertige Unterschätzung am Urteil seines Theaterpublikums?

Bin ich Direktor oder die Direktorin,

Am Kasperletheater oder Intendantin,

Ich tät im Spielraum Frau und Mann

Dem Kinde selbst nicht solche Unterschätzung an.

Und auch ins Cinema entsende nicht das Feuilleton

Hin fürder seinen Kritiker und Ehgesponn.

Pardon! Als Emigrantin steht es mir nicht zu mich in die Vorschriften der Theater zu mischen:

Ist man im Trance

So voll und ganz

Beim Dichten mit nichten.

Dann schreibt man manches, das man nicht

Erwacht dem Leser sagt man ins Gesicht.

Das hat der Dichter selbst dem reichsten Mann voraus

Ein grosses Tintenfass stets überüberschäumend

Auf dem Tisch zu Haus.

Die angesehendsten Kritiker freuen sich heimlich Filmschauspieler zu kritisieren, Gelegenheit zu haben das Cinema zu besuchen. Abenteuerlich in den Dschungeln Picknick im Dunkeln.

Ich denk an Kerr – schlag nach im Lexicon

Dem während Chaplin in den Missisippi fiel

Von Gattin zugesteckt ein Eisbonbon

Natürlich gänzlich sonambül.

Oder lieber Leser, mundet dir folgender Reim besser?

Ich sah dass Kerr, da ich in seiner Nähe sass,

Dem während Geyerschaaren Tarzan frass

Von Gattin zugesteckt ein grosses Pralinee

[14] Ich mache Feierabend, ein grauer Mond steigt in ein Boot am Zürchersee – mit einem Paquet: Schwermut.

Ich mache Feierabend,

Labend zieht das Cinema NORD-SÜD

Eine weiche Trapperie

Ueber diese Welt und über Ma Melancholie.

Ich sitze wieder in meinem Kinderzimmer und freue mich an der Zuckermyckimaus. Dass so viele Menschen – erwachsen verwachsen, die lederne Kinderstube mit dem himmelhochjauchzenden Kinderzimmer eintauschten! Und ich danke meinem Horoskop, ich unter einem glitzernden goldenen Papierstern geboren bin. Wo sollten auch meine Spielsachen bleiben alle, wo im Schrank sie unterstellen?

Lieber Leser kannst du mir sagen, warum man immer nur für Kinder Spielsachen kauft? Warum das Kind für seine Mutter nicht eine grosse Puppe? Oder für seinen Papa einen Baukasten oder einen bunten Kreisel? Mein Papa brachte sich oft einen riesengrossen Brummkreisel vom Jahrmarkt heimlich mit nach Haus. [15] Meiner von mir angebeteten Mama schenkte ich als Kind vom gesparten Sonntagsgeld eine in weisser Seide gekleidete blondgelockte Puppe zum Geburtstag. Sie konnte die Augen auf und zuschliessen, trug einen kleinen Fächer um den Nacken an einer Perlenschnur, gelbe Glacehandschuhe und an den Füssen Goldlackpantoffel über rosaroten Strümpfen; in den Ohren lange weisse Wachsperlen. Meine Freundin Lorchen Hundert und ich trugen sie behutsam im Carton nach Hause. Aber es geschah etwas sehr trauriges, da meine von mir angebetete Mama erblich .... mich aber dann mit Tränen in den Augen küsste. In späteren Jahren einmal in der Abendstunde, in der sie mir von ihrer Kindheit Ernst erzählte, erfuhr ich, dass Puppen sie an tote Kinder erinnerten, namentlich blondgelockte, an ihre gleichalterige Freundin, die so früh gestorben verbrannt beim Kochen am Puppenheerde. Ach es bangte ewiglich in ihren fernen Augen um mein Leben ... o Gott, amen.

Ich besitze alle meine Spielsachen von früher noch, auch mein blaues Puppenklavier:

Ich habe zu Hause ein blaues Klavier,

Und kenne doch keine Note.

Es steht im Dunkel der Kellertür,

Seitdem die Welt verrohte.

Es spielten Sternenhände vier –

Das Mondkind sang im Boote .....

Nun tanzen die Ratten in seinem Geklirr.

Zerbrochen ist die Klaviatür –

Ich beweine die blaue Tote.

