[216] Else Lasker-Schüler an Emil Raas
Zürich, Donnerstag, 6. Oktober 1938
Aktualisiert: 23. März 2026
* * *
[1] [2] [3] [4] [5]
6. Okt. 38
Lieber Mill.
Ich hatte so viel zu tun. Zuerst eine fürchterliche Grippe zu verjagen und dann kamen fortwährend Wiener, die ich kenne – besondere Menschen. Und große Freude machen sie mir. Bekümmern sich was. Ich werde nach Gerusalemme fliegen. Bezahlen die alle, da ich ihnen von der Notwendigkeit sprach. [2] Sie glauben mir. Man soll, wenigstens ich – muß tun, was ich tief fühle. Mich bestärkt David und Jonathan. Ich wäre schon fort, aber der Sohn meiner treuen Frieda muß erst da sein, sie wäre fassungslos und ich, wie Sie sehen, habe doch noch eine sentimentale ausgerupfte Stelle im Flügel. Ich bin sonst voll Errötung vom vielen Allmosennehmen, die ich doch verlangen könnte. Denken Sie, ich bin seit Tagen ausgebürgert in Deutschland. Warum? Weiß niemand. Aber schon gehandelt. Aber ich will ja gar keinen Vorzug. Nun ist in London, der erregten Zeiten wegen, vielleicht auch der Eier wegen, [3] des kriegerischen Friedens wegen, noch kein Bild verkauft. 18 Bilder 2000 Frc. (lasse ich.) Kunsthändler einverstanden, aber es dauert. Aber nun machen es die Wiener 2 Freunde hier und London. Heute 5 Uhr Aussprache, wie wirs unternehmen. Auch sollen meine 21. Bücher wieder gedruckt werden in gesammelten 3 Bänden. Und Theaterstück gesandt nach New-Jork an bekannten Direktor. Vielleicht glückt was und das Allmosen hört auf. Die Wiener, entzückende Leute hier, auch Anwälte.
Vorgestern besuchte mich frühere Ministerfrau, stand vor meiner Tür mit Sohn und dessen Freund – aus Treue zu mir. So hat sie die Ausbürgerei entsetzt. Wir waren immer treue Freunde. Ihr [4] Mann war der ehemalige Wirtschaftsminister. Bitte unter uns, ich könnte schaden. Sie reiste sofort am Abend wieder ab nach Deutschland.
Benesch: wirklich ein Gentleman.
90 Prozent sind gegen H. dort. trotzdem! – Die neue Bestimmung hier des Einlasses jüd. Emigranten, – ist das antisem. hier? Oder warum? Bitte (unter uns Antwort) Ich lese immerzu. Lieber Zeitung als Weckly mit Mohn.
Ist Ihr Buch heraus?
Theater wird herrlich gespielt.
[5] Ich grüße Sie viele Male, Ihr Prinz Jussuf
[Frauenkopf im Profil mit Fes, rauchend]
Im St. Gotthard Hôtel überfiel mich beim Essen einer Bouillon mit Ei, ein nett aussehende Blondine. Aber etwas zu dringlich. Ich erschrak. Kannte sie nicht. Ob ich nicht E LSch sei? »Nein« sagte ich. aber Prinzessin Feiruk Mohamed die Frau des Königs Feiruk. Ich ließ Sie grüßen, Ich kenn sie nicht.
[1] Sie sehen ich bin wieder die »berühmte« E LSch. (Ich hatte mich wieder einmal spielend schwärmerisch auf die Wiese begeben. Aber ich sah ein: Es geht nicht!! Man bleibe, was man ist: Malik unnahbar.
Darf ich noch was sagen ohne zu beleidigen?? Schweine!!
Anmerkungen
Quelle: The National Library of Israel, Jerusalem, Emil Raas Collection (Arc. 4* 1821 01 51). Druck: Else Lasker-Schüler, Werke und Briefe. Kritische Ausgabe. Im Auftrag des Franz Rosenzweig-Zentrums der Hebräischen Universität Jerusalem, der Bergischen Universität Wuppertal und des Deutschen Literaturarchivs Marbach am Neckar hg. von Andreas B. Kilcher [ab Bd. 9], Norbert Oellers, Heinz Rölleke und Itta Shedletzky. Bd. 10: Briefe. 1937–1940, bearbeitet von Karl Jürgen Skrodzki und Andreas B. Kilcher, Frankfurt am Main: Jüdischer Verlag im Suhrkamp Verlag, 2009, S. 168 f.
