[132] Else Lasker-Schüler an Emil Raas
Zürich, Samstag, 31. Oktober 1936 (2)
Aktualisiert: 6. Januar 2026
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31. Okt. 36
5 Uhr gerade schnell
An Renée Grüße.
Lieber Mill
Falls mein Brief nicht pünktlich in Ihre Hände kam. Ich warf ihn früh ein, oder Sie doch telephonieren. Ich sage extra, da die Leute am Bufet alles hören können durch II. Telephon. Ich hätte Monate fort gemußt, aber Schelm Doktor Oprecht nahms in die Hand – da war er und Frau Dr. Farbstein zuerst mit mir meinen Pass holen Polizei, der dort immer behalten wird bis Abreise. Er hat es doch, bitte Niemandem sagen, auch nur nicht Dr. Gafner, fertig gebracht durch eine List – und wirklich ich brauch nur [2] 8 Tage mit Reise fort. Ich werde nach Mailand reisen so lange; damit hier neu wieder mein Aufenthalt gezählt wird. Darum ists den Leuten ja. Ich schreib dann von Mailand, lieber Mill, wollen Sie mir sofort mein Schauspiel (nicht den kleinen Roman: Rotes Buch: Arthur Aronymus und seine Väter sofort senden. Ich wills mitnehmen, denn Duce will lesen für sein Theater übersetzen lassen. Wenn doch Frau Greiner, die gleich kommt die Tage mitführe. Denken Sie ich bin ein schwacher Soldat geworden, ich hab am Abend Trauer aber auch leicht Angst. [3] Sagen Sie es Niemandem. Schande für mich. Aber ich habe Angst in der Welt bekommen und den vielen groben Menschen. Ich werde in einem schweizer Hospiz wohnen vielleicht. Und ich glaube eine Dame Italienerin Professor und Signore wohnen dort. Ich muß nachsehen. Nach Jerusalem gehen Berliner mit – sicher. Aber da bin gern allein dorthin auf dem Schiff.
Im Theater vorgestern war es schön, die Schauspieler nickten mir oft heimlich zu. beim Spiel Peer Gynt. Ich bin gespannt auf mein Buch und Schauspiel. [4] Es giebt mir Jemand hier Silvain Guggenheim die Reise und Aufenthalt. Oller Bettler bin ich. Wieder unter uns Dr. David ist so dumm und ideeenlos. Ich könnt ihm am Gericht vorsagen.
Ich bin so aufgeregt – zittere wie Espenlaub, Zittergras und Farren
Säß ich doch schon im Karren.
Nach Mailand über den Tessin.
Dorthin dorthin will ich mit meiner Tasche ziehn.
Daß ich so nüchtern wurde –
Anmerkungen
Quelle: The National Library of Israel, Jerusalem, Emil Raas Collection (Arc. 4* 1821 01 31). Druck: Else Lasker-Schüler, Werke und Briefe. Kritische Ausgabe. Im Auftrag des Franz Rosenzweig-Zentrums der Hebräischen Universität Jerusalem, der Bergischen Universität Wuppertal und des Deutschen Literaturarchivs Marbach am Neckar hg. von Andreas B. Kilcher [ab Bd. 9], Norbert Oellers, Heinz Rölleke und Itta Shedletzky. Bd. 9: Briefe. 1933–1936, bearbeitet von Karl Jürgen Skrodzki, Frankfurt am Main: Jüdischer Verlag im Suhrkamp Verlag, 2008, S. 414 f.
Renée • Schwester von Emil Raas. – mein Brief • Siehe [Brief 131]. – mein Schauspiel • Das Schauspiel »Arthur Aronymus und seine Väter«, das am 19. Dezember 1936 im Schauspielhaus Zürich uraufgeführt wurde. – Arthur Aronymus und seine Väter • Die Erzählung »Arthur Aronymus. Die Geschichte meines Vaters« (1932). – Duce • Benito Mussolini. – eine Dame • Rosa Giolli. Siehe [Brief 137]. – Peer Gynt • Drama von Henrik Ibsen. »Peer Gynt« wurde seit dem 23. April 1936 vom Schauspielhaus Zürich gespielt. Leopold Lindtberg hatte das Stück zur Feier des zehnjährigen Bestehens des Schauspielhauses unter der Direktion Ferdinand Rieser inszeniert. • mein Buch • »Das Hebräerland«. Vgl. zu [Brief 48] (»viel dichtete auch über Jerusalem«). – Dr. David • Siehe [Brief 128].