Ach liebe Engel, öffnet mir,

– Ich ass vom bitteren Brote,

Schon lebend mir die Himmelstür,

Auch wider dem Verbote.

[16] Ich schweife stets vom eigentlichen Thema ab. Sagtest du eben nicht so, lieber Leser? Aber ich kehre doch immer wieder pünktlich heim zum eigentlichen Thema? Ich klettere ja so gern um seine Fassaden herum. Ein Thema wird schliesslich zu einem Haus selten zu einem Palast. Entstand und wird mal wieder einfallen. Das mündliche wie das schriftliche Thema haben einen Anfang und ein Ende, werden sozusagen geboren und müssen sterben überleben des öfteren seinen Schöpfer oder seine Schöpferin. Grausam bricht der Dichter mutwillig von seinem begonnenen Thema ab, das ihm sein Genius geschenkt zu erleben und leben zu lassen. Brach Gott unser Weltendichter nach halberschaffenen Schöpfungswerke, uns im Stiche lassend, von dem Thema Seiner Ewigkeitsgeschichte unsterbliche ab? Und du Dichter und Dichterin wagst es fahrlässig deine begonnene Dichtung zu unterbrechen? Auch nur vorübergehend am Mittag des Alltags auf die Ermahnung der Hausfrau hin: »Karl die Bouillon wird kalt –«

Karl die Bouillon wird kalt!

Karl Karl schalt es aus der Stube.

Und es kommt gerannt sein jüngster Bube:

»Mutti lässt dir sagen die Bouillon wird kalt ..«

Karl, Karl, Karl schalt es durch sein Haus am Wald

Durch die Lüfte schalt es Karl Karl und es widerhalt:

Karl Karl die Bouillon wird kalt.

Manchem Karl geschieht gleich dem Huhn, dem man ohne Federlesens den Hals umdreht.

Diese Tagebuchseiten, lieber Leser, wurden mir nicht leicht zu schreiben, aber ich werde sie beenden, gespannt was noch kommt. Ich warne den Dichter gedankenlos vor dem Ende seiner Dichtung abzubrechen, weiss er doch am wenigstens, je lebendiger und selbständiger seine Geschöpfe wie das Thema sich entwickelt – – – ob sie sich kriegen oder nicht.

Auferstehen zu lassen seine Gestalten, fast jedes schöpferischen Menschens Wunsch. Der Grund warum man sich gedruckt lesen möchte, seinen Roman, sein Gedicht, sein Schauspiel auf der Bühne aufgeführt erleben möchte. Nebenbei eine – nette Ausrede.

[17] In der Zeit ich diese Tagebuchseiten niederschreibe, wandele ich in der Phantasie durch Zürichs unvergleichliches Boulevard durch seine wundervolle Bahnhofstrasse; biege in eines seiner lieben Gässchen ein bis ich den See erreicht, die Tramstation: Belle-vue von dort in circa drei Minuten meine altbewährte Klause. Bitte lieber Leser, eine kleine Pause – Ich sehe mich am Fenster dichtend sitzen und will mich überzeugen ob ichs auch wirklich bin?

Ich seh sehr angegriffen aus

Mein zweites ich hockt viel zu viel zu Haus.

Und träumt vom Mond und Sternen.

Ich selber bin ein Wirbelwind

Der nie und nirgends Ruhe find

Vielleicht bei Gott dem Herrn

Bei Ihm werd ich es lernen.

Auch fege ich lieber den Staub der Strassen windschnell auf als bei der zurückgegangenen Nachfrage nach Literatur ferner Bücher zu schreiben. Wehmütig bemerke ich noch heute nach zweijährigem Erscheinen meiner neusten Produktion, mein Hebräerland immer noch dasselbe in der Auslage im Schaufenster liegen. Die Menschen auf dem Einband möchten endlich zu Bette gehn. Die Fensterpromenaden auf der Rämystrasse an meinem berühmten Verlag und bekannten Buchladen Doktor Oprecht und Helbling vorbei hab ich eingestellt denn nur

Kochbücher gehen noch haben Absatz auf den Märkten:

Wär eine Theewurst mein Hebräerland

So ging mein Buch wie heisse Semmel von der Hand

In den Mund.

So aber ist mein Buch ein Buch –

Das sagt für den – Bedarf genug.

Am Abend sollte jeder Mensch sich für die Nachtruh stärken. Was hilft mir nachzusinnen noch im Druck!

