[241] Else Lasker-Schüler an Emil Raas
Zürich, Mittwoch, 8. März 1939
Aktualisiert: 21. April 2026
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8. März 39
Lieber Mill.
Ich danke Ihnen für Ihre Worte. Gern käm ich Freitag, einmal einen Tag wenigstens ein anderes Bild: Stadt zu sehen, zu durchstreifen. Aber das Elend draußen in den anderen Ländern erschüttert, empört mein [Herz] [2] Ich bin früh ohne auch nur Tasse Thee fort gegangen, eben 7 Uhr wieder hier. Gelingt die Sache, die ich heute (unter uns nach Berlin schrieb, so sind 5 Menschen frei. 90 gegen 10, vielleicht mir gelungen. Ich bin so gehetzt. Nun habe ich noch nicht ganz die neue Arbeit wirklich Arbeit abgeschrieben, auch so angestrengt noch. [3] Bitte fragt, ob ich Montag kommen kann? Sehr gut ich bin abends bei Löbs, zeige Bilder. Vielleicht, hoffe, er kauft noch eins. Und hier schreibe ich morgen einen Direktor, der mir so gewogen war, aber seine Frau beleidigte mich stets. Bekomme ich freie Fahrt in Marseille, so hab ich bei mir noch, abgerechnet Reise III. dorthin 250 Frank und kommt noch Löb dazu 350 und Direktor 450 da kann ich leben in Jerusalem, [4] ohne zu betteln und kommen Vorträge dazu wenn jetzt möglich. Jedenfalls, ich ginge auch ohne Ctm und bleibe David und Jonathan treu und dem Gesicht, dem Wort was ich im Gesicht gab. Ich bekam heute enormen Brief von Haifa. Kann nur zeigen. Ich kann mir nicht untreu werden, meiner Indianergesinnung.
Ich bin hingegeben meinem Wort auf Leben und Tod
Wollen Sie Herrn Löb fragen, ihm erklären?
Ihr Jussuf.
Habe alles! auch Caution
Anmerkungen
Quelle: The National Library of Israel, Jerusalem, Emil Raas Collection (Arc. 4* 1821 01 56). Druck: Else Lasker-Schüler, Werke und Briefe. Kritische Ausgabe. Im Auftrag des Franz Rosenzweig-Zentrums der Hebräischen Universität Jerusalem, der Bergischen Universität Wuppertal und des Deutschen Literaturarchivs Marbach am Neckar hg. von Andreas B. Kilcher [ab Bd. 9], Norbert Oellers, Heinz Rölleke und Itta Shedletzky. Bd. 10: Briefe. 1937–1940, bearbeitet von Karl Jürgen Skrodzki und Andreas B. Kilcher, Frankfurt am Main: Jüdischer Verlag im Suhrkamp Verlag, 2009, S. 211.
5 Menschen • Vgl. zu [Brief 227] (»5 Menschen hilflos in Berlin«). – die neue Arbeit • Vgl. zu [Brief 232] (»eine grosse Arbeit«). – III. • Dritter Klasse. – David und Jonathan Vgl. zu [Brief 216] (»David und Jonathan«). – enormen Brief von Haifa • Am 2. März 1939 hatte Awraham Werber aus Haifa an Else Lasker-Schüler geschrieben (The National Library of Israel, Jerusalem, Else Lasker Schüler Archive [Arc. Ms. Var. 501 05 295]): »Beiliegend finden Sie das Schlusswort unserer Organisation; geben Sie, bitte ein Exemplar, Dr. Zucker. | Eine kleine Brochure in Deutsch ist im Druck und wird Ihnen ebenfalls zugehen.« – »Owdei Israel«: von Awraham Werber in Haifa gegründete Organisation, deren Mitglieder sich zu einem »freiwilligen Arbeitsdienst« für den Aufbau Palästinas verpflichteten. Die Einzelheiten hat Werber in seiner Schrift »Der freiwillige Arbeitsdienst in Erez Jisrael als Gebot der Stunde« (»Verlag: Organisation ›Owdei Jisrael‹«) dargelegt. Auf dem Umschlag ist ein »Auszug aus: Ziele und Grundsätze der Organisation ›Owdei Jisrael‹« abgedruckt. Darin beschreibt Werber die Ziele seiner Organisation wie folgt: »Der Aufbau der Wirtschaft und ihrer Produktionsbasen, sowie die Beschaffung der Produktionsmittel muss in besonders rationeller Weise erfolgen. Es muss daher ein Teil der Volkskraft unter Ausschaltung persönlicher Erwerbstendenzen und unter Auflebung echter Haluziut, mobilisiert und für die Errichtung von Werken, welche direkt oder indirekt der Allgemeinheit dienen, eingesetzt werden. Dies muss mit jenem Minimum an Aufwendungen geschehen, welches die Existenz des Volksarbeiters während seiner Tätigkeit für das allgemeine Wohl sichert.« Weiter heißt es: »Die mobilisierte Volkskraft soll eingesetzt werden für im öffentlichen Interesse liegende Arbeiten, die normalerweise auf dem Arbeitsmarkt nicht erscheinen, die also zusätzlicher Natur sind und ohne den Freiwilligen Arbeitsdienst nicht oder mit schädigender Verspätung durchgeführt werden können und die Tätigkeit selbständiger Facharbeiter, Handwerker und Angestellten nicht beeinträchtigen.«