[124] Else Lasker-Schüler an Emil Raas
Zürich, Dienstag, 8. September 1936
Aktualisiert: 24. Dezember 2025
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Adresse Fraumünsterpost postlagernd Zürich
8. Sept. 36
Jetzt ½ 10 Uhr
Ich wohne: Hôtel Seehof Bollerei (am Limmatquay)
Die Feder zu klein für den Halter
Lieber Mill.
Endlich alles gut ausgepackt und gestellt; sehr schwer wenn ein Zimmer doch noch einigermaßen groß bleiben soll. Nun ist wieder Abend dann bin ich traurig. Ich wollte Ihnen eigentlich gestern Abend schreiben wie früher oft [2] wenn die Leute schlafen und ich wach bin wenn auch schon liegend. Ich habe eine Schiffskajütte, sehe durch zwei Fensterchen. Der Boden läuft schräg zu den Fenstern, aber einen großen Teppich haben Martins in mein Zimmer gelegt und ein Chaiselongue für mich hingestellt, da ich ja Betten nicht leiden mag. Auch immer meine eigenen Decken und Kissen mitbringe. Darum keine Spießerei mein Zimmer, aber zwei Tische, einen Spiegelschrank und immer Heißwasser und Kaltwasser quellen, aber ich bin doch verzweifelt, ja ich verspotte mich – so herumgeirrt. [3] Ich glaube die ganze Welt geht nun unter, ihre Wunden bluten alle und man bekommt Angst vor dem Leben. Sie haben mich nicht ganz genau verstanden am Telephon. Ich hatte kein Fieber nur Angst. wie im Traum so oft. Beinah hätte ich laut geschrieen. Ich wollte Ihnen eigentlich sagen, daß am 10. Sept von mir Dr. Welty im Radio liest. Radiostudio von Dr. Jakob Job: Brunnenhofstr. 20 oder 21. ½ Stunde. Ich les – zu – hoch [Haus mit hohem Fahnenmast] für die Einwohner. Aber ich bin nicht so ehrgeizig. Im Gegenteil mir wird es schlecht wenn Leute von mir Buch lesen. Wie [4] geht es Mill? Sie müssen Sich nicht so anstrengen. Warum strengen wir uns alle so an? Für Wen für was? Hier ist es kühl, oft rauscht der Sturm vorbei und ich verließ die Tropen. Heiß ist es in Ascona und doch viele kühle Herzen dort, auch unter Juden zu Juden. Sie ließen dort ein Mädchen liegen, (Christen und Juden – eine Christin aus Berlin) schwer krank. Jetzt wird gesorgt. Das ist doch nicht zu fassen? Ich habe hier schon 2 × mit Verleger gesprochen. Er findet mein Buch sehr prachtvoll, möchte so gern drucken etc. Bilder, aber [5] es müssen 25 Luxusexemplare zu 100 Frc. jedes supscribiert oder subscripiert werden. Nun traf ich bitte unter uns zwein, Jakob Goldschmidt der ehemalige Besitzer der Danatbank der erste Wirtschafter von Berlin, ihn und seine lieben Brüder. Die wollen sofort 25 bestellen, sie loswerden. Aber es sagten hier gute Freundeehepaare zu mir, ich soll vorher nochmal andere Verleger fragen, die so gestellt sind, daß sie mir gut monatl. außer Abrechnung bezahlen können. Ich bin auch etwas mißtrauisch geworden, denn Dr. Oprecht kam extra nach Ascona, und sagte nachdem er gelesen: »In 4 Tagen haben Sie Contrakt. Ich glaub er möcht umsonst haben. [6] Das fällt mir nicht ein – mein 18. Buch. Ich bekam für Konzert sofort zwei 000 Mark. Ich bin wirklich nicht geldsüchtig, aber ich möchte menschenwürdig