Lieber Leser, bitte dir zu merken

Im Restaurant Theaterstrasse Hintere Sternen

Giebt es am Donnerstag Risottoreis.

Auch hört man immer dort ganz Neues

Es gilt der Gäste erster Schluck

Der treuen Wirtin hinterm Stuck.

Vorm Büfet vor der Terrine

Grüßt sie uns mit liebem Guck.

[18] Gesättigt aus »Der Hinterer Sternen« kann ich es doch meistenteils nicht unterlassen die Auslage des Schaufensters meines lieben Verlags auf seinen Buchbestand zu prüfen noch einmal

Es rührt mich jedesmal zu Thränen,

So nebenbei zu erwähnen,

Komm ich vorbei,

Energisch eine Frauenhand,

Frau Doktor Oprechts fleissige Hand,

Mit grosser Freude und Verstand,

Gerad ausstellt mein Hebräerland.

Bei aller Bescheidenheit – mein Buch der Bücher.

So dichtet und spaltet sich lieber Leser, der wahre Dichter und Dichterin beim Dichten in der Zeit er und sie seine Dichtung den vielen weissen Bogen seines Blocks anvertraut. Denn immer entspringt des dichtenden Dichters Dichtung seinem Gemüt, auf Umwegen auch sein Thema in das er seine Dichtung kleidet. Darum pflegen ganz gereifte Dichter, (Verzeih der Leser mir das literarische Wort: Gereift und auch den Ton der Belehrung) ihre Gedichte in schlichter Leinwand zu kleiden im himmlischen Damast. Des Dichters Gemüt ist sein Heimatland und der Dichter erträgt darum auch am standhaftesten seine Emigration. Vom Beet seines Gemüts pflückt er seine Gabe. Leider um sie des Oefteren – vor die Säue zu werfen. Anwesende Leser ausgeschlossen. Und doch beglückt es mich, liege ich ausgestreckt während ich gerade diese Tagebuchzeilen schreibe, in der Erinnerung auf einer der Wiesenschaumkrautwiesen meiner Heimat Jugendzeit eingebettet zwischen süssem Lila. Oder mich ein Ozean bei Händen und Füssen erfasst wie so oft in der Ferienzeit der Schuljahre. Natürlich derartige Gemütsreisen erfüllen sich nur beim Dichten mit einem schäumenden Bleistift. Du sahst ihn zuletzt meiner Hand entfallen, da ich urplötzlich durch das kleine Guckloch besonders tief und behext in mein vernichtetes glitzernes Osterherz schaute in sein zerstörtes Feenreich. Die lagen alle auf dem Blumenboden zerknittert und der papierene gelbe Rosenstrauch gänzlich geknickt – ...... Wie vermag ich ihn wieder zu erheben so bluttief im Gemüte, wenn die – Liebe nicht? So verhält sich das mit dem Abschweifen der Phantasie der Else Lasker-Schüler, liebe Leser. [19] Genau wie ich so in der Gewohnheit habe, ein bischen auf meinem Wege an einem netten Schaufenster stehen zu bleiben, sogar manchmal zu hangen an allerlei lieblichen Dingen, und doch von des Weges Thema nicht abschweife, ans Ziel gelange genau so verhält sich das mit, wir wollen zum leichteren Verständniss sagen, mit den Strassen der Gedanken. Ueberdies:

Trainierte Gedanken

Schleichen auf Löwenpranken.

Manchmal sogar ruhe ich mich auf wichtigen Wegen in einem der vielen schönen Cinemas Zürichs aus selbst an Sommertagen an denen man im Zürchersee die Fische in Natura betrachten kann herumschwimmen in süsser Lust. Aber Fische ohne Musik geht nicht. Die Tiere alle im Zoologischen Garten hier und überall – geht nicht, ohne neuste Platten.

Und einmal sah ich doch mein Kinderland

Elberfeld an der Wupper,

Durch das ich von der Mutter Hand,

Geführet inniglich.

Und unser Haus am Fuss des Walds,

Von seinem Turm erblickte ich

Den Silberrhein bis in die Pfalz.

Nach meiner Heirat verliebte ich mich in Berlin:

Unter seinen Linden sass ich stundenlang.

Selbst Möbelwagen fuhren auf dem Asphalt wie Gesang.

Wo bist du Friedrichstrasse von Berlin?