David und Jonathan • Siehe die beiden »David und Jonathan« betitelten Gedichte: »In der Bibel stehn wir geschrieben ...« und »O Jonathan, ich blasse hin in deinem Schoß ...«, sowie »Das Bogenlied«. Vgl. Else Lasker-Schüler, Werke und Briefe [...]. Bd. 1.1: Gedichte, bearbeitet von Karl Jürgen Skrodzki unter Mitarbeit von Norbert Oellers, Frankfurt am Main: Jüdischer Verlag im Suhrkamp Verlag, 1996, S. 120 f., 204 f. und 342 f. – der Sohn meiner treuen Frieda • Günther Caro, der jüngere Sohn Elfriede Caros. – ausgebürgert in Deutschland • Die Ausbürgerung Else Lasker-Schülers war am 26. September 1938 im »Deutschen Reichsanzeiger und Preußischen Staatsanzeiger« (Berlin) (Nr. 224, S. 1) angezeigt worden. Über die Ausbürgerung hatten die »Neue Zürcher Zeitung« am 30. September 1938 (Jg. 159, Nr. 1720 [Abendausgabe], Blatt 5) und die »Pariser Tageszeitung« am 4. Oktober 1938 (Jg. 3, Nr. 806, S. 2 [»Kurznachrichten«]) berichtet. • der Eier wegen • Vgl. zu [Brief 167] (»der – Hühner wegen«). – 18 Bilder • Wohl auf die geplante Ausstellung in London zu beziehen. Vgl. zu [Brief 224] (»Ich bin in London [...] Ausstellungshallen.«). – Wiener 2 Freunde hier und London • Roland Stern und Paul Goldscheider. – meine 21. Bücher • Else Lasker-Schüler hatte bis zu ihrer Emigration 1933 insgesamt achtzehn Bücher – Erstausgaben ohne Neuauflagen – veröffentlicht: »Styx« (1902), »Der siebente Tag« (1905), »Das Peter Hille-Buch« (1906), »Die Nächte Tino von Bagdads« (1907), »Die Wupper« (1909), »Meine Wunder« (1911), »Mein Herz« (1912), »Hebräische Balladen« (1913), »Gesichte« (1913), »Der Prinz von Theben« (1914), »Die gesammelten Gedichte« (1917), »Der Malik« (1919), »Der Wunderrabbiner von Barcelona« (1921), »Theben« (1923), »Ich räume auf!« (1925), »Konzert« (1932), »Arthur Aronymus. Die Geschichte meines Vaters« (1932) und »Arthur Aronymus und seine Väter« (1932). Bei ihrer Zählung (»21. Bücher«) dürfte sie darüber hinaus noch die beiden Bücher »Gesichte« und »Essays«, die 1920 innerhalb der »Gesamtausgabe in zehn Bänden« erschienen und im Umfang gegenüber der Ausgabe der »Gesichte« von 1914 deutlich vermehrt waren, sowie die von ihr herausgegebenen »Briefe Peter Hilles an Else Lasker-Schüler« (1921) berücksichtigen. – Im Brief an Ines Asher vom 19. Mai 1938 (Else Lasker-Schüler, Werke und Briefe [...]. Bd. 10 [...], S. 145) bezeichnet sie »Das Hebräerland« als ihr »21.« Buch; an Yitzhak Shenhar schreibt sie am 2. August 1939 (Else Lasker-Schüler, Werke und Briefe [...]. Bd. 10 [...], S. 239), sie habe »22 Bücher« veröffentlicht. – Theaterstück gesandt nach New-Jork • Vgl. zu [Brief 195] (»in New-Jorker Zeitungen«). – frühere Ministerfrau • Luise Schacht. – Benesch • Eduard Benesch war nach dem Abschluss des Münchener Abkommens vom 29. September 1938 als Staatspräsident der Tschechoslowakei zurückgetreten. Der unter Beteiligung Deutschlands, Frankreichs, Großbritanniens und Italiens abgeschlossene Viermächtevertrag zwang die Tschechoslowakei zur Abtretung des Sudetenlandes. – H. • Hitler. – neue Bestimmung [...] Emigranten • Am 5. Oktober 1938 hatte das »Volksrecht« (Zürich) (Jg. 41, Nr. 234 [Mittwoch-Ausgabe]) auf der Titelseite mit der Überschrift »Die gehetzten Emigranten« berichtet: »Um der Fremdenpolizei die Kontrolle über die Einreise von deutschen und österreichischen Emigranten in die Schweiz und die Durchreise durch die Schweiz vor dem Eintreffen an der Grenze zu ermöglichen, hat der Bundesrat in seiner gestrigen Sitzung folgenden Beschluß gefaßt: | Deutschen Reichsangehörigen mit deutschem Paß, die nach den deutschen Gesetzen nicht arisch sind, wird der Grenzübertritt über irgendeine Passierstelle der schweizerischen Grenze nur noch gestattet, wenn ihr Paß mit dem Eintrag einer durch ein schweizerisches Konsulat erteilten Zusicherung der Bewilligung zum Aufenthalt in der Schweiz oder zur Durchreise durch die Schweiz versehen ist. Der Visumszwang für die Inhaber österreichischer Pässe bleibt nach wie vor bestehen. | Angesichts der großen Zahl von Emigranten, die sich schon in der Schweiz aufhalten, wird erneut hervorgehoben, daß die Schweiz für sie nur ein Transitland sein kann und daß ihnen während ihres vorübergehenden Aufenthaltes in der Schweiz jede Erwerbstätigkeit untersagt ist. Auch der Erwerb von Liegenschaften oder die Beteiligung an schweizerischen Geschäften usw. geben keinen Anspruch auf Aufenthalt. Der neue Bundesratsbeschluß wird strikte durchgeführt; er gilt nicht nur für den Grenzübertritt aus Deutschland, sondern auch aus Italien und Frankreich.« – Ihr Buch • Emil Raas und Georges Brunschvig, Vernichtung einer Fälschung. Der Prozeß um die erfundenen »Weisen von Zion«, Zürich: Verlag »Die Gestaltung«, 1938. – herrlich gespielt • Auf dem Spielplan des Zürcher Schauspielhauses standen unter anderem Molières Komödie »Die Schule der Frauen« und von Cäsar von Arx »Der kleine Sündenfall«. – Im St. Gotthard Hôtel • Siehe [Brief 217]. – Malik • Malik (arab.): König.