nach 3 Jahren leben. Dieser Monat ist sehr gut. Ich will ja nicht fortwährend annehmen. Dann – Jakob Goldschmidt will Schauspiel aufführen lassen London und Amerika. Er liest in diesen Tagen. Er war schon vom Stoff (Kammgarn) entzückt. Las auch den Brief von Werfel. Sie täten mir einen Gefallen? Wenn Sie Sich erkundigen könnten, ob Dr. Gafner wieder aus Deutschland da ist? Soll ich Ihnen seine [7] Briefe senden? Gern! Sie sehen daraus, wie er Sie kennen lernen will, nur so in Anspruch genommen war. Ein reizender Mensch, ganz tolerant. Wunderschöne Jungens hat er. Dr. G. hat auch Theater angeklingelt, aber Dir. Zimmermann war noch nicht da. Ist Dir. Zimmermann jetzt da? Ich bin gar nicht ehrgeizig, aber ich möchte ruhiger leben. Manchmal möcht ich Menschen, die vollständig ahnungslos mir ein gutes liebes Wort sagen die Hände küssen. So wird das Wort nicht Brot, aber Kuchen. Wir sind alle so verirrt und wund, da helfen keine Gedichte mehr. [8] Ja man lächelt sogar. Wenn mein Buch gedruckt bis 1. Nov. bring ich es, ob noch Kampf oder nicht nach Palästina. Da wohnen so liebe Leute, auch meine allerbeste Freundin. (auch kalte Menschen) Ich steh oft im Gedanken vor ihr Haus am Fenster. Ich bleib dann über Nacht [waagerechte Mondsichel] da; sie deckt mich dann wieder zu mit Puppenlappen ungefähr. Sie ist mütterlich und ich primanerhaft sagt sie. Morgens aber muß ich auf Raub gehen. Ich bin ja so enttäuscht! Auch kann ich keine Zeitung mehr lesen, zu nervös und zerquält. Ich hab Jakob G und seinen zwei Brüdern alles erzählt. Sie wollten mir viel Geld schenken wieder, aber ich [9] habs nicht angenommen. Aber ich hab ihm diesmal was geschenkt (große Geste!!) Ich zeigte ihm meine neusten Bilder, da hat er sich so verliebt gerad wirkliche Wahrheit in eins der Bilder: Die Colonisten Die Chaluzim, die ich Ihnen senden wollte, ich mußte es ihm geben, da er in Berlin monatl. 4 Bilder kaufte. Zwei Jahre lang. Sie würden entzückt sein von den 3 Brüdern. Lieber Mill, bitte klingeln Sie mal Jakob G. Ehrendoktor 10 × will nicht Doktor genannt werden, an und sagen Sie ihm was ich Sie bitte. Sowie Sie es wollen, schreib ich was. Er wird bald wieder enorm berühmt sein [10] und wenn er Sie kennt vielleicht mal großartig für Sie. In Berlin riß man sich um ihn – ich nicht!! Ich trachte nicht nach Geld und Rang und Macht darum traut er mir. Wollen Sie? Sie tun mir auch einen Gefallen. Ihr lieber Papa weiß wer er bedeutet. Was geschrieben steht Verleumdung! Sein Schloß stand nicht in Schwanenwerder, aber in Babelsberg bei Berlin. Er hat an Göbbels nicht sein Haus verkauft. Verächtlich spricht er von den reichen Juden, die noch Geschäfte in Berlin machen. [11] Sie sagen dann nicht Sie sind noch ein Primaner – Sie lassen Ihren Bart weiß wie Neuschnee wehen durchs Telephon vorerst. Dr. Gafner wird so was mitmachen. Herrliche Frau, weit im Sprechen, Frau Dr. Grimm. Sie besuchte mich in meinem Kühlraum in Ascona und lud mich ein, sie auch mal zu besuchen. Ich bin nur so unglücklich. Ihre Dichterin.