Und du mein unvergessner Tauentzien?

Die Scheidung meiner Ehe mir begreiflicher als meine Ausbürgerung gewaltsame Scheidung.

Und ohne Allemente

Und kleinster Rente

Trennte sich von mir

Ungetüm, Berlin.

Und all die Freunde und Bekännte.

[21] Von der Liebe abgesehen war Berlin für die Entwickelung meiner Künste von erstklassiger Wichtigkeit. Dort wusste man erbarmungslos wieviel Kunst es geschlagen. In der Liebe bin ich immer zu spät gekommen .... dir vertraulich, lieber Leser.

O wie mir die Scheidung nahe ging.

Von Berlin – viel viel näher wie ich wusste,

Denn ich liebte schon Berlin,

Unter Wilhelm und Auguste,

Rex und seine Kaiserin.

O wie mir das nahe ging,

Ich verlor mein bischen Puste,

Da ich auf das Ganze ging,

Mich verrannte in Berlin!

Und – entfliehen musste.

Lieber Leser, denk nur – im Wehzug nachts.

Paris trägt die mit Rubinen besetzte Uhr um sein Handgelenk charmant. Die englische Uhr der Künste, Kunst zugleich Thermometer zeigt der Themsekünstler Temperatur auf ein Grad an. Nur die römische Uhr in der Stirn des Kunsttempels im Capitol gefällt mir nicht. Der Duze der die alte römische Uhr der Kunst kunstgerecht zu stellen pflegte, sie ist ihm plötzlich stehn geblieben.

Lieber Leser, frage du die Britten bitte,

Ob Halifax und Chamberlain

Oder Jemand etwa aus dem Reich der Mitte

Oder schliesslich wer in Frage käm,

Zu reparieren fähig dieses stehngebliebene Phänomen?

– Mein herzliebster Junge besass eine von ihm sorgsam und liebevoll verwartete Uhrensammlung; flösste täglich den kostbaren Werken neues Leben ein. Wie schön er war! Ein junger Gott. Bei seinem Anblick dachte ich der Worte im Buch Gottes: An einer Stelle heisst es: »Ihr seid Götter.« So zu verstehen: Ihr Menschen habet die Möglichkeit Götter zu werden. Du schüttelst seltsam den Kopf lieber Leser, ob meiner Versündigung auch weisst du von diesem heidnischen [22] Spruch nichts, hast ihn nie gelesen. Aber ich habe ihn eigenäugig selbst sogar einigemale immer wieder geprüft und bin mit mir übereingekommen, dass gemeint, der Mensch immer gottähnlicher werden könnte. Aber leider blieb es bei Seinem Ebenbild und auch nur rare. Der Künstler aber disponiert zu erschaffen schöpferisch wie mein Junge gewesen schon von Kind an, das Ebenbild unseres leuchtenden Gottes fast erreicht, illustrierte vielleicht mit noch andren schöpferischen Menschen das kaum zu übersetzende Vaterwort. Mein Junge war schön, überirdisch schön in seinen letzten Tagen. Seine Uhrensammlung bedeutete jede ihm eine Welt voll Freude aber auch voll Leid, da er sie lassen musste. Das Geschick nach dem Willen Gottes hemmte ihn so Früh im Lauf.

Es beweinten ihn mit mir die Menschen der Riesenstadt Berlin. Die Schweizer dessen Heimat er so sehr liebte, lernten einen Tropfen wenn auch nur in seinen Bildern im Herbste kennen. Da in jedem seiner Bilder ein Stück seiner verflossenen Seele zurückgeblieben. In den weiten weissen Sälen des Künstlerhauses am Hirschengraben standen ein paar hundert Zeichnungen spiegelklar meines Sohnes zum Beschauen ausgestellt.

Dass Anerkennung so zu beglücken fähig erfuhr ich während des Lesens der lobenden Kritiken übermässig selbsteigen. Die Trauer die ihn erschütterte jedesmal bei der Begegnung mit einem Blinden erzittert in den Zeichnungen der Aermsten. Er zeichnete die Blindniss zugleicherzeit das tiefere innerliche Schauen. Aber auch die kleinen armen Waisenkinder ergriffen sein Herz und diese Bilder die er vom Waisenhaus kommend zeichnete weinen. Wie er mit den armen Geschöpfen zu spielen verstand hatten sie unsere Düten mit Süssigkeiten verzehrt, die wir ihnen mitbrachten.

