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[247] Else Lasker-Schüler an Emil Raas

Jerusalem, Dienstag und Mittwoch, 29. und 30. August 1939

Aktualisiert: 23. April 2026

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Emil Raas
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29. Aug. 39

Hôtel Vienna Jerusalem

Lieber Mill.

Vielen Dank für lieben Brief. Ich kann nicht verstehen, warum, nachdem ich 6 Jahre in der [2] Schweiz lebte, ich kein Visum bekommen soll? Ob ich denunziert bin? Es werden so viele Leute denunziert. Unsere Wirtin (unter uns) hatte die Frechheit die Töchter von Jakob Wassermann zu denunzieren; sie erzählte es selbst der Julia Wassermann und mir auf der Treppe. Die beiden Mädchen haben sich gerade nicht gut benommen und die Julia falsch und unaufrichtig, aber die Wirtsfrau noch schlimmer. Ich hatte Herrn Bundesrat schon gebeten (nach Bern adressiert, ein Wort für mich einzulegen. [3] ich will ihm noch einmal schreiben an s. direkte Adresse. Ich schreibe auch einem sehr sehr netten Schweizer Dichter: Carl Seelig. Er schreibt für Neue Z. Z. Zürich und Baseler Nationalzeitung; und mir wirklich gut gesinnt. Er wird mit Neue Z. Z. Zürich Dr. Korrodi sprechen. [4] Ich glaube, daß man hier, sind die Herren vom Kongress wieder hier, mit mir Vereinbarung schließt. Ich sprach doch bei Schocken in dem herrlichen Bibliothekhaus mit Riesenerfolg. Herr Schocken hat hier die Zeitung: Har-Arez habe schon eine Arbeit geliefert, schon übersetzt in Hebritt und gedruckt. Der I. Redakteur, Adon Sweet, liebt meine Dichtungen enorm. Versprach mir für Okt. genaue Sache. 5 Beiträge monatlich etwa. 10 Pfund sind 200 Frc. wenn nicht 240 Frc. Ich kann dann leben. Und das muß doch die Behörden beruhigen, wenn ich Ihnen Abschrift oder Original Contrakt sende? [5] Bitte warten Sie noch paar Tage – da ich doch momentan nicht reisen kann der Situation wegen. Käm doch Frieden! Ich schreibe auch morgen an Silvain Guggenheim, Engemattstr. 20. der mir die letzten Jahre so half mit paar Herren. ob es gut ist, Sie schreiben ihm – weiß nicht! Er hat auch die Caution gestellt für Hierher. Ich bin nicht gesünder noch kränker wie in Zürich. [6] am Abend nur traurig wie immer. Ausgerechnet geh ich mit der Dämmerung unter jedesmal. Um 7 Uhr nun schon dunkel. Hier eine andere Welt. Nun zu gefährlich momentan hierher zu kommen. Man weiß nie, ob man wieder heimkommt. Aber doch alles Schicksal. Talpioth, Jerusalem wie in der Bibel noch. Sie wären sprachlos. Asien sehr schwer lange auszuhalten – wie schwerer Wein und ich komm ja immer wieder. Carl Seelig. Mühlebachstr. 17. Zürich. Wenn Sie ihm schreiben, das wäre das beste. Bitte senden Sie ihm Ihre Brochure, die ich so schön finde. Er liebte eine Jüdin – aber ihm nichts davon schreiben. Sie starb. Er liebt Juden. Er ist aus der großen Sportfamilie aus Luzern. Er wird raten können. – Sowie die Situation sich geändert, es sieht stark so aus, als ob Reinecke Fuchs den Kleineren in die Falle lockte.

Es giebt keinen Krieg – bin überzeugt, wir alle! – Nun dank ich Ihnen nochmals [7] für alles. Ich mach Ihnen immer so viel Scherereien. Ich war so schlaff von der Hitze, konnte nicht schreiben. Ist ja auch egale. Alles alles anders hier – ungeheuerliche Mumie ist Jerusalem, Gottes Stadt. Verstorbenes Land, an vielen Stellen aufersteht es.

Mein Buch will Sweet übersetzen lassen ins Hebritt. Um 8 gehen wir alle meist zu Bett, hier Sitte. Bei Tag kann man sich kaum wach halten. Aber nun kühler. Ich war vor paar Tagen: Tel-Aviv. Dort konnte man kaum denken vor Hitze, aber doch unerhört. Das Meer mitten in der Stadt. Ich wohne auch mitten in der Stadt Jerusalem. Immer kommen Könige: Kameele, Dromedare durch den Jaffaroad und Esel mit Arabern und Juden. Ihr dennoch – armer Jussuf.