Erik in Ascona reist vorerst Südfrankreich Ich glaub er hat sein Haus mit Haus in Porto Ronco Ascona vertauscht. [zwei Wörter dick gestrichen] Pardon.
Ich male Ihnen andere Chaluzim – schon Zeichnung.
[Blume mit großer Blüte] Liebe Grüße
Meine Hände gesund und Arme.
Sie sind doch nicht krank?
Anmerkungen
Quelle: The National Library of Israel, Jerusalem, Emil Raas Collection (Arc. 4* 1821 01 30). Druck: Else Lasker-Schüler, Werke und Briefe. Kritische Ausgabe. Im Auftrag des Franz Rosenzweig-Zentrums der Hebräischen Universität Jerusalem, der Bergischen Universität Wuppertal und des Deutschen Literaturarchivs Marbach am Neckar hg. von Andreas B. Kilcher [ab Bd. 9], Norbert Oellers, Heinz Rölleke und Itta Shedletzky. Bd. 9: Briefe. 1933–1936, bearbeitet von Karl Jürgen Skrodzki, Frankfurt am Main: Jüdischer Verlag im Suhrkamp Verlag, 2008, S. 396–399.
Hôtel Seehof Bollerei • Das Hotel Seehof-Bollerei an der Zürcher Schifflände. Abbildung: Ansichtskarte an Emil Raas vom 4. April 1937 (s. [Brief 171]), reproduziert in: Else Lasker-Schüler 1869–1945, bearbeitet von Erika Klüsener und Friedrich Pfäfflin. Else Lasker-Schüler in den Tagebüchern von Werner Kraft 1923–1945, ausgewählt von Volker Kahmen (Marbacher Magazin 71/1995), Marbach am Neckar: Deutsche Schillergesellschaft, 1995, S. 262. – von mir Dr. Welty im Radio liest • Vgl. zu [Brief 123] (»eine halbe Stunde von Dr. Welty gelesen«). – ein Mädchen • Ida Bergmann. Am 4. September 1936 schrieb Else Lasker-Schüler an Franz Lappe in Ascona: »Ich möchte lieber, wenn ich in der Lage wäre, nicht diesen Brief schreiben; es ist schwer und erleichtert nur etwas, da es für eine zweite geschrieben wird, die eben so krank wie verzweifelt in Ascona schon im Winter bettlägerig. Sie wohnte im Winter in einem nicht heizbaren Raum und man betrat direkt einen Eiskeller. Es handelt sich um Frau Ida Bergmann Ascona. Sie wohnt am Lago im kleinen gelbgestrichenen Haus II Etage vor dem Casa in der kleinen Gasse Eingangsthür 5 wo die Malerin Baronessa Marianne Werefkin wohnt. | [...] Herr Lappé, ich bitte Sie an Frau Ida Bergmann oder besser an (eine kranken armen Frau), die so tief und liebenswert schwer gelitten hat und stolz ist und noch leidet, Gutes zu tun. Die Miete beträgt 25 Frc per Monat. Endlich wohnt sie nett und nicht mehr im kalten, steinernen Raum. Fragen Sie bitte, Herrn Dr. Melik, wie sie wohnte. Die jetzige Wohnung besteht aus einem Zimmer und einem kleinen Raum. Ich bitte Sie, Herr Lappé, (aber daß es unter uns bleibt,) ich bitte Sie, senden Sie Frau Ida Bergmann jeden Monat 1. die Miete von 25 Frc. mal ein Jahr?? Ich weiß Sie tun es – daß ein Tropfen Barmherzigkeit leuchtet zwischen all dem Bösen.« (Else Lasker-Schüler, Werke und Briefe [...]