Dass vom selben Zeichner die ausgelassenen Grotesken und die Zeichnungen im Simplicissimus stammen, konnten die Galeriebesucher kaum begreifen. Und in die süssen Mädchenköpfe: Lucie und Berti verliebten sich immer wieder neuerscheinende Besucher.

[22] Seitdem fiel Schnee, Januar ist es vom Weihnachtsbaum meiner schweizer Freunde steht auf meinem Tisch das reizende goldene Pferdchen das sie mir vom Zweig abpflückten. Ich glaube unser, mein und meines Pauls geliebter Freund den eine Granate traf in die blaue Stirne, der blaue Reiter Franz Marc spielt in der Frühe mit ihm. Er liebte ja die Tiere so namentlich alle Pferde und war ihr Messias. Aus dem Krieg schrieb er mir unter anderm: Paul ist zu weit, seine Zeichnungen schon zu fertig er muss wieder zurück. Nach dem grossen Gelehrten und Offenbarer Swedenborg setzt nach dem Tode das Weiterleben nicht aus. Im Gegenteil der zum höheren Menschen, zum Engel sich enthäutete Mensch erlebt das Leben, nach Swedenborgs Lehre in aller Glorie. Mein Junge sprach oft vom vertieften Licht des Blinden aber auch von Kindern mit erlösten gesichteten Augen und müde lächeln wie Greise, wie die kleinen Waisenkinder auf vielen seiner Bilder. Er liebte besonders das blaue Auge, die blauen Sterne seines von ihm geliebten Mägdeleins in ihnen finde er eine verzauberte Heimat, ein Himmelreich auf Erden schon.

Wir Verscheuchten verloren beides: im Labyrinth des Banns.

Es ist der Tag im Nebel eingehüllt,

Entseelt begegnen alle Welten sich,

Kaum hingezeichnet wie auf einem Schattenbild.

Wie lange war kein Herz zu meinem mild

Die Welt erkaltete, der Mensch verblich

Komm bete mit mir, denn Gott tröstet mich.

Wo weilt der Odem, der aus meinem Herzen wich?

Ich streife heimatlos zusammen mit dem Wild,

Durch bleiche Zeiten träumend, ja ich liebte dich.

Wo soll ich hin wenn wild der Nordsturm brüllt?

Die scheuen Tiere in der Landschaft wagen sich

Und ich vor deine Tür, ein Bündel Wegerich.

Die Lippe deine, die der meinen glich,

Ist wie ein giftiger Pfeil

– Auf mich gezielt.

[23] Bald haben Thränen alle Himmel weggespühlt,

An deren Kelchen Dichter ihren Durst gestillt,

Auch du und ich .......

Der schönen jungen Direktorin Rose Schindler und auch deine Hände lieber Leser, der ich dich bat, mit mir in das aparte Haus der weiten Ausstellungsräume einzutreten, liegen andächtig gefaltet kaum atmend im Schoos, erinnern mich an grosse feine Falter. Stärker empfindet Ihr mit uns und mit mir.

Glaubt die Welt erst wieder an die Liebe, die unsichtbar nicht von dieser Welt, wird sie der Mensch wieder erhaschen wollen. Drei Worte sind es die Flügel säen, vom Liebenden zur Liebenden gesprochen, drei Zauberworte die des Menschen Seele anzünden in Tausendlichterglanz. Sag du sie lieber Leser, sie wollen nicht mehr über meine Lippen, seitdem ich einging an der Lauheit seines Herzens.

Gegenwärtig schmücken prachtvolle Gemälde die Wände der Galerie des internationalen Künstlerhauses am Hirschengraben, die Bilder des schweizer Malers Hanseggers des Halbitalieners von Mutter her. Wer Venezia nie gesehen, der glaubt sich auf dem Canal mit den Fahrenden in der Gondel so suggeriert des Bildes lebendige Farbe. Aber so geht es dem Beschauenden auch auf Hanseggers Seine, französischem Stadtbildniss man steigt in den erleuchteten von Lampion umrahmten Vergnügungsdampfer zu den üblichen Gästen. Wer Paris nie vorher gesehen, der lernt die vornehme Stadt Bonapartes auf des genialen Halbschweizers hervorragenden Schöpfungen behangen mit Traum und Abenteuer, aber auch in ihrer nackten Realität kennen. Die geadelten Strassen der grossen Napoleonstadt und ihre Boulevards. Aber auch die verwitterten vermoderten Höfe Montmartres – Die Liebe des Malers zur Malerei umschmeichelt himmelnd die kriminelsten Viertel von Paris.