[8] Heute früh der 30. Aug. 39

Die Banken hier liefern das Geld nicht sofort aus. aber in 14 Tagen. Nun eine Aufregung unter den Sparenden. Die Simcha im Gasthof tut mir direkt leid. Vor 5 Tagen noch eine Gemächlichkeit der Leute hier [9] ich durfte kaum von Gefahr zu den Leuten reden. Seit 7 Jahren warne ich – schon in Ascona. Aber seit gestern: Aufatmen. »Er« kommt noch hierher, sich mit den Juden auszusöhnen –? –

[10] Ich habe Ihnen ja immer gesagt, wie die Menschen sind – lau. Schon vor 2000 Jahren. Ich wollte Jemand oder habe ihn gerettet vor 1 ½ Monaten im Keren, – allerdings er weiß heute noch nicht, daß es so wahr) machte mir Vorwürfe der Störung. Im großen Ganzen besteht der Plan, mich zu sichern. Aber das ist auch das Einzige, das [11] noch etwas Freude schafft in mir. Denn 7 Jahre, letztes Jahr auch in Berlin – bin ich den Bettlern gleich – früher bewegten die sich noch auf grünen Landstraßen, jetzt auf dröhnenden Straßen. – Ich habe aber etwas getan, Ihnen würds Freude machen. Nur der große westf. Rheinische Rabbiner hier: Dr Kurt Wilhelm, man nennt ihn: Pastor Wilhelm – weiß es. Er lobte mich so, ich bekomme Ehrenplatz: Versöhnungstag. Ich bin öfters Gott – böse, aber dann erkenn ich Ihn wieder, da er traurig wie ein Mensch.

Hier Halb-Engländer sind nett zu mir in Talpioth. Ich habe bestellt: Film und sie lassen mein Buch (Theaterbuch) Arthur Aronymus u. s. Väter übersetzen für London

Ich habe Renée und mir echt jerusalemitisch Armbänder gekauft.

[8] Carl Seelig kennt Dr. Korrodi u. Dr. Tobler. und reizenden Dr. Arneth

Anmerkungen

Drei Briefbogen mit Foto, beschriftet: 1) »HAIFA חיפה«. 2) »JERUSALEM. Building of Jewish Agency and National Funds ירושלם, בניני המוסדות הציוניים המרכזים«; Notiz von Else Lasker-Schüler: »dort bin ich oft – 1. Haus: Rehavia.« 3) »Harvest in the Emek קציר בעמק«.

Quelle: The National Library of Israel, Jerusalem, Emil Raas Collection (Arc. 4* 1821 01 58). Druck: Else Lasker-Schüler, Werke und Briefe. Kritische Ausgabe. Im Auftrag des Franz Rosenzweig-Zentrums der Hebräischen Universität Jerusalem, der Bergischen Universität Wuppertal und des Deutschen Literaturarchivs Marbach am Neckar hg. von Andreas B. Kilcher [ab Bd. 9], Norbert Oellers, Heinz Rölleke und Itta Shedletzky. Bd. 10: Briefe. 1937–1940, bearbeitet von Karl Jürgen Skrodzki und Andreas B. Kilcher, Frankfurt am Main: Jüdischer Verlag im Suhrkamp Verlag, 2009, S. 247–249.