. Bd. 9 [...], S. 394). – Verleger • Emil Oprecht, der Verleger des »Hebräerlands«. Vgl. zu [Brief 48] (»viel dichtete auch über Jerusalem«). – seine lieben Brüder • Julius Goldschmidt. – In seinem Brief aus Zürich vom 19. September 1936 (The National Library of Israel, Jerusalem, Else Lasker-Schüler Archive [Arc. Ms. Var. 501 05 122]) spricht Jakob Goldschmidt lediglich »von meinem Bruder«. – mein 18. Buch • Vgl. zu [Brief 71] (»dieses Buch das 18.«). – Konzert • »Konzert« (1932). – Schauspiel • »Arthur Aronymus und seine Väter«. – Jakob Goldschmidt schrieb am 19. September 1936 an Else Lasker-Schüler (s. o.): »Ich habe Aronymus mit steigender Freudigkeit ausgelesen. Sie haben eine wahre Dichtung mit weichen und starken Empfinden geschaffen, und ich habe sie in tiefer Bewegung und Ergriffenheit schon beim Lesen erleben können. [...] Ich bin jedenfalls gerne bereit, das Werk mitzunehmen, um in Amerika einmal zu horchen, ob und in wieweit die Möglichkeit vorhanden ist.« – Brief von Werfel • Vgl. zu [Brief 102] (»Inl. Brief«). – das Wort • Vgl. Johannes 1,1–14 und 6,48. – ob noch Kampf [...] Palästina • Vgl. zu [Brief 98] (»Was sagen Sie von Tel-Aviv?«). – meine allerbeste Freundin • Elfriede Caro. Siehe »Das Hebräerland« (S. 53 f.). Vgl. Else Lasker-Schüler, Werke und Briefe [...]. Bd. 5: Prosa. Das Hebräerland, bearbeitet von Karl Jürgen Skrodzki und Itta Shedletzky, Frankfurt am Main: Jüdischer Verlag im Suhrkamp Verlag, 2002, S. 50–52. – Die Colonisten Die Chaluzim • Abbildungen in: Else Lasker-Schüler 1869–1945, bearbeitet von Erika Klüsener und Friedrich Pfäfflin. Else Lasker-Schüler in den Tagebüchern von Werner Kraft 1923–1945, ausgewählt von Volker Kahmen (Marbacher Magazin 71/1995), Marbach am Neckar: Deutsche Schillergesellschaft, 1995, S. 272 (»Chaluzim kommen aus den Orangenhainen«) und S. 278 (»Hebräische Bauern kehren am Schabbattabend in ihre Colonie heim«). Vgl. Else Lasker-Schüler. Die Bilder, hg. von Ricarda Dick im Auftrag des Jüdischen Museums Frankfurt am Main. Mit Essays von Ricarda Dick und Astrid Schmetterling, Berlin: Jüdischer Verlag im Suhrkamp Verlag, 2010, S. 239 f. (Nr. 158 und 161). Else Lasker-Schüler zeichnete und kolorierte von beiden Motiven mehrere einander ähnelnde Bilder. – in Berlin monatl. 4 Bilder kaufte • Am 3. September 1930 schrieb Else Lasker-Schüler an Adolf Grimme: »Ja wenn Jakob Goldschmidt der gentleman und Gedichteliebhaber nicht wäre, so wäre ich sicherlich schon verreckt. Verzeiht. Bitte nur für Sie. Immer schreibe ich ihm das zu meinen vier Bildern, die ich ihm zeichne bunt, da ich ihn selbst nie sehe. Darum kann ich seit zwei Jahren mit – Muse – dichten und ich selbst brauche nicht mehr.« (Else Lasker-Schüler, Werke und Briefe [...]. Bd. 8: Briefe. 1925–1933, bearbeitet von Sigrid Bauschinger, Frankfurt am Main: Jüdischer Verlag im Suhrkamp Verlag, 2005, S. 236). – in Babelsberg • Jakob Goldschmidt hatte eine am Ufer des Griebnitzsees gelegene Villa in Potsdam-Babelsberg besessen. In den Jahren nach 1933 richteten die Nationalsozialisten in dem Gebäude eine »Reichsführerinnenschule« ein. – Erik • Erik Heilbronn.