[214] Else Lasker-Schüler an Emil Raas
Zürich, kurz (?) nach dem 3. September 1938
Aktualisiert: 21. März 2026
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[Briefkopf des Hotels Seehof-Bollerei]
nicht hierhin je adressieren, da unsicher.
Ich danke Ihnen, lieber Mill, für den lieben Anruf und die guten Worte. Wir haben beide äußerlich ganz gewiß – verschiedenes Leben durchgemacht und darum ist oft kein Verständniß. So immer hin und her in der Welt mußte ich, auch wie noch kein 1000-jährig Reich entstand. Und wenn ich ausruhen will, geh ich im Gemüte nach Hause [2] am Fuß des Waldes in unser Haus das für die Einwohner sehr mystisch gewesen, wie eine Sage schon bei Lebzeiten. Nun ist unser Turm ein Greis, eingesunken. Warum hatten Sie so traurige Stimme? Natürlich verbinde ich es nicht etwa mit mir. Die Welt staubfällig und doch noch am Verbluten. Unser Emigrantenloos unsäglich, aber das Weh der Beobachteten im Lande noch schlimmer. Bei der Thora werde ich morgen Rabb. [Davidstern] Dr. Taubes bei Wort nehmen, daß er meiner Freundin in Gerusalemme [3] Sohn hilft nach Palästina zu kommen. Der Junge verhungert in Wien etc. Ich kann ihm nichts senden. Man zog mir sogar wieder 25 Frc. einfach ab. Aber Dr Job Radio läßt wieder lesen von mir. Man schämt sich direkt zu sein. Ich habe in Paris deutsche Zeitung Essay gehabt und nun kommen 12 Gedichte. Ich geb mir so Mühe. Denken Sie hatte Tage meine Schuhe verloren, [4] heute gefunden. Ich hab aufgeatmet. Ich hab Ihnen inl. Bild gemalt, Sie und Ihr kleiner brüderl. Freund Herbert asiat. gezeichnet. Ich kann nicht anders. Ich empfinde so Worte wie »wenn ich darf anklingeln« für fremd. Und das kommt davon, ich bin ja immer allen so fremd. Nur Stenzel nicht und paar. Ich kann nicht aus meinem Schacht. Ich grüße Sie viele Male. Hatte so viel durchzumachen. Im Selekt schwere polit. Sache. Bitte unter uns!!! Eine Bedienerin, die ich so oft beschenkte, die mich fast ins Verderben brachte, wenn ich ruhig gewesen. Und noch so viel! Alles Schöne! Jussuf
Anmerkungen
Briefbogen des Hotels Seehof-Bollerei.
Quelle: The National Library of Israel, Jerusalem, Emil Raas Collection (Arc. 4* 1821 01 51). Druck: Else Lasker-Schüler, Werke und Briefe. Kritische Ausgabe. Im Auftrag des Franz Rosenzweig-Zentrums der Hebräischen Universität Jerusalem, der Bergischen Universität Wuppertal und des Deutschen Literaturarchivs Marbach am Neckar hg. von Andreas B. Kilcher [ab Bd. 9], Norbert Oellers, Heinz Rölleke und Itta Shedletzky. Bd. 10: Briefe. 1937–1940, bearbeitet von Karl Jürgen Skrodzki und Andreas B. Kilcher, Frankfurt am Main: Jüdischer Verlag im Suhrkamp Verlag, 2009, S. 164.
Der Essay »Mopp, ein ›musikalischer‹ Maler« war am 3. September 1938 in der »Pariser Tageszeitung« (Jg. 3, Nr. 780, S. 4) erschienen. – am Fuß des Waldes • Darüber berichtet Else Lasker-Schüler in den Erzählungen »Elberfeld im Wuppertal« (»Kindheit im Wuppertal«), »Der Versöhnungstag« (S. 267) und »Der letzte Schultag« (S. 197) (»Nur für Kinder über fünf Jahre«). Vgl. Else Lasker-Schüler, Werke und Briefe [...]. Bd. 4.1: Prosa. 1921–1945. Nachgelassene Schriften, bearbeitet von Karl Jürgen Skrodzki und Itta Shedletzky, Frankfurt am Main: Jüdischer Verlag im Suhrkamp Verlag, 2001, S. 95, 100 und 148. – unser Turm • Siehe Else Lasker-Schülers Schrift »Ich räume auf!« (S. 12) und die beiden Erzählungen »Unser Gärtchen« (S. 19) und »Der letzte Schultag« (S. 198) (»Nur für Kinder über fünf Jahre«). Vgl. Else Lasker-Schüler, Werke und Briefe [...]. Bd. 4.1 [...], S. 57 f., 90 und 148. – meiner Freundin in Gerusalemme Sohn • Günther Caro, Elfriede Caros jüngerer Sohn. – läßt wieder lesen von mir • In den Jahren 1934–1936 hatten vier Rundfunklesungen mit Texten Else Lasker-Schülers bei der Radiogenossenschaft Zürich stattgefunden: am 7. Februar 1934, am 5. November 1934, am 10. Mai 1935 und am 10. September 1936. Zu weiteren Sendungen kam es nicht. – in Paris deutsche Zeitung Essay • »Mopp, ein ›musikalischer‹ Maler«. Vgl. Else Lasker-Schüler, Werke und Briefe [...]. Bd. 4.1 [...], S. 302–304. – nun kommen 12 Gedichte • In »Der deutsche Schriftsteller« (Paris) (Sonderheft zum Jubiläum des SDS [Schutzverbandes Deutscher Schriftsteller] vom November 1938, S. 17) erschienen von Else Lasker-Schüler die Gedichte »Herbst«, »Ich weiss«, »Mein blaues Klavier«, »Die Verscheuchte« und »Ergraut kommt seine kleine Welt zurück«. Vgl. Else Lasker-Schüler, Werke und Briefe [...]. Bd. 1.1: Gedichte, bearbeitet von Karl Jürgen Skrodzki unter Mitarbeit von Norbert Oellers, Frankfurt am Main: Jüdischer Verlag im Suhrkamp Verlag, 1996, S. 271 f., 266, 267, 262 und 263 f. – Herbert • Vetter von Emil Raas. – Selekt • Vgl. zu [Brief 125] (»Künstlercafé: Nordsüd«).