Nicht weniger machten Furore Hanseggers wundervolle schweizer Landschaften viele entströmen herben Herbstgeruch. Das Auge erholt sich im glücklichen grünen Schauen. Aber immer wieder verweile ich vor Maler Hanseggers bewunderungswürdigen Menschenportraits [24] dort im Filigranrahmen seine schöne Freundin: Mademoiselle Rose hinter silbernen und bronzefarbenen Blättern und grossen lilaaufgetanen Blumen. Das Schöne Märchenfräulein mit den Schneewittchenaugen und den Haaren wie Ebenholz und der Haut wie Schnee.

In den Sälen Paris: Sturmdependant stehen mit den hiesigen zu gleicher Zeit einige Gemälde Hanseggers ausgestellt: Porte de Versaille und ein zweites drittes und viertes Bild. Die hohen schweizer Alpenlandschaften im französischen Salon machen der Schweiz Ehre. – – – – – – – Mein erster Weg am Morgen führt mich über eine kleine Brücke zur Fraumünsterpost. Leider warten nur ganz belanglose Postsachen auf mich. Aber auch wie durch ein Wunder ab und zu: Münz – wie der Schweizer das Kleingeld zu bezeichnen pflegt. Wir Künstler sind nicht mehr so – das heisst nun sind wir entgültig nicht mehr in der Lage das Geld zu verwerfen. Gern nehmen wir uns ihm an, aber es gross zu füttern, verstehen wir noch immer nicht und in Mengen. Wir verscheuchten Vögel können uns nicht beklagen über die Freigebigkeit der schweizer Städte und werden es ihnen einmal vergelten nicht nur mit heitere Laune und Gesang.

Als ich neulich das imposante zürcher Postgebäude verliess, die breiten Steinstufen im Begriff herabzusteigen, bemerkte ich mitten auf dem befahrenden Damm ein kleines etwa dreijähriges Mädchen sitzen wie allein auf der Welt. Schleunigst brachte ich das Kindlein in Sicherheit, bevor es die Brutalität der Autoräder erleide. Wir gehen Hand in Hand sein winziges Händchen, ein helles Elfenbeinröschen, birgt sich in meine Grosse Hand, ich immer auf der Hut es nicht zu beschädigen. »Wo wohnst Du, Kleine«, frage ich meinen Findling. »Daheime.« Und immer wieder auf meine Frage: »Daheime ...« Und immer wieder auf meine Frage die gleiche Antwort: Daheime ... Mein niedlicher Schützling sieht ein reizendes Taubenfederchen am Rand des Trottoirs liegen beugt sich und hebt es saumseelig so im Weiterspazieren auf. Wir wandern am Fluss entlang, [25] am Limmatquay, sehen die Schwäne gerade die langen Hälse ins Wasser stecken und lachen ganz laut immerzu. Ich bitte eine Frau, die vom Markt kommt, die Kleine zu fragen wo sie wohnt. Schon entledigt sich die freundliche Schweizerin ihres grossen schweren Korbs mit Gemüsen und Obst und allerlei Essbaren gefüllt, und plaziert ihn auf einen der Bänke. Macht kurzen Prozess, hebt das Mädchen zu sich auf den Schoos und fragt: »Wo wohntscht, Magdeli? Antwort gschwind wo wohntscht?« Aber das Mägdeli rutscht gemächlich vom Schoos der energischen Schweizerin lachend wie vom Wiesenhang herunter; holt sich bevor es wieder meine Hand erfasst, ein kleines grünes Stengelchen, das es am Fuss des dicken Kastanienbaums gewahrt und versucht mit seinen blauen Glöckchen zu läuten. Legt es etwas enttäuscht das kleine Glockenblümchen zu dem grauen Taubenfederchen und sucht noch ein leuchtendes Blättchen dazu. Fürwahr ich sah nie ein lieberes Bouquetchen. Es kommt eine zweite Frau gegangen, die weiss Bescheid und sagt: »Das Mägdeli ist unten des Bootsmann und seiner Frau kleines Entchen; stets läufts davon. Aber es weiss allein Daheime zu finden; galt Mägdeli?«

Aber wo bleiben wir Kinder Israel, die wir unser Daheime, verloren und nicht mehr daheime können?