für lieben Brief • Emil Raas hatte am 22. August 1939 an Else Lasker-Schüler geschrieben (The National Library of Israel, Jerusalem, Else Lasker-Schüler Archive [Arc. Ms. Var. 501 05 146]): »Liebe Dichterin, | ich bin heute sogleich auf die Fremdenpolizei gegangen. Ich war bei der Fräulein, die ihre Sachen entscheidet. Sie sagte mir, dass Sie schon ein Gesuch gestellt hätten, dieses aber bereits abgewiesen worden sei. Auch die Kantone hätten negativ entschieden.« – Die »Verweigerung der Einreise- und Aufenthaltsbewilligung« war am 23. August von der Eidgenössischen Fremdenpolizei an das Schweizer Konsulat in Tel Aviv geschickt worden (die Ausfertigung für Else Lasker-Schüler im Nachlass von Emil Raas). In dem Bescheid heißt es: »Das Gesuch um Erteilung der Aufenthaltsbewilligung in Zürich ist von der kantonalen Fremdenpolizei Zürich | abgewiesen. | Die Einreise in die Schweiz zu jedem andern Zweck als zur Durchreise innert 24 Stunden vor dem 23. August 1941 ohne ausdrückliche Bewilligung der eidgenössischen Fremdenpolizei in Bern ist untersagt. [...] | Begründung: Aus vorsorglich armenpolizeilichen Gründen. – Ueberfremdung. –« – Herrn Bundesrat • Albert Meyer, der allerdings am 31. Dezember 1938 aus dem Bundesrat ausgeschieden war. – Kongress • Der 21. Zionistenkongress in Genf, der vom 16. bis zum 28. August 1939 dauern sollte. Er wurde angesichts der politischen Lage in Europa (am 1. September begann der Zweite Weltkrieg mit dem Angriff deutscher Truppen auf Polen) am 25. August in den frühen Morgenstunden vorzeitig beendet. – Ich sprach doch bei Schocken • Else Lasker-Schüler hatte am 27. Juni 1939 in der Schocken Bibliothek gelesen. Schalom Ben-Chorin besprach den Abend in der »Jüdischen Welt-Rundschau« (Jerusalem) (Jg. 1, Nr. 17 vom 7. Juli 1939, S. 6). Er schreibt: »Die ganze tiefe Schönheit ihrer Verse wird erst nacherlebbar, wenn die Dichterin selbst in ihrer unnachahmlichen Weise sie spricht. Spricht? Fast möchte man sagen singt. Wer schon öfters die Freude hatte, die Lasker-Schüler am Vortragspulte zu erleben, der weiss, dass sie nicht improvisiert. Sie hat einen ihr ganz eigenen ›Ritus‹ der Interpretation ihrer Verse und Prosa ausgebildet, der von Ferne an die Art und Weise erinnert, in der (im Sprechgesang) die jüdische Bibel vorgetragen wird. Und so ergibt sich eine unlösbare Einheit von Dichtung und Vortrag, die von der dankbaren, zahlreichen Gemeinde der Dichterin in Jerusalem mit Begeisterung aufgenommen wurde. – Es sei nicht unerwähnt gelassen, dass die Dichterin neben den ernst-biblischen Dichtungen ihrer hebräischen Balladen und orientalischen Geschichten auch Humorvolles aus ihrer Elberfelder Heimat vortrug, das uns für eine kurze Spanne Zeit die Schwere des Augenblicks vergessen liess.« In der »Palestine Post« (Jerusalem) erschien am 28. Juni (Jg. 15, Nr. 3989, S. 2) in der Rubrik »Social and Personal« folgende Notiz: »Recitations from her own works were given last night by Mrs. Else Lasker-Schueler, the well-known German-Jewish authoress, at the library, of Mr. Salman Schocken in Jerusalem. The evening had been arranged by Mrs. Mendelssohn.« – Im Nachlass Else Lasker-Schülers (The National Library of Israel, Jerusalem, Else Lasker-Schüler Archive [Arc. Ms. Var. 501 12 01]) liegt eine gedruckte Einladung: »Frau Else Lasker Schüler | wird am 27. Juni 1939, abends 8.30, in der Windmühle, Rambanstr., aus ihren Werken vorlesen. | Frau Eric Mendelsohn würde sich sehr freuen Sie dazu begrüssen zu können. | [...] | Bei grösserer Beteiligung hat sich Herr Schocken liebenswürdigerweise bereit erklärt, die Räume seiner Bibliothek für diesen Abend zur Verfügung zu stellen.« – Har-Arez [...] gedruckt. • »Die weiße Georgine«. Vgl. zu [Brief 245] (»für Haarez«). – Ihre Brochure • Vgl. zu [Brief 211] (»Oprecht nach Ihrem Buch gefragt«). – Reinecke Fuchs • »Reineke Fuchs«: Versepos Johann Wolfgang von Goethes. Die Tradition des Stoffes reicht bis ins europäische Mittelalter zurück. – Mein Buch • »Das Hebräerland«. Vgl. zu [Brief 146] (»Mein Buch«). – Die Banken [...] in 14 Tagen. • Der »High Commissioner« (»H. C.«) hatte die Banken in Palästina für die Tage vom 27. bis zum 29. August 1939 geschlossen (»In view of the international situation and in the public interest«). Nach der Wiedereröffnung am 30. August blieb die Möglichkeit zur Auszahlung von Einlagen allerdings bis zum 13. September stark eingeschränkt. Vgl. The Palestine Post (Jerusalem), Jg. 15, Nr. 4040 vom 27. August 1939 (»H. C. Proclaims 3-Day Bank Holiday«) und Nr. 4043 vom 30. August 1939 (»All Banks to Reopen for Business Today«). – Die Simcha • Simcha (hebr.), simche (jiddisch): Freude. Das Wort wird auch als weiblicher wie als männlicher Vorname gebraucht. – »Er« • Wahrscheinlich Hitler. – Keren • Vgl. zu [Brief 39] (»Palast vom Großen Comitée«). – Versöhnungstag • Der Versöhnungstag (Jom Kippur) fiel 1939 auf den 23. September. – sie lassen [...] für London • Am 15. Juli 1939 schrieb Else Lasker-Schüler an Salman und Lilly Schocken: »Mein zweites Schauspiel (Kleistgekrönt –) läßt Mr. Reiner (british works) Süd Talpiott ins englische übersetzen, so gefällt es ihm.« (Else Lasker-Schüler, Werke und Briefe [...]. Bd. 10 [...], S. 234). – Renée • Schwester von Emil Raas.