[127] Else Lasker-Schüler an Emil Raas
Zürich, kurz nach dem 20. September 1936
Aktualisiert: 27. Dezember 2025
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Links guck ich in die Gasse rechts über dem Platz 4eckig über die Limmat. Rechts am Platz Cinema: Süd und Nord – im Cinema das neue Künstlercafé. Alle Rendez-vous hier auf dem Platz. [Papagei]
Lieber Mill.
Ich freue mich, daß Sie in Lausanne waren, aber Sie hätten paar Tage dort bleiben müssen, sich erholen vom Prozess! Bin sehr stolz, Sie haben ihn gewonnen. Warum sind Sie schüchtern, nachdem wir uns nun bald 3 Jahre kennen? Bin ich gerade so eine Respektsperson mit der Freiheit der Ansichten. Ich bin oder soll sein, von Natur schüchtern, aber die Kehrseite von Räuberei [2] Auch hab ich oft allen Grund. In Züri sind die Menschen gar nicht so schüchtern; es ist jetzt viel netter hier. 2 × hat Franz Werfel schon geschrieben, Stück müsse Dr. Rieser sein Schwager aufführen. Mit Dr. Oprecht wird. Dir. May lässt noch 50 Bücher: Arthur Aronymus u. seine Väter Maschine abschreiben. Der Dir. May ist engelhaft gut zu mir. Ich geb mir so Mühe nicht zur Last zu liegen. Raub war ja stolze Sache. Ich muß 5 Uhr bei Oprecht sein im Laden. Jetzt ½ 5 Uhr. [3] Ich wohn überall nebenan. Um 8 Uhr muß ich Südnordcafé sein, da will mir Maler Ferdinand, Nachnamen weiß ich nicht (der auch immer in Ascona ist) Plakat zeigen und Ballzeitung – ich soll was drin schreiben. Am Donnerstag bin ich ½ 9 Uhr eingeladen bei einem Redakteur und seiner Frau und Kind. Frau Farbstein, der Mann ist auch Nationalrat kommt Freitag. Alle wollen mein Schauspiel. Ich war sehr ungezogen am Telephon, aber eigentlich nur verzweifelt, hatte auch schreckliche unbegründete Angst. Frau Greiner [4] ist wieder da, die ich so gern hab, die Schwester meiner Freundin Maria Moissi und ich bin sehr froh. Es verbindet mich dann eine Gedankenfaser mit Jemand in der Stadt. Auch mit Frau Adela Köllicker und mit beiden lieben Kanasch. Entzückende Menschen und Dir. May und Dr. Ittmann, beide hab ich sehr gern. Eine Blutfaser aber verbindet mich mit Jemand, den Sie nicht kennen, der Mill heißt. Sie werden sie gewiß selbst mal zerreißen. Ich bin so traurig. Ihre Dichterin. (Meinen Namen haben Sie auch gestrichen.)
[5] Heute früh kam ein endloser Zug der armen Arbeitslosen vorbei – so rührend. Ich schrieb an Dr. Korrodi Neue Z. Z – es muß was geschehen. Man schämt sich zu atmen.
Ist Dr. Gafner da? Bitte fragt! Er war in Deutschland. Er muß Sie auch sprechen.
Anmerkungen
Quelle: The National Library of Israel, Jerusalem, Emil Raas Collection (Arc. 4* 1821 01 73). Druck: Else Lasker-Schüler, Werke und Briefe. Kritische Ausgabe. Im Auftrag des Franz Rosenzweig-Zentrums der Hebräischen Universität Jerusalem, der Bergischen Universität Wuppertal und des Deutschen Literaturarchivs Marbach am Neckar hg. von Andreas B. Kilcher [ab Bd. 9], Norbert Oellers, Heinz Rölleke und Itta Shedletzky. Bd. 9: Briefe. 1933–1936, bearbeitet von Karl Jürgen Skrodzki, Frankfurt am Main: Jüdischer Verlag im Suhrkamp Verlag, 2008, S. 402 f.
In seinem Brief vom 19. September 1936, der nur im Entwurf erhalten ist (The National Library of Israel, Jerusalem, Emil Raas Collection [Arc. 4* 1821 02]), berichtet Emil Raas, dass er sich am zurückliegenden Sonntag in Lausanne aufgehalten habe. Der 19. September fiel auf einen Samstag, so dass Else Lasker-Schüler den Brief am darauffolgenden Montag erhalten haben dürfte. – das neue Künstlercafé • Vgl. zu [Brief 125] (»Künstlercafé: Nordsüd«). – Stück • Das Schauspiel »Arthur Aronymus und seine Väter«, das am 19. Dezember 1936 im Schauspielhaus Zürich uraufgeführt wurde. – müsse Dr. Rieser sein Schwager aufführen • Vgl. zu [Brief 125] (»Franz Werfel schrieb [...] an Direktor Rieser hier.«). – Oprecht • Emil Oprecht verlegte »Das Hebräerland«. Vgl. zu [Brief 48] (»viel dichtete auch über Jerusalem«). – im Laden • Emil Oprecht betrieb eine Buchhandlung in Zürich in der Rämistrasse 5. – Maler Ferdinand • Nicht ermittelt. – Ballzeitung • Die »Künstler-Herbsttage« fanden 1936 vom 26. September bis zum 4. Oktober in Zürich im Hotel Bellerive statt. In den von Zürcher Malern und Bildhauern nach Motiven der griechischen Mythologie gestalteten Räumen des Hotels wurden in dieser Zeit mehrere Bälle veranstaltet. Vgl. cs.: Vorspiel zu den Künstler-Herbsttagen. In: Neue Zürcher Zeitung. Jg. 157, Nr. 1649 (Erste Sonntagausgabe) vom 27. September 1936, Blatt 4; cs.: Eröffnung der Künstler-Herbsttage. In: Neue Zürcher Zeitung. Jg. 157, Nr. 1655 (Morgenausgabe) vom 28. September 1936, Blatt 2. In der »Künstler-Fest-Zeitung« (»Samstag, 26. September 1936 / Künstler-Fest-Zeitung 2. Jahrgang / Morgenausgabe // Künstler-Fest-Zeitung // Offizielles Organ der Künstler-Herbsttage im Hotel Bellerive [Zürich] // Vom 26. September bis 4. Oktober 1936«) wurde von Else Lasker-Schüler das Gedicht »Antinous« abgedruckt, das bereits 1911 im »Sturm« (Jg. 2, Nr. 69 vom [22.] Juli 1911, S. 549) erschienen war. – Erneut fanden die »Künstler-Herbsttage« 1937 statt: Else Lasker-Schüler veröffentlichte in der Ballzeitung ein Scherzgedicht, das sie auch im Brief an Emil Raas vom 5. Oktober 1937 (s. [Brief 183]) erwähnt. – Neue Z. Z • »Neue Zürcher Zeitung«.