In den Weltkrieg zogen unsere Väter und Brüder viele Freiwillig, viele kaum 17jährig mit den Menschen unserer Adoptivländer dessen Menschen unsere Brüder und Schwestern Freunde und Freundinnen wurden. Träumten wir? Träumte die Schaar der Kinder Israel? Und sollte unser Vertrauen so hart belohnt werden? Vermutete doch kein Jude noch ein einziges schwarzes Korn im Herzen des christlichen Nebenmenschen oder dass es wieder aufgehen könnte wuchern vom Pfad zu Pfad von Gasse zur Gasse von Strasse zur Strasse und uns erwürgen. Es geben Juden die mit Eurer Sünde Mitleid haben noch da Ihr, die Ihr uns vertrieben geächtet, geschlachtet in den Tod getrieben, gewusst was Ihr tut, und Eure Untaten noch bekränzt und dekoriert und auf die Märkte zieht und Euch brüstet mit den Sünden an ein kleines unschuldiges Volk an uns Kinder Israels, die wir uns befleissigten Euch die Ihr uns aussetztet, ein treuer Mitbürger und treue Mitbürgerin zu sein. Was haben wir Euch getan, dass Ihr so gewaltige [26 → 28] Sünde begeht! Mir sagte während des furchtbaren Krieges ein hoher Offizier: Die jüdischen Soldaten zählen zu den Tapfersten sie immer wieder zu dekorieren hat mir Freude gemacht. Da wir kleinsten Kinder, die ältesten und nur eine Schaar im Vergleich zu den Völkern des Erdreichs Kinder mit denen noch Gott spielte in Seiner Jugendewigkeit und in der Spielgefährtenschaft besonders lieb gewann, trotz ihrer menschlichen Fehler die jedes Volk behaftet, indem Ihr uns vertreibt, vertreibt Ihr uns in Gottes Arme. Zerstörte je ein Weinbergbesitzer seinen Weinberg einiger angefressener Trauben wegen? Welche Fehler können Sie uns zeihen verehrtes Heimatland am Rhein an der Spree, an der Isar an dem Neckar, die Sie nicht selbst besitzen ja züchten blutig zu schmücken – das Tor der Hölle! Es geben hier Hunde die die Hände weinender Emigranten auf dem Wege mitleidsvoll belecken. Sie haben Herzen aus Fleisch und Blut und Güte, was soll Gott einmal mit Herzen mit hartgeschlagenen den Bomben in der Menschen Brust. Der Herr ist Thora die Gesetze des Herrn die Thora ist ein Kind der Priester trägt am heiligen Tage das Heilige Urkind im weissen Kleide oder Sammt umhüllt ein Schellenband um den Hals liebevoll und andächtig um unseren Altar unseres Gotteshauses das zerstört von Frevlers Hand. Gott kam zur Erde wie einst in Jerusalem als der erste Tempel ermordet der heilige Stern in seiner Stirn verblutet und Gott weinte mit uns den Kindern Israels.

Tausend Jahre zählt der Tempel schon in Prag

Staubfällig und ergraut ist längst sein Ruhetag

Und die alten Väter schlossen seine Gitter.

Ihre Söhne ziehen nun in die Schlacht.

Der schon greise Synagogenstern erwacht

Und er segnet seine jungen Judenritter.

Wie ein Glücksstern über Böhmens Judenstadt,

Ganz aus Davidgold – wie der Himmel Sterne hat –

Hinter seinem Glanze beten wieder Mütter.

Anmerkung

[*] Typoskript im Nachlass Else Lasker-Schülers: The National Library of Israel (Arc. Ms. Var. 501 [Else Lasker-Schüler Archive], File 2:28). 25 Blätter, jeweils 1 S. beschrieben. Das Typoskript ist fragmentarisch, der Schluß fehlt. Dieser wurde nach S. 28 (handschriftlich durch Überschreiben geändert aus S. 26) des Typoskripts der Tagebuchzeilen aus Zürich ergänzt. Die Tagebuchblätter aus Zürich bilden die erste Fassung des später Tagebuchzeilen aus Zürich betitelten Prosatextes.